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Spread your wings and fly

von Funkensee
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
07.11.2015
07.11.2015
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Was hat das Leben für einen Sinn? Was ist der Unterschied zwischen existieren und leben? Wie erkennt man, ob man geliebt wurde oder nicht? Durch Lachen? Durch ein simples Lächeln, das auf den Gesichtern der Menschen erscheint, wenn sie einen sehen? Oder durch Tränen, die kommen, wenn du nicht mehr da bist? Warum muss man leben? Wer ist es, der einen dazu verpflichtet? Warum kann man es nich einfach lassen? Das Leben ablegen, wie einen schweren Wintermantel, wenn man ein geheiztes Haus betritt? Und was kommt danach? Was ist nach dem Tod? Was passiert, wenn man verschwunden ist?
Fragen, Fragen, Fragen. Fragen, die ich mir Zeit meines Lebens praktisch ständig gestellt habe. In dem Moment, als ich zum ersten Mal hingefallen bin und nicht mehr aufstehen konnte. In dem Moment, in dem mich meine Mutter zum ersten Mal wegen irgendetwas Unwichtigem angeschrien hat. In dem Moment, in dem mir meine beste Freundin gesagt hat, dass sie mich hasst. In dem Moment, in dem zum ersten Mal jemand gekommen ist, der mir gezeigt hat, dass es nicht gut ist, zu hoch zu fliegen, weil man dann unweigerlich tiefer hinunterfällt.
Ich habe mir meinen Tod oft genug ausgemalt. Als kleines Kind bin ich aus Albträumen aufgewacht, in denen ich von figurlosen Monstern verfolgt worden bin. Dann später, habe ich mir erträumt, wie eine Prinzessin sterben zu können, wunderschön und blass auf einem großen Bett einschlafen zu können. Wieder später habe ich mir vorgestellt, wie es ist, als berühmte Polizistin von irgendeinem Verbrecher erschossen zu werden und ihn im letzten Moment noch stellen zu können.
Immer wieder haben sich meine Vorstellungen gewandelt. Aber irgendwo im Hinterkopf habe ich immer den Gedanken gehabt, dass das nicht meine Entscheidung ist. Bis mir die Erkenntnis gekommen ist. Dass ich sehr wohl entscheiden kann, wie und wann ich sterbe. Und dann habe ich begonnen, mich zu fragen, wer mir sagt, dass ich leben muss. Wieder habe ich die Worte meiner Eltern und später meiner Grundschullehrer in den Ohren, dass das Leben ein Geschenk sei. Dass nicht jeder die Chance hat, zu leben. Und wieder bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen, dass ich dabei bin, etwas wegzuwerfen, dass andere Menschen um jeden Preis festhalten wollen.
Aber es ist meine Entscheidung. Ich bin nicht die anderen. Also streiche ich den Gedanken wieder aus meinem Gedächtnis. Und konzentriere mich darauf, noch einmal vor meinen Augen ablaufen zu lassen, wie furchtbar mein Leben doch ist, während ich mich bemühe, nicht vorzeitig von dem Dach des alten Hauses zu fallen, auf das ich geklettert bin.
Nur leider kann ich nicht wirklich viel vor meinen Augen ablaufen lassen, weil mein Leben nämlich überhaupt nicht furchtbar ist. Wahrscheinlich bin ich die, die furchtbar ist. Weil ich ein Geschenk wegwerfe. Aber ich kann mir nicht anders helfen. Also stelle ich mir einfach vor, was in meinem Leben alles Schlimmes passieren hätte können, das meine Entscheidung rechtfertigt, mit allem abzuschließen.
Währenddessen starre ich einfach in die Tiefe, hinunter auf den schmalen Waldweg. Das Dach, auf dem ich sitze, knackt schon die ganze Zeit verdächtig und ich ahne, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Ich darf nicht noch mehr Zeit damit verschwenden, darüber nachzudenken, in welche Position ich mich setzen soll, um möglichst pathetisch zu wirken. Um vielleicht ein Mal in meinem Leben ernst genommen zu werden.
Aber Ernstnehmen ist eine ziemlich große Kunst, die meine Mitmenschen nicht zu beherrschen scheinen. Ich höre ihre Stimmen in meinem Kopf, wie sie mir systematisch mein Ich wegnehmen. Wie sie mir kategorisch alle Gründe aufzählen, aus denen ich nicht ernstgenommen werden kann. Und das dürften ziemlich viele sein.
Ich habe die Blicke bemerkt, die sie mir zugeworfen haben, als ich in der Schule, auf Feriencamps und im allgemeinen überall, erzählt habe, was meine Hobbys sind, für was ich mich interessiere. Ich habe bemerkt, was sie untereinander geredet haben, auch wenn sie gedacht haben, sie sprechen leise genug. Aber das haben sie nicht.
Oder als ich meinen Eltern vor drei Jahren, als ich 12 war, gesagt habe, dass ich zum Psychologen will. Alles, was ich bekommen habe, waren diese Blicke, die man kleinen Kindern zuwirft, wenn sie erzählen, dass sie später mal Prinzessinnen werden wollen. Ungläubig, amüsiert, mitleidig. Ungläubig deswegen, weil das Kind so einen Blödsinn redet. Amüsiert, weil man es lächerlich findet. Mitleidig, weil es ernsthaft glaubt, es könne eine Prinzessin werden.
