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Familienbande

von Hei66
GeschichteKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby Cully Barnaby DC Ben Jones DCI John Barnaby Dr. George Bullard Joyce Barnaby
07.11.2015
07.11.2015
9
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07.11.2015 1.340
 
Südwales Frühjahr 1984

Der junge Mann betrachtete sich im Spiegel. Die Badezimmertür hinter sich war verschlossen, so dass seine Mutter ihn nicht stören konnte. Er war jetzt 18-Jahre alt, über zwei Meter groß und dazu kräftig gebaut. Das gefiel ihm. Nur die verdammten Pickel im Gesicht, großflächig rot und hässlich, störten. Seine dünnen wachsblonden Haare sowie die wässrigen blauen Augen machten es nicht besser. Kein Wunder, dass die Mädchen ihn trotz seiner imposanten Statur nicht beachteten. Und nicht nur das: Sie lachten über ihn, versuchten, ihn vorzuführen wo möglich. Was bildeten die sich ein? Vor allem diese Daisy Badham. Groß, blond, tolle Figur. Der Jungenschwarm, schon ganz fraulich und sexy, machte sich gerne den Spaß, ihn in Verlegenheit zu bringen. Er wusste nicht, wie er sich gegen so eine behaupten sollte.

Er schlug sich ins Gesicht. „Blödmann!“, sagte er zu seinem Spiegelbild.

Er war nun endgültig, kurz vor Abschluss von der Schule geflogen. Wie immer interessierte es niemanden, dass er es war, der provoziert worden ist. Er hat aber dieses Mal bei den Falschen die Fassung verloren. Jetzt lagen drei Menschen mit Gehirnerschütterung, gebrochenen Wangenknochen oder Ähnlichem im Krankenhaus. Das waren der neu eingestellte Lehrer Adams, dann Harry Leech, das verhätschelte Einzelkind des Elternratsvorsitzenden, und nicht zuletzt der Jüngste der drei Shepherds von der hiesigen Autowerkstatt, wo der Schuldirektor sämtlichen Autoservice zum halben Preis bekam. Als Gegenleistung hatten die drei Shepherd-Jungs den Schulabschluss so gut wie in der Tasche.

Er verzog das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln. Das einzig Gute am Rausschmiß war, dass er nun befreit war. Befreit von Lehrern und Mitschülern, die sich immer wieder ihren Spaß auf Kosten Schwächerer suchten. Ihre Opfer waren meistens Schüler aus den ärmeren Familien, am liebsten von den Arbeiterfamilien, deren Väter beim Niedergang des Industriehafens von Cardiff den Job verloren hatten. Da war keine Beschwerde von empörten Eltern zu erwarten, denn die waren meistens mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Aber es gab auch andere: Die Schüchternen, Unsicheren, oder die, die den Unterrichtsstoff nicht kapierten. Ganz unten in der Hierarchie aber standen Kinder wie er: die unehelich Geborenen, die „Bastarde“.

Dennoch glaubte er eine Zeitlang, Zugang zu einer der coolen Cliquen zu finden. Ihr Wortführer Finley McLeod war ein gewiefter Fuchs mit hinterhältigem Charakter aus einer typisch grauen Mittelschicht-Familie. In dieser kleinen Welt war Finley McLeod ein Fürst von Vasallen, die er jederzeit in Ungnade fallen lassen konnte. Es gab klare Regeln und eine klare Rangordnung. Das gefiel ihm. Natürlich wollte er es in den inneren Zirkel schaffen, wollte als echtes Cliquenmitglied akzeptiert werden. Das versprach Ansehen und Annehmlichkeiten. Seine Mutter hatte ihn deswegen immer ausgelacht. „Glaubst Du wirklich, ein Kerl wie Finley McLeod wird für einen Versager wie Dich auch nur einen Finger krumm machen? Kein bisschen! Er nutzt Dich nur aus und wird Dich wegwerfen, wenn Du ihm zu lästig wirst.“ Sie hatte Recht behalten. Finley hatte ihn nach der Schlägerei und dem Schulverweis ausgelacht und ihm eine kalte Abfuhr erteilt: Für einige Botengänge wäre er ja nützlich gewesen. Aber jetzt war er raus. Endgültig.

Er schlug sich ein zweites Mal ins Gesicht. Naiv würde er nie mehr sein. Das schwor er sich.

„Hey Du Nichtsnutz! ... Beweg‘ Dich und räum die Küche auf!“ Die schrille, notorisch genervte Stimme der Mutter Rosemarie unterbrach ihn in seinen Gedanken. Seit nunmehr zwölf Jahren lebte er mit ihr allein, nachdem der Vater sie verlassen und eine deutlich Jüngere geheiratet hatte. Seine Mutter war damals abgrundtief enttäuscht gewesen. Sie hatte gehofft, dass er sich doch für sie entscheiden, sie sogar heiraten würde. Trotz seiner Unberechenbarkeit und der Schläge, wenn er zu viel getrunken hatte. Und das kam oft vor. Aber es hätte zumindest etwas Sicherheit bedeutet für sie und den gemeinsamen Sohn. Für sein uneheliches Kind zeigte der Vater aber kein Interesse. Er hatte die Vaterschaft nie anerkannt. Irgendwann war sie ihm endgültig überdrüssig geworden. Zurück blieb eine hoffnungslos enttäuschte Frau, die im Laufe der Jahre ihren Männerhass immer hemmungsloser kultivierte. Für ihn als Sohn war das kein Zuckerschlecken.

