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Guilty Past

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Arugo Tsukishima Ayase Shinomiya Gai Tsutsugami Inori Yuzuriha Kido Kenji Tsugumi
15.11.2015
29.05.2016
8
22.002
4
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Dieses Kapitel
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19.11.2015 2.204
 
Die Gestalt des Herzens


Die Sonne schien warm auf sein Gesicht, während er sich entspannt auf der Bank zurücklehnte und die Beine baumeln ließ. Shu war wieder einmal zu spät, aber das machte ihm nichts aus. Sie wollten heute zur roten Brücke gehen, einer alten und kaputten Eisenbahnbrücke, die schon lange nicht mehr in Betrieb war. Doch Shu meinte, es gäbe einen Geheimzugang zu einer Treppe in einem der Pfeiler, die sie bis nach oben führen würde, wo die Aussicht ganz wunderbar wäre. Er hatte heute kaum schlafen können vor Aufregung.
  „Du bist also der Junge, der Voids sehen kann.“
  Gai zuckte fürchterlich zusammen, da er niemanden kommen gehört hatte. Er drehte sich um und blickte über die Banklehne hinweg auf die Wiese hinter ihm. Dort stand ein Junge, der nun mit gemächlichen Schritten um die Bank herumging, bis er vor ihm zum Stehen kam. Er trug trotz der warmen Temperaturen schwarze Kleidung mit einem weißen Mantel darüber, hatte hellblondes Haar und eisblaue Augen, die Gai keine Sekunde aus den Augen ließen. Ein süffisantes Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
  „Wer bist du?“, fragte Gai argwöhnisch und ließ seinen Blick kurz nach rechts an ihm vorbei den Weg entlang wandern. Shu war immer noch nicht zu sehen.
  „Mein Name ist Yuu, aber du kannst mich auch Da’ath nennen“, antwortete er ruhig. „Kannst du mein Void auch sehen?“
  „Ich weiß nicht, was ein Void ist“, entgegnete Gai und schaute zur Seite. Der Blick dieser blauen Augen machte ihn nervös.
  „Ein Void ist die Gestalt des Herzens. Ängste und Wünsche, Schwächen und Stärken einer Person“, erklärte er, als hätte Gai ihn dazu aufgefordert. „Voids sind die Gegenstände, die du bei manchen Personen sehen kannst, wenn du ihnen in die Augen siehst.“ Er lachte, als Gai ihm erstaunt wieder seine Aufmerksamkeit widmete. „Oh ja, ich weiß Bescheid“, fuhr er fort und steckte beide Hände in die Seitentaschen seines Mantels. „Also zeig mir, dass du es kannst! Was ist mein Void?“
  Gai sah ihm einen Moment in die Augen, dann blickte er wieder zur Seite. Er presste die Lippen fest zusammen und drückte seinen Rücken so fest wie möglich an die Banklehne, als würde das den Abstand zu der furchteinflößenden Person vor ihm vergrößern.
  „Pfeil und Bogen“, flüsterte er schließlich.
  „Sehr gut“, lobte er ihn, nahm seine Hände aus den Taschen und klatschte dreimal langsam in die Hände. Bei jedem Geräusch zuckte Gai zusammen. „Es wird dir zwar überhaupt nichts nützen, da du die Macht des Königs besitzen musst, um die Voids zu entnehmen und zu gebrauchen …“  
  Gai starrte ihn an. Er wusste nicht, wovon er redete, doch er fürchtete sich zu sehr, um nachzufragen. Wenn doch nur Shu hier wäre … Sehnsüchtig blickte er in die Ferne, aber sein bester Freund war immer noch nicht zu sehen.
  Dieser Junge machte ihm Angst und sein Void …
  Sein Void noch mehr.
