Der Kampf mit dem Meer

von Nairalin
GeschichteSchmerz/Trost / P12
Earwen Finarfin Ossë
18.11.2015
18.11.2015
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Huhu,

Mal wieder ein OS von mir, auch wenn mir bewusst ist, dass ich momentan bei den längeren Geschichten nichts gepostet habe. Dies hat private Gründe, über die ich mehr nicht sagen werde, aber mir tut es leid, dass ihr, meine lieben Leser, zur Zeit nur solche Lebenszeichen erhaltet.

Diese kleine Geschichte ist ein Geburtstagsgeschenk für Ilarié. Ich hoffe sehr, dass es dir gefällt und ich deinen Wunsch ordentlich erfüllen konnte!

Mein Dank an Quoth und DeepSilence, die sich meiner kleinen und großen Fehler angenommen haben!

Beste Grüße
Naira

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Es war dunkel, und einzig das Licht der Sterne zeichnete schwache Umrisse in schwärzeste Nacht. Arafinwë stand am Bug und beobachtete das feine Glitzern der Wellen. Es hatte etwas Beruhigendes, etwas Beschwichtigendes, und das war auch gut so. Seine Nerven lagen immer noch blank. Seine Finger krampften sich um die Reling, während er tief durchatmete.

Es hatte Wochen und Monate gekostet, diese Schiffe zu ‚erhalten‘, auch wenn eigentlich der Befehl nicht nur des Hochkönigs vorlag, sondern auch von Manwë selbst. Doch sein Schwiegervater hatte einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen gehabt, als man ihn darum bat, dass man die Schiffe benötigte, um nach Endórë zu gelangen. Was sich Arafinwë hatte anhören müssen, ließ ihn immer noch bitter den Mund verziehen, und nur mühsam konnte er die Wut bändigen, die sich gleich einem Feuer in seiner Brust breit machte.

Es war so weit gekommen, dass Ingwë selbst in Alqualondë erschienen war, nachdem ihm wohl irgendjemand gesteckt hatte, wie sich Olwë benahm. Danach hatte Arafinwë größtmöglichen Respekt vor dem Vanya empfunden und war nur zu willig gewesen, dessen Worten zu folgen. Dieser hatte Olwë den Kopf gewaschen, und das in einer Weise, wie Arafinwë sie bislang noch nie erlebt hatte. Das einzig Frustrierende war für ihn gewesen, dass Ingwë Arafinwës Argumente wiederholt hatte und diese bei Olwë durchgedrungen waren.

Sein Schwiegervater hatte sich daraufhin bereiterklärt, die Schiffe zu verleihen, jeweils ein Linda war auf jedem und navigierte, keiner mehr. Olwë selbst war auf einem, wenn auch nicht diesem. Er wusste, dass der König Alqualondës sich weigerte, mit ihm Kontakt zu haben, seit er im Namen der Valar um die innig geliebten Schiffe gebeten hatte. Es war egal, ob es seine Schuld war oder nicht, allein, dass Arafinwë, ein Noldo, es gewagt hatte, darum zu bitten, war zu viel. Er konnte so viel an der Beziehung arbeiten, Olwë würde ihm nie vergeben, dass er seinen Brüdern einst gefolgt war.

„Du denkst zu viel“, vernahm er leise, und Earwen stellte sich neben ihn. Ihre Haltung war kühl und stolz, doch sie sah ihn zumindest nicht frostig an. Ein geringer Trost zu den Herausforderungen, die ihn täglich quälten. Er wusste, dass das Verhältnis zwischen ihnen niemals wieder so werden würde, wie es einstmals gewesen war. Er konnte um ihre Vergebung bitten, er würde sie nicht erhalten, auch wenn sie oft genug gesagt hatte, dass sie ihm vergeben hatte und sie keinen Groll hegen würde. Alqualondë stand einfach zwischen ihnen.

„Tue ich das?“, fragte er ebenso leise und lächelte schmal. Sie nickte und strich sich das helle Haar aus dem Gesicht. Es wellte sich und wollte sich nicht bändigen lassen.

„Du hättest mich nicht aufhalten können“, meinte sie und drehte ihren Kopf zu ihm. Wieder wurde ihm bewusst, wie wenig aufeinander abgestimmt sie mittlerweile waren. Früher hatten sie wortlos gesprochen, gewusst, was in dem anderen vorging, aber jetzt schien all das verloren zu sein, unwiederbringlich in den roten Fluten versunken.

„Ich habe nicht über deine Anwesenheit sinniert“, korrigierte Arafinwë sie daher und merkte, wie seine Mundwinkel nach unten sanken. „Ich hätte es auch nicht verhindern wollen. Du bist erwachsen und durchaus in der Lage, deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Mir hätte es auch nicht zugestanden, dir etwas anderes aufzuoktroyieren.“ Sie schwieg betroffen, er merkte es an dem kurzen Zucken ihrer Augenbraue. „Und du musst selbst wissen, ob das Risiko es dir wert ist. Es wird Blutvergießen geben, es wird Tote geben.“

„Ich will unsere Kinder sehen, Arvo! Und Blut habe ich bereits gesehen.“

Der versteckt anklagende Ton, der mitschwang, entging ihm nicht.

„Wir wissen nicht, ob noch alle leben, das ist dir bewusst?“, gab er zu bedenken. Der Gedanke war für ihn selbst ein Schlag ins Gesicht, weil er sich nicht vorstellen wollte, dass auch nur eines seiner Kinder umgekommen war. Darauf gefasst machen musste er sich trotzdem. Er hatte die Ainur der See flüstern hören, dass schon so viele hohe Männer und Frauen verloren waren.

Earwen verzog das Gesicht und verschränkte die Arme. Ein lautloser Seufzer entkam ihm. Sie wollte es nicht in Betracht ziehen. Als ob es die Toten zurückbringen würde …

„Ich wollte es dir nur nochmals sagen. Es wird nicht einfach werden … und ich würde mir nicht verzeihen, wenn es dich unvorbereitet trifft und dich zu sehr mitnimmt, weil du es nicht einmal in Betracht gezogen hast.“

„Kannst du mir nicht einmal die Illusion lassen, dass es ihnen gut geht?!“, fragte sie, und ihre Stimme nahm einen leicht schrillen Beiklang an. Ihre Augen glänzten feucht, und er wollte sie in den Arm nehmen, dem Drang nachgeben, ihr tröstend durch die Haare zu fahren, selbst Trost in dieser Berührung zu finden. Er unterließ es, wissend, dass sie ihn wegstoßen würde. Sie waren nicht mehr Liebende, lediglich in einer Zweckgemeinschaft gefangen, die allerdings nicht von ihm erschaffen wurde. Er hatte Earwen freigegeben, hatte ihr die Tür geöffnet, andere Wege zu gehen, nachdem rote Schlieren alles zerstört und dem harmonischen Bild Risse zugefügt hatten. Seine Gemahlin war geblieben … nicht für ihn, sondern für die Politik, weil sonst alles auseinander gebrochen wäre. Die Unruhen nach seiner Rückkehr, die Probleme bei seiner Krönung, all das war alles andere als gut verlaufen. Hätte Ingwë als Hochkönig der Eldar kein Machtwort ausgesprochen, wäre Arafinwë sicher nicht in seiner jetzigen Position. Er war nicht sein Vater und würde es auch nie sein. Er erinnerte sich, wie seine älteste Schwester, Findis, getobt hatte, als er die Königswürde erhielt und nicht sie. Sie hatte intrigiert, hatte Gerüchte verbreitet, dass er ebenso gemordet hatte wie auch seine ‚wahnsinnigen‘ Brüder, und das nur, weil sie herrschen wollte. Ihre Mutter hatte sich nicht eingemischt, was ihn erzürnt hatte. Es hätte gereicht, wenn sie nur einmal Findis zur Ordnung, ihr das System in Erinnerung gerufen hätte. Doch nichts davon war geschehen. Sie hatte geschwiegen und den Blick abgewendet. Er hatte von ihr nicht erwartet, dass sie sich öffentlich einmischte, nur privat, um seine Schwester zur Räson zu bringen. Ihre Mutter war nach Valmar zurückgegangen und hatte keinen Blick zurückgeworfen. Wäre Nerdanel nicht gewesen, er würde immer noch kein Wort mit ihr sprechen.

Mehr als nur einmal war ihm der düstere Gedanke gekommen, dass er Feanáro nun verstand, seine Abneigung gegen seine Stiefmutter schien ihm plausibler als zuvor, auch wenn Nerdanel immer behauptete, dass die einzigen Gründe für die ‚gespielte‘ Abneigung die zweite Ehe, die in Feanáros Augen rechtswidrig war, Indis Neutralität – oder Meinungslosigkeit, wie sein Bruder es bezeichnet hatte – und der Druck von außen gewesen waren. Die Gesellschaft hatte es nicht mit Wohlgefallen aufgenommen und dadurch nochmals Druck auf Feanáro ausgeübt, auch wenn ihm das so fern erschien wie nichts anderes. Wann hatte sich sein Bruder je von außen beeinflussen lassen? Bislang war das Privileg immer Atar und Nerdanel vorbehalten gewesen.

