Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Herzbeben

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Astrid Hofferson Hicks der Hüne Ohnezahn Sturmpfeil
21.11.2015
19.03.2021
12
67.098
11
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
13.11.2018 6.363
 
Akt III: Flammen und Wind
betagelesen von Mleko


Der Wind, der pfeifend die Haut seines Gesichtes streifte, als die Kollision mit Astrids Axt die Sänfte der Nacht um sie geräuschvoll in Aufruhr versetzte, sagte es ihm, zu vorhersehend und schmerzvoll. Er würde keine Chance haben. Wie die fließende Konfrontation, die sich soeben strahlend und gefährlich aus seiner Hand löste und ihn mit inniger Wucht durch den Matsch stolpern ließ, spürte er das Gefühl der Aufregung, diese unerträglich durch sein Blut wütende Wallung, die seinem Körper den Anstoß versetzte… sich zu vereidigen.
Doch mit welcher Waffe, welchem Schwert, welchem Schild hatte er seine Seele verbunden? Wo seine Art des Behauptens aus seinem Herzen floss, es sein Denken milderte und die richtigen Worte über die Zunge schickte? Wenn es nicht immer möglich war, wählte er doch nie freiwillig den Weg handwerdender Gewalt oder niedergelegten Widerwillens das Manöver aus der Luft zu lenken! Obschon es reichlich Situationen gab, die dies von Hicks erzwangen. Ob gegen die Heimtücke der Berserker oder skrupellosen Geschäfte und Machenschaften der Drachenjäger. Oder den Jagdhunger eines in Not geratenen Drachens.
Und wer wusste schon, wie Viggos nächsten Pläne aussehen würden?
Nur mit dem Gefühl in seinen Händen, wenn er mit ihnen jemanden zu verletzen oder sich selber zu schützen befahl, hatte er sich kein einziges Mal einen können.

Er war nicht wie Astrid.

So oft sie es mittlerweile auch geübt hatten, neben dem Drachentraining, wann immer die Zeit dazu war, und er das Schwert zu führen lernte. Als die Wikingerin ihm vor langer Zeit ihre Waffe zur Kehle gerichtet hatte, ihn niedergerungen, die Luft aus den Lungen gedrückt und ihn in den Strandsand gepresst hatte, hätte er nie zu denken gewagt, dass jemals wieder mehr dahinter stecken würde als eine Lehrlektion.
Keine Wut, keine Schuld, keine Gefühle, die ihre verheerende Bewegung auf ihn lenken würden. Während Astrids Axt an seinem Gesicht vorbeirauschte, die Spur der Gewaltbereitschaft durch mehr als nur den Windstoß getragen auf seine Haut stieß und braune Haarspitzen ihm die Sicht versperrten, hätte er niemals erwartet, einen der auf ihn ausgeführten Hiebe je wieder als so persönlich zu betrachten.

Zuerst hatte Astrid ihre Hiebwaffe langsam geführt, mit kaum Schlagkraft, sodass Hicks schnell klar geworden war, dass sie ihn austestete. Sie war sehr wendig und er parierte gut, setzte sich kraftvoll durch im Gegenzug. Doch bald hatte Astrid das Tempo erhöht und ihre Axthiebe wurden stärker und er war einmal ihrer Klinge nur entgangen, weil sie ihn lachend ihrer Volte hatte ziehen lassen.

Er strauchelte. Schmerz und Erschöpfung zerrten ihn urplötzlich auf die Knie und er stützte sich in die verschmierte Erde. Im ekelhaften Gefühl der zerrupften Grashalme schloss er die kalten, nassen Finger um das Messer in seiner rechten Hand fester.  
Es fiel ihm schwer, die Augen offen zu halten, obgleich jede zitternde Faser seines Körpers ihn eindringlich warnte, nicht unachtsam zu werden. In einer abrupt hochfahrenden Kopfbewegung horchte Hicks nach ihrer grässlich verzogenen Stimme und Kampferfahrung, sah er panisch zu Astrid auf. Er zuckte zurück, als die summende Doppelaxt an seinem Gesicht vorbeiraste und duckte sich unter Astrids Handüberschlag, wandte sich gleichfalls ab.
Umgehend hatte die Kriegerin ihre Axt aus dem knackenden Baumstamm gerissen und stand ihm angriffslustig, erregt atmend, neu gegenüber. Sie neigte ihren blonden Kopf beiderseits und das wilde Haargeflecht hüpfte auf ihren Schultern. Süffisant schwang sie die Doppelklinge und Hicks tastete vorausahnend über sein Hosenbein.
Arg Lieblichkeit und ihrer Mitfühlbereitschaft, seine verborgene Erlaubnis und Freiheit, er zu sein, vermissend, schickte er sich wieder auf.

Sie rannte auf ihn zu.

Seine Hand fasste durch die Lederriemen nach dem zweiten Messer in seiner Beintasche.
Keuchend trat er beiseite, aus dem Weg eines zügigen Schlags und konzentrierte jeden Instinkt und Gedanken seines Seins auf nur noch eins.
Raschelnd verkeilte sich die kleine Waffe in seiner Hand mit der ihren und unter Stöhnen protestierte er gegen die nächste Attacke. Eine Bemühung, die fast alles von ihm forderte, das er sich über die Jahre an Kampferfahrung aneignet hatte. Die Klingen kurz zur Brust gekreuzt sahen sie sich ernst in die Gesichter.

Er hatte viel gelernt.

