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Nie wieder.

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Masumi Nishijima Minene Uryuu
18.11.2015
18.11.2015
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Meine Stimme ist leise, als ich sie erhebe: „Mama... Papa...“ Ich spüre, wie Tränen warm in meine Augen steigen.
Warum antworten sie nicht? Warum geben sie keinen Laut mehr von sich?
Ich habe Angst.
„Mama! Papa!“, nun lauter. Warum sagen sie denn nichts? Warum wollen sie mich denn nicht trösten? Sehen sie denn nicht, dass es mir schlecht geht? Sehen sie das denn nicht? Warum nicht?
Ist es wie bei meiner Tante?
Eines Morgens lag sie auch so auf der Straße, nachdem es wieder diese lauten Knälle gab. Und um sie herum war auch diese rote Flüssigkeit. Aber es ist zu viel, um Blut zu sein. Es ist zu viel. Schließlich kommt Blut doch nur, wenn man sich in den Finger schneidet, oder? Das habe ich nämlich aus Versehen gemacht, und da kamen nur so ein paar Tropfen. Da kann doch gar nicht so viel kommen. Oder?
Und außerdem stinkt es auch so metallisch, genau wie bei meiner Tante. Mama und Papa haben gesagt, dass sie nie mehr wieder kommen würde oder etwas sagen würde.
Und als ich abends nicht eingeschlafen bin, bin ich zum Wohnzimmer geschlichen und Mama hat geweint und dann hat sie noch gesagt, dass sie nicht will, dass ihre Schwester tot ist.
Und Mama und Papa sind jetzt auch tot. Und sie werden nie mehr wieder kommen. Nie. Ich werde allein sein.
Für immer.
Mama wird mich nie wieder trösten können, wenn ich mich beim Spielen verletzt habe und Papa wird nie wieder die Monster unter meinem Bett verjagen können.
Nie wieder wird alles so sein, wie es mal war.
Nie wieder.
Tränen beginnen, meine Wangen hinunter zu meinem Kinn zu rinnen, stürzen sich von dort aus in die Tiefe.
Ich beginne, zu schluchzen. Ich falle auf meine nackten Knie, Steine bohren sich hinein, es tut weg. Aber da sowieso alles weh tu, ist das egal.
Ich schluchze lauter auf, kann Mama und Papa nicht ansehen. Ich heule auf und irgendwann sitze ich nur noch schreiend auf dem Boden.
Es wird nie wieder so sein, wie früher.
Nie wieder.

Ich sitze zwischen diesen zwei Türen. Mein Zukunftstagebuch in den Händen.
Ich denke an sein Gesicht. Er hätte mich glücklich gemacht. Da bin ich mir sicher.
Er hätte mich glücklich gemacht. Tränen steigen in meine Augen, ich blinzele sie weg. Ich will doch nicht heulend sterben. Ich bin doch kein Weichei.
Die Granate neben mir liegt da, still, als wäre sie völlig unschuldig und könnte keiner Fliege etwas zu leide tun. Aber mit Glück wird sie die Tür zum Bunker zerstören. In dem Nr. 11 sitzt. In diesem Spiel, was ich so gern gewinnen wollte. Ich hasse Götter. Sie sind der Grund, weswegen meine Eltern gestorben sind, als ich noch so klein war.
Ich kann die Tränen nicht mehr aufhalten und eine erste rollt über meine Wange. Ich will nicht weinen. Aber irgendwie schon. Er ist tot. Nishijima ist nicht mehr da.
Genau in dem Moment, in dem ich erkannt habe, dass ich mich auch auf andere einlassen kann, ist er gestorben. Es ist nicht fair.
Und Yukiteru ist daran schuld. Er ist daran schuld, dass er tot ist. Er hätte früher kommen müssen. Dann wären wir jetzt auch nicht in dieser Situation. Hätte ich ihn bloß vorhin umgebracht.
Aber dann habe ich sie gesehen, mein früheres Ich. Sie hat mir gesagt, dass ich ihn retten soll. Denn sonst wäre das ja auch genauso egoistisch, wie er ist.
Und plötzlich erscheint sie wieder, ich sehe den kleinen zierlichen Körper, sie umfasst die Hände meiner Eltern. Sie ist bei ihnen. Das weiß ich. Mein altes ich ist gestorben. Das ich, was ich eigentlich hätte sein sollen.
Sie blinzelt mich an, sieht mich an, weint, genauso wie ich. Vielleicht bin ich doch noch nicht ganz verloren. Aber jetzt bringt mir das auch nichts mehr. Jetzt, da ich mich gleich umbringen werde,
Ich umgreife das Tagebuch in meinen Händen fester. Kann ich es eigentlich schaffen, ein Handy mit meinen Händen zu zerstören?
