My Name Is Paige

GeschichteRomanze, Familie / P16
Baljeet Rai Candace Gertrud Flynn Ferb Fletcher Isabella Garcia-Shapiro Phineas Flynn
04.11.2015
04.11.2015
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„Paige. Hey, süße Maus“. Mein Stiefbruder Ferb streichelte mir sanft über die Hand, um mich zu wecken. Verschlafen gähnend setzte ich mich im Bett auf und lächelte ihn an. „Hey“, erwiderte ich und blinzelte ein paar Mal. „Hat mein Schwesterchen gut geschlafen?“, fragte er zuvorkommend, mein Lächeln erwidernd. Ich nickte und warf einen kurzen Blick auf den Digitalwecker, der auf meinem Nachttischchen stand. 10:30 Uhr. Hatte ich wirklich so lange geschlafen? Und das, obwohl ich mir vorgenommen hatte, heute besonders früh aufzustehen. Na gut, es war Samstag und deshalb war es eigentlich nicht weiter schlimm, dass ich ein bisschen länger geschlafen hatte als sonst. Eigentlich. Doch nicht heute. Heute war nicht irgendein x-beliebiger Samstag. Heute war der Tag, an dem ich all unsere Freunde eingeladen hatte. Um es ihnen zu sagen. Um ihnen die Wahrheit über mich zu sagen. Mich zu outen. Fast einen Monat war es nun her, dass ich mich mit meinen Eltern versöhnt und sie die Tatsache akzeptiert hatten, dass ich ein Mädchen war. Dass ich wieder zu Hause eingezogen war. Wir hatten noch mehrere Gespräche geführt, oft bis tief in die Nacht hinein und sie hatten sich noch mehrmals bei mir für ihre übertriebene und unangebrachte Reaktion entschuldigt. Sie hatten mir gesagt, wie sehr sie sich dafür schämten und dass sie alles tun würden, um es irgendwie wiedergutzumachen. Aber auch wenn mich das, was sie mir im Zorn an den Kopf geworfen hatten, noch immer beschäftigte, beschloss ich, über meinen Schatten zu springen und ihnen zu verzeihen. Denn ich wollte endlich wieder Frieden zwischen uns haben. Ich wollte nicht die Eingeschnappte spielen und so tun, als könnte ich ihnen nicht vergeben. Denn schließlich brachten sie mir endlich das Verständnis entgegen, nach dem ich mich so sehr gesehnt und das ich mir so gewünscht hatte. Ich wollte die Vergangenheit ruhen lassen und nach vorne blicken. Mit einem guten Gefühl und dem Wissen, dass ich von ihnen akzeptiert wurde. Als ihre Tochter. Der Moment, in dem mein Vater mich zum ersten Mal Paige genannt hatte, ließ mich all den Schmerz von einer Sekunde auf die andere vergessen. Dieses eine Wort gab mir mit einem Schlag meinen Lebensmut zurück. Nur dieses eine Wort hatte gereicht, um mich ohne irgendwelche Gesten spüren zu lassen, dass meine Eltern mich liebten. Es hatte das Eis in mir gebrochen. Mir gezeigt, dass ich ihnen nicht egal war. Dass sie mich brauchten. Und dass sie mich so akzeptierten, wie ich war. Auch wenn diese Sache erst einen Monat her war, erschien es mir so fern und unwirklich. Als wäre es vor ewigen Zeiten gewesen. Denn heute war es für meine Eltern selbstverständlich, mich als ihre Tochter zu sehen und mich Paige zu nennen. Heute gehörte es bereits zum Standardprogramm, dass ich einmal pro Woche zusammen mit Mom und meiner Schwester Candace in die Stadt ging, um nach Herzenslust zu shoppen. Dass wir zusammen diverse Boutiquen aufsuchten und ich in aller Ruhe anprobierte, was mir gefiel. Dass sie mir Komplimente machten und beteuerten, wie gut mir diese Sachen standen. Heute war es so selbstverständlich. Als wäre es niemals anders gewesen. Auch für Dad war es mittlerweile völlig normal geworden, mich als seine Tochter zu sehen. Auch er überhäufte mich mit Komplimenten, wenn ich morgens in einem ärmellosen Top und einem Minirock in die Küche kam. Und auch Candace hatte sich damit zurechtgefunden, nun eine Schwester zu haben. Sie war diejenige gewesen, die es als erste akzeptiert hatte und seit meinem Outing verstanden wir uns besser denn je. Nicht nur, dass sie mir ihre Sachen auslieh und mir professionelle Schmink- und Modetipps gab, auch unser Verhältnis war generell viel lockerer und vor allem offener geworden. Wir sprachen über jedes noch so sensible Thema, tauschten unsere Erfahrungen aus und vor allem quatschten und schwärmten wir viel über Jungs. Vor meinem Outing hätte ich nicht im Traum daran gedacht, mich mit meiner Schwester über Mode, Kosmetik und Liebesfilme zu unterhalten. Aber heute waren das die Gesprächsthemen, mit denen wir einen ganzen Abend ausfüllen konnten. Und nicht nur das: Wir sprachen auch offen über Probleme oder diskutierten unterschiedliche Meinungen zu einer bestimmten Sache. Auch das wäre früher undenkbar gewesen. Wenn mich früher etwas beschäftigte oder ich ein Problem hatte, hatte ich immer versucht, es allein zu lösen und wenn ich Rat brauchte, war ich dann stets zu Ferb gegangen. Das lag nicht etwa daran, dass ich ihr damals nicht vertraute, sondern vielmehr war ich der Auffassung, dass sie mein typischer Jungskram nicht interessiert. Doch heute wusste ich, dass ich mich ihr immer anvertrauen konnte, egal worum es auch immer ging. Dass sie stets ein offenes Ohr für mich hatte, wenn mich etwas beschäftigte oder interessierte. Und dass ich mir immer Rat bei ihr holen konnte, wenn ich ihn brauchte. Um es anders auszudrücken: Vor meinem