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Guilty Past

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Arugo Tsukishima Ayase Shinomiya Gai Tsutsugami Inori Yuzuriha Kido Kenji Tsugumi
15.11.2015
29.05.2016
8
22.002
4
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16.11.2015 4.591
 
Der mechanische Freund


„Klopf, klopf! Wer ist da? Ich bin’s, dein Freund Neko! Hallo Neko! Wollen wir zusammen spielen? Gerne, Usagi!“ Sie ließ die beiden Kuscheltiere in der Luft hin und her wackeln, als ob sie Seite an Seite in den Garten der weißen Plüschkatze gingen. Ein eigener Garten mit einer riesigen Wiese. „Wollen wir verstecken spielen? Oh ja, ich fange an mit Zählen!“ Während sie langsam bis zehn zählte, sah sie sich um. Auf dem Dachboden wurde nichts aufbewahrt, weder Kisten noch ein unbrauchbarer Schrank standen hier herum. In Ermangelung eines Verstecks setzte sie sich kurzerhand auf die Plüschkatze. „Zehn, ich komme!“ Sie ließ den rosa Plüschhasen mit den langen Ohren, von denen eins nur noch an wenigen Fäden hing, einmal um sie herumtrotten. Dann nochmal. Und nochmal. „Gefunden! Warum versteckst du dich denn unter dem Bett, Neko?“ Neko senkte traurig den Kopf. „Weil mich die anderen irgendwann immer allein lassen.“ Sie drückte die beiden Plüschtiere fest aneinander. „Ich lasse dich nicht allein, Neko. Ich bin deine beste Fr–“
  „Du sollst dich nicht immer hier heraufzuschleichen, wie oft muss man dir das noch sagen?“ Eine der Erzieherinnen stand mit grimmigem Gesichtsausdruck plötzlich vor ihr. „Und das auch noch im Schlafanzug!“, meckerte sie weiter. „Geh sofort nach unten und zieh dich um, wir haben Gäste!“
  „Aber ich will –!“
  „Du tust, was man dir sagt, du ungezogenes Gör!“ Wütend packte sie sie mit der einen Hand am Handgelenk und zog sie auf die Beine. Mit der anderen entriss sie ihr nacheinander beide Stofftiere und warf sie achtlos in eine Ecke des Raums. „Man hat nur Scherereien mit dir!“ Während sie das kleine Mädchen mit den langen schwarzen Haaren durch die Tür und die Treppe hinunter mit sich zerrte, galt deren letzter Blick ihren beiden Plüschfreunden.
  Ich komme wieder, wartet auf mich.
 
  „Das hier ist Tsugumi, sie wurde bereits als Säugling hier bei uns abgegeben. Begrüß unsere Gäste, Tsugumi!“
  „Hallo.“ Sie verschränkte ihre Arme hinter ihrem Rücken und blickte zur Seite. Sie mochte es nicht, wenn sie angestarrt wurde.
  „Was ist denn das für eine Begrüßung?!“, entgegnete die Erzieherin verärgert. „Und stell dich aufrecht hin!“
  „Ist schon in Ordnung.“ Die blonde Dame vor ihr lächelte freundlich. „Es gefällt dir sicher nicht, so gemustert zu werden, nicht wahr?“
  „Aye“, stimmte Tsugumi ihr zögerlich zu. Sie betrachtete nun doch neugierig geworden die Frau im Pelzmantel und den Mann im Anzug neben ihr. Wieder ein weiteres reiches Pärchen, das sich jemanden aussuchte. Sie wusste bereits jetzt, wie es enden würde.
  „Sie ist ja ganz süß, aber …“ Der Mann blickte abschätzig zu ihr herunter. „Wir suchen etwas mit guten Manieren.“
  Tsugumis Augen verengten sich zu Schlitzen. Hatte er sie gerade als Ding bezeichnet …?
  „Sie hat hervorragende Manieren“, versuchte die Erzieherin sie zu überzeugen. „Sie ist noch etwas … wild, aber das gibt sich mit den Jahren, da bin ich mir sicher.“
  Während sie weitere Argumente vorbrachte, weshalb sie Tsugumi unbedingt mitnehmen sollten, fiel deren Blick auf den gestrigen Neuankömmling. Er war groß und hager, sicher ein paar Jahre älter als sie. Und gerade in diesem Moment schubste er ein kleines Mädchen zur Strafe dafür, dass sie ihm das Spielzeug nicht gab, was er jetzt haben wollte. Während sie weinend am Boden saß, stand er über ihr und lachte.