Er wusste nicht genau, wo sein Vater jetzt lebte. Irgendwo südlich von Cardiff in der Nähe der „Tiger Bay“, des alten Industriehafens, früher Stolz und wirtschaftliches Rückgrat der Stadt. Er erinnerte sich nur ungern an die Zeiten, als der Vater noch bei ihnen lebte. Meistens verschwand er direkt nach der Arbeit im verqualmten Pub. In der Regel dauerte es aber nie lange, da fing der Krawall mit ihm schon an. Entweder landete er dann direkt in einer Ausnüchterungszelle, oder aber er schaffte es doch noch nach Hause. Letzteres war für die Familie immer die schlechtere Variante. Dann hatte auch er, der Junge, manchmal etwas abbekommen. Aber er hatte schnell gelernt, dem Vater aus dem Weg zu gehen. Seiner Mutter gelang das deutlich seltener, war sie das vorrangige Ziel patriarchaler Wutausbrüche. Nach Auszug des Vaters hatte er Hoffnung, dass alles besser werden würde. Aber seine Mutter nörgelte ständig an ihm herum, bemängelte, dass er sich nicht nützlich machen, nichts leisten würde. Er störte sie.

Jetzt nach dem Rausschmiß von der Schule hatte sie ihn ganz aufgegeben und ihm ein Ultimatum bis zum Sommer gestellt. „Bis dahin füttere ich Dich noch durch und Du kannst hier wohnen,“ sagte sie zu ihm. „Such Dir eine Lehre, versuch´s beim Militär, wenn sie Dich da gebrauchen können, oder mach‘ sonst was. Ab Sommer stehst Du auf eigenen Füßen, verstanden?“ Vertieft im Betrachten seines muskulösen Körpers, glaubte er heute, den Vater besser zu verstehen. Manchmal verspürte er richtig Lust, sich ihrer zu entledigen. Er musste aber auch zugeben: In ihrer scharfen, bewusst verletzenden Rede hatte sie ihn auf eine Idee gebracht. Das Militär. Klare Regeln, sichere Verdienstmöglichkeiten und eine Ausbildung an Waffen. Das würde ihm gefallen.

Seine Gedanken gingen zurück zum Vater. Wie er heute wohl war? Er wusste, er hatte mit der anderen Frau zwei weiterem Kinder. Seine Halbgeschwister. Bei denen war er jetzt, aber ihn hatte er vergessen. Er schnaubte verächtlich. Spürte Wut, aber auch Neugierde. Es war an der Zeit, sich auf die Suche zu begeben.

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.

Etwa zur selben Zeit

Etwas südlich von Cardiff lag ein kleines Haus auf einem recht großen, aber ungepflegten Grundstück. Nichts Besonderes, wäre da nicht der atemberaubende Blick auf die See gewesen. Ganz hinten im Garten, dort wo die Aussicht am besten war, standen zwei alte Bäume und dazwischen eine hellblau gestrichene, kleine Bank. Ein etwa 8-jähriges Mädchen und ihr jüngerer Bruder saßen eng aneinandergeschmiegt, sich einander festhaltend und wärmend. Mit dem Rücken zum Haus und den Blick in die Weite gerichtet, ließen sie sich in ihrer Fantasie weit forttragen und erfanden ihr eigenes, geheimes Zuhause. Dort lebten sie nur mit ihrer Mutter, in einem wunderbaren Haus und großem Grundstück, wo viele Tiere Platz fanden. Vor allem ein Island-Pony für das Mädchen und einen Schäferhund für den Jungen. Jeden Tag kämen Kinder zu Besuch, denn bei ihnen war es am schönsten. Es gab Schokoeis, Schokokuchen, Trinkschokolade satt. Auf Wunsch des Jungen auch Chips mit Salz und Essig. Der Wind vom Meer trug die Laute aus dem Haus weg von ihnen, so dass sie nichts hören mussten. Sie wussten, sie durften erst wieder reingehen, wenn es dunkel war. Dort werden sie ihren Vater laut schnarchend, erschöpft vom Alkohol und den anderen Dingen, auf dem Sofa finden. Und dann werden sie leise an ihm vorbei ins elterliche Schlafzimmer schleichen und ängstlich nach ihrer Mum schauen. „Wenn ich groß bin, werde ich auf Mum aufpassen“ sagte der Junge. „Wie lange werde ich noch brauchen, um so groß und stark wie ein Mann zu sein?“ Seine dunklen Augen richteten sich fragend nach oben zur großen Schwester. „Aber Du wirst doch jetzt erst fünf Jahre alt! Das dauert noch lange. Wir müssen nur durchhalten und Mum helfen so gut es geht.“ Enttäuscht, wenn auch nicht wirklich überrascht über ihre Antwort richtete der Junge wieder den Blick in die Ferne. „Morgen kommen Grandma und Grandpa zu Besuch. Wir werden Deinen Geburtstag ganz doll feiern,“ sagte das Mädchen tröstend, ganz im Erwachsenen-Ton einer älteren Schwester.

Beide lächelten.
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