Outing hatten wir ein gutes Verhältnis gehabt. Doch seitdem sie Bescheid wusste, hatten wir ein richtig inniges Verhältnis. Wir waren nicht nur Schwestern, sondern zugleich auch richtig gute Freundinnen, die über absolut alles miteinander sprechen konnten und stets füreinander da waren. Bei Candace hatte ich mir auch Rat geholt, wie ich meinen Freunden am besten die Wahrheit über mich sagte. Wie genau ich ihnen erzählen und erklären sollte, was Sache war und sie hatte mir geraten, es einfach geradeheraus zu sagen. Ohne langes Drumherum und irgendwelche langen und überflüssigen Erklärungen, warum und wieso. Ich war ein Mädchen. Kein Warum. Keine Begründungen, weswegen das so war. Lediglich Fakten. Und Fakt war, dass ich mich als Mädchen fühlte. Und Candace meinte, genau das sollte ich sofort klarstellen. Dass ich fest dazu stand, egal was sie dazu sagten oder darüber dachten. Zugegeben, ein bisschen aufgeregt war ich schon deswegen. Schließlich hatten mich unsere Freunde bisher nur als Jungen gekannt. Als ganz gewöhnlichen, durchschnittlichen Jungen. Und plötzlich war ich jemand anderes. Und trotzdem noch ich selbst. Natürlich hatte ich ein leicht kribbelndes Gefühl im Magen, wenn ich daran dachte, mich zu outen. Aber ich wollte diesen Schritt gehen. Zum einen hatten meine Freunde das Recht, es zu erfahren und zum anderen wollte ich mich nicht länger verstecken. Seit einem Monat hatte ich nun spekuliert und war zu dem Entschluss gekommen, dass ich leben wollte, was ich fühlte. Nicht mehr nur im privaten und familiären Rahmen wie bisher. Auch öffentlich. Ich wollte endlich das Mädchen sein, das ich innerlich schon lange war. Und dazu gehörte natürlich, meine Freunde auch einzuweihen und zu sagen, was Sache war. Ihnen zu sagen, dass ich nicht mehr Phineas war. Ich war jetzt Paige. Phineas existierte nicht mehr. Und genau das wollte ich ihnen offenlegen. „Paige?“. Ferb riss mich aus meinen Gedanken. „Worüber denkst du denn nach, meine Kleine?“. „Ach, nichts weiter“, antwortete ich und ging zu meinem Kleiderschrank hinüber. Ich holte ein ärmelloses Top und meinen Lieblingsminirock hervor. „Ich ziehe mich mal rasch um“, sagte ich zu Ferb, woraufhin dieser sich auf den Weg zur Tür machte. „Ich warte solange draußen“, sagte er zuvorkommend und lächelte. „Zieh dich in aller Ruhe um“. „Aber Ferb, du musst doch deswegen nicht rausgehen“, entgegnete ich, während ich mir meine Sachen zurechtlegte. „Doch“, antwortete er. „Es liegt mir fern, eine Dame beim Umziehen zu beobachten. Das ist nicht sehr höflich“. Er zwinkerte mir zu und verließ das Zimmer. „Sag mir einfach Bescheid, wenn du fertig bist“, fügte er hinzu und schloss die Tür hinter sich. Ich musste lächeln. Ferb war in dieser Sache so zuvorkommend. Obgleich wir jahrelang im selben Zimmer geschlafen und uns morgens zusammen umgezogen hatten. Obgleich es da nichts gab, was er nicht schon einmal gesehen hatte. Aber jetzt war alles ein bisschen anders. Für ihn war ich jetzt eine Dame. Und getreu seinen britischen Höflichkeitsformen schickte es sich aus seiner Sicht nicht, einer Dame beim Umziehen zuzusehen. Das fand ich süß. Unheimlich süß. Rasch legte ich meinen Schlafanzug ab und schlüpfte in das Top und den Minirock und setzte mich dann an meinen Schminktisch, den meine Eltern speziell für mich gekauft hatten. Damit ich mich ungestört und in aller Ruhe zurechtmachen konnte, wie sie sagten. Mein Dad hatte sich extra für mich die Mühe gegeben, dieses Ding aufzubauen und Candace hatte sich um die nötige Versorgung mit allerlei Kosmetika gekümmert. Lipgloss und Rouge, Lidschatten und Eyeliner, Mascara und Nagellack. In allen möglichen Farben und Kombinationen. Egal, nach welchem Kosmetikartikel ich auch suchte, er war garantiert auf meinem Schminktisch zu finden. Meine Mom hatte mich darüber hinaus noch reichlich mit Parfum eingedeckt. So besaß ich mittlerweile gut zehn verschiedene Marken in den unterschiedlichsten Duftrichtungen. Ich ging kurz alles durch, was ich an Kosmetikartikeln besaß und begann dann mit meiner morgendlichen Schminkprozedur. „Du kannst wieder reinkommen“, rief ich Ferb zu, wohlwissend, dass er noch immer vor der Tür stand und brav darauf wartete, dass ich ihn wieder hereinbat. So wie er es jeden Morgen machte. Aber so war er. Der perfekte Gentleman. „Hey Paige“, sagte er, als er wieder ins Zimmer kam und warf einen Blick auf mein Outfit. „Du siehst wie immer zauberhaft aus, Schwesterchen“. „Vielen Dank“, erwiderte ich geschmeichelt, während ich mir etwas Rouge auf die Wangen tupfte. Danach zog ich meine Lippen mit samtig-rotem Gloss nach und warf einen prüfenden Blick in den beleuchteten Spiegel. Daraus blickte mich eine Frau an. Eine selbstbewusste, junge Frau, die genau wusste, was sie wollte. Ein Lächeln legte sich bei diesem Gedanken auf mein Gesicht. Dann wandte ich mich Ferb zu und sah ihn erwartungsvoll an.
„Na, was meinst du?“, fragte ich. „Wie sehe ich aus?“. Er trat hinter mich, legte mir seine Arme auf die Schultern und beugte sich zu mir herab. „Zauberhaft“, flüsterte er mir zu und streichelte mir sanft durchs Haar. „Einfach zauberhaft“.

