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Guilty Fate

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Suspense / P16 / Gen
Yuu
26.11.2015
04.09.2016
34
95.301
1
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27.11.2015 3.146
 
Der Stein, der alles begann



„Kaum zu fassen, dass es die ganze letzte Woche geregnet hat.“ Yuu schirmte seine Augen gegen die Helligkeit ab und blickte nach oben. Der Himmel war strahlend blau, keine einzige Wolke war zu sehen. „Ich dachte schon, ich würde gar nicht mehr trocken werden.“
  „Sicher wären uns bald Kiemen gewachsen.“ Nanashi kicherte. „Dann hätten wir wie Fische durch die Gassen schwimmen können!“ Sie griff nach seiner Hand und gemeinsam schlenderten sie im Schatten der Hauswände durch die Straßen auf der Suche nach allem, was nützlich für sie sein konnte.
  Menschen unterschiedlichsten Standes kamen ihnen entgegen, die Einkäufe erledigten, sich die Füße vertraten oder einfach von anderen gesehen werden wollten. In den letzten Wochen hatten Yuu und Nanashi jede Sekunde miteinander verbracht und viel voneinander gelernt. Er hatte ihr gezeigt, wo und vor allem wie man unbemerkt Essen oder andere Dinge stehlen konnte, ohne gleich erwischt zu werden. Ein gutes Versteck hier, eine kleine Ablenkung dort und schon war die Marktfrau um einen Apfel, eine Handvoll Pflaumen oder ein Stück Brot ärmer, ohne dass sie es bemerkte und sich aufregen musste. Obwohl Nanashi es sich nie hatte anmerken lassen, war er sich sicher, dass sie seine Methoden nicht guthieß. Immerhin stahl er von ehrlichen Bauern, die mit dem Verkauf ihrer Erzeugnisse ihren Lebensunterhalt verdienten. Ihre Methoden waren gänzlich andere.
  „Warte hier.“ Sie zog ihn in den Schatten eines Torbogens, drückte ihm ihre zerfledderten Schuhe, die kaum mehr als solche bezeichnet werden konnten, mit einem Grinsen in die Hände und fuhr sich durch die Haare, um sie zerzaust aussehen zu lassen.
  Wenn sie so fröhlich ist, ist sie sich ihrer Sache ganz sicher, dachte er und musste seinerseits lächeln. Neugierig spähte er um die Ecke, als sie in gebückter Haltung, den Blick zu Boden gerichtet, auf zwei Frauen zuging. Sie trugen bodenlange, farbenfrohe Gewänder, hatten kunstvoll hochgesteckte Frisuren und darauf eine dazu passende Haube – eindeutig Damen von Adel. Mit gebührendem Abstand blieb Nanashi vor ihnen stehen und streckte flehend die Hände aus. Die beiden Damen wechselten kurz einen Blick, dann ließen sie beide etwas in Nanashis Hände fallen. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würden, gingen sie dann weiter, wieder in ihr Gespräch vertieft. Nanashi wartete in gebückter Haltung, bis sie außer Sichtweite waren, dann richtete sie sich auf, streckte sich und lief zu ihm zurück.
  „So einfach ist das“, frohlockte sie und hielt ihm triumphierend zwei Münzen unter die Nase.
  „Woher wusstest du, dass sie dir etwas geben würden?“, fragte er verblüfft und reichte ihr ihre Schuhe wieder. „Das sind immerhin Adlige, die sind unberechenbar.“
  Sie streckte ihm zwei Finger entgegen. „Es waren nicht irgendwelche Adligen. Es waren zwei. Und damit keine von ihnen dumm dasteht und als geizig bezeichnet werden kann, müssen sie sich spendabel geben. Und zwar beide.“ Ihre Augen funkelten vor Vergnügen. „Die Kunst des Bettelns ist die Kunst der Menschenkenntnis. Komm, lass uns weitergehen.“ Sie griff wieder nach seiner Hand und zog ihn aus dem Schatten des Torbogens hinaus auf die Straße. Sobald ihnen hochgestellte Personen entgegenkamen, traten sie wie selbstverständlich zur Seite und richteten ihren Blick zu Boden. Sie hatten beide schon mehrfach am eigenen Leib spüren müssen, was passierte, wenn der Adel sich vom Pöbel nicht ausreichend gewürdigt oder gar belästigt fühlte.
