Dunkle Seele

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
28.10.2015
29.02.2016
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PROLOG


Es war mitten in einer dieser stundenlangen Basteleien gewesen, bei der er bis zu den Schultern im Kabelsalat gesteckt hatte, um die Schaltkreise der TARDIS zu warten, als er sie sah, direkt vor seinen Augen, wie in einem Tagtraum. Rose hatte ein verweintes Gesicht und schluchzte heftig, und ihre Stimme füllte seinen Geist.

„Doktor... Hilf mir... Er ist außer Kontrolle... Rette uns...“

Sie war enervierend lebensecht, diese Vision, so greifbar, wie real. Geschockt hielt er für einen langen Augenblick inne, dann kämpfte er sich aus dem Gewirr der Kabel heraus und starrte blicklos vor sich hin. Was bei allen Kindern Rassilons hatte dies zu bedeuten?
Die Stimme war abrupt verstummt, die Bilder in seinem Kopf hatten sich aufgelöst und plötzlich fragte er sich, ob er einfach geträumt hatte, so wie die Male zuvor, als er diffuse Alpträume von Rose gehabt hatte. Abwesend griff er sich mit einer Hand an den Kragen und lockerte die Krawatte, als ob er an akuter Atemnot litt. Dann holte er tief Luft und trat an die Konsole - er würde die Sache überprüfen müssen.

Als er die Finger an die Tastatur setzte, bemerkte er das Zittern, das seine Hände erfasst hatte. Kaum konnte er die Eingaben machen und nur langsam schaffte er es, die relevanten Informationen abzurufen. Kurz schloss er seine Augen, versuchte sich zu beruhigen, sich mental zu entspannen, doch es gelang ihm nur mit großer Mühe.
Die TARDIS zeigte keinerlei Unregelmäßigkeiten an, die Atmosphäre war wie immer, ohne irgendwelche Spuren von äußeren Einflüssen. Er war somit keiner bewusstseinstrübenden Droge ausgesetzt, auch befand er sich zur Zeit geparkt im Gravitationsfeld der Erde des frühen 21. Jahrhunderts, in einer Umlaufbahn, die weit genug entfernt war von jeglicher irdischer Einflussnahme.

Nein, er konnte diesmal nicht einfach geträumt haben, dafür war seine rein körperliche Reaktion viel zu heftig gewesen. Mit jeder Faser seiner selbst hatte er diese Vision empfangen und erlebt, es war definitiv echt. Nervös fuhr er sich über seine Haare, es entstanden Szenarien vor seinem inneren Auge, die beunruhigender nicht sein konnten. Sie implizierten Ereignisse, die nie sein würden - aber auch welche, die hingegen sehr wahrscheinlich waren. Ihm wurde übel.
Lang verdrängte Überlegungen, verleugnetes Wissen um unangenehme Fakten, von ihm bequem in die hinterste Ecke seines Hirns verschobene Wahrheiten kamen mit einem Male an die Oberfläche zurück. Am liebsten wollte er sich verstecken, wollte rennen, soweit er konnte und es ignorieren, wollte so tun, als ob nichts sei. Doch das bedeutete, er ließ sie im Stich, ließ sie allein in einer Hölle, die er - und nur er allein - zu verantworten hatte.

So dumm war er gewesen! Dumm und einfältig. Wie konnte er nur denken, dass alles prima war, als er Rose mit seinem menschlichen Ebenbild am Strand zurückgelassen hatte! Wie hatte er nur annehmen können, dass der als Mensch erschaffene Metakrisen-Klon, seiner TARDIS und der Möglichkeit beraubt, endlos durch die Zeit zu reisen, einfach stillhielt und mit dem simplen Leben zufrieden war. Er hätte es besser wissen müssen - denn er kannte sich selbst viel zu genau, um so naiv zu sein.
Der Doktor wusste um seine eigene dunkle Seite. Und er hatte seine geliebte Rose dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert, sie in große Gefahr gebracht, nur weil er innerlich die Hoffnung hegte, ihr ein realistisches Leben mit „ihm“ zu ermöglichen.
Wie romantisch und wie dumm.
Nun würde er eingreifen und sie retten müssen. Wenn es denn so einfach war - denn die Koordinaten der TARDIS konnten nicht mal eben so auf jenes Paralleluniversum ausgerichtet werden, das er vor langer Zeit süffisant „Petes Welt“ getauft hatte. Hierzu musste er tricksen, doch er hatte einen Plan...




KAPITEL 1: Eine alte Bekannte


Die TARDIS landete mit ihren typischen Seufzern in der Geschäftsstraße des Londoner Vorortes. Die Tür öffnete sich und der Doktor trat heraus, der schwingende Saum des braunen Mantels umschmeichelte wie gewöhnlich seine Beine. Sein schweifender Blick kam auf der Gestalt zur Ruhe, die genau vor ihm auf dem Bürgersteig stand und den Mund völlig perplex offen stehen hatte.
„Nun sehen Sie mich nicht so überrascht an, Martha Jones!“ Der Timelord grinste spitzbübisch, während die Angesprochene langsam und abwesend die Hand mit dem Handy senkte, noch immer wie vom Donner gerührt.
„Aber-aber... ich hab Sie doch erst soeben angerufen“, entfuhr es ihr, dann schüttelte sie ihre Verwirrung von sich ab und lächelte glücklich. „Doktor, wie schön, Sie wiederzusehen!“
„Martha, Sie müssten doch genau wissen, dass ich Zeitreisender bin“, brummte er in gespieltem Vorwurf, doch er breitete einladend seine Arme aus. Beide drückten sich gegenseitig herzhaft an sich, dann ließ der Timelord ab und kam ohne Umschweife zur Sache.
„Was meinten Sie denn mit den Dingen, die Ihnen hier komisch vorkommen?“
„Na sehen Sie selbst!“ Martha drehte sich um und zeigte wahllos die Häuserfassaden entlang.

Böser Wolf. Überall. Egal, wohin er auch blickte.

Fassungslos raufte sich der Doktor die Haare, während sich ein außergewöhnlich flaues Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete. Es geschah also wieder, genauso wie es schon einmal passiert war. Die Erde oder sogar das gesamte Universum waren akut in Gefahr und der Böse Wolf verkündete es ihm in Form verstreuter Warnungen in Raum und Zeit.
Und er, der Doktor, würde sich aufmachen, sie alle zu retten, die Gefahr zu bannen.

Hals über Kopf stürzte er zurück in die TARDIS und zu seiner Konsole, tippte wie wild darauf herum.
„Doktor?“ Martha war ihm neugierig gefolgt, und nun stand sie mit vor der Brust verschränkten Armen mitten im Kontrollraum und betrachtete versonnen seine hektische Aktivität. Er hielt kurz inne und schaute grübelnd zu ihr herüber.
„Sagen Sie, ist sonst noch etwas Ungewöhnliches auf der Erde passiert? Vielleicht UFO-Erscheinungen oder etwas anderes?“ Er kratzte sich am Kopf, dann setzte er erregt hinzu: „Sie waren doch zuletzt bei UNIT angestellt, oder? Wissen die was Genaueres? Sollte ich den Brigadier konsultieren?“
Doch Martha schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht mehr bei UNIT, nicht seitdem die Daleks die Erde gestohlen hatten. Habe denen den Rücken gekehrt und seither ein paar Male Jack ausgeholfen, bin jetzt bei Torchwood unter Vertrag. Aber auch die wissen nichts - soweit ich darüber informiert bin.“

Er nickte dazu ernst und mit gerunzelter Stirn, der Name 'Torchwood' löste bei ihm noch immer unangenehme Gefühle aus.
„Doktor, kann ich irgendwie behilflich sein? Soll ich bei UNIT anrufen? Oder bei Jack nachfragen?“ Rasch zückte sie ihr Handy, doch er winkte lässig ab.
„Ich gehe davon aus, dass diese Warnung des Bösen Wolfs weniger die Menschen auf der Erde betrifft, sondern das Zeichen an mich persönlich gerichtet war. Das heißt, ich muss handeln. Sofort.“ Gestresst fuhr sich der Timelord mit der Hand über sein Gesicht.
„Das heißt also, Sie wissen bereits, worum es sich bei dieser Warnung, wie Sie es nennen, handelt?“ Die Medizinerin schaute überrascht. „Worum geht's? Und wer genau hat sie geschickt?“
„Rose“, antwortete er dumpf.

Jäh entglitten Martha die Gesichtszüge und sie presste ihre Lippen aufeinander; allein die Erwähnung dieser Frau löste in ihr altbekannten Frust aus. Es war ganz wie früher, jener Name folgte ihr wie ein Schatten.
„Aber... hatten Sie sie nicht gemeinsam mit dieser zweiten Version von Ihnen weiter mitgenommen? Es geht mich ja nichts an, aber wie waren Sie denn mit den anderen verblieben?“ Martha schaute sich in der TARDIS um, als würden plötzlich aus irgendeiner Ecke die anderen Begleiter auftauchen.
Auch der Doktor hatte eine bedrückte Miene aufgesetzt. „Kurz nachdem Sie gegangen waren, habe ich auch die anderen absetzen müssen. Und Rose ist gemeinsam mit meinem anderen, menschlichen Ich bei ihrer Mutter in der Parallelwelt geblieben. Es war besser so...“ Seine Stimme war kaum mehr zu hören, es fiel ihm schwer, es auszusprechen. „Auf diese Art hatte ich ihr ein Leben mit mir verschaffen können.“
Er schaute zu Boden und Martha kam mit einem Mal zu Bewusstsein, wie viel es ihn damals gekostet haben musste, die wiedergefundene Geliebte erneut ziehen zu lassen.

„Ich träume von ihr. Von Rose“, murmelte er und sah auf, starrte mit einem brennenden Blick vor sich hin. „Sie ist in Gefahr - vielleicht sogar die ganze Welt. Denn mein anderes Ich scheint zu einer Bedrohung geworden zu sein.“
Verwirrt hakte Martha nach. „Aber wie kommt es, dass jemand wie Sie zu einer Bedrohung für die Welt werden kann? Irgendwie kann ich das nicht glauben. Er ist doch Ihr Ebenbild, auch was den Geist angeht, oder nicht?“
Er nickte bestätigend. „Oh ja, er ist mein geistiger Zwilling, abgesehen von dem kleinen Schuss Donna. Mit demselben Intellekt, den identischen Erinnerungen und dem gleichen Charakter - denselben Abgründen.“ Bedeutungsvoll blickte er sie an. „Und genau dies ist es, was mir solche Angst einjagt!“

Es folgte eine bedrückte Stille, dann riss sich der Timelord zusammen und richtete sich auf. Mit einem Räuspern trat er wieder an die zentrale Konsole.
„Möchten Sie mich ein weiteres Mal begleiten? Wir müssen aber dann mit der TARDIS über die Grenzen des hiesigen Universums hinausfliegen und ich weiß nicht, ob mein altes Mädchen das so ohne weiteres mitmacht.“ Liebevoll tätschelte er den Korallenbogen, dann maß er Martha mit einem unergründlichen Blick. „Vor allem aber könnte es für Sie nicht ganz ungefährlich werden.“
Fragend hob er seine linke Augenbraue, als sie nicht sofort antwortete. Sie straffte sich, trat dicht vor ihn hin und sah ihn entschlossen an.
„Wenn ich in der TARDIS willkommen bin... dann werde ich dich begleiten, Doktor. Als deine Freundin.“
Sein erfreutes Lächeln war wie ein warmer Sonnenstrahl, als er sie sanft an den Schultern fasste.

„Martha Jones, du wirst mir immer willkommen sein! Als meine Freundin.“
Kurz zog er sie weiter an sich heran und schloss sie in die Arme. Dann grinste er plötzlich von einem Ohr zum anderen und während er an einem Hebel zog, ertönte lautstark sein Schlachtruf und hallte von den Wänden der TARDIS wider.
„Na dann: Allons-y!“
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