Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Brot und Spiele

von ProjektX
GeschichteHumor, Fantasy / P12 / Gen
Frederick Colon Karotte Eisengießersohn Lady Sybill Deirdre Olgiwanna Käsedick Lord Havelock Vetinari Nobby Nobbs Sir Samuel Mumm
19.11.2015
31.08.2017
30
63.490
12
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
26.11.2015 2.349
 
Guten Abend zusammen,

wie versprochen bekommt ihr heute das erste Kapitel unser Geschichte.
Ganz im Stil von Sir Terry Pratchett gibt es auch bei uns kleine Anmerkungen in Form von Fußnoten. Wenn im Text also eine einzelne Zahl in Klammern steht (1), dann könnt ihr einfach zum Seitenende runterscrollen, die entsprechende Anmerkung von uns belächeln und dann weiter im Text lesen.

Jetzt aber genug der Vorrede, viel Spaß mit dem ersten Kapitel, das nächste gibt es in zwei Wochen.
Knuddelige Grüsse, Euer ProjektX  

***************************************************************************************************

Montagmorgen ...

Der Montagmorgen hat auf jeder Welt seine besonderen Gesetze, aber wenn man bei der Wache von Ankh-Morpork arbeitete, gab es noch ein paar kleinere Unterparagraphen, die man zusätzlich lernte.
Zum einen, auch wenn es in einer Tasse heiß auf dem Tisch vor sich hindampft, um Gottes Willen nicht einfach davon trinken. Kaffee mag für Menschen ein Lebenselixier sein, Trolle bevorzugten jedoch Montagfrüh eine ähnlich explosive Mischung, die man nur einmal versehentlich trinken konnte. Dann fand man sich im Hospiz wieder und hatte monatelang Schädelbrummen. Und bei dem ganzen Spezifismus konnte man alles mögliche in der Tasse finden. Igors speziellen Kräutertee zum Beispiel. Der letzte Polizist, der davon gekostet hatte, war erst nach zwei Wochen in Überwald wieder aufgetaucht, ohne eine Erinnerung an das Geschehen der Zeit nach dem Genuß des Getränkes, dafür verheiratet und mit einer wirklich interessanten Tätowierung an einer Stelle, die er niemand je zeigen würde.
Zum anderen lernte man in der Wache, an einem Montag einfach die Klappe zu halten, wenn man mit Zwergen zusammentraf. Das Wort Morgenmuffel kam aus dem Zwergischen und bedeutete in der Übersetzung: Ich habe eine Axt und wenn du ein Wort sagst, gehört sie dir - sie steckt dann allerdings in deinem Schädel.

Heute morgen hatte Angua Dienst und von daher gab es typischen Überwaldkaffee, der so stark war, dass der Löffel kaum durch die oberste Koffeinschicht drang. Ohne eine gewisse Vehemenz war diese Sorte Kaffee auch nicht aus der Tasse zu bekommen. Überwaldkaffee war eine zähe Masse, die man auch zum Fenster abdichten verwenden konnte - und die so wach machte, dass man sich dem Zustand der Müdigkeit schlicht von anderen Ende des Ereignishorizontes näherte. Man konnte von einer zähen, kochendheißen Melasse sprechen, und Sally, die nach Angua in den Aufenthaltsraum kam, nahm ohne mit der Wimper zu zucken eine Tasse davon. Obwohl Vampire in der Regel ein wenig mehr Stil und Geschmack besaßen, passte man sich dem Polizistenleben an, auch wenn sie zu Hause eher einen Bohnenkaffee bevorzugte.

„Morgen”, begrüßte Angua ihre Kollegin und Sally nickte ihr freundlich zu.
Am Anfang hatte es zwischen ihnen mehr als einmal Probleme gegeben, Angua konnte Sally im wahrsten Sinn des Wortes nicht riechen. Werwölfe und Vampire verstanden sich nicht besonders gut. Mumm war das bei der Schichteinteilung aber egal, in der Wache gab es keinen Spezifismus, wie er so schön sagte. Nur Wächter. Obwohl einige eine Holzkiste brauchten, wenn sie am Empfang arbeiteten.
Igor löste das Problem der Damen, indem er Sally ein Deodorant gab, das diese trug, wenn sie mit Angua Dienst hatte oder auch privat mal einen Ausflug machte. Sally hatte ihn mal gefragt, wie die Zutat war, die dafür sorgte, dass Angua sie “riechen” konnte, und Igor hatte verschmitzt “Leberwurst” geantwortet. Ein Geheimnis, das die Vampirin mit ins Grab nehmen würde, Angua wäre bestimmt nicht begeistert. Sie hatte eh Probleme damit, ab und an mit vier Beinen zurecht kommen zu müssen. Von den Flöhen ganz zu schweigen.