Hicks wusste mit einer Stich-, Hieb- sowie Schusswaffe umzugehen, die meisten Handgriffe zur körpereigenen Notwehr und wie wichtig Besinnung war, wenn der Körper vor Schmerzen schrie. Er kämpfte passable, doch nur, sobald es um Astrid ging, büßte er ein. Es wurden auf die eine als auch die andere Weise die Trümmer einer immer mehr bröselnden Maskerade mit erschreckender Wucht von ihnen gestoßen. Und nicht jeder Blick, der durch die Mauern zu ihnen drang, war ihnen friedlich gesinnt.
„So viel Angst davor, richtig zuzuschlagen?“, bemerkte er prompt Astrids Stimme und den stechenden, tief vordringenden Ton in ihr. Fiebernd spürte er die Energie in seinen Armen der Verzweiflung weichen, als er seinen zweiten Dolch gegen ihre Waffe setzte.
Surrend rutschte die Axt über die Klingen, schlug beinah auf seine Finger, sodass er sie mit einer ruckelnden Gegenbewegung einfror.
Er knurrte zerschlagen, seine Lippen bebten und rissen. Seine Muskeln schmerzten unsäglich und trugen ihr Zittern auf seine geführten Klingen. Es war erbärmlich. Seiner meisten Kampferfahrung war er unter Astrids Fittichen begegnet. Diese war mit ihren Trainingsmethoden alles andere als zimperlich und scherte sich nicht um Rücksicht auf wund geschürfte Haut, was auch für ihre eigene galt. Um ihn aus sich zu locken, reizte sie ihn, bis er im Eifer des Gefechts endlich tat, was zu tun war, um nicht umzukommen. Er wehrte sich, schlug und trat zurück. Und es hatte diesen einen Tag gegeben; da hatte Hicks sie getreten. Reflexartig, brutal und dazu mit dem gemein einschlagenden Klapperatismus seines Ersatzbeins. Niederfallend hatte Astrid nach ihrem Knie gegriffen, ihre Finger waren urplötzlich mit Rot verschmiert und –  dies würde Hicks nie mehr vergessen – zu schreien angefangen, als würde mörderisches Unheil auf martervollste Art und Weise ihr die Knochen aus dem Leibe brechen. Ihn hatte ein unfassbar schlechtes Gewissen geplagt. Mehrere Tage hatte Astrid nicht gehen können und Hicks hätte am liebsten noch lange Zeit danach seine Verunsicherung und Wut auf sich aus sich geschrien, ihr derart weh getan zu haben.
„Jetzt nutze schon deinen Vorteil, du als Mann“

„Zwing mich zu“

Er wollte ihr nie mehr antun müssen als Ellenbogenhiebe und vom Schwert verlotterte Stofffetzen. Er wollte sie nicht verletzen. Diese Erinnerungen, Gedanken um Können und geschulte Instinkthandlung unter seiner Haut waren allerdings auch, was ihn in diesem Moment behände reagieren ließ. Das Sirren hören; das Wackeln spüren und den gefährlich beirrenden, ihn gerichteten Schlag noch rechtzeitig erahnen.
Angestrengt blickte Hicks in das Gesicht der jungen Frau und die geschärften Züge auf diesem. Jede Feinheit ihrer Gestalt wirkte wie verzerrt von dieser Härte, die Astrid ihrem Gemüt abverlangte; einem Inneren von gefesselter Zerbrechlichkeit. Wenngleich er umso besser und vor allem jetzt von ihrer muskulösen Kraft wusste.
Schweißperlen glitzerten auf ihrer Haut. Ihm tropften sie aus dem Haar. Das Mondlicht vertrieb die huschenden Schatten um sie und verlieh den Haaren der Schildmaid einen silbernen Glanz. Flackerndes Schimmern umfing ihren Körper und jede Bewegung, rührte sie auch nur aus einem Atemzug, den sie zum gehässigen Lachen nahm.
Während dieses Bild sich in Hicks´ Sinne zeichnete, ließ ein Schlag in den Bauch ihn im nächsten Moment aufkeuchen. Fast wäre Hicks zurückgewankt, als er mit ihr ringend, mit dem Oberarm oder seiner Schulter Astrids Faustschlag trotzte. Ihre Klingen steckten nach wie vor ineinander.

Als hätte Astrid sein Schwanken bemerkt, wurde der Druck gegen seine Waffen deutlich stärker, dass er auszurutschen drohte. Ein Schaudern durchlief und schüttelte ihn, setzte ein Gefühl in seine Brust, das bis in seine Arme strahlte und seinem Magen Beklommenheit bereitete. Schon wieder.
Entgeistert starrte er der jungen Frau ins Gesicht, als sein Puls noch höher schlug und zitternde Fasern seines Körpers erwischte.
Wieder spürte er dieses warme Prickeln, wie es sich aus seinem schaudervollen Inneren vorkämpfte und über seiner Haut ausbreitete. Ein wundersames als auch beängstigendes Gefühl, das ihn sich nur wieder wie ein Volltrottel benehmen lassen würde, indes er durch die Form jener Einschüchterung fiel.

„Wie viel muss noch folgen, bis du merkst, dass der nächste Zug eigentlich deiner gewesen wäre…? Sag schon, wieso tust du nichts?“
Hicks tat einen angespannten, stockenden Atemzug, ehe er wundernd sein Gesicht verzog. Ihre Stimme klang so angreifend, wie wohl auch seine ziehenden Muskeln ihn am liebsten überreden würden, einfach nur kleinbeizugeben.
Er dachte nicht daran.

„Weißt du … ich hoffe doch sehr, dass einer von uns noch weiß, worum es eigentlich geht. Ich könnte ernsthaft in Betracht ziehen, meinen Zweifel zu hegen.“
Sein Blick traf den ihren und er las aus ihren Augen, in denen er gewiss viel erkennen konnte und im Augenblick nichts als Wut und den Wunsch sah, auf schneidende Art und Weise bis in sein Herz vorzudringen.

„Du Schafskopf, warum glaubst du, kämpf-“
Ihr Wutschnauben verstummte, als er um einen Schritt zurückwich und die gebotene Sekunde vor dem erneuten Aufeinandertreffen ihrer Waffen nutzte, um sich in eine sicherere Position zu stellen.
Das Licht des Mondes verblasste, als dieser hinter den vorbeiziehenden, von der Nacht schwarzgefärbten Himmelsschleiern verschwand und alles um sie von ernster Düsterkeit übermannt wurde.
Hicks´ Sicht war unvermeidlich schwammiger geworden und er hielt die Luft an. Roher Schwung brach die Verkeilung ihrer Klingen, doch nicht von ihm aus.
Er trat rückwärts. Ein herzloser Lufthauch rührte die sich bildende Spur einer versierten Vorahnung auf seiner Haut und er reagierte. Abrupt und abwehrbereit setzte er seinen Arm vor.
Harter Stahl erklang im Zweiklang, als ihre Waffen sich wiederholt trafen und er Astrids Axt wie eine unsichtbar gewordene, fließende Bewegung der Nacht in der kühlen Luft wahrnahm. Selbst, dass es sich anfühlte, als schien die Anstrengung anzufangen, schlimmste Schründe durch seinen geschwächten Körper zu reißen, ließ ihn nicht nachgeben. Als er im nächsten Moment in das hübsche Antlitz vor seinem eigenen blickte, konnte ihn nichts aufhalten, sich ihr mit anheizender Absicht näherzubringen.

