Die Leiden einer jungen Mechanikerin

von Arionell
GeschichteHumor, Romanze / P12
Genos OC (Own Character)
14.11.2015
14.11.2015
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„Du hast mir wirklich sehr geholfen. Danke, Wendy“, sagte die alte Dame, die die junge Mechanikerin gerade umarmte.

Wendy lächelte zufrieden und erwiderte die Umarmung. Wenn ihre Kundschaft zufrieden war, war das ein sehr erfüllendes Gefühl.

„Hab ich gern gemacht. Es wird sicher eine Weile dauern, bis Sie sich an Ihre neue Beinprothese gewöhnen“, setzte Wendy an, während sie noch einmal auf ihr fertiges Werk sah. Die alte Dame hatte ihre gesamten Ersparnisse zusammengekratzt, um sich endlich eine Prothese leisten zu können. Obwohl Wendy wusste, dass sie ihre Arbeit nicht umsonst verrichten konnte und die Frau eigentlich viel zu wenig Geld hatte, hatte sie der Frau einen großzügigen Rabatt gegeben. Das lag vermutlich daran, dass sie sie an ihre eigene Großmutter erinnerte.

„Trotzdem stehen wir tief in deiner Schuld“, seufzte der Ehemann der alten Dame. „Es ist zwar nicht viel, aber du kannst jederzeit zu unserem Gemüsestand kommen“, bot er ihr an. Im Vergleich zu einer hochwertigen Prothese war das zwar ein recht bescheidenes Angebot, dennoch machte es die Mechanikerin glücklich.

„Danke, das freut mich sehr. Dann weiß ich ja, wo ich demnächst meine heißgeliebten Tomaten kaufen kann“, grinste Wendy.

„Lebenslang Tomaten frei Haus. Wie hört sich das an?“, strahlte die Dame vor Glück, woraufhin Wendy lachen musste.

„Wenn Sie irgendwelche Probleme haben, kommen Sie jederzeit hier beim Laden vorbei. Ansonsten sehen wir uns in einem Monat. Dann haben Sie die Prothese schon eine Weile getragen und ich kann die letzten Anpassungen machen.“

Das alte Ehepärchen bedankte sich mehrmals, sodass es Wendy schon peinlich wurde.

Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, sah Wendy ihnen noch einen Moment nach, bevor sie ein leises Purren neben sich hörte.

„Oh, Boss! Da bist du ja“, atmete Wendy erleichtert auf und nahm den schwarzen Kater hoch. „Du hast dich ein paar Tage nicht blicken lassen. Da hab‘ ich mir schon Sorgen gemacht“, sprach sie weiter. Dann aber verfinsterte sich ihr Gesicht. „Und die Prothese sieht sehr mitgenommen aus. Wo zum Henker hast du dich rumgetrieben?“, ging sie den Kater an.

Boss, der eigentlich immer einen genervten Gesichtsausdruck an den Tag legte, wirkte mit einem mal schuldbewusst.

„Dabei kannst du froh sein, dass du nicht mehr auf drei Pfoten durchs Leben streifen musst“, seufzte Wendy. „Bist tagelang weg und kommst mit einer demolierten Prothese zurück… also echt, da erinnerst du mich noch an einen gewissen jemanden“, schüttelte sie den Kopf.

Mit ihrem Kater im Schlepptau, machte sie auf dem Absatz kehrt und ging wieder hinein in die Werkstatt.  

Eigentlich wollte sie sich eine Pause gönnen, die sie sich nur mehr als verdient hatte. Doch durch das Gespräch mit dem alten Ehepärchen hatte sie mehr Zeit vertrödelt, als sie dachte, sodass sie sich auch schon an ihr nächstes Werk machen musste.

Sofort schaltete sie zurück in den Arbeitsmodus und ging um die Exemplare herum, die hier in der Mitte des Raumes auf einem Holztisch lagen. Die Arme, die sie dieses Mal für Genos entworfen hatte, waren flexibler und leichter als seine letzten. Auf der anderen Seite hatten sie etwas an Durchschlagskraft eingebüßt.

Eine Weile stand sie so da und ließ sich mehrere Optionen durch den Kopf gehen. Dann zuckte sie aber die Schultern und entschied sich dafür, diese Angelegenheit noch einmal mit dem Doktor zu besprechen, bevor sie an weitere Optimierungen dachte. Jede Änderung brachte nun mal Vor- und Nachteile mit sich.

***

Es hatte die ganze Nacht gedauert, die Arme herzustellen, sodass Wendy am nächsten Morgen völlig übermüden war. Dennoch betrachtete sie stolz ihr Ergebnis. Der Doktor hatte, nachdem er ihr ein paar Tipps bezüglich der neuen Arme gegeben hatte, sich sofort auf den Weg gemacht, da er einer neuen Spur nachging, was den Cyborg betraf, der Wendys und Genos‘ Heimatstadt zerstört hatte.

Wendy atmete tief durch und wenn sie die Augen schloss, spürte sie auch heute noch die Hitze der Flammen von damals, als ihre Heimatstadt dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wie Genos und sie als einzige überlebt hatten, wobei man Genos‘ Zustand damals nicht mehr wirklich unter die Kategorie „lebend“ eingestuft hätte, war er doch mehr tot als lebendig.

Hätte der Doktor ihnen damals nicht geholfen, wären sie ganz schön aufgeschmissen gewesen.
Und Genos hätte nicht überlebt, hätte der Doktor ihn nicht zu einem Cyborg umgewandelt.

Wendy seufzte leicht und schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben. Seit damals hatte Genos geschworen, diesen Cyborg zu finden. Doch nun waren vier Jahre vergangen und auch der Doktor hatte noch keine brauchbare Information bekommen.

„Doktor?“, hörte sie plötzlich die ihr nur allzu bekannte Stimme ihres Stammkunden durch den Raum hallen.

„Ist gerade nicht da“, murmelte Wendy, die sich gerade von ihrem Stuhl aufrappelte. „Ach ja Genos… ACH DU SCHEIßE!“, entfuhr es ihr, als sie seinen Zustand bemerkte. Seine Arme waren rausgerissen, ein Teil seiner Schädeldecke fehlte und sein linkes Knie war zertrümmert, sodass er sein Bein mehr hinter sich her schleifte, als dass er wirklich aufrecht ging.

„Du hast es übertrieben! Dieses Mal hast du echt den Vogel abgeschossen!“, zischte sie und schlug mit der vor Wut geballten Faust gegen seinen Oberkörper.

Viel zu spät bemerkte sie, was sie gerade aus dem Impuls heraus getan hatte. Doch da schmerzte ihr bereits die Hand, woraufhin sie genervt vor sich hin fluchte.

„Wendy, pass doch auf, du brichst dir noch was“, setzte Genos trocken an, was sie nur noch mehr auf die Palme brachte.

Sie hatte hier gerade eine nicht gerade einfache Nachtschicht hinter sich gebracht und diesem Kerl fiel mal wieder nichts Besseres ein, als ihr nur noch mehr Arbeit aufzuhalsen. Das Leben als Genos‘ Mechanikerin war nicht leicht, selbst wenn der Doktor und sie sich oft die Arbeit teilten. Doch da dieser gerade nicht da war, musste eben Wendy ran.

„Setz. Dich“, presste sie abgehackt hervor und deutete auf die Liege.

„Es ist nicht so, dass ich es absichtlich mache“, sagte Genos schuldbewusst, dem nicht entgangen war, wie übermüdet Wendy aussah.

„Das wär ja auch noch schöner“, murmelte Wendy, die sich gerade seinen Schädel vornahm. Dort waren die Schäden nicht so schlimm. Das Problem wären da eher die Arme. Und das Knie… Ach scheiß drauf, das ganze Bein konnte mit ab.

Nach ein paar routinierten Handgriffen war auch das erledigt und Genos staunte nicht schlecht, wie schnell sie immer bei der Sache war, obwohl sie sich immer so beschwerte.

„Genos, ich kann von Glück reden, dass ich noch ein paar Reserveteile hatte aber du musst verstehen, dass du auch mal VORSICHTIGER sein musst. Geht das in deinen Blechschädel?“, brummte Wendy, während sie eine Aspirin gegen die Kopfschmerzen runterschluckte und mit Wasser nachspülte.

„Beim nächsten Mal versuche ich daran zu denken“, hörte sie Genos sagen und es war klar, dass er höchstwahrscheinlich NICHT dran denken würde.

Genos bewegte die Arme probeweise und schien zufrieden damit. „Die sind viel leichter und flexibler“, stellte er fest, woraufhin Wendy wieder neben ihn trat und noch einmal prüfte, ob alles richtig saß. Das war fast schon eine Zwangsstörung, wie häufig sie alles mehrmals prüfte. Seltsamerweise war das aber nur so, wenn sie Teile für Genos anfertigte. Es musste einfach alles perfekt sein. Damit er auf dem Schlachtfeld nicht eingeschränkt war. Damit er geschützt war und er immer wieder zu ihr zurückkehrte.

Ein leichter Schatten huschte über ihr Gesicht, als ihr erneut klar wurde, in was für einer gefährlichen Welt sie lebten.

„Ich glaube, dass ich dieses Mal wirklich eine brauchbare Spur gefunden habe“, sagte Genos plötzlich und warf sie somit aus ihren Gedanken. Irritiert sah sie hoch und bemerkte das Funkeln in seinen Augen. Seltsam. Obwohl an ihm gar nicht mehr so viel Menschliches dran war, sah sie in ihm immer noch den Genos von damals.

„Diesmal geht es nach Z-Stadt“, sprach er weiter. „Vielleicht finde ich ihn ja und dann…“, setzte er an, doch Wendy seufzte.

„Gönn dir doch mal eine Pause. Du tauchst hier auf, wirst repariert und haust wieder ab“, erklang es vorwurfsvoller als beabsichtigt.

Genos verstand ihren Einwand nicht. „Aber das ist doch von Anfang an das Ziel gewesen. Dass ich diesen Cyborg finde und unsere Heimatstadt räche.“

Wendy sah ihn einen Moment lang nachdenklich an. Ja, vier ganze Jahre lebte er einzig und allein für die Rache. Genos war auf ein Ziel fixiert und nahm um sich herum kaum mehr etwas anderes wahr. Und erneut musste Wendy sich fragen, ob das die richtige Art zu leben war.

Die Tatsache, dass sie immer weniger Zeit miteinander verbrachten, schien wohl einzig sie allein zu beschäftigen. Dennoch hätte sie diese Gedanken nie ausgesprochen. Sie wollte ihn unterstützen, denn dafür hatte sie sich damals entschieden, als sie ihn halbtot aus diesen Trümmern gezogen hatte.

„Ich meine ja nur, dass…“, weiter kam sie nicht, denn ein Schwächeanfall überkam sie, sodass sie nach vorne in seine Arme taumelte.

„Sieht so aus, als wärst du diejenige, die eine kleine Pause bräuchte“, sagte er und hob sie mit Leichtigkeit hoch, was wiederum dazu führte, dass Wendy peinlich berührt war.

„Hey, ich kann selbst laufen“, wollte sie protestieren, doch Genos dachte nicht daran, sie abzusetzen, sondern brachte sie stattdessen in ihr Zimmer.

Wendy schmollte, als sie mit hochrotem Kopf auf ihrem Bett abgesetzt wurde.

Genos verstand ihre Reaktion nicht. Stattdessen musterte er sie.

Du bist immer noch ein Mensch. Du musst im Gegensatz zu mir deine Ruhezeit einhalten.“

„Das ist nicht dein Ernst“, schmollte Wendy. „Wie kann ich denn ruhig im Bett bleiben, wenn du hier andauernd halb geschrottet zurückkommst“, grummelte sie weiterhin, während sie sich hinlegte. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob der Doktor ihm das Gefühl der Verlegenheit entfernt hatte oder nicht. Denn wie selbstverständlich hatte er sie hergetragen und deckte sie gerade zu, während ihr Herz sich immer noch nicht beruhigt hatte und heftig gegen ihren Brustkorb hämmerte.

„Oh, dein Puls hat sich beschleunigt“, stellte Genos mit seiner Analyse-Fähigkeit fest und scannte sie von oben bis unten.

„Was machst du da?!“, zischte sie, doch plötzlich legte er ihr die Hand auf die Stirn.

Der kühle Stahl fühlte sich angenehm an, sodass sie sich trotz allem wieder beruhigte.

Wendy konnte in Gähnen nicht unterdrücken. Dann sah sie zu Genos, der immer noch an ihrer Bettkannte saß und sie eindringlich musterte.

„Kann nicht schaden, wenn ich zur Abwechslung mal auf dich aufpasse, solange der Doktor nicht da ist“, setzte er an, doch plötzlich fiel ihm etwas auf. „Dein Puls hat sich anscheinend wieder beruhigt.“

„Hab ich auch schon bemerkt“, murmelte sie undeutlich. „Ich brauch nur etwas Schlaf. Ist nichts Ernstes“, sagte sie schließlich, doch Genos sah sie immer noch an.

„Starr doch nicht so, das ist mir peinlich…“

„Aber ich versuche herauszufinden, ob wirklich alles in Ordnung ist. Ich kann nicht alles auf dem Schlachtfeld geben, wenn ich meine Mechanikerin nicht gesund weiß.“

„Ach, hau schon ab“, zischte sie. Denn obwohl sie sich freute, dass er ausnahmsweise mal etwas länger blieb, wollte sie ihm keinesfalls eine Last sein.

Doch als er sich erhob, reagierte sie instinktiv und fasste ihn bei der Hand. „Aber wenn ich’s mir recht überlege, kannst du mir Pfannkuchen machen.“

„So wie damals, wenn du krank warst?“, fragte er, während ein leichtes Schmunzeln über seine Lippen huschte.

Wendy nickte und wusste selbst nicht, warum sie diese Bitte äußerte.

Doch wenn sie nach all den Jahren hier wieder gemeinsam Pfannkuchen aßen, war es so, als ob sie zumindest wieder wenigstens ein kleines Stückchen Normalität zurückerlangten.

Wahrscheinlich könnte es nie wieder so werden wie früher. Und doch hoffte sie, dass Genos‘ Suche irgendwann ein Ende haben und er wieder zur Ruhe kommen würde.

Bis dahin wollte sie wenigstens das tun, was in ihrer Macht stand.

Und zwar, ihn aus dem Hintergrund mit ihren Fähigkeiten zu unterstützen.

Wendy war es schon lange nicht mehr wichtig, sich an diesem Cyborg, der ihre Heimatstadt zerstört hatte, zu rächen.

Die Hauptsache war, dass Genoslebte.

Deswegen war es ihr umso wichtiger, alles dafür zu geben, ihn auf ihre Weise zu beschützen…
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