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Guilty Fate

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Suspense / P16 / Gen
Yuu
26.11.2015
04.09.2016
34
95.301
1
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26.11.2015 2.685
 
Das Mädchen ohne Namen



Er hielt beide Hände fest an seine Brust gepresst und rannte. Er war sich nicht sicher, ob ihn jemand verfolgte, aber er wollte keine kostbaren Sekunden verlieren, indem er sich umwandte und nachsah. Er bildete sich ein, dass ihm jemand etwas hinterherrief, doch es hätte genauso gut der Wind sein können, der durch die engen Gassen zischte und ein Heulen wie das eines einsamen Wolfes erzeugte.
  Heute würden sie ihn nicht erwischen. Heute nicht.
  Der Regen wurde stärker und er presste seine Hände noch fester zusammen, um seinen Schatz vor der Nässe zu schützen. Seine Schritte hallten trotz des lärmenden, prasselnden Regens unnatürlich laut auf den Pflastersteinen wider. Mit jedem Aufsetzen seines nackten Fußes spritzte das Wasser hoch, das sich zwischen den Steinen und in Senken angesammelt hatte, und mit ihm Dreck und Schlamm. Er bog in eine Seitengasse ein, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, und lief weiter. Sein röchelnder Atem hinterließ weißen Nebel in der kalten Nachtluft. Seine Lungen schienen bersten zu wollen, seine Füße waren schon längst taub. Aber er musste weiterlaufen. Wenn er es nicht tat, würden sie ihn einholen. Nochmal würde er die Prügel nicht überstehen.
  Der Regen war nun so stark, dass jeder Tropfen auf seinem geschundenen Körper wie ein Nadelstich schmerzte. Halb blind vor Erschöpfung, dem Regen und der zunehmenden Dunkelheit stolperte er in die nächste Gasse, die nun nicht mehr gepflastert war. Der Regen hatte den Erdboden in eine Schlammbahn verwandelt und er konnte sich nur mit Mühe darauf konzentrieren, nicht auszurutschen. Er spürte, wie sich der Gegenstand in seinen Händen immer weiter auflöste. Seine Finger krallten sich bereits in eine weiche Masse. Voller Verzweiflung rannte er noch schneller. Wenn er nicht rechtzeitig ankäme, war alles umsonst.
  Er bog um die nächste Ecke und prallte unvermittelt gegen etwas Hartes. Der Rückstoß ließ ihn zurücktaumeln und unsanft auf den Boden stürzen. Dabei presste er seine Hände weiterhin fest an seine Brust, sodass er die ganz Wucht des Aufpralls mit seiner linken Schulter abfing, was ihm einen kurzen Schmerzensschrei entlockte.
  „Wer ist da?“
  Eine tiefe, raue Stimme drang an seine Ohren und aus den Augenwinkeln bemerkte er das schummrige Licht einer Laterne, das kaum durch den dichten Regen zu scheinen vermochte. Die Laterne bewegte sich hin und her, damit ihr Lichtkegel möglichst viel erkennen ließ.
  Verdammt.
  Er war direkt in die Arme des Nachtwächters gelaufen.
  So schnell wie möglich rollte er sich über die schmerzende Schulter ab und kam auf die Knie, ohne dabei die Hände zu benutzen, die seinen Schatz immer noch fest umklammert hielten. Er wollte sich gerade hochrappeln und weiterlaufen, als der matte Lichtkegel ihn erfasste.
  „Verdammtes Gesindel!“, hörte er den Mann rufen, dann ließ ihn ein harter Tritt in seine Magengegend nach Luft schnappen. Keuchend krümmte er sich am Boden zusammen und unwillkürlich lösten seine Finger ihre verkrampfte Haltung an seiner Brust.
  Das durchnässte Stück Brot rutschte ihm aus den Händen und blieb neben ihm im Schlamm liegen. Mit weit aufgerissenen Augen musste er mitansehen, wie der Regen das ohnehin schon aufgequollene Brot Stück für Stück abtrug und mit sich fortriss.
  „Ich werd’s dir noch austreiben, hier nachts rumzulungern!“ Der Nachtwächter trat ihn abermals, diesmal traf er die Rippen. „Ihr Langfinger gehört weggesperrt!“ Es folgte noch ein Tritt. Dann noch einer.
  Doch den Jungen kümmerte es nicht mehr. Noch viel größer als der Schmerz war die Verzweiflung. Mit gefühllosen Fingern griff er zitternd nach den aufgelösten Brotbrocken, die sich hier und dort verteilt hatten, und sammelte sie in seiner anderen Hand, während der Nachtwächter weiter auf ihn eintrat. Als er die Faust um die letzten Überreste seiner Errungenschaft schloss, quoll zwischen seinen Fingern braunes Wasser heraus. Er presste die Hand wieder fest an seine Brust und rappelte sich auf.
  „Du kommst mir nicht davon, du Made!“, drohte der Mann und packte ihn grob an seiner verletzten Schulter, die kurz zuvor seinen Sturz abgefangen hatte. Trotz der Schmerzen wand sich der Junge geschickt aus seinem Griff und trat ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. Scheppernd fiel die Laterne zu Boden, kippte um und erlosch innerhalb weniger Augenblicke. Bevor der Mann sich fluchend wieder aufgerichtet hatte, lief der Junge davon. Ein stechender Schmerz breitete sich in seiner rechten Seite aus, seine Hände und Füße waren komplett taub und jeder Atemzug war eine Qual, doch er lief weiter. Noch lange hörte er die lauten Flüche des Nachtwächters, die erst allmählich vom tosenden Regen übertönt wurden. Was auch geschah, er würde nicht aufgeben.
  Heute würden sie ihn nicht erwischen. Heute nicht.
  Er stolperte die letzten Schritte auf die Stadtmauer zu und sackte keuchend vor ihr zusammen. Er gönnte sich einige Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen, dann zwang er sich, ruhig zu atmen und in die Ferne zu lauschen. Man konnte jetzt schon kaum mehr die Hand vor Augen sehen. Aber auch wenn es unwahrscheinlich war, dass der Nachtwächter ihn im Dunkeln verfolgen würde, musste er es in Erwägung ziehen.
  Als nach langen Augenblicken immer noch nichts außer dem strömenden Regen zu hören war, seufzte er beruhigt auf. Er biss die Zähne zusammen und stand auf, wobei er sich mit einer Hand an der Mauer abstützte. Nachdem die Angst größtenteils verflogen war und er etwas Ruhe hatte, brach der Schmerz wie eine Flutwelle über ihn herein und nahm ihm schier die Luft zum Atmen.
  Gleich hast du es geschafft. Gleich kannst du dich ausruhen. Gleich …
  Entschlossen wandte er sich nach links, wo ein schmaler Spalt zwischen Mauer und Wohnhaus –  gerade so schmal, dass ein ausgehungerter Kinderkörper sich hindurchzwängen konnte – zu einem engen Hinterhof führte, der ihm ein sicheres Plätzchen für die Nacht gewährte. Er ging gerade darauf zu, als sein Blick auf eine Gestalt am Boden fiel. Erst hielt er es für einen streunenden Köter, der dort verendet war, aber als er vorsichtig näher trat, erkannte er seinen Irrtum.
  Es war ein Mädchen.
  Mit dem Gesicht nach unten lag sie am Boden. Ihre langen Haare hatten sich wirr auf ihrem Rücken und um ihren Kopf verteilt und waren so schlammverschmiert, dass man ihre Farbe unmöglich bestimmen konnte. Die Regentropfen gaben ein dumpfes Geräusch von sich, als sie auf ihrem durchnässten Mantel auftrafen.
  Sie bewegte sich nicht.
  Der Junge zögerte kurz, kniete sich aber dann neben sie. Wahrscheinlich war sie schon längst tot, aber es wäre nicht das erste Mal, dass er eine Leiche anfasste. Er griff nach ihrer Schulter und drehte sie auf den Rücken, wobei durch die Anstrengung der Schmerz in seinen Rippen fast unerträglich wurde. Ein schmatzendes Geräusch war zu hören, als ihr Mantel aus dem Matsch gezogen wurde und sie schließlich auf dem Rücken lag, halb auf dem Boden, halb auf seinen Knien. Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter und strich ihr mit zitternden Fingern die Haare von Nase und Mund. Augenblicklich spülte der Regen den Schmutz von ihrem Gesicht und nur ein rotes Rinnsal über ihrem rechten Auge blieb hartnäckig zurück, das sich stetig einen Weg über ihre Schläfe und Wange bahnte. Mit mulmigem Gefühl besah er sich ihre Kopfwunde, als er erstaunt feststellte, dass sie noch atmete. In der kalten Nachtluft konnte er ihren stoßweisen Atem sehen. Er sah sich abermals nach dem Nachtwächter um, doch es war niemand zu sehen.
  Dann beugte er sich über sie und rüttelte mit einer Hand an ihrer Schulter. „Hey! Kannst du mich hören? Wach auf!“ Zuerst gab sie keine Reaktion von sich. Dann begannen ihre Augenlider zu flackern und schließlich sah sie ihn aus halb geöffneten grünen Augen an. Sie bewegte ihre Lippen, als wollte sie ihm etwas sagen, doch er konnte sie nicht verstehen. Er beugte sich zu ihr hinab und hielt sein Ohr dicht an ihre Lippen.
  „Mir ist … so kalt …“
  „Du musst aufstehen, sonst erfrierst du hier im Regen“, erwiderte er. „Kannst du aufstehen?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. Ihre Augenlider begannen abermals zu flackern, als würde sie gleich wieder ohnmächtig werden.
  Er sah sie einen langen Moment an, dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass er nach wie vor seine geschlossene linke Faust gegen seine Brust presste, als ob sein Leben davon abhinge. Er streckte den Arm aus und öffnete langsam die Hand.
  Das Brot war weg. Der Regen hatte es fortgespült. Wer weiß, wie lange seine Hand schon leer war. Verbissen kämpfte er gegen die Tränen an, die unaufhaltsam in ihm hochstiegen und ihm die Kehle zuschnürten. Er hatte so hart dafür gekämpft, doch es war alles umsonst gewesen.
  „Hilf mir …“ Die leisen Worte des Mädchens rissen ihn aus seiner Verzweiflung. Ihre Augen waren nun weit aufgerissen und starrten ihn angsterfüllt an. „Bitte hilf mir …“
  Er wischte sich mit dem triefnassen Ärmel seines Pullovers das Wasser aus den Augen und nickte entschlossen. Er würde eine weitere Nacht ohne ein Stück Brot überleben, sie hier draußen im Regen aber sicher nicht. Er legte sich mit der einen Hand ihren linken Arm um seinen Nacken und half ihr, sich aufzusetzen. Dann umfasste er mit seinem anderen Arm von hinten ihre Taille und hievte sie hoch. Ihr Mantel hatte sich vollgesogen und machte sie um Vieles schwerer, als sie tatsächlich war. Der Schmerz in seiner Seite ließ ihm schwarz vor Augen werden, als sie sich wie ein nasser Sack schwer gegen ihn stützte. Er keuchte und sog scharf die kalte Luft ein, biss aber die Zähne zusammen und schleppte sich die wenigen Schritte bis zur Mauer. Dabei zog er das Mädchen mehr mit sich, als dass sie aus eigener Kraft ging.
  Wie sie es beide durch den schmalen Spalt zwischen den Steinen geschafft hatten, hätte er im Nachhinein nicht mehr sagen können. Er brachte das Mädchen die wenigen Schritte bis in die hinterste Ecke des Innenhofs, wo ein kleiner Dachvorsprung sie wenigstens vor dem größten Teil des Regens schützte. Er breitete eine der Decken über sie aus, die er vor wenigen Wochen gestohlen hatte, und sank dann selbst neben ihr zu Boden. Noch bevor er sie darauf hinweisen konnte, unbedingt ihre nassen Sachen auszuziehen, damit ihr Körper nicht noch weiter auskühlte, wurden seine Schmerzen endgültig unerträglich und er fiel in tiefe Dunkelheit.

♦ ♦ ♦


Er erwachte, als die Mittagssonne ihm warm ins Gesicht schien. Er schlug die Augen und sah als erstes einen glänzend roten Apfel direkt vor seiner Nase liegen. Unmittelbar dahinter saß ein Mädchen in der Hocke, die Arme fest um ihre Knie geschlungen und starrte ihn aus grünen Augen an.
  Richtig, das Mädchen im Regen …, erinnerte er sich.  Anscheinend haben wir wohl beide die Nacht überlebt. Er lächelte innerlich darüber, wie nüchtern er darüber nachdenken konnte. Wenn man jeden Tag um sein Überleben kämpfen musste, relativierten sich Gedanken über Leben und Tod sehr schnell. Es passierte ihm nicht mehr oft, dass sein Überlebensinstinkt die Oberhand gewann und er Verzweiflungstaten beging. Doch gestern war wieder einer dieser seltenen Momente gewesen. Verbittert kam ihm sein Schatz wieder in den Sinn, den ihm der Regen genommen hatte.
  „Guten Morgen.“ Das Mädchen hatte eine helle, sanfte Stimme. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt und beobachtete ihn nach wie vor regungslos. Ihre langen glatten Haare waren tiefviolett, glänzten im Sonnenschein aber beinahe silbern.
  „Guten Morgen“, nuschelte er und bemerkte erst jetzt, dass auch über ihn eine Decke geworfen worden war. Außerdem lag zusätzlich eine zusammengerollt unter seinem Kopf. Er musste gestern Abend an der Mauer zusammengesackt und einfach zur Seite gekippt sein, anders konnte er sich seine derzeitige Liegeposition nicht erklären. Er wollte sich aufsetzen, doch der Schmerz in seiner Seite ließ ihn japsend wieder zurücksinken. Er schlug die Decke zurück und schob vorsichtig seinen Pullover hoch, der immer noch nass und kalt an ihm klebte. Seine Haut hatte sich auf Höhe der Rippen seiner rechten Seite rot-lila verfärbt und schmerzte bei der kleinsten Berührung.
  „Wenn du Glück hast, ist nichts gebrochen“, sagte das Mädchen. „Aber die Prellung sieht so aus, als würde sie dich so oder so für ein paar Tage außer Gefecht setzen.“
  Der Junge machte ein abfälliges Geräusch und setzte sich mühevoll auf, während er versuchte, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. „Als könnten Leute wie wir es uns leisten, ein paar Tage auf der faulen Haut zu liegen.“
  „Der ist für dich“, sagte sie, kaum dass er sich aufgesetzt hatte, und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Apfel.
  Sein Herz schlug schneller, als er diese Worte hörte. Begierig starrte er auf den Apfel, dessen angenehme Süße er jetzt schon auf der Zunge spüren konnte. Stumm streckte er seine Hand danach aus, doch er fuhr sofort zurück, als der Schmerz ihm bei dieser Geste die Luft zum Atmen nahm.
  „Warte, ich helfe dir.“ Das Mädchen nahm den Apfel in die Hand und biss ein großes Stück davon ab. Dann nahm sie es mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand aus ihrem Mund und rückte ganz dicht vor ihn. „Mund auf!“, befahl sie und schob ihm das Apfelstück zwischen die Lippen.
  Sie fuhr auf diese Weise fort, bis der ganze Apfel aufgebraucht war. Während sie ihn so fütterte, wechselten sie kein Wort. Doch die ganze Zeit über rannen ihm Tränen über die Wangen, die einfach nicht versiegen wollten. Er wusste nicht, ob es Tränen der Freude, der Erleichterung oder der Überwältigung waren, aber er konnte sie nicht zurückhalten, wie sehr er es auch versuchte. Sie lächelte nur stumm, als könnte sie seine Gefühle verstehen, und wischte von Zeit zu Zeit die Tränen mit ihrem Handrücken beiseite.
  „Danke“, brachte er schließlich heiser hervor, als sie den Apfelstiel, der als einziges übrig geblieben war, mit den Fingern wegschnipste.
  „Du hast gestern mein Leben gerettet. Dafür danke ich dir auch“, entgegnete sie und lächelte ihn an. Beim Blick in ihre Augen kam es ihm so vor, als würde er am Rande eines Waldes stehen und voll Faszination die Büsche und Bäume um ihn herum bestaunen.
  „Was macht deine Kopfwunde?“, erkundigte er sich.
  Auf seine Frage hin befühlte sie vorsichtig mit ihren Fingern die Wunde über ihrem Auge, die nun immerhin nicht mehr blutete. „Ist nicht so schlimm. Hat mich gestern nur ganz schön ausgeknockt. Ich hätte mit dem Herrn vielleicht doch nicht um seine Brieftasche streiten sollen.“ Sie zuckte die Schultern und seufzte dann tief. „Es dauert eine Weile, bis man die Leute in einer neuen Stadt einschätzen kann.“
  „Kommst du von weit her?“
  Sie nickte. „Aus einem kleinen Dorf auf der anderen Seite des Waldes, der an diese Stadt hier angrenzt. So, meine Kleider müssten jetzt eigentlich trocken sein.“ Sie stand unvermittelt auf und ließ die Decke von ihren Schultern gleiten. Ihre weiche, warme Haut streifte sanft sein Gesicht, während sie ihm die Decke vorsichtig um den Oberkörper wickelte. Dann ging sie zu ihren Kleidern, die sie auf dem Boden ausgebreitet hatte, damit sie in der Mittagssonne trocknen konnten. „Du wartest am besten hier, während ich uns Essen besorge“, sprach sie weiter, während sie sich geschickt anzog. Ihr Körper war ebenfalls von blauen Flecken, Schrammen und Blutergüssen nur so übersät. Das Leid aller Straßenkinder. „Irgendwelche Wünsche, ähm …?“ Mit einer grauen Bluse in der Hand drehte sie sich stirnrunzelnd zu ihm um. „Ich weiß deinen Namen gar nicht.“
  „Yuu“, stellte er sich vor. „Mein Name ist Yuu. Und deiner?“
  Sie schwieg und zog sich weiter an. Als sie den Mantel hochhob, tropfte dieser noch. Sie breitete ihn wieder auf dem Boden aus und trat schließlich wieder zu ihm.
  „Wenn ich mal einen Namen hatte, habe ich ihn inzwischen vergessen“, erklärte sie und flocht ihre Haare währenddessen zu einem langen Seitenzopf, den sie am unteren Ende mit einem grauen Stoffband zusammenfasste.  
  „Na, irgendwie muss ich dich nennen“, entgegnete er und dachte kurz nach. Dann lachte er laut auf und sie sah überrascht zu ihm hinab.
  „Was ist so lustig?“
  „Ich hab’s! Ich nenne dich so, wie du heißt: Namenlose! Nanashi!“
  Sie starrte ihn perplex an, doch dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus. „Nanashi …“, wiederholte sie, als müsste sie erst den Klang des Namens hören, um ihn bewerten zu können. „Nanashi. Der Name gefällt mir! Nanashi! Mein Name ist ab heute Nanashi!“ Sie hüpfte die letzten Schritte zur Spalte an der Mauer und drehte sich dann noch ein letztes Mal zu ihm um, bevor sie verschwand.
  „Schön hier bleiben, Yuu – ich komme wieder!“
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