Anthologie I: Abgründe

KurzgeschichteAngst, Suspense / P18
11.11.2015
16.04.2019
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Wölfe


„And I do nothing upon myself – and yet am mine own executioner.“
- John Donne

Die Haustür öffnete sich quietschend. Er musste dringend das Scharnier ölen, so viel stand fest. Bemüht leise drückte er die Tür ins Schloss und stellte seine Tasche neben dem Regal auf dem Boden ab.
„Baby, bist du da?“ fragte er in die Stille des Hauses. Seine Frau musste da sein, das war ihm bewusst, doch fragte er immer lieber vorher nach. Eine seltsame Angewohnheit, die er wohl nie ablegen würde.
Er wartete geduldig, bis eine Antwort aus dem oberen Stockwerk kam.
„Ja, bin ich... Ja. Warte, ich komme sofort zu dir.“ Ihre Stimme hatte einen gestressten Unterton. Er hörte ein Rumpeln und dann Schritte.
„Was machst du denn dort? Brauchst du Hilfe?“ fragte er, während er seine Jacke an die Garderobe hing und seine Schuhe öffnete.
„Nein, nein. Schon zu spät.“ Sie kam die Treppe herunter und stellte sich auf die letzte Stufe. Er betrachtete sie aus seiner gebückten Position und fummelte ungeschickt an seinen Schnürsenkeln herum.
Es war ihm nach zwei Jahren Beziehung immer noch ein Rätsel, warum diese Frau ausgerechnet ihn geheiratet hatte. Sie war so schön, dass sie kaum eine echte, existierende Frau sein konnte.
Endlich hatte er seine Schuhe von den Füßen gestreift, da ging er auf sie zu und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen.
Sie lächelte. „Komm, das Essen ist fertig.“
„Und du brauchst da wirklich keine Hilfe? Was hast du da oben eigentlich gemacht?“ fragte er, während er seine Krawatte löste und ihr in die Küche folgte.
„Ach, ich habe etwas gesucht. Weißt du, das große, weiße Bettlaken. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich das in den Bettkasten gelegt habe...“ erwiderte sie zerstreut und griff nach zwei Topflappen.
„Lass mich das machen.“ Er nahm ihr die Topflappen ab und öffnete den Backofen. „Wow, das sieht gut aus, Liebling“, murmelte er, als er die Auflaufform aus der Hitze hob.
Sie sorgte gut für ihn, war eine beeindruckende Hausfrau. Auch wenn er nicht verstand, warum sie keinen Beruf ergriff. Er verlangte nicht von ihr, dass sie zu Hause blieb. Zumal sie sehr intelligent war. Beinahe zu intelligent, um nur für ihn zu kochen.
Er verdiente nicht schlecht, es reichte für sie beide und das bescheidene Haus im Vorort. Er hatte immer gehofft, dass sie irgendwann Kinder bekämen, doch hatte sich dieser Wunsch noch nicht erfüllt.
Er stellte die Auflaufform auf einen Korkuntersetzer auf dem Esstisch und legte die Topflappen an die Spüle.
Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch und sie begann ihm eine Portion auf den Teller zu schaufeln. „Nicht so großzügig“, unterbrach er sie lachend und nahm die Gabel in die Hand.
„Fang ruhig an“, sagte sie lächelnd und nahm sich ebenfalls.
Manchmal sorgte er sich um sie, denn sie aß nicht besonders viel. Auch wusste er nicht, was sie den ganzen Tag machte, doch schien es eine Menge Sport zu sein, denn sie war muskulös.
Er war stolz darauf, dass er eine so disziplinierte Frau an seiner Seite hatte. Gedankenverloren sah er sie an und stocherte in seinem Essen herum.
Ihre weiße Haut und das schwarze Haar gaben ihr ein geheimnisvolles Aussehen. Und in Verbindung mit ihren dunklen und vollen Lippen, lag der Vergleich mit Schneewittchen sehr nahe. Damit hatte er sie bei ihrem ersten Treffen beeindruckt, denn sie war sehr überrascht gewesen, dass er ein so altes Märchen noch kannte.
„Du siehst erschöpft aus. War viel zu tun heute?“ fragte sie, als sie seinen Blick bemerkte.
„Es ging. Ich habe letzte Nacht nur nicht so viel geschlafen, das ist alles.“ Er lächelte sie an. Schweigend aßen sie weiter.
Aus dem Radio trällerte irgendein aktueller Hit und er fühlte sich gut. Das war sein Leben, langweilig, aber frei von größeren Sorgen. Seine Frau war wunderschön und er hatte einen Job.
Besser konnte es für ihn nicht laufen.
Nachdem sie fertig waren, räumte er die Teller in die Geschirrspülmaschine und half ihr dabei, die Küche aufzuräumen.
„Ach, bevor ich es vergesse, es war heute jemand in meinem Büro, der hat explizit nach dir gefragt. Es war etwas seltsam, aber er meinte, dass ihr euch von früher kennt.“
Sie stutzte und lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Wer denn?“
„Seinen Namen hat er nicht gesagt, du warst bloß der Vorwand, um zu mir ins Büro gehen zu können, denke ich. Er sagte nur, dass ich dich von einem gewissen Wolotow grüßen soll. Ich glaube, Wolotow war der Name, ja. Es war auf jeden Fall ein russischer Name, das weiß ich noch.“
„Du meinst Wolkow“, verbesserte sie ihn leise.
„Ja, genau! Wolkow. Und ich hatte mir den Namen extra irgendwo aufgeschrieben, aber dann den Zettel im Büro liegen lassen. Aber gut, jedenfalls soll ich dich von diesem Wolkow grüßen, auch wenn es anscheinend nicht der Mann war, der bei mir gewesen ist. Wer ist das eigentlich?“
Seine Frau antwortete nicht, sondern ließ das Spültuch achtlos fallen. Dann verließ sie die Küche und er hörte aus dem Flur nur einigen Lärm. Sie öffnete gerade wohl einen Schrank und nahm etwas heraus.
Er fand es zwar seltsam, dass sie wortlos gegangen war, doch war das nicht das erste Mal. Manchmal schien sie in sich selbst zu versinken und dann von der Außenwelt abgeschnitten. In diesen Momenten fragte er sich, ob er sie überhaupt zu einhundert Prozent kannte.
Er sagte sich dann wiederum, dass es immer ein paar kleine Geheimnisse zwischen Eheleuten geben musste. Schließlich waren sie beide immer noch Individuen.
Er hörte, wie sich ihre Schritte wieder näherten und ging weiter seiner Beschäftigung nach. Gerade nahm er einen Kochtopf in die Hand, da hörte er hinter sich ihre Stimme fragen:
„Hat er noch etwas gesagt?“
„Nein, nur das, was ich dir gesagt habe. Er war nicht sehr gesprächig und irgendwie ziemlich bedrohlich. So stellt man sich einen Schläger vor“, sagte er und drehte sich zu ihr um.
Vor Schreck ließ er den Kochtopf fallen und er zuckte bei dem ohrenbetäubenden Lärm, den der Topf auf den Fliesen verursachte zusammen.
Er blickte seine Frau an, die gerade eine Waffe auf ihn richtete. Sie atmete ruhig und sah ihn aus ihren eisblauen Augen an.
„Na dann...“, säuselte sie und drückte ab. Er fühlte einen Schmerz in seinem Bauch und merkte, wie er langsam nach hinten sackte und mit seinem Rücken am Schrank nach unten glitt. Er saß gegen die Schranktür gelehnt auf dem Boden und beobachtete, wie sein Hemd sich innerhalb kürzester Zeit rot verfärbte.
Kurz darauf lief sein Blut auf den Boden. Seine Frau ging auf ihn zu, die Waffe immer noch erhoben und auf ihn gerichtet.
„Nimm's mir nicht übel, Schatz.“ Den Kosenamen hatte sie übertrieben betont ausgesprochen, so als wolle sie sich lustig machen.
Er versuchte etwas zu erwidern, doch lähmten der Schock und die Schmerzen seinen Kopf. Sie hockte sich vor ihn und legte eine Hand auf seine Wange, während er nach Atem rang.
„Kämpf nicht dagegen an, du würdest innerhalb der nächsten zwei Minuten sowieso verbluten. War eine nette Zeit mit dir.“
Das letzte, das er sah, war wie sie sich erhob und auf seinen Kopf zielte. Dann für immer Dunkelheit.



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