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Eisblumen

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16
Jack Frost Jamie North OC (Own Character)
18.11.2015
28.05.2020
29
35.985
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22.11.2015 1.452
 
Während sie in ihrem Bett liegt und schläft, mache ich mir ernsthafte Gedanken zu meinem neuen Stalkerverhalten. Seit wann ist es bitte so, dass ich Stunden über Stunden jemanden beim Schlafen beobachte? Meistens schaue ich nur kurz bei den Kindern rein und verschwinde gleich wieder.  Selbst ich finde das gruselig und als Wächter hast du schon einiges gesehen.
Sie hatte sich in den Schlaf geweint, immer wieder hatte sie ihr nasses Gesicht in das Kissen gedrückt und versucht die Geräusche zu ersticken, doch ich hörte sie trotzdem. Und jedes Mal zog sich irgendwas in mir zusammen.
Plötzlich kann ich hinter mir eine Bewegung wahrnehmen, mit erhobenen Stock drehe ich mich um und atme erleichtert aus, als ich einen alten Freund sehe.
„Sandy…“, murmle ich und lasse den Stab sinken. „Was tust du hier?“, frage ich und mache mich auf das Ratespiel gefasst. Er zeigt in den Himmel und auf sich selbst. Dann lässt er seine Sand rieseln und zeigt mir eine Schneeballschlacht unter den Kindern. Ich muss lächeln und nicke. Er hat ihnen schöne Träume gebracht. Er wirft einen Blick an mir vorbei in das Fenster. Ich folge seinem Blick und sehe wie sie sich unter Alpträumen windet. „Kannst du denn gar nichts für sie tun?“, frage ich mit einer Verzweiflung in der Stimme, die selbst mich überrascht. Sandy schüttelt den Kopf und lässt über seinem Kopf das Bild von einem Kind erscheinen, dann zeigt er auf sie und schüttelt mit dem Kopf.
„Ich weiß selbst, dass sie kein Kind mehr ist, aber sie leidet so…“, sage ich. Traurig schaut das Sandmännchen mich an. Schließlich seufzt er lautlos und nimmt meine freie Hand. Er hält einen Finger in die Höhe und lächelt. Langsam lässt er etwas Sand in meine Hand rieseln. Erstaunt starre ich auf sein Geschenk. „Danke!“, sage ich und springe sofort auf.

Vorsichtig, ohne laute Geräusche zu verursachen, öffne ich das Fenster und schlüpfe in das Zimmer.
Auch, wenn ich schon seit Stunden durchs Fenster starre, schaue ich mich jetzt zum ersten Mal richtig um. Die Wände sind in einem warmen Braunton gestrichen und an einer Wand hängt eine große Pinnwand. Abgesehen von ihrem Bett, dem Kleiderschrank und dem Schreibtisch sind alle anderen Möbel nur Bücherregeale. Und beim genauen betrachten der Kisten, erkenne ich warum. „Das sind ja alles Bücher!“, flüstere ich, obwohl ich genau wissen sollte, dass sie mich nicht hören kann. Erstaunt fahre ich mit dem Finger über die Seiten und frage mich, was auf ihren Seiten stehen mag. Doch ein Keuchen von ihr, reißt mich aus den Gedanken. Schnell trete ich näher an ihr Bett. Die Augen hat sie festzuhalten gepresst und ihr Körper ist angespannt. „Lass es helfen!“, sage ich leise und lass den Sand über ihren Kopf herunter rieseln. Gespannt schaue ich sie an, langsam… viel, viel langsamer als bei den Kindern entspannt sie sich und schläft friedlich.
Über ihren Kopf schwebt plötzlich ein kleines Schiff, dass langsam hin und her schaukelt. Ich erkenne kleine Menschen auf dem Schiff. Sie und einen Mann mit ihren Augen, eine Frau mit ihrem Lachen und einen kleinen Jungen mit ihren Lippen. Sie lachen und sind fröhlich, es ist keine Traurigkeit zu spüren. Lächelt drehe ich mich um, es graut bereits und ich hab noch einen Job zu machen. Ich stehe auf dem Fenstersims und will gerade das Fenster öffnen, als sie es flüstert: „Danke…“ Erstaunt drehe ich mich erneut um und sehe ihr kleines Lächeln. Mit einem schlagenden Herzen verschwinde ich in den Sonnenaufgang.