„Guten Morgen, Paige“. Wie jeden Samstagmorgen saßen Mom, Dad und Candace in der Küche und frühstückten. Candace blickte mich begeistert an und lächelte, als ich mich zu ihnen setzte. „Du siehst wie immer ganz toll aus“, sagte sie und zwinkerte mir zu. „Danke“, erwiderte ich mit einem verlegenen Schmunzeln. Auch wenn ich es mittlerweile gewohnt war, Komplimente zu bekommen, brachte es mich dennoch jedes Mal in Verlegenheit. „Hast du gut geschlafen?“, wollte Dad wissen und blickte von seiner Morgenzeitung auf. „Ja, danke“, antwortete ich, während ich ein Vollkornbrötchen mit Himbeergelee bestrich. Unterdessen bereitete ich mich gedanklich schon einmal auf das Treffen mit meinen Freunden vor. Wieder spürte ich ein leichtes Kribbeln in mir, als ich daran dachte. Ich musste es mir wohl oder übel eingestehen: Ich war doch aufgeregter als ich dachte. Obwohl, das war nur normal, denn schließlich war das, was ich ihnen heute zu sagen hatte, bei weitem nichts alltägliches. Es war eine entscheidende Veränderung in meinem Leben und auch wenn ich mir eigentlich sicher war, dass sie mich deswegen nicht auslachen und es akzeptieren würden, war ich trotzdem sehr nervös. Immerhin war ich von einem Moment zum nächsten jemand ganz anderes. Der Phineas, den sie bisher gekannt hatten, existierte so nicht mehr. Das hieß, natürlich existierte er noch irgendwo in mir, jeder hat schließlich eine männliche und weibliche Seite in sich. Aber bei mir hatte sich ganz klar die weibliche Seite durchgesetzt. Paige war nicht nur irgendeine Rolle, die ich spielte, weil es mir Spaß machte. Es war eine Überzeugung, eine neue Lebenseinstellung. Paige war ich – und ich war sie. Daran konnte und wollte ich nichts mehr ändern. Ich hatte diesen Weg für mich gewählt und beschlossen, ihn zu gehen – egal, was andere davon hielten und wie sie darüber dachten. Und genau das wollte ich meinen Freunden offenlegen. Ehrlich und direkt, ohne lange drumherumzureden. Es war nun einmal so und damit Punkt. Doch auch wenn ich mir genau überlegt hatte, was ich sagen wollte, hatte ich noch immer nicht die geringste Idee, wie ich es sagen sollte oder wie ich am besten anfing. Kurzerhand entschied ich, noch einmal mit meinen Eltern und Candace darüber zu sprechen. Denn ich war mir zwar sicher in dem, was ich tat und wollte mich davon auch durch nichts und niemanden abbringen lassen, hatte aber keinen Schimmer, was ich als erstes sagen sollte. Sollte ich zuerst mein Outfit auf sie wirken lassen und dann etwas sagen? Oder sollte ich gleich mit der Tür ins Haus fallen? Sollte ich ihnen die Gelegenheit geben, erst kurz nachzudenken, bevor ich etwas sagte? Oder lieber gleich alles erklären, bevor sie irgendwelche Fragen stellen konnten? Darauf wusste ich ehrlich keine Antwort. Deshalb nutzte ich die Gelegenheit und sprach meine Eltern schließlich darauf an. „Äh... Mom, Dad...“, begann ich und atmete tief durch. „Was ist, Schatz?“, wollte Dad wissen und sah von seiner Zeitung auf. „Kann ich euch etwas fragen?“, antwortete ich, während ich den letzten Bissen meines Vollkornbrötchens verspeiste. „Natürlich, alles was du willst, Kleine“, antwortete Mom und lächelte mich an. „Was ist los, Paige?“. „Nun, ihr wisst ja, dass ich heute Nachmittag meinen Freunden die Wahrheit sagen will“, antwortete ich. Die beiden nickten schweigend. „Also, nunja, ich... ähm... ich weiß nicht genau, wie ich das machen soll“, setzte ich fort. „Ich meine, wie soll ich denn am besten anfangen?“. „Oh Kleine“, sagte Dad und nahm meine Hand. „Sag es ihnen einfach so, wie du es uns gesagt hast. Mach kein großes Drumherum, sondern sag ihnen klipp und klar, was du auf dem Herzen hast und was Sache ist. Wobei, ich glaube, wenn sie dich sehen, wissen sie ohnehin sofort, was los ist“. „Meinst du?“, fragte ich unsicher nach. „Aber sicher“, antwortete er und streichelte mir sanft über die Hand. „Schau mal, du bist so ein hübsches Mädchen. Und das werden sie auch erkennen“. „Ja, meinst du?“, wiederholte ich. „Ganz bestimmt“, versicherte mir Mom. „Sie werden sofort sehen, was mit dir los ist. Und glaub mir, sie werden begeistert sein“.

Einige Stunden später war es so weit. In wenigen Augenblicken würden meine Freunde hier sein. Ich hatte sie für 15:00 Uhr eingeladen. Also blieben mir noch exakt acht Minuten. Acht Minuten, um noch einmal in mich zu gehen. Um noch einmal alles, was ich sagen wollte, zu überdenken. Denn ich hatte mich dazu entschieden, etwas zu sagen. Auch wenn Dad vielleicht Recht hatte und sie auch ohne Worte erkennen würden, was los war, wollte ich ihnen trotzdem eine Erklärung bieten. Ich wollte nicht einfach so dastehen und warten, bis mich einer von ihnen darauf ansprach. Ich wollte es von mir aus sagen. Darüber hinaus hatte ich mit Ferb abgesprochen, sie nicht unvorbereitet damit zu konfrontieren. Wie wir es bei unseren Eltern auch getan hatten, sollte er auch dieses Mal vorausgehen und unseren Freunden kurz erklären, was sie gleich erwartete. Ich würde dann nachkommen und ihnen kurz die Möglichkeit bieten, meinen Aufzug auf sich wirken zu lassen. Erst dann würde ich ihnen alles genau erklären. Oder es zumindest versuchen. Ich konnte ihnen zwar nicht sagen, warum es so war, denn darauf wusste ich auch keine Antwort. Es war nun einmal so. Aber ich wollte ihnen wenigstens erzählen, wie alles überhaupt angefangen hatte. Denn aus meiner Sicht hatten sie verdient, zu erfahren, wie es begonnen hatte, schließlich waren sie meine besten Freunde. Eilig nahm ich meine Position ein – Ferb und ich hatten vereinbart, dass ich an der Balkontür wartete, bis er mich rief – und schaute in den Garten hinaus. Ferb trat hinter mich und legte mir sanft seine Hand auf die Schulter. Ich drehte mich zu ihm um und lächelte. „Nervös, Schwesterchen?“, fragte er mit einem breiten Grinsen. „Ein bisschen“, antwortete ich und wandte meinen Blick wieder nach draußen. In diesem Moment schwang das Gartentor auf und unsere ersten beiden Gäste traten ein. Baljeet und Buford. Wieder spürte ich ein leichtes Kribbeln in der Magengegend und Ferb drückte fest meine Hand. „Es ist so weit, Kleine“, sagte er und machte sich auf den Weg, um unseren Besuch zu empfangen. „Du wartest hier, wie abgesprochen. Und wenn ich dir das Zeichen gebe, kommst du nach, okay?“. „Okay“, antwortete ich aufgeregt und schluckte. „Keine Angst, Kleine“, sagte Ferb und zwinkerte mir zu. „Das wird schon“. Mit diesen Worten verschwand er nach draußen und ich konnte hören, wie er die beiden begrüßte. Vorsichtig spähte ich zur Tür hinaus, um verstehen zu können, was gesprochen wurde. Gerade als Ferb etwas sagen wollte, schwang das Tor ein weiteres Mal auf und Isabella und Irving traten ein. „Hey“, begrüßte sie Ferb mit einem Lächeln. „Danke, dass ihr gekommen seid“. „Was ist los?“, wollte Baljeet wissen. „Phineas meinte am Telefon, ihr hättet uns etwas wichtiges zu sagen“. „Das stimmt“, antwortete Ferb und nickte. „Aber bitte, setzt euch doch erst einmal“. Er führte die vier zu unserem Gartentisch hinüber und bat sie, ringsherum Platz zu nehmen. „Also, dann schieß mal los“, forderte Buford ihn auf. „Was gibt es nun so wichtiges?“. „Und wo ist Phineas überhaupt?“, fragte Isabella neugierig. „Nun, genau darum geht es“, antwortete Ferb. „Um Phineas. Wisst ihr, in letzter Zeit hat sich viel bei uns verändert. Das war auch der Grund, warum er sich so lange nicht mehr bei euch gemeldet hat“. „Verändert?“, fragte Baljeet nach. „Wie meinst du das?“. „Nun, Phineas hat in den letzten Wochen intensiv über sich nachgedacht und festgestellt, dass er so nicht mehr glücklich ist“, antwortete Ferb. „Deshalb hat er sich entschieden, eine neue Persönlichkeit anzunehmen“. „Eine neue Persönlichkeit?“, fragte Isabella verwundert. „Mhm“, antwortete Ferb und nickte. „Wisst ihr, Phineas gibt es nicht mehr“. „Was?“, riefen die vier zeitgleich. Vermutlich waren sie ziemlich erschrocken über Ferbs Aussage. „Was meinst du damit?“, wollte Baljeet wissen. „Phineas existiert nicht mehr“, antwortete Ferb. „Es gibt nur noch Paige“. „Paige?“, fragte Irving. „Wer ist Paige?“. Ferb antwortete ihm nicht, sondern drehte sich um und winkte mir. Das hieß, dass es jetzt so weit war. Jetzt oder nie, sagte ich mir, atmete tief durch und schob die Balkontür ganz auf. Ich ging zu ihnen hinüber und blieb vor ihren verwirrten und verwunderten Gesichtern stehen. „Phineas... was...?“, setzte Irving an, brach dann jedoch ab. „Hallo Leute“, erwiderte ich und versuchte zu lächeln. Eigentlich wollte ich irgendetwas sagen, brachte vor Aufregung aber keinen Ton heraus. Ferb bemerkte natürlich meine Nervosität und stellte sich neben mich. „Freunde, darf ich vorstellen? Paige“, sagte er und legte mir den Arm um die Schultern. „Phineas, was ist hier los?“, wollte Isabella wissen, die noch immer sichtlich verwirrt war. „Leute, ich muss euch da etwas sagen“, begann ich schließlich und blickte in ihre verdutzten Gesichter. „Eine neue Persönlichkeit... ja, natürlich...“, rief Baljeet und warf mir einen Blick zu. Es war ein sanftes Lächeln. Ein sanftes Lächeln, das mich erkennen ließ, dass er bereits wusste, was los war. „Ziemlich früh für ein Halloweenkostüm, oder?“, warf Buford ein und fing an zu lachen, verstummte jedoch augenblicklich, als niemand anders mitlachte und er meinen ernsten Blick bemerkte. „Phineas, was hat das zu bedeuten?“, wollte Isabella wissen. „Warum trägst du einen Minirock? Und warum bist du geschminkt?“. „Leute, ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll...“, setzte ich schließlich an und holte tief Luft. „Wisst ihr, in letzter Zeit habe ich sehr viel nachgedacht und festgestellt, dass ich im falschen Körper bin“. „Im falschen Körper?“, fragte Irving nach. „Das heißt, du bist...“. „Ich bin transsexuell“, beendete ich seinen Satz. „Ich fühle mich als Mädchen“. Isabella stieß ein leises Keuchen aus, doch die anderen blieben ruhig sitzen und sahen mich an. „Deshalb auch Paige“, rief Baljeet, dem bereits klargeworden war, dass ich keineswegs einen Spaß machte. „Genau“, stimmte ich ihm zu. „Paige ist mein neuer Name. Mein Mädchenname“. „Und du fühlst dich echt als Mädchen?“, wollte Buford wissen. „Du meinst das wirklich ernst?“. „Das ist mein völliger Ernst“, beharrte ich. „Ich weiß, dass ich euch damit gerade überfalle, aber es musste endlich raus“. „Seit wann weißt du denn, dass du ein Mädchen bist?“, fragte Baljeet. „Nun, das ist eine sehr lange Geschichte“, antwortete ich und setzte mich den vieren gegenüber. „Erzählst du sie uns?