Die andere Seite

von Julirot
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Kensi Blye Marty Deeks
26.11.2015
26.11.2015
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Die andere Seite


Er hockte auf der kleinen Pritsche, die so ziemlich das einzige Möbelstück in seiner kargen Gefängniszelle war und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Er fühlte sich einsam, obwohl er die Rufe und Schimpftiraden der anderen Insassen des Untersuchungsgefängnisses hören konnte und wusste, dass er nicht allein war. Unzählige Male war er schon hier gewesen, hatte die von ihm verhafteten Verbrecher abgeliefert oder als Anwalt seine ihm zugeteilten Mandanten besucht. Er kannte sich hier aus, wusste wie es roch, wie die Beleuchtung war und welche Art Menschen er hier antreffen konnte. Und nun war er das erste Mal auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite der Gitterstäbe, auf der anderen Seite des Gesetzes und auf der anderen Seite von allem, woran er immer geglaubt hatte. Es war kühl und er fröstelte. Vergebens versuchte er sich Wärme zu verschaffen, indem er seine Arme um seinen Körper herumschlang. Irgendwann wurde ihm schließlich bewusst, dass die Kälte aus seinem Inneren kam. Er lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. Er mochte sich nicht umsehen. Mochte weder die vergitterten Fenster noch die vergammelte Toilette oder die anderen Gitterstäbe anschauen. Er wollte nach Hause und eine tiefe Sehnsucht breitete sich in ihm aus. Er dachte an Kensi und wie sie ihn angesehen hatte, als man ihn auf offener Straße verhaftet hatte. Verhaftet wegen Mordes. Es kam ihm vor wie in einem schlechten Film. Die Polizisten waren einfach auf ihn zugekommen und hatten ihm Handschellen angelegt. Er hatte keinen Widerstand geleistet, hatte sich einfach abführen lassen und sie, seine wunderschöne Freundin und Partnerin hatte da gestanden und ihm nachgeblickt, eine Träne in den Augen. Er würde diesen Ausdruck in ihrem Gesicht niemals vergessen und er merkte wie ein leiser Schmerz langsam in ihm hochstieg und nach und nach Besitz von ihm ergriff. Er wusste, er war unschuldig, er wusste er sollte nicht hier sein, auf der anderen Seite, aber wussten die anderen das auch? Glaubten sie an ihn und vor allem, glaubte Kensi an ihn? Er wusste nicht wie lange er auf dieser verdammt harten Pritsche gesessen und vor sich hingestarrt hatte, aber plötzlich hörte er wie jemand langsam näher kam. Es war das Klicken von Absätzen auf dem harten Boden, das ihn aufsehen ließ und wenig später stand sie vor ihm. Deeks stand langsam auf und trat näher, blieb dicht hinter den Gitterstäben stehen und schaute sie an, die Hände in den Hosentaschen vergraben.
„Hi“, sagte sie.
„Hi“, entgegnete er.
„Wie geht es dir?“ fragte sie und deutete auf seine Zelle.
„Naja, vier Sterne Komfort sieht irgendwie anders aus.“ Sein Sarkasmus strafte ihn Lügen und sein mutiges Lächeln war aufgesetzt.
„Ich habe es echt versucht, aber sie haben mir den Kuchen mit der versteckten Feile und auch das Daunenbett mit dem Seil abgenommen.“ Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und er trat ein wenig näher auf sie zu, hob seine Hände und steckte sie dann durch die Gitter hindurch. Kensi fasste sie und sie verflochten ihre Finger ineinander, was angesichts des Metalls zwischen ihnen recht schwierig war.
„Kensi … ich ...“, begann er.
„Nicht...“, flüsterte sie.
„Lass mich bitte was sagen“, flehte er sie an.
„Wir werden deine Unschuld beweisen … Deeks.“ Sie schaute ihn an und in ihren Augen las er wieder diesen Unglauben an das was passiert war.
„Sicherlich.“ Er senkte den Kopf vor ihr und sie merkte wie ihr Herz anfing schneller zu schlagen. Sie hatte Angst. Angst vor dem was vielleicht kommen würde und Angst vor dem, was er ihr verschwieg. Sie drückte wieder seine Hände und wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Statt dessen sprach er:
„Ich bin es nicht gewesen Kensi.“
„Du hast mal gesagt, dass du es verstehen würdest, wenn jemand einen Mord aus den richtigen Gründen begehen würde“, entgegnete sie und schaute ihm in die Augen, blinzelte und plötzlich liefen Tränen über ihr hübsches Gesicht. Er hob eine Hand und strich ihr über die Wange.
„Ich hab es nicht getan.“
„Okay.“
„Vertraust du mir?“ fragte er und sie schniefte.
„Ja.“
„Ich brauche dich Kensi.“
„Ich vermisse dich Deeks.“
„Echt jetzt? Ich bin kaum 20 Stunden weg“, versuchte er die bedrückte Stimmung ein wenig aufzulockern.
„Aber es gibt keinen, den ich ärgern kann und der mich ärgert und ich will dich einfach wieder bei mir haben. Das Auto, dein Schreibtisch, mein Bett, alles ist leer ohne dich. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie dich verurteilen und wegsperren würden.“
„Werden sie nicht. Ihr werdet meine Unschuld beweisen. Das hast du selbst gesagt.“
„Ja werden wir.“ Sie wollten es beide so gerne glauben.
„Komm her.“ Er zog sie näher an sich heran und legte dann sein Gesicht gegen das kalte Metall, so dass sie sich ein wenig berühren konnten. Es war ein merkwürdiges Gefühl sich durch diese verdammten Gitterstäbe hindurch zu küssen. Es war ein Fremdkörper zwischen ihnen und das machte ihnen beiden Angst. Plötzlich ertönte die laute Stimme des Wärters, der Kensi daran erinnerte, dass ihre Besuchszeit abgelaufen war.
„Ich will nicht, dass du gehst Kenselina“, rief Deeks und seine Stimme zitterte.
„Ich will es auch nicht.“ Sie weinte noch immer.
„Es ist kalt hier drin“, meinte er und jetzt sah sie Tränen in seinen Augen schimmern. Es brach ihr beinahe das Herz.
„Du fehlst mir so.“
„Du mir auch.“
„Ich komme wieder sobald ich kann ja.“
„Ich liebe dich.“ Da waren sie wieder diese drei kleinen Worte, die sie sich so oft von ihm gewünscht hatte. Er hatte sie sparsam benutzt in ihrer bisherigen gemeinsamen Zeit und nun kamen sie gleich zweimal an einem Tag. Sie spürte seine Angst und seine Verzweiflung darüber auf der anderen Seite zu sitzen und nicht mit ihr nach Hause gehen zu dürfen. Sie konnte sich ungefähr vorstellen wie es da drin war. Sie war ebenfalls gefangen gewesen, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise.
„Ich liebe dich auch Deeks“, konnte sie ihm noch zuflüstern bevor der Wärter neben sie trat und sie unsanft am Arm packte. Sie hielt Deeks Hand fest solange sie konnte und erst als sie von dem Wärter weggezogen wurde, lösten sich ihre Finger langsam voneinander bis sich nur noch ihre Fingerspitzen berühren konnten. Doch irgendwann wurde auch dafür der Abstand zu groß und sie verloren den Kontakt. Ihr Blick hing auf ihm, solange es ging und er schaute ihr nach, bis sie durch die Tür verschwunden war. Er blieb noch eine ganze Weile einfach so stehen, die Hände um die Gitterstäbe gelegt und schaute nach draußen, hatte beinahe das Gefühl sie noch zu sehen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er wischte sie nicht weg. Er war wieder allein, allein auf der anderen, der falschen, Seite und konnte nur hoffen, dort nicht für immer eingesperrt zu bleiben.


ENDE
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