Sommerregen

von Aprilluna
GeschichteRomanze / P18
Andreas Kringge Martin Ferchert Michael "Mick" Brisgau Tanja Haffner Uschi
27.10.2015
21.04.2017
35
43.773
3
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
27.10.2015 1.235
 
In der augenblicklichen Situation ist leider viel Depri angesagt. Aber ist ja auch nachzuvollziehen, dass Mick und Tanja wegen ihrer Trennung im Moment nicht unbedingt aufgelegt sind, gute Laune zu versprühen.

Ich hoffe es gefällt euch trotz der vielen Depri!
Eure Aprilluna

____________________________________________________________


Erwartungsvoll standen die Kripobeamten im Foyer des Polizeipräsidiums in der Grugastraße in Essen und warteten auf ihre Chefin Tanja Haffner.
„Was Tanja wohl ankündigen will?“, fragte Andi seinem Partner zugewandt.
Der zuckte allerdings nur gleichgültig mit den Schultern. Er war der Einzige, der nicht voll Neugier ungeduldig auf Tanja wartete, zumindest gab er sein Bestes, nach außen hin so zu wirken. Sein Innerstes ging niemanden etwas an.

Seit der endgültigen Trennung vor einigen Wochen in Tanjas Büro hatten Tanja und Mick es zu einer wahren Meisterschaft gebracht, sich aus dem Weg zu gehen. Am liebsten wäre er auch gar nicht hier, die wenigen Male, die sie wegen eines Falles miteinander reden mussten, waren die reinste Hölle für ihn und so oft es ging, fand er irgendwelche Ausflüchte, dass Andreas allein mit ihr den Stand Dinge besprechen musste. Nichtsdestotrotz, wenn der „Chef“ rief, hatte er nun mal zu erscheinen. Tanja hatte nun mal die Nachfolge von Martin Ferchert, Micks Freund aus alten Tagen, vor ein paar Wochen angetreten. Zu allem Überfluss hatte Mick damit jedoch nicht nur eine Frau als Chef, sondern sie war auch noch seine Ex-Psychologin und seine Ex-Freundin, seine Ex-Freundin aus einer Beziehung, die noch schneller wieder beendet war, als sie überhaupt gehalten hatte. So zumindest empfand es Mick. Er kam aber nicht allzu lange zum Grübeln, mittlerweile war sie nämlich in Begleitung von Christine Wegner, der Assistentin Fercherts, zu sehen, was Mick nicht sofort bemerkte, da Andreas, der mit seinen Gedanken nicht so weit weg war wie Mick und so auch das nahende Eintreffen der beiden Damen sofort registrierte, dessen Aufmerksamkeit beanspruchte.
„Vielleicht wird Christine Wegner jetzt die Stellvertreterin von Tanja", wunderte sich Andreas.
„Ja, und morgen wird dann alles mit rosa Plüschteppichen ausgelegt!", erwiderte Mick mit reichlich Sarkasmus im Unterton.
„In diesem Jahrtausend sind die Frauen schon berufstätig und nicht mehr nur für die Wohnungseinrichtung zuständig", klärte Andreas seinen Kollegen auf.
„Pass nur auf, dass du nicht bald zu Hause sitzt und Topflappen häkelst!", mahnte Mick seinen Kollegen.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen", unterbrach Tanja nun die beiden, „schön, dass ihr alle gekommen seid! Da sich hier nun ein paar personelle Veränderungen in jüngster Vergangenheit ergeben haben, haben Christine und ich eine kleine Grillparty geplant." Ein Raunen ging durch das Foyer.

Mick zuckte innerlich zusammen, als er Tanjas Stimme hörte. Er wusste einfach nicht, was er tun sollte. Jedes Mal, wenn er sie sah, hatte er Probleme, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Die Sehnsucht in seinem Blick konnte er jedoch nicht kontrollieren. Tanja wusste das ebenso, erging es ihr ja auch nicht besser. Daher ging er ihr auch, soweit es ihm möglich war, aus dem Weg. Seine Gefühle gehörten ihm, denn Tanja wollte sie ja nicht. Dennoch, alles in ihm sehnte sich nach ihr und seine immer zur Schau getragene gute Laune war nur Fassade. Die Tatsache jedoch, dass sie ihm noch nicht einmal zuhören wollte, geschweige denn mit ihm über den der endgültigen Trennung vorausgegangenen Streit und das, was gesagt wurde, mit ihm sprechen wollte, machte ihn gleichzeitig auch wütend auf sie. Dass Tanja die gleichen Gefühle für ihn hatte, wie er für sie, schien unstrittig, aber dieser Niklas, dieser alte Schulfreund von ihr, gab sich die größte Mühe alles zunichte zu machen. Mick fragte sich schon seit geraumer Zeit, warum dieser Niklas überhaupt so plötzlich aufgetaucht war. Irgendjemand musste den doch bewusst informiert haben. Vielleicht … Ein unsanfter Stoß in die Seite holte ihn wieder zurück ins Polizeipräsidium. Alle Blicke waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Hilfe suchend sah er Andreas an.
„Tanja fragte, ob du dich mit Uschi um die Getränke kümmern kannst?“, flüsterte der ihm zu.
Auch ihm war der veränderte Gesichtsausdruck Micks nicht entgangen.
„Ähm, … ja klar!“ Was blieb Mick auch anderes übrig? Ganz sicher hatte er keine Lust, einen Abend mit Tanja und Niklas zu verbringen, aber ein Nein kam hier natürlich nicht in Frage.
„Prima, dann sehen wir uns also alle am Samstag im Emscher Park“, schloss Tanja fröhlich, wobei diese Fröhlichkeit nicht bis in ihre Augen vordrang.