  Er drückte ihre Hand etwas fester als nötig und schielte aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber, während sie bereits mit ruhelosem Blick den Marktplatz nach ihrer nächsten Beute absuchte. Er mochte ihr ungezwungenes, liebenswertes Wesen und die Art, wie sie mit Dingen umging, die nicht zu ändern waren. Er erinnerte sich an die letzten Tage, in denen sie vollkommen durchnässt und vor Kälte zitternd an der Stadtmauer gesessen, sich eng umschlungen gegenseitig gewärmt und sich die Zeit mit witzigen Geschichten aus ihrem Straßenleben vertrieben hatten. Erst durch Nanashi war ihm überhaupt bewusst geworden, dass es auch lustige Augenblicke in seinem Leben gegeben hatte, wie ärmlich es auch war. Sie hatten beide vor Lachen Bauchkrämpfe bekommen, als er erzählt hatte, wie aus dem ersten Stock ein Nachttopf direkt über einem vorbeigehenden Kleriker ausgeleert worden war. Er musste immer wieder lachen, sobald er sich dessen verdutztes Gesicht in Erinnerung rief. Auch über Nanashi hatte er viel erfahren. So war sie tagelang allein durch den Wald geirrt, bevor sie diese Stadt hier erreicht hatte. Banditen hatten ihr altes Dorf überfallen, geplündert und in Brand gesteckt, was sie zur Flucht getrieben hatte.
  „Ist was?“
  Erschrocken bemerkte er, dass er sie die ganze Zeit gedankenversunken angestarrt hatte. Schnell richtete er den Blick wieder nach vorne.
  „Nein, nichts.“
  „Da bin ich ja beruhigt.“
  Er spürte, wie sie seine Hand ganz kurz etwas fester drückte, und es entlockte ihm ein Lächeln. Er mochte es vor allem, wie sie immer wieder seine Nähe suchte. Sie spürten beide, wie ihre Freundschaft ihnen gegenseitig gut tat.
  „Was ist mit dem Kerl da?“, fragte er leise und nickte in Richtung eines älteren Herrn, der gemächlich mit seinem Spazierstock über den Marktplatz schlenderte. „Der sieht gutmütig aus.“
  Nanashi schüttelte den Kopf, was ihre violette Mähne in der Sonne leicht schimmern ließ. „Er hat schon dem kleinen Jungen dort hinten in der Ecke etwas zugesteckt. Eine zweite Spende so kurz hintereinander ist ziemlich unwahrscheinlich.“
  Er blickte sich um. „Und was ist mit dem Pärchen da? So wie sie sich bei ihm unterhakt, kann sie in ihren Schuhen wohl kaum richtig laufen. Oder ihre Turmfrisur bringt sie aus dem Gleichgewicht. Und sieh dir erst seine Aufmachung an!“ Er lachte spöttisch.
  Nanashi zögerte kurz, dann nickte sie. „Na gut, ich versuche es.“
  „Ich darf schon wieder nur zusehen?“, fragte er und zog einen Schmollmund. „Warum?“
  „Beim Betteln gibt es drei Grundregeln“, erklärte sie ihm sachlich, während sie abermals ihre Schuhe auszog. „Erstens: Sieh so jämmerlich und kläglich aus wie möglich, das erregt Mitleid. Zweitens: Übertreib es nicht. Sobald dein Gegenüber das Gefühl hat, sich bei dir mit einer Krankheit anzustecken, wird er einen großen Bogen um dich machen. Und drittens: Bettle immer alleine. Gruppen ernten weniger Mitgefühl als einsame Straßenkinder.“ Sie zwinkerte ihm zu, drückte ihm wieder ihre Schuhe in die Hände und bewegte sich stark humpelnd auf das vornehme Paar zu. Er konnte über ihr schauspielerisches Talent nur immer wieder verwundert den Kopf schütteln.
