Was wir sind

von Jaelaki
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
25.11.2015
06.12.2018
69
275455
39
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Was wir sind

»Was sind wir, Kaiba?«, raunte ich der Zimmerdecke entgegen. »Ein Arsch und ein Köter«, spöttelte er. »Ich meine – was sind wir geworden?«, murmelte ich gegen seine Haut. Seine Finger zupften an meinen Shorts. | Puppyshipping

© Jaelaki




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Informationen:

Diese Story ist ein Erstentwurf. Das heißt weder lektoriert noch korrigiert. Entsprechend werden sich sicherlich Fehler einschleichen. Sehr gerne könnt ihr mich darauf hinweisen, dann korrigiere ich sie sofort. Ansonsten werde ich nach Beendigung dieses Entwurfs die komplette Geschichte überarbeiten.

Ursprünglich sollte die Geschichte 24 Kapitel haben. Grundlage war eine Adventskalender-Challenge. Nachdem diese leider geplatzt war, ließ mich diese Geschichte jedoch nicht los und wuchs über die Jahre. : )

Die Geschichte hält sich weitgehend an den Canon. Das heißt, die Charaktere sind (so hoffe ich doch) IC. Auch inhaltlich orientiere ich mich (meistens) an Standpunkten, die dem Canon nicht widersprechen. Trotzdem handelt es sich hier um eine Fanfiction (und das heißt, ich nehme mir gewisse Freiheiten)!
Daher ein paar grundlegende Infos.

- Ägypten etc. spielt keine Rolle (also wer eine Fantasy-angehauchte Geschichte lesen möchte, ist hier nicht richtig).
- Auch die Yamis spielen hier nicht mit.
- Das Kartenspiel spielt nur sehr am Rande eine Rolle.
- Es wird eindeutig Shounen-Ai (Boys Love), wer das nicht mag, der darf gerne an dieser Stelle aussteigen. ; )
- Es wird eine längere Geschichte (bisher 61 Kapitel)! Wer eine schnelle Beziehungsgeschichte lesen möchte mit viel und schnellem Sex, findet sicherlich bessere Alternativen zu dieser Story.

Wer aber eine Geschichte über Joey und Seto lesen möchte. Ihre Entwicklung. Ihre Hochs und Tiefs. Ihre Familien und Freunde. Den Weg, der sie zusammen führt und all die Hindernisse, die sie trennen.
Der ist hier richtig! : )

Viel Spaß beim Lesen!

Jaelaki
Edit Sept. 2018






Kapitel 1
… ist talentiert


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Der eigentliche Beweis,
daß wir Talent besitzen,
ist die Fähigkeit,
das Talent in anderen Menschen
zu entdecken.
Elbert G. Hubbard

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Seto Kaiba war reich, intelligent und gutaussehend. Und ein arroganter Arsch. Ehrlich.
Als ich ihn das erste Mal sah, war er ein dünner Junge mit langweilig braunem Haar und blauen Augen, die er zusammenzog, während er an der Seite eines Geschäftsmann stand, der gefühlskalt einen Blick in die Kamera warf.

Es gibt Menschen, die geben dir das Gefühl, niemals genug sein zu können.

Ich rannte in ausgelatschten Schuhen mit Tristan – meinem besten Kumpel – im Schnee um die Wette, uns schrie der Inhaber vom Kiosk Yamato hinterher und fuchtelte vor Wut mit seinen Händen.
»Jetzt ruf ich echt die Bullen! Ihr Scheißbengel! Ich ruf'se! Dann guckt ihr mal!«
Tristan lachte nur, während er mir einige Süßigkeiten zuwarf und ich grinste breit, steckte mir einen Lutscher zwischen die Zähne, die ich vor Kälte zitternd aufeinander presste.
Einige Straßen weiter stützten wir uns um Atem ringend an einer der dreckigen Hauswände ab. Vor unseren Mündern hingen diese Wölkchen und Tris klopfte mir auf die Schulter, ich grinste ihn an, ehe die vielen Bildschirme der Fernseher im Ladenfenster meine Aufmerksamkeit erregten und ich die stummen Bilder verfolgte.