  Tsugumi würdigte dem Pärchen keines Blickes mehr, ging an ihnen und der Erieherin vorbei, die ihr verdutzt nachsah, und trat vor den Jungen.
  „Was willst du, Winzling?“ Mit einem höhnischen Grinsen deutete er auf das weinende Mädchen. „Willst du auch so enden wie sie?“
  „RAKETENTRITT!“ Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, trag sie ihm gegen das Schienbein. Als er mit einem Schmerzlaut danach griff, warf sie sich mit der Schulter gegen ihn und er fiel rücklings auf den Boden. Gerade wollte sie dem Mädchen auf die Beine helfen, das vor Überraschung sogar zu weinen aufgehört hatte, da wurde sie unsanft am Oberarm gepackt und zurückgerissen.
  „Was fällt dir ein, aus heiterem Himmel auf andere Kinder loszugehen?“ Die Erzieherin packte sie wütend noch fester.
  „Aber er hat -!“, begann sie, doch wurde sofort unterbrochen.
  „Du bist ungezogen und aggressiv, mit dir ist nichts anzufangen!“
  Tränen schossen in ihre Augen, doch sie schwor sich, jetzt nicht zu weinen. Stattdessen streckte sie ihr wortlos die Zunge heraus. Während sie unter weiteren Beschimpfungen aus dem Zimmer gezerrt wurde, hörte sie noch die Worte der blonde Dame.
  „Sie ist doch nicht so süß, wie du dachtest, Liebling …“

Schweißgebadet wachte Tsugumi auf. Mit zitternden Händen ertastete sie im Dunkeln den Boden neben sich. Erst als ihre Hand auf dem kalten gebogenen Metall zur Ruhe kam, seufzte sie erleichtert auf. Selbst nach diesen vielen Jahren ließen sie die Erinnerungen aus ihrer Kindheit nicht los und schlichen sich in ihre Träume, so sehr sie sie auch vergessen wollte.
  Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sie war jetzt selbstständig, stark und frei.
  „Und ich bin nicht allein“, flüsterte sie und zog die Maschine näher an sich. „Nicht wahr, Fyu-Neru?“


Oogumo legte seine Hände auf ihre Schultern. „Du kannst hier reingehen und dir etwas Schönes zum Anziehen kaufen …“ Er drehte sie in Richtung des Geschäfts, auf das er zeigte, damit sie ihn auf keinen Fall missverstand. „… oder hier rein und zwischen den Büchern stöbern. Was auch immer du dir aussuchst, damit gehst du an die Kasse und bezahlst. Hier hast du etwas Geld.“ Er drückte ihr einige Scheine in die Hand.
  Inori sah ihn mit ihren großen roten Augen verständnislos an. „Bücher?“
  „Ach stimmt.“ Er schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Du kannst noch gar nicht richtig lesen.“ Er seufzte und fragte sich, ob Gai wirklich gründlich darüber nachgedacht hatte, als er Inori mit ihm geschickt hatte. Es leuchtete ihm ein, dass es wichtig war, sie mit der alltäglichen Außenwelt vertraut zu machen, aber in ihrem derzeitigen Zustand bräuchte sie eigentlich immer jemanden, der auf sie Acht gab. Es war noch zu viel neu für sie und außerdem wussten sie noch immer nicht mit Sicherheit, ob gezielt nach ihr gesucht wurde.
  „Gai meint, dass es durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen liegt, dass nicht einmal die Forscher der GHQ wissen, wie du aussiehst, so geheim war das Projekt“, raunte er ihr zu. „Aber wenn du dich zu auffällig verhältst, wird es auf jeden Fall gefährlich. Also tu nichts Auffälliges, verstanden?“
  „Verstanden.“ Sie nickte und umklammerte die Geldscheine fest.
  „Das Gespräch mit einem unserer Geldgeber wird nicht lange dauern“, sprach er leise weiter. „Wir treffen uns in einer Stunde wieder genau hier. Falls du in Schwierigkeiten steckst, ruf Gai über den Kommunikator an, verstanden?“
  „Verstanden“, antwortete sie erneut.
  „Dann bis später, pass auf dich auf.“ Er winkte ihr zum Abschied und war kurz darauf hinter der nächsten Häuserecke verschwunden.