“, bat mich Irving und lächelte. So fing ich also an, den vieren alles zu berichten. Wie ich mich nach der Halloweenparty gefühlt hatte. Wie ich mit Ferb einkaufen gewesen war. Und wie ich die Sachen von Candace anprobiert hatte. Wie mir Stück für Stück klargeworden war, dass ich transsexuell war. Ich erzählte ihnen die ganze Geschichte. Den Streit, den ich mit meinen Eltern deswegen gehabt hatte, verschwieg ich jedoch. Zum einen war das Familiensache und ging niemanden etwas an. Zum anderen wollte ich bei mir selbst keine alten Wunden aufreißen und es mir nicht antun, das ganze Drama noch einmal nacherzählen zu müssen. So schwindelte ich ihnen also vor, dass meine Eltern es von vorneherein akzeptiert hatten. Und komplett gelogen war das ja nicht. Schließlich hatten sie es ja auch akzeptiert, sie hatten nur etwas mehr Zeit dazu gebraucht. Und das mussten meine Freunde nun wirklich nicht wissen. Nachdem ich meine Geschichte zu Ende erzählt hatte, herrschte für einen kurzen Moment endlose Stille. Keiner traute sich so recht, das Schweigen zu brechen oder wusste vielleicht nicht, was er sagen sollte. Nachdem auch nach fast fünf Minuten, die mir wie fünf Jahre vorkamen, niemand irgendwelche Anstalten machte, etwas zu sagen, hielt ich es schließlich nicht mehr aus und ergriff das Wort. „Leute“, bat ich sie. „Bitte sagt doch etwas. Bitte sagt mir, ob ihr mich versteht. Sagt mir, ob es okay für euch ist. Ob ihr damit klarkommt. Bitte“. „Also...“, setzte Buford schließlich an. „Das war grade etwas viel“. „Ich weiß“, erwiderte ich betrübt. „Ich weiß, dass es viel auf einmal war. Aber bitte versucht mich zu verstehen“. „Also, Phineas... ähm... ich meine Paige“, setzte Irving nach kurzem Zögern an. „Ich stecke ja nicht in deinem Körper. Ich weiß nicht, was in deinen Gedanken und in deiner Seele vorgeht. Deshalb kann ich dich auch nicht verstehen. Ich verstehe nicht, warum du so empfindest. Ich weiß nur, dass es so ist. Es ist somit also eine Tatsache. Und Tatsachen stellt man nicht in Frage“. Er lächelte, als er mit dem Satz zu Ende war. „Also was mich angeht, ich habe kein Problem damit. Wir werden auch weiterhin befreundet bleiben, ob du nun Phineas bist oder Paige“. Diese Aussage berührte mich tief und ich musste mich zusammenreißen, um vor lauter Rührung nicht in Tränen auszubrechen. „Danke Irving“, sagte ich bewegt und wandte mich dann den anderen zu. „Buford? Isabella? Baljeet?“, fragte ich. „Was ist mit euch? Könnt ihr mich so akzeptieren?“. „Also, du fühlst dich echt als Mädchen?“, fragte Buford noch einmal nach, was ich mit einem Nicken bejahte. „Naja, du wirst es schon wissen“, setzte er mit einem Schulterzucken fort. „Wenn du dich dann wohler fühlst. Aber glaub nicht, dass ich dich beim Fußballspielen verschone, nur weil du jetzt ein Mädchen bist“. Ein breites Grinsen legte sich auf sein Gesicht, als er das sagte. Wieder war ich sehr gerührt. Denn eigentlich hatte ich geglaubt, dass Buford sich anfangs sicher schwer damit tat, es zu akzeptieren. Doch stattdessen nahm er es einfach so hin. Ohne mich auszulachen. Ohne es zu hinterfragen. Darüber war ich wirklich sehr gerührt. Und glücklich. „Ich habe auch kein Problem damit“, meinte Baljeet mit einem Lächeln.
„Und ganz nebenbei: Ich finde, du bist ein sehr hübsches Mädchen“. „Ähm, danke“, sagte ich und schaute verlegen zur Seite. „Schleimer!“, rief Buford dazwischen. Das brachte uns alle zum Lachen. Einzig Isabella saß schweigend da und starrte wie hypnotisiert geradeaus. „Isabella?“, fragte ich und warf ihr einen besorgten Blick zu. „Alles in Ordnung?“. Doch statt mir zu antworten, sprang sie auf und rannte weg. Sie lief zum Gartentor hinüber und schlug es hinter sich zu. „Isabella!“, rief ich ihr noch nach, doch sie war bereits verschwunden. „Was hat sie denn nur?“, fragte ich und wandte mich ratlos den anderen zu. „Was ist los mit ihr?“. Buford wich meinem Blick aus und Baljeet biss sich auf die Lippe. „Was ist los mit ihr?“, fragte ich noch einmal. „Kommt Jungs, ihr wisst doch irgendwas“. Wieder gaben sie mir keine Antwort und vermieden jeglichen Blickkontakt mit mir. „Ferb“, sagte ich und wandte mich schließlich ihm zu. „Was ist los? Warum ist sie weggerannt? Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“. „Du hast nichts falsch gemacht“, antwortete er. „Dass sie jetzt weggerannt ist, hat einen anderen Grund“. „Welchen?“, wollte ich in ernstem Ton wissen. „Nun, Paige“, antwortete Ferb. „Das solltest du sie besser selbst fragen“.

Wenige Tage nach dem Gespräch mit unseren Freunden dachte ich immer noch über Isabellas Reaktion nach. Sie war weggerannt. Sie war einfach weggerannt. Aber aus welchem Grund? Mehrfach hatte ich schon versucht, sie anzurufen, aber sie drückte mich jedes Mal weg oder nahm einfach nicht ab. Ihr Verhalten war mir mehr als rätselhaft. Einerseits. Auf der anderen Seite hatte ich sie mit meinem Outing vielleicht etwas überfordert. Vielleicht brauchte sie noch etwas Zeit, um die Tatsache zu verarbeiten, dass aus ihrem langjährigen Freund plötzlich eine Freundin geworden war. Zeit, um zu verstehen, was in mir und vor allem mit mir passiert war. Mit Sicherheit war das die Erklärung für ihr Verhalten: Sie war einfach noch nicht in der Lage, meine neue Persönlichkeit zu verstehen. Ich beschloss, ihr die Zeit zu geben, um alles zu verarbeiten und dann noch einmal zu versuchen, mit ihr zu sprechen. Ihr meinen Standpunkt und meine Empfindungen noch einmal zu erklären. Wenn ich ihr in Ruhe noch einmal alles darlegte, was ich auf dem Herzen hatte, konnte sie es vielleicht nachvollziehen. Doch wenn ich mit meiner Vermutung, dass sie noch nicht in der Lage war, es zu begreifen, Recht hatte, blieb trotzdem eine Frage offen: Was hatte Ferb dann damit gemeint, dass ein anderer Grund dahintersteckte? Wenn es nichts mit meiner neuen Persönlichkeit zu tun hatte, woran konnte es dann liegen, dass sie einfach weggerannt war? Endlos lange zerbrach ich mir den Kopf darüber, kam aber immer wieder zu demselben Ergebnis. Nämlich zu keinem. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was Ferb mit dieser Andeutung gemeint hatte. Aber ich wollte es herausfinden, indem ich ihn noch einmal darauf ansprach. Und zwar jetzt sofort. Eilig sprang ich aus dem Bett und ging zu seinem Zimmer hinüber. Leicht nervös klopfte ich an seine Tür. „Ferb?“, rief ich. „Komm rein, Paige“, antwortete er und ich ging zu ihm ins Zimmer. „Hey kleine Maus“, sagte er mit einem Lächeln und bedeutete mir, mich zu ihm ans Bett zu setzen. „Was gibt's?“. „Ferb, kann ich dich etwas fragen?“, antwortete ich und warf ihm einen ernsten Blick zu. „Aber klar, Schwesterchen“, antwortete er. „Was möchtest du denn wissen?“. „Nun, du hast letztens so eine seltsame Andeutung gemacht“, erwiderte ich. „Du meintest, dass es für Isabellas Reaktion einen Grund gibt“. „Äh... hab ich das gesagt?“, entgegnete er schulterzuckend. „Ja, das hast du“, antwortete ich ernst. „Ich habe mich bestimmt falsch ausgedrückt“, setzte er fort. „Ich habe keine Ahnung, warum Isabella einfach abgehauen ist“. „Ferb“, sagte ich in ernstem Ton, da mir klar war, dass er mich anlog. Er wusste irgendetwas, da war ich mir ganz sicher. Und ich wollte um jeden Preis herausbekommen, was das war. „Was hast du mit dieser Andeutung gemeint?“, wollte ich wissen. „Nichts, gar nichts“, antwortete er und gab sich noch immer ahnungslos. „Wie ich sagte, ich habe mich sicher nur falsch ausgedrückt“. „Ferb, mach mir doch nichts vor“, erwiderte ich. „Du weißt irgendwas. Du hast gesagt, dass es einen anderen Grund für ihr Verhalten gibt. Also sag mir endlich, welcher Grund das denn sein soll. Wenn es nicht an meinem Outing liegt, woran liegt es dann, dass sie seit diesem Gespräch jeglichen Kontakt mit mir meidet?“. Er atmete tief durch. Offensichtlich erkannte er, dass es keinen Sinn machte, mich weiter glauben zu lassen, dass er keine Ahnung hatte. „Na gut, okay“, sagte er schließlich und setzte sich auf. „Ich kenne den Grund für Isabellas Verhalten. Den kennen wir alle“. „Was meinst du mit alle?“, wollte ich wissen. „Naja, jeder weiß Bescheid. Irving, Buford, Baljeet – einfach alle“, antwortete er. „Und du auch?“, fragte ich weiter. „Ja“, antwortete er. „Ich auch“. „Wärst du dann bitte so freundlich, mich mal aufzuklären?“, entgegnete ich ernst und zugleich neugierig. Ich war mehr als gespannt, welche Erklärung mir Ferb wohl geben konnte. „Also gut“, antwortete er. „Ich sage es dir. Der Grund ist, dass Isabella dich sehr mag. Wirklich sehr. Du bist ihr kleiner Schmetterling“. „Hä?“, erwiderte ich. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte. „Ihr kleiner Schmetterling?“, fragte ich nach. „Was meinst du damit?“. „Paige, sie mag dich. Sie mag dich sehr. Verstehst du, wie ich das meine?“, antwortete Ferb. „Nein“, erwiderte ich. „Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen“. „Ach Paige, sie ist in dich verknallt“, entgegnete er und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Was?“, stieß ich überrascht hervor und sprang auf. „Sie ist was?“. „Sie liebt dich, Paige“, antwortete er und bedeutete mir, mich wieder zu setzen. „Sie ist total in dich verliebt“. „Aber wie – seit wann?“, wollte ich wissen, da ich noch immer nicht fassen konnte, was Ferb gerade gesagt hatte. „Schon seit einer Ewigkeit“, antwortete er. „Sie hat dir am laufenden Band versteckte Zeichen gegeben, hast du das denn nicht gemerkt?“. „Nein“, antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich hatte keinen Schimmer. Aber wenn ich gewusst hätte, dass...“. Ich unterbrach mich, da ich nicht wusste, was ich jetzt hätte sagen sollen. Ich war noch immer viel zu überwältigt und versuchte vergeblich, einen klaren Gedanken zu fassen. „Isabella... in mich verliebt?“, überlegte ich laut. „So sieht es aus“, beteuerte Ferb. „Und du hast das die ganze Zeit gewusst?“, fragte ich noch einmal. „Paige, Süße, alle haben es gewusst. Baljeet, Buford, Candace – einfach jeder“. „Aber wenn du die ganze Zeit Bescheid wusstest...“, setzte ich fort. „Warum hast du nie ein Wort gesagt? Warum hast du mich nie darüber aufgeklärt?“. „Weil ich mich nicht in Dinge einmische, die mich nichts angehen“, antwortete er. „Das war eine Privatsache zwischen dir und Isabella“. „Ja aber...“. Wieder unterbrach ich mich, da mir absolut nichts mehr einfiel, was ich noch hätte sagen können. Ich musste nachdenken. Ich musste jetzt unbedingt allein sein und nachdenken. Über alles, was Ferb mir da gerade offenbart hatte. „Ferb, ich brauche jetzt etwas Zeit für mich“, sagte ich schließlich und ging zur Tür. „Ich muss mir die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen“. „Ist gut, Paige“, erwiderte er. „Bis später dann, okay?“. „Bis später“, sagte ich und machte mich auf den Weg nach unten. Ich brauchte jetzt unbedingt etwas frische Luft. „Hey Paige, wo willst du denn hin?“, fragte Mom und erschien mit einem Geschirrtuch in der Hand im Türrahmen zur Küche. „Ich gehe ein bisschen raus“, antwortete ich. „Ich brauche etwas frische Luft“. „Ist etwas nicht in Ordnung, Kleine?“, wollte sie wissen und kam zu mir. Warum nicht, sagte ich mir. Warum sollte ich Mom nicht sagen, was gerade in mir vorging? Sie hatte schließlich immer ein offenes Ohr für mich, egal in welcher Situation ich auch immer war. „Nun, nicht so ganz“, antwortete ich ihr schließlich. „Ferb hat mir gerade was erzählt, das mir einen kleinen Schock versetzt hat“. „So?