Aber der einzige Pfeiler, der ihn nicht hatte verzweifeln lassen, war Earwen gewesen, die ihm auf kalte Art und Weise den Kopf gewaschen und Gegenintrigen gesponnen hatte, um seiner Schwester Einhalt zu gebieten. Er hätte den Anfang nie durchgestanden, das wusste Arafinwë. Er war kein Herrscher, hatte auch nie herrschen wollen. Seine älteren Brüder waren beide weit mehr geeignet. Doch hier war er, hoher König der Noldor, der einen Feldzug in den Osten führte.

„Du kennst mich“, erwiderte er ruhig, auch wenn er den Zweifel nicht gänzlich aus der Stimme verbannen konnte. Er merkte ihren Ärger sofort, da sich ihre Haltung neben ihm versteifte. Manchmal kam es ihm vor, als würde er nicht gegen seine Gemahlin sondern das Meer selbst kämpfen. Es waren nie offene Streitereien. Sie hatte ihn nur einmal angeschrien und öffentlich gedemütigt. Aber danach nimmermehr, sondern nur durch kühle, schneidende Worte ihrem Ärger Luft gemacht, wenn niemand sonst dabei war. Es wäre ihm oft lieber, sie würde schreien. Es war leichter, sich wieder zu beruhigen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Kalt, wie sie es handhabte, war es aber unendlich anstrengend, da sie festgefahren in ihrer Meinung war und sein wollte.

„Woran hast du gedacht, als ich herauskam?“, fragte sie abrupt. Er zog grimmig die Mundwinkel hoch. Themenwechsel kamen immer, wenn sie nicht darüber sprechen wollte, was wichtig wäre.

„Über deinen Vater“, gab er knapp zurück und ließ die Schultern sinken. Ein überraschter Laut entkam ihr. Eine Hand legte sich auf seinen Oberarm, was ihn zusammenzucken ließ. Vollkommen irritiert sah er zu ihr. Ihre Augenbrauen waren stur zusammengezogen und sie ließ ihre Hand, wo sie war. Die Stelle schien schier zu brennen, auch wenn der Stoff seines Hemdes sich zwischen ihnen befand. Verlangen und Liebe überrollten Arafinwë. Er wusste, es stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er hatte es nie verstecken können, nicht vor ihr. Dass sie älter war, mochte dazu beitragen, aber sie hatte ihn schon immer besser gekannt, als er je gewollt hatte.

„Er meint es nicht so“, versuchte sie zu beschwichtigen, ihr Blick mied ihn. Er schnaubte nur zynisch. Ihr Mund öffnete sich, doch sie schloss ihn genauso schnell.

„Du weißt selbst, dass er es genauso meint. Er hat mir nie verziehen und wird es jetzt noch weniger denn je tun.“ Beschämt biss sie sich auf die Unterlippe, und Arafinwë konnte nicht länger widerstehen. Seine Finger berührten ihre Wange, fuhren zu ihrem Kinn und hoben es sanft an. Ihr Blick war unsicher und so jung, als wären sie wieder Jahrhunderte in der Vergangenheit zurück. Nur für einen kurzen Moment wagte er es, seine Stirn an ihre zu lehnen, sich der Illusion hinzugeben, dass sie immer noch ein Paar wären, er sie berühren und lieben durfte, wie vor so ewig langer Zeit.

„Ich werde mit ihm reden“, brachte sie schwach hervor. Doch er lächelte nur bitter. Auch ihre Fürsprache würde nichts ändern. Das hatte sie auch davor nicht. Er traf für sich eine Entscheidung. Ehe er es sich anders überlegen konnte, küsste er sie. Leidenschaftlich und voller Liebe, nur kurz – viel zu kurz – und ohne Hoffnung. Er ließ ihr keine Gelegenheit zu reagieren und ließ sie los, wisperte ein raues „Ich liebe dich immer noch!“, ehe er sich abwandte und ins Schiffinnere ging. Ihr Blick brannte zwischen seinen Schultern, aber er drehte sich nicht um. Er wollte nicht den Schock, die Abneigung, wenn nicht sogar Abscheu in ihrem Gesicht sehen, die sie immer so gut hinter einer Maske zu verstecken wusste. Lieber behielt er diese Erinnerung auf ewig in seinem Herzen, vernähte seine Wunden mit dem Gefühl ihrer Lippen auf seinen, den Berührungen ihrer Zungen, den feinen Küssen, die er einst auf ihre Haut gehaucht hatte. Es linderte den Schmerz nur wenig, aber doch genug, um nicht endgültig zu verzweifeln.