  Inori sah ihm lange nach. Schließlich verstaute sie die Geldscheine in einer Rocktasche ihres Kleides. Nachdem sie sich versichert hatte, dass sie sie nicht verlieren konnte, blickte sie zwischen den beiden Geschäften, die Oogumo ihr gezeigt hatte, hin und her. Über beiden blinkten bunte Reklametafeln und viele Leute strömten aus und ein. Statt sich jedoch von der Laterne, unter der sie stand, zu entfernen und sich in eines der Geschäfte zu begeben, stand sie weiterhin dort und beobachtete die vorbeilaufenden Menschen.
  Fröhlich, dachte sie, als seinen kleinen Jungen mit einem Luftballon an der einen und seiner Mutter an der anderen Hand laut lachend neben ihr her hüpfen sah. Der Junge ist sicher fröhlich, nicht wahr, Misaki? Sie versuchte, weitere fröhliche Leute zu identifizieren, aber kaum einer lachte. Die meisten hasteten mit ausdruckslosem Gesichtsausdruck an ihr vorbei, ohne von irgendetwas Notiz zu nehmen. Oder sie starrten auf seltsame Apparate und rempelten dabei die Leute um sie herum an. Gerade bestaunte sie den langen weißen Bart eines alten Mannes, der sich gemächlich seinen Weg in ein Geschäft bahnte, als etwas gegen ihren Fuß stieß und sie ihre Aufmerksamkeit darauf richtete.
  Erstaunt betrachtete Inori den kleinen weißen Roboter, der seine vier tentakelartigen Beine mit Rollen an den Enden weit von sich gestreckt hatte und flach auf dem Boden lag. Er gab einen piepsenden Ton von sich und ein Zittern ging durch das ganze Gehäuse. Seine Beine bogen sich, als ob er angestrengt versuchte, sich aufzurichten, dann erschlaffte schlagartig alles und er blieb reglos vor Inoris Füßen liegen.
  Stumm bückte sie sich und hob den Roboter hoch, indem sie sein annähernd ovales Gehäuse vorsichtig mit beiden Händen umfasste. Er war viel leichter, als sie es vermutet hätte. Aufmerksam begutachtete sie den kleinen Roboter. Zwei Kugeln waren so in das Gehäuse eingearbeitet, dass sie wie Augen aussahen, und eine schwarze Linie zog sich so über das Gehäuse, dass er wie ein Mund wirkte. Ein Roboter mit Gesicht.
  „Fröhlich“, verkündete Inori. „Du bist fröhlich!“
  „Hey du! Mädchen mit den rosa Haaren!“
  Inori blickte verwundert in die Richtung, aus der die auffordernde Stimme gekommen war. Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren rannte auf sie zu und blieb knapp vor ihr stehen.
  „Gib ihn mir wieder!“ Stürmisch riss sie ihr den Roboter aus den Händen und Inori wich einen Schritt zurück. „Fyu-Neru gehört mir!“
  „Es tut mir leid“, erwiderte Inori schüchtern. „Ich wollte nicht …“ Während sie nach Worten suchte, kniete sich das Mädchen hin, setzte den Roboter vor sich und öffnete sein Gehäuse.
  „Nicht schon wieder! Warum tust du mir das an, Fyu-Neru?“, jammerte sie, als ob Inori gar nicht mehr da wäre. „Du weißt genau, dass ich mir ein neues Funksystem nicht leisten kann!“
  „Funksystem?“, wiederholte Inori leise und erregte damit wieder die Aufmerksamkeit des Mädchens. Sie schloss das Gehäuse wieder und stand auf, den Roboter mit beiden Armen fest umschlungen.
  „Es geht dich zwar nichts an, aber ja, ein neues Funksystem. Ohne das kann ich ihn nicht über den Satelliten laufen lassen und so geht alles auf die Batterie, die nicht lange hält, und dann muss ich ihn wieder irgendwo aufsammeln.“ Sie seufzte ergeben und streichelte zärtlich über das Metall. „Aber ich habe nicht genug Geld und selbst auf dem Schwarzmarkt –“ Sie erschrak und presste schnell die Lippen aufeinander, als hätte sie schon zu viel gesagt.
  „Geld? Ich habe Geld.“ Inori griff in ihre Rocktasche holte die Scheine heraus. „Hier.“ Sie streckte sie ihr entgegen. Das Mädchen starrte lange auf das Bündel Geldscheine in ihrer Hand, ihre Augen wurden immer größer.