  „Aber vielleicht kommst du ja eines Tages in den Besitz eines Void-Genoms, was übrigens das einzig verbliebene Heilmittel für dich wäre“, sprach er betont gelassen weiter und das süffisante Lächeln kehrte zurück, als er Gais verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte. „Der Umstand, dass du Voids sehen kannst, zeigt, dass du bereits mit dem Virus infiziert bist und dein Körper nicht stark genug ist, dagegen anzukämpfen. Du magst vielleicht jetzt noch keine körperlichen Beschwerden haben, aber sie kommen früher oder später.“
  Gai begann nun am ganzen Körper zu zittern. Er sehnte sich mit jeder Faser seines Herzens danach, dass diese Person verschwand. Noch nie hatte er so etwas Schreckliches bei jemandem gespürt, dessen Void er sehen konnte. Nicht einmal bei Mana.
  Als hätte er seine Gedanken lesen können, sprach Yuu weiter.
  „Mana hat mir erzählt, dass du sie auf ihr Void angesprochen hast, das Schwert der Vernichtung.“ Er legte eine kurze Pause ein, als ob er erwartete, dass Gai etwas erwiderte. Doch dieser hielt sich ganz still, als ob ihm das helfen würde, die nächsten Worte nicht hören zu müssen. „Trotz all der Mühe, die man sich mit dir gegeben hat, bist du nicht als Adam geeignet.“
  Bilder stürmten auf ihn ein, die er nur allzu gern verdrängt hätte. Der ekelhafte Gestank in den engen Zellen, die grausamen Schmerzen während der unzähligen Versuche, die Schreie. Und seine Flucht. Wie er wie von Sinnen um sein Leben gerannt war, nachdem sie die Hunde auf ihn gehetzt hatten. Er umschlang mit den Armen seinen Oberkörper, als ob er sich an etwas festhalten müsste, um nicht in den Strudel der Erinnerungen eingesogen zu werden. Er war aus dem Labor geflohen, aber nicht der Hölle entkommen.
  Yuu beobachtete Gai aufmerksam, als würde er dessen Qualen in vollen Zügen auskosten. Schließlich streckte er seine rechte Hand aus und legte sie ihm auf den Kopf. Die Berührung ließ Gai vor Angst erstarren. „Mana hat sich für Shu entschieden.“ Er beugte sie zu ihm hinab und flüsterte ihm seine letzten Worte ins Ohr. „Komm uns nicht in die Quere, Gai Tsutsugami.“

„Hast du Schmerzen, Gai?“
  Er blinzelte ein paar Mal und stellte erstaunt fest, dass er die ganze Zeit an die Decke gestarrt hatte. Er setzte sich auf. Dann zog er vorsichtig die Nadel aus seinem Arm. Aus der Einstichstelle quälte sich ein einzelner Blutstropfen, der trotz der matten Zimmerbeleuchtung rubinrot funkelte.
  Er blickte in Inoris vor Sorgen geweitete Augen, die die ganze Zeit auf einem Stuhl neben ihm gewartet und sich jetzt zu ihm vorgebeugt hatte.
  Er sah ihr Void klar vor sich. Dasselbe Void wie Manas.
  Das Schwert der Vernichtung.
  „Nein, ich habe keine Schmerzen“, antwortete er. „Dein Blut scheint zu wirken, ich danke dir sehr.“ Sie seufzte erleichtert und sank wieder auf den Stuhl zurück. Dabei glitt etwas von ihrem Schoß. Ein roter Faden. Die Gemeinsamkeiten waren unübersehbar.
  Ist das Mädchen vor mir wirklich dazu bestimmt, die Welt zu vernichten?
  Er stand auf und griff nach seinem Hemd. Einen kurzen Moment lang schien ihn der Schwindel zu überwältigen, doch er konnte sich auf den Beinen halten, bis der Moment verflogen war. Er fühlte sich keineswegs besser, aber immerhin lebte er noch. Er musste sich wohl gedulden.
  „Du verstehst sicher, dass du mit niemandem darüber reden darfst.“ Inori nickte stumm. Er hatte ihr schon zuvor die Situation erklärt, wie Haruka sie ihm gestern dargelegt hatte. Ohne zu zögern hatte sie eingewilligt. Wenngleich er von vornherein von ihrer Zustimmung ausgegangen war, rührte ihn ihre Sorge um ihn. Obwohl die Infusion über Stunden ging, wollte sie ihm nicht von der Seite weichen. „Haruka schätzte, dass eine Infusion im Monat vorerst genüge. Wenn die Symptome sich verschlimmern sollten, entsprechend öfter.“
  „Du kannst auf mich zählen, Gai“, sagte sie bestimmt und stand auf.
  „Danke, Inori.“ Sie nickte ihm nochmal zu, dann verließ sie das Zimmer. Gai warf eine Decke über den Kleiderständer, an dem sie den Infusionsbeutel befestigt hatten, dann folgte er ihr nach.
  Auf dem Gang erwartete ihn bereits Shibungi, der einzig andere Eingeweihte neben Inori.  Es überraschte ihn, dass gerade er so viel Zeit dafür verwendet hatte, hier auf ihn zu warten, der sonst jede Sekunde im Voraus plante und klug nutzte.
  „Oogumo sichert mit ein paar anderen Gebiet 12, wie du es angeordnet hast“, begann Shibungi und rückte seine Brille zurecht. Gais bloße Anwesenheit reichte ihm wohl bereits aus, um alles zu erfahren, was er wissen wollte. „Inori hat sich zum Schießtraining begeben, wie ich gesehen habe.“ Sie gingen Seite an Seite den Gang entlang zur großen Haupthalle, während Shibungi ihn gewissenhaft in knappen Worten über die letzten Ereignisse in Kenntnis setzte. Präzise und zielorientiert, ganz so wie er es von ihm gewohnt war. „Und Tsugumi möchte, dass du zu ihr kommst. Sie klang …“ Er zögerte kurz. „… nicht so ungestüm fröhlich wie sonst, wenn du verstehst, was ich meine.“
  Gai hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich werde mich gleich darum kümmern. Sie ist im Kontrollraum, nehme ich an?“
  Shibungi schüttelte den Kopf. „In der Trainingshalle.“
  Gai seufzte. „Der Endlave wieder, hm?“ Er blieb stehen und sah einen langen Moment in die schmalen dunklen Augen seines ehemaligen Lehrmeisters.
  Er konnte sein Void nicht sehen.
  Er hatte es noch nie bei ihm gekonnt, genauso wie bei diversen anderen Leuten auch. Über die Jahre hinweg hatte er selbst herausgefunden, dass es vom Alter der Personen abhing, ob er ihr Void sehen konnte oder nicht. Die Altersgrenze lag bei 17 Jahren. Shibungi war schon älter gewesen, als sie sich damals im Krieg kennengelernt hatten.
  Gai schmunzelte innerlich. Kennenlernen war der falsche Ausdruck. Er hatte vor nun bald fünf Jahren versucht, Shibungi während des Krieges in Afrika zu töten, und war kläglich daran gescheitert. Doch statt sich des wagemutigen Kindersoldaten einfach zu entledigen, hatte er ihn unter seine Fittiche genommen und ausgebildet. Schusswaffen, Nahkampf, Strategie. „Ich werde dich eines Tages zum König machen, Gai, hatte er ihm einmal gesagt und als sie nach langer Zeit wieder nach Japan zurückgekehrt waren und kurz darauf Funeral Parlor gegründet hatten, hatte er es wahr gemacht und sich selbst zur rechten Hand des Königs degradiert.
  Gai lächelte.
  Shibungis Void hätte sicher die Form eines Schachbretts.
  Er streckte ihm die Hand entgegen. „Danke für alles.“
  Shibungi schien einen Moment lang erstaunt, dann ergriff er sie fest. „Du kannst dich auf mich verlassen.“

„Gai, na endlich!“ Kaum hatte Tsugumi sein Eintreten bemerkt, sprang sie schwungvoll von der niedrigen Leiter herunter, und stürmte auf ihn zu. Skeptisch musterte sie ihn. „Du hast mich lange warten lassen, das sieht dir gar nicht ähnlich.“ Noch ehe er etwas sagen konnte, redete sie schon weiter. „Na egal, jetzt bist du ja da“, winkte sie ab. „Komm mit!“ Während er ihr folgte, sauste ihr kleiner Roboter ohne Rücksicht auf Verluste quer durch den Raum und hätte ihn wahrscheinlich glatt umgefahren, wenn sein Reichweitensensor ihn nicht im letzten Moment noch zur Seite gelenkt hätte. Es war erstaunlich, wie die beiden die sonst leere Halle mit mehr Trubel und Leben füllten als die restlichen Mitglieder es jemals gemeinsam schaffen könnten.
  Sie blieb vor dem Endlave stehen, den sie wohl gerade reparierte. Die Metallhülle war an einem Arm geöffnet und verschiedene Drähte hingen heraus.
  „Siehst du das?“, fragte sie und deutete vorwurfsvoll auf die knapp vier Meter hohe Maschine. „Das ist ein uraltes Modell und kaum wert, es zu reparieren.“ Sie stemmte die Hände in die Hüfte, ihre dunklen Augen funkelten kühn. „Ich weiß, ich weiß“, sprach sie sofort weiter und machte eine abwehrende Handbewegung, als hätte er Anstalten gemacht zu widersprechen, „sie sind schwer aufzutreiben und wir sollten froh um diesen einen sein. Aber sieh ihn dir an! In diesem Blechhaufen ist weniger moderne Technik verbaut als in Fyu-Neru und das will was heißen! Das Metall ist stellenweise verrostet, die Synchro funktioniert nicht richtig, vom Steuerpult ganz zu schweigen …“, rasselte sie in atemberaubender Geschwindigkeit herunter und zählte dabei mit den Fingern mit. Sie führte noch weitere Dinge auf, die Gai nur am Rande hörte.
  Ihr Void war ein Scanner – die Schnittstelle des Hackers. Mit ihm konnte sie holografische Objekte projizieren und sie aus der Ferne lenken. Gai lächelte bei dem Gedanken daran, wie passend die Gestalt ihres Voids doch war. Es verband ihre größte Angst, die Einsamkeit, mit ihrer Leidenschaft und größtem Talent.
  „Hörst du mir überhaupt zu?“ Tsugumi hatte die Arme vor dem Körper verschränkt und starrte ihn schmollend an. „Du lächelst ununterbrochen, was soll das? Die Sache ist ernst, Gai!“
  „Ich verstehe“, kam er zum ersten Mal zu Wort, seit er die Halle betreten hatte. „Doch wie du selbst sagtest, müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben. Wenn du Hilfe brauchst –“
  „Fyu-Neru ist die einzige Hilfe, die ich brauche“, schnitt sie ihm das Wort ab und wie zur Bestätigung drehte sich dieser ein paarmal schnell im Kreis. „Und Ersatzteile besorge ich mir selbst.“
  „Was ist dann das Problem?“
  „Was das Problem ist?!“, wiederholte sie fassungslos und deutete mit einem Finger auf den Endlave hinter ihr. „Wir haben keinen Piloten! Bisher hatte kaum einer von denen, die ich gefragt habe, den Mumm, in diese alte rostige Blechkiste zu steigen und sein Leben an vorderster Front, in einem Kampf gegen einen übermächtigen Gegner – mit nur geringen Chancen auf Erfolg – zu riskieren!“ Vor Entrüstung überschlug sich ihre Stimme beinahe.
  „Hast du ihnen das mit exakt diesen Worten angeboten?“, hakte Gai mit hochgezogenen Augenbrauen nach und konnte sich beim Anblick ihres perplexen Gesichtsausdrucks ein lautes Lachen nicht verkneifen.
  „Gai, Oogumo möchte dich sprechen.“ Unbemerkt war Inori zu ihnen getreten.
  „Inori! Gai macht sich über mich lustig, hilf mir!“ Tsugumi nutzte sofort die Gelegenheit und überhäufte sie mit Klagen über sein fieses Verhalten in den letzten Minuten. Gai konnte die Augen nicht von Inori abwenden, die Tsugumi aufmerksam zuhörte.
  Ein und dasselbe Schwert konnte nicht nur vernichten.
  Es konnte auch beschützen.
  Das Schwert der Sängerin.
  Lächelnd drehte er sich um und ging.
  „Gai!“, rief Tsugumi ihm nach und unterbrach dafür ihren vorherigen Redeschwall. „Ich brauche einen Piloten!“
  Er hob die Hand  zum Zeichen, dass er verstanden hatte, während er die Halle verließ. „Ich kümmere mich darum.“
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