Er fragte sich, wie es ihm wohl ergangen wäre, wenn er mit Feanáro und Nolofinwë mitgegangen wäre, anstatt sich von seinem verdammten Bruder soweit manipulieren zu lassen, dass er scheinbar freiwillig kehrt gemacht hatte.

Wäre der Schmerz ebenso präsent?

So tiefgreifend?

Arafinwë wusste es nicht. Für derlei Dinge war es schon lange zu spät, und er hatte den Preis gezahlt, der höher gewesen war, als er es sich in seinen schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können. Die Sehnsucht nach seiner Gemahlin wurde erneut überwältigend. Vom ersten Tag an wünschte er sich nichts mehr, als sie wieder in den Armen zu halten. Sie war der Fels in der Brandung, der ihm Halt gab, wo es keinen zu geben schien – auch wenn es nur mehr politisch war.

Er öffnete die Tür zu seiner Kabine und legte sich in das Bett. Mit Unbehagen nahm er den Wellengang wahr, auch wenn er ihm lange nicht so zusetzte wie vor vielen Jahrhunderten. Die Schifffahrt war nie das seine gewesen, gerade wenn er auf einem solchen Gefährt übernachten musste. Er hatte immer seine Kinder bewundert, die mühelos in der Takelage herumgeturnt waren, nur um mit Leichtigkeit die Boote und Schiffe zu lenken. Arafinwë merkte einmal mehr, wie sehr seine Kinder nach ihrer Mutter kamen, während er ein Noldo durch und durch war, wenig der Vanyar war ihm in die Wiege gelegt worden. Einzig das goldene Haar und die Heilergabe gaben das Erbe Indis‘ preis.

Das Knarzen des Holzes und das Schlagen der Wellen gegen das Schiff hielten ihn noch lange wach. Seine Gedanken waren in der Vergangenheit, analysierten jeden Tag, der vergangen war, seine Geschwister und deren Kinder, seinen Vater, seine Mutter, seine Gemahlin und ihre gemeinsamen Kinder. Er ließ alles Revue passieren, versuchte seine eigenen Fehler zu finden. Erst ein Klopfen an der Tür riss ihn aus den Gedanken und verstört bemerkte er die Helligkeit in der Kabine. Hatte er schon so lange hier gelegen?

Die rufende Stimme eines Matrosen ließ ihn aufstehen, nur um sich erschöpft durch die Haare zu fahren. Aus einer Tasche holte er nur schnell ein Haarband und flocht einen losen Zopf, um das Gesicht frei zu haben. Erst danach ging er hoch, um zu sehen, wo sie schon waren.  Der weite Ozean erstreckte sich vor ihm und kein Land war in Sichtweite. Fragend blickte er zu einem der Männer, die nur vor zum Bug deuteten. Er erstarrte, als er Oionen erkannte. Die Maia war ein Anblick, der ihn schlucken ließ. Arafinwë wusste, dass sie die Noldor verabscheute und ihnen nicht helfen würde, wenn ihr Meister es nicht so verlangen würde.

Er straffte sich und ging vor, ließ sich nicht anmerken, wie wenig ihm ihre Präsenz behagte. Ein spöttischer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, und sie rekelte sich auf der Reling.

„Habt Ihr es also aus der Kabine geschafft?“, fragte sie, und ein boshaftes Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln.

„Nachdem ich mich recht körperlich fühle, ist es wohl kaum nur meine Fëa“, gab er kühl zurück und verschränkte die Arme. Ein verärgertes Stirnrunzeln war andeutungsweise zu erkennen, auch wenn die Maia es gut zu verstecken versuchte. Doch dann kam ihm eine Idee, wie er sie besänftigen können würde. Er wusste, dass Ossë und Oionen eigentlich von ihrer Macht aus zu den Valar zählen müssten, nur dass Manwë es ihnen verweigerte. Gerade Ossë wurde immer noch dafür bestraft, dass er einst Moringottos Worten Glauben geschenkt hatte, und mit ihm seine Schwester und Gefährtin, die nun vor ihm saß. Etwas, was selbst Feanáro erzürnt hatte, da es seiner Ansicht nach deutlich gezeigt hatte, welchen Charakter die Hohen auf dem Taniquetil besaßen.