“, fragte Mom nach. „Was denn?“. „Nun, ich habe dir doch neulich von Isabellas Reaktion erzählt“, antwortete ich. Sie nickte. „Also Ferb meinte, dass er den Grund dafür kennt. Er meinte, sie hätte deshalb so geschockt reagiert, weil sie in mich verliebt ist“. „Oh, das wusstest du nicht?“, fragte Mom nach. „Was wusste ich nicht?“, erwiderte ich ihre Frage. „Na, dass Isabella in dich verliebt ist“, antwortete Mom. „Nein“, erwiderte ich. „Warum? Wusstest du es etwa?“. Mom lachte. „Aber natürlich wusste ich das, Kleine“, antwortete sie. „Jeder wusste es. Es war doch wirklich mehr als offensichtlich“. „Aber ich habe es gar nicht gemerkt“, erwiderte ich. „Ich hatte wirklich absolut keine Ahnung“. „Wirklich nicht?“, fragte Mom nach. „Nein“, antwortete ich. „Ich hatte keine Ahnung. Aber jetzt, wo ich es weiß, da ergibt das alles plötzlich einen Sinn“. „Und wie geht es dir jetzt damit?“, fragte Mom und legte mir ihre Hand auf die Schulter. „Wie soll es mir gehen?“, erwiderte ich. „Ich bin gerade etwas überfordert. Ich meine, ich wusste zwar, dass Isabella mich mag, aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass da mehr ist. Ich dachte immer, sie sieht mich als guten Freund, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie in mich verliebt ist. Aber viel wichtiger ist, was ich jetzt tun soll. Wie soll ich denn damit jetzt umgehen?“. „Ach Paige“, sagte Mom und nahm mich an die Hand. „Komm mal mit“. Sie ging mit mir zum Sofa hinüber und bat mich, Platz zu nehmen. „Ich denke, wir sollten mal darüber reden. Vielleicht hilft dir das, mit der Situation besser zurechtzukommen“. „Mmh, okay“, stimmte ich schließlich nach kurzem Zögern zu und setzte mich zu ihr. „Also Paige“, begann Mom. „Bitte sag mir, was geht gerade in dir vor?“. „Ich bin total durcheinander“, antwortete ich. „Ich meine, irgendwie ist es schon süß, dass Isabella mich auf diese Weise mag. Aber ich weiß nicht, ob ich das gleiche für sie empfinde. Ich meine, klar ist sie ein hübsches Mädchen, keine Frage. Und ich finde sie schon ziemlich niedlich. Aber eben nur freundschaftlich, verstehst du?“. Mom nickte schweigend. „Natürlich bin ich auf der einen Seite sehr geschmeichelt, dass sie so für mich empfindet. Aber ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, ihre Gefühle zu erwidern. Ich weiß nicht, ob ich Mädchen auf diese Weise mag“. „Oh“. Mom war ziemlich überrascht von dieser Aussage. „Das heißt, du bevorzugst Jungs?“, fragte sie. „Ich weiß es nicht“, wiederholte ich schulterzuckend. „Aber nur mal angenommen, ich würde mich in Isabella verlieben. Dann würde das bedeuten, dass ich lesbisch bin, oder?“. „Ganz richtig, Paige“, antwortete Mom. „Na eben“, setzte ich fort.
„Und genau darüber bin ich mir unsicher. Denn ich bin zwar transsexuell, aber ich glaube nicht, dass ich auch homosexuell bin“. „Das heißt, dass dir die Jungs besser gefallen?“, fragte Mom und grinste. „Ich glaube schon“, antwortete ich. „Ich meine, es gibt jetzt zwar keinen bestimmten Jungen, aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ich eine Beziehung mit einem Mädchen anfangen werde“. „Das liegt allein an dir“, erwiderte Mom und streichelte mir durchs Haar. „Du musst wissen, an welchem Geschlecht du Interesse hast, ob nun Junge oder Mädchen. Aber ganz egal, wer es auch ist, ich werde immer fest hinter dir stehen, Paige. Genau wie dein Dad auch. Und Candace und Ferb ebenfalls“. „Danke Mom“, sagte ich gerührt und fiel ihr um den Hals. „Nur du allein musst herausfinden, in wen du dich verlieben kannst oder wirst“. „Tja“, erwiderte ich. „Wenn ich das nur wüsste“.

Ein paar Tage später hatte ich mir noch einmal alles gründlich durch den Kopf gehen lassen und war zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht in der Lage war, Isabellas Gefühle für mich zu erwidern. Ich hatte lange hin- und herüberlegt und eindeutig festgestellt, dass ich mich zu Jungs hingezogen fühlte. Auch wenn es momentan zwar niemanden in meinem Umfeld gab, bei dem ich mir vorstellen konnte, mich in ihn zu verlieben, so lag für mich trotzdem ganz klar auf der Hand: Ich stand auf Jungs. Das hatte ich mehr oder weniger durch Candace herausgefunden, genauer gesagt durch die Zeitschriften, die wir uns vor kurzem zusammen angesehen hatten. Darin waren neben den neuesten Trends und Styling-Tipps auch Bilder von ein paar Jungs gewesen. Ich hatte mir diese genauer angesehen und bemerkt, dass ich sie hübsch fand. Mehr als das. Ich fand sie richtig niedlich. Auch wenn ich es selbst ein wenig albern fand, aber daraus schlussfolgerte ich, dass ich mich mehr zu Jungs als zu Mädchen hingezogen fühlte. Nach weiteren ausführlichen Überlegungen stand es dann definitiv fest. Ohne Zweifel. Zwar gab es momentan noch keinen Jungen, mit dem ich mir eine feste Beziehung vorstellen oder bei dem ich behaupten konnte, in ihn verliebt zu sein. Aber das würde sich bestimmt eines Tages ändern. Eines Tages würde ich dem einen begegnen, der mich so nahm, wie ich war. Auch wenn es vielleicht etwas kindisch war, aber gedanklich begann ich, mir meinen Traumprinzen auszumalen. Wie er aussah. Welche Eigenschaften er hatte. Wie wir uns kennenlernten und ineinander verliebten. Natürlich hatte ich damals noch überhaupt keine Ahnung, dass ich meinen Traumprinzen bereits kennengelernt hatte und er näher war, als ich zu diesem Zeitpunkt vermutete.