Da stand er inmitten eines Blitzhagels, der ihn blendete.
Seine Schultern stramm, seine Hand mit der eines kleinen Jungens mit schwarzer Mähne verankert, der vor Unsicherheit halb hinter ihm stand, und starrte den Kameras entgegen.
Um seine Lippen hing ein Ausdruck von Härte.
Alles an ihm schrie, dass er ein arroganter Arsch war, der sich nur für sich und seinesgleichen interessierte.
Einer, der keine Probleme kannte, weil ihm jeder die Wünsche von den Augen las.

Es gibt Menschen, die dich so fertig machen, bis du nicht mehr widersprichst.

In den nächsten Tagen konnte sich nicht einmal mein Vater von dem Medienrummel um dieses Wunderkind fernhalten.
»Ha, der hat's drauf. Junge, Junge. Macht den alten Sack fertig und heimst ein verdammtes Leben in Luxus ein. Verdamm mich. Das ist ein Bursche. Hast du gehört? So einer wie der, der hat's drauf. Solltest dir ne Scheibe von abschneiden, nutzloser Bengel!«
Der leeren Dose, die er nach mir warf, wich ich mühelos aus. Wie gewohnt. Doch mein Blick verdüsterte sich bei all dem Wirbel um diesen Jungen, der kaum älter war als ich selbst.

Sein Talent wurde in den Medien gerühmt. Und ohne, dass er mir bis dahin auch nur einmal persönlich begegnet war, wusste ich, dass wir uns niemals mögen würden. Ich glaubte ihn zu kennen. Solche, wie er. Reiche Menschen, die dachten, über allen und allem zu stehen. Die keine Ahnung hatten, wie es war abends mit einem Knurren im Magen zu Bett zu gehen. Oder sich zu wünschen, der eigene Vater würde am nächsten Tag nicht aufstehen, sondern liegen bleiben. Für immer liegen bleiben.
Ich redete mir ein, dass es mit seinem Blick voller Arroganz zu tun hatte und seiner Körperhaltung, in die Herablassung geschrieben stand. (In meinem Kopf spukten natürlich andere Wörter dafür.) Und sicherlich traf das auch zu. Aber ich wusste trotzdem, dass das nicht alles war. Da war ein ätzendes Gefühl in meinem Magen.
In den nächsten Jahren spielte das alles keine Rolle in meinem Leben.

Vier Jahre später

Hätte ich gewusst, wie sich ab diesem Augenblick alles entwickelte – vielleicht wäre ich aufgestanden und gegangen.
Vielleicht aber auch nicht. Immerhin floh ein Wheeler nicht, zumindest meistens – oder nur mit einem wirklich guten Grund.
Ansonsten war Angriff die beste Verteidigung und eher meine Strategie. (Strategie – hörte sich besser an als Kurzschlussreaktion.)
Oder ich hätte ihn angegrinst, ihn in den Arm genommen und gesagt, dass ich es wüsste. Dass wir es schaffen würden.
Vielleicht hätten wir Freunde sein können – zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort. Wäre er nicht er und ich nicht ich gewesen.

Es gibt Menschen, die dir zeigen, dass du nicht so bist, wie sie dich gern hätten.

Aber er stand da vor unserer Klasse, die ihn anhimmelte, und ich saß hier in der vorletzten Reihe und glaubte, ich müsste auf meine Schuhe kotzen. Er stand da mit verschränkten Arme und einem Gesichtsausdruck, den ich ihm am liebsten poliert hätte. Mit meinen Fäusten.
Mein Blick wanderte aus dem Fenster. Die Schneeflocken sammelten sich auf dem Fensterbrett.
Tristan stieß mir in die Seite und er murmelte mit gerunzelter Stirn: »Hey, ist das – das is'doch der – Dings – der –«
Ich schnaubte und zuckte die Schultern.
»Wie ihr bereits wisst, werden wir ab diesem Schulhalbjahr einen neuen Schüler in unserer Klasse haben«, holte unsere Lehrerin Frau Tanaka mit strengem Blick aus und bedachte mich mit einem auffällig langem, »dem gegenüber werdet ihr euch freundlich und aufgeschlossen verhalten.«
»Jo, vielleicht tanz'n wa alle mit Blumenkränzen und Hand in Hand um ihn rum«, murmelte ich und Tris lachte auf.
Frau Tanaka fixierte mich und Tris. Er verstummte, ich verengte meine Augen.
Sie sollte nur etwas sagen. Sie sollte nur.
Stattdessen räusperte sie sich und legte ihre Aufmerksamkeit wieder ihm vor die Füße. So wie sie alle vor ihm niederknieten.

»Das ist Seto Kaiba.«

Ich seufzte in meinen Ärmel hinein, auf den ich vor Langeweile mein Kinn bettete.
Wer wusste nicht, wer er war?
Meine Laune sank tiefer als die Schneeflocken vor dem Fensterbrett. Mit jedem Wort, das unsere Lehrerin über ihn verlor. Mit jeder Sekunde, in der er da vorne stand und aussah, als ginge ihn das Ganze hier gar nichts an.
»Möchtest du noch etwas zu dir sagen?«, fragte Frau Tanaka an Seto Kaiba gewandt.
Der reckte das Kinn. Sein Blick schweifte über uns, als wären wir Kühe auf einer Weide. Oder Schafe. Ob er alle Menschen so ansah?
»Ich denke, das ist nicht nötig«, erwiderte er kühl.
Überheblichkeit schlug unserer Lehrerin entgegen, die lediglich kurz nickte und ihn aufforderte Platz zu nehmen. Wenn es ihm recht wäre.
Kein Wheeler, setz dich endlich hin! Kein genervtes Seufzten.
Seto Kaiba nickte kurz und stolzierte in die vorderste Reihe, wo noch ein Platz frei war. Weil kein normaler Mensch freiwillig in der Schule ganz vorne saß.
Ich war einfach nur froh, dass nicht ich neben ihm sitzen musste.
»N bissel von sich überzeugt, ne?«, raunte Tristan mir mit vielsagend gehobenen Augenbrauen zu und ich schnaubte in meinen Ärmel.
»Nur so bissel wie Pinguine nicht fliegen können. So zu hunderttausend Prozent«, erwiderte ich. Tristans Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, in dem der Witz aufblitzte.
»Du magst ihn nicht«, flüsterte er neckend, »warum?«
Zwischen meinen Augenbrauen stand eine steile Falte.
»Ich –«
»Wer liest die Hausaufgabe vor?«
Frau Tanaka taxierte uns mit einem Blick, in dem die Mahnung geschrieben stand, mich wieder zum Schulleiter zu schicken, sollte ich unangebracht reagieren und ich verdrehte die Augen. Ob sie Kaiba zum Direktor schicken würde?
Tristan grinste, während er zur Tafel schaute – Frau Tanakas Blick meidend – und irgendwas abschrieb. Oder so tat.
»Joseph, lies du mal bitte deine Hausaufgaben vor.«
Ich murmelte, dass er ein verdammter Arsch war – wusste selbst nicht, ob ich Kaiba oder Tristan meinte und zog meinen Block aus der Tasche, aus dem ein paar Seite flogen und auf dem Boden landeten.
»Moment. Ich find's bestimmt gleich«, sagte ich und ein paar kicherten. Ich grinste.
»Vielleicht sollte mal vorher noch jemand anders vorlesen«, schlug ich mit einem Achselzucken vor und blätterte durch meinen Block, der aussah, als hätte ihn jemand auf die Straße gelegt und wäre ein paar Mal drüber gelaufen. Ich war vielleicht wirklich ein paar Mal über die Seiten gestolpert. Immerhin landete so etwas schon mal auf dem Boden in meinem Zimmer.
Frau Tanaka seufzte resigniert und nahm einen meinen Mitschüler dran.
»Yugi, könntest du bitte –«
Ich wechselte mit Tris einen Blick, der nickte. Nach der Schule wieder.
Yugi Muto war einer von der Sorte. So einer, den man herumstoßen konnte und der sich danach noch bei einem entschuldigte.
Er war ein Schwächling. Einer, der seinen Mund nicht aufbekam.
Es tat gut, so jemanden zu haben. Jemanden, auf den man spucken konnte, wenn einem das Leben ans Bein schiss.
Und das tat es doch dauernd.

Es gibt Menschen, die dich wie Luft behandeln.

Yugi saß eine Reihe hinter Kaiba. Sein Haar gefärbt und gegelt, als könnte das etwas daran ändern, das er für alle unsichtbar war. Yugi war das Gegenteil von Kaiba. Unscheinbar, unwichtig, übersehen und vergessen.
Ich schnaubte, legte mein Kinn wieder auf meinen Arm.
Dann war es besser, laut zu sein und wenn es wegen irgendeinem Scheiß war.
Besser als übersehen zu werden, als vergessen zurückzubleiben.
Mein Blick wanderte zu Seto Kaiba. Seine brünetten Haare waren ordentlich geschnitten und glänzten seiden in der kühlen Wintersonne, die durch das Fenster blinzelte. Mit durchgestrecktem Rücken saß er auf dem Stuhl und tippte beschäftigt auf seinem Laptop, während Yugi seine Hausaufgaben vorlas.

Seto Kaiba war reich, intelligent, gutaussehend. Und unglaublich talentiert. Das wusste jeder.
Er war ein begnadeter Rhetoriker – auch wenn ich mir noch öfters wünschen sollte, er würde einfach mal seine Fresse halten.
Er war ein Streber. Er konnte Schach und so ein Zeugs und baute nebenbei seine eigene, verdammte Firma auf.
Tatsachen, die jedem bekannt waren.
Und ein arroganter Arsch. Das war zumindest mir von Anfang an klar.
Ich kannte solche Typen, die glaubten, besser zu sein. Solche, die einen anschauten, als wäre man nichts wert.
Ich kannte diese Blicke, die über einen hinweg flogen. Aber ich nahm das nicht hin. Anders als Yugi.
Ich warf meine Sprüche um mich, wie Pistolenkugeln, schüttete meine Worte über andere, wie ein Schwall kalten Wassers, stieß sie in die Ecke und schlug zu, wenn sie glaubten, besser zu sein – wenn sie mich so ansahen, als wüssten sie, wer ich war.
Oder wenn mir ihr Mitgefühl auf die Eier schlug. Es kotzte mich an.
Yugi kotzte mich an.

Nach der Schule lungerten wir am Schultor.
Ich hatte keine Lust nach Hause zu gehen. Ich hatte nie Lust darauf.
»Hey, guck mal, wer da kommt!«
Ich stieß Tris in die Seite und deutete auf Yugi, der allein mit der Tasche quer vor der Brust und irgendetwas in der Hand über den Schulhof trottete.
»Hey, was isn das?«, fragte ich und trat in seinen Weg, schaute auf ihn herab und grinste Tris zu.
Yugi Muto sah aus, als hätte er plötzlich erkannt, dass er auf die Straße gerannt war, ohne zu schauen.
»Mh, sieht aus, als wären es Karten«, erwiderte Tristan irritiert.
»Alter, was isn das fürn Scheiß?«, höhnte ich.
»Das ist das neue Spiel von –«, begann er.
Als ob mich sein Gelaber interessiert hätte.
»Wo ist dein Geld, Muto? Ich hab gedacht, du wüsstest langsam wie's läuft«, unterbrach ich ihn.
»Aber – du hast schon heute Morgen mein Geld –«
»Alter, laber net«, knurrte ich und riss ihm die Karten aus der Hand. Er erstarrte und ich grinste Tristan an.
»Ist das was wert? Was denkste?«
Tristan zuckte die Schultern.
»Keine Ahnung. Denk's net.«
Yugi langte nach seinen Karten, aber ich hob sie außerhalb seiner Reichweite.
Es war scheiße, klein zu sein. Jeder konnte auf einen herabsehen. Auf einen spucken.
Mir kam eine Idee. Ich zog eine Karte nach der anderen hervor, spuckte drauf – Tris grölte – manche zerriss ich, dann ließ ich sie nach und nach auf den Boden segeln.
»Was ist'n das für einer? N schwuler Zauberer oder was?«
Ich zeigte Tristan den Magier, der lila Kleidung trug und wir lachten uns schlapp.
»Bitte nicht die Karte! Bitte! Schlag mich! Aber bitte lass die Karte ganz!«
Ich hob die Augenbrauen, wechselte einen Blick mit Tristan.
»Und was gibst du uns dafür?«, wollte ich wissen, hielt die Karte, als inspizierte ich sie, dann musterte ich Yugi.
»Alles.«
Ich hob meine Augenbrauen und zögerte. In Yugis Blick stand Entschlossenheit, so viel, dass ich innehielt. Seit wann war der Hosenscheißer ein Kämpfer?
»Alles«, spottete Tristan, »was soll’n das sein?«
»Ich kann euch Karten besorgen? Ich kann euch das Spiel zeigen!«
Ich schnaubte.
»Was findest du an der Karte?«, wollte ich wissen und beäugte den lila Magier.
Ich wollte die Karte zerstören. Das Gefühl juckte in meinen Fingern. Ich wollte sie zerfetzen und ihm zeigen, wer das Sagen hatte. Dass Yugi erbärmlich war.
»Die – die Karte war ein Geschenk von meiner Mutter«, schniefte er.
»Oh, wie süß«, lachte Tristan. Mein Blick sprang von Yugi zu der Karte und zurück.
»Und wenn schon«, spottete ich.
Mit einem Achselzucken steckte ich die Karte ein.
In dem Moment schritt Seto Kaiba an uns vorbei. Er schaute nicht einmal auf.

Es gibt Menschen, die glauben zu wissen, wer du bist.

Eine halbe Stunde zu spät traf ich in der Schule ein, zog die Tür zur Klasse auf und trottete auf meinen Platz, nachdem Frau Tanaka mir einen Eintrag ins Heft geschrieben hatte. Die Klasse tuschelte, ein paar kicherten. Ich stand da und tat so, als wäre es mir egal.
»Bleib nicht so spät auf, dann kommst du früh aus dem Bett«, behauptete Frau Tanaka.
Ich verdrehte die Augen und ließ mich auf meinen Stuhl fallen.
Was wusste die schon?
Mein Blick wanderte gelangweilt über die Klasse, blieb an Yugi hängen. Seine Karte steckte in meiner Hosentasche. Und an Kaiba. Kaiba, der mich als einziger ignorierte.
»Wenn du noch einmal auffällst, Joseph, dann gibt das einen Tadel. Verstanden? Wenn du so weiter machst wie letztes Jahr, dann –«
»Ja, ja, schon klar«, murrte ich.
Jemand lachte.
Ich grinste und streckte mich.
»Dann dreh ich halt ne Extrarunde. Was soll’s?«

Zu Hause lag ich abends im Bett, betrachtete die Karte. Schwarzer Magier. Strich über sie und versuchte zu begreifen, was so besonders an ihr war.
Aber es war nur Papier.
Mit einem Schnauben legte ich sie auf den Nachttisch und schmiss mich zurück auf die Matratze, presste mein Kissen auf mein Ohr, aber es brachte nichts. Ich hörte durch die Wand hindurch, wie mein Vater heulte. Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her.

Es gibt Menschen, die schauen auf dich herab, obwohl sie nicht besser sind als du.

Ich latschte durch den Matsch, betrachtete die Karte in meiner Hand, drehte sie und steckte sie wieder in meine Hosentasche. Ich war pünktlich am Schultor.
Wie an jedem Morgen. So früh, dass noch kein Schüler hier herumhing.
»Wheeler«, rief eine Stimme und ich erstarrte. Seine Stimme jagte eine Gänsehaut über meinen Rücken.
»Da bist du ja. Pünktlich auf die Minute.«
»Ushio«, erwiderte ich und schlug in seine Hand ein, obwohl ich am liebsten auf seine Schuhe gespuckt hätte. Hinter ihm standen zwei seiner Freunde. Mehr Muskeln als Hirn.

»Rück’s endlich raus! Hab nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ich kramte in meinem Ranzen und klaubte ein paar Scheine zusammen.
»Willst du mich verarschen? Gib mir alles!«
Ich zog noch einen Schein raus.
»Das war’s. Mehr hab ich net.«
»Mach deine Taschen leer!«
Seine Augen stierten mich an, ließ seine Fäuste knackten und stieß mich nach hinten. Ich taumelte auf dem vereisten Gehweg, fing mich aber und funkelte ihn an.
»Glaubst du echt, ich trau dir Ratte?«, höhnte er.
Das galt auch im Gegenzug.
»Alter!«, knurrte ich, »mehr hab ich nicht!«
»Willst du echt, dass ich das mit deinem Alten rumerzähle?«
Ich ballte die Fäuste, schmeckte Galle und hatte das Gefühl, ihm in seine Fresse schlagen zu wollen.
»Ich besorg mehr. Gib mir noch einen Tag –«
»Nee, ist klar. Jungs!«
Ich machte einen Schritt zurück, doch sie hatten mich schon gepackt.
»Ich glaub, du hast vergess‘n, wie wir Dinge mach’n. Bist schon zu lange auf der Schule hier, was? Bezahlt deine Hure von Mutter schön das Schulgeld?«
Die Hände seiner Freunde schraubten mich fest.
Der erste Schlag war immer der schmerzhafteste.
Ich glaube, weil er damit meinen Stolz traf. Irgendwann betäubte das Brennen meiner Haut, das Brennen in meinem Bauch. Das Gefühl, dass die Menschen Recht hatten.
Sie grölten und traten zu, als ich auf dem Boden lag. Meine Wange im Matsch, der gestern noch Schnee gewesen war.
»Durchsucht seine Taschen!«
Seine Freunde kippten meinen Ranzen aus, jemand wühlte in meiner Hosentasche. Ich biss auf meine Lippen.
»Uh, was ist das denn?«
Ushio hielt den Schwarzen Magier nach oben.
»Die gehört mir, du Arsch!«, krächzte ich und hielt meinen Bauch, rappelte mich auf.
»Sicherlich«, höhnte Ushio.
»Gib sie her oder –«
»Oder?«

Es gibt Menschen, die dich am Boden liegen lassen.

Seine Freunde bauten sich hinter ihm auf.
»Oder ihr werdet wegen Körperverletzung und Diebstahl angeklagt«, erklärte eine Stimme hinter mir, als erklärte sie etwas sehr Offensichtliches.
Ich schnappte nach Luft, als ich meinen Hals drehte und ihn dort stehen sah.
Einen Teenager mit langweilig braunem Haar und Augen, die er zusammenzog. Einen Aktenkoffer in der Hand. Hinter ihm stand ein Mann in Anzug mit Brille, einer, der aussah, als wäre es besser, ihm keinen Grund zu geben, in den Vordergrund treten zu müssen.
»Alter. Wer bist’n du? Das Sozialamt?«, höhnte Ushio und sah dann auf mich hinab.
»Ist das dein Freund, Ratte?«
»Ach, halt’s Maul. Gib die Karte und verpiss dich einfach. Scheißkerl«, zischte ich, stützte meinen Arm in die Seite, weil die Schmerzen mich sonst in die Knie gehen ließen, den anderen presste ich auf meinen Bauch.
Ushios Blick wanderte hinter mich, dann durchlief ihn einen Ruck und er drückte mir die Karte in die Hand.
Ohne ein Wort drehte er sich um, seine Kumpels folgten ihm. Irritiert starrte ich ihnen nach, dann die Karte an.

»Ich würde sie Yugi Muto zurückgeben. Du hast eh kein Talent für das Spiel. In deinen Händen ist die Karte wertlos.«
Damit schritt Kaiba an mir vorbei.
Mein Blick folgte ihm, die Karte in meiner Hand schien meine Haut zu versengen.

Es gibt Menschen, die dich am Boden liegen lassen. Seto Kaiba gehörte nicht dazu. Er half einem auf, um einen dann noch tiefer in den Abgrund fallen zu lassen.
Und du denkst, das Leben ist nur zu dir unfair. Aber dann kapierst du, dass du nicht besser warst. Dass du andere auch scheiße behandelt hast.

Die nächsten Tage beobachtete ich Yugi, aber sprach ihn nicht an. Seine Karte steckte in meiner Hosentasche. Es ging mir nicht aus dem Kopf. Ich blieb in der Tür stehen, als ich ihn in der Pause alleine in der zweiten Reihe sitzen sah und zögerte. Ich wusste nicht einmal mehr, warum ich die Karte mitgenommen hatte. Natürlich bedeutete sie mir nichts. Für mich war sie wertlos.
Seto Kaiba stand hinter mir im Gang und tippte auf seinem Handy.
Als er aufsah, begegnete sich unser Blick einen Moment.
Dann ging ich zu Yugi.

»Danke«, stotterte er und starrte die Karte in seinen Händen an, als könnte er es nicht glauben. Dann schaute er mich an und in seinen Augen glitzerte etwas, das keine Furcht, keine Entschlossenheit, nicht einmal Dankbarkeit war. Es war etwas, das mir meine Selbstsicherheit raubte und ich glaubte, Yugi sah etwas in meinen Augen, in mir, das mit bloßem Blick nicht zu erkennen war. Ich wollte abhauen – und mehr darüber erfahren, wissen, was es war. Also blieb ich.

Es gibt Menschen, die sehen das Gute in dir, selbst, wenn du nur Scheiße baust.
Manche nennen das Dummheit oder Naivität.

Zwei Wochen später standen wir auf der Schulterrasse. Ich lehnte mit meinem Rücken an dem Geländer, Yugi stützte seine Arme darauf. Um uns herum lungerte das Wasser in Pfützen. Der Winter war nicht kalt genug für Schnee, also regnete es. In den Pausen war hier so gut wie niemand und wir laberten über alles Mögliche.
Yugi runzelte die Stirn.
»Was ist eigentlich mit Ushio? Irgendwas Neues? Du hast erzählt, dass –«
»Mh, ja, ich weiß. Aber ehrlich gesagt – keine Ahnung. Er hat sich nicht mehr gemeldet. Wenn ich ihn sehe, dreht er sich um und geht. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würd ich glatt denken, er würde vor mir abhauen.«
»Wär das nicht möglich?«
»Ushio? Nie im Leben. Der hat seine Kumpels. Der macht jeden fertig. Das ist nicht so ein Typ, der einen einfach in Ruhe lässt, weil er Schiss hat oder was.«
»Mh. Vielleicht hat Kaiba was damit zu tun?«
»Was? Der? Nur, weil er Ushio davon abgehalten hat, mich zu Brei zu schlagen?«
Ich schüttelte den Kopf. Das war zu abgefahren.
»Erzähl mir lieber mehr von den Karten, Kumpel«, meinte ich und sah in die dunklen Wolken.
Yugi erzählte mir von DuelMonsters, dem Kartenspiel. Dabei röteten sich seine Wangen vor Begeisterung und seine Augen strahlten. Er wusste genau was er wollte, wenn er von Spielen sprach.
Es war, als wäre er ein anderer Mensch. Einer, der mehr hinbekam, als der Durchschnitt, einer, der wusste, wohin er wollte.
»Warum bedeutet dir der schwarze Magier so viel?«, unterbrach seinen Schwall an Worten und warf ihm einen Seitenblick zu. Ich hatte es noch immer nicht begriffen, wie einem eine Karte so viel bedeuten konnte.
»Meine Mutter hat sie mir geschenkt.«
»Ja, ich erinner mich. Stimmt. Mh. Schenkt sie dir oft Karten?«
»Nein.«
Yugis Blick wanderte von seinen Karten in der Hand in den Himmel.
»Nicht mehr. Sie – sie ist gestorben.«
»Oh«, machte ich und kratzte meinen Hinterkopf. Ich war nicht gut mit Worten, sagte Sachen falsch, meinte sie anders, als sie aus meinem Mund kamen. Und meistens wusste ich nicht, was ich wie sagen sollte, also klopfte ich Sprüche. Aber Yugis Ehrlichkeit erwischte mich irgendwo, wo meine Sprüche und meine Wut nicht hinreichten.
»Ja, meine auch«, antwortete ich, »sozusagen.«
»Mh«, brummte er.
»Willst du – willst du es lernen?«, fragte er.
»Hä?«
»Das Spiel? Das Kartenspiel meine ich.«
»Ich glaub nicht, dass ich das kann«, wiegelte ich ab. »Hab nich‘ so’n Talent für so was.«
Er lächelte.
»Ich zeig’s dir. Es ist eigentlich ganz einfach. Also wenn du willst.«
Die nächsten Wochen verbrachten wir jede Pause zusammen. Tristan stieß ab und an zu uns. Dann saßen wir zu dritt um einen Tisch und zockten.
Ich verlor gegen Yugi. Jedes Mal. Aber es fühlte sich nicht so an.
»Du hast echt Talent!«, lobte mich Yugi und strahlte mich an.
Ich zuckte die Achseln, fuhr mir durchs Haar und grinste den Tisch an. Tristan klopfte auf meine Schulter.
»Ja. Das war keine schlechte Strategie. Für einen Schimpansen«, bemerkte Kaiba, als er an unserem Tisch vorbei ging und sich in die letzte Reihe hockte. »Obwohl das sicherlich eine Beleidigung wäre. Für den Affen.«
Er öffnete eines seiner Schulbücher. In der Pause. So ein verdammter Streber.
Ich ballte meine Fäuste. Hitze walzte durch meine Adern.
»Joey, lass ihn«, beschwichtigte mich Yugi und ich atmete tief durch.
»Genau, Wheeler. Hör auf dein Herrchen«, stimmte Kaiba zu und blätterte eine Seite des Schulbuchs weiter.
»Kaiba«, knurrte ich. »Komm her und ich feg dich vom Feld, Arsch!«
»Oh, bitte. So ein Amateur wie du? Das wäre reine Zeitverschwendung.«
»Geldsack!«
»Köter.«
Ich sprang auf. Hinter mir murmelte Yugi etwas. Tristan murrte resigniert: »Nicht schon wieder.«
»Eisschrank!«
»Töle!«
»Reicher Sack!«
»Flohschleuder.«
»Du – du –«
»Deine Eloquenz ist berauschend.«
»Ich stopf dir Elo- die Dings gleich in deinen Arsch!«
Tristan und Yugi seufzten.

Menschen, die das Gute in dir sehen, selbst, wenn du es nicht tust.
Und es gibt die, die sehen in dir das, was andere übersehen.
Es gibt Menschen, von denen du glaubst, sie zu kennen.
Und die, die dein Menschenbild auf den Kopf stellen.
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