  Er ließ seinen Blick gerade über die Marktstände schweifen, die allmählich aufgebaut wurden, als er Nanashi plötzlich aufschreien hörte. Sie lag auf dem Boden und bedeckte mit den Händen ihr Gesicht, während der Mann in seiner blauen Robe mit erhobener Hand über ihr stand und auf sie hinabspuckte. Die Frau an seiner Seite hatte ihren Blick desinteressiert abgewandt.
  Yuu ließ die Schuhe fallen und rannte zu ihr.
  „Halt dich fern von ehrenhaften Leuten, du schmutzige Hure!“, hörte er den Mann noch rufen, bevor er seinen Weg mit der Frau an seiner Seite fortsetzte.
  „Nanashi, alles in Ordnung?“ Er kniete sich neben sie und half ihr, sich aufzusetzen. Zwischen den Fingern ihrer Hand, die sie sich über Mund und Nase hielt, quoll Blut hervor.
  „Es geht schon“, nuschelte sie. „Ist nur die Nase …“
  Während er ihr zusah, wie sie mit dem Ärmel ihres Mantels die Blutung zu stoppen versuchte, verwandelte sich seine Besorgnis in Zorn. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern kochte und sein Pulsschlag sich beschleunigte. Außer sich vor Wut sah er dem adligen Paar nach, das sich noch nicht weit von ihnen entfernt hatte. Er hatte sich schon halb erhoben, um ihnen nachzulaufen und sie für ihre Schandtat zur Rechenschaft zu ziehen, als Nanashi nach seinem Arm griff und ihn zurückhielt.
  „Nicht. Du machst es damit nicht besser.“
  „Aber er hat dich verletzt!“, fuhr er sie an. „Und er hat dich bespuckt wie … wie …!“
  „Ich weiß“, sagte sie. „Aber das kannst du nicht ändern. Und ich auch nicht.“ Unter all dem Blut konnte er ein Lächeln erkennen. „Und jetzt hilf mir bitte hoch, wir sollten hier besser verschwinden.“
  Er reichte ihr die Hand und half ihr auf die Beine. Dann gingen sie Seite an Seite langsam den Weg zurück, den sie hergekommen waren. All diejenigen, die ihnen begegneten und angewidert das Gesicht verzogen, warf Yuu einen zornigen Blick zu. Keiner starrte sie lange an.
  Nachdem er ihre Schuhe wieder eingesammelt hatte und sie noch ein Stück gegangen waren, führte er sie in eine kleine Nebengasse, wo sie ihre Ruhe vor lästigen Blicken hatten. „Warte hier“, wies er sie an und während sie sich gehorsam auf den feuchten Boden setzte, riss er einen Streifen seines bereits völlig ausgefransten Pullovers ab und tauchte ihn in eine nahegelegene Pfütze. Dann tupfte er damit vorsichtig das Blut aus ihrem Gesicht. Bei jedem ihrer Schmerzlaute zuckte er selbst zusammen.
  „Die Nase hat schon aufgehört zu bluten“, merkte sie an, als Yuu abermals zur Pfütze lief, um das Stück Stoff zu säubern.
  „Das ist für dein Auge“, erwiderte er und hielt ihr den nassen Fetzen entgegen. „Es ist schon ganz geschwollen.“
  „Das gibt ein schönes Veilchen“, seufzte sie. „Dieser blöde Siegelring hat mich voll erwischt.“
  Sie saßen eine Weile schweigend beieinander, als sie unvermittelt ihren Kopf gegen seine Schulter lehnte. „Guck nicht so grimmig, Yuu. Du hättest es nicht verhindern können.“
  „Ich weiß, aber …“ Er ballte die Fäuste. „Es ist so verdammt ungerecht!“
  „Ist es das?“, fragte sie, ohne den Kopf zu heben, und er blickte überrascht zu ihr hinab. „Wir haben doch uns. Ich habe dich an meiner Seite, mehr brauche ich gar nicht.“
  Ihre Worte ließen seine Wut schlagartig verrauchen. Vorsichtig legte er einen Arm um ihre Schultern und drückte sie sanft an sich. „Du hast recht. Wir haben uns und nur das zählt.“ Es vergingen wieder schweigsame Minuten, als plötzlich ein Magenknurren die Stille durchbrach.
  „Na gut, vielleicht brauche ich dich und etwas zu essen“, fügte Nanashi hinzu und sie mussten beide lachen. „Lass uns heute mal richtig schlemmen.“
  „Ich habe eine Idee.“ Nanashi hob interessiert ihren Kopf und Yuu stand auf. „Gib mir das Geld, ich besorge uns etwas zu essen. Und danach machen wir ein Picknick im Wald. Ich muss endlich mal raus aus dieser verfluchten Stadt.“
  Sie strahlte und reichte ihm die beiden Münzen, die sie eingeschoben hatte. „Eine hervorragende Idee.“

♦ ♦ ♦


Laut knackend brach ein Zweig unter seinem Fuß entzwei, als er sein Gewicht verlagerte, um einen kurzen Blick über das nächste Gestrüpp zu erhaschen. Da es dort jedoch dunkel und feucht schien, entschloss er sich, nicht weiterzugehen. Er wandte sich um.
  „Was hältst du von diesem Platz? Es ist hier relativ hell und trocken und …“
  „Perfekt! Lass uns hier bleiben.“
  Sie breiteten die Decke aus und setzten sich darauf. Der Waldboden war moosig und weich und es fühlte sich trotz der kratzigen Decke so an, als ob sie auf Daunen sitzen würden. Nachdem sie es sich bequem gemacht hatten, breitete Yuu vor Nanashi seine Errungenschaften aus: ein halber Laib Brot, eine Handvoll Nüsse und ein kleines Stück Butter.
  „Butter!“ Ihre Augen wurden groß. „Das habe ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen!“
  „Die hast du dir heute verdient.“ Er brach ein Stück Brot ab, tauchte es kräftig in die Butter und hielt es ihr entgegen. „Lass es dir schmecken.“ Sie griff mit beiden Händen danach, bestaunte den Schatz erst ehrfurchtsvoll und biss dann ab. Ein wohliger Laut kam über ihre Lippen und brachte ihn zum Lachen.
  Nachdem sie auch noch die letzten Brotkrümel vernichtet hatten, legten sie sich nebeneinander auf die Decke und sahen zum Himmel. Die Bäume standen dicht an dicht, doch erst an den Baumspitzen bildeten sie Nadeln und Blätter aus, das ein mehr oder weniger dichtes Dach über ihnen spannte. Gelegentlich war zwischen all dem Grün ein Fleck hellblauen Himmels zu erkennen, wenn der Wind die Wipfel zur Seite bog, und einzelne Sonnenstrahlen konnten sich ihren Weg in die Schatten des Waldes bahnen. Sie hinterließen helle Flecken auf dem Waldboden, die durch die Bewegung zu tanzen schienen.
  Yuu schloss die Augen. Er hörte das Rauschen der Blätter im Wind und leises Vogelgezwitscher in der Ferne. Der Geruch von Regen und Holz erfüllte die Luft und er spürte das weiche Moos in seinem Rücken und die angenehme Wärme, die Nanashi neben ihm ausstrahlte.
  Es hätte für immer so bleiben können.
  „Weißt du was?“ Nanashis Worte ließen ihn zur Seite blicken. Ihre Augen, die ihn aufgeweckt ansahen, hatten dieselbe satte Farbe wie der grünende Busch hinter ihr. „Ich hab Hunger auf Nachtisch. Lass und Beeren sammeln!“
  Er rappelte sich ein Stückchen hoch und stützte sich auf seine Ellbogen. „Weißt du denn, welche genießbar sind?“
  „Natürlich! Beeren gehörten zur Grundnahrung für die Leute aus unserem Dorf.“
  „Für mich sehen die alle gleich aus.“ Er erinnerte sich missmutig an sein erstes und gleichzeitig letztes Mal, als er selbst gesammelte Beeren gegessen hatte. Ihm war speiübel geworden und den ganzen Tag lang hatte er sich nur übergeben.