Ich habe meinen Eltern gesagt, dass es mir nicht gut geht. Dass ich nicht mehr Lachen kann. Dass ich glaube, dass ich depressiv bin. Und alles, was sie getan haben, war, mir über den Kopf zu streicheln und mir zu sagen, dass das nur so eine Phase ist. Und dabei habe ich es belassen. Habe nie wieder mit irgendeinem darüber gesprochen, aus Angst, wieder nicht ernstgenommen zu werden. Weil man ja mit 12 Jahren keine Depressionen haben kann. Und auch nicht das Jahr darauf, mit 13, dann mit 14 oder jetzt mit 15. Es wäre verschwendeter Atem, wenn ich versuchen würde, den Leuten zu erklären, was los ist. Und sie würden es sowieso nicht verstehen.
Also habe ich eben zu drastischeren Maßnahmen greifen müssen. Wenn sie nicht auf meine Worte hören, dann hören sie es vielleicht, wenn ich es ihnen es ihnen als blutige Schnitte auf meinen Armen unter die Nase halte. Nur haben sie auch darauf nicht gehört. Ist ja nur eine Phase. Also brauchen sie wohl ein bisschen mehr Blut. Und wenn ich in meinem Leben sowieso nichts erreichen kann, weil ich nur eine Zusammensetzung aus Wasser, Luft und Materialien, die anfangen zu stinken, wenn man sie liegen lässt, bin, will ich es wenigstens schaffen, dass ich ernst genommen werde. Ich will, dass sich die Leute fragen, warum sie mir nicht zugehört haben. Ich will, dass sie es das nächste Mal besser machen. Ich will, dass ich die Letzte bin, die diesen Gedankengang fortführt. Und wenn ich dafür sterben muss. Mich stört es nicht.
Das habe ich auch vor ein paar Stunden gedacht. Und dann bin ich in den Wald gelaufen. Und gelaufen und gelaufen und gelaufen. Bis ich hierher gekommen bin. Es ist perfekt für mein Vorhaben. Das Haus steht leer und soll demnächst abgerissen werden. Es ist weit genug weg von dem Haus meiner Eltern. Und es ist hoch genug, um sich keine Überlebenschancen mehr auszurechnen, wenn man hinunterfällt. Also bin ich hochgeklettert. Und seitdem sitze ich hier und denke über Gott und die Welt nach.
Wieder werfe ich einen Blick nach unten auf den Weg. Aber dorthin will ich nicht fallen. Ich wende meinen Körper vorsichtig etwas zur Seite, sodass über einer Plane sitze. Unter der Plane sind uralte Holzwagen, das habe ich mir vorher schon angeschaut. Dort will ich hinfallen. Ich weiß, wenn ich diese Position beibehalte, werde ich direkt in einen der Wagen fallen und die Plane wird sich über mir zusammenrollen. Damit kann ich ein wenig Zeit erkaufen, bis sie mich finden. Gleich gefunden zu werden, ist langweilig. Dann sieht man noch wie neu aus. Außerdem will ich die Leute ein wenig warten lassen, ein wenig hoffen lassen, ein wenig verzweifeln lassen.
Tief in meinem Inneren weiß ich, dass es jetzt so weit ist, Abschied zu nehmen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht dem Neuen entgegen zu blicken.
Ich halte mich an dem Dach fest, während ich mich vorsichtig und mit zitternden Beinen aufrichte. Als ich auf dem Dach stehe, kommt mir der Boden noch ein bisschen weiter weg vor und der Himmel noch ein bisschen näher. Ich blicke hinauf in das unergründliche Blau und sehe zwei Vögel über mir hinwegfliegen. Sie wirken glücklich und frei, wie sie sich gegenseitig durch die Lüfte jagen, die Flügel ausgebreitet lassen, sich dem Wind hingeben.
Und plötzlich bin ich ganz ruhig. Ich zittere nicht mehr, ich spüre meine Gedanken zur Ruhe kommen und den Schmerz ein wenig nachlassen.
Was passiert, wenn ich fliegen könnte?, überlege ich. Aber mein Körper ist zu schwer dafür. Und was ist, wenn ich mich von meinem Körper trenne? Dann bin ich leicht, so leicht, dass ich mich tragen lassen kann. sorglos durch die Luft wirbeln.
Und dann beuge ich mich vor und kann das Dach nicht mehr spüren. Und ich falle, bemerke, wie ich mich ein paar Mal in der Luft drehe. Aber das ist gut. Alles ist gut. Noch kann ich nicht fliegen. Noch bin ich zu schwer. Aber das wird sich gleich ändern. Kurz, einen Moment noch, dann bin ich dieses Gewicht los. Und mit dem Gewicht den Schmerz.
Und dann ist es soweit. Ein Aufprall, den ich kaum spüre, zufrieden bemerkte ich, dass meine Berechnungen gestimmt haben und ich nicht zu sehen bin. Und dann fliege ich auch schon. Und während ich fliege, lache ich. Und frage mich, ob kleine Kinder jetzt Prinzessinen werden dürfen.
 
 
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