„Mom? Dad?“, rief ich, als ich mich auf den Weg nach unten machte. „Wir sind in der Küche“, hörte ich Mom antworten und lief eilig zu ihnen hinüber. „Hey Paige“, sagte Dad mit einem Lächeln, während er gerade in einer Fachzeitschrift herumblätterte. „Was ist los, Schatz?“, wollte Mom wissen, die eifrig damit beschäftigt war, das Abendessen vorzubereiten. „Kann ich kurz mit euch sprechen?“, wollte ich wissen und lehnte mich gegen den Türrahmen. „Aber sicher, Kleine“, antwortete Dad. „Was gibt es denn? Schieß los“. „Nun, ich muss euch da etwas sagen“, antwortete ich. „Aber es wäre mir lieber, wenn Candace und Ferb auch dabei wären“. „Ja, natürlich, kein Thema“, erwiderte Mom. „Die beiden sind draußen im Garten“. „Danke“, entgegnete ich. „Wartet hier, ich komme gleich wieder“. Mit diesen Worten lief ich ins Wohnzimmer hinüber und stieß die Balkontür mit einem kräftigen Schwung auf. „Ferb? Candace?“, rief ich ihnen zu, während sie gerade damit zu Gange waren, die Gartenmöbel umzustellen. „Hey Paige“, rief Candace und wandte sich zu mir um. „Was gibt's, Schwesterchen?“. „Könnt ihr mal kurz reinkommen?“, antwortete ich. „Ich muss euch etwas erzählen“. „Sicher, warte kurz“, antwortete sie und schnappte sich das untere Ende des Gartentisches. Ferb nahm das andere Ende und zusammen schleppten sie ihn zur Veranda hinüber. Dort stellten sie ihn ab und kamen dann zu mir. Wir gingen zurück in die Küche und ich bat sie, am Esstisch Platz zu nehmen. „Also Paige, was hast du auf dem Herzen?“, wollte Dad wissen und legte seine Zeitschrift beiseite. „Also, es gibt da etwas, das ich euch sagen muss“, antwortete ich. „Nurzu“, sagte Ferb und lächelte mich an. „Du weißt, du kannst uns alles sagen“. „Also, in letzter Zeit habe ich ziemlich viel nachgedacht“, begann ich. „Ihr wisst ja alle über die Sache mit Isabella Bescheid“. „Natürlich“, antwortete Candace und grinste. „Jeder weiß über diese Sache Bescheid“. Sie kicherte leise, verstummte jedoch, als sie meinen ernsten Gesichtsausdruck bemerkte. „Nun, ich habe sehr viel darüber nachgedacht“, setzte ich fort. „Und mir ist klargeworden, dass ich nicht in der Lage bin, ihre Gefühle zu erwidern. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich mich von Mädchen generell nicht angezogen fühle“. „Oh“, rief Candace überrascht. „Das heißt...“. „Ich stehe auf Jungs“, unterbrach ich sie, ehe sie den Satz beenden konnte. „Okay“, sagte Dad kurz. Mom und Ferb lächelten nur. „Das kommt jetzt sicher etwas unerwartet“, meinte ich und lächelte. Ferb grinste nur und Candace stieß ein leises Kichern aus. „Was?“, wollte ich wissen. „Was ist denn?“. „Ach Schwesterchen“, antwortete Ferb an ihrer Stelle. „Da erzählst du uns nichts neues“. „Was?“, fragte ich irritiert. Wie meinte er das? „Paige, wir wussten es schon lange“, antwortete Mom und nahm meine Hand. „Die Frage war nur, wann du es selbst erkennst“. „Aber woher...?“, setzte ich an. „Paige, wir sind doch nicht blind“, antwortete Candace. „Wir haben doch schon lang gemerkt, dass du dich mehr für Jungs als für Mädchen interessierst. Du hast uns doch mehr als eindeutige Anzeichen dafür gegeben“. „Anzeichen?“, fragte ich nach. „Ja“, antwortete Candace. „Zum Beispiel das eine Mal, als wir zusammen Schuhe kaufen waren. Erinnerst du dich noch an den Blondschopf, der uns bedient hat?“. „Natürlich“, antwortete ich. „Ricky“. „Genau, Ricky“, erwiderte sie. „Du hast ihn ziemlich lange und intensiv angestarrt“. „Habe ich das?“, fragte ich und versuchte, mich zu erinnern. „Allerdings, das hast du“, antwortete Candace. „Und weißt du noch, dass er dich zufällig am Bauch gestreift hat? Du bist sofort feuerrot angelaufen und hast verlegen zur Seite geschaut. Ich glaube, du fandest ihn ziemlich süß, kann das sein?“. Sie kicherte erneut, während ich das Ereignis gedanklich Revue passieren ließ. Ich versuchte, mich an Rickys genaueres Aussehen zu erinnern. Aber ich bekam kein klares Bild mehr von ihm in den Kopf. Es war schon zu lange her. Alles, was ich noch wusste, war, dass er blond gewesen war. „Ich weiß es nicht mehr“, antwortete ich. „Ich kann mich nicht mehr richtig an ihn erinnern“. „Also aus meiner Sicht fandest du ihn ziemlich süß“, beteuerte sie mit einem Grinsen. „Oder als wir neulich zusammen Zeitschriften gelesen haben. Glaubst du, mir ist nicht aufgefallen, wie intensiv und fasziniert du die Fotos von den ganzen Jungs angesehen hast? Deine Augen haben dabei richtig geleuchtet. Und da war mir natürlich sofort klar, was Sache ist. Richtig sicher war ich mir aber erst, als plötzlich zwei Seiten aus einer Zeitschrift gefehlt haben“. Sie kicherte wieder und zwinkerte mir dann zu. Ich konnte spüren, dass ich rot wurde. Ja, ich hatte die Seiten herausgerissen. Damit wollte ich sichergehen, dass ich tatsächlich auf Jungs stand. Ich hatte die beiden Fotos lange angeschaut und dabei festgestellt, dass ich sie süß fand. Richtig süß. Und dadurch hatte sich ein weiteres Mal bestätigt, dass ich mich zu Jungs hingezogen fühlte. „Die beiden haben dir gefallen, was?“, fragte Candace und zwinkerte mir erneut zu. „Ähm... ich... ich wollte damit nur rausfinden, ob ich mich tatsächlich in Jungs verlieben kann“, antwortete ich verlegen. „Hey Paige“, erwiderte sie und griff nach meiner Hand. „Das muss dir nicht peinlich sein. Glaub mir, das ist völlig normal“. „Ja, wirklich?“, fragte ich nach. „Aber sicher“, antwortete sie. „Was glaubst du, wie viele Mädchen unzählige Poster von Jungs in ihrem Zimmer haben?“. „Dann habt ihr es die ganze Zeit schon gewusst?“, wollte ich wissen. „Ja“, antwortete Mom lächelnd. „Aber wir wollen dich nicht überrumpeln, sondern abwarten, bis du es selbst herausfindest“. „Danke“, sagte ich, ihr Lächeln erwidernd. „Du, sag mal, Paige“, setzte Candace an. „Gibt es denn schon einen Jungen, in den du verliebt bist?“. Ich schüttelte den Kopf. „Bisher noch nicht“, antwortete ich. „Aber irgendwann vielleicht“. „Irgendwann ganz bestimmt“, korrigierte sie mich. „Glaub mir, Kleine. Irgendwann findest du den Einen. Und wer weiß, vielleicht dauert es ja gar nicht mehr so lange“. Wie sich herausstellte, hatte Candace damit sogar Recht. Ich würde meinen Traumprinzen treffen. Und zwar schneller, als ich gedacht hatte.
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