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Guilty Past

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Arugo Tsukishima Ayase Shinomiya Gai Tsutsugami Inori Yuzuriha Kido Kenji Tsugumi
15.11.2015
29.05.2016
8
22.002
4
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Dieses Kapitel
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15.11.2015 1.911
 
Die Blume und die Nachtigall


„Sie sieht traurig aus.“ Misaki stand am Fenster zum Innenhof und zwirbelte eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare zwischen den Fingern, während sie hinausblickte.
  „Machst du dir Sorgen, Misaki?“
  Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie antwortete. „Natürlich! Du denn nicht, Gai? Sie ist seit vier Tagen bei uns, isst fast nichts und spricht kaum, das ist nicht gut für sie!“
  Er sah von seinen Plänen und Notizen auf. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, all ihre Waffen, Munition, Technik und vor allem den einen Endlave, den sie dem Militär vor zwei Wochen durch einen glücklichen Zufall entwenden hatten können, unbemerkt ins neue Hauptquartier zu schaffen. Ihre Organisation hatte in den letzten Monaten viel Zuwachs bekommen, sodass ein Umzug unumgänglich gewesen war. Vor allem die Überführung des Endlave hatte sich als äußerst schwierig gestaltet, aber noch hatte er keine Informationen erhalten, dass jemand geschnappt worden wäre.
  „Sie kann über nichts reden“, erwiderte er sanft, „da sie keine Erinnerungen an die Zeit vor ihrem Erwachen hat. Sie ist kein normaler Mensch wie wir, sie wurde aus Manas DNA –“
  „Wage es nicht, ihr das jemals ins Gesicht zu sagen!“, unterbrach sie ihn lautstark. Ihre Augen funkelten ihn zornig an. Wenn er irgendein beliebiges Mitglied gewesen wäre, hätte sie ihn sicher geschlagen, aber so behielt sie die Kontrolle.  
  Gai seufzte, stand auf und stellte sich ihr gegenüber. „Es ist grausam, aber je eher sie Bescheid weiß, desto besser für sie. Und desto besser für uns alle. Ich habe sie bereits über den Virus informiert und weshalb die GHQ sie –“
  „Ich brauche frische Luft“, schnitt Misaki ihm erneut barsch das Wort ab. Er hörte sie noch etwas von mangelndem Einfühlungsvermögen zischen, dann rauschte sie an ihm vorbei nach draußen.
  Gai blickte noch eine Weile auf die geschlossene Tür, die sie mit aller Wucht hinter sich zugeschlagen hatte, dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch. Morgen würden auch die letzten Zurückgebliebenen dieses Versteck hier verlassen, dann könnten sie ihre nächsten Schritte planen. Und er musste sich eingestehen, dass er froh war, diesen Ort endlich hinter sich lassen zu können, der für seine Größe inzwischen viel zu wenig Bewacher hatte.
  Er hatte ein schlechtes Gefühl.
  Und sein Gefühl ließ ihn nie im Stich.

„Inori ist wirklich ein schöner Name.“ Misaki ging neben ihr in die Hocke.
  „Gai hat ihn mir gegeben“, sagte sie.
  „Gefällt er dir denn?“
  Inori nickte. Sie saß in ihrem schlichten schwarzen Kleid auf den kalten Pflastersteinen des Innenhofs und wandte ihren Blick nicht von etwas auf dem Boden ab. Misaki hob erstaunt die Augenbrauen, als sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit erkannte.
  „Das ist ja eine Blume! Und das zwischen all den Steinen und dem wenigen Sonnenlicht, na sowas.“
  „Eine Blume“, wiederholte Inori und richtete zum ersten Mal ihre Augen auf Misaki. „Sie ist … schön, oder?“
  Misaki lächelte. „Mir gefallen ihre blau-violetten Blütenblätter sehr.“
  Sie saßen eine Weile schweigend beieinander. Dann musste Misaki plötzlich niesen, verlor dadurch das Gleichgewicht und plumpste mit einem dumpfen Laut nach hinten. Auf dem Rücken liegend begann sie über ihr Ungeschick zu schmunzeln. Dann lachte sie laut und schließlich steigerte sich ihr Lachen so stark, dass sie Tränen weinte. Inori blickte sie mit großen Augen an.
  „Was ist mit dir?“, fragte sie erschrocken.
  „Ich … bin … fröhlich!“, japste Misaki und versuchte vergeblich, ein Kichern zu unterdrücken. „Ich bin oft ungeschickt. Und dann lache ich darüber. Dann muss einem nichts peinlich sein.“
  „Fröhlich?“ Ihre Augen wurden noch größer. „Was ist das?“
  „Fröhlichkeit ist ein Gefühl. Wenn du die Blume ansiehst, bist du wahrscheinlich auch fröhlich“, erklärte sie ihr und wischte sich die letzte Lachträne aus dem Auge. „Und wenn man fröhlich ist, dann lächelt man.“
  „Verstanden.“ Inori nickte ernst und tat dann etwas, was Misaki nicht für möglich gehalten hätte: sie sah die Blume an und lächelte.
  Misaki schloss Inori stumm in ihre Arme, die sie gewähren ließ. „Weißt du was?“, fragte sie daraufhin und wischte sich abermals mit dem Handrücken über die Augen. „Ich kenne ein Gedicht über eine Blume und vielleicht gefällt es dir! Sie wartete Inoris vorsichtiges Nicken ab, dann räusperte sie sich und schloss die Augen.
  „Ach Feldblume, die du hier blühst,
  bitte sag mir, weshalb Menschen kämpfen
  und sich gegenseitig verletzen.
  Ach Feldblume, die du so tapfer hier blühst,
  was kannst du von deinem Feld aus sehen?
  Warum können Menschen einander nicht vergeben?“
  Misaki öffnete ihre Augen wieder und lächelte. „Meine Mutter hat es mir oft als Kind vorgetragen und jetzt gebe ich es an dich weiter, was hältst du davon?“
  „Es ist so schön wie die Blume“, erwiderte Inori und schenkte ihr abermals ein Lächeln. „Darf ich es … nochmal hören?“
  Die nächste Stunde verbrachte Misaki damit, das Gedicht immer und immer wieder zu rezitieren, bis Inori es verinnerlicht hatte und zufrieden war. Dann erzählte sie ihr, wie schrecklich sie sich beim harten Training der Organisation angestellt habe, was sie unter anderem mit wilden Gesten unterstrich, womit sie Inori sogar zuweilen zum Lachen brachte.
  „Aber es hat sich gelohnt“, endete sie und strich sich ihre Haare zurück, die durch die Vorführung ihrer vielen missglückten Ausweichmanöver nun sehr zerzaust aussahen. „Jetzt bin ich eine der besten Schützen, die Funeral Parlor zu bieten hat!“ Ihre Wangen glühten rot vor Stolz.
  Inori sah sie bedrückt an. „Weshalb kämpfen Menschen, Misaki?“
  Misakis Lächeln wurde traurig. „Ich fürchte, diese Frage musst du weiterhin der Blume stellen, Inori. Aber ich kann dir sagen, weshalb ich kämpfe.“ Ihr Blick richtete sich auf die Blume, deren Blütenblätter im schwachen Licht der untergehenden Sonne silbern schimmerten. „Ich habe meinen Mann und meine Tochter bei einer Schießerei verloren. Das Militär stürmte unseren Wohnblock auf der Suche nach Terroristen, die sich dort versteckt hielten. Und als sie flüchteten …“ Sie hielt inne und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, als die Bilder der nicht allzu fernen Vergangenheit auf sie einstürmten. „Als sie flüchteten, war das Militär nicht zimperlich, was Zivilopfer angeht, und schoss alles nieder, was ihnen im Weg stand.“ Eine Träne rann ihre Wange hinunter. „Das ist ein weiteres Gefühl, Inori: Traurigkeit.“
  „Traurigkeit?“, wiederholte sie fragend und rückte ein Stück näher zu ihr. „Bist du traurig, weil sie gestorben sind, Misaki?“
  „Ja“, antwortete diese und lächelte tapfer. „Das ist jedenfalls der Grund, warum ich kämpfe. Es soll niemand mehr geliebte Menschen verlieren müssen. Ich will die Unschuldigen beschützen und meine Freunde, die ich hier gefunden habe.“
  „Sind wir … Freunde?“
  Misaki nickte und ergriff ihre Hände. „Wir sind Freunde, Inori.“
  Als sie einen Sekundenbruchteil später die verräterische Spiegelung einer Brille im Schatten der Hauswand bemerkte, war es bereits zu spät. Der erste Schuss kam von vorn und streifte ihre linke Schulter, als sie sich mit ihrem Körper auf Inori warf und sie zu Boden drückte. „Bleib liegen!“, flüsterte sie, während sie gleichzeitig nach beiden Pistolen an ihrem Gürtel griff. Mit einer Seitwärtsrolle kam sie sofort auf die Beine und feuerte drei Schuss auf den Angreifer ab, bevor dieser sie überhaupt neu anvisieren konnte. Ohne einen Laut brach der uniformierte Mann zusammen. Ein weiterer Schuss traf sie in die rechte Hand und zwang sie, die Pistole fallen zu lassen. Während sie sich augenblicklich zu Boden warf, drehte sie sich im Fall um und traf den zweiten Schützen in die Brust.
  „Misaki …“ Inori richtete sich mit vor Schrecken geweiteten Augen langsam auf, sie zitterte am ganzen Körper. „Misaki!“
  „Inori, nein! Bleib -!“ Der nächste Schuss traf wieder ihre linke Schulter, diesmal kein Streifschuss.
  Sie haben uns umzingelt, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie haben es sicher auf Inori abgesehen. Ich muss sie irgendwie ins Haus bringen! Noch ehe sie etwas unternehmen konnte, hörte sie Schreie.
  „Ihr Bastarde!“
  Hinter ihr explodierte etwas und kleine Mauerstücke fielen zu Boden. Das war eindeutig Oogumo. Sie versuchte, den Schmerz in ihrer Hand zu unterdrücken, vergrub Mund und Nase fest in ihrer rechten Armbeuge und nutzte den entstandenen Rauch, um zu Inori zu gelangen. Sie half ihr hoch und schob sie vor sich her zur Tür, die ins Haus führte. Aus dem Fenster daneben sah sie bereits Gai feuern. Er schien ihr etwas zuzurufen, doch sie konnte nichts verstehen. Die Detonation klang ihr immer noch in den Ohren. Als er jedoch aus ihrem Blickfeld verschwand und sich unter das Fenster duckte, wusste sie plötzlich, was Gai ihr zugerufen hatte. Und sie wusste, dass Inori es nicht rechtzeitig durch die Tür schaffen würde.
  Mit einem Lächeln auf den Lippen blieb Misaki stehen und breitete die Arme aus.
  Der Kugelhagel aus der automatischen Waffe eines Schützen auf dem Dach gegenüber durchbohrte ihren Oberkörper und die Hausfassade zu gleichen Teilen. Nach nur wenigen Sekunden war es vorbei, der Angreifer war mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen außer Gefecht gesetzt worden.
  Inori war vor der Tür zusammengesackt und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Misakis blutüberströmten Körper, der wie in Zeitlupe langsam vornüberfiel und dann zu ihren Füßen liegen blieb.
  Funkelnde Tropfen färbten die Blume blutrot, als Inoris Schrei die Luft zerriss.  

Das Klappern von Besteck und lautstarke Rufe nach Nachschlag ließen die Sorgen und Ängste der vergangen Wochen in Vergessenheit geraten. Im neuen Hauptquartier hatten sie genügend Platz, um eine große Tafel aufzustellen, an der alle gemeinsam essen konnten. Dies hob nicht nur die Stimmung, sondern auch bei so manchem die Disziplin, Termine pünktlich einzuhalten. Gai überblickte die Schar der Mitglieder und lächelte zufrieden. Dann fiel sein Blick auf Inoris Platz, der abermals leer blieb. Es wunderte ihn, dass Misakis Tod jemandem wie ihr so zusetzte.
  Er warf Shibungi einen bedeutungsvollen Blick zu, den dieser erwiderte. Dann stand er auf, nahm Inoris gefüllte Reisschüssel von ihrem Platz und verließ die Speisenden, von denen niemand sonst groß Notiz von ihm nahm.
  Wie vermutet fand er Inori im Innenhof. Anders als der vorherige war dieser hier viel größer und mit Bäumen und Büschen ausgestattet. In der Mitte befand sich eine quadratische Rasenfläche, auf der Inori saß. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages fielen auf sie und ließen ihre helle Haut wie Porzellan wirken.
  „Du musst etwas essen, Inori.“ Er bückte sich und stellte die Schale neben sie.
  „Weshalb kämpfen Menschen, Gai?“, fragte sie, ohne ihn anzublicken.
  „Darauf wird dir jeder eine andere Antwort geben.“
  „Ich verstehe.“ Sie senkte den Kopf.
  „Warum fragst du mich das?“
  „Misaki hat mir ihre Antwort gegeben.“ Nun richtete sie ihre roten Augen auf ihn. „Ich will lernen, zu kämpfen, Gai.“ Er blickte sie überrascht an. „Ich will andere beschützen, so wie Misaki mich beschützt hat.“
  „Wenn es dein Wunsch ist …“, erwiderte er zögerlich, „… dann werde ich es dir beibringen.“ Er war sich noch nicht sicher, ob es eine gute Idee war, gerade sie an vorderster Front mitkämpfen zu lassen. Doch gegen Kenntnisse in der Selbstverteidigung sprach im Moment ohnehin nichts. Alles Weitere würde er sich noch überlegen. „Ich gehe wieder zu den anderen und hoffe, du kommst bald nach.“ Er drehte sich um und ging.
  Er hatte schon fast die Tür erreicht, als Inori plötzlich leise zu singen begann. Ein Lied über eine Blume, über Kampf und über Vergebung. Die Melodie war von so tiefer Traurigkeit, dass sein Herz bersten wollte. Es war lange her, seit er das letzte Mal hatte weinen können.
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