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Guilty Past

von Smaraya
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Arugo Tsukishima Ayase Shinomiya Gai Tsutsugami Inori Yuzuriha Kido Kenji Tsugumi
15.11.2015
29.05.2016
8
22.002
4
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Dieses Kapitel
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15.11.2015 1.426
 
Das Mädchen im Kristall


Er blieb nur wenige Zentimeter vor dem leuchtenden Kristall stehen, auf dessen kantiger Oberfläche hellblaue Linien wie Blitze hin und her zuckten.
  Sie hatten sich am ersten Wachposten vorbeigeschlichen, den zweiten umgangen und den dritten eliminiert, die Leitungen der Sicherheitskameras gekappt, die Kommunikation zur Verstärkung unterbunden und alle übrigen Sicherheitsvorkehrungen lahmgelegt. In exakt 120 Sekunden würde ihnen eine Bombe den Fluchtweg freischlagen.
  Alles lief genau nach Plan.
  Doch bis zur Detonation musste er improvisieren. Shibungi hatte im System keine Hinweise auf technische Hürden gefunden, die sie in Raum E-96 zu erwarten hatten. Er hatte sich natürlich dennoch auf Widerstand vorbereitet und war nun erstaunt darüber, dass sie hier weder Wachen antrafen noch sonstige Sicherheitsmechanismen überwinden mussten. Der Raum war leer – abgesehen von dieser eigenartig leuchtenden Röhre, die sich vom Boden bis hoch zur Decke erstreckte und offenbar aus einer Art Kristall bestand.
  Er überlegte fieberhaft, was er jetzt tun sollte. Die Zeit rannte ihm davon, die Uhr tickte. War hier wirklich das, wonach er suchte? Er war sich nicht sicher.
  Während seine Augen die leuchtende und sich stetig wandelnde Oberfläche nach einem Schalter oder ähnlichem abtasteten, die das Gefäß vielleicht öffneten, spürte er, wie sich gegen seinen Willen ein Gefühl der Gelassenheit in ihm ausbreitete. Vielleicht war ihm eine falsche Information zugetragen worden und die GHQ versuchte nicht …
  Seine Augen blieben sie an einem Punkt hängen und sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Das, was er eben flüchtig durch die verzerrende Außenschicht hatte erkennen können, setzte seinen Hoffnungen ein jähes Ende.
  Eine rosa Strähne.
  Es war also wahr.
  „Was jetzt?“, fragte Oogumo, der die Bombe platziert hatte und nun wieder neben ihm stand. „Ist sie da drin? Wie kriegen wir das Ding hier auf?“
  Statt zu antworten, strecke er wie in Trance langsam seine Hand aus.
  „Nicht …!“, stieß Oogumo hervor, doch es war bereits zu spät.
  Als seine Fingerspitzen den Kristall berührten, bildete sich ein Riss, der sich in alle Richtungen verzweigte und in Höhe sowie Breite knapp einen Meter maß, bis er endlich zum Stillstand kam. Dann zerbarst es klirrend in unzählige Splitter, die langsam zu Boden fielen.
  „Das … Ist sie das?“, fragte Oogumo zögernd. Er war einige Schritte zurückgewichen und trat nun wieder näher.
  Er wollte antworten, aber er konnte nicht. Unablässig starrte er mit vor Schrecken geweiteten Augen das Mädchen vor ihm an. Sie saß auf dem Boden, ihre Arme hingen schlaff herab und ihr Kopf war leicht nach vorne gebeugt. Ihr schulterlanges, rosa Haar fiel wie Seide über ihren nackten Körper. Ihre Augen waren geschlossen, sie schien tief zu schlafen.
  Sie sieht ihr so ähnlich … Vor seinem inneren Auge sah er Mana vor sich, wie sie ihn mit leeren Augen und blutroten Lippen anlächelte, bevor alles in Flammen aufging. Er würde es nicht zulassen, dass das noch einmal geschah. In diesem Augenblick schwor er sich, dieses Mädchen zu retten und den Plan der Regierung zu durchkreuzen.
  Um Manas Friedens willen.
  Um der Menschheit willen.
  Egal, was es kostete.
  „Noch 80 Sekunden bis zur Detonation“, drang Oogumos Stimme von fern an seine Ohren. „Wir müssen uns beeilen.“
  Er nickte und streckte zögerlich seine Hände nach ihr aus. Er umfasste ihre Schultern und schüttelte sie sanft. Ihr Körper war so zart, dass er befürchtete, jede kleinste Berührung würde sie wie den Kristall um sie herum zerspringen lassen. „Hey, wach auf! Kannst du mich hören?“
  Noch ehe sie die Augen aufschlug, hob sie die Hände und hielt sich an seinen Armen fest. Er zuckte bei der Berührung, die nicht von ihm ausging, zusammen. Ihr Griff wurde immer stärker, als wollte sie sich an ihm festhalten und nie wieder loslassen. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wohl schon ihr ganzes Leben in diesem Kristall verbracht hatte.
  „Kannst du mich verstehen?“, fragte er erneut. Es vergingen weitere stille Sekunden, dann öffnete sie langsam ihre Augen. Als er in ihre rote Augen blickte, befürchtete er erneute Erinnerungsfetzen an Mana, in denen er sich verlor, aber dem war nicht so. Ihre Augen waren anders, weder boshaft noch leer. Doch es lag eine tiefe Traurigkeit darin, die ihm das Herz brach.
  „Ich heiße Gai. Gai Tsutsugami.“ Er atmete tief ein und rang um Selbstbeherrschung. Reiß dich zusammen!, dachte er. Wenn wir uns nicht an den Plan halten, ist alles verloren.
  „Gai … Tsutsugami …“, wiederholte sie zögerlich und blickte zu ihm hoch. „Gai …“
  „Wir sind hier, um dich zu befreien. Kannst du aufstehen?“
  „Aufstehen …?“, wiederholte sie mit regungslosem Gesichtsausdruck.
  Gai gab Oogumo ein Zeichen, ihr aus ihrem Gefängnis zu helfen, während er selbst sein Gewehr, das er über die Schulter geschnallt hatte, ablegte und seinen Mantel auszog. Nachdem Oogumo sie aus dem Kristall gehoben und behutsam auf ihre Füße gestellt hatte, warf Gai seinen Mantel über ihre Schultern und hängte sich das Gewehr wieder um.
  „Wir müssen –“, begann er, als eine gewaltige Explosion die Erde erbeben ließ und sie alle drei von den Füßen riss. Gai rappelte sich wieder hoch, während Oogumo bei dem Mädchen kniete, das sich ängstlich an seinen Arm klammerte. „Oogumo?“, fragte Gai kurz angebunden.
  Dieser schüttelte den Kopf. „Noch 27 Sekunden“, erwiderte er nach einem schnellen Blick auf seine Uhr.
  Gai ballte die Faust. „Was ist da bei euch los, Shibungi?“
  Zuerst gab das Kommunikationsgerät in seinem Ohr nur Rauschen von sich und er befürchtete schon, es sei defekt. Dann meldete sich die ihm vertraute Stimme seines Freundes.
  „Gai …“ Ein Husten war zu hören. „Gai, sie haben die Barrikade gesprengt! Stützpunkt C ist überrannt worden. Invasion in Korridor 11!“
  „Verstanden“, antwortete Gai. „Oogumo, Abbruch!“
  Mit entsetztem Gesichtsausdruck und einem hektischen Blick auf seine Armbanduhr fuhr Oogumo hoch und hastete quer durch den Raum zur Wand, wo er die Bombe kurz zuvor angebracht hatte. Nach schier endlosen Sekunden hob er schließlich die geballte Faust – das Zeichen, dass alles geklappt hatte.
  „Entscheide dich das nächste Mal bitte etwas früher dafür, Gai!“, rief er ihm zu und sackte heftig atmend an der Wand zusammen. „Nur noch 4 Sekunden und …!“
  „Shibungi, zieht euch alle zurück“, wies Gai ihn an, ohne Oogumos Protest Beachtung zu schenken. „Nur Stellung A soll so lange wie möglich durchhalten, wir treffen uns alle dort.“ Er zögerte kurz. „Es kann sein, dass sie unsere Kommunikation unterbinden. Wenn wir in 10 Minuten nicht dort sind, tritt Plan B in Kraft, verstanden?“
  „Verstanden, Gai.“ Es rauschte wieder, dann war alles still.
  „Oogumo! Änderung des Fluchtplans. Sie kommen uns genau auf dem Korridor entgegen, dessen Zugang du gerade sprengen wolltest.“
  „Na toll.“ Er tritt wieder zu ihnen und hilft dem Mädchen, aufzustehen. „Wohin jetzt?“
  „Plan A46.“
  „Unterirdische Gänge, verstehe.“
  Gai konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Du hast sie ja doch auswendig gelernt, wie ich es von allen verlangt habe.“ Oogumo erwiderte nichts, sondern sah nur verlegen zur Seite. „Dort hinten müsste der Zugang sein. Die Bodenplatten sind wahrscheinlich verschweißt.“
  Oogumo nickte. „Kontrollierte Explosion, das ist mein Fachgebiet.“ Er eilte vor, während Gai sich um das Mädchen kümmerte. Sie stand so unsicher auf den Beinen, dass sie wahrscheinlich hinfiel, wenn sie sich nicht an jemandem festhielt. In diesem Zustand konnte sie unmöglich laufen.
  „Nicht erschrecken“, warnte er sie vor, bevor er sie hochhob und auf seinen Armen durch die Halle trug. Sie war leicht wie eine Feder. Nach nur wenigen Schritten bemerkte er, dass ihre Augen ununterbrochen auf ihn gerichtet waren.
  „Gai …“ flüsterte sie. „Gai Tsutsugami …“
  Von fern waren Schüsse und Schreie zu hören, dann eine weitere Explosion. Sie hatten nicht mehr viel Zeit, doch die musste genügen. Er setzte sie in einer Ecke des Raums ab und kniete sich so vor sie, dass etwaige herumfliegende Splitter der Explosion sie nicht treffen konnten. Sie blickte ihn noch immer aus halb geöffneten Augen an, als sie reglos vor ihm lag. Sie wirkte schwach, müde und verletzlich und ihr Blick ließ sein Innerstes immer noch erzittern. Instinktiv umfasste er mit seiner rechten Hand den Kreuzanhänger um seinen Hals.
  „Gai Tsutsugami …“, wiederholte sie seinen Namen abermals leise. „Wer bin ich?“
  Nicht Mana, fuhr es ihm sofort durch den Kopf. Du bist nicht Mana und du darfst es nie werden. Sie ist das Verderben und der Untergang dieser Welt, du hingegen bist das Licht und die Hoffnung. Du bist die Rettung dieser Welt. Du bist das Gebet aller Menschen für eine friedliche Zukunft.
  „Inori“, antwortete er. „Du bist Inori.“





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