Sicherlich.
„Danke“, flüstert sie leise, dann verschwindet sie und ich lächle über das gesamte Gesicht.
Ich weiß ja, dass es Gott gibt. Vielleicht gibt es dann auch einen Himmel.
Dann könnte ich Nishijima wieder sehen.
Ich atmete immer wieder rasselnd ein und aus.
Ich weiß, ich habe Yukiteru gerettet. Aber niemand hat mich gerettet. Ich lehne meinen Kopf an die Wand hinter mir.
„Ich wollte doch auch nur jemanden, der mich rettet.“
Und dann zerbreche ich mein Tagebuch.
Ich fühle nichts mehr.
„Nishijima“, ist das einzige, was noch über meine Lippen kommt, bevor ich sie wahrscheinlich für immer schließe.
Ich wollte doch bloß auch jemanden, der mich rettet.

Ich erwache und jemand schreit. Irgendwann stelle ich fest, dass ich das bin. Laut keuchend falle ich in das Kissen zurück. Ich sauge den Geruch in mich hinein. Ich muss lächeln.
Er hat mich irgendwann heute Nacht gefunden und da ich mich wild dagegen gewehrt habe, in einer Zelle oder so zu schlafen, weil bei der Polizei etwas anderes nun mal nicht zur Verfügung steht, hat er sich bereit erklärt mich zu sich nach hause zu holen. Und er hat mich in seinem Bett schlafen lassen, er schläft auf der Couch. Sein Geruch allein beruhigt mich schon. Was ist bloß los mit mir? Wann habe ich mich so in ihn verliebt? Jetzt kann ich es mir eingestehen. Ich bin verliebt.
Ich, Minene Uryuu bin verliebt.
Mein Herz beginnt, lauter zu klopfen, aber das kommt durch die Angst, die ich noch wegen meinem Traum habe. Ich weiß, ich brauche sie nicht haben. Er ist doch hier.
Ich ziehe die Bettdecke noch ein Stück höher und versuche, wieder einzuschlafen, aber da klopft es an der Tür.
Stimmt, ich habe geschrien.
„Ja?“, frage ich, so laut, wie es in meinem verschlafenen Zustand möglich ist.
„Ich bin's, sie haben laut geschrien...“
„Lass das sie! Und komm rein wenn du willst, ich habe damit kein Problem!“
Die Tür öffnet sich und er schließt sie leise hinter sich. Mein Arm tut weh, das heißt, der Arm, der nicht mehr da ist. Plötzlich steigen Tränen in meine Augen. Ich habe bei diesem Spiel ein Auge und einen halben Arm verloren. Warum hat Nr. 11 das bloß so gemacht? Warum?
Sie beginnen, stumm über mein Gesicht zu fließen. Ich setze mich ein wenig auf und Nishijima steht etwas behämmert im Türrahmen, sodass ich doch wieder ein wenig grinsen kann. Ich habe das Gefühl, ihm alles erzählen zu müssen. Über das Spiel. Über uns. Darüber, dass er mich fast geküsst hat und er mir einen Heiratsantrag gemacht hat.
„Eh... warum hast du geschrien?“
„Ich habe schlecht geträumt.“
„Willst du mir irgendwie davon erzählen, wenn es hilft?“
Ich schüttele den Kopf. Nicht jetzt. Nicht in der Nacht. Aber ich werde es ihm sowieso nie erzählen. Ich meine, er würde mir das sicherlich nicht glauben. Er ist ein Polizist. Und Polizisten brauchen Beweise.
Er seufzt und steht immer noch im Türrahmen. Ich bemerke, dass ich ein wenig zittere, und vielleicht ist das auch so, weil ich eventuell ein bisschen Mitleid erregen will. Aber auch so, nämlich vor Angst. Angst davor, dass er mich jetzt noch nicht liebt.
„Kann ich dir sonst irgendwie helfen?“
Und dann sehe ich sie wieder. Sie liegt neben mir, zieht die Bettdecke ein Stück höher. Sie grinst und lacht, dann rollt sie auf mich zu. Und ich zucke zusammen, aber dann ist sie in mir. Ich spüre, wie mein altes Ich meinen Körper füllt. Ich erkenne, dass es dumm war, unschuldige Menschen bei meinen Anschlägen umzubringen.
Ich war nicht besser als die Leute, die meine Eltern umgebracht haben. Mein Zittern und weinen verstärkt sich. Ich bin nicht besser als sie. Ich bin genauso.
Ich habe anderen Leuten denselben Kummer bereitet, den ich selbst hatte.
„Hey. Kann ich dir irgendwie helfen?“ Seine Stimme bleibt immer noch sanft. Ich stehe auf, richte mein Nachthemd etwas und gehe entschlossen auf ihn zu. Er sieht mich überrascht an und ich merke, dass ich rot werde.
Und dann umarme ich ihn irgendwann einfach. Er ist erst erschrocken, dann erwidert er es und drückt mich an sich. Ich glaube, er weiß, wer ich bin. Schließlich kennt man mich ja auch jetzt schon. Allerdings existiere ich ja irgendwie zwei mal. Das wird er irgendwann merken. Und dann muss ich es ihm sagen. Dass er mein anderes Ich fangen soll und mich als eine andere Person ansehen soll. Denn ich bin eine andere Person. Ich bin jetzt wieder sie. Sie, die gelebt hat, bevor meine Eltern gestorben sind. Ich presse mich an ihn und weine noch mehr, als vorher. Er legt seinen Kopf auf meinen und ich seufze auf.
„Was hast du bloß schon alles durchgemacht, Minene Uryu?“
Er weiß, wer ich bin. Ich kralle meine Hände in den Stoff seines Pyjamaoberteils. „Es tut mir leid...“ Meine Stimme ist zittrig.
„Ich weiß, dass du nicht sie bist. Sie hat noch beide Augen und Arme. Aber du bist trotzdem sie... wie geht das?“
„Morgen... ok...? Ich will schlafen...“, murmele ich gegen sein Oberteil und schließe die Augen, atme die Luft und seinen Geruch tief in mich hinein.
Er sagt nichts und ich werde rot, bei den Gedanken, die in mir hochkommen. Aber ich muss das fragen, ich kann nicht anders.
„Eh... k-könntest du... heute Nacht nicht irgendwie eh... bei eh... bei m-mir schlafen?“
Scheiße, ich habe es gesagt und auch noch gestottert. Um Gottes Willen. Scheiße. Ich habe ihn das wirklich gefragt. Um Gottes Willen.
Er löst die Umarmung und starrt mich plötzlich auch rot geworden an. „Was?“
Ich bekomme einen Lachanfall.
„Das ist genau die Reaktion, die ich bei deinem Heiratsantrag hatte“, sage ich und ich glaube, mein Lachen erfüllt die gesamte Luft.
Oh Gott.
„Ich... habe dir einen Heiratsantrag... gemacht?! Hilfe! Ich bin ein Polizist und du eine Terroristin...“
Ich trete wieder näher an ihn und lege meinen Zeigefinger an seine Lippen, grinse dabei leicht spöttisch und er starrt auf meinen Finger, oder versucht es zumindest, weil er nicht schielen kann.
„Ich bin keine, ich war eine. Du hast selbst gesagt, ich soll mein Terroristindasein an den Nagel hängen. Und das habe ich getan. Und dann bist du gestorben. Und dann ich auch fast.“
Ich spüre, wie wieder Tränen in meinen Augen hochkommen, dann zieht er mich in eine Umarmung. Ich beginne wieder, zu schluchzen und ich glaube, er blickt jetzt gar nicht mehr durch. Aber er sagt dazu nichts.
„Na gut, von mir aus schlafe ich heute Nacht bei dir, ich meine, das bin ich dir wohl schuldig, wenn ich gestorben bin. Also das musst du mir morgen nochmal genauer erklären, glaube ich.“
Ich nicke in sein Oberteil, dann lässt er mich wieder ein wenig los und umfasst nur noch meine Hände.
Das Gefühl von Sicherheit pocht in meinem gesamten Körper. Und Hitze. Mir ist so warm. Und außerdem kribbelt alles, aber ich kann das aushalten. Das macht mir sowieso nichts aus, denn es ist fast schon angenehm. „Sieht ja alles fast so aus, als würden wir wirklich irgendwann heiraten...“, flüstert er in mein Ohr sein warmer Atem streift über mein Gesicht und dann küsst er mich auf die Stirn. Und mir wird noch wärmer. Aber das sollte mir egal sein. Und das ist es auch eigentlich.
Dann nimmt er mich hoch, ich quieke entsetzt auf und er trägt mich zum Bett, wo er mich dann auch ablegt.
Ich werde wahrscheinlich noch röter, als ich sowieso bin, als er sich zu mir legt und die Decke über uns zieht.
Ich dränge mich näher an seinen Körper und atme tief ein und aus. Er ist so warm, so unglaublich warm.
Und als ich meine Augen schließe, werden mir zwei Sachen klar:
Es wird wirklich nie wieder so sein, wie es war. Aber das ist okay so. Und anders geht es ja auch gar  nicht.
Nie wieder wird es so sein, wie damals. Nie wieder.
Und er hatte mich schon in dem Moment gerettet, als er mir den Antrag gemacht hat. Denn da habe ich gemerkt, dass ich ihn liebe und allein das hat mir gereicht.
Er hat mich schon längst gerettet und glücklich gemacht.
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