  „Was soll das, woher hast du so viel Geld?!“
  „Oogumo hat es mir gegeben“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
  „Wedel damit nicht so in der Gegend herum, steck das weg!“, zischte sie und drückte ihren Arm runter. „Was glaubst du, in was für Schwierigkeiten du steckst, wenn hier jemand mitbekommt, dass du Geld verschenkst?!“ Sie sah sich unauffällig um. „Komm mit, lass uns verschwinden.“ Sie ergriff Inoris Handgelenk und zog sie mit sich.
  „Ich muss aber …“, begann Inori zaghaft zu widersprechen, doch ihre Worte gingen im Straßenlärm unter und so folgte sie dem Mädchen widerstandslos nach, das sie durch verschiedene Straßen und verwinkelte Gassen führte. Schließlich blieben sie vor einer heruntergekommenen Hausfassade stehen. Drei Stufen führten zu einer Tür, die mit dicken Holzbrettern vernagelt war. In nur wenigen Minuten hatten sie die Geschäftigkeit in den Straßen so weit hinter sich gelassen, dass nicht einmal mehr der Verkehrslärm bis hierher drang.
  Schwungvoll drehte sich das Mädchen zu Inori um. „Du scheinst mir ganz nett zu sein, aber auch ziemlich verwirrt und naiv.“ Sie legte neckisch den Kopf schief. „Wie heißt du überhaupt?“
  „Inori“, antwortete sie. „Ich bin Inori.“
  „Mein Name ist Tsugumi“, sagte das Mädchen und hielt ihr den Roboter entgegen. „Und das hier ist Fyu-Neru. Ich habe ihn selbst entworfen und gebaut“, verkündete sie stolz und zog ihn wieder fest an sich, als hätte sie Angst, dass Inori ihn ihr entreißen würde. „Du hast ihn für mich aufgelesen und ich habe dich dafür von den zwielichtigen Typen auf der anderen Straßenseite bewahrt, wir sind quitt. Du solltest wirklich besser aufpassen, wo du jemandem dein Geld unter die Nase hältst.“ Sie trat einen Schritt von ihr zurück und hob eine Hand. „Dann auf Wiedersehen, Inori!“ Sie lächelte breit, drehte sich auf dem Absatz um und ging weg.
  Inori blickte ihr verständnislos nach. „Warte!“, rief sie. „Wohin soll ich jetzt?“
  „Keine Ahnung, deine Entscheidung!“, rief sie über die Schulter hinweg. Erstaunt beobachtete Inori, wie sie an der verriegelten Tür vorbeiging, sich durch ein angrenzendes Gebüsch duckte und aus ihrem Blickfeld verschwand.
  In diesem Moment klingelte ihr Kommunikator. Sie nahm ihn aus der Rocktasche und steckte ihn sich ins Ohr.
  „Inori?“ Oogumos Stimme.
  „Ja, ich bin hier.“
  „Nein, bist du nicht“, entgegnete er und sie konnte hören, dass er aufgebracht war. „Das Gespräch ist nicht gut verlaufen, wir müssen zurück zum Hauptquartier und Gai drüber unterrichten. Ich hatte dich doch ausdrücklich gebeten, in der Nähe zu bleiben!“
  „Es tut mir leid …“ Sie hörte ein Seufzen.
  „Na gut. Bleib, wo du bist. Im Kommunikator ist ein Peilsender, ich hole dich ab.“
  „Danke“, sagte sie, als auch schon ein Knacken andeutete, dass die Verbindung getrennt wurde. Sie verstaute den Kommunikator wieder in ihrer Rocktasche und sah nach oben. Zwischen den hohen Häusern zog am Himmel eine weiße Wolke über sie hinweg und spendete etwas Schatten an diesem heißen Tag.
  Inori schloss die Augen und begann zu singen.

„Was soll das??“
  Inori hatte gerade die zweite Strophe beendet, als eine bekannte Stimme ihr ins Wort fiel. Sie hörte auf zu singen und öffnete erstaunt die Augen. Tsugumi hatte ihren Kopf durch das Gebüsch gesteckt und funkelte Inori aus dunklen Augen an.