„Doch was kann ich für Euch an diesem wunderschönen Morgen tun, Valiënya?“, meinte er charmant und verbeugte sich kurz. Ihre Augen wurden groß, ehe sie sich schlagartig verdunkelten. Arafinwë reagierte augenblicklich, ließ seine gedanklichen Barrieren fallen und sendete seine Intention aus. Er wusste, sie würde es spüren. Dass sie es jetzt noch für Spöttelei hielt, war ihm bewusst, bis zu einem gewissen Grad auch beabsichtigt, weil er wusste, dass sie am unruhigen Seegang schuld war. Sie stand immer noch auf der Seite der Lindar und grollte den Noldor.  

„Ihr begebt Euch auf gefährliches Terrain, König“, zischte sie und sah sich um. Er zog nur die Augenbrauen hoch und verlagerte sein Gewicht.

„Auf gefährlichem Terrain bin ich seit Jahrhunderten, Herinya, das ist wirklich nichts Neues!“, erwiderte er ungerührt und hörte hinter sich ein scharfes Einatmen.

„Er meint es nicht so, Herinia, er schlief nur nicht sonderlich gut!“, brachte sich Earwen neben ihm ein. Er konnte ein Augenrollen nicht verhindern. Ihre Versuche zu schlichten in Ehren, aber er konnte durchaus seine eigenen Entscheidungen treffen.

„Ich habe hervorragend geschlafen“, meinte er und warf Earwen einen warnenden Blick zu. „Doch ich sehe nicht, warum ich lügen sollte. Insbesondere da die Diener der See schon immer die Wahrheit und Rechtschaffenheit geliebt haben.“ Sein Blick lag auf Oionen, die ihn nachdenklich musterte.

„Das stimmt, aber es sind nicht nur die Diener der See hier“, gab sie zu bedenken, und kurz nur schaute sie in den Himmel. Ein Rauschen unterbrach sie, ehe sie weitersprechen konnte. Eine hochgewachsene Gestalt formte sich aus dem Wasser, und schließlich konnte man die erheiterte Visage Ossës erkennen.

„Ossë!“, zischte Oionen und stand auf.

„Wahr gesprochen, Noldóran!“

Seine Schwester ignorierte der Meeresdiener und lächelte Arafinwë amüsiert an.

„Das ist nicht mein Titel“, korrigierte Arafinwë und schloss für einen Moment die Augen. Die Erinnerungen, die mit dem Titel verbunden waren.

„Wie Ihr meint“, sagte der Ainu schulterzuckend, während er zwischen Arafinwë und Earwen hin und her sah. „Doch ich wusste schon immer, warum mir die Noldor von den Amanelben am liebsten sind!“ Sprachlos starrte Arafinwë ihn an, während Oionen wütend aufschrie und eine Wasserfontäne auf den Maia zuschoss. Mühelos wehrte dieser die Attacke ab.

„Sei nicht kindisch, Schwester!“, tadelte dieser Oionen. „Die Lindar haben sich alles andere als positiv in den letzten Jahrhunderten entwickelt.“ Dann wandte er sich wieder Arafinwë zu. „Wir werden demnächst Festland erreichen. Um genau zu sein, werden wir im Süden anlegen, und Ihr werdet dort mit Cundu Círdan Falathar in Kontakt treten, der die Küsten kontrolliert. Von ihm werdet Ihr den momentanen Stand sowie auch die Positionen unserer Verbündeten erfahren, ebenso auch die historischen Ereignisse.“

Verstehend nickte Arafinwë und atmete ein.

„Ich danke Euch, Ossë! Erlaubt mir die Frage, aber … wisst Ihr etwas über meine Familie? Meine Geschwister, meine Kinder, meine Neffen und Nichten?“, fragte er bedrückt. Als Ossë nicht antwortete, schloss er die Augen. Das dunkle Gefühl, welches ihn seit Aufbruch befallen hatte, schien sich zu bestätigen.

„Ich habe keine Nachrichten für Euch“, kam schließlich, und Arafinwë seufzte.

So schnell wie der Maia gekommen war, so schnell verschwand er, und mit ihm auch Oionen, die verärgert zu sein schien. Aber er konnte es ihr nicht verübeln.

„Musstest du das fragen?“

Ihre Stimme war leise und gepresst.

„Ja …“, antwortete er und sah in die Richtung, wo das Festland auftauchen würde. Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Robe.

„Ossë hat nichts wirklich gesagt, es wird ihnen gut gehen“, versuchte sie ihn zu überzeugen – oder doch viel eher sich selbst? Arafinwë wusste es nicht. Er ging mittlerweile davon aus, dass er niemanden aus seiner Familie wiedersehen würde. Die Art, wie der Maia geantwortet hatte, war mehr als nur bedenklich.

„Arvo?“

Ihre Hand auf seinem Arm ignorierte er. Er hatte das Gefühl zu ersticken.

„Ich werde mir niemals vergeben, meine Kinder im Stich gelassen zu haben … nie …“

Seine Stimme brach. Wenn er mitgegangen wäre, wenn er zwischen Feanáro und Nolofinwë vermittelt hätte … vielleicht wären alle noch am Leben, vielleicht hätten sie überlebt, weil sie gemerkt hätten, dass sie nur zusammen stark waren.

„Sie waren erwachsen und du hättest sie nicht aufhalten können. Sie wollten gehen!“ Earwen klang erschüttert. Blaugrüne Augen starrten zu ihm hoch. Das stimmte, aber er war feige zurückgeblieben. Er war umgekehrt, er hatte noch auf seinen Enkel eingeredet, dass er mitgehen musste, um zwischen diesen Sturköpfen zu vermitteln. Er war … er hatte zu viele Fehler gemacht.

Der Preis war zu hoch.

Er streifte Earwens Hand ab und ging wieder unter Deck. Sie rief etwas, doch er ignorierte es. Er konnte und wollte nicht sprechen. Die Schuldgefühle erdrückten ihn. Wie er in seine Kabine kam, wusste Arafinwë nicht, aber es war ihm egal. Er setzte sich nur und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Gesichter seiner Kinder, seiner Geschwister, Neffen und Nichten waren vor seinem inneren Auge. Er sah jedes einzelne in einer Klarheit, die ihn trocken aufschluchzen ließen. Wäre er nur mitgegangen. Er hätte sich nicht beeinflussen lassen dürfen, hätte stark sein müssen.

Er war alles nur mehr leid – den ständigen politischen Kampf, die Differenzen mit seiner Schwester, die Kälte Earwens und die Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie. Er war es leid. Erst merkte er es nicht, aber irgendwann strichen Finger tröstend seine Haare, lösten den Zopf. Arafinwë versuchte die Person wegzustoßen, doch es gelang ihm nicht. Als er seine Augen öffnete, erblickte er seine Gemahlin, die ihn mitfühlend und mitgenommen anschaute. Sie schluckte, ehe sie etwas tat, was er nie für möglich gehalten oder erwartet hätte. Sie setzte sich einfach auf seinen Schoß und legte die Arme um ihn. Leise Worte murmelnd, die nicht viel Sinn ergaben, dass alles gut werden würde, dass sie alle wiedersehen würden.

Er vergrub sein Gesicht in ihren silbrig weißen Haaren und versuchte, den Schmerz in seiner Brust in den Griff zu bekommen. Das Gefühl, alles verloren zu haben, wollte ihn nicht loslassen. Und als er warme Flüssigkeit an seinem Hals spürte, wusste er, dass es nicht nur ihm so ging. Zum ersten Mal seit der Schwanenstadt waren sie sich wieder nahe. Nicht körperlich, sondern gedanklich, emotional und seelisch. Sie dachten dasselbe, fühlten es.

„Ich vermisse dich so unendlich“, flüsterte Arafinwë gebrochen und drückte sie noch enger an sich. Er wollte nicht auch noch einen Kampf mit dem Meer austragen müssen. Dafür hatte er nicht mehr die Kraft. „Earmírenya.“ Seine Finger vergruben sich in ihren Haaren, und er ließ sie nicht mehr los. Earwen sagte nichts – und es war besser so.


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[Qu.] herinya/ [Te.] herinia = meine Herrin
[Qu.] valiënya = meine Valië
[Qu.] cundu = Fürst
[Qu.] fea = Seele
[Qu.] Earmírenya = mein Meeresjuwel (Kosename Earwens)
[Qu.] Oionen = Uinen
[Qu.] Arafinwë (KF: Arvo) = Finarfin
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