Schweigend nippten sie an ihren Tassen, heute hatten sie gemeinsam Dienst und die ersten paar Minuten gönnten sie sich noch die Illusion, dass es ein ruhiger Tag werden konnte. Seit Sally wieder im Revier war, waren tatsächlich noch zwei weitere Vampirpolizistinnen angestellt worden. Für Überwald hatte sie sich dann doch nicht dauerhaft begeistern können, und warb jetzt in ihrer Freizeit neue Rekrutinnen an, um die Frauenquote in der Wache zu erhöhen. Unentgeltlich. Vampirismus verpflichtete und Sally fand es nur recht und billig, bei den Schwarzbandlern ein wenig die Werbetrommel zu rühren. Angua war nicht begeistert, aber solange die neuen Rekrutinnen auch Igors Parfüm benutzten, war die Stimmung in Ordnung. Und sie musste zugeben, dass es keine besseren Tatortermittler gab, vor allem, wenn Blut im Spiel war. Und als Schwarzbandler hatten die Damen dem eigenen Konsum abgesagt.

Grinsi Kleinpo kam herein und gähnte herzhaft.
„Nachtschicht?”, fragte Angua die Zwergin mitfühlend, und diese nickte.
„Mit Detrius”, gab Grinsi noch zu und winkte, bevor sie aus dem Hinterausgang davonging.
Detrius war ein Troll und gar nicht mal so langsam, wie man es von Trollen gewohnt war, aber er nahm vieles zu wörtlich. Trolle waren mit Metaphern überfordert, und wenn man gewisse Dinge zu blumig umschrieb, konnte das verherrende Folgen haben. 'Dem gehört doch der Arsch aufgerissen' war ein Ausspruch, den keiner mehr zu Detrius sagte und die Verhinderung dieser für den Troll deutlichen Aufforderung hatten zwei Kollegen mit einigen Blessuren bezahlt.
Mumm hatte deutliche Worte gefunden, die dafür gesorgt hatten, dass jeder, der mit dem gutmütigen Troll Dienst hatte, seine Zunge im Zaum hielt. Grinsi fiel das besonders schwer.

„Hast du schon die Zeitung gelesen?”, fragte Sally und Angua schüttelte den Kopf.
Es war Montag! Nach einer Vollmondnacht. Sie war froh gewesen, dass sie heute Morgen mit weniger Zähnen aufgewacht war, als zu dem Zeitpunkt, als sie ins Bett, besser gesagt in ihr Körbchen in ihrem und Karottes Schlafzimmer, gegangen war.
Als Angua schwieg - immerhin war ihre Tasse noch nicht leer - schob Sally ihr die Zeitung des Tages über den Tisch.
Ein Blick auf die Titelseite und Angua war hellwach. Fünf Minuten später sah sie auf - sie war eine langsame Leserin - und stöhnte.

„Raus hier, bevor er kommt. Er wird eine Scheißlaune haben”, kommentierte sie den Bericht über das Spiel der Zwergenkämpfer (Altersklasse: 4-6 Jahre) und der Kinder der Schatten (Altersklasse 2-5 Jahre (1)), bei dem ein gewisser Schiedsrichter am Ende wohl den Hass der versammelten Elternschar hatte. Insgesamt sprach der Reporter von einem Rekordspiel, bei dem der Schiedsrichter sogar die Linienrichter vom Platz gestellt hatte, weil diese ihm nicht neutral genug waren. Und einer Prügelei der menschlichen Eltern aus den Schatten mit einer Anzahl Zwergeneltern.

Sally nickte, als die große Eingangstür dumpf und bedrohlich ins Schloß fiel.
„Zu spät”, kommentierte die Vampirin trocken.
Angua hoffte, Mumm würde nicht in die Teeküche kommen, aber diese Hoffnung war trügerisch. Er kannte den Dienstplan und war der einzige Mensch, der Überwaldkaffee mochte. Wahrscheinlich weil er ihn daran erinnerte, dass er nicht immer ein priviligiertes Leben gehabt hatte. Er hatte es auch nicht gewollt, aber als er Sybil geheiratet hatte, war sein einfaches Leben als Chef der Nachtwache einem neuen Leben als Herzog von Ankh gewichen. Und er hasste es noch immer.

Offensichtlich hatte er gestern ein Teil seines Frustes auf dem Spielfeld der Jugendliga gelassen, aber allein der Zeitungsartikel würde dafür sorgen, dass seine Laune wieder in den Keller rauschte. Wenn sie nicht noch dort war.

Die Tür zur Teeküche flog auf und Mumm stapfte hinein, ein kurzes Brummen war alles, was an Begrüßung für zwei seiner besten Mitarbeiter zur Verfügung stand. Himmel, warum hatte er sich von Sybil nur überreden lassen? Die gestrige Veranstaltung hatte dazu geführt, dass er kurz davor gewesen war, als Schiedsrichter und Herzog von Ankh, Marten Eisenschuster, einen sehr respektablen Zwerg, ungespitzt in den Boden zu rammen, und zwar mit Mike-Klaugut, einem der windigsten illegalen Dieben, der in den Schatten zu finden war. Unter der Beobachtung von Klein-Marten, der seine winzige Streitaxt hielt und heulte, weil Mumm ihn vom Platz gestellt hatte, und Fix Klaugut, dem Junior von Mike, der grinsend seine rote Karte akzeptierte. Kunststück, er hatte dem kleinen Verbrecher in Spe ja auch zwei Messer und drei Geldbörsen von Zuschauern schon vor dem Spiel abgenommen.
Der Auslöser der ganzen Eskalation war jedoch eine Banane gewesen, die von der Elterntribüne genau auf Mumms Kopf geworfen wurde. Er war sich zwar sicher, dass Etel Hammermacher, eine respektable Zwergin und Mutter von Emett Hammermacher, die Banane geworfen hatte, aber er konnte es nicht beweisen (2). Und die Zwergin sorgte auf die Anschuldigung von Mumm dafür, dass er seiner breiten Palette Zwergenflüche noch einige hinzufügen konnte.

Danach war alles aus dem Ruder gelaufen und Sybils Schweigen auf der Rückfahrt war deutlicher gewesen als jeder offene Vorwurf. Danach war sie ebenso schweigend ins Bett gegangen und hatte Mumm ihrer Meinung nach bestraft (3).
Allerdings jetzt in der Zeitung zu lesen, dass der Herzog von Ankh und seines Zeichens auch Kommandeur der Stadtwache sich mit einer Horde Kindern und Eltern angelegt hatte, wobei der Berichterstattung ein sehr altes und nicht sehr vorteilhaftes Foto von ihm in seiner Gardeuniform abgebildet hatte, verbesserte seine Laune überhaupt nicht. Er sah aus wie eine Affe mit den Kniehosen und dem albernen Hut! Mit Sicherheit rahmte Sybil dieses Bild wieder ein und er würde es jeden Tag im eigenen Haus bewundern können.

„Wer zum Henker hat das der Zeitung gesteckt?”, fluchte er los und Sally verdrückte sich so schnell, dass Angua ein gereiztes Knurren unterdrücken musste.
Sie hatte weniger Glück.
„Sir”, murmelte sie und versuchte sich unauffällig an der Verfolgung der Vampirin.
„Schick mir Fred ins Büro!”, blaffte Mumm und schnappte sich seine Tasse.
Angua machte, dass sie aus der Teeküche rauskam und atmete erst im großen Eingangsbereich wieder durch, wo Sally an den Tresen gelehnt auf sie wartete.
„Hast du Fred gesehen?”
Sally deutete auf die Männerumkleide. Auch das noch.

Angua wusste, dass ihre Anwesenheit dort bestimmt keine schüchternen Reaktionen hervorrufen würde. Immerhin hatte Mumm mittlerweile die Notwendigkeit von getrennten Umkleiden eingesehen. Nachdem mehrere Zwerge sich als Zwerginnen entpuppt hatten, war es unumgänglich geworden. Normalerweise konnte man das Geschlecht bei Zwergen nur erraten, aber in Ankh-Morpork hatten die ersten Zwerge angefangen, Lederröcke anzuziehen und Lidschatten aufzulegen, was doch recht deutliche Hinweise ermöglichte(4).
Die Wölfin stieß die Tür auf und brüllte: „Fred, geh mal zum Kommandant” in den Raum. Ein Grunzen als Antwort reichte ihr und sie ging zu Sally, um mit ihr die morgentliche Runde zu absolvieren.

Fred kam derweil aus der Umkleide und seufzte. Er hoffte, dass es nur ein kurzer Informationsaustausch werden würde, damit er mit Nobby, der momentan noch schnarchend auf einer Bank in der Umkleide lag, verschwinden konnte, bevor jemand wirklich Arbeit für ihn und seinen Partner hatte. Er und Sam waren schon nachts auf Streife gegangen, als die Wache nur aus drei Personen bestanden hatte, und damals hatte Weglaufen zu einem normalen Ermittlungsgeschehen gehört. Heute musste man stehen bleiben und Fragen stellen. Oder Verkehr regeln, etwas, was Fred immer noch nicht verstand. Statt das man die Karrenfahrer sich gegenseitig verprügeln ließ, wenn es um Vorfahrt oder verstopfte Wege ging, sorgten die Parkkrallen jetzt dafür, dass die Karrenfahrer die Polizisten verprügeln wollten. Immerhin war wenigstens die Grundintension noch die selbe, nur das Objekt, dass sich jetzt mit Repressalien konfrontiert sah, hatte gewechselt. Allerdings war Nobby Nobbs ein Polizist, der im Verkehrswesen aufging. Nicht etwa, weil er sich so um das zügige Vorankommen in der Stadt sorgte, sondern weil er mit den Parkkrallen eine Macht hatte, die man Nobby normalerweise nicht zugestehen sollte.

Fred war eher pragmatisch, er nutzte die Krallen um das ein oder andere Mittagessen abzustauben oder um Leuten, die im nicht mit dem nötigen Respekt begegneten, auf seine Weise zu zeigen, dass sie das besser unterließen.
Fred wusste, das er und Nobby als Relikte einer längst überholten Nachtwache galten, die einem modernen Polizeiapparat weichen sollten. Allerdings hatte Mumm noch immer ein offenes Ohr für ihn, vor allem, weil er gerade ein Relikt war, welches die Ohren noch dicht an der Straße hatte. Dichter als viele neue Kollegen. Freds Gefühl für Ärger war untrüglich. Und wenn er weglief, musste die moderne Wache nur in die entgegengesetzte Richtung eilen.
Leider waren er und Nobby auch die Zielscheibe von Spott und Hohn, weil sie eben nicht unbedingt in die moderne Wache passten.

Seufzend ging er die Treppe hinauf und bemühte sich, wie immer, kein Geräusch zu machen. Irgendwann würde er Mumm überraschen, aber bisher war ihm das noch nie gelungen, und er kannte den Grund nicht. Auch heute erklang hinter der dicken Holztür ein „Komm rein, Fred”, noch bevor er auch nur die Hand erhoben hatte, um anzuklopfen.
Wie machte Mumm das nur?

Er öffnete die Tür.
„Guten Morgen, Kommandant”, sagte er respektvoll und nahm Haltung an.
Was in Freds Fall bedeutete, das er den Bauch ein wenig einzog und die Schultern hob, was ihm die Gestalt eines schiefen Fragezeichen verlieh.
„Fred, ich habe eine Aufgabe für dich und Nobby.”
Er schwieg, Mumm machte heute einen sehr gereizten Eindruck - und einen zornigen Löwen zog man nicht am Schwanz (5).

Mumm warf die Zeitung mit dem Artikel über ihn auf den Tisch.
„Finde raus, wer das Gekritzel über meinen ersten Schiedsrichterauftritt verbrochen hat und woher er die Informationen hatte! Nicht mal am Sonntag lässt man mich in Ruhe!”

Fred nahm die Zeitung an sich und betrachtete das Bild von Mumm in seiner Gardeuniform. Sein dabei stoischer Gesichtsausdruck veränderte sich nicht eine Nuance.
„Ja, Sir. Wird erledigt.”
Er wandte sich zum Gehen.
„Und Fred, ich will diesmal schnelle Ergebnisse!”, hörte er Mumm noch sagen.
Als er die Tür hinter sich schloss, atmete er tief aus. Er musste dringend Nobby warnen.


Fußnoten:
(1) Kinder, die aus den Schatten kamen, waren klein und drahtig, aber gemein und zäh. Den Altersnachteil machten sie mit einer guten Vorbereitung und selbstgebauten Stollenschuhen wett, wobei man hier nur von Kampfschuhen reden sollte. Es war eigentlich unfair, dass die Zwerge so jung waren, bevor sie auf diese spezielle Stadtteilgruppe trafen.
(2)  Wobei die wirklich interessante Frage hier eher wäre: Woher hatte in Ankh-Morpork jemand eine Banane? Aber Mumm war in diesem Moment wohl nicht an den Ursprüngen der Tatwaffe interessiert.
(3) Nur Frauen bestrafen Männer mit Schweigen. Und Männer lassen die Frauen in dem Glauben, dass es funktioniert.
(4) Oder Väter von männlichen Zwergen in tiefe Agonie stürzten, wenn der Stammhalter Lederrock und Lidschatten bevorzugte. Die meisten betroffenen Zwerge hatten dann offiziell eine Tochter, egal was sich zwischen den Beinen des Nachwuchses befand. Zwerge waren pragmatisch. Besser einen geschlechtsumgewandelten Sohn als Tratsch in der Nachbarschaft.
(5) Oder wenn, nur ein einziges Mal.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast