Super Bleifrei mit Supersoldat

GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P16
Dana Scully Fox Mulder Walter Skinner
31.10.2015
31.10.2015
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31.10.2015 20.182
 
Ein silberner Punkt vor schwarzem Nichts. Er ruhte im Hinterland New Mexicos.
Hier hatten die Hubschrauber der US Army es beendet.

Er war geblendet von der speziellen Metallurgie des Objektes, die den Feuerschwällen getrotzt und einzig überdauert hatte, während Jahrtausende alte Kultur binnen von Minuten zu Staub zerfiel, um sich mit dem Sturm in alle Himmelsrichtungen zu verstreuen.
Kein Leben war übrig geblieben. Zu zart, zu filigran und durchscheinend, wie ein Sandkorn im Wind einfach entschwebt.

Hier spiegelte sich das Manko der gesamten Menschheit glasklar wider, die weniger vom eigenen Überlebenstrieb als von sentimentalen Vorstellungen geleitet wurde.
Es würde ihnen gnadenlos den Hals brechen. Selbst den Skrupellosesten unter ihnen, weil diese etwas zu sein versuchten, was sie nicht waren.
Etwas das er war.

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„Vielleicht gibt es doch Hoffnung.“

Mit diesen Worten wiegten sie sich gegenseitig in die tröstende Nacht, die das schäbige Motelzimmer durchzog.

Die Kavallerie hatte den Rückzug angetreten und nichts übrig gelassen außer Leere, Asche, schwarzgraue Einöde und seltenes Metall.
Man hielt sie für tot, das war offensichtlich, umgekommen in den Flammen, die den Glauben vernichteten.
Sie würden neu beginnen und ihn wieder entdecken müssen.

Scully trug eine Tasche bei sich, die den ersten Schritt gewährleisten sollte. Sie besaß sie bereits seit die Zeit gekommen war, in der sie und Mulder zu viel erkannt hatten, um weiter mitspielen zu dürfen. Sie hoffte doch bis zuletzt, sie nie gebrauchen zu müssen.
Der „Individualist“, ein Freund der einsamen Schützen, hatte ihnen beiden schon vor Jahren mit falschen Pässen und Kreditkarten den Abflug in ein neues, nichtamerikanisches Leben sichergestellt.
Was sie jetzt brauchten war Geduld. Und gegenseitigen Halt, wenn sie alles Andere verließen.

Ihre Entscheidung, den Raucher in seinen letzten Atemzügen aufzusuchen, hatte jede Fluchtmöglichkeit ins Ausland vorerst verdorben.
Sie kannte das FBI-Procedere bei Ausbrüchen aus der Hochsicherheitsverwahrung, wobei diese praktisch gesehen jedoch so gut wie nie vorkamen.
Wie im strategischen Fallmanagement der nationalen Sicherheit festgelegt, hatten bereits alle Flughäfen und Grenzpunkte des Landes Steckbriefe gefaxt bekommen, die einen flüchtigen Mörder und dessen Komplizin darboten.
Diese Suche nach ihnen schien zwar, jetzt wo alle Welt sie für tot hielt, ausgesetzt, jedoch wäre es nicht unwahrscheinlich, dass jemand sie immer noch anhand der erinnerten Fotos identifizieren würde.

Was mit ihrer Wohnung und deren Inventar geschehen sollte, war ihr in der Kürze der Zeit nicht mehr zu regeln möglich gewesen, Monica würde sich vorerst um Grünpflanzen und alles Weitere kümmern.
Auch sämtliche, für diese Reise hastig zusammengestellte Habe war in einem silbernen Geländewagen mit Reyes und Dogett zwischen Glut und Staub davon gebraust.
So löste sich ihr gewohntes Dasein für diese Zeit auf in einem Hauch von Mulders Atem, der versöhnlich ihre Wange streichelte.

Sie würden sich um Ersatz bemühen müssen. In kleidungs- wie lebenstechnischer Hinsicht. Die einzige Konstante blieben sie selbst.
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„So weit weg von Washington wie möglich.“ schlug Scully am nächsten Morgen vor.

„Los Angeles also.“, erwiderte Mulder. „Lass uns einen Invasions - Souveniershop gründen! Mit silbergrauen Taucherflossen für den stilvollen Außerirdischen, Sammelfiguren von Plattwurmmännern, Leberfressern, Supersoldaten..... als Mitbringsel für die Familien auf dem Heimatplaneten... Wenn die dann sehen, was hier los ist, wollen sie möglicherweise gar nicht mehr her.“

Scully schwankte darüber, ob sie es mit Humor ertragen oder in Panik verfallen sollte. Ihr geplagtes Hirn entschied sich aus diesem Grund für eine Übersprungshandlung: Rühren im Frühstückskaffee.

„Mulder, bitte mach keine Witze über das Ende der Welt. Nicht jetzt.“ stellte sie nach einer Weile zögernd fest, während sie den Blick aus dem Fenster des Hotelrestaurants schweifen ließ.

„Dann hilf mir, es zu verhindern, Scully.“ wollte er zum nächsten Hieb ausholen, als er jedoch ihre himmelblauen Augen sah, die sich zu grauer Sorge verzogen hatten, griff er nur kurz nach ihrer Hand, um sie einvernehmlich zu drücken.
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Nach dem Frühstück brachen sie auf. Sie hatten keine Eile.
Gemeinsam betrachteten sie den Sonnenaufgang und fragten sich, was die neue Welt, die der gleißende Ball mit sich hervorzog, für sie noch bereithalten könne.

Mit dem Auto führte sie ihr Weg nach Norden.
Die Straße verschwamm quecksilbrig mit dem Horizont.
Mulder hatte in Mount Weather Informationen über die Ausweitung einer Neuauflage des Impfprojektes zur Immunisierung gegen das schwarze Öl erhalten. Der Forschungsstandort war ein altes Industriegelände, in welchem vormals Säuren zur Herstellung von Magnetbändern produziert wurden, bis die Nachfrage sank und eine Stillegung erfolgte. Es wäre ein erster Anhaltspunkt.

Mulder steuerte den Wagen. Durch die rechte  Autoscheibe fuhr die Sonne mit. Schweißperlen bildeten sich glänzend auf seiner Stirn wegen der Wärme, der Verbissenheit einer Mission oder der unverständlichen Wege des Schicksals, das ihm gestattete, weiterhin hier neben ihr zu sitzen.

Er glaubte nicht daran, dass der Raucher wirklich noch die Macht gehabt hatte, selbst dafür zu sorgen, dass Mulder erneut die Freiheit gewährt wurde, um ihn gebrochen zu sehen. Vielmehr schien es einer wundersamen Fügung und dem lebensmüden, wenn auch genialen Einsatz seiner Verbündeten zuzuschreiben zu sein. Allen voran Scully.

Er sah sich als Schmarotzer, ihr, nachdem sie ihm gerade ihren Lebensentwurf geopfert hatte, keine Ruhe zu gönnen und sofort der nächsten Fährte nachzujagen.

Es blieb der einzige Weg.

Nur die Wahrheit in der Öffentlichkeit konnte sie jetzt noch rehabilitieren und zumindest Scully in ein Leben außerhalb des Schattens zurück verhelfen.
Was aus ihm selbst wurde, war ihm gleichgültig.
Er fühlte sich desillusioniert und das war unerträglich, der Raucher behielt in dieser Beziehung Recht. Bill und die hinter seinem Rücken tuschelnden Agents behielten Recht. Er hatte Scully ruiniert, für einen Kampf, den er nie gewinnen würde.
Doch war es nun nicht mehr sein alleiniger Kreuzzug, sondern der der gesamten Menschheit. Sie alle würden früher oder später das Leben führen, das er bereits freiwillig ausübte und sie würden größtenteils darin verlorengehen.

Vielleicht gab es jemanden, der weniger feige und egoistisch handelte, der wirklich sein Leben opfern würde, statt aus Furcht das Anderer. Vielleicht war es Scully, wer könnte es sonst sein? Er hoffte und wünschte sich, mit ihr gemeinsam neuen Mut zu schöpfen, denn Scully war kein Mensch, der Dinge aufgab.
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Neun Jahre lang hatte er geübt, sie beim Autofahren aus dem Augenwinkel zu beobachten, ohne dass sie etwas bemerkte. Es klappte auch diesmal. Sie wirkte müde, gedankenverloren. Möglicherweise wurde ihr gerade deutlich, was sie getan hatte.

„Wie konnten die ahnen, dass wir in die Steinbrüche fahren würden, anstatt nach Kanada? Ich habe niemanden vorher informiert, nicht einmal dich.“ durchbrach Mulder grübelnd das monotone Motorengeräusch.

Scully hörte auf, abwesend mit den Fingern gegen die Armlehne zu trommeln, während sie um eine Antwort rang.

„Ich habe Gibson im Verdacht, Mulder.“ gab sie schließlich zögernd zu. „Wir wissen nicht, was sie ihm angedroht haben, falls er nicht redet.“

„Das glaube ich nicht, Scully. Er verließ sein Versteck, um sein Leben für mich zu riskieren, als er aussagte.“

„Mulder, er ist trotzdem noch ein Junge. Vielleicht konnte er sich nicht ausmalen, in welcher Gefahr er wirklich schwebt, bis er es in ihren Köpfen las. Ich sage ja nicht, dass er es freiwillig getan hat.“

Mulder schwieg. Sie waren schon lange gefahren. Gepeinigt von karger Landschaft, Hunger und Durst näherten sie sich einer losen Ansiedlung von Flachbauten in der Sandwüste, die hauptsächlich aus einem Motelkomplex mit Imbissterrasse bestand, um Rast einzulegen.
Rein aus gewohnter Paranoia nahm Mulder den hinteren Parkplatz. Manche Gepflogenheiten überdauerten sogar das eigene Leben.

Er geleitete Scully die hölzernen Stufen zur Terrasse herauf, an deren Seiten jemand ein Trockenbeet mit Agaven gigantischen Durchmessers und anderen Sukkulenten angelegt hatte und schob seine Partnerin unter einen Sonnenschirm auf die Sitzgelegenheit in der hintersten Ecke zu.

Was er wollte war: Ruhe, die Augen vom Fahren ausspannen und seinen Gedanken nachhängen.
Was er nicht wollte war: hohle Touristen in zu engen Shorts und die Kolonisation dieses Planeten.
Die Ecke schien momentan allen Wünschen gerecht zu werden.

Er selbst schlängelte sich an einer importierten bleifleckigen Fingerpalme vorbei auf den Korbstuhl neben Scully zu, wo er sich keuchend niederließ.

Scully zwinkerte gegen die Sonne und lächelte ihn an. Das erste Mal, seit sie zur Mittäterin wurde. Leichte Spuren von Sonnenbrand bildeten sich auf ihren sommersprossigen Wangen oder waren es Marken von Verbrennungen, des für sie persönlich inszenierten Armageddons?
In seinem eigenen Gesicht hatten sich Hinweise auf die Behandlung, die man ihm im Gefängnis angedeihen lassen hatte, eingeprägt. Er verbrachte, ungeachtet sonstiger Vorlieben, wohlweislich die letzte Nacht in Jeans und T-Shirt, denn das Sichtbare konnte lediglich als Vorgeschmack dessen zählen, was beispielsweise seine Rückenpartie oder Oberschenkel offenbarten.
Scully würde durchdrehen. Er selbst wollte jede Erinnerung an das Zustandekommen der Verletzungen weit von sich schieben.

Der Ablenkung wegen beugte er sich herüber, um sich einen hauchzarten Kuss zu erhaschen. Federleicht berührte er ihre Lippen und während er sich wieder löste, strich sie zärtlich über den Kratzer auf seiner Wange.
Wieso wusste sie immer, was er tatsächlich meinte? Und wieso funktionierte das im Gegenzug bei ihm mit ihr nicht genauso toll?

Sie bestellten viel. Sie wollten für alles, was kommen würde, gewappnet sein.

Zuerst kam der Eistee, Granatapfel mit Schirmchen und Minzblättern.
Scully streckte die Beine aus und drehte das Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen.

Es war surreal. Sie war auf der Flucht. Reyes würde es ihrer Mutter mitgeteilt haben, sie würde kaputt gehen vor Sorge.

Mulder fischte die Palme aus seinem Nacken, beugte sich nach vorn und berührte Scullys Fuß mit seinem. Sie blinzelte.

„Worüber grübelst du nach?“ wollte er sachte wissen.
„Ach Mulder, lass mich nur kurz die Augen schließen.“ war unwillig zu vernehmen.

Wie gesagt, die Telepathie war manchmal eher eingleisig. Wobei, er hatte da etwas im Hinterkopf, dass ihn sofort zur Selbstgeißelung veranlassen würde, wenn er es nicht noch eine Weile ganz weit hinten versteckte.

Mulder erhob sich und schob das Palmenblatt beiseite, um sich der Ablenkung halber zur Toilette zu begeben.

Die grau gekachelten Wände des schmalen Flures erinnerten ihn an seinen Aufenthalt in Fort Knox, pardon, Marlene. Schweiß stand ihm auf der Stirn, was ihn zum Waschbecken hinzog, wo er sein Gesicht benetzen und einen kühlen Kopf zurückerobern wollte. Im Spiegel begann er seine Blutergüsse zu betrachten, in der Hoffnung, sie hätten sich auf wundersame Weise mit allen furchtbaren Erinnerungen verflüchtigt, während er das kühle Wasser über seine Handflächen rinnen ließ.

Die Sonne blendete ihn vom gegenüberliegenden Fenster und verhinderte sein Vorhaben. Stattdessen war es ihm möglich, in der unteren linken Glashälfte etwas zu erkennen, was nur Produkt einer stressbedingten Sinnestäuschung sein konnte. Er fixierte das Spiegelbild analysierend, bis er sich absolut sicher war. Dann verließ er in einem Bewegungsstil, der für Betrachter nach Schlendern aussehen sollte, in Wirklichkeit aber eher einem panisch gehemmten Sprint glich, den Waschraum in die Richtung, wo Scully sich noch immer in sich zurückgezogen sonnte.

Kaum angekommen raunte er ihr zu: „Nimm sofort deine Sachen und steh unauffällig auf.“
Sie blinzelte und folgte kommentarlos, seine Körpersprache war ernst, als sie zum Auto schlichen.

Schnellstmöglich fuhren sie über den nächstbesten Sandweg davon, Scully mit einem schlechten Gewissen, wegen der unbezahlten Speisen und Mulder mit der Gewissheit, gerade keinem Menschen begegnet zu sein.
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Ihr Weg führte sie weiter nach Norden wo die Sonne sie nie erreichen würde. Sie verschwand bereits hinter ihren Rücken.

„Was ist los Mulder?“ Scully hatte sich vom ersten Schock erholt, um gleich darauf den nächsten zu erleiden.

„Ich habe ihn im Spiegel gesehen, aus der Entfernung zwar, doch ich schwöre, ich kenne diesen Mann. Er war damals mit in der Basis, als Rohrer hinabstürzte und er ist uns auf den Fersen. Er zeigte Passanten ein Papier, das, so schätze ich, nicht die Speisekarte gewesen ist.“ erwiderte Mulder gehetzt sarkastisch beim Durchtreten des Gaspedals.

Sie brauchte sich nicht noch einmal zu vergewissern. Sie wusste, dass er Recht hatte. Er täuschte sich niemals im Wiedererkennen von Personen.
„Wie ist das möglich?“ Sie wurde stets ganz ruhig, wenn sie eigentlich in Panik geraten sollte. Ihr Gehirn schaltete auf Autopilot. Sie rationalisierte. „Alles ist vernichtet. Verbrannt und zerstört. Sie können keineswegs so schnell das gesamte Gebiet nach Leichenresten durchkämmt haben. Wir gelten als im Feuer umgekommen.“

„Es muss eine Verbindung geben, Scully. Wir fahren sein Auto, den Militärjeep, Vielleicht kann er geortet werden.“

„Das erklärt nicht, wie Rohrer uns in den Anasaziruinen finden konnte, wenn du meine Gibson-Theorie ablehnst. Es gibt nur eine andere Möglichkeit: es muss an uns selbst liegen... Mulder, was wäre denn, wenn du mit solchen..., wer auch immer sie sind, in irgendeiner Weise in Kontakt stehst ohne es zu bemerken? Die Experimente...du warst damals empfänglich für..., deine veränderten Hirnstromkurven...“ noch ehe sie den zaghaften Gedankengang beenden konnte, riss er überspitzt das Wort an sich:

„Oh Scully, wäre ich nicht so verdammt in Panik, würde ich dieses Statement irgendwo eingravieren lassen. Am besten in die Tür des Kellerbüros.“

Sie rasten den Highway entlang.
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Er hatte sie verpasst. Etwas wie Wut stieg in ihm auf. Doch es war nicht dasselbe. Es glich eher einer geistigen Aggression, die seine Aktivität steigerte und seine übermenschlichen Instinkte schärfte.
Es gab einfach kein Entkommen, auch wenn sie nicht bereit waren, diesen Sachverhalt zu akzeptieren.
Er stieg in den schwarzen Geländewagen und lächelte eisern, als er das Pad herauszog und auf den kleinen leuchtenden Punkt starrte, der sich weiter nach Norden bewegte. So war ein Menschenleben. Ein kurzes Aufglimmen vor ewiger Finsternis.
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„Das magische Auge“ kommentierte Mulder die Aufschrift der Werbetafel am Straßenrand. Die Abbildung einer saphirblauen Netzhaut mit gleißend weißgelber Pupille vor einem wässrigen Strudel starrte auf ihn zurück.

Es handelte sich um die Anpreisung eines Naturphänomens. Ein schmaler Pfad führte durch metallisch blaugrau schimmernde Gesteinsablagerungen, zu einer Grotte mit eingeschlossenem See, wo aufgrund des Sonneneinfalls durch eine Felsspalte einmal täglich eine Illusion im Wasser entstand, die aussah wie ein Auge und in deren Spiel aus Licht Hinweise auf das weitere Leben entdeckt werden sollten.

„Ich könnte Verfolgungswahn entwickeln, Scully. Sogar die Plakate starren.“, ließ Mulder verlauten. Derweil bog er gezwungenermaßen für eine kurze Rast auf den zugehörigen Parkplatz ein, nachdem er, verspannt vom Fixieren des Rückspiegels, überzeugt war, dass ihnen niemand mit kurzem Abstand folgte.

Scullys Interesse an dem Plakat erwachte ebenfalls und sie rezitierte den Untertitel:
„Blind oder sehend? Erkunden Sie die Pfade der Zukunft. Entdecken Sie, was das Leben für Sie bereit hält.“

„Aber Scully, die wahre Zukunft steht im Himmel geschrieben, nicht unter der Erde, das ahnt jeder gute Christ schon ewig und wir beide wissen sogar, wann sie zu entdecken sein wird.“ stellte er gespreizt fest. „Darauf muss ich meine Blase entleeren, sonst platze ich auf der Stelle, ohne dem Ereignis beizuwohnen.“ Fluchtartig verließ er den Fahrersitz.

Scully sehnte sich ebenfalls nach frischer Luft und schritt an der Vielzahl von Autos vorbei auf eine Aussichtsplattform zu. Hier hatte sie einen Rundumblick auf die lapisblau glimmende Umgebung.
Das Orakel schien, nach der Anzahl der geparkten Wagen zu urteilen, demnächst eine Prophezeiung ausspucken zu wollen. Sie präsentierte sich ihr lediglich als eine Farce, nachdem sie die Wahrheit erfahren hatte.
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„Orakelzeit ist heute um 14.50 Uhr, Scully. Noch eine dreiviertel Stunde, um die Zukunft zu beeinflussen.“ Mulder war hinter sie getreten, hatte sie ein wenig erschreckt und warf ebenfalls einen kurzen Blick zum Mineralienfeld hinunter.

„Wir haben leider keine Zeit mehr, um ein steiniges Souvenir zu erwerben.“ Er zog sie fort, jedoch nicht zu ihrem Auto, sondern zu einem silbergrauen Toyota.

„Silber, Scully, die meistverkaufte Autofarbe. Schlichtes, benutzerfreundliches Design, was meinst du?“

„Mulder, das ist nicht dein Ernst, sie werden nach dem Wagen fanden.“
„Stimmt, deswegen habe ich die Nummernschilder dieses sich dort hinten befindlichen weißen Fords mit jenen hier auswechseln müssen. Bald wird ein Seniorenehepaar im Schein des Wassers, im Namen der Wahrheit, die Polizeistreife des Bundesstaates Colorado erspähen. Bis dahin sind wir hoffentlich längst über alle blauen Pfade.“

Scully stieg ein. Sie war eine Gesetzlose, es half nichts, sich etwas vorzumachen.
„Mulder tippte auf die Tankanzeige. „Voll. Nur Vorteile, die Entscheidung.“
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Sie erreichten Ironmans Creek am Abend. Der Mond hing in den Tannenspitzen und es war die versteckteste Waldsiedlung, die sie finden konnten. Der Weg wurde vom Highway zur Pflasterstraße, zur Schotterpiste und letztendlich zu etwas, das man getrost als Schmugglerpfad bezeichnen durfte.

Nicht einmal auf dem Rentnernavi war das, was der Wegweiser an der Hauptstraße versprach, verzeichnet.
Es handelte sich um eine einfache Ferienanlage, bestehend aus auch in der Saison nicht belegten Bungalows, die sich gekonnt vor der Menschheit und Ähnlichem verborgen hielten.

Der ältere bärtige Mann im Holzfällerhemd, der vor dem Rezeptionsgebäude Trittplatten entmooste, schien selbst äußerst verblüfft darüber, dass sich jemand hierher verirrte. „Wohl auf der Flucht“, witzelte er noch, doch irgendwie beschlich ihn das Gefühl, dass sein Kommentar dieses nicht mehr ganz so frische Pärchen irritierte.
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Scully und Mulder verließen das Pförtnerhäuschen und stampften über den kühlen, feuchten, struppigen Waldboden auf die allerletzte Hütte zu, welche wirklich schon nicht mehr in der Zivilisation lag. Es war ein gigantisches Areal für gestresste Yuppies fernab vom Rest der Welt, direkt dahinter begannen Landschaftsschutzgebiete mit wirklich alten naturbelassenen Holzbeständen und Baumriesen.

„Hast du dich eigentlich mal gefragt, wie Aliens so wohnen, Scully?“ wollte Mulder etwas einwerfen, um eine Unterhaltung anzuzetteln. Er war durch den Adrenalinschub und Schlafmangel merkwürdig aufgedreht.

„Jedenfalls haben sie ab 2012 keinen Mietvertrag für mein Apartment, ich bin Festmieterin.“ stellte Scully nachdrücklich klar.
„Dafür liebe ich dich, Scully, du hast deine Prinzipien.“
„Dann drück die Daumen, dass uns meine Prinzipien ungesehen durch diese Nacht bringen.“ fügte sie an.
„War das ein Angebot, Scully?“
„Mulder....“ kam es verschämt zurück.
„Wie bieder, Scully, wir sind hier mitten im Urwald, uns hört kein Mensch und selbst wenn schon, eine Liaison, die vom Ehepartner nicht entdeckt werden darf und deswegen in den Wäldern von Dakota stattfindet, wäre an dieser Stelle noch die glaubwürdigste Erklärung für Little John in seinem Baumhaus.“

„Mulder, meinst du, dass es wirklich Vermieten ist, was dieser Mann hier tut? Wir sind höchstwahrscheinlich die allerersten Gäste in diesem Jahr und es ist Mitte September. Vielleicht ist das ein getarntes Zwischenlager für illegale Einwanderer oder was auch immer, ich hoffe, die Betten sind nicht klamm und flohbehaftet.“
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Wenig später erreichten sie ihr Domizil: einen farngrün gestrichenen Bungalow, Baujahr 1920, oder ab wann halt Nägel erfunden wurden, um eine Holzhütte zusammenzuhalten.
Moos hatte das Dach besiedelt und sich in die Bretter gefressen, die schief in den Angeln hängende Tür gab unter Knarren nach.
Es war wie eine Zwergenhöhle für zwei Zwerge, die das Universum hinter sich lassen wollten. Mit anderen Worten, es war perfekt.

Die Inneneinrichtung bestand komplett aus Holz, sogar die Wände waren getäfelt. In der Mitte postierte sich ein stattliches Bett, am Fenster ein Schaukelstuhl wie aus Zeiten der frühen Siedler, gegenüber eine weitere Sitzmöglichkeit zusammengewürfelt aus einem Tisch mit zwei Stühlen.
Alles, sogar das Bett, war tannengrün - kariert bezogen, jedoch sehr zum allseitigen Erstaunen völlig frei von Nässe und Schwamm.

„Grün ist das neue Pink, Scully.“ ereiferte sich Mulder eine Spur zu zynisch, als dass es locker und scherzhaft geklungen hätte.
Er war durch die ständige Anspannung, Schlafentzug und sein ganzes Dasein, welches ihnen dieses bautechnische Relikt und dieses Relikt ihres Lebens bescherte, gereizt, obwohl er sich Scully zuliebe zurückzuhalten versuchte, die sich wiederum rücklings ins Bett plumpsen ließ und erleichtert schnaufte, während sie ihre Schuhe manierlich über die Bettkante hängen ließ.
Manche Gepflogenheiten ändern sich einfach nicht, wunderte sich Mulder, der das beobachtete. Es bekümmerte ihn auf eine seltsame Art und Weise.

„Ruh dich aus, Dana. Ich werde Wache schieben. Ich kann gegenwärtig sowieso nicht schlafen.“ schlug er vor.
Scully zog nur noch widerspruchslos ihre Schuhe aus, damit sie nicht mehr halb im Bett hängen musste, ließ aber alle Sachen an, als Vorsichtsmaßnahme für eine eventuelle Flucht und weil es kühl war, denn sie konnten den Kamin nicht beheizen, Rauch würde sie verraten.
Sie händigte Mulder ihre Waffe aus. Es war das einzige Exemplar, das ihnen zur Verfügung stand und sie hoffte, es nicht gebrauchen zu müssen.

Mulder ließ sich in dem altertümlichen Schaukelstuhl mit Patchworkdecke (grün, was sonst!) nieder, von dem aus er einen guten Blick in Richtung Zufahrtsstraße hatte, soweit dieses auf 200m Entfernung behauptet werden durfte.

Der Mond stand fast voll am Himmel. Nur die Wolkenschleier, die nicht abreißen wollten, schränkten dann und wann Mulders Sicht ein.
Sie brachten die Erinnerung daran zurück, wie gern er nur eine kurze Zeit lang nachts in Scullys Bett lag; still und atemlos den kosmischen Gewalten lauschend, während sie zusammengerollt neben ihm gleichmäßig atmete und William in seiner Wiege friedlich schlummerte.

Ein vergänglicher Augenblick vollkommener Ruhe, bevor er fortgetrieben wurde.

Er hatte William etwas unbeholfen aus der Wiege gehoben, auf seine Brust gelegt und ihm die Sternbilder erklärt, derweil dieser am Daumen nuckelnd genüßlich weiter vor sich hin träumte.
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Er blickte hinüber zu Scully. Sie sah schlecht aus, bereits gezeichnet von den Strapazen des Lebens als Aussätzige. Es gab keine Umkehr, er würde sie verteidigen und verstecken, so lange es ihm möglich wäre. Sie hatte sein Leben gerettet und ihres gleichwohl beendet.

„Scully, ich weiß nicht, wie ich ausdrücken soll, wie leid es mir tut und wie furchtbar ich mich fühle, dir das anzutun. Du solltest nichts hiervon ertragen müssen.“ hauchte er und seine Stimme brach.

Sie rappelte sich aus dem Halbschlaf gerissen erneut hoch, so dass sie ihn anschauen konnte.

„Mulder, es war meine Entscheidung und ich habe sie freiwillig gefällt. Bitte hör mit den Selbstvorwürfen auf, denn dann ist jetzt schon alles umsonst. Mir war vollkommen klar, dass es vorerst kein Zurück gibt und schlimmstenfalls niemals geben wird aber gleichzeitig weiß ich auch, dass ich alles, was ich aufgebe, nicht ohne Grund verlasse. Solange ich hier bei dir bin und der Mond scheint, um den Weg zu leuchten, solange werde auch ich es mit dir gemeinsam durchstehen.“

Sie betrachtete Mulder noch eine Weile in seinem Schaukelstuhl, sah wie die Kufen gleichmäßig im Rhythmus ihrer Atemzüge hin und her wippten, bevor sie in einen traumlosen, erschöpften Schlaf zurücksank.
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Ein Schuss weckte sie. Ganz nah. Sie hörte keinen Aufprall. Eine Salve Schüsse. Mulder nach ihr rufend. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, bevor sie überhaupt wach war und rannte hinaus. Mulder zerrte sie an der Hand, sie sprinteten an einem durch mehrere Kopfschüsse komplett zerfetzten Schädel vorbei, der sich unterdessen auf dem zugehörigen unversehrten Körper regenerierte, tiefer in den Wald hinein.

Alles andere war sinnlos. Mit Sicherheit hatte er ihren Wagen kurzgeschlossen und jegliche Fluchtmöglichkeit damit im Vorhinein vereitelt.

Sie schlingerten durch Moos und Gestrüpp, der Wald schien nach ihnen zu greifen, mit langen knochigen Fingern und dornigen Nägeln am Ende.
Im Hintergrund hörten sie ein Rascheln und Knirschen. Mulder zog Scully weiter in die Untiefen der Natur.
Sie konnten nur schemenhaft Stämme riesiger Nadelbäume wahrnehmen, denn der Himmel trübte sich und es hatte zu regnen begonnen.

Der Mond weinte hinter einer Watteschicht, unerreichbar für sie.
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Jegliche Orientierung war verloren gegangen, doch sie mussten bereits tief ins Innere des Waldes vorgedrungen sein.

Scully fasste Mulder am Arm während sie davon stolperten.
„Mulder, lass uns kurz innehalten und hören, was sich tut.“

Sie verharrten.

Die Baumwipfel wiegten sich säuselnd im Regen ohne ihnen ihr Geheimnis kundzutun, Tränen tropften auf Farn. Es war schwer, Geräusche zu filtern.

Plötzlich, ein Knacken, etwa 30 Fuß entfernt.

Scully fuhr zusammen. Der Herzschlag in ihrer Brust ging paukenartig, ein Hämmern, das durch den gesamten Wald gellte.
Sie krallte sich in Mulders Oberarm fest, genau in einen seiner Blutergüsse. Es ließ ihn fast geräuschlos aufseufzen, als sie ihn in Zeitlupe zurückschob.

Da war es wieder. Noch näher diesmal. Schritte, die sich auf sie zu bewegten. Zitternd verschwanden die beiden hinter dem nächstbesten Baum.

Dann geschah es.
Die Wolken rissen schlagartig auf, der Mond erhellte den Wald in gleißendem Licht. Sie standen starr vor Schreck hinter dem gigantischen Schutzwall, der ihnen nun wie ein Grashalm erschien.

Und das Knacken kam näher.

Mulder lud die Waffe durch, obwohl er wusste, dass sie ihm nicht mehr viel nützen würde. Zum Einen ging ihnen die Munition aus, zum Anderen würden die brillanten Reflexe des Angreifers das Überraschungsmoment, ihm ins Gesicht zu schießen, dieses Mal vereiteln, insbesondere da er das Geräusch gerade identifiziert haben musste.

Es war direkt hinter dem Baum. Scully atmete nicht mehr und hörte nur noch ihr eigenes Blut rauschen. Dann erblickten sie ihn und er sie.
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Sanftmütige, einnehmende Augen, welche in totaler Unschuld ihre eigenen panisch aufgerissenen einfingen.
Er lief nicht fort, nachdem er sie wahrgenommen hatte, sondern sah sie nur in stillem Einvernehmen in seiner ganzen Grazie im Mondschein an, bevor er langsam und würdevoll vorbei schritt, um an einer bemoosten, heidelbeerbewachsenen Ebene weiter zu äsen.

Es war ein junger Hirsch, kaum ein Ansatz von Geweih spross aus seiner Stirn, sein Anblick jedoch ließ sowohl Mulder als auch Scully andächtig verharren.
In ihrer tiefsten Angst etwas so Wunderschönem und Zartem zu begegnen schloss alles Andere aus.
Sie wandten sich um, um der elfengleichen Gestalt in ihrem nächtlichen Streifzug nachzuschauen.

Mulder tippte Scully vorsichtig auf die Schulter, was sie aus ihrer verzückten Starre riss und deutete anschließend auf eine kleine Erhebung, ganz in der Nähe des Weges, den das Tier unlängst beschritten hatte. Sie lag im Wurzelwerk einer uralten Blautanne, das sich über die Strapazen der Jahrhunderte erhob, um unter sich Raum zu schaffen.
Langsam schlichen sie auf die Höhle zu, während der Hirsch nach einem letzten Blick über sein seidiges, mondsilbern schimmerndes Fell, weiterzog.

Es war keine besonders tiefe Ausbuchtung aber tief genug um zwei Zwergen in den ewigen Wäldern North Dakotas Unterschlupf zu gewähren.

Scully rutschte als Erste hinein, Mulder zog abgebrochenes Dickicht aus der Umgebung heran und drapierte es, so geräuschlos es ihm eben möglich war, über den Eingang, den er damit hinter ihnen vor der Außenwelt verbarg.
Dann zog ihn Scully an sich und in Ruhe.

Es war ihre einzige Chance, bis zum morgigen Tag zu überleben

Aber sie wollten nicht von morgen reden, das noch unvorstellbar fern lag von ihrem Lager aus Tannengrün, welches sie und alle Sorgen zudeckte.

So verharrten sie still in der Umarmung des uralten Baumes, als ob die Natur sie als zu sich gehörig erkannte und vor Fremdartigem aufgenommen hatte.



Ein Lichtschein fiel durch das Tannennadelmikado. Mulder war nach der durchwachten Nacht kurz weggenickt, doch Scully registrierte den anbrechenden Tag.
Und noch etwas Weiteres.
Bellen, nicht mehr allzu fern!
Sie schüttelte Mulder, nass, klamm, frierend, verängstigt.
Er kam langsam zu sich und zu den selben Wahrnehmungen.

„Sie suchen uns mit Hunden, Mulder.“ flüsterte sie mit unterdrückter Hysterie in der Stimme.
Er fluchte innerlich. Sie konnten hier nicht weg, es war bereits zu nah, sie waren in ihre eigene Falle gegangen.

Gemeinsam hofften sie darauf, dass es vorbeizog. Was nicht eintrat. Direkt vor ihrer stacheligen Schutzwand wedelte und kläffte es.

„Ich stelle ihn ruhig Scully und ziehe ihn hier rein. Vielleicht ist er vorgerannt...“
Noch bevor er diesen typischen Muldergedanken in voller Pracht ausführen konnte, schoss er hervor und packte den Hund am Halsband.
Just in diesem Augenblick hörte er sowohl das verschreckte Aufjaulen des sich windenden Beagles, wie auch die bassartige Stimme dessen etwa zwanzig Fuß entfernten Herrens.

„Lassen Sie sofort den Hund los oder ich werde Sie abknallen!“
Mulder ließ den Kläffer erschrocken fallen, was der Beagle knurrend quittierte.

„Fox, bei Fuß!“ gellte es durch den Wald und das eine Untier trat den Rückzug an.

„Nun zu dir, Bursche!“ stellte ein untersetzter, in olivgrüne Wetterschutzkleidung gehüllter Schrank von einem Mann fest. „Wer zum Teufel bist du, was um alles in der Welt tust du um sieben Uhr morgens etliche Meilen von der Zivilisation entfernt hier im Wald und warum würgst du das arme Tier?“

„Reynard Muldrake.“ Mulder bot dem Mann die harzige Hand zum Gruße, welche dieser irritiert ausschlug.
„Ich wollte Sie nicht beunruhigen Sir, wirklich. Um ehrlich zu sein, Fox hat mich selbst fast zu Tode erschreckt.“ hauchte er aufgrund eventueller Mithörer, was allerdings als vertane Mühe erschien, wenn man bedachte, wie sich das Gegenüber gebärdete.

Der andere Mann war nicht restlos überzeugt, er hatte noch immer seine Waffe auf Mulder gerichtet, welchen er aus bisherigen Anhaltspunkten berechtigter Weise nur als begrenzt zurechnungsfähig einstufte.

Scully musste einspringen, um in ihrer Professionalität seine Glaubwürdigkeit zu untermauern, so wie sie es stetig tat.
Sie entfaltete ihre steifen, durchweichten Glieder aus der Höhle, wobei sie mit der Hand die Tannennadeln von ihrem Kapuzensweater mit Blauer-Grotte-Aufdruck bürstete.

„Es ist die Wahrheit, Sir. Wir verbringen hier unsere Ferien in der Bungalowanlage dort drüben.“ Sie zeigte wahllos in irgendeine Richtung.
Der Mann starrte sie ungläubig wie eine Geisterscheinung an.

„Hier muss irgendwo ein Nest sein.“ stellte er völlig perplex fest, während Fox, der bissige Beagle, seine Nackenhaare erneut aufrichtete.

„Ihr wollt mir doch nicht weismachen, ihr wäret 12 Meilen durch den Wald gelaufen, ohne festzustellen, dass es die falsche Richtung ist und hättet euch im Anschluss daran überlegt, in einer Höhle zu übernachten. Seid ihr total wahnwitzig? Hier gibt es Bären, das Gebiet ist mehrere 100 Hektar groß. Hätte Fox euch nicht aufgespürt, hätte euch wohl niemand mehr gefunden. Aus welcher Großstadt stammt ihr denn?“

„Los Angeles“ schossen beide wie aus der Pistole hervor.
Das schien für den Mann die plausibelste Erklärung der gesamten bisherigen Unterhaltung zu bieten. Er nickte wissend.

„Und ja Sir, wir mussten hier tatsächlich Rast einlegen, als wir uns verlaufen hatten, deswegen wären wir Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns wieder aus diesem Wald heraus leiten könnten.“ fügte Mulder an.

Der Mann und sein Hund begannen abermals Aggressionen aufzubauen, weswegen Scully beschloss, dass Angriff in der jetzigen Lage die beste Verteidigung sei:

„Entschuldigen Sie, Sir, aber Sie haben sich uns noch gar nicht vorgestellt.“ erkannte sie geschäftsmäßig.

„Matt Woodroff. Revierförster.“ knurrte das Gegenüber, der Beagle knurrte mit.

Woodroff deutete auf die Höhle. „Sind da noch mehr drin, oder können wir aufbrechen?“ blaffte er. „Oder wollt ihr erst noch morgens in der unberührten Natur frühstücken?“
„Keine weiteren Personen, Sir.“ machte Mulder Meldung, der bloß noch von jenem Ort verschwinden wollte, bevor andere militante Gesellen auftauchten.

„Mein Jeep steht vier Meilen in diese Richtung.“ wies der Förster an und zeigte mit der Hand einen Forstweg entlang. Mulder keuchte auf, was von seinem Gegenüber mit einem vernichtenden Blick quittiert wurde.

Nacheinander trotteten sie, angeführt von Matt Woodroff, den von Farn, Kletten und Springkraut gesäumten unwegsamen Pfad entlang, stiegen über Gestrüpp und umrundeten halb verwitterte, quer liegende Baumstämme. Das Zwitschern der Vögel dröhnte in ihren übermüdeten Ohren, während die gigantischen Tannenbestände ein meilenhohes Dach über ihren Köpfen erschufen.
Fox beäugte sie hin und wieder misstrauisch, hielt sich ansonsten jedoch strikt an sein Herrchen. Nur manchmal zuckte sein Kopf diffus zur Seite, möglicherweise das Produkt längerfristigen Sauerstoffmangels.

Eine dreiviertel Stunde später hatten sie das Fahrzeug erreicht.
Erschöpft ließen sich die beiden Ex-Agenten auf die hintere Bank fallen.

„Im Korb im Fußraum sind Heidelbeermuffins und Tee.“ brummte der Wettergegerbte, was schon fast einer Liebeserklärung gleichkam.

Mulder und Scully stürzten sich auf die Nahrung.
Fox sah sie erwartungsvoll an, als sie das Gebäck aus der Folie freilegten.

„Hat meine Frau gebacken, mit Heidelbeeren aus dem Wald. War mein Mittagessen.“ fügte Woodroff an.

Mulder grummelte im Muffin verbissen etwas Unverständliches. Auf Einzelschicksale konnten er und Scully momentan leider keine Rücksicht nehmen, weswegen auch der traumatisierte Beagle erst einmal in die Röhre schaute.
Irgendwann konnte Mulder den Blick jedoch nicht mehr ertragen und warf ihm einen saftigen Brocken entgegen.
Scully hingegen fand es veterinärmedizinisch betrachtet nicht vertretbar, Haustieren Menschenkost zuzuführen.

„Warum nennt man so ein armes Tier eigentlich Fox?“ brach es aus Mulder schließlich mitfühlend hervor.

„Willst du Pfadfinder mir vorschreiben, wie ich meinen Hund rufen soll?“ donnerte der Fahrzeugführer.
Anschließend fand er sich allerdings doch noch für eine Erklärung bereit, da hier die Rede auf sein absolutes Lieblingsgesprächsthema hinauslief:

„Er heißt so, wegen dessen, was er mit Vorliebe tut und worin er der Beste von allen ist.“ Stolz tätschelte Matt den Rücken des Tieres.

„Sein voller Name ist eigentlich „Fox Hunter“ aber wir wollen die Sache nicht unnötig verkomplizieren, er hört ja auch auf den ersten Teil.

In jenen unberührten Wäldern gibt es eine Menge einzigartiger Genpools. Unter anderem den Seidenrückenvulpes, eine weiße Fuchsart, berühmt und begehrt in der Pelzherstellung. Die besten Exemplare erhält man ausschließlich aus Wildfang im Winter, denn dann ist das Fell am hellsten und hat den prächtigsten Glanz. Bei gezüchteten Tieren erreicht es lange nicht diese Qualität.

Deswegen auch die Hütten unten am Hang. Ab Anfang November verwandelt sich jener stille Fleck Erde hier in ein nicht wieder zu erkennendes Jagdmekka. Jagdbegeisterte aus dem gesamten Staatengebiet fallen in Ironmans Creek ein, um ihr Glück zu versuchen.

Ich wollte heute eigentlich eine Bestandskontrolle der Waldwege für die folgende Saison aufnehmen, deswegen war ich dort, aber zurück zum Thema... unser Fox hier ist allseits bekannt für seine treffsichere Nase, Hartnäckigkeit und Gewieftheit, er ist der beste Hund für die Fuchsjagd, den ich je hatte.“
Erneut kraulte er das Tier einhändig, während der Jeep über den Forstweg holperte.

In einer solchen, leicht zurück gebeugten Position fiel Matt auf, dass sich dieser Muldrake schon wieder umdrehte, um aus dem Rückenster zu blicken. Er hatte es bereits während der Wanderung bemerkt, jedoch angenommen, der Mann suche nur Kontakt zu seiner hinter ihm laufenden Flamme, denn nach so einer Nacht war eine Beziehungskrise quasi vorprogrammiert.

„Was hoffst du zu finden, Kumpel?“ warf Woodroff ein.
„Keinen metallischen Beigeschmack an den Heidelbeeren.“ entgegnete Mulder.

Matt schüttelte den Kopf. Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getäuscht. Mit diesem Kerl stimmte etwas absolut nicht und das war nicht durch seine Herkunft entschuldbar.

Am Highway angekommen, verabschiedete der Förster sich mit den Worten: „Ich habe zu arbeiten. Bis zum Camp sind es acht Meilen dort herunter.“ ein Fingerzeig folgte. „Ihr wandert ja gern und vielleicht klärt die frische Luft euren Geist. Noch ein kostenloser Rat von einem Freund: Geht mal wieder duschen, ihr könnt es gebrauchen!“
Nach einem Handschlag auf Mulders Schulter brauste der Jeep in den Wald zurück.

Scully und Mulder wählten die Richtung entgegen der Gezeigten und stellten sich auf eine wirklich lange Wanderung ein.

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Sie waren in den Wald gelaufen. Er hasste Wälder. Sie nagten an seiner Substanz und schläferten seine Sinneswahrnehmung ein.
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Sie kämpften sich durch das Gebüsch parallel zur Straße.
Sie froren. Sie brauchten dringend trockene, wettertaugliche Kleidung.
Sie liefen stundenlang und ziellos.
Sie würden es nicht lange überleben.
Sie waren zu zart, zu wenig widerstandsfähig.

An einem Brombeerbusch setzten sich zwei Zwerge ins feuchte Moos. Und aßen die letzten Früchte des Jahres ab. Und hatten blaue Lippen, von den Beeren und der Kälte.

Mulder zog Scully hoch. Sie redeten nicht. Sie sparten ihre Kraft. Wofür?
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Hierfür!

Ein grauer Lastwagen am Waldrand. Ein Kennzeichen von Blaine. Eine Plane auf dem Hänger.

Sie sahen sich an.

„Mulder, so etwas gibt es nur in Roadmovies. Normale Menschen tun das nicht, weil es niemals funktionieren würde.“ brachte Scully kopfschüttelnd hervor.

„Die Alternative wäre Brunch mit Supersoldat, Scully.“

Sie wanden sich mit stahlblauen Lippen durch die Brombeeren und schlüpften unter die anthrazitgraue Plane. Es war ein Kinderspiel.

Der Transporter rollte an.

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Dunkelheit. Dunkelheit und Wärme. Dunkelheit und Wärme und Samt. Dunkelheit und Wärme und Samt und Geweih. Dunkelheit und Wärme und Samt und Geweih und der Geruch von Tod.

Scully entfuhr ein spitzer kurzer Aufschrei, als sie das Blut an ihren Fingern spürte, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.

„Es sind Tierkadaver.“ flüsterte sie. „Noch ganz frisch.“

Mulder zog sie fort auf die andere Seite. Eine glatte Fläche zum Versinken. Nur Felle. Sie glitten hinein und hüllten sich in das Oberste, um sich gegenseitig zu wärmen.

„Ist wirklich alles Wahre, Reine dem Untergang geweiht?“ flüsterte Mulder als er sich in seinem nassen Blaue-Grotte-Sweater an Scully klammerte, so wie sie sich an ihn.
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Nach einer halben Ewigkeit kam das Fahrzeug zum Stehen. Sie hatten geruht auf einem Feld von Toten und waren doch noch immer am Leben.

Scully lugte durch die Plane. Dämmerung brach herein. Sie schlüpften hervor und rannten.

Es war ein Industriegelände, wohin das Schicksal sie verschlagen hatte.
Abends jetzt präsentierte sich die Künstlichkeit dieses imaginären Stadtteils besonders deutlich. Ausgestorben erstreckte er sich vor ihnen in seinen Betonmauern, unmenschlich, kahl und trostlos.

Sie schlugen sich hinter eine Fassade in die schützende taubengraue Unschärfe. Gegenüber schlingerte ein Trichter von sterilem Neonlicht durch die Luken der Hallen von „Darrel´s Wildspezialitätenhandel – Wo man Natur noch schmecken kann!“

Sie lauerten wie Luchse eine kleine Ewigkeit, bis die Lichter erloschen und Darrel in seinem Privatfahrzeug den Heimweg auf die Schlachtbank seines Privatlebens antrat.
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Zwei Zwerge hasteten bis zum Rand des Gewerbegebietes und traten plötzlich in die Weite hinaus.
Vor ihnen erstreckte sich das Ende der Welt.
Ein riesiges brachliegendes Feld im Nirgendwo.
Es fehlten nur noch die Mondkrater.

Scully stieß mit dem Fuß ein halb in Erde versunkenes, da von seiner Halterung gebrochenes, Hinweisschild um. Es handelte sich um eine Informationstafel zu diesem Bauprojekt, die einst weitere Investoren für die Freiflächen aquirieren sollte.
In der linken oberen Ecke befand sich etwas ihr Interesse Erregendes. Ein grober Lageplan, der verdeutlichen sollte, in welcher Ausrichtung sich diese unwirtliche Ansiedlung zur nächsten bewohnten Gegend befand.

So erfuhren sie schließlich, dass sie unweit der Stadt Newtown gestrandet waren. Es ließ sich nicht erkennen, wie weit es bis dorthin sein würde aber nach der Karte zu urteilen, schien es zu Fuß erreichbar, sogar Bahngleise waren verzeichnet. Unklar blieb jedoch, ob es sich um einen reinen Umschlagbahnhof handelte, der mit diesen Industrieanlagen in Verbindung stand oder ob dort auch Passagierbetrieb herrschte.

Es war egal. Mulder wollte zu diesem Bahnhof und vorher nur noch an eine Stelle: zu dem Ort, an welchem es hier nach schlechtem chinesischem Essen und altem Öl roch.
Er zog das unter seinem Arm klemmende Bündel hervor und einen Regenmantel, den er aus dem Lastwagenhänger mitgehen lassen hatte, über, so dass dieser seinen blutigen Pullover verhüllte.

„Chop Suey oder Pekingente, Scully?“ zerbrach er sich den Kopf.
„Hähnchen mit Zitronengras, wenn sie haben.“ seufzte Scully und begleitete Mulder den kurzen Weg zurück, bevor sie sich wieder hinter einer abgelegenen Mauer verbarg, während Mulder auf eine gelbe Imbissbude mit roten Lampiongirlanden und sichtverhindernden fettverkrusteten Fenstern zusteuerte.
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Er schlüpfte mit zwei Tüten im Arm zurück hinter die Mauer. Holz lag herum. Scully hatte aus Spankisten zwei Sitzplätze und einen provisorischen Tisch errichtet. Mulder legte ihr die Wetterjacke um die Schultern.

„Ich war früher wirklich bei den Pfadfindern, Mulder. Als einziges Mädchen.
Ich musste mich immer um die Verpflegung kümmern und die Mahlzeiten ausrichten. Deswegen habe ich in den Kirchenchor gewechselt. Nach zwei öffentlichen Auftritten durfte ich nicht mehr mitsingen, sie haben mich bei Konzerten zum Eintrittskarten abreißen missbraucht und ich sollte schon wieder Kuchen verkaufen. Es liegt folglich in meiner Natur, Speiseplätze formvollendet herzurichten. Stell das alles doch mal hier ab.“ Sie deutete auf die größte Kiste und konnte sich kaum noch am Riemen reißen, um nicht augenblicklich über die feste Nahrung herzufallen.
Es war das köstlichste Frittierfett, das sie jemals gerochen hatte! Mulder wickelte die Beute aus: Eiernudeln, Frühlingsrollen, gebackene Lychees und zwei Flaschen Sprite.

Bei Mondschein und Ostwind schlemmten sie asiatisches Fastfood unter freiem Himmel.

Als Scully schließlich so viel gegessen hatte, dass sie bereit war, ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich Lebensmitteln angedeihen zu lassen, nickte Mulder in Richtung des Imbissstandes.

„Er wollte gerade schließen, das hier sind die Reste des heutigen Tages, ich habe sie quasi umsonst bekommen. Und einige Infos dazu.
An diesem Bahnhof, den wir ins Auge gefasst haben, halten tatsächlich auch Fernzüge. Es sind etwa fünf Meilen dort übers Feld. Er liegt außerhalb, im Zentrum wäre noch ein Hauptbahnhof mit weitreichenderen Verbindungen.“

„So wie wir aussehen, kommt nur die unbelebte Variante in Frage. Vielleicht können wir nachts irgendwo umsteigen oder haben die Möglichkeit neue Kleidung aufzutreiben. Fünf Meilen klingen nach den letzten Tagen nahezu wie ein Spaziergang.“ überlegte Scully.

Und so spazierten sie Hand in Hand von Stern zu Stern am Herbsthimmel über ihnen durch die intergalaktische Kraterlandschaft und winkten nach oben, dem Besuch, der sich in der nächsten Dekade angekündigt hatte, freundlich zu.

„Wir werden sie mit chinesischem Essen vollstopfen, bis sie sich nicht mehr bewegen können und zu Fernsehjunkies mutieren! Das ist der ultimative Schachzug zur Rettung der Erde. Du brätst 100 Tonnen Glückliche Ente mit Bambus in Pfadfindermanier fürs Pentagonkühlhaus und ich trete schon mal mit Sanyo in Verhandlung um Flachbildschirme.
Doggett und Reyes können die Programmauswahl planen... obwohl, besser nur Reyes, die Aliens sollen ja keine depressiven Verstimmungen entwickeln und noch selbstständig reisefähig in Richtung Heimatplanet bleiben.
Doggett dürfte währenddessen das Stromnetz der Staaten unter die Lupe nehmen, um Eventualitäten vorzubeugen.“ Er tat einen Schlenker zur Seite, um Scully anzuschubsen, was dazu führte, dass eine Rille auf dem Feld sie beide fast niederstreckte.

„Mulder, du bist völlig übermüdet. Verschieb die Rettung des Planeten besser auf morgen. Vielleicht winken sie ja auch noch zurück und alles ist vergeben und vergessen.“ seufzte sie in wiedergefundenem Gleichgewicht und zog ihn weiter.
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Sie hatten den Bahnhof erreicht. Die Nacht auch. Lediglich im Schalterhäuschen brannte bläuliches Licht.

Mulder trug seine Tarnregenjacke. Er lungerte mit Scully, deren Blaue Grotte Pulli aussah, als hätte sie mit ihm ein Massaker überlebt oder begangen, abseits an einer Informationstafel, auf welcher Zugankunften und –Abfahrten angeschlagen standen.

Scully tippte links unten auf den Plan. „St. Francisco. Es ist ein Nachtzug. Abfahrt um 21.20 Uhr, Ankunft morgen früh um halb sieben. Was meinst du? Wir könnten es anschließend auf dem Seeweg versuchen. Mit der Fähre oder doch eine Kreuzfahrt?“ sie lächelte gönnerhaft. „Auf den Kreditkarten ist noch Geld. Südfrankreich soll schön sein. Vielleicht doch lieber Mittelamerika? Dorthin setzen sich schließlich alle ab, die etwas auf sich halten.“

„Bien, Scully, ich versuche fürs Erste ein Ruheabteil aufzutreiben, denn dort ist es zumeist wundervoll dunkel.“ kokettierte Mulder.

Er zog mit Scullys Überlebenstasche los in Richtung Fahrkartenschalter, von dem er bald darauf triumphierend mit zwei Belegen wedelnd zurückkehrte.

„Schlafwagenabteil, First Class. Mit Dusche! Ich hätte nicht gedacht, dass ich es jemals eingestehen würde, doch deine übertriebene Vorsicht und die Idee ein Notkonto anzulegen sichern gerade unser Überleben.“

Sie verzogen sich in den unbeleuchteten Bereich. Die Bahnhofshalle war bereits abgeschlossen, auch der Rest glänzte in gähnender Leere, es war nichts außer einigen morschen Bänken auf gebrochenem Beton, durch den das Unkraut hervorstieß, übrig. Keine Möglichkeit Kleidung zu erwerben, bis auf Souvenir-Uniformhemden der US - Railway für echte Fans. Diese Vorstellung allerdings blieb selbst für Mulders Talent, Anderen mysteriöse Erscheinungen näherzubringen, zu gewaltig.

Sie ließen sich erschöpft auf die allerletzte Bank niedersinken und zählten im Geiste ihre Blasen an den Füßen.
Der Zug würde in einer dreiviertel Stunde einrollen.
Sie seufzten und froren, stets darum bemüht, währenddessen völlig unscheinbar herüberzukommen.

Mulder sah ein, dass sie ihre Nachforschungen vorerst einstellen mussten. Es hatte keinen Sinn, Schemen nachzujagen, wenn die Bedrohung so allgegenwärtig bestand. Die momentan lebenserhaltendste Maßnahme schien zu sein, schnellst- und weitestmöglich aus diesem Land zu verschwinden und zu hoffen, dass es gewissen übernatürlichen Zeitgenossen zu anstrengend wurde, ihnen nachzujagen, so dass sie letztendlich das Interesse verloren und sich damit abgaben, sie beide vom Ort des Geschehens vertrieben zu haben.
Er wühlte mit seinem noch immer nassen Trekkingschuh im Dreck unter der Bank, malte Sandbilder, die nicht einmal er selbst erkennen konnte.

Letztlich beugte sich Scully nach vorn. Ein klassisches Zeichen: Sie hatte eine Idee! Die sie auch gleich vortrug.

„Mulder, an Bahnhöfen gibt es fast immer Sammelcontainer, vielleicht auch für Kleidung.“

„Yeah, Kostümparty! Soll ich vielleicht doch die Railwayuniformen holen, mir ist unbehaglich zumute bei der Vorstellung, mich in die Garderobe von Verstorbenen oder Lumpen von schimmeligen Dachböden zu hüllen.“

Es gab keine Widerrede, denn Scully war bereits aufgesprungen.
Sie schlichen um die linke Hausecke davon.

Nachdem sie den Komplex mitsamt Büschen und Hecken halb umrundet hatten, wurden sie fündig: Gelbglas, Weißglas, Grünglas, Altpapier und...Kleidung.
„Für Menschen in Not.“ entzifferten sie. Es klang wie eine Einladung.

Sie beschleunigten die Schritte.
Als sie ihr Ziel endlich erreicht hatten, verharrten sie und schauten sich noch einmal wachsam um.

Mulder hebelte blitzschnell die Klappe auf. Die Box war halbvoll, doch ihr Inhalt von außen nicht zu greifen.

„Zählt es als Erregung eines öffentlichen Ärgernisses gegen 22 Uhr in einem Kleidercontainer herumzukrabbeln?“ erkundigte sich Mulder.

„Hilf mir hinein, bevor wir Gelegenheit haben, es herauszufinden.“ knirschte Scully. Sie hasste Regelverstöße.

Mit einer Räuberleiter beförderte Mulder sie hinauf.
Scully schnappte sich eine erste Tüte, um sie gekonnt mit dem Taschenmesser aufzuritzen. Herrenbekleidung. Graue Flanellhosen von vor 20 Jahren, Größe XL mit Gürtel. Vertretbar, wie sie fand.

„Das werde ich nicht tragen, es sei denn, wir studieren noch eine Clownnummer ein und geben uns als Wanderzirkus aus. Bitte tu mir das nicht an und such weiter.“

„Mulder, hier ist kein Platz für falsche Eitelkeit.“ zischte Scully.
„Ja, aber für Kostümparty zum Thema `Einmal werden wir alle 77´ auch nicht. Wir dürfen keinesfalls auffallen.“

Sie wühlte weiter. Ein aschgrauer Strickpulli. Unauffälliger ging es nun wirklich nicht.
Die nächste Tüte kam an die Reihe. Tischdecken.

Immer weiter suchen.

Dann, ein seegrünes geblümtes Viskosekleid in ihrer Größe. Dazu eine Wolljacke. Blaue Pumps. Etwas kühl, jedoch nicht komplett unmöglich.
Nachdem Mulder mit einer braunen Tweedhose, einem blaugrauen Hemd und dem grauen Strickpulli ausgestattet war und alle Funde zusammen in einer Tüte verstaut wurden, blieb keine Zeit für einen Kleiderwechsel.
Er musste im Zug erfolgen, welcher bereits aus der Ferne heranzog, wobei er sein Pfeifen tief in den Himmel ausstieß.
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Schweres dumpfes Rauschen. Surren gegen Metall und helles Licht an der Spitze, das die Schwärze zerschnitt. Mit gläsernem Knirschen kam die Lok zum Stehen. Ein gigantischer silbernerer Wurm, der von einer Seite des Bahnhofes bis zum anderen Ende reichte.

Die First Class befand sich im allerletzten Wagen. Sie liefen. Die Dunkelheit verdeckte das Blut.
Mulder hebelte schließlich die Tür auf und schob Scully nach oben.

Der Schaffner pfiff schrill von der anderen Seite zur Abfahrt in ein wieder neues Dasein.

Das Innere des Waggons erstreckte sich mit einer dunkelbraunen Kunststofftäfelung verkleidet vor ihnen, ein schmaler Gang führte von einer Vorhalle mit Toiletten, Fahrplanhaltern und rechtsseitig der Bordbar, zu den einzelnen separaten Kabinen.

Mulder drückte die Klinke herunter und trat ein.
Ein komplettes Interieur in grünem Samt an unechter Nussbaummaserung.
Rechtsseitig befand sich im Innern eine Tür zur Dusche, dahinter zwei übereinander an der Wand befestigte Klappbetten. Links ein ebenfalls klappbarer Tisch umsäumt von in die Wand eingelassenen halbrunden Hockern.

Wieso wirkte alles, was ihnen begegnete, wie aus der Vergangenheit zurückgeholt, dachte er im nächsten Moment, vielleicht weil sie nun selbst die Zukunft waren?

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Er hatte sich zurückgezogen, um zu regenerieren. Seine alte Kraft war beständig wiedergekehrt. Wie nicht anders erwartet.
Der Punkt auf dem Display bewegte sich langsam die Interstate Richtung Westen entlang.

Viereinhalb Stunden Fahrt, um den Weg zu kreuzen.
Er würde aufbrechen, um es abzuschließen. Sie waren seine Mission. Er kooperierte nicht mit ansässigen Behörden, bis er eintraf. Er war ein Solitär. Er kämpfte stets allein.
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Als Mulder erwachte, nachdem er geduscht und kaum drei Stunden gedöst hatte, waren das Erste, was er wahrnahm, seine Jeans, die außen am Fenster vorbeiwehten. Dann registrierte er auch Scully, die hierfür verantwortlich schien.

„So schlimm?“ fragte er, „Dass du sie nicht mehr waschen konntest und ein für alle mal loswerden wolltest?“

Ein Windzug ließ ihr neues Dachbodenkleid sanfte Wellen schlagen, während sie sich auf ihn, blasser noch als in den letzten Tagen, wie in Zeitlupe zudrehte.

„Mulder, ich bin in die Bar drüben gegangen, um Wasser zu besorgen. Dort weisen die Fenster in die andere Richtung auf den Highway hinaus.“ hauchte sie nervös und fügte erklärend an: „Sie errichten Straßensperren, Mulder...für uns, nehme ich an. Sie wissen genau, wo wir uns aufhalten. Wir müssen Wanzen in der Kleidung mitführen. Ich habe alles in den Hügeln entsorgt, bevor die Strecke erneut parallel zum Highway verläuft.“
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Er hatte den gesamten gottverdammten Highway auf zweihundert Meilen sperren lassen. Der Sender peilte auf einige hundert Fuß genau. Hier müssten sie sein und waren es nicht. Er und die Truppe würden gründlicher suchen.

Gleißendes Licht blendete ihn in seiner Überlegung, als das schnaufende Ungetüm hinter der Hügelkuppe hervorstieß.

Wie ein Splitter grub sich die Täuschung unverzüglich in sein Gehirn - die beiden befanden sich in dem Zug.
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Mulder erhob sich, um einen Schritt auf Scully zuzugehen. Entschieden zog er sie an sich heran. Er senkte sein Kinn auf ihre Schulter, während er federleicht ihren Nacken streichelte.

„Nein!“ durchfuhr sie die Erkenntnis wie ein Messer und ließ sie für eine Sekunde erstarren. Dann riss sie sich unbeherrscht los und stieß ihn fort.

„Mulder, ich muss dich schleunigst verlassen. Ich führe sie zu dir, das Implantat...“ stammelte sie.

Er versuchte sie festzuhalten.

„Scully du kannst nicht von hier entkommen, sie finden dich sofort. Du hast Hochverrat begangen und einem Mörder zur Flucht verholfen, sie werden dich entweder töten oder dazu benutzen, mich aus dem Versteck zu locken. Und glaub mir, ich würde jederzeit auftauchen.“

„Seit wann...“ murmelte sie den Tränen nahe gegen seine Brust.
Er strich über ihr Haar ohne zu antworten.
Eigentlich hatte er es die ganze Zeit lang gewusst.

Im selben Augenblick riss Scully sich los. Sie stürzte auf ihre Notfalltasche zu, wo sie zu wühlen begann, bis Sie letztendlich fand, was sie begehrte.

Kompromisslos streckte sie Mulder das Taschenmesser entgegen.

„Du musst es tun, wir haben keine Wahl.“ forderte sie mit einem Glanz in den Augen, der schon nicht mehr real wirkte.

„Nein, Scully, dazu bin ich nicht in der Lage. Wir könnten es nicht mitnehmen und du weißt, was das bedeutet.“

„Mulder, lass mich dich retten und sieh nie zurück,“ sie klammerte sich mittlerweile wieder an ihn, „ Tu es für William und all die Unschuldigen. Du bist deren einzige Chance, die einzige Chance für die gesamte Menschheit.“

„Ich kann nichts mehr für sie tun. Ich werde dich nicht opfern, es ist mein Krieg. Ich habe das hier fortgeführt, so lange wie es möglich war, nun wird es vorbei sein. Manchmal ist es Stärke zu verlieren.“ flüsterte er und seine Stimme bebte.

„Mulder, darin, dass du lebst, besteht auch für mich der einzige Sinn weiterhin hier zu sein.“

Er zog sie näher an sich heran und küsste sie auf die Stirn.
„Lass mich kurz gehen.“ wisperte er und wand sich los.

Der Schließmechanismus der Abteiltür klickte hinter ihm in die Verriegelung und würde ihn nicht ins Leben zurückkehren lassen.
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Aus der ersten Starre gerissen rappelte Scully sich auf. Sie glättete die Wogen ihres Kleides und eilte Mulder hinterher.
Die Tür sank erneut klickend ins Schloss, genau im selben Moment, in dem sie um die Ecke bog und erkannte, dass auch sie für immer verloren hatte.

Scully nahm gerade noch aus dem Augenwinkel wahr, wie Mulder den Hörer des Münzfernsprechers am Ende des Ganges zurück in dessen Gabel hängte.

„Was hast du getan.“ schnaubte sie in einer Tonlage, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ, als sie außer sich auf ihn zu stürmte.
Halb schluchzte sie das Gesprochene, halb rief sie es erneut, während sie erst mit den Fäusten gegen seine Brust schlug, dann den Hörer sinnlos von der Gabel riss, als könnte sie Worte, die doch nur Worte waren, hiermit ungesagt machen.
Letztendlich wie ein Kartenhaus in sich zusammensinkend, kam kein Laut mehr über ihre Lippen.

Der Barkeeper, warf ihnen neugierige, an der Kartenruine ihres Lebens völlig desinteressiert wirkende, Seitenblicke zu.

Mulder stützte Scully, zog sie zurück ins Abteil und ließ sie schließlich auf das untere Klappbett sinken, während er selbst sich neben sie setzte.

Er traute sich nicht, sie anzusehen oder zu berühren.
Stattdessen starrte er auf seine eigenen Hände, die so eng gefaltet waren, dass sich das Weiße an den Knöcheln deutlich abzeichnete.

„Ich kann es nicht, Scully.“ begann er kopfschüttelnd. „Ich habe angerufen, um mich morgen früh in St. Francisco Central zu stellen, im Gegenzug garantieren sie dir Immunität und werden alle Anklagepunkte gegen dich fallenlassen.“

Ihr wurde übel. Ihre Arme und Beine versagten ihre eigentlichen Funktionen und würden sie nie wieder tragen.

„Wie konntest du nur so feige sein?“ stieß sie hervor. „Wie kannst du mich hier zurücklassen, damit du es nicht auf dich nehmen musst?“

„Weil ich feige bin.“ flüsterte Mulder und es war die Wahrheit für ihn. „Du bist die Stärkere von uns beiden, diejenige, die aufrichtig glaubt, während ich nur glauben möchte. Du hast das Leben verdient, du wirst es zum Guten wenden. Ich habe mir nie viel aus meinem eigenen Dasein gemacht, bis...“ er zögerte, „...bis ich dich traf. Und deswegen sollst du diejenige sein, die das hier überlebt, lass es keine Strafe sondern ein Dank sein. Mehr kann ich dir nicht bieten, jetzt und nie wieder. Ich bitte dich um Verzeihung, Scully. Ich werde bei dir sein in deinem Glauben und im Sternenlicht.“

Sie legte ihre Arme um ihn und weinte leise.

„Ich halte es nicht aus,“ schluchzte sie völlig willenlos an ihn geschmiegt ohne körperliches Eigenleben, „als du damals fort warst konnte ich kaum atmen. Ich konnte den Schmerz nicht ertragen, ich werde es allein nicht schaffen.“

„Doch, das wirst du. Weil es um etwas viel Größeres als um uns geht.“

„Bitte lass mich mit dir kommen.“ hauchte sie. Sie hielten sich umklammert wie zwei Ertrinkende in einem Meer aus Schmerz.

„Es ist deine Entscheidung“ wisperte Mulder in ihr Haar. „Aber ich bitte dich, es nicht zu tun. Du bist nicht feige genug, dein Leid an Andere weiter zu reichen.“

Sie schliefen in dieser Nacht nicht, sie hielten einander und weinten und hofften auf kein Wunder mehr, während die ersten violetten Schweife hinter den Maisfeldern emporstiegen.
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Als der Zug in den Bahnhof einrollte, fassten sie sich bei den Händen. Noch lange konnten ihre Augen den Bahnsteig nicht ausmachen, bis endlich auch der letzte Wagen unter einem gläsernen Dach verschwand.

Vielleicht ist das wirklich das ganze Leben, dachte Mulder. Aus einem Bahnhof heraus, etwas Landschaft, größtenteils verschleiert durch Dunkelheit vor trübem Mond und wieder in den Nächsten hinein.

„Wir werden dort erhobenen Hauptes herausgehen, Scully. Wir haben nicht versagt, weil wir niemals gewinnen konnten.“

Er zog sie an der Hand aus dem Abteil. Sie fühlte nichts. Das hier war nicht die wirkliche Welt. Sie war betäubt vor Schock.
Jener hintere Bereich des Bahnsteiges erstreckte sich völlig menschenleer vor ihnen, bis auf vier Gestalten in schwarzen Uniformen.

Mulder erkannte eine von ihnen und begab sich, Scully fest umklammert, auf den Trupp zu. Niemand sprach etwas, ein Soldat bedeutete den beiden lediglich kopfnickend, der Gruppe zu folgen, wobei zwei der Männer vor ihnen, zwei hinter ihnen liefen, derweil sie auf die andere Bahnhofseite und den Ausgang zusteuerten.

Es ging Mulder nahe, wie schnell man doch ein Menschenleben unter den Augen vieler Anderer beenden konnte, ohne dass irgendwer überhaupt Notiz davon nahm.
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Eine gefühlt ewige Autofahrt mit verbundenen Augen in einem schwarzen Militärbus folgte. Er ließ ihre Hand die ganze Zeit nicht los. Sie erwiderte keinen Druck. Er wollte flüstern, um sich zu vergewissern, dass sie noch bei Bewusstsein war, wurde darin aber augenblicklich und nonverbal unterbunden. Er krümmte sich kurz und geräuschlos. Scully sollte das hier nicht mitbekommen.

Der Wagen kam zum Stillstand.

Sie wurden nach vorn gestoßen, einzeln jetzt.

Schritte hallten auf Beton, ein muffiger Geruch. Sie durchquerten eine Art langen Gang oder Tunnel, unterirdisch wahrscheinlich.

Dann wurde Mulder in ein fensterloses Loch geworfen und die Tür von außen verriegelt. Für immer, schoss es ihm durch den Kopf.

Die Feuchtigkeit des Steins zog sich auf der Seite, mit welcher er auf den Fußboden aufgetroffen war, an seiner Kleidung hinauf. Sie umklammerte ihn mit ihren eiskalten Klauen, um ihn nie wieder freizugeben.

Mulder hatte sich bis aufs Äußerste zusammengenommen.

Mit dem Verriegeln der Stahltür überflutete ihn jedoch plötzlich unkontrollierte Panik. Alles, was man ihm in Fort Marlene angetan hatte, stieg mit dem dumpfen Knirschen eines einzelnen Metallgriffes auf Beton herauf und vollführte seinen schaurig wahnsinnigen Tanz in der Dunkelheit auf sechs Quadratmetern. Es riss ihn mit in einen Strudel, dem er nicht mehr Herr werden konnte. Todesangst übermannte ihn und ließ ihn toben und schreien, ungehört von der Welt.
All seine Dämonen brachen über ihn herein, sie schleiften und zwickten ihn und zogen sämtliche Menschlichkeit aus ihm heraus.
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Scully lag auf dem Boden.
Etwas tropfte unweit entfernt. Es klang beim Auftreffen auf den Untergrund wie einzelne Explosionen, obwohl es doch bloß eisenhaltiges Kondenswasser von der Raumdecke war.

Sie hatte keine Ahnung wo sie sich befand, wie sie hierher gekommen war, wie lange sie bereits hier lag, ob es Tag war oder Nacht.
Sie hatte weder Hunger noch Durst, sie spürte überhaupt nichts. Sie war nicht einmal sicher, ob sie es selbst sein konnte, die auf den kalten Steinboden niedersank.
Vielleicht hatte sie keinen Körper mehr, vielleicht war sie bereits tot und ein letztes Fünkchen Seele irrte durch die Dunkelheit, bis es seinen Weg aus dieser Welt heraus nahm.


Jene Überlegung wurde jäh von einem gleißenden Lichtstrahl zerschnitten.

Scully hob die Hand vor die Augen, sie wollte es abstellen, nichts wahrnehmen. Wo blieb die Augenbinde. Alles war angenehm still damit gewesen.

Sie wurde nicht erhört.
Jemand schleifte sie fort. Das Licht brannte ihre Augen aus. Sie versuchte sie vor der Welt abzuschirmen.
Man schleppte sie in einen anderen Raum.
Grau gekalkt mit einem Metalltisch im Zentrum.

Was immer jetzt passieren würde, es war ihr vollkommen egal. Sollten Außerirdische kommen und Experimente an ihr durchführen oder sie misshandeln. Geständnisse aus ihr herauspressen, es interessierte sie nicht die Bohne, denn sie war bereits tot.

Sie wurde auf einen stählernen Hocker geworfen. Sie sank zur Seite und fiel hinab auf den Boden.
Man platzierte sie erneut und wurde ungehalten. Sie blieb mehr oder weniger sitzen.

Vor ihr am Tisch saß noch jemand, ein Sergeant, den sie erst jetzt registrierte.

Dunkle Uniform, ein Mosaik von Orden. Grau, nicht nur das Haar, auch die Seele.

Er blickte sie mit unverhohlener Kälte an. Er wusste ja nicht, dass er durch sie hindurch starrte auf eine leere Hülle, denn alles in ihr war gestorben. Sie brauchte ihm nichts entgegenzuhalten.

„Ihr Kampfgeist ist etwas, das ich durchaus nachvollziehen kann, jedoch nichts, was uns verbinden würde, wenn Sie verstehen was ich meine. Denn Ihr Kampf gegen uns ist doch nur ein Kampf gegen sich selbst und wird sinnlos sein, solange Sie leben. Fast philosophisch, finden Sie nicht? Und doch wahr.
Alles was ihr seid, seid ihr durch uns. Und es gibt kein Selbst vor dem Schöpfer, nur ein Dein.“

Die graue Wand vor ihr verlor wie im Lichtdimmer an Festigkeit und Farbe. Etwas in ihr wurde schwerer und schwerer und sie hörte, wie es dumpf auf dem Steinboden aufschlug.

„Ich werde es Ihnen beweisen. Beweise sind Ihr Steckenpferd, wenn ich mich recht an das Dossier über Sie erinnere und ich erinnere mich stets recht.“ hörte sie jemanden in weiter Ferne sprechen und sie wunderte sich darüber, wie er bloß so geschwollen daherreden konnten und über die merkwürdige Akustik des Flures vor ihrer Zelle, von dem sie das Gespräch wohl aufgeschnappt haben musste.

Sie lauschte einem langgezogenen Schaben, das Vibrationen auf den Boden übertrug. Fast wie vor einem Erdbeben.
Dann stieß ihr ein Tischbein in die Seite, als dieser jemand sich Platz verschaffte und sich von seinem metallenen Thron erhob.
Sie versuchte, sich einzurollen, doch der mit ihr umgekippte Stuhl verhinderte das Vorhaben. Dafür schlug etwas Schweres mit einem gellenden Echo neben ihrem Gesicht auf den Steinen auf. Ein Stechen in ihrem Ohr, wohl von der Schallwelle, zeigte, das sie doch noch anwesend war. Vorsichtig rückte sie ein wenig ab.

Dann war er über ihr und griff ihr ins Genick, um sie zum Hinsehen zu zwingen.

Ein Stapel Papier hatte sich aus seiner Mappe heraus über die plane Fläche um sie herum verteilt. Was Zellulose doch für ein Gewicht hatte. Die Blätter, die sie durch ihr ins Gesicht gefallenen Haare ausmachte, wiesen in etwa die Größe von Polaroids auf, doch sie konnte keinerlei Darstellungen erkennen. Die Bilder schienen sich nicht auf ihrer Netzhaut zu manifestieren.

Er stieß ihren Kopf am Haaransatz noch weiter hinab. Sie spürte, wie ihr Kiefer aufschlug und fühlte sich bärtig, vom nassen Schmutz, der an ihrem Kinn kleben blieb.

Dann erstarrte sie unter seiner eisernen Hand.
Es war William, inzwischen etwa ein Jahr alt, im Garten schlafend in einer Hängematte, William krabbelnd auf der Decke zwischen Pusteblumen, William lachend in seinem Bettchen mit einem merkwürdigen Wisentmobilé.

Sie konnte die Fotos nur anblicken, ohne irgendeine Reaktion zu zeigen, außer am ganzen Körper zu zittern.

Weitere Schritte halten auf dem Boden. Ein Soldat betrat den Raum. Die beiden Männer betrachteten einander, so intensiv, als würden sie Gedanken lesen. Dann nickte ihr Peiniger. Sie konnte etwas wie blanken nackten Zorn lawinenartig auf sie zurollen spüren und krümmte sich unter einem weiteren Tritt. Er riss ihren Kopf an den Haaren hinauf, doch etwas war anders. Er schien in seinem eigentlichen Vorhaben unterbrochen.

„Dennoch übe ich mich im Verstehen der menschlichen Art.“ fuhr der Uniformierte nach der Unterbrechung improvisierend und trotzdem unerbittlich fort. „Freilich könnte ich dich einfach töten, wie ich es mit Anderen tat. Doch niemand zerstört gern, was er selbst erschuf. Einige von euch werden nützlich sein nach der Kolonisation, unterhaltsam und arbeitsam.
Es ist einfach. Du kannst beide verlieren oder nur einen. Dein Leben gegen das des Kindes. Ich will dich gebrochen sehen, fügsam in deinem begrenzten Dasein, das ist meine höchste Form von Mitgefühl.“

„Was ist mit Mulder geschehen...“ stammelte Scully kaum hörbar, doch Gott trat den Stuhl weg und wand sich ab.

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Mulder war gemeingefährlich den halben Tag und die ganze Nacht hindurch. Er wollte nur leben. Doch er wusste, dass es bereits zu spät war. Er dachte an Scully.
Er hatte gesagt `in Würde´ und genau das würde er durchziehen. Als man die Tür öffnete, folgte er widerstandslos und ließ sich in einen grau gekalkten Raum abführen, in dem bereits zwei weitere uniformierte Männer warteten.

Mulder hätte erwartet, dass etwas Spektakuläres zum Schluss passieren müsste, zumindest etwas Einschneidendes, das den bisherigen Lebensweg auf einen Schlag erklärte, doch es geschah zunächst einmal überhaupt nichts.

Sie standen sich gegenüber und verharrten, Mulder mit Blicken gewahrend, so stechend und grenzenlos, als wollten sie in seinen Geist eindringen und ihn von innen auslöschen.

Mulders ganzer Körper spannte sich an, er konnte nichts dagegen unternehmen, Flucht und Abwehr waren natürliche Reflexe.
Er holte aus. Und befand sich alsdann im Klammergriff, nach dessen Lockerung sein Arm merkwürdig verbindungslos vom Körper herabhing und höllische Schmerzen bereitete. Er krümmte sich, was ihm einen weiteren Schlag in die Magengrube einbrachte. Er übergab sich kurz und heftig vor seine nassen Trekkingschuhe.

Keine Sandbilder mehr.
Der Gegner war eindeutig überlegen. Er war eindeutig kein Mensch.

„Was wäre menschlich? Verräter zu bestrafen? Gerechtigkeit - sie an deiner Stelle zu töten, damit du weißt, was Feigheit ist?“

Erst jetzt erkannte Mulder, dass sein Gegenüber die Lippen nicht bewegte. Telepathie als Kommunikationsmittel. Schlichte, sachliche Effizienz, keine Kraft verschwendet für scheinbar sinnlose Regungen. Reine Evolution, ausschließlich ausgerichtet auf das eigene Überleben, übermächtig mit brillanter Intelligenz und Stärke.

Der Unmenschliche beschwor Bilder herauf. Scully, vom Stuhl fallend und in sich zusammensinkend, Scully, aus dem Mundwinkel blutend, regungslos und zusammengekrümmt auf dem Boden.
War sie bereits tot?
Der Uniformierte lachte nur über Mulders Gebundenheit.
Mulder selbst schwieg, gelähmt vor Angst, gegen das an, was nie wahr sein durfte.
Es war menschliche Schwäche, die ihn dazu gebracht hatte, Ungeheuern zu vertrauen. Nun war es zu spät. Er fragte sich, ob der Preis nicht nur sein eigenes Leben gewesen war.

Doch der Soldat war kein Mann der Worte und Erklärungen, er war ein Mann der Tat.

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Er schritt den neonröhrenbeleuchteten Gang der Basis entlang.
Sich unwohl in seiner Haut fühlend nestelte er an seinem Jackett.
Der silberne Besucherausweis bohrte sich tief in den Stoff der linken Anzugtasche, Reizzähne die ihn packen würden, falls das Licht erlosch.

Er bewegte sich auf sehr dünnem Eis und konnte die scharfzahnigen Moränen darunter ihre Mäuler aufreißen sehen.
Doch er war es ihnen gleichwohl schuldig, jedem Einzelnen.


„Assistant Director Skinner. FBI.“ stellte er sich nichts desto trotz äußerlich routiniert am Passierpunkt zu den Trakten vor und streckte den papierenen Reißwolf der Sichtluke entgegen.
Der Soldat in seinem Checkpoint gab daraufhin etwas über Sprechfunk durch.
Ohne Skinner eines weiteren Blickes zu würdigen, wand er sich anschließend wieder einigen Schriftstücken zu.

Der Assistant Director schaute sich um.
Die aschfahle Metalltür, welche er passieren musste, blieb verschlossen. Stockflecken bildeten sich auf grauer Latexfarbe. Eine vergitterte Glühbirne flackerte nervös und erregte ein unangenehmes Gefühl in seiner Magengegend.

Sie waren erst drei Tage unterwegs gewesen, bevor man sie aufgegriffen hatte. Was konnte ihnen in dieser Zeit und in einem weiteren Tag Gewahrsam zugestoßen sein? Er stellte sich auf das Schlimmste ein.

Was sich als unzureichend erwies.
Nachdem ihn ein Wachmann abgeholt hatte und über den düsteren Flur noch tiefer in die Erde hinein führte, entriegelte dieser eine zentnerschwere Tür in die absolute Dunkelheit. Lediglich aus einer Öffnung im hintersten Teil des Ganges glimmte bewegt ein schwaches weißes Licht.
Er konnte ein trotz aller Kraftanstrengung nicht unterdrücktes Geräusch hören, zwischen Schreien und Stöhnen, so gequält von Schmerz, dass es ihm den Magen umdrehte. Er wusste, dass es von Mulder kam. Er rannte los, sein Begleiter hielt ihn nur halbherzig zurück. Das hier war noch nicht der Zeitpunkt. Warum also nicht noch ein wenig spielen...

Skinner trieb paralysiert wie eine Motte dem Licht entgegen, eine Schreibtischlampe blendete ihn, als er um die Ecke in den Raum bog, so dass er die zwei Männer, die sich in einer Zellennische um Mulder aufgebaut hatten, zunächst nur riesenhaft verzogen als Silhouetten an der Wand ausmachen konnte. Sie hatten ihn kommen gespürt. Ihre Reflexe waren auf Angriff gerichtet...

...Dann bog ihr Kumpan im Schlenderschritt durch die Tür ein. Schade, er hatte gehofft, sie hätten bereits reagiert. Neues Spiel, neues Glück. Er sah sie an und sie verstanden. Sie wichen zur Seite und gaben den Blick frei.

Mulder lag zusammengekauert auf dem Boden. Er wiegte seinen Kopf eigentümlich gegen die Wand, Blut lief aus einer Platzwunde über seine Stirn. Skinner wollte ihn am Arm packen, doch dieser gab schlaff nach. Mulder stöhnte auf. Dann richtete er sich von selbst etwas auf, zum letzten Angriff bereit und konnte nicht fassen, wer ihm gegenüber stand.

„Lassen Sie uns von hier verschwinden“, keuchte Skinner, als er Mulders gesunden Arm über seine Schulter hob und ihn eilig davonzog.

„Sie haben sie umgebracht.“ schoss es Mulder blitzartig ins Bewusstsein.
Er wollte sich losreißen, um allen Verantwortlichen in grenzenlosem Hass eigenhändig die Schädel einzuschlagen. Sein erstes Ziel böte der sich direkt vor ihm befindende Wachmann, welcher sie durch den stockdunklen Flur geleitete, indem sie dem Klappern seiner Schritte folgten, während Skinner Mulder stützte. Skinner zwang ihn zurück und der letzte Rest Kraft versiegte.

Doch sein Bezwinger und Beschützer flüsterte, eher um Mulders Aufmerksamkeit zu erlangen, als um Mithörern zu entgehen: „Sie lebt, Mulder. Und ich werde Sie beide hier rausbringen. Reißen Sie sich zusammen, sonst kann es noch ganz schnell zu Ende sein, für jeden von uns!“

Mulder wusste es nicht einzuordnen. Sie hatten Scully umgebracht, ohne ihm eine Wahl zu lassen. Sie konnten jederzeit William töten.

„Sein Leben gegen deine Interessen“ hatte der Sergeant gesagt. „Und ich meine alle deine Interessen.“
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Nachdem sie aus dem Erdinnern bis kurz unter die Kruste aufgestiegen waren, erblickte er sie letztlich, wenn auch eher über das Gefühl als über die Augen, denn es war stockfinster. Er spürte ihre Gestalt, den Duft ihrer Haare, über seine Wangen strömten Tränen, heiße Bäche von Lava aus dem Mittelpunkt der Welt.
Er wollte sie festhalten, sich vergewissern, dass es real war.
Doch als er sie ergriff, traute er seinen Händen nicht. Nur eine leere seelenlose Hülle, durch die er hindurch sehen konnte, war übrig geblieben.
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Skinner fuhr auf direktem Weg zum Krankenhaus, nachdem man sie alle im abgeschotteten hinteren Teil eines Militärbusses zu seinem Wagen zurückgebracht hatte.

Mulder hatte einen ausgekugelten Arm, das registrierte Skinner sofort, doch es konnten auch innere Verletzungen vorhanden sein. Scullys Zustand schien für ihn überhaupt nicht einzuordnen.
Beide waren auf der hinteren Bank zusammengesunken, Mulder hielt Scullys Hand fest umschlossen. Sie schien nicht darauf zu reagieren.
Sie durften auf keinen Fall im Krankenhaus bleiben. Er musste den Plan vollenden, heute noch, sonst wäre keiner von ihnen sicher.

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Der silbergraue Ford erreichte das Haus als es bereits dämmerte.
Die Notaufnahmeprozedur hatte sich lange hingezogen. Er hatte sie als Opfer eines Bandenraubes ausgeben müssen und die Behandlungskosten in bar gezahlt. Mulders Arm wurde eingerenkt, sowohl sie, als auch er hatten Prellungen und zu nähende Wunden, waren aber zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt. Scully wurde neurologisch untersucht und Hirnblutungen mit bildgebenden Verfahren ausgeschlossen, genaueres über ihr Verhalten wollte zu diesem Zeitpunkt noch niemand einbringen, man vermutete eine Form von akuter Belastungsreaktion und hatte ihr ein Beruhigungsmittel und Schmerzmittel als Infusion verabreicht.
Somit konnte Skinner seine zwei Schützlinge und diverse Pillen gegen verschiedene Leiden wieder mitnehmen.

Er betrachtete Mulder, der mit geschientem Arm neben Scully auf der Rückbank saß durch den Autospiegel und hoffte, dass dieser mehr Inspiration fand, wie mit ihr umzugehen wäre, als er selbst. Augenscheinlich sah es allerdings nicht danach aus.

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Skinner parkte den Wagen links neben dem Eingang.

Es war ein älteres Haus mitten auf einem Feld, ungepflegtes verwildertes Gestrüpp und einzelne knorrige Laubbäume säumten den hinteren Gartenteil.
Über eine Veranda mit wettergegerbten Stufen erreichte man den Eingang.
Die verzogene Holztür gab knarrend nach und legte den Blick auf ein dunkel möbliertes Wohn- und Esszimmer frei.

Mulder führte Scully zur linken Seite des Raumes zu einer Sitzecke. Bevor er sie auf das Sofa sinken lassen konnte, musste er es von einem urtümlichen vergilbten Bettlaken befreien, von dem es zum Staubschutz verhüllt wurde.
Scully würdigte ihn keines Blickes, sie wirkte wie ein Chamäleon vor dem beigen, Bezug, denn ihre Haut wies genau die selbe Farbe auf. Mulder deckte sie mit einer in diversen Brauntönen gemusterten Decke zu und schaute kurz interessiert nach, ob Scully sich erneut der Farbigkeit des Umraumes anpassen würde. Überraschender Weise tat sie es nicht.

„Was ist das für ein Haus?“ wand Mulder sich schließlich zu Skinner um, welcher weiter hinter ihm damit beschäftigt war, die Tür wieder abzuschließen.

„Es stammt aus dem Zeugenschutzprogramm. Es war das Einzige, das ich für diesen Zweck auftreiben konnte und das am selben Tag erreichbar lag. Auf diesem Fleck Erde wird Sie niemand vermuten. Ich weiß, wohnlich ist anders aber es ist komplett ausgestattet. Es sollte fürs Erste genügen.“

Mulder ließ sich neben Scully auf dem Sofa niedersinken, weil er auf dessen Lehne seinen schmerzenden Arm abstützen konnte.

„Warum sind wir hier, Sir? Warum sind wir noch am Leben?“

Skinner räusperte sich. Nun kam der unschöne Teil der Geschichte. Nervös lief er auf und ab, währenddessen er sein Kinn knetete.

Er richtete seine Brille, bevor er Mulder abermals ansah.
„Sie hatten brillante Unterstützer die ihr eigenes Leben für Sie opferten.“

Das reichte. Mulder wollte es nicht mehr hören, er konnte nicht noch mehr ertragen aber nun gab es kein Zurück.

„Dogett und Reyes sind in ihrem Fall an die Öffentlichkeit gegangen. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt und eindeutige Beweise geliefert, die Sie entlasteten. So fand man einige Fragmente von Fingerabdrücken an Stellen, wo sie unmöglich vor Rohrers Tod hingelangt sein konnten, auch einige Kleidungs- und Metallreste am Steinbruch, die nicht mit zerstört wurden, sogar eine Aufnahme einer Videokamera an der Tankstelle war dabei, allerdings nur im Profil.
Es ging an die zwanzig größten Tageszeitungen des Landes zeitgleich raus.
Drei davon haben es sofort online gestellt und gedruckt, bevor die Verbreitung von außen verhindert werden konnte. Das waren nicht die renommiertesten Blätter aber auch auflagenstarke Zeitungen wie der Mirror.“

Er zuckte die Schultern.

„Tja, nun wissen wir, welche Verlagshäuser nicht infiltriert sind. Und dass Aliens anscheinend ungern Klatschpresse lesen.

Im Endeffekt jedenfalls führte dieser Vorgang dazu, dass Sie gemeinhin als Märtyrer gegen ein korruptes Rechtssystem gesehen werden und Scully so etwas wie den Rächer der Gerechten verkörpert. Die Öffentlichkeit weiß nur, was sie einordnen kann und das ist das eigentliche Druckmittel. Wenn die komplette Wahrheit ans Licht käme, würde auf der Stelle die Weltordnung in sich zusammenbrechen... Wenn ich das so sage, komme ich mir vor wie in einer Science Fiction Serie.“

Er strich sich geniert über den Kopf und fuhr fort:

„Die waren zum Handeln gezwungen, um keinen weiteren Staub aufzuwirbeln. In einer angeblichen Eilrevision wurde das Verfahren erneut aufgerollt und alle Anklagepunkte gegen Sie schließlich heute morgen offiziell fallen gelassen. Keine Minute zu früh, Sie waren schon so gut wie tot. Um es zu betonen, alle beide. Was haben Sie sich eigentlich bei dieser Aktion gedacht? Warum haben Sie den Personenaustausch nicht in der Öffentlichkeit durchgeführt? Warum haben Sie nicht mich eingeweiht, ich hätte veranlassen können, dass Scully in Gewahrsam genommen wird?“

„So lautete deren Bedingung. Diese Individuen existieren offiziell nicht. Wer sie zu sehen bekommt, überlebt es nicht.“

„Den Verdacht hatte ich auch.“ nickte Skinner zustimmend.
„Die Basis, in der Sie gefangengehalten wurden, ist in normalen FBI-Karteien nicht verzeichnet. Es ist ein geheimer, wahrscheinlich unterirdischer Standort. Auch ich wurde mit verbundenen Augen, von der Stelle aus, wo man uns später gemeinsam blind wieder an meinem Wagen absetzte, in einem Fahrzeug zum Stützpunkt gebracht, den Fahrtgeräuschen nach würde ich vermuten, es handelte sich um eine Art Geländewagen.
Wir können unmöglich weiter als 50 Meilen gefahren sein, ich habe vorher auf die Uhr gesehen, es ist allerdings ebenfalls wahrscheinlich, dass wir in die Irre geführt wurden und im Kreis quer durch die Landschaft gefahren sind.
Ich selbst habe auch im Innern der Anlage niemanden höheren Dienstranges zu Gesicht bekommen, nur Handlanger und Wärter.“

„Was macht das schon, ich für meinen Teil habe nicht vor, jemals den Weg dorthin zurück zu finden.“ resümierte Mulder und lehnte sich nach hinten.

Auch Skinner gab sein unruhiges Abschreiten des Raumes auf und ließ sich seinen ehemaligen Agenten gegenüber in einen hellbraunen Sessel fallen, wobei er vorher noch das indianisch gemusterte Kissen hinter sich hervorzog und auf seinem Schoß postierte, damit er seine Hände darauf ablegen konnte.

„Das alles heißt allerdings nicht, dass Sie beide nun als unbescholtene Bürger gelten.“ griff Skinner das eigentliche Thema wieder auf.

„Es gibt auch genügend menschliche Anwärter im FBI, die Ihnen aus diversen Gründen, die Sie sich an dieser Stelle selbst am besten ausmalen können, am liebsten immer noch den Arsch aufreißen würden, es jedoch aufgrund ihrer Medienpräsenz nicht können. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man es nicht später versuchen wird, wenn die Wogen geglättet scheinen. Sie befinden sich sozusagen gegenwärtig in relativer Sicherheit, da die auch nicht genau einschätzen können, wie mächtig ihrer beider eigene Freunde sind und ob diese deren Korruption und Willkür eventuell selbst entlarven könnten. Ihre Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt von Fort Marlene hat Eindruck hinterlassen, möchte man meinen.“

Skinner knetete energisch sein Kissen, als er weiter nachdachte, um schließlich fortzufahren:

„An diesem Ort hier werden Sie nur diejenigen vermuten, die die nötige Technik dazu aufweisen, wenn Sie verstehen was ich meine.“ fügte er hinzu und kratzte sich im Nacken. „Aber diese speziellen Individuen haben Ihnen, wie ich höre, einen Handel vorgeschlagen, den Sie hoffentlich annehmen werden!“

Mulder ereiferte sich, wobei er versehentlich seinen geschienten Arm erhob und sofort schmerzgepeinigt wieder sinken ließ.

„Die haben mich ruhig gestellt, damit ich ihre dreckigen Ziele nicht gefährde. Sie infiltrieren die politischen Systeme weltweit und obwohl sie mich für nichtigen Abschaum halten, haben Sie zugleich doch Angst vor mir.
Ich sitze auf einer tickenden Zeitbombe und kokle am Zünder. Und ich kann absolut nichts dagegen ausrichten. Was soll das bitte für ein Leben sein?“

„Es gibt Andere, Mulder, die an Ihrer Stelle weitermachen. Für Sie ist es ein für alle Male genug. Sie haben alles geleistet, was Sie konnten. Tun Sie es für sie.“ Skinner nickte zu Scully herüber.
„Sie braucht Sie mehr denn je und man hat Ihnen ein zweites Leben geschenkt. Tun sie es für diejenigen, die so viel für Sie geopfert haben, verraten Sie sie nicht.“

An dieser Stelle bemerkte Mulder, das Skinner bisher einen Teil der Schilderung ausgespart hatte.

„Doggett und Reyes, was ist mit ihnen?“

„10 Jahre, Arkansas County Jail und  Brenton Frauengefängnis.“ stieß der Assistant Director hervor. „Vaterlandsverrat durch Weitergabe von Regierungsinformationen. Absolute Kontaktsperre.“ Er kratzte sich am Kopf und musste Atem holen, um sich selbst unter Kontrolle zu halten.

Er konnte keine Schwäche zeigen. Deswegen war er zu schwach, um ein Held zu sein, wie es Anderen vorbehalten blieb.

„Zur Invasion sind sie wieder draußen.“ wollte Mulder die Situation retten, denn mit einem von Gefühlen übermannten ehemaligen Vorgesetzten konnte er augenblicklich selbst nicht fertig werden.

Skinner wand sich ab und zog seine schweren Glieder aus dem Sessel hoch. „Ich habe, während Sie beide im Krankenhaus behandelt wurden, Lebensmittel und das Nötigste im Supermarkt besorgt. Die Tüten sind noch im Auto. Lassen Sie sie uns hereintragen.“

Mulder begleitete den anderen Mann nach draußen.

Er wusste, dass Skinner etwas bereden wollte und konnte keinen Gedanken mehr daran verschwenden, worum es gehen würde, als sich sein Vorläufer auch schon umdrehte.

„Mulder, was wissen Sie über das, was Scully in dieser Basis widerfahren ist?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Mulder krümmte sich innerlich. „Ich weiß nicht genau, ob es nur damit zu tun hat, eventuell ist es meine Schuld. Ich habe sie verraten.“

Skinner schaute irritiert auf. „Mulder, tun Sie sich das jetzt nicht an. Es war die einzige Möglichkeit, auch wenn sie nicht bis zum Ende durchdacht war.“

Mulder wirkte nicht überzeugt. Reue peinigte ihn. Er hätte es nie allein entscheiden dürfen. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um Vergebung zu erlangen. Er würde, soviel sie es brauchte, für Scully da sein. Er hoffte, dass er es konnte.

„Wie geht es Ihnen selbst?“ fragte Skinner eher aus Höflichkeit und mit Furcht vor einer ehrlichen Antwort.
„Es geht schon,“ entgegnete Mulder. Womit Skinner dankbar zu einem Themenwechsel übertrat, nachdem er Mulder kumpelhaft auf die Schulter geschlagen und ihm eine braune Papptüte überreicht hatte.

Gemeinsam schlürften sie beladen ins Haus zurück und stellten die Vorräte in der Küche ab. Scully hatte sich wenig bewegt. Sie zitterte nur wieder heftiger.

„Ich werde das Abendessen zubereiten, kümmern Sie sich stattdessen um sie.“ bedeutete Skinner ihm mit einem Nicken, das aus der Küche hinaus wies.

„Und was soll ich tun?“

„Ich würde Ihnen gern einen Ratschlag geben aber ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie stehen ihr so nahe, wenn jemand etwas ausrichten kann, dann wahrscheinlich Sie. Außerdem sind Sie derjenige, mit dem Oxford Abschluss in Psychologie.“

Mulder lief unschlüssig zu Scully hinüber. Er kniete sich vor sie, strich ihr über die Wange und sah ihr in die Augen. Er wusste nicht genau, ob sie ihn wahrnahm.

Vielleicht wäre ein heißes Bad eine gute Idee, schoss es ihm durch den Kopf. Sie waren beide völlig durchnässt, kaltschweißig und verdreckt.

Sanft schob er sie an den Schultern hoch und führte sie ins oberere Geschoss. Sie folgte ihm widerstandslos bis ins Badezimmer.
Eine emaillierte graublaue Wanne war zur linken Seite in Boden und Wand eingelassen.

„Möchtest du lieber allein sein, Scully?“ hakte Mulder unsicher nach, als er ihre Schultern losließ.
Sie sah ihn nur an.

Mulder zierte sich bei dem Gedanken, was er nun tun sollte.
Konnte er dermaßen tief in ihre Privatsphäre eindringen? Sollte er lieber so etwas wie eine Pflegeschwester besorgen, die das Ganze übernahm. Er drehte sich noch einmal zu ihr um.

„Scully, du bringst mich hier wirklich in eine verzwickte Situation. Aber ich werde es durchziehen, wenn du dich nicht weigerst.“

Er verstöpselte die Wanne und ließ Wasser einlaufen.
Fichtennadelschaumbad aus Skinners Einkaufstüte färbte es blassgrün.

„Reinigend und belebend, aus der Kraft der Natur.“ las Mulder, als er den Tropfen nachsah, wie sie auf der Wasseroberfläche aufschlugen.

„Scully, könntest du dich bitte schon einmal ausziehen, um einem armen geplagten Neurotiker weitere Peinlichkeiten zu ersparen?“

Scully tat es nicht. Im Wasser verbreitete sich die grünliche Wolke strudelförmig.

Er trat hinter sie und schob die Jacke von ihren Schultern, so dass sie zu Boden sank und eine weiche Hülle um ihre Beine bildete. Dann knöpfte er das Blütenkleid auf, eine Streublumenwiese erwuchs auf den Fliesen.

Er half ihr über den Wannenrand. Gedankenverloren saß sie in einem Meer von Grün, nur ihre Schulterblätter und Kopf lugten hervor zwischen einem aromatischen Nebel, der sich aus der Tiefe herauf kräuselte.

In der angespannten Erwartung, hinter sich Kleider rascheln zu hören, hatte Mulder die Wanne etwas zu voll laufen lassen.

„Scully, kann ich dich allein lassen.“ erkundigte er sich erneut durch den Nebel, der sich nun in seinem Kopf breit machte und keine Antworten bot.

Wie bitte wäscht man einen anderen Menschen?

Er griff nach dem Naturschwamm auf der Ablage und fuhr über ihren Rücken, die Arme entlang zurück, bis zum Hals über das Gesicht. Vorsichtig benetzte er auch ihre Haare.
So zart sah sie aus und doch konnte er die Blessuren wahrnehmen.

„Oh, Scully, was haben diese Schweine bloß mit dir gemacht.“ hauchte er und heiße Wut drohte ihn zu übermannen.
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Als sie die Treppe wieder herabstiegen, briet Skinner etwas in der Küche.

„Scully, ich habe den Assistant Director als Koch engagiert.“ flüsterte Mulder ihr zu. „Er strebte berufliche Veränderungen an und dachte, der Gastronomiesektor könnte etwas für ihn bereithalten. Der Vorteil ist auch, dass er kein Haar in der Suppe verlieren wird.“

Als sie das Esszimmer erreicht hatten, stellte er seine eingleisige Kommunikation ein und geleitete Scully, die inzwischen ein regengraues langes Sweatkleid trug, an den Tisch. Die Unterkunft war mit allem ausgestattet. Sogar mit Kleidung, wenn diese auch sehr an den Ausflug in den Sammelcontainer erinnerte.

Er berührte im Vorbeigehen ihre Schulter, um sich anschließend in die Küche zu schleichen, wo eventuell Unterstützung gefragt sein würde.
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Skinner jedoch sah aus, als hätte er die Situation vollkommen im Griff. Mit einem Geschirrhandtuch im Hosenbund schwang er den Fleischwender und hatte schon Teller und Besteck bereit gelegt.
Mulder genoss kurz die skurrile Vorstellung seines ehemaligen Vorgesetzten in der Küche, dann gab er sich einen Ruck und verriet seine Anwesenheit.
Er wunderte sich jedoch noch die ganze Zeit über, ob das hier Realität war, oder ob er bloß weiterhin wahnhaft in seiner Zelle lag.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Sir?“

„Ja, bringen Sie hier nichts durcheinander und verlassen Sie die Küche, Mulder, wie ich es bereits erwähnt habe. In fünf Minuten bin ich so weit.“

Mulder wand sich ab, er musste sich trotz aller Tragik das Lachen verkneifen.

„Skinner ist nicht nur FBI-Chef, sondern auch der Chef de Cuisine.“ raunte er Scully kaum hörbar zu, wobei er sich neben sie auf den Stuhl fallen ließ.

Wenig später bog der Assistant Director mit den ersten beiden Tellern Bratkartoffeln, Steak und Bohnen um die Ecke.

„Sir, ich bin beeindruckt. Woher können Sie denn so gut kochen?“

Skinner hob eine Augenbraue was als „Was bitte schön soll das denn heißen?“ gedeutet werden konnte.

„Nachdem Sharon auszog habe ich drei Monate lang die Karte des Western Inn rauf und runter gegessen. Als meine Kreditkarte leer war, bin ich in die FBI-Kantine gewechselt, was sich als ausschlaggebender Grund erwies, um Kochen zu lernen. Ich habe Kurse belegt und ich muss sagen, es war ein angenehmer Ausgleich.“

„Sir, Sie nehmen mich auf den Arm.“
„Ich bin auch nur ein Mensch, Mulder.“
„Ja, ich stelle bloß gerade fest, wie wenig ich eigentlich über Sie weiß.“

Skinner wand sich kopfschüttelnd ab, um den letzten Teller hereinzutragen.

Schweigend saßen sie gemeinsam am Tisch.
Mulder musste wirklich augenblicklich etwas zu sich nehmen, er hatte Magenkrämpfe und Schwindelattacken vor Hunger und Müdigkeit.
Vorsichtig blickte er noch einmal zu Scully hinüber, die auch an dieser Stelle keine Anstalten machte, sich situationsangemessen zu verhalten.

„Scully, demnächst werde ich versuchen, dich mit Käse-Schinken-Sandwiches durchzubringen, also iss lieber, solange du noch Aussicht auf echte Nahrung hast.“ wand er sich ihr mit Überzeugungskraft entgegen.

Er wusste nicht, ob sie ihn erhört hatte, kurz darauf ergriff sie jedenfalls zögernd ihre Gabel und stocherte in den Bohnen herum.
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Nachdem er Skinner Scully und den Abwasch anvertraut hatte, zog sich auch Mulder unter eine wohltuende Dusche bei erschwerten einarmigen Bedingungen zurück. Endlich konnte er sich aus den unpassenden Kleidungsstücken, die man ihm aus dem Fundus an Spenden im Krankenhaus ausgehändigt hatte, befreien und ebenfalls die Garderobe des Wandschrankes im Schlafzimmer testen.

Anschließend begab er sich wieder die Stufen hinunter, um im Erdgeschoss nach den Schmerzmitteln aus dem Krankenhaus zu suchen.

Auf der Küchentheke wurde er fündig. Skinner und Scully saßen sich inzwischen erneut in der Sitzecke gegenüber.
Skinner tat im Monolog die Vorzüge der hiesigen Gegend kund.

Mulder wollte das pulverförmige Medikament in Wasser einrühren, wofür er Gläser im Hängeschrank suchte.

„Bringen Sie mir doch bitte auch eine halbe Dosis dieses Beruhigungsmittels mit, damit ich heute Nacht ein Auge zu tun kann.“ meldete Skinner sich erschöpft zu Wort. „Sie beide haben auch mein Nervenkostüm für den Moment überstrapaziert.“

Die ersten Gläser, welche Mulder sichtete, waren Cognacschwenker.
Er fand ihre Benutzung angebracht, um auf ein neues, fremdgesteuertes Leben anzustoßen. Es wirkte dann so seriös und aristokratisch.

Er füllte alle Trinkgefäße mit Wasser, trug sie zum Couchtisch und rührte jedem einen individuellen Cocktail, je nach Bedürfnis, an.
Anschließend prosteten sich beide Männer kopfnickend und ernst zu, Scully erklärte sich immerhin bereit, die milchig weiße Flüssigkeit auf Ex zu kippen.
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Nach einer kurzen Verabschiedung für diesen Tag stiegen Mulder und Scully die Treppe hinauf, während Skinner noch etwas Ruhe in seinem Sessel finden wollte, bevor die Medizin wirkte und er sich im Gästezimmer niederlassen konnte.

Mulder lenkte Scully auf das Zimmer zu, welches sie vorhin schon einmal auf ihrem Weg ins Bad durchquert hatten.

Das Ambiente des Raumes lag graublau vor ihnen. In der Mitte befand sich ein neogotisches dunkles Holzbett mit einem Indigo schimmernden gewaltigen Seidenüberwurf, der zu beiden Seiten des Bettes, einem Wasserfall gleich, hinabfiel.

„Oh, Scully, einen gewissen Hang zur Exzentrik kann man dem Innenarchitekten nicht absprechen. Mich würde der Keller interessieren, vielleicht gibt es dort noch Folterbänke.“ Mulder rieb seinen geschienten Arm.

„Vermutlich ist das hier jedoch kein adäquates Thema zur Nacht... Welche Bettseite möchtest du? ...Nun direkt diejenige, vor der du stehst? Gut, ich bin einverstanden aber überlege dir schon mal deine heutige Schlafposition. Wenn diese Decke nämlich nachher über dir liegt, bist du verkeilt und hast keine Chance mehr, dich zu drehen.“

Sprachs und klappte das blaue Ungetüm zur Seite, damit sie einsteigen konnte.

Nachdem Mulder Scully zugedeckt hatte und selbst in eine merkwürdige blassblaue Jogginghose geschlüpft war, kletterte er auf der anderen Bettseite hinein, nicht ohne sich vorher noch den Zeh an der durchgängigen Holzverkleidung zu stoßen. Er biss die Zähne zusammen, denn er wusste, was wahrer Schmerz war.

Unter der Steppdecke befanden sich wirklich angenehme Daunenbetten und auch der Überwurf selbst präsentierte sich weniger ungemütlich als angenommen. Der nächste Winter konnte kommen! dachte Mulder und hoffte, dass sie ihn auch erleben würden.

Er rutschte zu Scully hinüber und schmiegte sich seitlich an sie heran in eine einarmige Umarmung.
Sie ließ es sich gefallen.
Er versuchte, sie zu wärmen, äußerlich und hoffte, dass es ihr Inneres erreichen und die eisige Festung schmelzen würde.

Sie roch nach Wald, Fichte, um genau zu sein. Er nicht weniger und der Assistant Director würde es ihnen demnächst gleichtun, denn Mulder hörte Wasser durch die Leitungen rauschen.

„Scully, wenn ich irgend etwas für dich tun kann, gib mir ein Zeichen. Du weißt, meine telepathische Begabung ist manchmal etwas eingerostet.“ hauchte er in ihren Nacken.

Nachdem Mulder noch eine Weile still unter der indigoblauen Meeresoberfläche an sie gelehnt verharrt hatte, zog er seinen gesunden Arm hervor und kraulte mit Wellenbewegungen vorsichtig ihren Rücken zwischen den Schulterblättern, weil er wusste, dass sie diese kleine Geste mochte.

Schließlich konnte er vernehmen, wie sie auf den Meeresboden glitt, sanft gebettet zwischen Tang und Sand und sich doch noch, wenn auch glücklicherweise nur für heute, aus der wirklichen Welt verabschiedet hatte. Er tat es ihr gleich.
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Sie hatten dank der Medikamente traumlos und fest geschlafen.

Mulder rekelte sich, zuerst orientierungslos in der neuen Umgebung und öffnete letztendlich unter großer Anstrengung die Augen. Die prompt zwei Andere trafen.

Scully lag auf die Seite gerollt dort und blickte ihn an. Ihr Gesichtsausdruck war nicht zu interpretieren, sie fixierte ihn jedoch bewusst.
„Scully“ flüsterte er und strich über ihre Wange, woraufhin eine rote Haarsträhne den Weg zu ihrem Hinterkopf nahm.
Sich zurück erinnernd, dass es bisher kaum ein weiteres Mal gegeben hatte, an dem er neben ihr erwachte und nicht in irgendeiner Form gehetzt wurde, hauchte Mulder sanft einen Kuss auf ihre Stirn.

Unwillig zu weiteren Taten verharrte er in der Wärme des Bettes und beschloss, seine Zeit vorerst damit totzuschlagen, einfach nur zu Scully zurückzublicken. Es war eine Tätigkeit, derer er niemals überdrüssig wäre, außerdem hatte man ihn schließlich von jeglicher Verpflichtung enthoben.

Er könnte ewig hier ausharren ohne dass es irgend etwas beeinflussen würde.
Er könnte mit Scully ein Lotterleben mit Chips und Chicoreesalat (für sie) in diesem eigentümlichen blauen Bett beginnen.
Er erkannte zwei Haken an dieser Überlegung:

Erstens: Walter Skinner, der in der Küche irgend etwas brutzelte, das bis hier oben nach Omelett oder Ähnlichem duftete, würde es nicht tolerieren.
Zweitens: Scully würde auch nicht mitmachen, außer vielleicht in ihrer jetzigen Verfassung. Er wollte Scully lieber in ihrer alten Verfassung, zwar mit Salat jedoch ohne Müßiggang.

Deswegen schälte Mulder sich kurze Zeit später aus den Decken, tastete sich durch das Dämmerlicht auf die drei quadratischen Dachfenster zu, zog die Jalousie auf und verharrte kurz.

„Scully, das musst du sehen.“ flüsterte er, auch wenn durch die Fensterscheibe sowieso jeder Laut vor der Außenwelt verborgen blieb.
Er reichte ihr die Hand und zog sie zärtlich aus dem Bett ans Fenster, während er selbst hinter sie trat und ebenfalls mit dem Kinn auf ihrem Kopf erneut staunend hinaus blickte.

Es waren Hirsche, schon in ihrer Winterfärbung, seidig und majestätisch schritten sie über das goldenorangene Stoppelfeld. Völlig frei und furchtlos auf einer meilenweiten Ebene. Allen voran ein erwachsenes Tier mit prächtigem Geweih. Es warf den Kopf in seiner vollen Glorie in den Nacken und rief die Rotte zusammen.

Mulder fuhr Scully übers Haar und zog sie ohne ein Wort an sich, während sie dem Schauspiel zusahen, bis die Tiere sich im Sonnenaufgang auflösten.
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Als sie die Treppe herabgestiegen waren, erwartete sie ein köstliches Frühstück, mit einer an Mulder gerichteten Anleitung, wie die Einzelbestandteile auf dem Herd zu erwärmen wären, jedoch keine Spur von Skinner.
Dieser hatte allerdings eine Notiz darüber hinterlegt, dass er noch einige Besorgungen tätigen würde aber gegen Nachmittag wieder zurück wäre.

„Scully, du hast nichts gegen lauwarme Kost einzuwenden, wenn das Menü ansonsten Fünf-Sterne-Niveau erreicht, oder?“ fragte Mulder, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Gut, denn ich werde nun servieren. Kochstellen sind schon seit Urzeiten völlig überbewertete Erfindungen.“ Er schaufelte ihr Ei auf den Teller und dekorierte mit einem Bagel.

Scully kaute langsam, immerhin nahm sie jedoch fast alles zu sich.
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Den restlichen Tag verbrachte Mulder damit, sich mit der neuen Behausung, welche im Übrigen keinen Keller aufwies, vertraut zu machen. Zwischendurch musste er immer wieder Pausen einlegen, seine Verletzungen setzten ihm doch noch mehr zu als er sich eingestehen würde.

Ein weiterer Abend zog über die Stoppelfelder.

Mulder hatte Scully, die immer wieder auf dem Sofa weggesackt war, schließlich ins Bett gebracht.
Sie schlief viel seit ihrer Rettung, er wünschte sich für sie, dass es ein Zeichen dafür war, dass ihr Körper und Geist Kraft sammelnd das Erlebte verarbeiteten.

Im unteren Wohnbereich hing die Verandatür halb offen in den Angeln und knirschte verwegen im Wind, als er zurückkam.
Mulder trat hinaus, denn auf der Veranda vermutete er seinen ehemaligen Vorgesetzten.

Skinner stand, über das Geländer gelehnt, unweit entfernt und ließ den Blick über die nachtblauen Felder gleiten.

„Draußen ist es zu dunkel für einen allein.“ stellte Mulder fest, wobei er sich neben ihn gesellte.

„Mulder...“ Skinner drehte sich aus seinen Gedanken gerissen abrupt um. „Wie geht es Scully?“

„Das alte Spiel. Sie reagiert nicht, sie hat sich in ihr eigenes kleines Universum zurückgezogen und lässt mich an der Pforte stehen. Ich hoffe, es wird besser mit der Zeit. Heute früh hatte ich kurz das Gefühl.“

„Ich tue das nur sehr ungern aber ich werde morgen Vormittag wieder abreisen müssen.“ gab Skinner eine unbequeme Neuigkeit preis. „Man erwartet mich in einer äußerst dringenden Sache im FBI zurück. Dieser Ausflug hier war nicht eingeplant. Obwohl es mir wirklich nicht recht ist, Sie beide in Ihrer derzeitigen Verfassung allein zurückzulassen... Mulder, ich wollte Ihnen eine Unterstützung zur Seite stellen, deshalb war ich heute in der Stadt aber ich konnte absolut niemand Vertrauenerweckenden finden. Meinen Sie, Sie kommen allein klar?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Sir. Sie haben wirklich mehr für uns getan, als wir es je erbitten durften. Ich bin gern allein. In diesen Zeiten weiß man ja doch nie, auf wen man trifft und ob dieser einem zufällig gerade den Arm auskugeln will oder sonst etwas....“

„Wohin führt das alles?“ fragte Skinner bedächtig, nachdem sie eine Weile den Nachthimmel angeschwiegen hatten. „Damals, als ich in Vietnam stationiert war und auch heute wieder, beschäftigt mich die Frage, ob wir wirklich eine Chance haben. Ob nicht alles von vornherein zu grausam und rau ist, um sich auf Dauer entgegenzustellen. Warum Leben auch gleichzeitig einen ewigen Kampf zu bedeuten scheint, in dem doch das einzige Ziel erneut das Überleben ist. Und was haben diejenigen Überlebenden am Ende davon, außer erneut kämpfen zu müssen?“

Mulder war überrascht. „Skinner, Sie stellen zu viele Sinnfragen zu solch einer späten Stunde.“

Er schaute, als alles still blieb, herüber und nahm wahr, dass sein Gegenüber wirklich auf eine Antwort hoffte.

„Ich denke, es kommt nicht auf den Kampf an, sondern darauf, auf welcher Seite man steht und ob man sich dabei selbst noch erkennt. Auf die Hoffnung als Antrieb, auch wenn sie nur eine Illusion darstellen sollte. Menschen sind gut darin, sich Illusionen hinzugeben. Sogar bei denjenigen, die einen Pakt mit den außerirdischen Verschwörern schlossen, ist das so.“

Skinner ließ die Schultern hängen, obwohl er die Arme auf dem Geländer aufgestützt hatte. „Manchmal wüsste ich nur einfach gern, wo ich an dieser Stelle meinen Platz finde.“

„Ich glaube, Sie wissen es, Sir.“ resümierte Mulder, bevor er sich nach einem letzten Blick auf den Sternenhimmel und sein Gegenüber wegdrehte und ins Haus zurückzog.
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Das unwirkliche Licht aus rechteckiger Quelle tauchte den Raum in eine schummrige Künstlichkeit, vom menschlichen Auge nur als Täuschung wahrnehmbar.

Er hatte sein Notebook auf dem Couchtisch deponiert und war selbst einmal in das ausgesessene Sofa gesunken, das ihn bereitwillig aufnahm.
Er musste noch arbeiten, einige E-mails checken und Dokumente durchsehen, die keinen Aufschub duldeten. Es würde ein langer Abend werden.

Mulder war bereits in die obere Etage zu Scully verschwunden.

Er beneidete die beiden trotz allem ein wenig, obwohl er wusste, dass er es nicht durfte. Sie hatten schlimmste Qualen erlebt und ihre Identität verloren. Aber von ihnen lösten sich damit auch alle Zwänge, sie brauchten keine Drahtseilakte mehr zu vollführen, sie konnten jegliche Verantwortung weit von sich schieben aber vor allen Dingen hatten sie einander.

Er unterbrach die Grübelei, um sich neuerlich Indizien eines aktuellen Falles vorzunehmen, die untergebene Agenten für ihn während seiner Abwesenheit zusammengetragen hatten.

Dann, ein leises Knirschen von Holz. Er horchte auf.
Treppenstufen, getreten mit äußerster Vorsicht.
Nackte Füße auf alter Eiche.

Letztendlich stand sie vor ihm. Er war verwirrt.
Sie sah ihn direkt an, als sie in ihrem grauen Sweatkleid, das nun anscheinend auch noch zum Nachthemd umfunktioniert worden war, vor dem Tisch stoppte und innehielt.
Ob er Mulder wirklich mit ihr allein lassen sollte? Es reichte, wenn dieser sich selbst nicht die Bohne um Etikette scherte aber wenigstens Scully konnte er doch in einem zumindest äußerlich gesellschaftsfähigen Zustand belassen.

„Scully, was ist denn?“ fragte Skinner sanft.

Sie blickte ihm weiter stumm ins Gesicht.

Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete sie unter äußerster Kraftanstrengung doch die trockenen Lippen und stieß mit vom langen Nichtgebrauch rauer Stimme halb flüsternd hervor: „Sir, ich weiß, niemand darf uns hier nur erahnen aber würden Sie bitte, wenn Sie wieder nach Washington zurückgekehrt sind, meine Mutter kontaktieren? Nicht um ihr unseren Aufenthaltsort mitzuteilen, nur, um sie in Kenntnis davon zu setzen, dass ich in Sicherheit bin.“

Skinner griff nach ihrer Hand und drückte sie zum unsichtbaren Pakt.
„Ich werde es tun.“ versprach er.

„Danke.“ entgegnete sie knapp, zog sich zurück und stieg die Stufen herauf.
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Am nächsten Morgen fuhr Skinner davon.
Mulder und Scully sahen ihm von der Veranda aus nach.
Scully hatte sich wieder in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, Mulder ahnte nichts von dem, was letzte Nacht geschehen war.

Es würde ein schöner Tag werden, schon jetzt war kein Wind zu spüren und die Morgensonne wärmte noch angenehm mild. Er baute Scully ein Lager in einem Korbstuhl auf der Veranda, damit sie es wegen ihres hellen Teints schattig hatte, jedoch trotzdem den weiten Blick genießen konnte.

„Scully, bitte lass mich in deine Welt.“ versuchte er es abermals, als er vor ihr kniete, um ihr eine Decke über die Beine legen. Doch sie konnte nicht, denn sie hatte keine.

Mulder beobachtete sie eine Weile angelehnt an das Geländer.
Unruhe kroch in ihm hoch, als ihm seine neue Verantwortung gegenwärtig wurde und die Tatsache, dass er sich nicht entziehen durfte, dass er erneut eingeengt war, unfähig zur Flucht.

Er musste sich körperlich bewegen, um nicht verrückt zu werden. Der Drang schien übermächtig, trotz aller Zerrungen und Prellungen.
Er kniete sich wieder vor sie, versuchte zu ihr vorzudringen, seine eigene Angst vor ihr sicher verbergend.

„Scully, ich jogge eine Runde, nur dort über die Felder. Ich werde dich die ganze Zeit im Auge behalten und sofort zurück sein, falls etwas nicht in Ordnung ist.“

Nach einem letzten Blick über die Schulter lief er davon, damit er wieder zurückkehren konnte.
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Die Zeit zog ins Land. Das Leben zog an ihnen vorbei. Es war bereits Mitte Oktober.
Sie wurden zu Einsiedlern inmitten rot, orange und gelb glühender Natur.

Scullys Zustand hatte sich wenig verändert. Manchmal redete sie. Meistens saß sie im Schaukelstuhl in einem ungenutzten, vom Wohnraum abzweigenden Lesezimmer und sah einfach in die weite Landschaft hinaus.

Mulder brachte ihr von seinen Ausflügen die letzten Wildblumen mit, gepflückt am Wiesenrand eines schmalen Grabens, der die Felder eingrenzte.
Hellblaue sternförmige Blüten, die ihn an ihre Augen erinnerten.
Er stellte die Blumen in einem Wasserglas vor sie auf den Schreibtisch, während die Kufen des Schaukelstuhles auf dem Holzboden knirschten.

Mulder nahm auch Scully selbst mit auf seine Streifzüge und lange Spaziergänge, er führte sie durch seine neue Welt.
Er zeigte ihr, was er entdeckt hatte, sei es ein Dachsbau oder die letzten Ähren am Feldrand, die der Mähdrescher achtlos, da für ihn unerreichbar, für die Feldmaus in ihrem Unterschlupf gleich nebenan stehen gelassen hatte.

Mulder erzählte Scully das Märchen von Däumelinchen, welches wiederum von genau dieser Maus entführt wurde.
Er erinnerte sich daran, dass eben jenes Märchen früher Samanthas Lieblingskinderbuch gewesen war. Sie konnte es fast auswendig, er selbst letztendlich auch, so oft hatte er ihr daraus vorgelesen, wenn seine Mutter anderen Interessen nachging als ihren Kindern. Er hatte das Gefühl, dass Scully ebenfalls manchmal zuhörte.

Mulder betrachtete sie in ihrem kornblumenblauen Kleid mit passender Strickjacke vor dem gemähten Getreidefeld, über welches eine Schicht Blattgold wie ein zarter Schmelz gestäubt schien. Ihr kupferfarbenes Haar wehte im Wind, als ob es in die Landschaft hineinfließen wollte, wie eine Lichtgestalt oder Prinzessin aus den Illustrationen des Buches.

Sie beäugte konzentriert das Mauseloch, gleichzeitig hatte sie lange Zeit dort drinnen Platz genommen, obwohl ihr Körper doch hier mit ihm auf dem Feld verblieb.

Mulder trat an Scully heran, um sie von hinten in die Arme zu schließen und begann, seine Lippen nah an ihrem Ohr, leise zu erzählen:

„Die Feldmaus lebte in einem Loch unter der Erde, verborgen vor der restlichen Welt. Sie hatte dort alles, was für den Winter wichtig war. Eine gut gefüllte Speisekammer und eine herrliche Küche. Sie wollte das arme Däumelinchen bei sich aufnehmen, wenn es ihre Stube kehren und ihr Geschichten erzählen würde, damit sie gut unterhalten wäre. Däumelinchen tat, was verlangt war und hatte es dafür außerordentlich gut.

Einmal kündigte sich Besuch an. Der edle Gast wurde schon im Vorhinein von der Feldmaus angepriesen, aufgrund seines Samtanzuges und seines riesigen Palastes mit ganzen Gangsystemen, in denen es herrlich war zu wandeln.
Er könnte darüber hinaus einen wirklich vortrefflichen Gemahl für Däumelinchen abgeben, reicher und gebildeter, als irgendwer es sich jemals vorstellen könnte.
Nur die schönen Blumen mochte er nicht leiden, denn er hatte sie nie gesehen, weil er blind war.
Däumelinchen würde singen müssen und die liebsten Geschichten erzählen, um ihm zu schmeicheln.

Der Maulwurf erschien. Er hatte einen Gang von seinem Bau zum Mauseloch gegraben, in dem er auch Däumelinchen und der Feldmaus gestattete, spazieren zu gehen. Sie sollten sich aber nicht vor dem toten Vogel fürchten, der dort im Herbst gestorben und unter der tiefen Erde eingefroren war. Er hätte ihn versehentlich mit ausgegraben, während er den Gang buddelte.

Als Däumelinchen durch den Tunnel schlich, entdeckte es die tote Schwalbe, auf die ein Hauch von Tageslicht ins Dunkel fiel, weil sich direkt darüber ein Maulwurfshaufen befand.
Der Vogel hatte die schönen Flügel an die Seiten gedrückt, den Kopf und die Füße unter die Federn gezogen, er war sicher vor Kälte gestorben. Das tat Däumelinchen sehr Leid, denn sie mochte, im Gegensatz zu ihren Gefährten mit Überbiss und langen Fingernägeln, die kleinen Vögel, die ihr im Sommer so schön vorgesungen hatten.
„Es muss doch erbärmlich sein, als Vogel geboren zu werden, zum Glück wird keines von meinen Kindern je so sein! Ein solcher Vogel hat doch nichts weiter als seinen Gesang im Sommer und im Winter muss er verhungern.“ stellte der Maulwurf fest.

Doch Däumelinchen konnte sich nicht abwenden.

Eines Nachts stand es dann heimlich auf und flocht einen Teppich aus Stroh und Grashalmen. Es brachte ihn dem Vogel, auf dass er es warm haben und nicht mehr auf dem kalten Boden liegen sollte.

„Lebe wohl, du schöner kleiner Vogel, habe vielen Dank für deinen Gesang im Sommer, als die Bäume grün waren und die Sonne warm auf alles herab schien.“ flüsterte es und legte seinen Kopf auf des Vogels Brust.

Doch das Mädchen erschrak. Poch, poch tönte es in der Brust der Schwalbe, die gar nicht tot war, sondern nur betäubt von der Kälte.
Im Herbst fliegen alle Schwalben ins Warme, doch wenn eine sich verspätet, friert sie so, dass sie wie tot zu Boden stürzt und liegenbleibt, bis der kalte Schnee sie bedeckt.
Nur durch Wärme kann sie wieder ins Leben zurückfinden.

Däumelinchen zitterte, denn der Vogel war groß, größer als es selbst. Dennoch holte es von seiner eigenen Schlafstelle ein Kornblumenblatt, das es sonst als Decke benutzte und legte es dem Vogel vorsichtig über den Kopf.

In der nächsten Nacht schlich sich Däumelinchen erneut zu der Schwalbe und diese war wach aber sehr matt. „Ich danke dir für die Pflege, mein liebes Mädchen.“ flüsterte sie. Nun werde ich in den Süden fliegen.“
„Das ist nicht möglich, denn es ist Winter.“ erwiderte Däumelinchen, „Doch mach dir keine Sorgen, ich werde dich pflegen, bis der Frühling kommt.“

Als der Frühling da war, stand ein Abschied an. Die Schwalbe fragte Däumelinchen, ob es mitkommen würde, doch es konnte nicht. Es hatte der Feldmaus versprochen, bei ihr zu bleiben. Es litt sehr, als es der Schwalbe nachschaute, die durch das Maulwurfsloch in die warme Frühlingssonne davonflog, denn es hatte die Schwalbe so lieb.

Als der Sommer ins Land zog, hielt der Maulwurf schließlich um Däumelinchens Hand an. Es weinte, denn es wollte den griesgrämigen Kerl nicht heiraten, doch es blieb ihm nichts weiter übrig, als an seiner Aussteuer zu nähen. Die Feldmaus hatte extra vier Spinnen organisiert, die ihm beim Fäden verweben helfen sollten. Zum Herbst musste alles fertig sein, denn der Maulwurf wollte keinesfalls im Sommer heiraten, wo die Sonne brannte und die Erde zu hart zum Graben war.

Däumelinchen schlich sich ein letztes Mal aus der Tür des Mauseloches, bevor es für immer unter die Erde zurückkehren sollte, wand die Arme zum Himmel und rief über das goldene Stoppelfeld dem Wind entgegen: „Lebe wohl, du helle Sonne.“ Es schlang die Arme um eine kleine blaue Blume: „Grüß mir die Schwalbe, wenn du sie siehst!“

In diesem Moment hörte es Rufe am Himmel. Es war seine Schwalbe, die es gepflegt hatte und die erneut auf dem Zug in die warmen Lande war. Sie stieß zu Däumelinchen herab, um es willkommen zu heißen. Däumelinchen weinte, obwohl es erfreut war, den Vogel zu sehen und erzählte ihm davon, dass eine Heirat mit dem Maulwurf nicht mehr abzuwenden war.
Die Schwalbe fragte erneut, ob es mit ihr komme.
Und so stiegen sie gemeinsam auf aus der Dunkelheit und der hellen Sonne entgegen.
Däumelinchen fror in der kühlen Luft aber dann verkroch es sich in das warme Daunenkleid, so dass nur noch der Kopf herausguckte und es unter sich die Landschaft, Flüsse und Berge betrachten konnte.“

Mulder schloss seine Erzählung, indem er Scully noch dichter heranzog und mit in seine Jacke wickelte, so dass nur noch ihr Gesicht zu sehen war.

Dann zog er sie fort, auf den Feldweg zurück.
Noch lange schaute sie sehnsüchtig dem Mauseloch hinterher, bis sie es schließlich nicht mehr erkennen konnte.
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Sie gingen nebeneinander, er hielt sie eng umschlungen.

Plötzlich blieb Scully stehen. Es war noch knapp eine viertel Meile bis zum Haus.

„Mulder, können wir nicht einfach immer weiter fliegen? Die Welt ist so übersichtlich von oben, all die Felder und Flüsse wie Schachbretter in ihrer Umarmung.“

„Ich befürchte, es ist unmöglich, weil wir doch auch ein Teil davon sind. Jede Schwalbe muss einmal landen, wenn es auch nicht gleich ist, wo sie es tut.“

„Meinst du, es ist wirklich möglich, neu anzufangen? War nicht alles zu viel, ist es überhaupt noch sinnvoll? Ich habe den Mut verloren und ich zweifle, ob ich ihn noch einmal wiederfinde.“

„Ich weiß es nicht mit Sicherheit aber ich verspreche, ich werde dir suchen helfen mit allem, was ich kann, für uns beide.“

Er begann zunächst einmal damit, die Maulwurfshaufen am Wegesrand plattzutreten, als sie gemeinsam den Heimweg bestritten.
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Am darauffolgenden Nachmittag war Mulder verschwunden. Wahrscheinlich auf einer seiner Joggingtouren.

Scully tigerte eine Weile unschlüssig im Haus umher und wusste nicht recht, was sie mit sich anfangen sollte. Es war so leicht gewesen, nichts entscheiden zu müssen.
Sie inspizierte das Bücherregal im Lesezimmer, um sich bald danach mit einem Sammelband vergangener französischer Dichter auf dem ausgesessenen Sofa in die gemusterte Decke einzurollen und zu warten. Worauf, das wusste sie selbst nicht.

Langsam schlich der restliche Tag vorbei und es wäre eigentlich an der Zeit für ihr Schinken-Käse-Sandwich gewesen. Jetzt, wo Mulder das Gefühl hatte, dass sie nicht mehr komplett unbeholfen war, musste sie auch prompt um ihre Verpflegung fürchten.
Sie wollte sich gerade missmutig aus dem Plaid wickeln, um zum ersten Mal selbstständig den Kühlschrank zu inspizieren, als sie etwas vor der Haustür rascheln hörte.

Mulder war zurück oder doch jemand anderes? In den letzten Wochen hatte sich kein Mensch hier blicken lassen und es wäre ihr auch vollkommen egal gewesen, wahrscheinlich hätte sie es nicht einmal wahrgenommen, doch jetzt pochte ihr Herz.

Dann stand Mulder vor ihr und wurde sich sofort der neuen Lage bewusst.
„Scully, ich wollte dich nicht erschrecken, ich dachte, du würdest immer erkennen, dass ich es bin.“ murmelte es schuldbewusst.

„Mulder, wo warst du?“

Er antwortete nicht, stattdessen zog er sie an der Hand von ihrer Liegefläche hoch und die Treppe hinauf.
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„Lass uns ein paar warme Sachen heraussuchen.“ forderte er sie, bereits mit dem Gesicht halb im Kleiderschrank steckend, auf, „Ich möchte dir etwas zeigen!“

Irritiert tat sie selbst wie geheißen, das Leuchten in seinen Augen war wie eine Aufforderung. Sie konnte es ihm nicht ausschlagen, nicht nach dem, was er in den letzten Wochen mit und wegen ihr durchgestanden hatte. Was jetzt kam, konnte nur besser sein, egal was es war.

Und es war viel. Um genau zu sein, kam hier die Probe einer Zukunft über der Erdoberfläche, wie Mulder in einem Enthusiasmus darlegte, der keinen Widerspruch duldete, als sie gemeinsam über die Felder schritten.

Sie konnte es schon von weitem ausmachen. Das Ziel an der Stelle, wo die blauen Blumen wuchsen unter einem uralten Quittenbaum.

Sie liefen langsam und wollten die Möglichkeiten im Leben noch etwas auskosten, bevor der Endpunkt erreicht war. Danach würde es kein Zurück mehr geben, sie wussten es beide und schritten doch erhobenen Hauptes, denn sie taten es für einander.

Allmählich konnte sie ein Lager aus Isomatten, Decken und dem blauen Folterüberwurf aus dem Schlafzimmer erkennen. Sie ahnte noch nicht, dass jede Nacht, die sie zukünftig unter dieser Decke verbringen würden, einen Teil des Herbstgoldes, dieses ewigen Lebens und des Nachthimmels in sich trüge.

Galant verwies Mulder mit einem halben Diener auf das Quartier, was der Aufforderung gleichkam, unter dem Blätterdach Platz zu nehmen.
Scully tat es, noch immer sprachlos, fast wie seinerzeit.
Mulder gesellte sich zu ihr, erwartungsvoll wie ein kleiner Junge und schließlich doch verlegen in der Stille, begann er die Falten der Decke glattzustreichen.
Letztendlich wand er sich um und barg eine Picknicktasche aus dem Hinterhalt, welche ein so unvergessliches Aroma verströmte, dass die Grillen im tief stehenden Sonnenlicht zu zirpen begannen.

„Ich habe beschlossen, die Schinken-Käse-Diät an diesem Abend durch urgetreues amerikanisches Essen abzulösen. Chinesisch hatte momentan noch einen zu üblen Beigeschmack, ganz abgesehen davon, dass in dieser Einöde keine ausländischen Restaurants existieren.“

Sprachs und tafelte auf. Zunächst mehrere Schalen gefüllt mit honiggelben gegrillten Maiskolben, den krossesten Rippchen und saftigen Hähnchenflügeln, gefolgt von dampfenden Backkartoffeln nebst Sour Cream und panierten Butterbohnen. Zu guter Letzt überreichte er Scully eine mit blauen Blüten dekorierte Schüssel gemischten Salates.

Grazil wurde das Gefäß von ihren Händen umschlossen. Eine rote Strähne kräuselte sich hinter dem Ohr. Ihr Haar war länger geworden in der kurzen Zeit, wilder im Spiegel der Sonne über dem Stoppelteppich. Sie gehörte hierher unter diesen Baum und nirgendwo sonst hin.

Sie aßen und sogen die milde Herbstluft ein. Sie durchflutete die Seele, wie ein Atemzug der Schöpfung, ein Lebenshauch.
Mulder wusste, wenn etwas sie retten konnte, dann das hier. Es hatte eine Macht über ihn, die allumfassend war. Er hoffte, dass es für Scully genauso sein würde.
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Nachher verdauten sie aneinander geschmiegt auf den Decken ihr opulentes Mahl, die Köpfe gegen den Baumstamm gelehnt und beobachteten dicke Motten tanzend in Silhouetten vor dem Theater der versinkenden Sonne auf kupferfarbenem Parkett.

Scully liebte es, mit der Hand in den Sand zu greifen und ihn anschließend durch die Finger rieseln zu lassen, das hatte sie schon als Kind gern getan. Vergänglichkeit und doch immer wieder neue Sandberge.
Mulder hingegen schoss, bloß halb aufmerksam, Spitzwegerichblüten umher, indem er die Stängel zunächst um einen Finger wickelte und dann spannte. Sie lauschten dämmrig und satt in sich und die Welt.

Die Welt begann zu zwitschern.
Interessiert richteten sich beide Ex-Agenten fast lautlos ein wenig auf, um nach oben zu blicken. Ein zierlicher, fideler Vogel, braun-weiß gemustert mit rötlicher Nackenpartie, war eingeflogen, um in der Baumkrone Platz zu nehmen und ebenfalls den weiten Blick über die Landschaft zu genießen, wie es schien.

„Den habe ich als Special Effect bestellt.“ flüsterte Mulder. „Schwalben waren aus – akuter Däumelinchenbefall. Aber dieser kleine Kerl hier ist auch nicht übel.“

Wie auf Kommando stimmte der Vogel erneut sein Abendlied an, eine Folge von hurtig aneinandergereihten Rufeinlagen, fast ein bißchen schwatzhaft.

„Das ist ein Rotkopfwürger. Er wird deine Zukunftspläne aus dir herausquetschen.“ ergänzte Mulder an Scully gerichtet.

„Mulder, hör auf, mich aufzuziehen, eine solche Vogelart gibt es nicht.“ versicherte sie mit Nachdruck.

„Scully, wenn ich es dir sage. Ich denke, du warst bei den Pfadfindern und ich schwöre, dass genau dieser Vogel früher in unserem Naturführer abgebildet war. Willst du wetten?“

„Okay, der Verlierer entkernt die Kammer mit den Jagdtrophäen unter der Treppe zum Obergeschoss. Ich werde gleich morgen googlen.“

„Bis du den wirklichen Namen dieses sangesfreudigen Tieres akzeptierst, können wir uns eventuell auf eine Übergangslösung einigen.
Wie wäre es beispielsweise mit Scullus-Scullus, dem roten Blitz der Lüfte?“

„Rot-Fox, dem Schrecken der die Nacht durchflattert?“

„Er knickt gerade den Flügel weg...Alex, der ekatarinburgischen Elster?“

„Grauspecht, extraterrestrischer. Oder doch eher Grünspecht? An dieser Frage scheiden sich ja seit jeher die Geister. Also das Alienbaby damals in der Kyrokammer war grau. Oder was meinst du, Mulder?“

„Buntspecht, da Formwandler-Alien.“

Dem namenlosen Vogel wurde es allmählich wirklich zu bunt, er schwang sich in die Lüfte und suchte ein ungestörteres Nachtquartier um Kraft zu schöpfen für seinen Zug nach Süden.

„Jetzt hast du ihn verjagt.“
„Nein, ich habe ihn durchschaut und er wollte seine Tarnung nicht auffliegen lassen. Nun ist die Wahrheit wieder irgendwo dort draußen, wie immer. Und du, welche Wahrheit ist in dir?“

Mulder traute sich nicht, sie anzublicken, als er die unausweichliche Frage formulierte, stattdessen begann er, Windlichter im Baum und auf der Erde anzuzünden. Flammen wisperten seidig im Goldgelb der gemähten Halme und zwischen dünnem Geäst, tanzend wie Glühwürmchen.

„Setz dich zu mir, Mulder und sieh mich an. Ich möchte, dass wir es gemeinsam entscheiden.“

Er schlüpfte zu ihr unter die nachtblaue Decke. Sie saßen an den Baumstamm gelehnt und betrachteten die Sterne.

„Worüber denkst du nach?“ wollte Mulder nach einer Weile wissen. Scully fuhr ertappt in sich zusammen. Sie wand sich unter seinen Blicken.

„Mulder, damals in der Militärbasis...“ begann sie zögernd. „Sie haben mir Fotos gezeigt. Sie wissen, wo William ist. Ich dachte, dass ich alles umsonst getan habe. Dass ich es ihm niemals hätte antun dürfen, wenn es doch nur erfolglos sein konnte. Dass sie immer wussten, wo er ist. Dass sie uns in der Hand hätten. Dass wir absolut nichts mehr tun könnten.“

Mulder erschauderte und seine eigenen schrecklichen Erinnerungen kehrten zurück. Der Aspekt mit den Fotos war ihm allerdings neu.

„Und was denkst du jetzt?“ wollte er wissen, während sie ihn in die Arme schloss und seinen Kopf näher an ihren Körper zog.

„Er sah so glücklich aus, Mulder. Sie sorgen gut für ihn. Er schien nichts zu vermissen, er schien uns nicht zu vermissen, sich nicht zu erinnern.
Vielleicht war nicht alles umsonst. Sie können uns verbieten, nach ihrer Wahrheit zu suchen aber nie nach dem Wahren und Guten überhaupt, demjenigen, was letztendlich das Leben lebenswert macht. Indem uns Leben gewährt wird, wird es uns stets begleiten in Nächstenliebe und unserer Menschlichkeit und wir sollten dankbar sein, dass es für uns möglich ist, es wahrzunehmen und zu erkennen, solange, wie wir können auch wenn es irgendwann vorbei ist.“

„Macht es dir keine Angst, Scully, dass es vorbei sein wird?“

„Nicht so sehr, wie die Vorstellung, einer von ihnen zu sein und all dieser Erfahrungen blind verwehrt zu bleiben. Denn das ist wirklich kein Leben.
Ich möchte eine Aufgabe haben, Mulder. Ich möchte Menschliches, Sinnvolles tun. Etwas das mir Halt gibt. Vielleicht könnte ich als Ärztin praktizieren, mich weiter qualifizieren, um uns finanziell über Wasser zu halten. Ich möchte Kinder in Situationen unterstützen, wo es mir bei meinen eigenen nicht möglich war. Unter der blauen Decke ist es ja ganz gemütlich aber irgendwann wird uns der Grund unter den Füßen davon schwimmen.“

„Eine gute Entscheidung, Doc. Ich werde dich als Hausmann abends mit Schinken-Käse-Sandwiches und gewienerten Böden empfangen.“

„Mulder, das ist nicht dein Weg. Du wirst einsam sein, ohne deine Leidenschaft, deine Suche. Du könntest verdeckt arbeiten, in Büchern Andere inspirieren zu suchen oder unter einem Pseudonym als Psychologe praktizieren, Skinner wäre es ein Leichtes, dir eine falsche Identität zu besorgen.“

„Ich werde nichts riskieren, Scully. Für dich und für William. Ich bin reifer geworden mit dir, weniger selbstsüchtig, ich werde es ertragen und mich wahrscheinlich pudelwohl fühlen. Ich war noch nie besonders gesellschaftstauglich, also ist das hier vielleicht meine Bestimmung...

Ich wäre auch kein guter Psychologe. Nicht unter diesen Umständen. Was sollte ich Patienten jetzt noch erzählen? Keine Bange, in zehn Jahren sind all ihre Probleme schlagartig vergessen, ich verrate Ihnen sogar das genaue Datum, wenn das Honorar stimmt?
Ich steige aus. Ich werde Landwirtschaft betreiben und uns selbst versorgen. Wir können auch einige Schweine und Kühe halten, für die Schinken – Käse – Sandwiches, was meinst du?“

„Lass uns lieber nur noch Käse-Sandwiches essen, unser letzter Exkurs in den Schweinestall von diesen drei mutierten Brüdern war nicht das Wahre. Aber unser Haus erinnert mich von der Lage und vom Aussehen her ein wenig daran. Wo genau sind wir hier eigentlich?“

Er raunte es ihr leise zu, denn es war geheim.
Sie nickte wenig begeistert.

Dann zog sie ihn unter die Decke, irgendwo im Nirgendwo. Unter dem Sternenzelt auf dem Stoppelfeld schliefen sie aneinander geschmiegt ein, als die Grillen auf den Gräsern durch die Nacht schwangen. Umgeben von mehr Himmel, weniger Erde und völlig frei von Metall.
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Morgen brach an. Tau tropfte von den Blättern. Zarte Fäden von den Zweigen bis hin zu den blauen Blumen, wie angeschlagene Saiten eines Instrumentes im Windhauch erzitternd und dabei selbst von zartesten regenbogenfarbenen Tropfen schimmernd. Spinnenweben als ein letzter Gruß des Altweibersommers.

Scully streckte sich und kam zu sich. Sie rekelte ihre schläfrigen Glieder und stellte fest, dass ihr trotz der Morgenfrische unter den Decken angenehm warm war und dass Mulder sie noch immer umfasst hielt und schlief.
Sie beobachtete eine Weile heimlich für sich allein die erwachende Natur. Es musste noch sehr früh sein, die Sonne stieg jetzt erst hinter dem Baum empor. Zarte Nebelschleier hingen direkt über dem Boden, die Wiesenblumen hielten die Blütenkelche eng verschlossen. Sie strich über eine hinweg, ein Tautropfen als Geschenk und Versprechen rann ihre Hand entlang. Ein Abschied ist schmerzlich und tränenvoll aber es wird ein neuer Frühling kommen und neue Hoffnung wachsen lassen.

Erst nach einer kleinen Ewigkeit wurde ihr bewusst, dass Mulder sie inzwischen von der Seite beobachtete.

Versunken im ersten wirklichen Kuss der neuen Zeit hörten sie in der Ferne den Formwandler-Alien zwitschern.

„Wir sollten ihn Walter nennen.“ flüsterte Mulder, nachdem sich ihre Lippen voneinander lösten, „Weil er uns fand als wir ihn am dringendsten brauchten.“
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Mulder räumte die frisch angelegten Sammelmappen für Zeitungsartikel verschiedener Rubriken in sein neues Arbeitszimmer und ehemaliges Lesezimmer ein.
Den Schaukelstuhl ließ er weiterhin für Scully in diesem Raum stehen. Vielleicht würde sie ihn von Zeit zu Zeit brauchen, wenn die Vergangenheit sie bei ihrer Arbeit einholte.
Momentan jedoch trug sie einen Wildschweinkopf mit gigantischen Hauern aus der Kammer unter der Treppe, die sie gerade entkernte, an der Bürotür vorbei und warf einem begnadeten Vogelkundler gespielt wütende Blicke zu.
Das konnte er selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen, so dass er sie, als sie das nächste Mal von der Mülltonne draußen zurückkehrte, mit einem aufgesetzten Bärenkopf mit aufgerissenem Maul hinter der Haustür bereits freundlichst erwartete...
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Draußen wurde es kühler, drinnen wärmer. Es war ihnen über die Zeit hinweg gelungen, sich das Haus mehr und mehr zu eigen zu machen.

Mulder konnte noch immer nicht fassen, dass er jemals mit jemandem wirklich zusammen leben würde, dass es Scully war, es konnte nur Scully sein. Sie hatte sich weitestgehend erholt und meisterte ein relativ normales Leben. Über ihre Gefangenschaft redete sie nicht gern. Sie könne wenig erzählen, sagte sie, nur über die Fotos und ein Gespräch, sie wüsste sich jedoch an keinerlei Personen oder Örtlichkeiten zu erinnern. Teilweise Amnesie, wie sie anführte, teilweise Gehirnwäsche, wie er vermutete.

Scully hatte eine Stelle als Assistenzärztin auf der Kinderstation im nahe gelegenen katholischen Krankenhaus angenommen, wo sie den praktischen Teil ihrer Ausbildung absolvierte. Die Dienste waren lang und unterbezahlt aber erfüllend für sie. Für ihn bedeuteten sie zähe Tage und Nächte allein im neuen Haus, oder Zuhause, wie Scully es zu nennen pflegte.


Er streifte durch den verwilderten Garten, machte ihn urbar und war gerade dabei, eine alte verbogene Eisentonne, in die das Führungsrohr der Regenrinne mündete, freizulegen. Sie lief über wie eine stete Quelle, denn das Ablaufventil war von Laub und Schmutz verstopft. Er betrachtete interessiert die Korrosionen am Rand, welche sich wie eine Landkarte in altes Metall fraßen. Einstweilig traf ihn die Erkenntnis wie ein Faustschlag.
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Scullys weiße Limousine rauschte den Feldweg entlang, ein erlösendes Geräusch.
An manchen Tagen saß er einfach nur in ihrem Schaukelstuhl und lauschte, bis eben dieses Geräusch ihn ins Leben zurück holte.
Er ging ihr in Jeans, Gummistiefeln und Wetterjacke schlaksig entgegen.
Sie war schön und professionell wie eh und je und konnte in Cashmeremantel, schwarzer Stoffhose und Pumps keinen größeren Kontrast zu ihm bilden.
Sie stahl sich einen Kuss von seinen kühlen Lippen.

„Doc, folge mir schnell, ich möchte dir etwas zeigen.“ tat er geheimnisvoll und zog sie unter Protesten ihrerseits durch das Gestrüpp in den hintersten Gartenteil.

„Mulder, lass mich mich erst einmal umziehen, ich muss morgen wieder halbwegs zivilisiert aussehen, auch wenn ich in der Wildnis lebe.“ aber es gab kein Entkommen, bis sie die Regentonne erreicht hatten.

Scully klopfte sich pikiert drei Kletten vom Cashmeremantel.
„Was hat das zu bedeuten, Mulder? Vielleicht bist du doch schon zu lange allein hier.“ brachte sie unter dem Heben einer Augenbraue hervor.

Er deutete wissend auf die Roststellen, doch sie erschloss immer noch nicht, was er ihr damit erörtern wollte.

„Knowle Rohrer, Scully. Du sagtest sein Organismus wäre auf Basis von Eisenverbindungen aufgebaut.“

„Mulder,“ sie hatte inzwischen in den Modus gewechselt, der früher als Reaktion auf Schilderungen von blutsaugenden Monstern o.Ä. vorbehalten war, „du versuchst nicht gerade, mir zu erklären, dass Supersoldaten aufgrund ihrer Physiognomie bei ungünstigen Witterungsverhältnissen anfangen zu rosten?!“

„Schöner hätte ich es nicht formulieren können.“ stellte er beherzt fest. „Wie würdest du es sonst begründen, dass er uns im Wald nicht folgen konnte? Ist es nicht wahrscheinlich, dass die ultimative Natur dem Unnatürlichen mehr zusetzt, als jede Waffe? Sauerstoff und Wasser, Scully, das ist das ganze Geheimnis. Es widerspricht seiner Körperstruktur. Es ist das Selbe, was passieren würde, wenn du dich an Feuer verbrennst. Es kommt auf die Dosis an. Er zog sich zurück, bevor es ihn zerstörte aber es schwächte ihn und benötigte Zeit zum Heilen.“

„Wie ist es um mein Käse-Schinken-Sandwich bestellt, Mulder? Ich teile nicht gern mit Aliens, weder Sandwiches, noch dich.“

Sie wollte nicht, dass es sie beide so schnell wieder einholte.

„War das ein Angebot, Scully?“

„Bereit, wenn du es bist.“



Ende





Däumelinchen habe ich bei H. C. Andersen entliehen.