Atlantische Bewohner

von CARO2508
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P6
17.11.2015
18.11.2015
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Aus dem Atlantischen Alltag-erlebt von einem Horchlöffelchen und einer ornischen Dünenunke

„Noch harmlosere Vampire und von ähnlichem sozialen Nutzen waren die im Volkmund Horchlöffelchen genannten Geräuschvampire, die vom Geschwätz lebten. Sie waren kaum größer als Dackel, hatten aber Ohren, für die sich kein junger Elefant hätte schämen müssen. Meistens lagen sie einfach auf öffentlichen Plätzen auf dem Boden und sperrten die Lauscher auf, was sehr drollig ausah.“
-Auszug aus „Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär“ von Walter Moers

Welches Horchlöffelchen genau es war, das die folgenden Szenen miterlebt, sich gemerkt und, was am wichtigsten ist, sie anderen Vampiren derselben Art berichtet hat, ist inzwischen nicht mehr bekannt. Doch die Erzählungen gelangten von einem Artgenossen zum nächsten bis in die Gerüchteküchen von Atlantis. Eine ornische Dünenunke namens Tiago Rodriguez der IV.,  denn von solchen, aus Portugal stammenden, Gestalten wurden besagte Gerüchteküchen geführt, verarbeitete die Erzählungen der Horchlöffelchen.....

Eines Nachmittags also saß Tiago an einem der runden Holztische in seiner Gerüchteküche und zog an einer seiner ungezählten Zigaretten, da fiel ihm auf, dass er selbst seit Langem schon kein Gerücht mehr zu sich genommen hatte. Und das, obwohl er der stolze Besitzer einer heruntergewirtschafteten Gerüchteküche war!

Da der Laden aufgrund der Frühe des Tages noch beinahe leer war-nur zwei alte Unken saßen leise murmelnd in einer Ecke-watschelte Tiago, müde und vor sich hinbrummend, hinter den Tresen. Er öffnete die schlecht sichtbare Tür einer Kammer, die nur ihm zugänglich war, da nur er allein den Schlosscode besaß, aus einem guten Grund nebenbei bemerkt, denn seine Mitarbeiter waren ständig darauf aus, ihn noch bis aus Letzte zu ruinieren, damit sie „endlich“ den Laden übernehmen könnten. Schon oft hatten sie versucht, in eben diesem Laden Gerüchte über ihn zu verbreiten, doch durch seine langjährige Erfahrung hatte er sie bisher immer zu zerstreuen gewusst. In der Kammer befanden sich in klapprigen, modrigen Regalen Unmengen an verkorkten Glasröhrchen, Flaschen, Dosen und Schatullen, in allen Formen, Größen und Farben. Hinzu kam noch, dass sie alle auf unterschiedlichste Art rochen. Einige stanken, wie die Gerüchte die sie enthielten, bis zum Himmel, andere verbreiteten aufgrund der Delikatheit ihres Inhalts einen süßlichen, wohltuenden Geruch. Wieder andere schienen nur darauf zu warten, aus ihren Gefäßen befreit zu werden, um im Volksmund ihr Unwesen zu treiben und quollen schon als schattige Wolken aus ihren Behältnissen hervor. Dann gab es noch Büchsen, die ganz unscheinbar aussahen, in einer Gerüchtesuppe jedoch eine kaum auszuhaltende Schärfe verbreiten würden.

Tiago genoss den Anblick seiner Sammlung, musste jedoch auch feststellen, dass sie sich in der letzten Zeit stark reduziert hatte, da die Kunden ausblieben und er alte Gerüchte nicht mehr verkaufen konnte-denn wen interessierten schon die längst vergangenen Dinge-doch gelang es ihm auch nicht, jemand anderen als ein altes, schwerhöriges  Horchlöffelchen zur Beschaffung neuer  Gerüchte anzuheuern.

Die alte ornische Dünenunke blickte nun also kurzsichtig in seine Gerüchtekammer und sog tief die Luft durch die Nase ein, denn er war, entgegen der Ansicht seiner Kollegen, die großen Wert auf die Erscheinung des Gerüchts legten, der Meinung, dass eine gute Geschichte sich am besten über ihren Geruch identifizieren ließe.

Die alte ornische Dünenunke sog also tief die Luft in seine Nase ein. Genussvoll schloss Tiago die Augen. Nach und nach ordnete er die Gerüche. Jetzt war nur noch die Frage, was für eine Art von Gerücht er sich heute einverleiben sollte. Er entschied sich für eines, was zwar schon leicht abgestanden war, allerdings noch nicht schimmelte. Ein gutes Gerücht ist wie ein Käse, je länger es reift, desto größer ist der Genuss, pflegte der alte Herr gerne zu sagen. Er schlug die Augen auf und griff den kleinen, gräulich anmutenden Karton. Die Unke lud sich noch weitere Utensilien, die er zum Kochen der Gerüchtesuppe benötigen würde, auf die Arme. Darunter ein zerbeulter Kochtopf, ein hölzerner Kochlöffel und einige Gewürze, die das Gerücht noch interessanter gestalten würden. So verließ er seine Gerüchtekammer und begab sich zu dem kleinen Ecktischchen, an dem die beiden Unken saßen, zwei alte Weiber, wie Tiago beim Näherkommen feststellte.
„Sind sie an einem frisch gekochten Gerücht interessiert, meine Damen?“, fragte Tiago höflich. Er wusste, dass die beidem diesem Angebot nicht widerstehen können würden, denn gerade die Gattung der Unken ist immer an dem neuesten Klatsch und Tratsch interessiert und wenn dieser dann auch noch vom Küchenchef und Besitzer der Küche zubereitet wird, gibt es kein Halten mehr. Erwartungsgemäß nickten die beiden Artgenossinnen und blickten ihn mit glänzenden, neugierigen Augen an, begierig auf das folgende Spektakel.
Tiago atmete kurz tief durch, drückte seine Zigarette aus und krempelte dann die Ärmel seines Hemdes hoch, ließ die behaarten Finger knacken und rückte seine Kochmütze zurecht. Er stellte den zerbeulten Topf vor sich und griff mit einer eleganten Bewegung nach der kleinen Gerüchteschachtel. Einem Straßenzauberer gleich präsentierte er den Zuschauerinnen den Inhalt der miefigen Schachtel, indem er ihnen diese direkt unter die Nase hielt. Leise Ahh´s, Ohh´s und Mmh´s waren zu Hören. Dann ließ er den zähflüssigen Inhalt in den Topf trpfen und griff mit der anderen Hand nach einem Gewürzstreuer. „Eine Prise hiervon, eine Spur davon, ein Quäntchen Unglauben kann auch nicht schaden…“, murmelte er nun vor sich hin, während er die verschiedenste Pulver und Tinkturen in die zu brodeln beginnende Suppe gab. Ein beißender Geruch stieg aus der Suppe hervor und die Augen der beiden Unken weiteten sich-sie mussten es hier mit einem besonders delikaten Gerücht zu tun haben.
„Es ist vollbracht“, verkündete Tiago voller Stolz. Schnell eilte er hinter den Tresen, um drei Schalen und Löffel zu holen und begab sich danach schnellstmöglich wieder zu dem Tisch, denn er wollte nicht riskieren, dass an dem Gerücht herumgepfuscht würde.
Mit dem ersten Löffel der Suppe schwang der Satz „Der Bürgermeister ist den Delegierten übel gesonnen“ mit, was schon zu hochgezogenen Augenbrauen allerseits führte.  Als die kleine Gruppe das zweite Mal von der Suppe aß, wurde daraus schon „Der Bürgermeister ist der Erstplazierte, damit ist viel gewonnen.“  Tiago stöhnte schon jetzt leise ob der schlechten Qualität dieses Gerüchts, doch nun hatte er begonnen…
„Der Bürgermeister illustrierte Mülltonnen, die begannen, sich auf den Straßen zu sonnen“, es folgten gerunzelte Stirnen.
„ Die Bürgermeister wird von Mülltonnen vermisst und manche sagen sogar er ist ein Narzisst“, ein erschrockenes Einatmen ging einmal durch den kleinen Speisekreis.
„Der Bürgermeister wird von Mülltonnen vermisst und manche sagen sogar, dass er aus ihnen isst!“
Obgleich er mit dem Ergebnis seiner Gerüchtesuppen nicht vollends zufrieden war, war Tiago doch bestürzt von der Idee, dass der nattifftoffische Bürgermeister angeblich aus Mülltonne isst.
Denn das ist genau die Art und Weise, wie das Verbreiten von Gerüchten zur  Zeit von Atlantis noch funktionierte. Vielleicht kennt ihr das ja: Wenn man verschiedene, wenig geschmacksintensive Speisen nebeneinander auf dem Teller liegen hat, dann bleibt der Geschmack der letzten im Gedächtnis haften und alles andere verblasst schneller in der Erinnerung. Oder wenn man sein absolutes Lieblingsessen isst und danach und davor und vielleicht auch noch mittendrin einige andere Dinge, dann wird man sich letzten Endes an das erinnern, was einem am Besten gepasst hat, nicht wahr? Nun, genau so, ist es auch mit den Gerüchten.
Die drei Unken saßen nach ihrem Mahl noch einige Zeit lang zusammen, murmelten hinter vorgehaltenen Hände und zogen an ihren Zigaretten und man kann sich sicher sein, dass jede von ihnen ihre ganz eigene Variante des Gerüchts mit sich trägt, sie weitererzählt und dabei eventuell noch von einem unschuldigen Horchlöffelchen belauscht wird, wodurch das Gerücht erneut in eine der unzähligen atlantischen Gerüchteküchen gelangt…
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