Mit einem letzten Blick zu Tanja drehte er sich ab und ging mit Andi zurück an die Arbeit. Auf dem Weg zurück zu ihrem Büro hing Mick wieder seinen Gedanken nach, während Andreas vergebens auf ihn einsprach.
„Verdammt Tanja!“ Mick bemerkte gar nicht, dass er laut gesprochen hatte.
Andreas konnte das zwar nicht überhören, sagte aber nichts. Es war einer der wenigen Momente, in denen Mick so deutlich zeigte, was in ihm vorging. Und so cool Mick sich auch gab, Andreas waren die Blicke Micks, mit denen er Tanja oft folgte, nicht entgangen.

Tanja erging es ähnlich auf ihrem Weg zurück in ihr Büro. Gedankenverloren wäre sie beinahe mit Roland Meisner, dem Pathologen zusammengestoßen.
„Hoppla“, meinte der belustigt, um sie auch sogleich mit einem besorgten Blick anzusehen.
Dass sie irgendetwas sehr beschäftigte, war offensichtlich und was, war auch ziemlich klar. Nach jedem Zusammentreffen mit Mick brauchte sie immer einen Moment, um sich wieder zu sammeln. Die Blicke, mit denen sie sich ansahen oder auch dem anderen nachsahen, wenn sie sich unbeobachtet glaubten, sprachen Bände. Tanjas Herz sagte ihr morgens beim Aufstehen und abends beim Schlafengehen und auch in den Stunden dazwischen, dass sie sich nicht richtig verhalten hatte, ja, dass sie einen großen Fehler begangen hatte, ihr Verstand sagte ihr hingegen, dass Micks Verhalten, als er Niklas die Nase gebrochen hatte, einfach untragbar gewesen war und man bei Mick immer wieder mit dem Zurückfallen in seine alten Verhaltensmuster rechnen musste. Dieser innere Zwiespalt kämpfte einen unentwegten Kampf in ihr, wobei ihr Verstand sich dennoch kaum gegen ihr Herz durchsetzen konnte, dennoch hielt genau dieser Verstand sie zurück, mit Mick zu reden. Abgesehen davon hätte sie auch gar nicht gewusst, wie sie es hätte anfangen sollen. Denn die Frage war ja auch, ob Mick ihr überhaupt noch zuhören würde. Seine Augen schrien ihr zwar sein Wollen zu in den wenigen Momenten, in denen sie sich überhaupt trauten in die Augen zu sehen, aber wie verletzt war er wirklich? Doch sie wusste genauso gut, allein sich auf die professionelle Distanz zu verlassen, würde früher oder später in einer Katastrophe enden. Beide mussten über ihren Schatten springen und noch klären, was sie, Tanja, ihm verwehrt hatte. Sie musste ihr Herz und ihren Verstand wieder Hand in Hand gehen lassen. Eigentlich wusste sie auch, was sie wollte.

Als sie an dem Büro von Mick vorbei kam, stand die Tür offen. Traurig sah sie hinein. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie stehen geblieben war. Mick saß mit dem Rücken zu ihr, so konnte sie ihn mit ihren Augen förmlich verschlingen.
„Hallo Tanja!“, hörte sie in ihre Gedanken hinein eine bekannte Stimme rufen. Erschrocken drehte sie sich um.
„Hallo Niklas“, grüßte sie zurück und befand sich auch schon in seinen Armen. Instinktiv drückte sie sich wieder von ihm weg. Es reichte, dass Andreas das sah, Mick musste das nicht unbedingt mitbekommen. „Niklas, wir müssen reden“, sagte sie entschieden.
„Ja, ich weiß, deshalb bin ich ja hier“, erwiderte Niklas strahlend, obwohl ihm Tanjas abwehrende Haltung nicht entgangen war.



_________________________________
Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse
(Friedrich Nietzsche)
Review schreiben