Gays in Love: Peter und Mirko

von cmc
KurzgeschichteRomanze / P16 Slash
13.11.2015
13.11.2015
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Peter

Missmutig stapfe ich hinter meinen beiden Freunden her über den schmalen Waldweg. Kevin zieht dieses lächerliche Ding hinter sich her, das Tim entworfen und gebaut hat und das er hochtrabend SCV nennt. Soll die Abkürzung für Small Cargo Vehicle sein – kleines Transportgefährt. Hah! Das Ding ist 'ne Holzkiste auf dem klappbaren, knallrot lackierten Gestell eines alten Kinderwagens.
Lächerlich, echt! Obwohl das SCV seinen Zweck erfüllt, das muss ich zugeben. Aber ein gewöhnlicher Bollerwagen hätte es auch getan. Trotzdem sollte ich wohl dankbar sein, dass ich meine Sachen auch auf das Ding draufpacken durfte. So habe ich nur die Badetasche zu tragen, in der ich das Nötigste verstaut habe: ein Handtuch, Sonnencreme, meinen E-Reader und ein paar andere Kleinigkeiten.
Aber Dankbarkeit hin oder her, ich bin ziemlich genervt. Den ganzen Tag an diesem Weiher? Da bin ich echt nicht scharf drauf. Wären wir ins Schwimmbad gegangen, dann könnte ich jetzt schon eine Runde im kühlen Wasser schwimmen und anschließend in der Sonne dösen. Aber nein, ich habe mich natürlich überreden lassen, Tim und Kevin an diesen bescheuerten Badeweiher zu begleiten, an dem sie sich heute vor genau einem Jahr kennengelernt haben. Die beiden sind ein tolles Paar, das gebe ich ehrlich zu.
Nur ihnen zuliebe habe ich mich breitschlagen lassen, die Annehmlichkeiten des Freibads gegen den Badeweiher zu tauschen. Was tut man nicht alles für seine Freunde! Es gibt zig Gründe, die gegen den Weiher sprechen: Man muss eine ganze Weile laufen, an dem Gewässer im Wald sind bestimmt unzählige Stechmücken, es gibt dort keine Duschen oder Toiletten, auch kein Kiosk, an dem man sich was kaufen könnte, und vor allem: kein Chlor im Wasser.
Die hygienischen Zustände an und in diesem Weiher wage ich mir gar nicht vorzustellen. Also heute kein Schwimmen für mich. Kurz, es gibt nur einen Grund, warum ich jetzt meinen Freunden hinterher trabe: Tim und Kevin wollen heute hier ihr Einjähriges feiern. Okay, vielleicht gibt es auch noch einen zweiten Grund, und der heißt Mirko.
Allein bei dem Gedanken an ihn gerate ich schon ins Schwärmen. Mirko. Hübsch, sehr sexy und leider außer Reichweite für mich. Der könnte an jedem Finger zehn Kerle haben – wenn er das wollte. Aber Mirko wären zehn Frauen am Finger wohl lieber, so wie ich das sehe.
Ja, ja, schon gut! Mir ist klar, dass das ein totales Klischee ist: Unscheinbarer Typ verliebt sich rettungslos in einen unerreichbaren Adonis. Nein, noch viel, viel schlimmer: Unscheinbarer, schwuler Typ verliebt sich rettungslos in einen unerreichbaren Hetero-Adonis. Denkt ihr vielleicht, ich war scharf drauf? Bestimmt nicht! Ich wollte mich gar nicht verlieben, und erst recht nicht in eine Hete! Das passiert ja angeblich jedem Schwulen mal. Bis vor einigen Wochen war ich verschont geblieben, und das hätte von mir aus auch so bleiben können!
Aber nein, dann musste Kevins alter Freund Mirko auftauchen. Er war fast zwei Jahre in den USA, an einer piekfeinen Uni, und hat dort seinen Abschluss gemacht. Kaum zurück in Deutschland, ist er bei Kevin aufgetaucht. In diesem Fall bedeutet das, in der mittlerweile gemeinsamen Wohnung von Kevin und Tim. Ich war an dem Abend zufällig auch da – es war der Beginn einer unerwiderten Liebe. Ich bin Mirko seitdem noch einige Male kurz begegnet, und jedes Mal wurde es schlimmer.
Klar, ich sollte mich besser von ihm fernhalten. Aber das schaffe ich nicht, und genau deshalb bin ich jetzt auch auf dem Weg zu dem Weiher. Weil Mirko auch da sein wird, ich gebe es zu. Bin ich ein Masochist? Ja, wahrscheinlich, denn seine Freundin hat er bestimmt dabei. Aber Mirko in Badehose – mal ehrlich, sollte ich mir das entgehen lassen? Scheiß drauf, dass es mir heute Abend bestimmt richtig mies gehen wird. Daran bin ich mittlerweile gewöhnt, denn so geht es mir eigentlich an jedem Tag, seit ich diesem Traummann das erste Mal begegnet bin.
Als wir am Weiher ankommen, entdecke ich ihn sofort. Mirko kann man nicht übersehen. Er ist sehr groß und toll gebaut. Breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine. Der Kerl hat schlanke, aber deutlich ausgeprägte Muskeln. Nicht wie diese Bodybuilder-Typen, auf die ich wirklich nicht stehe. Nein, er ist … seufz. Einfach … Seufz. Wie immer kann ich meinen Blick nur mühsam von ihm losreißen. Muss ich aber, sonst merkt jemand noch irgendwann, was mit mir los ist. Tim weiß es ohnehin schon, glaube ich. Er schaut mich immer so wissend an, wenn Mirko in der Nähe ist. Aber Tim hält den Mund, und dafür bin ich ihm echt dankbar.
Damit es nicht auch noch andere merken – der Supergau wäre: Mirko fällt auf, wie ich ihn anhimmle – versuche ich immer, meine Blicke im Zaum zu halten. Gar nicht so einfach, wenn meine Augen wie jetzt geradezu an ihm kleben. Im Moment konkret auf dem deutlichen Sixpack, und jetzt wandert mein Blick doch gerne noch ein Stück tiefer.
Das sollte echt verboten sein, dem Mann müsste man ein Warnschild anpappen. Achtung Suchtgefahr!, oder so. Wie soll man sich denn da wehren können? Ich versuche es jedenfalls und schalte um auf meinen Verteidigungsmodus, wie immer wenn ich Mirko begegne. Ich weiß, dass Tim und Kevin das nicht leiden können, aber nur so kann ich es überhaupt ertragen, wenn mir so deutlich vor Augen geführt wird, was ich nie haben kann.


Mirko

Untrügliche Anzeichen, wenn Peter in der Nähe ist: Herzrasen, Sehnsucht, und eine Erregung, die ich kaum im Zaum halten kann. Keine Ahnung, was der Süße gegen mich hat, aber von seiner Seite aus war es wohl Abneigung auf den ersten Blick – während ich mich gleich bei unserer ersten Begegnung vor einigen Wochen Hals über Kopf in diesen Mann verliebt habe. Unter anderen Umständen hätte ich darauf getippt, dass er was gegen mich hat, weil ich schwul bin. Aber das ist er ja auch, das scheidet also aus.
Mit gemischten Gefühlen sehe ich den Dreien entgegen und versuche, mich auf Kevin und Tim zu konzentrieren. Einfach ist das nicht, denn am liebsten würde ich Peter mit den Blicken verschlingen. Er ist im landläufigen Sinn wohl eher ein unscheinbarer Typ, aber in meinen Augen ist er perfekt. Es stört mich nicht im geringsten, dass er ein paar Kilo zu viel hat. Er ist nicht dick, nur so richtig schön knuffig. Ich mag das total. Tim mag wirklich hübsch sein, aber so ein dünner Hering wie er wäre nichts für mich.
Peter hingegen … der ist genau mein Typ. Ein Bärchen mit tollen braunen Augen. Ich wünschte nur, diese Augen würden mich nicht immer so spöttisch anschauen. Peter ist eine Kratzbürste, zumindest mir gegenüber. Ich hab ihn im Umgang mit Tim und Kevin auch schon ganz anders erlebt – leider. Denn wenn er immer so sarkastisch oder ironisch wäre, dann hätte das nichts mit mir zu tun. Hat es aber wohl. Ob er jemals ein freundliches Wort für mich übrig haben wird? Wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Andrea reißt mich aus meinen Gedanken, indem sie mich in den Arm nimmt. Sie weiß als Einzige, was mit mir los ist. Nun ja, ich schätze mal, Kevin vermutet auch was, aber Andrea weiß es. Mit ihr habe ich darüber geredet. Sie versteht das total, denn ihr geht es mit Petra genauso. Es ist irgendwie Ironie des Schicksals, dass die beiden ähnliche Namen haben, oder? Peter und Petra. Die Zwei machen es uns echt nicht einfach.
»Lass den Kopf nicht hängen«, flüstert Andrea mir zu und ich nicke, während ich sie an mich drücke.
»Du auch nicht, Süße.«
Mit einem traurigen Lächeln streckt sie sich und haucht mir einen unschuldigen Kuss auf den Mund.
»Ich versuche es«, kommt es ganz leise von ihr.
»Ich auch«, flüstere ich zurück und lasse sie dann los. Schade, dass Frauen mich so gar nicht interessieren – Andrea wäre eine tolle Kandidatin für eine Beziehung. Mein Blick wandert von Peter zu Petra, die uns einen giftigen Blick zuwirft. Keine Ahnung, warum sie überhaupt mitgekommen ist. Vielleicht nur, um meiner Kleinen das Leben noch etwas schwerer zu machen. Dafür würde ich Petra am liebsten in den Hintern treten. Das allerdings würde mir Andrea nicht so schnell verzeihen. Ganz egal, wie sehr die Sache mit Petra ihr auch wehtut, sie würde die Frau bis aufs Blut verteidigen und in Schutz nehmen. Okay, das kann ich sogar verstehen. Das geht mir mit Peter nämlich ganz genauso.
Da wären meine Gedanken dann auch sofort wieder bei dem Objekt meiner Begierde – nur dass es viel mehr ist als körperliche Anziehung. Im Moment ignoriert er mich noch, aber das tut eigentlich genauso weh wie der Sarkasmus, den er mir gegenüber meistens an den Tag legt. Verstohlen sehe ich zu, wie er eine Luftmatratze aus dem SCV nimmt – ein lächerliches, aber total nützliches Teil – und mit der Pumpe, die Tim ihm reicht, die Matratze schnell mit Luft füllt. Dann wirft er ein Handtuch auf die Liegefläche und zieht das Shirt über den Kopf. Jetzt sollte ich besser wegsehen, aber ich kann es einfach nicht. Ist doch auch egal, ob er es mitbekommt, er mag mich ja leider so oder so nicht. Also schaue ich zu, wie er sich bis auf die Badeshorts auszieht – und bekomme prompt die Quittung dafür.
»Was klotzt du so?«, fährt er mich an. »Kann halt nicht jeder so einen perfekten Körper haben wie du!«
Soll ich mich jetzt über das versteckte Kompliment freuen? Sorry, aber das schaffe ich nicht, weil seine bissigen Worte mir echt wehtun.
»Als ob es darauf ankommt!«, schnauze ich zurück, drehe mich abrupt um und bin gleich darauf im Wasser. Es ist kalt, aber das tut im Moment ganz gut. Scheiße! Statt dazubleiben und ihm Paroli zu bieten, bin ich einfach abgehauen. Die Blöße hätte ich mir nicht geben sollen. Damit hab' ich ihm doch nur noch mehr Angriffsfläche geliefert. Aber das wird mir echt alles zu viel.
Vielleicht sollte ich doch noch mal darüber nachdenken, den Job in Boston anzunehmen. Endgültig abgelehnt habe ich ja noch nicht. Eigentlich würde ich lieber in Deutschland bleiben. Ein gutes Jobangebot habe ich bereits, außerdem sind hier meine Familie und meine Freunde. Nur blöd, dass mein bester Kumpel ausgerechnet mit dem Mann, in den ich unglücklich verliebt bin, gut befreundet ist. Wie soll ich Peter denn aus dem Weg gehen und dabei weiter den Kontakt zu Kevin und Tim aufrechterhalten?
Denn wenn ich hier bleibe, will ich auf meinen besten Freund nicht verzichten. Hoffentlich hören diese scheiß Gefühle für Peter bald auf! Ich sollte in den nächsten Tagen mal abends ausgehen. Vielleicht läuft mir in einem der Gay-Clubs ein Kerl über den Weg, der Peter aus meinen Gedanken und vor allem meinem Herzen vertreibt.

Peter

Wie erstarrt stehe ich da und schaue Mirko nach. Dieser verletzte Ausdruck in seinen Augen … das geht mir durch und durch. Was bitte war das denn eben?
»Du bist so ein Arsch!«, fährt seine Freundin mich an. »Warum machst du das?«
Andrea ist echt auf 180, kein Zweifel. Trotzdem fällt es mir schwer, mich auf sie zu konzentrieren.
»Da du schwul bist, wird dich seine sexuelle Orientierung ja wohl kaum stören, oder? Mirko ist so ein toller Kerl!«
Vielen Dank auch für den Hinweis, das weiß ich selbst! Stopp mal – was meint sie mit seiner sexuellen Orientierung? Er steht auf Frauen, oder? Sonst würde er wohl kaum ständig an Andrea kleben!
»Als Schwulen stört es mich schon, dass er hetero ist!«, fahre ich sie an.
Okeee … Was bitte schön ist daran so lustig? Nicht nur, dass ich Kevin und Tim hinter mir lachen höre. Andreas Reaktion ist fast schon filmreif. Erstaunt reißt sie die Augen auf und schaut mich an. So richtig verblüfft. Dann beginnt es um ihren zugegebenermaßen sehr hübschen Mund zu zucken. Daraus wird ein breites Grinsen, und schon stimmt sie in das Lachen meiner Freunde ein.
Ich finde das alles gar nicht lustig! Die können mir mal den Buckel runterrutschen, echt! Wütend drehe ich mich zu Tim um, der sich lachend an seinem Kerl festhält. So was nennt sich mein bester Freund? Schöner Freund, wenn er sich so auf meine Kosten amüsiert!
Das macht mich nicht nur wütend, das tut auch weh. Ohne ein Wort zu sagen, gehe ich zu meiner Luftmatratze, schnappe mir das Handtuch und meine Klamotten und stopfe einfach alles in meine Badetasche. Scheiß aufs Anziehen, scheiß auf die teure Luftmatratze! Wenn Tim sie nicht mit nach Hause nimmt, bleibt sie eben hier. Ich bin jedenfalls weg! Doch ich komme keine zehn Meter weit, da stellt Andrea sich mir in den Weg.
»Jetzt warte doch mal, lauf bitte nicht weg!«
»Wozu? Damit du dich noch mehr darüber lustig machen kannst, dass ich armes Würstchen in deinen Freund verknallt bin?«
Wieder trifft mich ein total verblüffter Blick. Doch als ich mich an ihr vorbeidrängen will, legt sie ihre Hand auf meinen Arm. Sanft aber fest.
»Bitte warte. Es tut mir leid, dass ich gelacht habe, und ich sollte da wohl etwas klarstellen. Mirko ist nicht mein Freund. Nicht so, wie du das meinst. Ich steh nicht auf Männer, er aber schon.«
Es dauert einen Moment, bis die Bedeutung dieser Worte ihren Weg durch meine Gehirnwindungen findet. Sagen kann ich erst mal gar nichts, aber Andrea hat meinen Blick wohl richtig gedeutet und nickt.
»Ich bin durch und durch lesbisch und Mirko ist schwul. So schwul, wie ein Kerl nur sein kann, und er ist total verliebt in dich.«
Bämm! Das fegt meinen Kopf erst einmal völlig leer. Kann bitte jemand mein Gehirn wieder auf Normalbetrieb schalten? Ich glaub's einfach nicht. Mirko ist schwul? Er ist schwul und verliebt in mich?
»Und im Moment ist er wohl ziemlich verletzt«, fügt Andrea leise hinzu. »Wie du ihn immer behandelst, das tut ihm sehr weh. Warum musst du dich ihm gegenüber dauernd wie der letzte Arsch benehmen?«
»Aber … das mach ich doch nur, weil … ich … Er ist so toll, und ich dachte … bei ihm hab ich doch keine Chance!«, stammele ich, während ich versuche, ihre Worte zu verarbeiten.
Forschend schaut Andrea mich an. »Du bist nicht nur verknallt, oder? Du bist richtig verliebt in ihn.«
Da kann ich nur nicken. Andrea erwidert die Geste, nickt ebenfalls. Dann nimmt sie mir sanft die Badetasche ab, greift mit der freien Hand nach meiner und zieht mich mit sich.
»Klappe halten!«, fährt sie Tim an, der dazu ansetzt, was zu sagen. Zu meiner Überraschung gehorcht er sogar. Andrea wirft meine Tasche auf die Matratze und zieht mich weiter bis ans Wasser. Mirko ist leicht zu entdecken.
»Kannst du schwimmen?« Andrea schaut mich durchdringend an und wieder kann ich nur nicken. »Dann ab mit dir. Bring das in Ordnung.«
Sie gibt mir einen kleinen Schubs, und ich mache zögernd einen Schritt in das kalte Wasser. Aber es geht bei meinem Zögern nicht mehr um die Frage, was da wohl so alles im chlorfreien Badeteich ist, denn das Wasser sieht überraschenderweise sehr sauber aus. Viel mehr lässt mich die Frage, ob ich diese Sache überhaupt in Ordnung bringen kann, zögern. Aber ich sollte es wohl wenigstens versuchen. Nein, ich muss es versuchen! Das Wasser ist echt kalt, aber das ist mir in diesem Augenblick so was von schnuppe. Zügig schwimme ich auf Mirko zu. Bestimmt hört er, dass ich mich nähere, aber er dreht sich nicht um.
»Lass gut sein, Süße«, sagt er leise, als ich schon ganz nah bin. Offenbar denkt er, dass Andrea ihm Gesellschaft leisten will.
»Nein, das werde ich nicht«, traue ich mich ebenso leise zu antworten.
Überrascht fährt er zu mir herum und ich sehe die Tränen in seinen Augen. Das bohrt mir geradewegs ein Messer ins Herz.
»Es tut mir so leid«, platzt es aus mir heraus, bevor er etwas sagen kann. »Ich bin total verliebt in dich, aber ich dachte, dass ich keine Chance bei dir habe, deshalb habe ich mich immer so arschig verhalten. Reiner Schutzmechanismus. Es tut mir wirklich leid.«
Mirko starrt mich an, ansonsten erfolgt sekundenlang gar keine Reaktion. Dann stößt er ein Lachen aus, das aber überhaupt nicht amüsiert klingt. Eher sauer oder verächtlich.
»Verarschen kann ich mich allein, also fick dich!«
Mit diesen Worten wendet er sich ab und schwimmt davon. Mein Herz nimmt er mit, denn das hat er mir gerade aus der Brust gerissen. Mechanisch drehe ich mich um und schwimme zurück ans Ufer. Nur verschwommen nehme ich wahr, dass die anderen mich ziemlich bestürzt anschauen. Tränen laufen mir über die Wangen, aber es ist mir echt egal, wer es sieht.
»Peter … Es tut mir leid, ich dachte wirklich, er …« Andrea bricht hilflos ab, während ihre Hand sich warm auf meine legt und sanft zudrückt.
»Nicht deine Schuld«, flüstere ich und schnappe mir erneut meine Tasche.
»Warte«, sagt Tim ganz ernst und nimmt mich in den Arm, drückt mich sanft an sich. »Du solltest so nicht Auto fahren. Ich bringe dich nach Hause.«
Ausgelaugt schüttele ich den Kopf. »Bis ich am Auto bin, hab' ich mich beruhigt. Lasst euch davon bitte nicht den Tag verderben. Es tut mir leid, dass meinetwegen jetzt die Stimmung im Arsch ist. Vergesst das einfach und feiert euer Einjähriges, wie es sich gehört. Mir geht es bald wieder gut.«
Das ist eine glatte Lüge, und ich bin mir ziemlich sicher, dass mir das niemand abnimmt. Tim protestiert auch sofort, aber als ich leise »Bitte, ich muss jetzt einfach ein wenig allein sein« hinzufüge, lässt er mich schließlich gehen. Tropfnass, wie ich bin, fange ich auf dem schattigen Waldweg leicht an zu frösteln, aber es ist mir egal. Irgendwie scheint die Kälte eher von innen zu kommen, und dagegen kommen trockene, warme Klamotten ohnehin nicht an.


Mirko

Ich bin wütend, traurig und sehr verletzt – alles zugleich. Glaubt Mr. Sarkasmus wirklich, ich lasse mich nun auch noch von ihm verarschen? Der spinnt doch total! Verbissen kraule ich quer durch den Weiher zum anderen Ende. Wieso zum Teufel kann ich es mir nicht verkneifen, nachzusehen, was er gerade macht? Wahrscheinlich lacht er sich halb tot über mich. Ich verfluche mich selbst dafür, aber ich kann einfach nicht anders und schaue zum Lagerplatz der Clique. Peter steigt gerade aus dem Wasser und plötzlich wird mir richtig mulmig im Bauch.
Natürlich bin ich viel zu weit weg, um es genau sehen zu können, aber seine Körperhaltung wirkt nicht gerade, als würde er sich toll fühlen. Sieht das durch die Entfernung nur so aus? Oder lässt er wirklich den Kopf und die Schultern hängen? Das mulmige Gefühl in meinem Bauch wird langsam stärker, als die anderen ihn umringen. Andrea legt die Hand auf seine, bevor er sich nach seiner Tasche bückt.
Tim schlingt sogar den Arm um Peter, so als müsste er getröstet werden. Dann löst er sich aus der Gruppe und geht mit der Tasche Richtung Waldweg. Dabei kommt er mir näher, und ja: Er lässt eindeutig die Schultern und den Kopf hängen. Die Erkenntnis, was das zu bedeuten hat, trifft mich wie ein Schock. Peter wollte mich gar nicht verarschen. Er hat jedes Wort ernst gemeint!
Ach. Du. Scheiße! Was hab ich da nur angerichtet?! Was mache ich denn jetzt bloß? Er gesteht mir seine Gefühle, und ich stoße ihn so zurück. Kann ich das überhaupt wieder hinbiegen? Wie soll ich das nur schaffen?
Zuerst einmal müsste ich mich bewegen, oder? Ans Ufer und dann nichts wie hinter ihm her. Meine Schuhe sind drüben am Lagerplatz, und ich kann den steinigen Waldweg kaum barfuß laufen. Also muss ich verflucht schnell sein, damit ich Peter noch erwische. Eilig schwimme ich direkt auf den Lagerplatz zu und renne ans Ufer, sobald ich Grund unter den Füßen habe.
»Du Arschloch!« Tim starrt mich wütend an, und Kevins Blick durchbohrt mich genauso. Sogar Andrea schnauzt mich an, aber dafür habe ich jetzt wirklich keine Zeit. Ich mache mir nicht die Mühe, mich abzutrocknen, streife einfach vor versammelter Mannschaft die nassen Badeshorts ab, um dann ganz fix in meine Cargos zu steigen. Während ich mein Shirt, den Autoschlüssel und das Handy schnappe, schlüpfe ich schnell in meine Segelschuhe.
»Sims mir bitte seine Adresse, nur für den Fall, dass ich ihn nicht mehr vor dem Parkplatz erwische«, bitte ich Tim und kann nur hoffen, dass er es auch wirklich tut.
Wenigstens kommen keine Widerworte, während ich mich abwende und über die Wiese haste. Mein restliches Zeug lasse ich einfach zurück, das ist mir im Moment völlig egal. Ich habe den Waldweg gerade erst erreicht, als der Signalton für eine eingehende SMS ertönt. Während ich den Weg entlang eile, schaue ich kurz aufs Display und rufe die Nachricht ab.
Sie ist nicht von Tim, sondern von Kevin. Tatsächlich steht da eine Adresse, außerdem eine deutliche und nicht gerade freundliche Aufforderung, die Sache mit Peter wieder in Ordnung zu bringen. Ich versuche es ja!
Der Waldweg wird etwas breiter und ich sehe bereits in einiger Entfernung den Parkplatz, als ich endlich auch Peter entdecke. Mit schnellen Schritten, den Kopf gesenkt und die Schultern hochgezogen, geht er den Weg entlang. Ich fange an zu rennen und das ist keine gute Idee. Irgendwo bleibe ich mit dem rechten Schuh hängen, komme ins Straucheln und kann mich nicht mehr fangen.
Heftiger Schmerz durchfährt mein rechtes Knie, als es hart auf den Boden kracht und ich kann einen Schmerzenslaut und ein lautes »Scheiße!« nicht unterdrücken. Mit zusammengebissenen Zähnen rappele ich mich auf. Ich muss hinter Peter her, muss ihn unbedingt erwischen. Ist doch völlig egal, dass mein Knie blutet und höllisch wehtut. Dummerweise tut es so weh, dass ich nicht mehr schnell laufen kann. Ich rufe seinen Namen, aber entweder hört er es nicht, oder er reagiert ganz bewusst nicht darauf. Shit!
Während ich noch den Waldweg entlang humpele, kommt Peter auf dem Parkplatz an. Neben einem roten Sandero bleibt er stehen und kramt in seiner Tasche. Dann schlägt er mit der flachen Hand aufs Autodach, dreht sich mit dem Rücken zum Auto und lässt sich langsam daran herunterrutschen, bis er mit angezogenen Knien auf dem Boden neben dem Wagen sitzt. Keine Ahnung, was los ist, ich vermute mal, er hat seinen Autoschlüssel am Weiher vergessen.
Insgeheim danke ich dem Schicksal, dass er jetzt nicht einfach abhauen kann, obwohl das Peters Laune sicher nicht gebessert hat. So schnell es mein Knie zulässt, humpele ich auf ihn zu. Er hat inzwischen den Kopf auf die Knie gelegt, und als ich fast bei ihm bin, sehe ich, dass seine Schultern beben. Ich höre auch das Schluchzen, das sich ihm entringt. Er weint und das ist meine Schuld. Es schnürt mir die Kehle zu, ihn so zu sehen. Direkt vor ihm bleibe ich stehen. Ich fühle mich total hilflos.
»Hey«, bringe ich nur hervor, aber das reicht schon, damit er ruckartig den Kopf hebt und mich anschaut. Scheiße! Die Tränen auf seinem Gesicht und sein verletzter Blick tun mir richtig weh.
»Was willst du?«, fährt er mich an. »Noch etwas mehr auf meinen Gefühlen herumtrampeln? Nur zu, mach ruhig! Tu dir keinen Zwang an!«
»Nein. Ich will mich entschuldigen. Es tut mir so leid. Ich hab mich auch in dich verliebt.«
»Ja, klar! Wie sagtest du so schön? Verarschen kann ich mich allein!«
Er wendet den Blick ab, lässt den Kopf wieder auf die Knie sinken, will mich offenbar nicht mal mehr anschauen. Okay, das hab ich verdient, trotzdem tut es weh. Da ist der Schmerz in meinem Knie, als ich mich jetzt direkt vor ihm auf dem Boden niederlasse, noch harmlos. Jetzt sind wir beide auf gleicher Höhe.
»Ich verarsche dich genauso wenig, wie du mich vorhin verarscht hast. Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe. Ich bin wirklich in dich verliebt.«
Er hebt den Kopf ein Stück, gleich darauf fährt er erschrocken zusammen.
»Scheiße, was ist denn mit dir passiert?«
Er starrt auf mein blutendes Knie und streckt vorsichtig die Hand aus. Ich fange sie ein und drücke sanft seine Finger.
»Das ist nicht wichtig. Sag mir bitte, dass ich es nicht total vermasselt habe und du mir noch eine Chance gibst. Bitte.«
Ein Haufen Steine poltert von meinem Herzen, als er langsam nickt. Ich könnte vor Erleichterung gerade heulen. Tu ich auch, aber er beugt sich zu mir und wischt sanft meine Tränen weg. Kommt mir zögernd noch mehr entgegen und schmust mit den Lippen über meine.
Meine Hand legt sich in seinen Nacken und ich ziehe ihn näher, doch dann wird mir etwas bewusst. Obwohl wir in der warmen Sonne sitzen, fühlt sich seine Haut richtig klamm an. Mir ist die Kühle im Wald nicht aufgefallen. Ich habe trockene Klamotten an, seine Badeshorts hingegen ist immer noch nass, und auf dem schattigen Waldweg ist es um einiges kühler gewesen. Es sind ohnehin gerade mal 22 oder 23 Grad, da es diesen Sommer längst nicht so heiß ist wie im letzten Jahr.
»Du musst aus den nassen Shorts raus.«
Er lächelt. »Das hättest du wohl gerne.«
»Ja, schon, aber ich meinte eigentlich, um was Trockenes anzuziehen. Du erkältest dich sonst.«
Seufzend steht er auf und zieht mich gleich darauf hoch. »Was ist mit deinem Knie passiert? Das sieht übel aus.«
»Halb so schlimm. Ich bin hingefallen, als ich dir nachgerannt bin.«
»Halb so schlimm? So sieht das aber gar nicht aus. Du musst zum Arzt.«
»Nein, alles, was ich im Moment muss, ist dich in den Arm zu nehmen, sobald du trockene Klamotten anhast. Das ist im Augenblick wichtiger als alles andere.«
Wortlos zieht er seine Sachen aus der Badetasche, schlingt sich das Handtuch um die Hüften und streift die nassen Shorts ab. Am liebsten würde ich ihn abtrocknen, aber das wäre wohl weniger angebracht. Falscher Ort, falsche Zeit. Zuerst müssen wir noch einiges klären, bevor ich mir solche Intimitäten erlauben kann.
Das tun wir dann auch, als wir im Krankenhaus darauf warten, dass ich geröntgt werde. Peter hat darauf bestanden und keinen Einwand gelten lassen. Schließlich habe ich nachgegeben, und wir sind mit meinem Auto – er am Steuer – zur Klinik gefahren.
Jetzt nutzen wir die Wartezeit, um vieles zu klären und lernen uns dabei besser kennen. Als wir fast zwei Stunden später das Krankenhaus verlassen, ist Peter einigermaßen beruhigt. Das Knie hat außer den tiefen Schürfwunden und einer schmerzhaften Prellung nichts abbekommen. Mittlerweile tut es aber wirklich höllisch weh und ich habe dankbar das starke Schmerzmittel genommen, das mir der Arzt angeboten hat. Langsam fängt es zum Glück an zu wirken, aber es macht auch ziemlich müde.
Ich muss auf dem Heimweg eingenickt sein. Peter rüttelt mich sanft an der Schulter, doch ich habe große Mühe, halbwegs wach zu werden. Die Eindrücke um mich herum nehme ich nur verschwommen wahr. Eine Wohnung, die ich nicht kenne. Ein großes, weiches Bett. Ein warmer Körper, der sich an mich schmiegt. Letzteres würde ich gern deutlicher genießen können, aber ich komme gegen die Müdigkeit nicht an und schlafe wieder ein.


Peter

Ich kann es immer noch nicht richtig fassen. Mirko ist hier bei mir und schläft in meinem Bett. Eine ganze Weile habe ich nur neben ihm gelegen und ihm beim Schlafen zugesehen. Es ist ein schöner Anblick. Irgendwann habe ich mich aufgerafft und bei Tim angerufen. Sie freuen sich sehr für uns und können jetzt hoffentlich auch ihren Jahrestag genießen. Wir werden nun den gleichen Jahrestag haben. Ich weiß nicht warum, aber ich habe ein wirklich gutes Gefühl, was Mirko und mich betrifft.
Ziemlich gut gelaunt bereite ich alles für einen italienischen Salat vor. Den muss ich dann nachher nur noch fertig anrichten. Nachtisch gibt es auch. Zwei Sorten Eis, Vanille und Schokolade. Als ich wieder neben Mirko im Bett liege, stelle ich fest, dass wir beide auch so sind. Meine Haut bräunt nie richtig und ist ziemlich blass. Mirko hingegen ist knackig braun. Der Kontrast sieht fast aus wie Vanilleeis neben Schokolade. Ich muss grinsen, als ich daran denke, was Tim mir letztes Jahr erzählt hat. Wie Kevin ihn mit Schokoladeneis verwöhnt hat.
Ich glaube, das werde ich auch mal probieren. Mit beiden Eissorten, ich mag Vanille genauso gerne wie Schokolade. Der Wunsch, Mirko so zu verwöhnen, wird fast übermächtig, als er langsam aufwacht und noch im Halbschlaf meinen Namen flüstert.
»Ich bin hier«, raune ich ihm ins Ohr und er seufzt leise.
»Schön«, murmelt er zurück und schmiegt sich enger an mich. Dann macht er überrascht die Augen auf. Ich muss grinsen, als er unter die dünne Bettdecke schaut. Er ist nackt.
»Du hast dich selbst ausgezogen, wolltest die Hose unbedingt loswerden. Unterwäsche hattest du keine an.«
Das war eine sehr aufregende Entdeckung!
Mirko schmunzelt. »Ich hatte es viel zu eilig, da blieb für Unterhosen keine Zeit.«
Das Lächeln verschwindet, als er offenbar an den Grund für seine Eile denkt. »Es tut mir so leid«, murmelt er. »Ich wollte dir nicht wehtun.«
Sanft streichele ich seine Wange. »Ich dir auch nicht. Lass uns versuchen, das zu vergessen.«
Mit einem winzigen Lächeln fängt er meine Hand ein, haucht einen Kuss darauf und zieht mich näher an sich. »Dann sollten wir andere Erinnerungen schaffen, meinst du nicht?«
Ich nicke nur, dann küsse ich ihn so, wie ich es mir schon seit Wochen wünsche. Wir schmiegen uns eng aneinander und der Kuss wird leidenschaftlich. Seine Hände fahren unter den Bund meiner Pants, kneten meinen Hintern und bringen mich zum Erschauern. Ich löse mich gerade lange genug von ihm, um die störende Unterhose loszuwerden. Dann schmiegen wir uns wieder eng aneinander, küssen uns und stöhnen beide leise in den Kuss, als wir uns aneinander reiben. Mirko macht mich total verrückt, und er lässt mich deutlich spüren, dass es ihm genauso geht.
Als er uns mit einer Hand zusammen umfasst und anfängt zu reiben, lege ich meine Finger auf seine, erhöhe den Druck. Das tut so gut. Es dauert nicht lange, bei keinem von uns beiden. Wir halten es einfach nicht mehr länger aus, bewegen uns immer schneller, bis wir fast gleichzeitig den Höhepunkt erreichen. Nur unser keuchender Atem ist in der Stille des Zimmers zu hören. Ganz sanft beißt Mirko in meine Unterlippe, als wir langsam wieder zu Ruhe kommen. Ich spüre, wie er an meinem Mund lächelt.
»Das war toll, und das will ich bald wieder mit dir«, flüstert er und küsst mich dann wieder.
»Kannst du gerne haben. Das und noch viel mehr. – Sag mal, welches Eis magst du lieber: Vanille oder Schoko?«, will ich neugierig wissen.
Er lacht leise. »Laut Kevin soll Schokoladeneis ja besonders gut sein.«
Das bringt mich zum Kichern. »Dann hat er dir davon erzählt?«
»Hm, hat er. Das würde ich gerne mal bei dir ausprobieren.«
»Erst wenn dein Knie verheilt ist. Aber bis dahin ...«
Mit einem glücklichen Lächeln löse ich mich von ihm, gebe ihm einen kurzen Kuss und stehe dann auf. Nur wenige Minuten später komme ich mit einer riesigen Portion Eis wieder ins Schlafzimmer. Mir fällt so einiges ein, was ich damit anstellen kann. Welche Sorte ich lieber mag?
Keine Ahnung, Hauptsache Mirko ist der Mann, mit dem ich das mache. Ansonsten habe ich da keine Vorlieben, ich mag beide Sorten Eis sehr gerne. Zusammen in der Dessertschale sieht es toll aus. Hell und dunkel, so wie wir beide. So unterschiedlich und doch ergänzen wir uns perfekt. Eben wie Vanille und Schokolade.

~~~ Ende ~~~