  „Du kannst hier nicht einfach so zu singen anfangen, das lockt doch Leute hierher!“
  „Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht, sondern einfach nur … gesungen.“
  Tsugumi seufzte. „Du musst dich nicht dafür entschuldigen. Ich kann hier nur einfach keinen Massenauflauf brauchen.“ Sie zögerte einen Moment, als müsste sie sich für ihre nächsten Worte überwinden. „Komm her, ich zeige dir was. Aber du darfst mich nicht bei der Arbeit stören!“ Ihr Kopf verschwand wieder raschelnd im Gebüsch. Inori blieb vor Verwunderung wie angewurzelt stehen. „Jetzt komm, ich lade dich kein zweites Mal ein!“, hörte sie sie verärgert rufen.
  Mit zaghaften Schritten ging Inori auf das Gebüsch zu, schob tief hängende Zweige mit den Händen beiseite und fand sich auf einem schmalen Weg wieder, der um das Haus herum und zu einer weiteren Tür führte, die nicht vernagelt war. „Du darfst niemandem hiervon erzählen, schwörst du es?“, fragte Tsugumi eindringlich. Als Inori nickte, öffnete sie die Tür und ließ sie hinein.
  Es war ziemlich dunkel in dem Raum. Nur wenige Lichtstrahlen kämpften sich durch die Holzbretter der vernagelten Tür hindurch und hinterließen helle Flecken auf dem staubigen Holzboden. Die Luft war angenehm kühl und ein leises Summen war zu hören.
  „Fyu-Neru, Licht!“, kommandierte Tsugumi und Inori sah den kleinen Roboter in eine Ecke flitzen, wo er sich mit einer Kontrollkonsole in der Wand verband. Kurz darauf leuchteten diverse Lampen an der Decke und an den Wänden in angenehmem Blau. „Und Musik!“, ordnete sie an und schnippte mit den Fingern, woraufhin leise ein Lied im Hintergrund spielte. Tsugumi warf sich schwungvoll in einen Drehstuhl am anderen Ende des Raumes. „Fühl dich wie zu Hause. Aber bitte sing nicht, das lenkt mich zu sehr ab“, meinte sie und starrte konzentriert auf mehrere Bildschirme vor ihr. Dazu tippte sie mit so schnellen Fingerbewegungen auf die verschiedenen Tasten einer Konsole, dass Inori ihnen kaum mit den Augen folgen konnte. Dann hielt sie plötzlich inne. „Aber du singst wirklich wunderschön“, setzte sie sanft hinzu, als hätte sie sie mit ihrer Bitte beleidigt.
  Inori lächelte, als Tsugumi wieder in ihrer Arbeit versank. Sie sah sich um und entdeckte in einer Ecke des Raums einen riesigen Stapel mit Büchern. Zögerlich schlug sie eines auf. Sie konnte nicht lesen, was dort geschrieben stand, aber es war auch eine Zeichnung abgebildet von etwas, das wie ein Roboter aussah. Die folgenden Seiten beinhalteten nur endlose Listen mit Zahlen- und Buchstabenabfolgen, die sie nicht verstand.
  „Aus diesen Büchern habe ich mein ganzes Wissen“, teilte Tsugumi ihr mit, als ob Inori sie danach gefragt hätte. Keine Sekunde lang ließ sie dabei ihre Augen von den Bildschirmen. „Und dort drüben ist meine Bastelecke“, fuhr sie fort und deutete mit einer Kopfbewegung auf einen Haufen mit Werkzeug, Drähten, Metallteilen und diversen anderen Sachen, die Inori noch nie zuvor gesehen hatte. „Du glaubst gar nicht, was Leute alles wegwerfen.“ Plötzlich klatschte sie laut in die Hände und Inori zuckte zusammen. „Ha! Hab ich dich! Vor mir kann sich keiner lang verstecken!“
  Verwundert trat Inori näher an Tsugumi und ihre Gerätschaften, vor denen sie saß. Auf dem Bildschirm war ein Endlave zu sehen.
  „Hey, sei nicht so neugierig!“, protestierte Tsugumi und warf ihr einen argwöhnischen Blick zu. „Aber gut, du scheinst mir nicht der Typ zu sein, der als Spion vom Militär geschickt wurde.“ Sie entspannte sich wieder. „Wenn die mich hier fänden, hätte ich ein großes Problem. Aber die beste Super-Hackerin der Welt wird nicht so einfach geschnappt!“, sagte sie triumphierend und Fyu-Neru spielte eine Aufnahme von Beifall ab, zu der Tsugumi aufstand, um sich vor ihrem imaginären Publikum zu verbeugen. Inori lächelte, als Tsugumi sich daraufhin wieder in ihren Stuhl fallen ließ. „Mein Auftraggeber wollte, dass ich den Standort dieses Endlave herausfinde. Es hat zwar ein paar Tage gedauert, aber schließlich konnte ich doch deren Firewall durchbrechen und ihre Sicherheitskameras anzapfen. Im Vergleich zu mir ist nun einmal jeder ein Amateur“, erklärte sie stolz. Sie lehnte sich zurück und schloss lächelnd die Augen. „Von dem Geld kann ich mir endlich das neue Funksystem für Fyu-Neru leisten und vielleicht sogar –“
  Sie wurde jäh von einem piepsenden Signalton unterbrochen und einer der Bildschirme blinkte rot auf. Ihr Gesicht erstarrte und sie drückte hektische einige Tasten, bis das Blinken verschwand und die Gasse gezeigt wurde, in der Inori gesungen hatte. „Ich habe in der Nähe Überwachungskameras installiert, die jedes fremde Gesicht als Eindringling melden“, flüsterte sie. „Meistens ist es falscher Alarm, einfach nur Passanten, die sich hierher verirrt haben, aber man kann nie …“ Ihre Worte verloren sich im Nichts, als eine Person auf dem Bildschirm auftauchte. In der Hand hielt sie eindeutig eine Pistole. Tsugumis Gesicht wurde kreidebleich.
  „Notfallplan, Fyu-Neru!“, zischte sie und sprang auf. „Es gibt noch eine weitere Hintertür, Inori. Sie ist –“
  „Das ist Oogumo.“ Inori deutete auf den Bildschirm, auf dem sein Gesicht nun klar zu erkennen war. „Er sucht nach mir.“
  „INORI?“ Oogumos tiefe Stimme hallte über den Platz. Er schien direkt vor der vernagelten Tür zu stehen. „INORI! ANTWORTE MIR!“
  „Er soll aufhören zu schreien!“ Tsugumis Gesicht nahm einen verzweifelten Ausdruck an. „Das ist ein Geheimversteck!“
  Einen Augenblick später krachte etwas mit voller Wucht gegen die verbarrikadierte Tür. Putz bröckelte von der Decke und das gedämpfte Licht flackerte kurz.
  „Ich weiß, dass du da drin bist, Inori!“
  Tsugumi hatte inzwischen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und Fyu-Neru raste wie wild im Kreis, als ob auch er mit der Situation überfordert wäre. Inori trat an die Tür. Durch einen Spalt konnte sie Oogumo erkennen, wie er erneut Anlauf holte, um durch die Tür zu brechen
  „Ich bin hier, Oogumo“, sagte sie ganz ruhig.
  „Inori, geht es dir gut?“ Oogumo hatte sie gehört und trat nun dicht an die Tür. „Wie kamst du hier rein?“
  „Hinter dem Gebüsch ist ein Pfad, der zur Tür führt“, antwortete sie und hörte gleichzeitig, wie Tsugumi scharf die Luft einsog. Als sie sich wieder umwandte, sackte Tsugumi auf ihrem Stuhl zusammen und seufzte.
  „Das war’s dann mit meinem Geheimversteck. Ich muss wohl wieder umziehen.“
  Wenige Sekunden später trat Oogumo durch die Eingangstür. Er blinzelte einige Male, bis er sich an das dumpfe Licht gewöhnt hatte, dann ging er mit ausholenden Schritten zu Inori. „Inori, alles in Ordnung?“ Er wartete ihr Nicken ab. „Und wer ist das?“, fragte er und deutete mit einer Kopfbewegung auf Tsugumi, die geschlagen zu ihm hochsah.
  „Das ist Tsugumi“, antwortete Inori. „Sie ist eine Super-Hack-“
  „Das ist nicht wichtig!“, unterbrach sie Tsugumi mitten im Wort lautstark und gestikulierte dabei wild. „Ich bin nur ein einfaches Mädchen, das ein anderes Mädchen zum Tee einladen wollte. Und dessen hünenhafter Beschützer beinahe ihre Tür zerstört hätte“, fügte sie leise und mürrisch hinzu.
  Oogumo runzelte die Stirn und verstaute erst jetzt wieder seine Waffe. „Na gut, wir werden dann gehen. Komm, Inori.“ Er hatte sich schon zur Tür gewandt, als sein Blick auf die Bildschirme fiel.
  Seine Augen wurden groß vor Entsetzen.
  Als Tsugumi das bemerkte, drückte sie schnell eine Taste und die Bildschirme wurden schwarz. Oogumo trat dennoch näher und starrte weiterhin darauf, als wäre das Bild nicht schon längst verschwunden.
  „Woher hast du diese Aufnahme?“, fragte er heiser.
  „Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegnete sie heiter.
  „Woher hast du diese Aufnahme?!“ Jetzt brüllte er. Inori hatte ihn noch nie so außer sich gesehen. „Das ist unser Endlave! Unser Endlave in unserem Quartier!“
  Tsugumis Augen waren vor Schrecken weit aufgerissen und sie wich langsam zurück. „Ich … ich wusste nicht …“, stotterte sie. Als sie schließlich die Wand im Rücken hatte und einige stille Sekunden vergangen waren, hatte sie ihre Fassung wieder gefunden und ihr Blick war entschlossen. „Ich bereue nichts.“ Mit grimmigem Blick trat sie ihm wieder einen Schritt entgegen. „Ihr könnt mich einsperren, foltern oder töten – es ist mir egal. Ich bereue nichts. Ihr habt es verdient, bestohlen zu werden, so wie ihr mit uns Japanern umspringt!“ Sie redete sich in Rage. „Ihr seid die wahren Terroristen und ich würde jederzeit wieder einen Auftrag annehmen, der der GHQ schadet, die dieses Land zerstört!“ Ihr Gesicht war nun wutverzerrt und sie stand in Kampfposition vor Oogumo.
  Sie sah wie eine Wildkatze aus, die um ihr Leben kämpfen würde.
  „Wir gehören nicht zur GHQ.“ Schlagartig hatte sich Oogumo beruhigt. Verwundert ruhte sein Blick auf Tsugumi. „Wie kommst du darauf?“
  Tsugumi ließ ihre geballten Fäuste langsam sinken. Verunsichert blickte sie zu Inori, die bestätigend nickte. „Aber … dann kann das nicht euer Endlave sein.“ Ohne Oogumo aus den Augen zu lassen, ging sie zu ihrer Konsole und drückte eine Taste. Der Endlave erschien wieder auf dem Bildschirm. „Ich wurde von Widerstandskämpfern beauftragt, den Aufenthaltsort dieses Endlaves herauszufinden, der sich in einem der GHQ-Komplexe befindet.“
  Oogumo schüttelte den Kopf. „Das ist definitiv unser Endlave, den wir dem Militär abgenommen haben. Siehst du diese dunkle Stelle hier an seinem Arm?“ Er deutete auf eine bestimmte Stelle auf dem Bildschirm. „Hier habe ich höchstpersönlich die Identifikationsnummer entfernt. Wahrscheinlich hat die GHQ dich beauftragt, unseren Aufenthaltsort herauszufinden.“
  Tsugumi sank fassungslos auf dem Boden zusammen. „Aber dann … habe ich … für die falsche Seite …“
  „Es ist nicht deine Schuld.“ Inori ging zu ihr und ließ sich neben ihr nieder. „Es ist nicht deine Schuld, Tsugumi.“
  Mit einem leisen Piepsen kam Fyu-Neru angerollt. Er blieb vor Tsugumi stehen und wippte auf und ab, als ob er hochgehoben werden wollte. Tsugumi nahm ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich.
  „Hast du die Informationen über den Standort des Endlave schon irgendwem mitgeteilt?“, fragte Oogumo. Sie schüttelte stumm den Kopf. „Gut, dann vernichte die Informationen“, verlangte er.
  „Eure Sicherheitsmaßnahmen sind ziemlich miserabel“, murmelte sie niedergeschlagen, als hätte sie ihn nicht gehört. „Zu welcher Organisation auch immer ihr gehört: Wenn ihr nicht besser aufpasst, wird man euch schon bald finden.“ Sie setzte Fyu-Neru vorsichtig wieder ab, stand auf und ging zur Konsole. „Wenn ich ihnen nicht die Information beschaffe, die sie haben wollen, wird es bald ein anderer tun.“ Sie drückte einige Tasten und die Bildschirme wurden wieder dunkel.
  „Na wie gut, dass wir jetzt jemanden wie dich in unserer Organisation haben, der das zu verhindern weiß.“ Oogumo klopfte ihr auf die Schulter und lachte, als Tsugumi ihn verdutzt ansah. „Na hier kannst du nicht bleiben“, erklärte er ruhig. „Wenn die GHQ erfährt, dass du versagt hast – oder schlimmer noch: sie hintergangen hast – dann wird es hier ungemütlich. Also pack alles ein, was dir wichtig ist, und dann komm mit uns.“ Tsugumis Blick pendelte zwischen ihm und Inori, die inzwischen auch aufgestanden war und sich den Staub aus dem Kleid klopfte, hin und her. Kein Wort kam über ihre Lippen. „Natürlich nur, wenn es dir nicht zu gefährlich ist, mit der Untergrundorganisation Funeral Parlor für ein freies Japan zu kämpfen“, ergänzte er.
  Dieser Satz schien ihre Lebensgeister wieder zurückzubringen, denn ein Strahlen erhellte ihr Gesicht. „Aye, wir kommen mit euch!“ Sie beugte sich zu ihrem Roboter hinunter. „Hörst du, Fyu-Neru, wir ziehen um!“ Inori und Oogumo lächelten sich an.
  „Wir haben noch keinen Spezialisten für diese Art von Arbeit“, setzte er hinzu und deute auf die Bildschirme und Konsolen. Anscheinend wollte er sich mit dieser Aussage wegen ihrer Rüge bezüglich ihrer schlechten Sicherheitsmaßnahmen rechtfertigen. „Es steht bei uns einiges von dem Spielzeug hier herum, aber …“
  „Spielzeug?!
  „Verzeihung, Verzeihung!“, entschuldigte er sich sofort und hob beruhigend die Hände, als Tsugumi ihn mit einem so mörderischen Blick durchbohrte, als hätte er nicht ihre Technik, sondern sie selbst aufs Schlimmste beleidigt. „Ich meine nur, wenn du etwas mitnehmen willst, schicke ich …“ Während er redete, blitzte es plötzlich in einer Zimmerecke. Das Licht ging aus und von den Geräten, mit denen Tsugumi vorher gearbeitet hatte, stieg leichter Qualm auf. Dann raste der kleine weiße Roboter zwischen ihnen hindurch zu Tsugumi, die ihn in die Arme schloss und zur Tür stolzierte.
  „Nicht nötig. Fyu-Neru ist das einzige, was mir wichtig ist.“

„Unglaublich!“ Tsugumi drehte sich mehrmals im Kreis, sodass ihre Einkaufstaschen nur so durch die Luft flogen, während sie auf Gai zulief. Inori ging langsam hinter ihr her. „Unglaublich!“, wiederholte sie, als sie vor Gai stand. „Was ihr hier alles habt, ist unglaublich! Das neueste R-81-System, den schnellsten Remote-Controller … und sogar einen Endlave!“
  Gai hob lächelnd eine Hand, um ihren enthusiastischen Redefluss zu bremsen, was gar nicht einfach war. Für Inori war Tsugumi zum Inbegriff der Fröhlichkeit geworden. „Wir sind gut ausgestattet“, bestätigte er, „und alles steht dir zur freien Verfügung. Glaubst du, du kannst den Endlave von fern kontrollieren, wenn ihn ein Fahrer steuert?“
  Tsugumi nickte entschlossen. „Ich werde es lernen!“
  „Sehr gut. Ich setze große Erwartungen in dich, Tsugumi, Super-Hackerin.“
  Tsugumi lief augenblicklich rot an. „Ich habe noch ein paar Dinge besorgt, die ich hier nicht finden konnte“, wechselte sie schnell das Thema und hielt ihre Taschen hoch. „Danke auch für das neue Funksystem für Fyu-Neru, er freut sich sehr!“ Sie ging in die Knie und streichelte vergnügt den kleinen Roboter, der daraufhin freudig zu piepsen begann. „Inori und ich waren nämlich einkaufen! Sie hat auch etwas gefunden“, beteuerte sie und wandte sich zu ihr um. „Los Inori, zeig es ihm!“
  Inori nickte. Sie trat vor Gai und holte aus ihrer einzigen Einkaufstasche ein Buch heraus.
  „Ein Buch? Du kannst doch noch gar nicht richtig lesen“, entgegnete Gai sanft lächelnd.
  Sein Lächeln gefror schlagartig, als er den Titel des Buches las.
  Mit ausgestreckten Armen hielt ihm Inori die Vorderseite des Buches entgegen. Dort waren zwei Hände abgebildet, zwischen deren Fingern ein roter Faden ein Muster bildete.
  Das Fadenspiel.
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