„Warum? Milady – sagt Ihr es mir!“

Sein Fehler. Wusste er doch, wo raschelndes Geflüster Gehör erreichte und Drachenschatten durch Unterholz schlichen, galt es für ihn, ganz gleich wie viel er über jene Wesen wissen sollte, niemals unvorsichtig zu werden. Dies stand für die kampfaffine Frau mit gleich lodernder Natur in ihren Adern an ebenso oberster Stelle. Aus der Seele, die in entfachten Flammen stand, sprachen nicht nur Fauchen und Krallen.
Es blieb ihm nicht die Zeit, sich über diesen dummen Missgriff zu ärgern.
Mit einem Aufschrei stampfte Hicks durch den Morast, als der zornige Druck gegen ihn urplötzlich schwand und Astrid verschwunden schien.
Er rappelte durch das Gewächs. Blättersang rauschte in seinen Ohren. Er wandte sich erschrocken um, sein Geschichtsfeld schaukelte.

Da schrak er zurück.

Die Schneide streifte ihn beißend, schlug im nächsten Moment an seinen Hals.
Überrascht keuchte Hicks auf und landete augenblicklich mit den Knien im Dreck, als Astrids Bein in seine schmerzende Seite stieß. Sein Körper zitterte und der unvermittelte Schwindel in seinem Kopf wollte trotz aufsuchenden Blickes kaum abebben.
„Verdammt, Astrid!“
Schon wieder sah er sich mit jener Angelegenheit an seinem Hals konfrontiert. Die flache Seite der Klinge wackelte nervenaufreibend auf seiner Haut, dass er aus heller Aufregung unter ihr zu bluten anfing.
Ihm war klar, er hatte es provoziert. Trotzdem, gelöst vom schnellen Fortziehen, fand die Erkenntnis in ihm schonungslosen Einzug. Astrid stand vor ihm und vollführte einen Streich, der im selben Augenblick in seinem Blut Hitze und Flammen aufleben ließ. Stöhnend brachte Hicks sich auf und Astrid keuchte verärgert, als er mit dem Ellenbogen die Axt aus ihrem entschlossenen Griff rüttelte.
Das Blut rauschte in seinen Ohren und er kroch durch die Äste des dörren Strauchs, wich zurück ins greifende Dickicht. Es käme einem Witz gleich, hätte Astrid sich von diesem Kniff ablenken lassen. Doch nur noch mit Mühe schaffte er es, sich aus den charaktertypischen Axthieben Astrids zu wenden oder ihre rüstigen Streiche aus der Dunkelheit vorauszuahnen. Er wurde müde. Vor seinem Blick flitzten ausschließlich Schemen.
Dem Trampeln durchs Gestrüpp horchend lenkte er den Dolch in seiner rechten Hand unsicher und grade dann stieß er gegen eine klebrige Konifere. Ihm stockte der Atem und als er niedersackte, biss ein Windzug in seine rechte Wange. Mit unerwarteter Wucht wurde ihm der Gegenstand aus der Hand geschlagen und er spürte, wie scharfer Stahl durch die Haut seines Armes glitt.
Zischend sog er nach Luft, seinen gewarnten Kopf hebend und unverzüglich nach der geworfenen Axt suchenden Hand der Schildmaid greifend. Kraftvoll zog er an ihrem Arm, dass sie neben ihm ins Gebüsch stürzte.
Stracks rollte er sich durch die Äste und saß über Astrid, drückte ihre Arme in das plätschernde Wasser, das unweit von ihnen über den Steinhang ins Tal strömte. Auf den feuchten Steinen sichtete er seinen verlorenen Dolch und Hicks gluckste erfreut, ob der Messerschneide, die er der jungen Frau dabei längst an den Hals drückte. Mit keuchendem Atem lag sie da, sich missgelaunt windend, ihm die Nässe ins Gesicht spritzend. Sollte sie machen … aber einmal war er es, der die Kontrolle hatte. Noch immer spürte er sein Blut wallen, krächzte zehrend nach Atemluft.
Astrid beäugte ihn giftig.

„Na endlich“  

Ihre Worte erzielten eine sofortige Wirkung, als ob genau das es gewesen wäre, was sie die ganze Zeit aus ihm herauszuholen versucht hatte. Hicks konnte es nicht glauben und Widerstreiten schwemmte seine vom Kampf voll umfangenen Sinne. Aufgebracht stieß er mit den Knien in das fließende Gewässer.
„Ehrlich“, murrte Hicks. Er beugte sich vor und berührte mit der Hand ihren Hals, die kalte Klinge auf zarter Haut. Walhall, diese Frau, dachte er verärgert, doch ihr zorniges Angebot reizte ihn ungeheuerlich. Also wollte sie förmlich Rauch atmen?
In einer Welle von Körperwärme hatte er ihr Gesicht in seinen Händen; die glatten Strähnen aus ihrem gelockerten Zopf zwischen den Fingern. Seine Lippen ihrer Haut so nah, um festzustellen, wie schnell ihre Atmung geworden war, wie auch ihr Herzschlag. Ihr Bein presste sich etwas zu heftig in seine Lende. Und ihm war zu fluchen, denn jener Moment seiner Überlegenheit und Stärke löste mit Aussagekraft etwas in ihm aus, was er im Augenblick nicht gebrauchen konnte. Hinzu kam, dass es seinem Körper wirklich nach ihr verlangte, schon lange.
Aber er hatte sein Haupt nicht gesenkt, um mit diesem Feuer, in dem sie aufgegangen war, zu spielen … nicht ausschließlich.
Er drängte mit der Hüfte gegen die ihre, um wieder aufzustehen und mit klappernder Prothese trat er aus dem Wasser, bis das Laub unter seinem Stiefel säuselte. Hicks seufzte und schluckte, wandte sich halb im Kreis und trat in die fliegenden Blätter, mit den Händen, in einer noch immer das Messer, verzweifelt in der Luft gestikulierend. Doch es nagte an ihm. Es umfing ihn wie Feuer im Wind, das nach der Erde sehnte. Denn einmal mehr, einmal so lähmend wie immer war die Wahrheit seiner Empfindlichkeit an Dinge geknüpft, die er nicht so einfach erfüllen oder sich genehmigen konnte. Weich und auch kalt, wie das Wasser, lockte ihn die mitreißende Flut, denn die Wahrheit war, wovor er sich fürchtete … jener Funken seines Körpers, der ihm nichts raubte, jenem einzig Teil, dem sein Geist es schwer hatte, stets zu folgen.
Und jetzt …?
Hicks hatte Astrid noch genauestens beobachtet, immerhin hatte er nicht einschätzen können, ob sie in nächster Sekunde noch still liegenbleiben oder ihn von sich stoßen würde. Jetzt war sie aufgesprungen und hatte ihren Kopf sowohl aufmerksam als auch angriffslustig auf ihre Schulter sinken lassen. In einem Anflug blanker Wut, den er über ihr Gesicht huschen sah, keuchte sie fassungslos.

Die Schildmaid knurrte: „Bist du des Loki?“

Großartig …


Wissend zuckte Hicks und fuhr sich über seine gerissenen Lippen. Für ihn war die Situation eben wohl zweifelsohne schlimmer geworden. Sein Gesichtsfeld ihr zugewandt, ließ er die Arme zu seinen Seiten sinken und wartete. Schwieg … Er schwieg über die wilde Gefahr, die merklich durch ihre Stimme schwang, und dachte nicht im Entferntesten daran, sich ihr nur irgendwie zu erklären. Er schloss die Augen und kehrte in einem Moment des Selbstfallens seufzend in sich. Innewerdend der hinab rauschenden Beständigkeit des Wasserklangs standen sie am Fall, welcher sie gefahrvoll zu sich heran rief, irgendwie schon verspielt … Gluckernde Schatten erhoben sich mit der Nacht gen Mondenschein, als er ermattet die Lider wieder hob. Donner gleich tollten Ohnezahn und Sturmpfeil den klammen Abhang hinab.

Hicks konnte nur den Kopf schütteln.

„Lediglich eine Vorstellung dessen“, wisperte er und es gelang ihm mit Narrenruhe etwas Dunkles, Herausforderndes in seine Stimme zu legen. „Und wenn Ihr zum Nacktbaden dort hineinspringt, Milady, die Abenteuerlust in Euch stillt Ihr doch besser selbst.“
Ein ersticktes Keuchen, eine wahrnehmbare Fassungslosigkeit ihrerseits. Zwischen den vielen alten Laubblättern raschelte es, als Astrid, augenscheinlich auf der Suche nach ihrer Axt, herumfuhr.

„Du hast einen scheinbar ausgeprägten Todeswunsch!“, fluchte sie.

„A ha“
Hicks grinste verdrossen, der unaussprechlichen Beleidigung und Scham auf der Zunge der Schildmaid, seiner Verantwortung einer Spur mangelnder Achtung längst gewahr gewesen, bevor er dem frischen Luftzug der durchs Wasser geschwungenen Axt auswich.
„Für dich war es wohl nicht angenehm oder, oh, mach mich nicht … bin ich zu schwer?“, sprach er verulkend, sich an der harzenden Borke um den Nadelbaum aus der Linie ihrer Hiebe ziehend.

Sie kämpften weiter.

Erneut entfloh er der Klinge und sah, wie Astrid sich in seine Richtung drehte, als der kühle Wind durch die Äste am Ufer pfiff, in ihren Haaren wehte und sie burlesk aus sich lockte. Sie wussten beide, wie man den anderen anstachelte und sich gedemütigt fühlen ließ. Sie redeten dreist und sich die Seele beschmutzend. Doch war es ein Tanz auf Messersschneide, Gefühle zu provozieren oder Angenehmes hoffen zu lassen, bis das Herz es nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht auch die Sehnsucht, verletzt zu werden.

Hicks fühlte es schmerzhaft durchs Heftleder vibrieren, wie die Klingen immer wieder aufeinander trafen. Gelangten sie außer Reichweite des anderen, stürmten sie wieder aufeinander los, verloren mit jedem Schlag an Kraft und Ausdauer. Auch Astrid baute ab, doch immer noch war sie zu gut, zu talentiert. Nach und nach führte sie ihm seine Grenzen vor Augen und er sah ihre Bewegungen immer schlechter kommen. Unter jedem Hieb gleißte mehr und mehr der stechende Schmerz in seinen Verletzungen.
Als ihre Blicke sich wieder begegneten, sah Hicks, wie Astrids Mundwinkel sich nach oben zogen. Im Eifer des Gefechts war Hicks zwar an sein Messer am Felsenrand gelangt, jedoch flog ihm eins in einem zurückgedrängten Moment schon wieder im hohen Bogen aus seiner Hand. Flink packte er nach dem Arm, mit dem Astrid nach ihm schlug, brachte sie zu Fall und glitt durch den Blättermatsch, hörte Astrids Schritte alsbald wieder dicht hinter sich. Direkt am von Prothese und Bein Kiesel lösenden Hang blieb er stehen und starrte auf den im beginnenden Regen Perlen hüpfen lassenden Weiher herab. Sogleich fühlte er den die Sekunde begleitenden Windhauch, als Astrids hinterrücks auf ihn zuhastete und er wirbelte wie von selbst herum, zerschnitt die Luft und spürte unerwartet einen zweischlägigen Widerstand. Zu weich für einen Baum und zu hart für einen Strauch. Ein Gefühl wie ein vergehender Atemzug, das ihn erschreckte …

Kreischend wich Astrid zur Seite.

Entsetzt wandte Hicks sein Gesichtsfeld und hob den Dolch in seiner Hand, erblickte zerrissenes Leder und schimmernde Strähnen daran.
Astrids Haarband.
Jene fuhr sich in dem Moment mit der Hand über den Kopf, strich mit einem Zischen auf den Lippen das Haar aus ihrem Gesicht. Sie atmete zwar heftig ein und aus, zeigte aber sonst keine veränderte Gefühlsregung. Blut konnte er keines sehen und Hicks starrte sie an, in den aufkommenden Sturm nicht nur hinter ihren schattenreichen Augen; bereit was zu sagen, irgendwas zu sagen und brachte doch kein Ton heraus. Nur etwas stach in seiner Brust. Und die Axt saß fest in seinem linken Schulterschoner.
„Kämpfe endlich!“, schrie sie ihn an, so rau und gefährlich, warnend wie eine Botschaft der Nornen höchstpersönlich. „Kämpfe! Oder das nächste Mal werde ich sie dir in den Halse graben!“

„Nur zu“, schimpfte Hicks und haschte nach der Axt an seiner Schulter, fühlte wieder dieses Stechen.

„Genug der Spielchen“ Er hörte das dumpfe Scheppern, als er die Waffe achtlos zu ihren Füßen warf.

Es war dieser Schmerz in seiner Brust. Ein atemraubender Faustschlag wie sie zu ihm war, immer und immer wieder ein Schnitt quer durch sein Herz, der ihn ängstigte und die Augen vor der eigenen Verletzbarkeit schließen ließ.
Es bedurfte jenes Stückchens Herzfleisch.
Und es lag Heftigkeit in der Bewegung, mit der er die Schildmaid überraschte und zu Boden trat. Noch im Fall fing diese sich auf ihre Hände und preschte herum, nur um im nächsten Moment einen Fuß nach ihm zu schwingen.
Getroffen landete er rückwärts im Schlick, reckte sich japsend auf und Astrid gerade noch auf ihn einschlagen sehend rollte er herum. Hicks fing ihre Faust mit der Hand, spürte die Hitze und den Schmutz daran. Aneinanderhängend, unstet zogen sie sich auf die Beine, verschlungen grienend die Finger ineinander. Frostige Winde im Blick des anderen entdeckend und Schmähworte sich von den Lippen lesend.
Vielleicht irgendwo in seinem Körper frönten auch die nötigen Instinkte dem Geplänkel, besaß er mehr als genug Kraft und Sehnsucht nach heißer Asche in seinen Adern, indes die Luft Kälte und Nässe ihnen zutrug.
Sie fassten nacheinander, wichen aus und umkreisten sich, dass es einem Tanz gleichsah. Keiner wollte den anderen plötzlich hinter sich stehen haben.
Die Schildmaid tauchte hinter ihm auf, was er jedoch nicht ahnen konnte, ihm genauso den Rücken zugewandt.
Er stieß sich ab und drehte sich und Astrid tat es ihm gleich. Einen klingenden Schmerz erfahrend, als ihre Stirnen ungebremst miteinander kollidierten.
„Autsch“, maulte Hicks, hörte ausschließlich das Dröhnen und Geknister in seinem Kopf und hielt sich taumelnd und mit baumelndem Arm die Stirn. Schon im nächsten Moment aber packte Astrid ihn entschlossen bei jenem und der Wikinger hickste verdutzt.
„Was zu-“
Energisch zog sie an ihm, hatte neben seinem Arm auch seinen Kragen zu fassen bekommen und keuchte, schnaufte wütend, weil auch sie sich weh getan hatte.

„Schwachkopf“
Binnen eines Wimpernschlags drehte sich die Welt um ihn, hatte die junge Frau sich in ihn gedreht und er stürzte über Astrids Wurfschulter. Er landete im benetzten Unterholz und der Prall durch Zweig und Farn brach selbst das Keuchen, das sich unter seinem Gewicht aus seinen Lungen rang.

Heiliger Thor …


Er kehlte gequält. Ihr, durch die Gräser gedämpft zu ihm dringender, Schrei ließ ihn sich stöhnend auf die Seite drehen und starr dreinblicken, als ihr gestiefelter Fuß vor seinem Gesicht durch das Laub zischte.
Hicks robbte zurück, um ein, zwei Schritte, würde er denn stehen und fiepste überrascht auf. Als würden die Kälte und Plötzlichkeit des Erdreiches nach ihm kaschen, spürte er, wie ihn eine Schwere herabzerrte, verschwendete all seine Energie in knackenden Handgriffen, einer gehetzten Bewegungen nach vorn. Er stürzte. Schreiend purzelte er durch Schmutz und Erde, durch Äste, die seine Kleidung durchbohrten, krachte im Strudel aus Staub und Steinen rutschend über den gesattelten Rücken eines aufgeschreckten Drachens. Jäh kam er auf dem von Pfützen überlaufenden Boden zum Liegen.

Er blinzelte vergessend und stöhnend und fühlte für einen Moment erledigt und durchnässt die Zeit verstreichen. Wellen bewegten das schilfige Ufer zu seiner Seite und Regentropfen beträufelten sein Gesicht, als beabsichtigten sie etwas damit. Ihn  aus einer kurzen Bewusstlosigkeit zu holen, vielleicht.
Umständlich hob er den Arm und wischte sich den Dreck aus dem Antlitz. Der Schlamm hing an seiner Kleidung, saß in seinen Haaren und sogar ekelhaft auf seinem Gesicht.

Dieser Frau fehlte es fast an nichts. Ihre Kochkünste waren zweifelsohne nicht minder umwerfend wie ihre Technik mit der Axt; dem würde jeder im Dorf ohne Widerworte und mit flauem Magenknurren zustimmen, wenn er es sich recht überlegte …

Erschöpft ließ er seinen Arm in den Pfützenschlamm zurückzufallen. Gerade wurde ihm nicht weniger schlecht als von ihrem Reierflip. Er konnte spüren, wie sein Blutrauschen abklang und allmählich die Schmerzen seines Körpers zu ihm wieder durchdrangen.

Er wollte das nicht.

Der Zwang, sich zu behaupten und der jungen Frau dergestalt begegnen zu müssen, bereitete ihm Übelkeit. Ängstliches Schaudern ergriff seinen Körper und ein paar Mal hatte er schon nicht nachgedacht. Sie mussten endlich wieder herunterkommen. Astrid musste herunterkommen. Wie sehr wohl mussten seine Untätigkeit sie nur verletzt, seine Unerfahrenheit und Unsicherheit sie getränkt, und nun seine Unverschämtheit sie gereizt haben?
Er würde es herausfinden, sich dem gefährlich lodernden Feuer stellen, um zu sehen, ob er es auf seine eigene Art mit ihr aufnehmen konnte. Er hatte gar keine andere Wahl. Was er jetzt als Letztes tun durfte, war davonzulaufen, um an der längst überschrittenen Grenze ihrer geteilten Menschlichkeit wieder umzukehren.
Er durfte kein einziges Mal mehr zurückweichen, weder beim Drachentraining noch als angehende Autoritätsperson … oder … als einfach nur netter Junge. Erst recht nicht vor Astrid; dem Mädchen, das ihm so oft doch schon versicherte, dass er stark genug sei.

Ein entferntes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken, doch konnte Hicks es nicht sofort einer Richtung zuordnen und hob selbst erst mal den Kopf. Er biss die Zähne zusammen. Er keuchte leise, keuchte mehrmals, presste die linke Hand auf seinen Brustkorb und schmeckte Blut. Es dauerte, aber schließlich gelang es ihm mit einem verärgerten Winseln sich über seine rechte Seite zu rollen und zwischen den Rispen aufzurichten. Wasser quoll zwischen seine Finger, als seine Hände tief im Schlick versackten.
„Das ist echt widerlich“, beschwerte er sich und schüttelte den Matsch von den Händen. Bis er auf den Beinen stand, glaubte er, verging eine halbe Ewigkeit, bei jedem Atemzug schmerzten Brust und Rücken. Torkelnd überblickte er den kleinen See und als er mit seinem lädierten Arm nach dem anderen griff, spürte er, wie jeglicher Schmerz in seiner Seite wieder aufbegehrte. Mit einem schmerzerfüllten Laut wollte er am liebsten einfach niederfallen, dem Klappern unter seinem halben Bein seinen Willen zugestehen und widerstand doch mit allem, was er aufbringen konnte, jenem Drang.
Bewegungslos beobachtete er das auf kecken Wellen ruhende Abbild des Silbermondes, der durch die Regenwolken schien und das gesamte Innere des Talkessels mit seinem blauen Leuchten übergoss, und Irrlichter aus den Nebelschwingen ziehen ließ.
Zugegebenermaßen hätte er sich durchaus durch sanftere Umstände zu fallen vorstellen können. Weniger schmuddelig.

Er konnte Astrid nicht sehen, keine Rührung in den Schatten als auch hinter seinem Rücken ausmachen, sah sich verwundert und aufmerksam weiter um.  
Ein Nadderschrei zog umher und Hicks ließ seinen Blick nach oben gleiten. Mit Unbehagen stierte er zu der hohen Uferböschung am Fuße des steilen Gipfels, in dessen Schatten der Sturzbach rauschte. Dort musste er rausgefallen sein, über Ohnezahns oder auch Sturmpfeils Rücken gestürzt. Durch die Dunkelheit konnte Hicks gerade noch so einen seiner Dolche in Nähe eines Baumes erkennen. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, humpelte er drauf zu.
In just dem Moment erreichte ein Rascheln durch die Äste seine Ohren. Hicks fuhr erschrocken herum und streckte seine Hand aus, als eine Gestalt aus dem Unterholz sprang und mit schabenden Krallen über ihm landete. Aufgewühlt krabbelte er unter dem großen Tier hervor, kraulte nebenher Bauch und Hals.
„Du?“, äußerte Hicks verdutzt und streichelte Sturmpfeils Haut, ehe er sich wieder umwandte, mitbekam, wie geradewegs erneut etwas aus dem Gebüsch stürmte. Wiederholt hielt er sich schützend die Hände vors Gesicht, als er sah, wie Astrid aus dem Dickicht gehechtet kam. Im selben Augenblick wie Ohnezahn, samt zischelndem Blätterzweig zwischen den Fängen, größer als dieser selbst und die Sicht des Wikingers behindernd.
Sofort war der Drache bei ihm, starrte aus vorsichtiger Sorge und gurrend zu ihm auf. Seine breite Nase stieß gegen seinen verdreckten Arm. Hicks hingegen fasste über den Kopf des Nachtschattens, um sich über diesen zu lehnen und das Chaos zu erspähen. Nur sein Freund beklagte sich jaulend und kopfschüttelnd über den Matsch an der Schnauze.
„Ohnezahn!“, knirschte er, zerrte an den wippenden Ästen und steckte blinzelnd seinen Kopf durch die Blätter. Nein, keine Astrid. Dabei hatte er ihren Kampfschrei gehört … oder hatte das Drachenspielzeug die Schildmaid einfach zurückgeschleudert?
In der dunklen Böschung konnte er auch nichts ausmachen.
„A-Astrid?“
Sich nach wie vor schüttelnd bäumte der Drache sich auf und Hicks verlor seinen Halt, stöhnte überrumpelt auf, als die negriden Pranken ihn mit in den Schmutz rissen. Von Schlamm beworfen hustete er, schmeckte einmal mehr die eiserne Note von Blut, versuchte sich aufzuringen und blieb auf den Knien sitzen, als er den Dolch entdeckte und nach ihm griff.
„Hey, hey, hey. Ohnezahn“, schimpfte er und rappelte sich schwerfällig auf. Grimmig starrte Hicks auf die kurze Klinge, die er mit gesammeltem Atem vor sich hielt, ehe er schäkernd mit der Waffe auf den Drachen deutete. Um ihm auf diese Art zu signalisieren, dass er nicht so herumtoben und laut sein sollte. Allerdings sollte er dies augenblicklich bereuen, als der Blick des Nachtschattens schnippisch wurde und ohne, dass er etwas dagegen einwenden konnte, eine große Zunge über sein Gesicht schleckte und schlabbrige Spuren auf seiner Haut absetzte.
„Hey, lass das. Du weißt doch ganz genau, dass … argh, ekelhaft“, beschwerte sich Hicks und schüttelte den wabbligen Speichel von seiner Hand. Angesäuert schob er den Kopf des Nachtschattens von sich, blickte bitterböse in dessen drachiges Antlitz.
„Mein Freund, wir führen Kriegsrat und …“ Überrascht schaute er auf und blinkte mit den Lidern, als ein Krächzen über ihm erklang und die Nadderdame über ihn hinweg tapste.
Drachen.
„Hier wird nicht herumgealbert, hast du mich verstanden? Ihr beide?“, spaßte er und sah herausfordernd in den Augen seines Freundes und Astrids Drachen umher. Hatten sie verstanden…?
Hicks schnalzte entnervt auf, ließ seine Stimme fast zu einem Schreien werden, aufgrund dessen, dass Ohnezahn ihm abermals mit der Zunge übers Gesicht fuhr.
„Hey, hey. Schluss jetzt!“ Angewidert fuchtelte der junge Mann mit den Händen und stolperte Abstand schaffend aus der unvermittelten Nähe der beiden Drachen.
„Hör auf mit diesem Unsinn!“, zürnte er und hörte hinter seinen Schritten die Zweige durch Matsch und Wasser klatschen, wandte sich nochmals um und betrachtete das Spiel der Drachen, die zum Wettmessen motiviert gegenseitig nach dem Astwerk schnappten.