Einige Stunden später kehre ich zurück zum Haus der Bernetts. Die Mutter, Jamie und Sophie stehen in der Küche, auf dem Tisch läuft ein kleines Radio. „Die Schulbehörde gibt bekannt, dass aufgrund der niedrigen Temperaturen die Schulen geschlossen haben.“, erklärt eine freundliche, viel zu schleimige Stimme. Sie erklärt noch weiteres, was ich nicht mehr verstehen kann, weil Jamie schon im Jubel ausgebrochen ist. „Yeeeeah!!! Kältefrei!!!! Danke Jack Frost!“, ruft er, während ich in mich hinein grinse. „Na hoffentlich denkt er daran, dass du auch irgendwann was lernen solltest…“, meint seine Mutter und ich verziehe das Gesicht. Aber im Schnee zu spielen, ist doch viel lustiger, als Schule, denke ich und schlendere am Fensterbrett entlang. „Jamie? Gehst du bitte Bell wecken?“, fragt sie und wendet sich der Küchenzeile zu. Ich lächle und springe zu ihrem Fenster. Gespannt schaue ich hinein und sehe, dass sie immer noch friedlich schläft. Einen Augenblick später klopft es an der Tür und Jamie steckt den Kopf durch die Tür.
Sein Blick wandert zum Bett und plötzlich weiter zu mir. „Jack Frost!!“, ruft er aufgeregt, während er ins Zimmer auf das Fenster zu stürmt. Völlig überrascht weiche ich zurück, während Bell in ihrem Bett hoch springt und weit geöffneten Augen Jamie anstarrt, der gerade dabei ist das Fenster zu öffnen. „Ohhhh Gott, Jamie! Was ist denn los?“, ruft sie, bevor sie aus dem Bett springt und ihm ans Fenster folgt. Währenddessen hat er bereits das Fenster geöffnet und winkt mich rein. Brav, wie ich bin folge ich seiner Anweisungen und betrete dass Zimmer. Völlig verwirrt schaut Bell den Jungen an. Ich stelle mir neben sie und mein Arm streift ihren. Sie erzittert und reibt sich die Arme. „Jack Frost stand an deinem Fenster und ich musste ihn rein lassen!“, erklärt er völlig gefasst und strahlt mich an. Ich kann nicht anders, als ihn anzugrinsen. In mir breitet sich ein warmes Gefühl aus, seit die Kinder mich sehen können ist meine Kraft stärker geworden. Ich kann viel mehr Dinge erschaffen. „Jack Frost, steht also an meinem Fenster und bespannt mich, ja?“, fragt Bell ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. Erschrocken schaue ich sie an. „Sag ihr, dass ich nur zufällig vorbei gekommen bin! Ich bin zufällig an deinem Fenster vorbeigekommen!“, rufe ich, obwohl ich eigentlich weiß, dass sie mich nicht hören wird. „Er sagt, er war nur zufällig hier…“, versucht nun auch Jamie zu vermitteln. „Aha… zufällig…“, sagt sie, doch sie klingt nicht überzeugt. „Hör mal, Jamie… Jack Frost… ich weiß nicht, ob es ihn wirklich gibt…“, sagt sie leise, doch sie schaut sich trotzdem um. „Klar, gibt es den! Er steht doch neben dir!“, meint der und schaut mich an. Ich schaue stattdessen traurig zur Seite. Ich weiß natürlich, dass Kinder wenn sie älter werden den Glauben an uns verlieren und uns dann auch nicht mehr sehen können. Aber dieses Mal wünschte ich es wäre noch nicht so. Ich möchte, dass sie mich sehen kann… dass sie mich hört. „Jamie… ich kann ihn nicht sehen.“, sagt sie vorsichtig. Traurig schaue ich sie an. „Hörst du auf, an den Mond zu glauben, wenn die Sonne aufgeht? Und hörst du auf an die Sonne zu glauben, nur weil sich Wolken davorschieben?", fragt er sie voller Überzeugung und ich muss lächeln, weil er meine Worte benutzt. Einen Moment lang schauen sich beide an, doch dann nickt sie. „Jaa… du hast Recht, nur weil ich etwas nicht sehen kann, heißt es nicht, dass es nicht da ist!“, räumt sie lächelnd ein und dreht sie.
Sie schaut mich nun direkt an und plötzlich ganz unerwartet fängt mein Herz an zu rasen. Was zum Henker?, denke ich und greife fester um den Stab. Sie kommt näher und ich weiche zurück. Irgendwann stoße ich gegen das Bett, doch sie greift einfach durch mich hindurch. Trauer durchflutet mich und es wird mir ganz schwer ums Herz. „Was ist das?“, fragt sie und schaut entgeistert auf ihre Hand. Überrascht hebe ich den Blick. „Was meinst du?“, fragt Jamie und kommt auch näher. „Meine Hand… sie war plötzlich so kalt…“, flüstert sie und betrachtet immer noch ihre rechte Hand. „Das ist doch…“, sagt sie und hebt erneut die Hand in meine Richtung. Ihre Finger stehen kurz davor meine Brust zu berühren.
„Jamie!!! Bell!!! Frühstück!!“, ruft von unten die Mutter. Wir alle drei zucken zusammen. „Wir kommen!“, ruft Jamie und läuft zur Tür. „Danke Jack! Fürs Kältefrei!“, ruft er noch und verschwindet aus der Tür. „Hab ich gerne gemacht!“, rufe ich noch schnell hinterher und springe übers Bett zurück ans Fenster. „Okay… Wenn du hier bist Jack Frost… Ich würde mich gerne umziehen, also könntest du bitte…?“, sagt sie etwas angespannt und dabei lächelt sie gequält. Sie verzieht das Gesicht. „Gott, jetzt drehe ich völlig durch!“, fährt sie fort und schüttelt den Kopf. Ihr Blick wandert wieder zu ihrer Hand, was mich irgendwie zum Lächeln bringt. „So stalkermäßig bin ich nun auch wieder nicht…“, sage ich und lache. Ich werfe einen Blick auf das Fenster und mir schießt eine Idee durch den Kopf. Mit rasenden Herzen lege ich meine Hand auf die Fensterscheibe und konzentriere mich einen Augenblick.
Langsam bilden sich verschlungene Eisblumen auf der Scheibe. „Bis bald!“, sage ich, während ich einen letzten Blick in ihre überraschten Augen werfe.
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