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Wild Boys

KurzgeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Abraham Blutrippe Peter/Peter Pan
27.10.2015
27.10.2015
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Bad boys, bad boys – whatcha gonna do?
Whatcha gonna do, when they come for you?

[Bob Marley – Bad Boys]



Blutrippe lag ihm mit dieser dämlichen Idee schon seit Wochen in den Ohren und Peter hatte es langsam gewaltig satt, sich erneut und erneut wiederholen zu müssen.
Komm schon, Chef!, pflegte er mit diesem unverschämten Augenaufschlag zu quengeln. Nur für 'nen paar Stunden. Wird schon schiefgehen, huh?
Er nervte ihn damit wenn er in die Feste der Teufel zurückkehrte, wenn er die Feste verließ, wenn sie gemeinsam durch den Wald streiften – einfach bei jeder Gelegenheit.
Peter brauchte nur in sein dämlich grinsendes Gesicht zu schauen und konnte schon im Vornherein prophezeien, welche Worte über seine Lippen kommen würde:
Bitte, Chef. Lass und doch heute Abend nach Brooklyn, ja?
Die Idee an sich war schon verrückt genug.
Blutrippe wusste genau, welche Gefahren im Nebel lauerten und selbst für Peter bestand jedes Mal aufs Neue wieder die Gefahr, von den Nebelgeistern überrumpelt zu werden und doch wollte der Rotschopf nicht auf ihn hören.
Er wollte unbedingt für eine Nacht zurück in die Menschenwelt.
Von den Gefahren für ihn selbst abgesehen, konnte Peter doch nicht einfach einen seiner besten Kämpfer von der Gruppe abziehen, wenn die Fleischfresser doch ständig auf sie lauerten.
Natürlich war Sekeu da um auf alle aufzupassen, aber dennoch …
Peter konnte einfach nicht ja sagen.
Was würde geschehen, wenn Blutrippe wieder Gefallen an der Welt der Menschen fand?
Seit er Peter nach Avalon gefolgt war, waren immerhin schon einige Jahre vergangen und die Welt hatte sich verändert.
Blutrippe hätte sich gerne selbst ein Bild davon gemacht, doch Peter ließ ihn nicht.
An jenem Tag jedoch, als Peter wieder einmal aus der Stadt zu ihnen zurück nach Avalon kam, trug er nicht nur sein bekanntes, breites Grinsen bereit sondern auch einen Sack mit einigen Kleidungsstücken und anderen Accessoires, die Blutrippe nun skeptisch inspizierte.
Ein langer, blutroter Umhang, ein Haarreif mit zwei gewundenen, scharlachroten Hörnern und ein langer Teufelsschwanz, den man sich ganz einfach hinten an die Hose heften konnte.
Weiter befand sich in dem Sack ein weiterer Umhang, diesmal in Schwarz, dazu ein Hut mit einer weiten Krempe und einer Feder an der spitze.
„Ein Zorro-Kostüm“, wie Peter ihm freudig erklärte, bevor er die übrigen Mitbringsel enthüllte.
Es handelte sich hierbei um kleine Tuben mit Farbe, ein paar Pinsel und Schwämme um die bunte Farbe auftragen zu können – Schminke.
„Heute Nacht ist Halloween“, fuhr Peter fort und setzte Blutrippe den Hut mit der Feder auf. „So werden wir überhaupt nicht auffallen!“
„Du meinst“, sagte Blutrippe mit großen, staunenden Augen. „Du nimmst mich mit?“
„Nicht nur dich!“
Abraham war an die beiden Teufel heran getreten.
Er trug seinen typischen Zylinder, eine zerrissene Jeans und er lächelte sanft.
Peter nickte.
„Wir drei lassen es heute krachen. Hier Abe, du kannst als Zombie gehen.“
Abraham nahm die Schminksachen in die Hände und beäugte sie skeptisch.
Offensichtlich wusste er nichts damit anzufangen, weswegen Blutrippe sich anbot sein Gesicht, dem Anlass entsprechend, in eine hässliche Grimasse zu verwandeln.
Er schmierte Abraham weiße Farbe ins Gesicht, unterstrich die Augen rot und fand, das Abraham mit seinen zahlreichen Narben und den zerfetzten Klamotten so schon gut als Zombie durchgehen konnte.
Er selbst band sich den schwarzen Umhang um und fühlte sich tatsächlich wie ein richtiger Zorror.
„Als was verkleidest du dich, Peter?“
Der Teufel grinste breit, setzte sich die Hörner auf, legte den roten Umhang an und steckte sich den langen Schwanz mit dem pfeilförmigen Ende an seine Jeans.
„Als Teufel, natürlich! Sekeu wird, während wir fort sind, die Stellung halten!“
„Na dann mal los, Teufel!“, schrie Blutrippe jubelnd und warf die Faust triumphierend in die Luft, wobei sein Umhang zu flattern begann.
Diese Nacht gehörte ihnen.
Der Weg durch den Nebel war den drei Jungen mehr als vertraut.
Sie waren ihn alle schon einmal gegangen, weswegen die Nebelgeister ihnen nicht viel anhaben konnten.
Am Hafen angekommen waren Abraham und Blutrippe mehr als erstaunt.
Es war bereits tiefe Nacht.
Ein halber Mond hing wie ein schiefes Grinsen am schwarzen Firmament und Brooklyn war ein Meer aus bunten, blinkenden Lichter, voller Wundern und neuen Erfindungen, die sie in ihrer Zeit noch nicht gehabt hatten.
Die Luft stank nach Abgasen und war voller Geheul von Kindern, die bereits als Gespenster verkleidet um die Häuser zogen und dem Brauch von Halloween frönten.
Abraham machte ein beeindrucktes Gesicht.
„Das ist also diese neue Welt.“
Er besah als die Autos, die Busse, die Straßenlaternen und die sogenannten Handys, mit denen heutzutage jeder herumzulaufen schien.
Es gab Häuser die bis in den Himmel reichten und an jeder Ecke grinste ihnen ein ausgehöhlter Kürbis entgegen.
„Wir haben jede Menge verpasst, alter Freund“, stimmte Blutrippe zu, während sie so durch die dunklen Straßen gingen.
Es hatte erst geregnet und der würzige Duft des vergangenen Sturms lag noch wie eine sanfte Ahnung in der Luft.
Der Asphalt unter ihren Füßen schimmerte wie schwarzes Wasser.
Sie gingen an geschmückten Fenstern vorbei, liefen allerhand Kostümierungen über den Weg und konnten sich nicht satt sehen an all dem, was diese Welt zu bieten hatte.
Peter hatte beide Hände in die Taschen seiner Jeans vergraben und sah lächelnd dabei zu, wie seine beiden Freunde Brooklyn erkundeten.
Es war anscheinend doch eine gute Idee gewesen, sie einmal hierhin mitzunehmen und er hatte ihnen noch so viele Dinge zu zeigen.
Zunächst machten sie an einem Imbiss Halt.
Für jeden Jungen gab es eine zuckersüße Cola, gesalzene Fritten und einen Hamburger, der nur so vor Fett triefte.
Als der Verkäufer nach der Bezahlung verlangte, griff Peter in seine Tasche und legte ihm eine handvoll Bonbons vor die Nase.
Er zwinkerte dem Verkäufer zu.
„Süßes oder Saures!“
„Hey, so geht das aber nicht, ihr Bälger!“
„Du hast ja keine Ahnung, mit wem du hier sprichst!“, verteidigte Abraham seinen Chef und hatte die Hand bereits am Griff seines Messers, als Peter ihn zurückhaltend an der Schulter berührte.
„Dein Leben sollte Bezahlung genug sein“, knurrte Abraham zwischen knirschenden Zähnen.
Der Verkäufer besah die drei merkwürdigen Jungen mit skeptischen Blicken, dann ließ er sie abziehen, weil die Messer, welche sie an ihren schmalen Hüften mit sich trugen, keinesfalls wie die Spielzeugschwerter aussahen, die man als Billigware im Supermarkt finden konnte.
Gut gelaunt zogen die drei Teufel weiter, während sie ihr Mahl verzehrten.
Blutrippe und Peter bedienten sich mit gierigen Händen, während Abraham dem Fraß nicht sonderlich viel abgewinnen konnte.
Nicht nur die Technik hatte sich verändert, sondern auch die Küche.
Er aß seine Fritten, trank von seiner Cola und gab die Reste des Burgers an Blutrippe weiter, der sich den letzten Bissen eifrig in die Backentaschen stopfte, bis sein Mund vor Fast-Food überzuquellen schien.
Ketchup tropfte aus einen Mundwinkeln und sah im Halbdunkeln der Nacht fast wie Blut aus.
Die Jungs erschreckten eine Schar kleiner Kinder, die ihnen über den Weg lief.
Sie jaulten wie Wölfe, wobei Blutrippe der letzte, schon durchgekaute Burger-Happen aus dem Mund fiel, was in den Kindern nur noch mehr Entsetzen auslöste.
„Wir sind die Geister der Toten!“, schrie Peter mit stolzgeschwellter Brust und rannte voraus, wobei er den Teufelsschwanz wie eine träge Schlange hinter sich her schleifte und der blutrote Umhang im kalten Wind wie wild zu flattern begann. „Passt auf, wir holen eure Kinder!“
„Kommt raus, kommt raus – wo auch immer ihr seid!“, höhnte Blutrippe mit furchterregender Stimme, als er neben Peter her rannte.
„Die Teufel sind unter euch!“, säuselte Abraham im Sing-Sang seiner beiden Brüder und brach in schallendes Gelächter aus.
Sie machten sich einen Spaß daraus ein paar besonders hässliche Kürbisse vor einzelnen Haustüren zu zertreten und mit den Resten Fußball zu spielen.
Einige Passanten sahen sie misstrauisch an, doch die drei Jungen verscheuchten sie mit ihrem Geheul und schlugen jeden in die Flucht, der es mit ihnen aufzunehmen versuchte.
Ihre goldenen Augen glühten wie Irrlichter im nächtlichen Brooklyn und ohne Zweifel waren sie die drei grauenvollsten Gespenster die diese Stadt jemals zu Gesicht bekommen hatten.
Keine Gasse war vor ihnen sicher.
Sie waren ganz normale Kinder, als sie Klingelstreiche spielten, mit Müllresten die Türen verschönerten, die sich auf ihr Rufen hin nicht öffneten und sie waren wie ganz normale Kinder, als sie mit bittenden Händen nach Süßigkeiten und kleinen Gaben fragten.
Sie aßen allerhand Bonbons, Schokolade verschmierte ihre Münder, Karamell machte ihre Zungen sanft und geschmeidig und Lakritze färbte ihre Zähne schwarz.
Nach einiger Zeit ließen sich die Teufel auf einem Spielplatz nieder.
Sie erklommen das Klettergerüst, thronten auf den hölzernen Balken wie die Könige, die sie waren und teilten ihre Beute untereinander auf.
Abraham verspürte nach mehreren Tafeln Schokolade bereits ein schmerzendes Ziehen im Bauch, was ihn jedoch nicht am weiteren Verzehr der Leckereien hinderte.
Peter legte einige der Kostbarkeiten beiseite, damit auch die Teufel Zuhause etwas davon haben konnten.
Er hoffte, das es die Speisen durch den Nebel schaffen würden.
Avalon war ein magischer Ort und Dinge aus dieser Welt hielten sich dort nicht so lange, wie sie es hier für gewöhnlich taten.
Elektronik versagte und einmal – als er ein paar Früchte für seine Teufel hatte mitbringen wollen, waren sie noch im Sack zu faulen Matsch geworden.
„Was für eine Nacht!“, sagte Blutrippe glücklich und tätschelte sich den vollen Bauch, der sich deutlich unter seinem Shirt als kleine Kugel abzeichnete.
„Das kannst du laut sagen!“, seufzte Abraham, der sich ausgestreckt in den Sand der Sandkiste gelegt hatte, welche das Klettergerüst umgab.
Peter saß auf einer Schaukel und schwang sachte vor und zurück.
Sein Gesicht hatte nachdenkliche Züge angenommen und er war ungewöhnlich still.
„Über was denkst du nach, Chef?“, fragte Blutrippe, als er sich von den Beinen kopfüber vom Klettergerüst baumeln ließ.
„Ich dachte an die Anderen. Wie schön es wäre, wenn sie mit uns hier sein könnten.“
„Der Weg durch den Nebel ist gefährlich“, gab Abraham zu bedenken und Peter nickte andächtig.
Er konnte nicht das Risiko eingehen einen weiteren Teufel zu verlieren, doch diesen Beiden hier konnte er vertrauten.
Sie würden ihn nicht verraten, nicht in der Menschenwelt zurückbleiben.
Sie würden immer an seiner Seite sein.
Der Teufel sah lächelnd zu den beiden Jungen, die so glücklich aussahen wie schon lange nicht mehr.
Sie waren nun nur noch Kinder, die sich wieder einmal hatten austoben können.
Nur Kinder.
Wäre der goldene Schimmer in ihren Augen nicht gewesen, hätten sie fast als gewöhnlich durchgehen können.
Peters Herz füllte sich mit Wärme und Liebe, als er den beiden dabei zusah, wie sie sich Kaugummis in den Mund stopften und riesengroße Blasen damit fabrizierten.
Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht diese reine, pure Magie von Kindern zu bewahren, doch manchmal kam es ihm so vor, als wäre er es, der ihnen den schönsten Momente des Lebens entriss.
Abraham lachte, als Blutrippes Kaugummiblase platzte und ihm im Gesicht hängen blieb, woraufhin Peter an der Schaukel zu ihnen hinauf kletterte und sich ebenfalls eine handvoll Kaugummi in den Mund stopfte.
Sie wandelten noch lange durch die Nacht.
Sie schlüpften durch die Schatten, rannten um die Ecke oder erschreckten ahnungslose Passanten, doch vor allem waren sie einfach nur frei.
Keine Probleme, keine Gefahren mehr.
In dieser Nacht konnten sie unter den Menschen wandeln, ohne erkannt zu werden.
Sie verschmolzen mit den übrigen Kindern und waren doch ganz anders als sie.
Sie sprangen munter in Pfützen, spritzten sich gegenseitig nass und hielten sich die Bäuche vor lachen, weil jede Kleinigkeit so wundervoll für sie war.
Als sie zur späten Stunde wieder am Hafen ankamen, lag das Wasser ganz still vor ihnen.
Nebel hüllte ihren Weg ein und sie alle wussten, das es Zeit war wieder Heim zu kehren.
„Auf Wiedersehe, Brooklyn!“, rief Blutrippe jubelnd in die Dunkelheit und winkte der Stadt mit all ihren blinkenden Lichtern zum Abschied zu. „Vergiss niemals die Nacht, in welcher der großartige und mächtige Blutrippe dich besuchen kam!“
Abraham spuckte sein Kaugummi auf den Bürgersteig und sah zu Blutrippe.
„Wie lautet eigentlich dein richtiger Name?“, fragte er ohne Umschweife geradeheraus und wie immer schmunzelte Blutrippe bei dieser oft gestellten Frage nur wissend, als wäre die Wahrheit viel zu schmackhaft um mit irgendjemanden geteilt zu werden.
„Mein lieber, teurer, Abe“, säuselte er gönnerhaft. „Die besten Geheimnisse bleiben geheim, merk' dir das!“
„Eugene“, platzte Peter noch in derselben Sekunde vollkommen unbekümmert heraus, bevor er unschuldig seinen Kaugummi auf die Straße spuckte. „Sein richtiger Name ist Eugene.“
Abraham blinzelte ungläubig, brach dann aber augenblicklich in schallendes Gelächter aus und Blutrippes Gesicht nahm die Farbe von Peters Haarschopf an, als ihm die Scham in beide Wangen fuhr.
„Ernsthaft?! Eugene? Was ist das denn für ein bekloppter Name?!“
Abraham klopfte sich vor Lachen auf die Schenkel.
Blutrippe knirschte ungehalten mit den Zähnen und funkelte den Kinderdieb mordlustig an, der ihm nur kokett zuzwinkerte und die verbalen Entgleisungen in seine Richtung still erduldete.
„Verdammt, Chef. Das war echt nicht nötig, dass heraus zu posaunen!“
„Der große und mächtige Eugene!“, höhnte Abraham weiter, bis Blutrippe ihm kurzerhand sein Kaugummi mitten auf die Stirn klebte.
„Das hast du jetzt davon, du Großmaul!“
„Wen nennst du hier Großmaul?! Das schreit nach Blut!“
Peter ging zwischen die beiden Streithähne und legte jeweils einen Arm um sie.
Sofort hörte das Gezeter auf und die drei Jungen schauten zu der Stadt zurück, die sie für diese Nacht zu ihrem Eigentum gemacht hatten.
„Das müssen wir bald wieder machen“, sagte Blutrippe, diesmal mit fast schon andächtiger Stimme, die man bei ihm nicht oft vernehmen konnte.
„Unbedingt!“, stimmte Abraham nickend zu und Peter lächelte seinen Freunden zu.
Auch Teufel mussten einmal Kinder sein dürfen, dachte er, still bei sich.
„Aber Leute“, sagte Blutrippe dann, mit einem Hauch Unbehagen. „Das mit … Eugene, bleibt doch unter uns, oder?“
Abraham und Peter grinsten einander an.
„Was in Brooklyn passiert“, begann der Kinderdieb.
„Das bleibt in Brooklyn“, schloss Abraham.
„Feine Herren, seid ihr!“, schmunzelte Blutrippe und zog respektvoll seinen Hut, als er sich vor ihnen verbeugte. „Darf ich die beiden Gentlemen nun durch den Nebel geleiten?“
„Gerne“, sagte Peter und flüsterte im Vorbeigehen ein leises: „Eugene!“
Daraufhin rannten Abraham und er los, Blutrippe ihnen brüllend hinterher, als er die Jagd auf die beiden Teufel aufnahm, die lachend vor ihm flüchteten und noch ehe es jemand bemerkte, ganz im Nebel verschwunden waren.
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