  Nanashi musste seinen griesgrämigen Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn sie kicherte. „Verwöhntes Stadtpack!“, schimpfte sie scherzhaft. „Isst nur Butter und liegt faul im Wald rum!“ Sie sprang leichtfüßig hoch und streckte ihm die Hand entgegen. „Komm, wir teilen uns auf und suchen Beeren.“ Er seufzte einmal tief, dann ergriff er ihre Hand und ließ sich hochziehen. Sie wickelte eine Strähne ihrer violetten Haare einmal um ihren Zeigefinger und hielt sie ihm entgegen. „Wenn die Beeren diese Farbe haben, sind sie meistens genießbar.“
  „Meistens?“, wiederholte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
  „Oder sie sind hochgiftig“, ergänzte sie sachlich. „Also untersteh dich, sie zu kosten, bevor ich sie nicht begutachtet habe, verstanden?“
  „Sehr wohl, eure Hoheit“, erwiderte er grinsend und erntete dafür einen unsanften Knuff in seine eben erst verheilten Rippen.
  „Grüne Beeren brauchst du gar nicht pflücken“, wies sie ihn weiter an. „Alle anderen sammeln wir hier auf der Decke. Alles klar?“ Er nickte und so gingen sie in verschiedene Richtungen auf der Jagd nach ihrem Nachtisch davon.
  Es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich welche fand. An dunklen Strauchzweigen hingen einzelne, dicke schwarze Beeren. Er pflückte eine davon, rieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger, als ob er prüfen wollte, dass die Farbe auch nicht nur angemalt war, und roch dann daran. Er überlegte kurz, ob er sie allen Warnungen und Vorerfahrungen zum Trotz kosten sollte, entschied sich dann aber dagegen, da ihm Nanashis ausdrücklichen Worte immer noch in den Ohren klangen. Er pflückte so viele der schwarzen Beeren, wie er mit zwei Händen tragen konnte, dann machte er sich auf den Rückweg. Bei ihrem Lagerplatz angekommen musste er feststellen, dass Nanashi entweder mehr Glück oder einfach ein besseres Auge hatte als er: Beeren unterschiedlichster Größe und Farbe tummelten sich bereits auf der Decke am Boden. Mit leichter Genugtuung bemerkte er, dass seine Beeren noch nicht dabei waren, und er legte sie dazu. Dann setzte er sich im Schneidersitz daneben und wartete.
  Es verging Minute um Minute, aber Nanashi kam nicht zurück. Schließlich stand Yuu auf, sah sich um und horchte, ob er vielleicht ihre Schritte irgendwo hören konnte. Nichts außer dem Wind ließ das Unterholz rascheln. Zunehmend beunruhigt schlug er den Weg ein, den sie zuletzt genommen hatte, auch wenn seine Chancen, sie zu hier noch finden, ziemlich gering waren.
  „Nanashi?“ Sein Ruf fuhr wie ein Donnerschlag durch die Stille um ihn her. Ein paar Vögel stoben zwitschernd aus dem Gebüsch neben ihm. „Nanashi!“ Seine Schritte wurden immer schneller, sein Atem ging stoßweise. „Wo bist du? Antworte mir doch!“
  Vielleicht ist sie gestürzt und liegt nun bewusstlos am Boden, fuhr es ihm durch den Kopf, als er selbst sich gerade noch fangen konnte, nachdem er mit seinem Fuß an einer hervorstehenden Wurzel hängen geblieben war. Oder sie ist in eine Bärenfalle geraten und … Die Panik kroch unaufhaltsam in ihm hoch, ließ seinen Magen verkrampfen und schnürte seine Kehle zu. Mit fahrigen Bewegungen kämpfte er sich durch ein dürres Gestrüpp und stolperte weiter. „Nanashi! Nanashi, wo bist du?!“
  „Ich bin hier.“
  Augenblicklich blieb er stehen, als er Nanashis laut gesprochenen Worte hörte. Er wandte seinen Kopf nach links und tatsächlich: zwischen zwei dicken Baumstämmen sah er ihr violettes Haar aufleuchten. Er seufzte erleichtert, kletterte behände über einen umgefallenen Baumstamm und legte die letzten Schritte zu ihr unbehelligt zurück.
  „Warum hast du mir denn nicht gleich geantwortet?“, fragte er verärgert, doch statt zu antworten, deutete sie mit ausgestrecktem Arm auf etwas, von dem sie die ganze Zeit über den Blick nicht abgewendet hatte. Er folgte ihrem Fingerzeig und hielt überrascht inne.
  Sie standen am Rande einer kleinen Lichtung. Doch statt einer saftig grünen Wiese breitete sich vor ihnen ein Krater aus, der sehr flach, aber von großem Umfang war und fast die ganze Lichtung ausmachte. Die Sonne ließ etwas in seiner Mitte glitzern, was er für eine Wasserpfütze hielt.
  „Ein seltsamer Ort.“ Yuu schluckte schwer. „Lass uns besser zurückgehen.“
  „Siehst du das?“ Sie ließ ihre Hand langsam sinken, wandte ihren Blick aber immer noch nicht ab. „Da liegt etwas.“ Plötzlich schien die Starre von ihr abzufallen, denn sie sah ihn an und lachte. „Lass uns nachsehen!“ Sie griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich.
  „Na gut“, murmelte er und trottete widerwillig hinter ihr her. In Gedanken lag er bereits wieder auf der Decke und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
  Als sie die Mitte des Kraters erreicht hatten, erkannte er, dass das, was er für eine Wasserpfütze gehalten hatte, in Wirklichkeit ein hellblauer Stein war. Er war ungefähr so lang wie sein Unterarm und hatte eine seltsame, kantige Form. Seine Oberfläche war einerseits gezackt und scharfkantig, sah aber andererseits auch glänzend und glatt aus. Die darauf fallenden Sonnenstrahlen ließen ihn funkeln und glitzern, als ob sie auf eine Wasseroberfläche aufträfen.
  „Das ist aber ein schöner Stein, findest du nicht auch?“ Nanashi ging in die Hocke und legte den Kopf schief, während sie den Gegenstand musterte. „Sieh dir nur seine leuchtend blaue Farbe an! Und er sieht so glatt aus …“ Sie streckte ihre Hand aus und zeichnete mit den Fingern seine Konturen nach. Plötzlich zuckte sie zurück. „Scharfe Kanten“, nuschelte sie und steckte sich ihren blutenden Zeigefinger in den Mund.
  „Sei vorsichtiger“, riet Yuu ihr, woraufhin sie ihm frech die Zunge herausstreckte. „Können wir jetzt endlich gehen?“
  Nanashi stand auf. „Sollen wir den Stein mitnehmen? Vielleicht ist er ja etwas wert.“
  „Das glaube ich kaum“, entgegnete Yuu. „Und selbst wenn, würde man ihn uns sicherlich einfach wegnehmen und nicht abkaufen.“
  Sie zuckte die Schultern. „Einen Versuch ist es wert, oder?“
  Er zögerte kurz, dann seufzte er ergeben. „Ich kann dir einfach nichts abschlagen, Nanashi.“ Sie kicherte vergnügt, während er seinen viel zu großen Pullover auszog, unter dem er noch ein dünnes Hemd trug, und den Stein vorsichtig darin einwickelte. Er war viel leichter als man es von einem gewöhnlichen Stein in dieser Größe erwartet hätte. „Nur wegen dir muss ich jetzt frieren!“
  „Dann lass uns die Beeren holen und sie in der Stadt essen. Ich will nicht, dass du frierst.“ Sie trat zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann umarmte sie ihn und drückte sich fest an ihn. „Und bis wir zurück sind, wärme ich dich, mein Liebling.“
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