„Unsinn nennst du das?“
Erschrocken fuhr Hicks um seine eigene Achse, als er urplötzlich ihre Stimme vernahm, sah durch die Baumdichte eine Silhouette an sich vorbeihuschen, einen fließenden Hauch von schimmerndem Blond. Astrid stand hinter ihm und eine scharfe Seite ihrer Waffe setzte sich kollateral vor sein verblüfftes Gesicht. Diese Attacke hatte er genauso wenig wie sie kommen sehen. Aufgebracht pochte sein Herz, so schmerzhaft wild und laut bis in seinen Hals hinauf, sodass er dachte, dass sogar Astrid es hören würde. Er keuchte aufgeregt, gurgelte unter dem seelenlosen Material auf seiner Haut.
„Gut, du hast Recht“ Hinhaltend wich die Axt wieder zurück. Ungewollt fühlte Hicks sich in seine Knie knicken, als mit dem Stahl auch ein Teil der Anspannung aus seinem Körper schwand.
„Hören wir auf damit“, sagte Astrid, doch wirkten ihre Worte keinerlei Beruhigung auf ihn. Zu bissig, selbst für ihn viel zu vorhersehbar, linkisch, hielt sie ihre Waffe während ihrer geräuschvollen Schritte weiterhin auf ihn. Das kampfeslustige Grinsen auf ihren Lippen verzog die ihm lieblich vertrauten Gesichtszüge und die Schärfe in ihren blauen Augen fuhr ihm unter die Haut.
Der Mond versteckte sich hinter zerlaufenen Wolkenschleiern und die zur Erde fallenden Regentropfen nahmen zu. Nach Luft verlangend starrte Hicks auf den kleinen Tropfen, der auf Astrids Waffe spritzte und Ausläufe über den Stahl bahnte. Dann geschah es. Die trügerische Ruhe durchbrechend ragte flugs die Zweiklingenaxt gegen die Haut seines Halses, setzte sich erneut unter seinem Kinn fest. Es lag ihm nicht einmal viel daran, mit den Augen der plötzlichen Bewegung zu folgen oder mit zugekniffenen Lidern zusammenzuzucken; es hatte ihn wenig überrascht. So wanderte sein Blick zu ihren tobenden Augen, in denen er neben ungebrochenem Kampfeswillen eine unheimliche Entschlossenheit sah.
„Deine Unaufmerksamkeit ist ein Zeichen von Schwäche. Ich halte dir den Tod an den Hals und du denkst, dass allein dein Vertrauen und deine Gutgläubigkeit mich davor abhalten, dir etwas anzutun? Weil wir Freunde sind, Hicks?“
Hicks keuchte auf, als das geschliffene Metall sich gnadenloser an ihn drängte. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff seines Dolches, den er tatenlos in seiner Hand hielt. Er könnte zurückweichen … oder er könnte ebenso zurückschlagen, denn die Wut und Verletzung, die er bis hierher von der jungen Frau erlitt, spannten sein Inneres krampfhaft immer mehr zusammen. Es berührte ihn, trotz der Kälte und Unnahbarkeit, trotz des Hasses, die Astrid wie eine Mauer auf ihn niederbrechen ließ. Genauso unausbleiblich wie das leise Schimmern, das er in der Dunkelheit auf der hellen Wange der Schildmaid, auf der Suche nach Heil, rinnen sah. Tränen. Geboren aus dem verzweifelten Unterfangen, jenen Gefühlen einen unbedingt triftigen Grund zu geben.

Zittrig, geführt von einem Schmerz, der ebenso schnürend und atemraubend um das blutende Herz in ihrer Brust lauern musste, um es nur mehr zu verletzen, drückte die Waffe tiefer in seine Haut.

Traurigkeit.

Er sah und spürte Traurigkeit. So melancholisch und nächtlich jede Faser seines Seins, dass ihm keine geeigneten Worte dazu einfallen wollten, wenn er überhaupt hätte sprechen können. Tausende Worte, nicht immer, doch meist zur richtigen Zeit gesagt, die er ungeniert sprach, waren plötzlich verstummt und für ihn nicht greifbar, machten ihn angreifbar. Sie war wütend auf ihn, aber wie sollte er sie beruhigen? Sie tat ihm weh und machte es ihm schwer, sie ehrlich zu trösten. Diese Gefühle der Angst und Unsicherheit, die ihn in ihrer Nähe mit Spannung überkamen, waren überwältigend. Es schien, als müsste er erst wieder lernen, sich selber zu trauen und oft genug schon fühlte es sich an, als hätte es ihn an den wahnsinnigen Rand der Verzweiflung getrieben.
Hicks seufzte innerlich. Wie gerne würde er sie sich einfach greifen und ihr zeigen, was los war. Was ihn dazu brachte, sie immer wieder abzulehnen, wenn sie auf einmal mit einer Verführung auf seinem Schoß saß und ihn übermannte, dass er viel mehr als sich in diesen Kuss vertiefen wollte. Dann verlangte es ihm nach Scharwenzeln, Regung und jenes unbedingte Wollen einiger einsamen Male, Ausgänge in Vermöbelungsattacken gegen Holzwände inmitten seiner Räumlichkeit des Nachts, endlich zu befriedigen.
Was würde geschehen, wenn nicht mehr viel fehlte, er sich für einen Augenblick nicht länger zurückhalten sollte und jene Wut, vom erhitzten Blut zu Mut gekocht, sich mit der Sehnsucht endlich einig wurde? Würde sie ihn verstehen, in einem Moment, in dem er es selbst am meisten versuchte, nach der einer Erfahrung suchte?
„Jetzt sag schon was!“
Hicks zuckte zusammen, als die junge Frau ihn wiederholt anschrie. Die ganze Zeit über hatte er sie unablässig angesehen. Sie regte ihren Oberkörper vor, während der Regen ihr Gesicht umgarnte und sich mit ihren Tränen vereinte. Die tropfenden Haarsträhnen berührten seine Haut, sein Gesicht. Es raubte ihm schlicht den Atem. Ihre körperliche Nähe und Vertrautheit waren warm und gefährlich zugleich, ein Kitzeln auf seiner viel zu empfindsam reagierenden Haut. Ihre Lippen ihm derart unglaublich nah und das Herz in seiner Brust um nur noch einen Schlag mehr davon entfernt, ihn zu einem unüberlegten Impuls zu verleiten.
Wohl nur ihre Augen waren es, was Hicks davon abhielt. Und auch die Worte, die noch nicht gesprochen worden waren, um die Wogen zwischen ihnen wieder zu glätten. Wäre da ohnehin nicht diese Schmiere aus Matsch, Regen und Speichel – wirklich überall.

Es schüttelte Hicks und er kam nicht drumherum mit der Hand an seine Stirn zu fassen, als der Schleim von seiner rechten Schläfe tröpfelte. Da vergaß er glatt den schneidenden Stahl. Hätte Astrid sich in dem Moment nicht auch zu rühren angefangen, wäre er wohl mit seinem Handgelenk hineingeraten. Aber er konnte wahrnehmen, wie sie ihren Kopf zur Seite fallen ließ, wandte, als würde sie in einer schweren Lage nicht weiterwissen. Die stolzen Schultern senkten sich, jede Spannung schien aus ihrem Körper zu entweichen. Wieder erkannte Hicks das verzweiflungsvolle Unvermögen, Gefühle auszusprechen, wie sein eigenes. Es tat weh und machte eine Nacht schier unerträglich. Also, wie konnte man sich nur so gleich sein, nahestehen und kein kleines bisschen näher kommen? Sie waren beide verletzlich, ratlos und sich dadurch tatsächlich so ehrlich gegenüber wie noch nie.
„Mach die Augen auf. Übernimm endlich die Verantwortung für das, was das angestellt hat… Siehst du es denn nicht?“, flüsterte ihre Stimme, die Worte begleitet von einer unwägbaren Wandlung. Gebärden erbringend schritt Astrid aufgeregt auf einer Stelle. Sie schwang die Axt davon.
„Verstehst du es nicht? Na los, sag was, tue was. Jetzt…“
Unschlüssig strauchelte Hicks um einen Schritt zurück, als die Schildmaid sich kraftvoll umwandte und in die Luft um sich ausholte. Jauchzend fasste er sich an die vom Regen klitschnasse Stirn und spürte, wie ab und zu seine Augenlider sanken, seine Atemzüge leicht stockend waren. Das alles erschöpfte ihn und ihm war schwindelig. In seinem Kopf ward es kurz nebelig. Dann schüttelte er den Kopf, ernst und heftig, als wollte er eine miese Erinnerung damit vertreiben. Er verstand, dass sie außer sich war, aber so kamen sie nicht weiter. Indes es sich für ihn anfühlte, als entschied sie sich, ihm stur abgewandt zu bleiben, öffnete er zögerlich seine Augen.

„Astrid, ich-“, raunte er und machte ein paar Schritte, streckte seine linke Hand nach ihr. Mit einem unwohlen Fiepen in der Stimme bemerkte er, wie sehr diese Bewegung ihm weh tat und sie anstrengte. Seine tauben Fingerspitzen streiften umständlich über ihre Schulterprotektoren.

„Verdammt, kapierst du es nicht?“

Mit Fassungslosigkeit begegnete Hicks´ Blick der Waffe, als Astrid herumwirbelte und er, noch während er auszuweichen versuchte, ausweglos im Schlamm versackte.

Er hob schützend seine Hände vor das Gesicht. Das Entsetzen hatte seinen Puls auf schnellstem Wege erfasst, das Klopfen eines aufgeregten Herzens bis in seine Ohren gebracht.

Es fühlte sich erst unecht an…

Mit einem Wimmern hatte er es wahrgenommen und atmete quälend das heiße Gleißen und schmatzende Geräusch ein.

Die Klinge durchbrach seine Haut und ragte in sein Fleisch.

Seine Beine gaben zitternd nach und geräuschvoll fiel er mit den Knien in den Matsch, derweil er mit zusammengepressten Zähnen einen schwammigen Blick auf das schneidende Gefühl und fließende, warme Blut wagte.
Regentropfen zerrannen am Stahl, das in seiner Hand stak, tränkten seine Kleidung und ließen sein Haar schlapp in sein Gesicht hängen, als er den ungläubigen Blick seiner grüner Augen unter schmerzhaftem Keuchen aufrichtete.

„Ich bin deine Schwäche, Hicks.“

________________________________
Es hat eine Weile meinerseits gedauert, dass ich wieder hineinfand, doch nun ist das Kapitel draußen. Ich hoffe, dass es gefällt, wünsche viel Spaß und kann selbst einem dem bereits vertrauten Leser nur ans Herz legen, es sich nochmals zu Gemüte zu führen, es könnte mit ausreichend neuen Inhalt überraschen.
Die externe A/N ist somit auch entfernt und ich hoffe, jeder der meine FF gerne liest, hat über jenen Wege genug Zeit erhalten von der Wiederaufnahme und Überarbeitung dieser zu erfahren. :)

- Ankh
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast