Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Herzbeben

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Astrid Hofferson Hicks der Hüne Ohnezahn Sturmpfeil
21.11.2015
19.03.2021
12
67.098
11
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.03.2019 3.505
 
Akt V: Endlos… Teil II
betagelesen von Mleko




… „Hicks?“

Er war müde…

Als wäre sie im Begriff, neue Wirren und Meere zu erschaffen, fühlte er die Zeit an sich vorbeiziehen und er sich wie gefangen im Blätter und Zweige, Wurzeln und Gräser zu Kristall und Eis gefrierenden Stillstand. Es waren die Einbildung und das Empfinden, die Fieberhitze bloß, dass ihm der Regen wie Perlen aus gefrorenen Lichtstrahlen auf die Haut schlug und ihm im nächsten Augenblick die Nässe wie fern und kein Teil dieser Welt mehr wirkte.
Es waren die wilden Flammen um sein Herz, das taub machende Knistern in seinem Kopf und die glömme Glut in seinem Schoß bloß, als Astrids Mund an seinem Hals lag.

„Astrid?“, flüsterte er und es lag Trägheit in seiner Stimme, die er eigentlich klar und deutlich zu richten gedachte, als er versuchte, sich wieder etwas aus jenem schonungsvollen Erliegen seiner Seele zu rühren.
Wassertropfen hatten sich an seinem Wimpernkranz gesammelt und Hicks dachte zu blinzeln; an ihm die Wirklichkeit zerrend, etwas aus ihm saugend… Einmal mehr zog er Astrid näher zu sich heran, fühlte sehnsuchtsvoll und seltsam kraftlos ihre heißen Atemzüge an seinem Ohr. In Pulsen das dargebrachte Vertrauen der jungen Frau unter seinen Lippen.

Hinterlistig erwischte ihn dieses leise Gefühl der Gebrechlichkeit, als er seinen Kopf erhob, und er schloss sogleich wieder seine Augenlider. Seine Gliedmaßen schmerzten, als ummantelten sie die kalten Finger eines Fluchs, dass es ihm unmöglich schien, durch den schmerzhaften Reiz das nächste Stechen in diesen stillzuhalten. Seine Arme zitterten, als er dann beinahe pfeifend die Luft durch seine Zähne stieß. Der Not gehorchend lehnte er seine Stirn gegen ihre Schläfe und verfiel immer mehr dem deutlichen Herzen in seiner Brust, hörte die Stimme der Sehnsucht, die Stimme der Liebe und den Wunsch nach Sicherheit durch seinen dröhnenden Kopf brechen.
Erschauernd fühlte Hicks sich einfach nicht gut, nicht mehr in sich ganz und lauschte japsend dem hinplätschernden Geräusch des Regens, verglich es mit dem tauben Tosen und Rauschen, das durch seine Ohren sauste.
Verzweifelt sprach er mit bebenden Lippen knapp über ihrem Schlüsselbein und seine Finger griffen unter die schwer beschlagenen Lederriemen ihres Kriegsrockes, trafen in bisher ungekannter Manier auf ihr Bein darunter.
„Wir sollten… vielleicht…“
Verbissen keuchte Hicks die tückische Erschöpfung und Schmerzimpulse unterdrückend gegen ihre nasse Haut, fühlte die vielen, aneinander klebenden Haarsträhnen und herablaufenden Regentropfen auf seinem Gesicht.

„Hicks…?“ Ihre Stimme klang rau, so verwundert wispernd über seiner Hand; etwas, das er so forsch nicht beabsichtigte. Ihre Hand entfernte sich aus den vom heftigen Regen gebändigten Haaren an seinem Hinterkopf. Als er krampfte, seine linke Hand wieder fort wandte und spürte, wie sie blutete und weh tat.
Ein Atemzug, er war fast schmerzhaft…

Es fühlte sich für Hicks an, als würde sein Odem einen Wandel erfahren und mit eiserner Hand in sein Innerstes fahren, Schmerz und Verzehren emporziehend nach den hitzigen Fasern seines Herzens haschen.
Er blinzelte der Schildmaid entgegen und konnte die Bewegungslust in ihrem Gesicht erkennen. Das Glimmen in ihren dunkelblauen Augen war unvermindert und ihre perlenverhangenen, geröteten Lippen öffneten sich. Durch das aufgebrachte Heben und Senken ihrer Brust flüsterte die Stimme eines urwüchsigen Teils von ihm, wie es dem Körper vor ihm und der ihm innewohnenden Sehnsüchte nach mehr als nach oberflächlichen Küssen und Berührungen verlangte. Nach mehr als der Hitze eines Mundes und den Händen an Stellen, die Winkel und Ecken eines Körpers zu erkunden, die sie ohne Mühe sie zu erreichen, so schnell kannten. Ausgerechnet jetzt… das machte ihn fertig…
„Ich möchte nur noch einen Moment… um…“

„Was…?“ Irritiert sog Hicks einen Schwall von der feuchtkalten Luft in seine Lungen, als die Hand an seinem Gesäß stark zudrückte und ihn an sich drückte, dass er mit einem Schlag auf eine Art und Weise auf ihren Körper gezwungen wurde, die ihn vollends unvorbereitet erwischte.

Er stöhnte auf und sackte, aus sogleich total erschreckendem Reiz, auf Astrid nieder, krampfte nach Atem ringend seine Finger und rammte die Faust in auseinanderfallende Rinden. „… dich nicht vergessen zu lassen, wo wir waren“
Die spitzen Metallbeschläge ihres Kriegsrockes rieben aufgrund des Beines, das sie direkt in seinen offenen Schoß stieß, durch das nasse Leder an seiner Lende, dass er um ein Haar aufschrie.
„Und für deine Frechheit vorhin, als ich am Boden lag… du erinnerst dich? Das wird noch ein Nachspiel haben.“

„Das?“, atmete Hicks scharf ein, als eine unlautere Berührung über seinen Schoß zog, indes Astrid ihr Bein wieder bewegte, ihre Hand zwischen ihre Oberkörper zwängte, diese an seine Leistengegend legte und durch die Hose hindurch Druck auf sein Fleisch ausführte.

„Ich sollte nackt ins Wasser springen, so deine Worte.“, wisperte sie, ihren Oberkörper erhebend und ihre Lippen nahe den seinen bringend. Hicks seufzte auf, kniff die Lider fest aufeinander und atmete ausgelaugt.

„Oh, komm schon…“, zischelte er und fühlte die Berauschung durch seine Adern jagen, dass er geräuschvoll seine Lippen öffnete.

„Das ist noch lange nicht aus der Welt.“

Da lächelte er fast wieder und fühlte sich durch die Finger in seinem Schoß schwach, fühlte sich durch die Finger an seinem Fleisch beben, dass er ihre Schultern ins feuchte Laub presste. Doch noch lange nicht dahingetrieben, dass er auf Astrids verwegenes Lauschen in ihm und Lippen, die sich fest an seinen Hals hefteten, nichts mehr zu antworten wusste.

„Ja, das hoffe ich doch“, raunte er mit dunkler Stimme und beendete die herbe Tuchfühlung Astrids, schnappte nach der Hand an seinem Schritt und führte sie zu ihrer eigenen Körpermitte, ließ seine Finger über ihre feinen Glieder ziehen.
„Aber sag… Astrid“, fing Hicks an und seine Lippen berührten ihr rechtes Ohr. „Befindet sich neben all der Lebendigkeit auch noch ein kleines bisschen Unschuld da?“

Und Hicks war sich nicht sicher, ob er sich den Moment, in dem er sich wieder von ihrem Gesicht entfernt und geglaubt hatte, sie verwundet und sich eine Frage stellend aufstöhnen gehört zu haben, nicht nur eingebildet hatte. Doch ihm war, als hielt er mit den Worten mir nichts, dir nichts ihr Gelenk zwischen seinen Fingern, auf das er sein Gesicht sank und mit einer sachten Berührung seiner Lippen das disharmonische Begehren und Zucken zum Stolpern gebracht, als hätte er versucht, das Atem wieder zuzulassen.
Mit einem Mal hatte sie ihr Gesicht zur Seite gewandt.

„Das ist, was ich… Du hast mir nicht…“, antwortete sie innehaltend. „War das zu viel, Hicks?“, fragte sie ihn zach, ihn durch die Dunkelheit in sein Gesicht sehend. Ihr schneller Atem verrauchte ihre Stimme und Hicks weitete erstaunt seine müden Augen. Selbst durch die Arme des nächsten, beißenden Schwindelstoßes, der auf einmal in seinem Nacken saß, merkte er, wie Astrids Stimmung sich änderte.
Sie wurde verhalten und gefühlsbetont.

„Nicht annähernd… Astrid, es ist nicht der Hauch eines solchen Gedankens, du… verstehst wie ich… es ganz falsch… “, meinte der Wikinger. Sie waren so schrecklich unbedarft, er ihretwegen, sie seinetwegen… Hicks war einfach nur noch geschafft. Er seufzte, als er seine Worte nur als ein durch die Lippen gestoßenes Geräusch der Verwirrung vernahm und wollte sich auf bewegen, als sogleich die Anstrengung in seinen Armen ihn ungewollt laut, schmerzhaft aufstöhnen und mit den Zähnen knirschen ließ.
Verspannt beugte er sich vor, um sein Gesicht tief seufzend in ihren Haaren zu verstecken und mit seinen Lippen kurz ihre von Strähnenflüssen überzogene Stirn zu küssen.
Unangenehm berührt wurde er sich seiner Position dabei bewusst, wie er über ihr kauerte, auf seine brennenden Arme und Beine um sie herum gestützt und sein Rücken wie zu einer zittrigen Bogensehne gespannt. Wo es war, als könnte er die donnernden Schläge ihres Herzens fast in seiner eigenen Brust spüren. Es waren die unsichtbaren Zügel aus ihrer Hand in seinem Besitz und unwiderstehlich, schon ziemlich gefährlich um seinen Hals gelegt worden. Eine Verlockung, die er so gerne endlich zu Ende auskosten wollte.
Ungestört, dachte das künftige Stammesoberhaupt und spürte schon fast die Unfreiwilligkeit im Blick des Nachtschattens wie glühendes Gestein in seinem Genick.
Wiederholt seufzte Hicks.
Es war schon echt entsetzlich, wie launische Momente wie dieser ihm den Himmel bereiten oder einfach nur noch den Rest geben konnten. Vor Jahren hatte sein Vater ihm mal gesagt, dass Frauen wie die Natur und wie all ihre Wunder wären. Vor allem aber launisch wie das Wetter. Und auf Berk gäbe es nur schlechtes Wetter. Die Sonnenstrahlen wären selten und schwach und wenn ihn mal einer berührte, sollte er alles tun, um diesen nie wieder aus den Augen zu verlieren, selbst wenn Tage kämen, an denen er ihn nicht sehen würde.
Aber Hicks´ Sonnenstrahl war weder selten noch schwach, sondern einzigartig und stark. Er schickte so oft sein Licht aus Goldfäden auf seine Haut herab und ließ ihn immer wieder das reine und wolkenlose Blau des Himmels erblicken. Nur launisch, das war Astrid dafür wohl umso schlimmer und sein sich in dem Wald findendes Gemüt selbst nicht mehr davon befreit.
Er lachte leise auf.

„Hicks, hör besser auf, denn ich könnte dich grad echt prügeln“, setzte die junge Frau mit einem Mal an.
Sie murrte, vermutlich wütend, vor sich hin, ehe sie für einen Augenblick verstummte.
„Und du weißt, dass das kein leeres Geschwätz ist“, sagte sie. Der Klang ihrer Stimme in seinen vom Regen und Schwindel betäubten Ohren war leicht merkwürdig, bösartig und herausfordernd. Er brachte seinen Körper ein Stück auf, ihren Mund seinem für einen Augenblick sündigend nah, als sie sich während seiner Regung einander direkt in die Augen sahen.
„Aber du, Hicks, du kannst nicht grob sein. Du wirst mir nicht weh tun“, wisperte sie ihm zu und ihre Augenlider flatterten kurz zu, bevor er ihren Atem durch seine Lippen schmeckte. „Und weißt du außerdem; ich bin nicht wie du… Ich werde… dich an deine Grenzen treiben“
Mit starrem Blick verharrte Hicks und biss sich auf die Unterlippe, als dann der Mund der Schildmaid an seinem Kiefer entlang wanderte.
„Ich will dich in meiner Hand und du musst nicht mal darum flehen. Also?“

Mit einem Keuchen fielen dem jungen Mann die schweren Lider zu. Er spürte ihre Zähne auf seiner Haut kratzen und dachte, sie beabsichtigte ihn noch zu beißen.

„Geht es dir noch um Rache?“

„Vielleicht ein bisschen“, meinte sie und Hicks spürte, wie sich ihre Finger auf seinen linken Oberarm legten und mit den Spitzen unter seinen Schulterschutz krochen. Er fühlte den nasskalten Kontakt, das schroffe Schmieren unter dem abgewetzten Stoff und dass stechende Schmerzimpulse sein Empfinden überrannten, bis der Druck sich mit einem Mal intensivierte. Er warf den Kopf zurück und verlangte heftig nach Luft.

Mit einem erschrockenen Laut nahm Astrid ihre Hand zurück. Doch als Hicks zu beben anfing und sich schließlich auf seine Beine zog, halb seine Augenlider hob, packte sie nach seinem Kopf und strich fahrig durch seinen Haaransatz, sah ihm eindringlich in das Gesicht. Sein Blick ward zittrig.

Kaum, dass er stand, spürte er in seinem Körper einen urplötzlich fallenden Fluss an Kraftverlust.

„Hicks?“

Er blinzelte ein wenig… verzweifelt, wie immer unscharfer sich ihm seine Umgebung hinter einem Wimpernschlag auftat. Hicks schlotterte, wenngleich das Brennen in seinen Gliedern zunahm und schwankte. Die Prothese unter seinem Stumpf klapperte… Sie sagte etwas… Hicks´ Gesichtsfeld wurde dunkel und er taumelte zur Seite, fest gepackt bei der Schulter und gegen irgendetwas gedrückt…

In seinem Kopf herrschte nur Rauschen…

Eine Hand berührte seine Stirn und als er die Augen für eine Weile öffnete, stand sie sich um ihn kümmernd neben ihm; er mit der Seite an den Baum gelehnt. Nach Luft japsend stützte Hicks eine Hand an seinen hämmernden Schädel und wollte sich nicht länger auf den Beinen halten. Er fühlte sich so schwankend unter Astrids Blick, fühlte mit Ekel unterdrückender Miene eine Übelkeit in seinem Magen, dass er zu bitten und flehen begann, ihre Nähe mit einer lassenden Handbewegung unterband und wankte um einen vorsichtigen Schritt von ihr.
Vor seinem inneren Auge erwachten wallend brennende Visionen. So viel Rot auf Haut, so viel Hitze, so viel Schmerz.

Er wollte nicht, dass ihm das vor ihren sehenden Blicken geschah. Dass sie ihn sah, sah, wie wieder mal im Regen und Streit mit sich, im erholungslosen Sturz, Krankheit und Gift durch seine Venen jagte.
Da trat die Schildmaid nur schon wieder, so wie sie war und sein Geheiß ignorierend, um ihn herum.

„Nein…“, murmelte der junge Mann schwach und hustete, schmeckte den vergessenen Geschmack von Blut. Seine Brust zog sich so schmerzhaft und verängstigt zu, als versuchte sie ihm seinen Lebensodem zu stehlen. Er schnappte angestrengt nach Luft und sie fasste mit sorgenvoller Geste nach seinem Gesicht. Das aus der Bewegung entstehende Gefühl, die belastende Sehnsucht nach Erlösung verführte Hicks fast dazu, mit seiner Stirn gegen ihre Schulter zu krachen.
„Ich will nicht…“

„Hicks?“, sprach sie ein weiteres Mal in sein ihr zugewandtes Gesicht, in ihren kummervollen Augen die Überbringer von erbarmungsloser Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. „Hicks, was ist los?“
Er fiel…
Schwach und dunkeltrunken spürte er ein leidvolles Lächeln sich um seine Lippen legen, es ihm plötzlich seine Kraft rauben, und entmutigt, schwindelig vor Schmerzen und Hilflosigkeit, verlor sich der junge Mann.

„Ich… Astrid, meine Seite… alles… tut weh“

Hicks hörte Astrid einen erschrockenen Laut ausstoßen, derweil sein Körper in die Schwere einer Leichtigkeit fiel und seine Beine ihn einfach niederbrechen ließen. Geistesgegenwärtig hatte sie ihre Arme um seine Seiten gestreckt und Astrid war zwar stark, aber seinen Körper konnte sie trotzdem nicht tragen, so überrascht schon gar nicht.

Mit den aufgeschlagenen Knien im schmutzigen Nass waren ihre Nähe und Wärme es, was ihn vom schrecklichen Körperempfinden geplagt und erschöpft, seine umnebelten Gedanken behalten ließ. Denn ihm war kalt, viel zu kalt in dieser Hitze, die er verzweifelt doch erfahren hatte, mit Lippen und Händen gesucht und in ihrem Atem und Erhebungen gefunden hatte, und empfand unerträgliche Scham dafür.
Ginge es ihm nicht so miserabel, vielleicht… Ja, vielleicht täten sie gerade anderes… und… Könnte es ihm damit eigentlich noch schlechter als ohnehin gehen?

„Bitte…“, flehte er aus tropfenden Lippen, die ratlose Stirn über ihrer linken Schulter. Schmerzhaft und den Tränen nah wurde Hicks sich bewusst, wie oft schon er diese Form der Aufgeschmissenheit gefühlt hatte. Nur die Worte in seinem Kopf, sie wurden zu Schatten und gaben den Lauten aus seinem Mund kaum noch Sinn, als wäre er schon völlig im Fieber.
„Bitte bleib. Ich…“, flüsterte er aus der Angst, verheerend versagt zu haben, nicht mehr ganz bei sich. „Sei mir nicht böse…“
Sich krampfhaft besinnend zwang Hicks seine Augenlider auseinander und starrte mit schummrigem Blick in das erbarmungslose Fließen. Es war, als fiele er mit den Wassermassen, die durch die hohen Felsen und Büsche rauschten, hinab in die Dunkelheit. Das zerronnene Licht des Mondes schwankte in den Wellen des Sees, die so stark über das flache Ufer schlugen, dass sie ihre schmutzigen Beine umspielten. Der Kälte Ruf griff immer tiefer durch seine Glieder, so tief, dass er sogar über seine mitgenommene Haut erst nicht mitbekam, wie Astrid probierte, ihn von sich hochzukriegen. Er lag einfach in ihren Armen und jaulte.

„Entspann dich, Hicks… “ Mehrmals murmelte sie leise seinen Namen und entschuldigende Worte an sein Ohr, als er beim Kontakt ihrer Hand mit seiner Haut aufzuckte. „Loslassen…“
Mit sachten Bewegungen rüttelte sie ihn aus seiner Schläfrigkeit und Hicks spürte, als er seine Augen einen Moment öffnete und mit dem vertrauten Gefühl ihrer warmen Haut auf seiner Wange in das Antlitz Astrids aufblickte, wie ihre Finger sich achthaben um seinen rechten Oberarm regten, am zerrissenen Stoff zogen.
„Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt… ich habe nicht gewusst…“, wisperte sie und ihre Hand legte sich über seine Stirn. Es fühlte sich ungewöhnlich warm an und so war es immer, wenn er nicht weiter wusste und sie verstand instinktiv, wie sie es zu tun hatte… einfach sie zu sein. Nach abertausend schwindelerregenden Gehirnwindungen, in verselbständigten Gedanken durch Kontakt mit sich und einem emotionalen Chaos aus undurchschaubarem Mauerwerk, das die Frage nach seinem eigenen Ich in ihm erbaute, brachte sie ihm so oft schon das letzte Puzzlestück. Ein Stück von sich, das ihn erkennen ließ.

Und dieses Mal strahlte das Teilstück mit aller Klarheit, deutlich wie das Licht des Sonnenscheins im Lied des Mondenscheins. Sie war das Ende der Zuflucht, von all seinen Freuden und Freunden der letzte Tropfen, der sein Herz zum Beben brachte.
Es war für ihn nicht auszuhalten, denn auch sie kannte ihn gut, um so viele seiner Verhaltensweisen zu deuten und zu wissen, was in ihm vorging. Sie konnte das so gut… wenn sie wollte und er wollte schreien, fragte sich inständig, wieso er zugelassen hatte, dass es nun wieder vor seinen Augen zu brennen begann; das tiefe Martyrium… in seiner Seele.

„Tut mir leid…“

Er verzog die Augenbrauen, der Wind war so kalt in seinem Gesicht und er fühlte sich beobachtet. Drachen…

„Hicks…? Hey, Hicks!“

„Hm…“

Ein warmer Hauch reizte seine Haut, ein Stoß berührte seine Wange und sein Kopf zwang ihn unartikulierte Töne von sich zu geben, doch etwas, irgendetwas neben ihm lauschte… rauschte… schnaubte laut.

„Bleib – versuch nicht wieder ohnmächtig zu werden, ich muss…“, japste Astrid, ihre Worte gerade noch so für ihn verständlich, während sie ihre Hände gegen ihn stemmte und der junge Mann ächzte, zermürbt und überrascht.
Er hatten nicht mitbekommen, dass er… Aber er glaubte Astrid sofort, als er merkte, wie die gegen seinen schlaffen Körper ausgeübte Bewegung an sein schwaches Bewusstsein stieß, dass die Anstrengung an der Wahrnehmung allein drohte, ihn auf der Stelle wieder wegtreten zu lassen.
Nach dem Kämpfen und nach dem Weh, das sie sich von der Seele geschrien hatten, hatte er die Hitze und Nässe seiner Haut und den Schmutz an ihr vergessen. Seine Verletzungen…

In diesen Gedanken wurde Hicks zurück in die kaltnasse Wirklichkeit gerissen und er schrie einen Schmerzenslaut aus, als Astrid fest gegen seinen Arm schlug.
„‘tschuldige…“, keuchte sie ihm flüchtig am Ohr vorbei, während er sich mit dem Schmerz aufbäumte und sie den kurzen Halt von ihm nutzte, um ihn von sich zu schieben. Verärgert wollte er seinen Kopf heben und die Schildmaid verurteilend ansehen, wandte doch umso überraschter seinen schemenhaften Blick von ihr ab, als er eine schattenhafte Bewegung im dichten Regennebelschleier zu ihrer rechten Seite ausmachte.
Verdutzt und mit in seinem Hals steckenden Schrecklichen Schrecken blickte er in ein Paar leuchtender Augenpaare. Wie sie jede gliederstreckende gute als auch schlechte Wirkung verfolgten. Es den sinnesumschwindelten Wikinger in ihr Gesicht zurückziehend war da zuerst ein heftiger Atemzug, der seine Luftzufuhr unheilvoll reizte und sein Blick glitt herab, auf ihre vor ihm ausgestreckte Brust.

„O-Ohnezahn!“, entgeisterte sich Hicks in das grummelnde Gesicht des Nachtschatten, der seinen Namen vor seinen Augen zur Ehre trat und drehte schon wieder seinen Kopf. Astrid hatte ihn am Arm gepackt, zerrte ihn auf die Knie und motivierte ihn einen Schritt zu gehen…

„Es nützt nichts, wir mü-“, erklärte Astrid, als Hicks noch vor einem sicher gesetzten Schritt weg sackte.
Er fiel aus ihren Händen und krachte nieder, die eisige Welt um seine Sinne ein in Düsterheit rauschender Wasserreigen, dreckig und übelschmeckend. In Ekel zappelte der junge Mann sich auf seine zitternden Arme und jede zuckende, brennende und pochende Qual in ihnen. Raugemein hustete und würgte Hicks sich das widerwärtige Wasser über die Lippen, zwang sich die sich so
verbraucht anfühlende Luft aus dem Körper, um japsend nur nach neuer zu verlangen und sich einzubilden, wie etwas aus der eisigen Tiefe, in der er bis zu den Oberarmen stand, nach seinen Schultern packte… als sein Körper langsam nachgab…

Dunkel vernahm er, wie er mit dem Rücken gegen eine kräftige Form prallte… von einem Freund gestützt und von Händen umfangen. Finger zerrten kraftvoll an seinen Ärmeln, rissen Stoff nur noch weiter auf. Die Berührungen waren sanft… schmerzhaft? Sie erreichten ihn nicht mehr.
„Hicks…“
Fahrig war der Griff nach seiner Stirn, sein Gesicht bereisend und seine scheren Augenlider flatterten, als da ein Paar kalter Wassertropfen war, das auf diesen zersprang. Er war zu müde… um sie zu öffnen.

Er hörte ein Drachengrummeln, spürte schwach, wie es seinen Oberkörper schüttelte, worauf sein Blickfeld sich dürftig lichtete. Als er in ihre aufgewühlten Augen schaute, kam er nicht drumherum, sich schuldig zu fühlen. Seine Lippen zitterten, ein Finger unterband die Worte… die nicht mal er verstand.
Er fühlte ihre Hand dort, wo der anfängliche Puls des Schmerzes ihn nun endgültig niederzwang, ihre vertrauten Fingerspitzen unruhig und gehemmt über seine heiße Haut, sein blutiges Fleisch streiften. Und er blinzelte wieder, streckte zögernd seinen Arm aus…
Das Geschehen um ihn zog verschwommen vorbei, kam mal zögernd um ihn ins Stocken oder wurde so schnell, dass er sich nur hinter der versprechenlosen Schwärze seiner Lider noch mal in ihr halten konnte.

Seine Hand traf auf ihre rechte Wange und als er ihr das letzte Mal in das helle Gesicht sah, bemerkte er durch die Dunkelheit seiner trägen Augenlider schwindend, wie die junge Frau mit einer kurzen Bewegung ihrer Hand wohl Sturmpfeil abschüttelte, die unruhig durch die verregnete Gegend watschelte, zu einem Seidenfluss aus Bläue verschwamm.

„Wir fliegen nach Hause, Hicks.“, sagte sie sanft, begleitet von einem noch viel sanfteren, gar scheinhaften Kuss, dringend durch die berauschende Hitze seiner Stirn und letzten Gedanken der Schwere hinter dieser, als ihm die Augen zufielen…
________________________________
Ich freue mich selbstverständlich über jedes Review, knappe Worte als auch konstruktive Kritik. :)

- Ankh
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast