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Bloodborne - Die Nacht der Krähe

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Horror / P16 / MaleSlash
15.11.2015
02.05.2016
10
19.596
6
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15.11.2015 2.100
 
Die kalten Steine Yharnams fühlten sich rau unter meinen nackten Füßen an. Ich hockte wie ein Wasserspeier auf einem der viktorianischen, schmutzigen Sockeln und betrachtete das geschäftige Treiben auf den Straßen.
Die Menschen hier waren… langgliedrig, größer, als normale Menschen. Ich selbst stamme nicht aus Yharnam und war selbst für mein Alter – zwanzig Jahre – ziemlich klein. Überhaupt schien mich niemand wirklich zu beachten; aber was war ich auch schon? Eine einfache Bettlerin mit zerrissener Kleidung und ohne Schuhe, die vor wenigen Stunden die Stadt erreicht hatte. Dennoch wirkte Yharnam seltsam, so, als ob sie alle ein großes Geheimnis hüteten.
Ich blickte auf den riesigen Scheiterhaufen, den einige Menschen aufstapelten und fragte mich, was geschehen sollte. War irgendein besonderes Ereignis diese Nacht, oder…?
Zögernd sprang ich von der sicheren Mauer herunter und huschte durch die Menschenmenge. Die meisten warfen mir nur einen verärgerten Blick zu, wenn ich an ihnen vorbeirannte und sie aus Versehen anrempelte, jedoch interessierte mich das kaum.
Wenn ich jedoch nicht ausreichend aufpasste, würde man mich fangen und ins Freudenhaus stecken – ich hatte das besagte Etablissement bereits beobachtet und ahnte, wie es dort abgehen würde. Ich wollte da nicht hin und musste einen Weg finden, in Yharnam Anschluss zu finden, ohne, dass man mich für das Waisenkind hielt, das ich war.
Doch ich war eine Fremde – und jeder Blick, den man mir zuwarf, bestätigte dies immer wieder. Ich bemerkte, dass ich anders war, als diejenigen, die hier bereits ihr gesamtes Leben verbracht hatten und versuchte, so unauffällig wie möglich sein – Kopf gesenkt, meine zerrissene Kapuze über den Kopf gezogen.
Ich huschte an einer weiteren Gruppe von Menschen vorbei, die noch mehr Holz zu dem Scheiterhaufen trugen und drückte mich an eine Hausecke, ehe ich aus meiner Tasche einen kleinen, dreckigen Zettel kramte – einem Zettel, den ich einem ahnungslosen Wanderer abgenommen hatte, als jener geschlafen hatte.
Der Grund, warum ich überhaupt hier war.
Ich faltete den Zettel auseinander und sah in wunderschön geschwungener Handschrift zwei Zeilen darauf:

Bleichblut.
Iosefka‘s Klinik, Yharnam, zur Blutbehandlung.


Ich hatte keine Ahnung, was Bleichblut war oder was genau bei dieser Blutbehandlung passierte, jedoch war dies für mich ein kleiner Hoffnungsschimmer, vielleicht endlich eine Heimat zu finden.
Ich wollte nicht mehr durch die Welt irren, von einer Stadt zur nächsten.
Yharnam war für mich der erste Ort, den ich für mich auserkoren hatte.
Und das alles nur wegen einem kleinen Zettelchen von einem armen Wanderer (der jetzt übrigens mit durchgeschlitzter Kehle an seinem inzwischen heruntergebrannten Feuer lag).
Doch ich hatte zumindest einen Anhaltspunkt und genau deswegen hatte ich mich nach Yharnam begeben, um diese Klinik zu finden.
Ich suchte immer noch, doch ich glaubte, dass ich auf einem recht guten Weg war. Ich lugte um meine Hausecke hervor und trat dann wieder auf die Straße, weg von den Holz schleppenden Menschen und hin auf einen kleinen Platz, auf dem etliche Statuen und sogar ein paar Grabsteine standen. Die Gespräche der Bewohner der Stadt wurden immer leiser, bis sie ganz verstummten und ich trat zögernd durch die Grabsteine hindurch, sah mich vorsichtig um, bis ich eine unscheinbare Tür fand.
Ich zerknüllte den Zettel in meiner Hand und trat näher.
Auf einem kleinen Messingschild stand in verblichenen Buchstanden: Iosefka’s Klinik.
Ich atmete erleichtert aus – ich hatte den Ort gefunden, wo ich hingewollt hatte.

Schnell sah ich mich um, doch niemand befand sich hinter mir; also öffnete ich die knarrende Holztür und riskierte einen ersten Blick hinein. Im Innern befanden sich ein paar Liegen, viele Holzregale mit etlichen Büchern, Döschen und Flaschen drin. Der Boden war alt und knarzte unter meinen vorsichtig Schritten, als ich einen Schritt hinein ging.
Ich war wachsam und sah mich überall genau um, damit mich niemand aus dem Schatten heraus anspringen konnte. Die Klinik verbreitete eine verlassene und unheimliche Atmosphäre und ich fragte mich, ob sie überhaupt noch bewohnt war.
Zögernd blieb ich in der Mitte des Raumes stehen und verschränkte die Arme vor der Brust – es war kalt hier, viel kälter, als draußen. Oder bildete ich mir das nur ein…? Ich wusste es nicht, aber ich wollte es auch nicht unbedingt herausfinden.
Am Ende des großen Raumes befand sich eine Treppe. Wenn jemand hier war, dann wahrscheinlich oben, oder? Also ging ich an den ganzen leeren Krankenliegen vorbei, auf die Treppe zu. Jeder Schritt, den ich tat, war laut und wirkt unheimlich in dieser sonst so gespenstigen Stille. Ich nahm die Treppenstufen nach oben und öffnete die Tür mit dem vergilbten, gläsernen Fenster, die sich an dessen Ende befand.
Was ich sah, war ein weiterer Raum, jedoch mit weniger Liegen und viel mehr Büchern und anderen Phiolen – ähnlich derer, die ich unten gesehen hatte. Es war dunkel hier oben und ich ging zu einer der Kerzen hin, nahm sie an mich. Ich hatte ein Briefchen mit Streichhölzern bei mir, damit ich mir nachts Feuer hatte machen können, während ich gereist war.
Jetzt benutzte ich eines davon, um die Kerze anzuzünden. Schwach leuchtete die Flamme auf und ich wartete, bis sie eine angemessene Größe erreicht hatte, ehe ich die harte Wachskerze in die Hand nahm und in den Raum endgültig hinein ging.
Die Bücher in den Regalen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich und ich begann, mit die Buchrücken durchzulesen.
Blutbehandlung.
Die Geschichte der Heilenden Kirche.
Der Kodex der Ekelblüter.
Die Legende von Byrgenwerth.
Alles Sachen, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ich wollte mir schon eines der Bücher herausziehen, um darin zu lesen, als ich hinter mir ein Geräusch hörte – ein Knirschen von Metall.
Ich wirbelte so schnell herum, dass die Kerze beinahe drohte, auszugehen und starrte angestrengt in die Dunkelheit vor mir. Ich hielt den Atem an, obwohl ich wusste, dass es unsinnig war: Denn wer immer da war, konnte mich dank meiner Kerze sehen.
Ich überlegte einen Moment lang, die Flamme auszupusten, da meinte eine alte, krächzende Stimme: „Wen haben wir denn hier…?“

War das Iosefka?
Nein, das konnte nicht sein… Die Stimme war eindeutig männlich. Aber vielleicht wusste dieser jemand ja, wo Iosefka sich befand?
Wenn ich eines auf meinen Reisen gelernt hatte, dann, dass ich niemals zu ängstlich zu sein durfte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und trat ein paar Schritte vor, bis ich die Person mit dem schwachen Schein der Kerze erhellte, die mich angesprochen hatte.
Es handelte sich tatsächlich um einen alten Mann in einem Rollstuhl – daher kam also das seltsame Knirschen und Quietschen. Der Mann hatte einen zerstrubbelten Bart, der sehr ungepflegt aussah und trug einen Zylinder mit breiter Krempe. Dessen Kleidung war fleckig und zerrissen, ähnlich wie meine und ich begann, mich weniger zu fürchten: Ein alter Mann konnte mir nichts tun. Dessen war ich mir sicher.
„Ich suche eine Frau namens Iosefka“, sagte ich und meine Stimme klang seltsam schrill in meinen Ohren – ein Zeichen von Angst.
So ein Mist aber auch.
„Das ist doch ihre Klinik, nicht wahr?“
„Iosefka…?“ Der alte Mann schien zu überlegen. „Die ist gerade eben außer Haus… Aber vielleicht kann ich Euch helfen, mein Kind…“
Die Bezeichnung mein Kind war beleidigend für mich, aber ich ging nicht darauf ein.
„Ich, ähm… suche Bleichblut.“
Oder der Mann damit etwas anfangen konnte?
Dieser beugte sich ein wenig vor und musterte mich – ich schaffte es endlich, unter seine Hutkrempe zu lugen und musste mich beherrschen, nicht zurückzuweichen. Seine Augen waren von einem Verband bedeckt… war er blind? Oder tat er nur so? Ich hatte das Gefühl, dass in Yharnam alles möglich war.
„Bleichblut sagt Ihr… Nun, in Yharnam wird Blutbehandlung praktiziert…“
„Wirklich?“ Ich war aufgeregt – bis vor wenigen Sekunden hatte ich ja geglaubt, das alles sei nur ein Scherz gewesen.
„Aber natürlich“, fuhr der alte Mann fort, „ihr müsst das Geheimnis nur enthüllen.“
Ein Geheimnis enthüllen?
Hatte ich vorher nicht gedacht, dass die Menschen hier um irgendetwas wussten…? Augenscheinlich waren meine Instinkte richtig gewesen.
„Aber wo soll eine Fremde wie Ihr nur anfangen…?“
„Deswegen bin ich hier hin gekommen“, klärte ich den Rollstuhlfahrer auf. „Ich habe gehört, hier in der Klinik könne man mir weiterhelfen.“
„Nun…“ Der Mann hustete schwer, „zuerst muss etwas Yharnam-Blut in Euch fließen.“
Ich schluckte.
Yharnam-Blut…? „Heißt das… ich werde dann ein Einwohner der Stadt?“ Ich klang verunsichert. Der alte Mann kam näher zu mir gerollt und lachte ein wenig. Plötzlich streckte er eine von Falten überzogene Hand aus und zeigte mir ein Bogen Papier. „Hier ist Euer Vertrag“, sagte er zu mir, „Füllt ihn aus und dann können wir mit der Blutbehandlung fortfahren.“
Zögernd nahm ich das Blatt Papier in die Hand und fragte misstrauisch: „Und Iosefka?“
„Iosefka ist nicht da. Sie kommt später wieder. Macht Euch keine Sorgen, mein Kind, ich kann das genauso gut… Jetzt füllt den Vertrag aus, wenn Ihr immer noch das Bleichblut wollt…“
Ich senkte den Blick auf das Geschriebene und trat an eine der Liegen, um die Kerze darauf abzustellen. Ich tropfte ein wenig Wachs darauf, stellte die Kerze hinein und wollte mich dann nach einer Feder umsehen.
Der alte Mann reichte mir besagte und dazu noch ein Tintenfässchen. Ich nahm beides an mich, schraubte es auf und senkte den Blick auf die erste Zeile des Vertrages.

Ich,

Daneben war eine Lücke gelassen und ich schrieb in gut lesbaren Buchstaben meinen Namen hinein.

Ich, Sheila, stimme hiermit den Bedingungen der Blutbehandlung, die in Yharnam praktiziert wird, zu. Egal, was danach kommen wird, ich selbst übernehme die volle Verantwortung für mein Tun.

Das klang ein wenig seltsam, aber ich dachte mir, dass das wohl in jedem Vertrag so war. Darunter wurden ein paar Angaben von mir verlangt, wie Größe und Gewicht, sowie eine detaillierte Beschreibung meines Aussehens.
Seltsam.
Warum der Vertrag so etwas verlangte, war mir schleierhaft, aber ich gab mein Aussehen an. Mit meinen lilastichichigen Haaren und den grauen Augen war ich recht einfach von der normalen Menschenmasse zu unterscheiden. Ich war ein eher dünnes Mädchen, jedoch drahtig und ziemlich geschickt. Und ich war ziemlich intelligent – wenn man das nicht war, dann überlebte man auf der Straße nicht lange.
Ich füllte alles also genauestens aus, während der Mann hinter mir in seinem Rollstuhl saß und mich beobachtete. Am Ende setzte ich noch meine Unterschrift unter den Vertrag und gab ihm den Mann zurück. Jener rollte zu der brennenden Kerze und faltete den Vertrag penibel, ließ ein wenig Wachs drauf tropfen und drückte dann ein Siegel hinein – woher er das Siegel hatte, hatte ich nicht gesehen. Wahrscheinlich hatte jener es aus seiner Tasche geholt.
„Gut. Gezeichnet und versiegelt“, sagte er und steckte den Vertrag ein. Dann deutete er auf eine andere Liege und sagte: „Hier. Neue Kleidung für dich. Als ein Bürger Yharnams solltest du auch so aussehen… Zieh dich um. Ich bereite währenddessen alles vor.“
Er rollte weg und ließ mich bei einem Kleiderhaufen alleine stehen.
Ich trat heran und befühlte den Stoff ein wenig – die Kleidung war robust, allerdings nichts Besonderes. Ich verstand nicht, warum ich sie anziehen sollte, doch ich folgte der Anweisung und zog mich um. Seltsamerweise passten mir die Hose, das Hemd, die Schuhe und das kleine Cape mit der Kapuze wie angegossen und ich runzelte die Stirn. Man konnte unmöglich meine Kleidergröße wissen…
„Seid Ihr fertig?“
Sollte ich jetzt antworten?
„Dann kommt her!“
Das Antworten hatte ich somit erledigt und ich ging wieder zu dem Mann hin, der auf eine Liege zeigte. Neben ihm lagen etliche Schläuche und Nadeln, sowie eine Dose mit… Blut?
Der Mann… er hatte es also wortwörtlich gemeint, als er gesagt hatte, dass Yharnam-Blut in mir fließen sollte?! Ich dachte ja zuerst, das sei etwas Metaphorisches gewesen, doch anscheinend hatte ich mir geirrt.
Ich überlegte, ob ich einen Rückzieher machen würde können – aber dann fiel mit der Vertrag ein. Ich hatte bei allem, was passierte, zugestimmt, ohne überhaupt zu wissen, was passieren würde.
Manchmal war ich ein echter Dummkopf.  
Aber einen Rückzieher zu machen wäre jetzt unheimlich feige und deswegen kletterte ich auf die Liege und sah dabei zu, wie der alte Mann mir mit einer Nadel in die Armbeuge stach, um einen Katheter legen zu können. Ich hatte keine Angst vor Blut und der Schmerz war mir egal. Dennoch war ich ein wenig blass im Gesicht – wer wusste schon, was ich später im Körper haben würde?
„Gut“, sagte der Mann und ich legte den Kopf auf die Liege, starrte an die Decke.
„Beginnen wir mit der Transfusion. Oh, und keine Sorge.“
Er musste wohl meinen ängstlichen Gesichtsausdruck bemerkt haben.
„Was auch passiert… Ihr werdet das alles für einen bösen Traum halten…“
Die Worte waren nicht gerade beruhigend – genauso wenig wie das leicht verrückte Lachen, was daraufhin folgte. Ich schloss die Augen und fragte mich, worauf ich mich hier nur eingelassen hatte…
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