Think like a Lady, act like an Idiot

von Jolteon
GeschichteRomanze / P16 Slash
Haruki Sagae Isuke Inukai
26.10.2015
26.10.2015
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Vorwort: Da schaut man einmal nach 100 Jahren wieder im deutschen Fanfiction Bereich vorbei und wird gleich ins Koma geschockt, weil man zu wenige Fanfics in diversen Fandoms vorfindet ._.' Um wenigstens hier die Auswahl um eins zu erhöhen, kommt hier ein IsukexHaruki OS. Ich hoffe, (falls das überhaupt wer ließt, haha) dass es euch gefällt und würde mich über Rückmeldung und derartiges freuen :)



Think like a Lady, act like an idiot



Mit einem entnervtem Stöhnen schmiss Isuke Inukai ihre Nagelpfeile auf die Tischplatte und erhob sich von ihrem Stuhl. Wer auch immer da gerade unaufhörlich gegen ihre Tür hämmerte, musste wohl einen dringenden Todeswunsch haben...

»Inukai? Jetzt mach schon auf, wir wissen, dass du da bist«, hörte sie Azuma von der anderen Seite aus rufen, gefolgt von mindestens zehn weiteren nervtötenden Schlägen gegen ihre Zimmertür.

Ein Todeswunsch, den Isuke nur zu gern erfüllen würde ~

Sie stieß die Tür viel grober auf als unbedingt nötig ─  vielleicht hatte sie ja Glück und würde ganz aus Versehen Azumas dämliches Gesicht treffen.

»Was wollt ihr?«, giftete sie Azuma an, welche sie nur unbeeindruckt anstarrte. An ihrer Seite stand ─ und wen hätte es gewundert? ─  Haru Ichinose. Mittlerweile war es wohl wahrscheinlicher Bigfoot zu begegnen als einen der beiden ohne den jeweils anderen zu erwischen. Vermutlich könnte man sie nicht einmal mit einer Axt voneinander trennen ─ mit Scheren, Messern und sogar Bomben hatte es zumindest nicht geklappt. Es war so süß, dass Isuke sich am liebsten übergeben hätte.

»Tut uns leid, dass wir dich um diese Uhrzeit stören, aber … ich, ähm-«, murmelte Haru und schaute unsicher und hilfesuchend zu Azuma. Der Funken Angst, der in ihren Augen auftrat, als sich ihr Blick mit dem von Isuke kreuzte, war wenigstens sehenswürdig genug, um den Abend ein wenig zu versüßen.

»Gib ihr ihre Notizen wieder, wir schreiben morgen schon wieder einen Test«, beendete Azuma den Satz, wie aufs Kommando. »Vielleicht solltest du damit aufhören, den Unterricht zu verpennen, dann könntest du Dinge, die du von anderen geborgt hast, auch rechtzeitig wieder zurückgeben.«

Isuke stöhnte genervt. »Mein Gott, Azuma, hör auf sie zu bemuttern und schaff dir endlich deine eigenen Probleme an!« Sie lief zurück ins Zimmer, um die Notizen hervor zu kramen. Den dämlichen Test hatte sie total vergessen... Nichtsdestotrotz sollte dieses naive Mauerblümchen sich geehrt fühlen, dafür, dass man ihre Notizen überhaupt erst für ausleihwürdig gehalten hatte.

Manche Menschen waren aber auch wirklich undankbar...

»Hier«, sagte sie entnervt, drückte Ichinose ein paar Zettel in die Hände und wollte gerade wieder die Tür zuschlagen.

»Apropos nicht Wiedergeben ...«, sagte Azuma und starrte Isuke mit gerunzelter Stirn an. »Wieso trägst du Sagaes Klamotten?«

Isuke erstarrte.

»Hab ich mich auch gerade gefragt«, sagte Haru, mal wieder mit einem unnötig großem Lächeln auf den Lippen. »Das sind doch Haruki-sans Pyjama, oder nicht?«

Isuke spürte, wie ihr plötzlich heiß wurde. Vor Wut versteht sich natürlich. Die beiden vor ihr waren offenbar nicht nur zu blöd, um den Grund zu erkennen, nein, ihre Gesichter verrieten auch noch, dass sie das völlig missverstanden.

»Ist doch offensichtlich«, sagte sie seufzend, »diese Idiotin hat ihr ganzes Zeug nicht abgeholt und wenn ich es nicht trage, dann sieht der Kram einfach hässlich aus, verstanden? Das wäre Platzverschwendung und jetzt verpisst euch.« Sie ignorierte Harus verwirrtes Gesicht und Azumas trockene Lache (doch es wunderte sie, dass diese überhaupt wusste, wie man lacht) und schlug die Tür zu, um sich wieder ihrer Maniküre hinzugeben. Doch irgendwie war ihr dank dieser Idioten gerade gehörig die Lust dazu vergangen. Morgen würde sie die beiden dafür abstechen müssen...

Dann musste sie ihre Laune eben ein weiteres Mal auf die klassische Weise anheben...

Sie ging hinüber zum Kühlschrank, zog eine Flasche Champagne hervor uns setzte sie sich direkt an die Lippen. Ja, okay, vielleicht war es nicht unbedingt sehr stilvoll, mitten in der Schulwoche zu trinken, nur weil plötzlich so ziemlich alles und jeder auf der Welt ihr auf die Nerven ging, aber sie tat es dennoch, schließlich war sie Isuke Inukai. Und Isuke Inukai legte schon aus Prinzip keinen Wert auf Regeln. Erst recht nicht auf solche, die besagten, Alkohol auf dem Gelände sei verboten. Regeln waren doch dazu da, um  andere zu schützen, oder? Schutz war etwas, was nur lächerliche Amateure brauchten. Und das war Isuke mit Sicherheit nicht. Zugegeben, sie war im Moment nicht ganz sie selbst, aber das machte sie erstens noch lange nicht zu einem bemitleidenswerten Amateuren und zweitens war es doch eh nicht ihre Schuld.

Es war Harukis Schuld. Sie und all ihre Besitztümer, die sie vor vier Tagen hier zurückgelassen hatte, machten das Leben in diesem Zimmer einfach ungenießbar.

»Dämliche Idiotin...«, murrte sie und setzte noch einmal die Flasche an ihre Lippen, welche jetzt schon bereits halbleer war.

Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen, trotzdem wollte Isuke im Moment nichts mehr, als sich einfach in ihrem Bett zu verkriechen. Der Anblick dieses leblosen Zimmers war schlichtweg einfach nur deprimierend. Sie ließ sich zwischen die Laken fallen und vergrub ihr halbes Gesicht in ihrem Kissen. Obwohl … dem Geruch nach zu urteilen, der an diesem Bett hing, war es gar nicht ihr Kissen.

Es war Harukis. Es war das Bett dieser Idiotin, in dem sie sich jetzt zum wer weiß wievielten Mal wiederfand. Diese Idiotin, die nur von der Schule geflogen war, weil sie nicht auf ihre Isuke-sama gehört hatte. Diese verdammte Idiotin, die jetzt einfach für immer weg war, als wäre nie etwas gewesen. Dieses gottverdammte Mädchen, das es trotz ihrer Abwesenheit schaffte, in jeder Ecke dieses Raumes zu sein, egal wohin Isuke auch schaute.

Jeder Atemzug, den sie machte, enthielt den Geruch ihrer Ex-Zimmergenossin und ehemaligen Besitzerin dieses Bettes. Jeder Atemzug schien ihr bis in den Magen zu dringen und dort dieses Gefühl auszulösen, das sie einfach nicht zuordnen konnte. Es war etwas Neues, etwas Fremdes … Und Isuke hasste fremde Dinge, erst recht solche, die ihr schlaflose Nächte bereiteten und ein Anlass dazu waren, sich wie ein Häufchen Elend zu betrinken. Es nervte sie so sehr, doch trotzdem hatte sie keine Lust, diesem Gefühl fürs Erste ein Ende zu machen, indem sie das Bett einfach verließ. Und nein, sie blieb ganz bestimmt nicht liegen, weil ihr dieser Geruch insgeheim gefiel. Der Grund war einfach, dass sie leicht angetrunken war und abgesehen davon auch noch viel zu faul, um jetzt noch aufzustehen. Insgesamt war es also eine große, beschissene Zwickmühle...

Vielleicht sollte sie endlich all den Kram, den Haruki zurückgelassen hatte, einfach wegwerfen...
Es war zwar gerade mal der vierte Tag nach ihrem Rauswurf, aber allmählich wollte Isuke ihre Gedanken endlich wieder für sich haben. Sie hatte es satt, ständig durch jede Kleinigkeit an sie erinnert werden zu müssen. Sie hasste es, wenn sie beim Duschen aus Versehen Harukis Shampoo benutzte, sie hasste es, ständig diesen pinken Nagellack auf der Kommode sehen zu müssen, sie hasste es, überall ihre Klamotten zu sehen, aber vor allem hasste sie es, von nun an ohne sie leben zu müssen.

»Ach, fick dich doch, Haruki Sagae!«, lärmte sie, richtete sich auf und griff wütend in das Kissen hinein, um es gegen die nächstbeste Wand zu schmeißen, doch … aus irgendeinem Grund konnte sie es nicht. Stattdessen umklammerte sie es mit beiden Armen und ließ sich zurück in die Laken fallen. Sie würde diese Idiotin noch dafür umbringen müssen, dafür, dass sie sie hier einfach zurückgelassen hatte.

Plötzlich riss Isuke ihre Augen wieder auf, die sie bis eben noch geschlossen hatte. Das Zimmer war dunkel und sie war angetrunken, aber sie war sich todsicher, soeben Schritte vernommen zu haben.

»Ich werd' mal so tun, als hätte ich das eben nicht gehört«, hörte sie eine Stimme in ihrem Zimmer. Ohne darüber nachzudenken, ob sie die Stimme kannte oder nicht, sprang sie mit rasendem Herzen auf und stürzte sich ungehemmt auf ihren unangekündigten, nächtlichen Besucher. Wer auch immer es gerade gewagt hatte, sie zu erschrecken, würde jetzt wohl mit dem Leben bezahlen...

Nach langem Suchen fand Haruki endlich den Lichtschalter, doch das konnte sie auch nicht mehr vor Isuke retten, die todbringend auf sie zu gesprungen kam. Sekunden später wurde sie rücklings  niedergerissen und durch Isukes gesamtes Körpergewicht flach zu Boden gepresst. Als sie die Augen öffnete, war das Gesicht ihrer aufgebrachten, ehemaligen Zimmergenossin nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen entfernt.

»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Isuke-sama«, sagte sie unsicher und hoffte inständig, im nächsten Moment nicht ermordet zu werden.

Isuke, die bis eben noch vom plötzlichen Licht geblendet gewesen war, blinzelte verwundert und starrte ungläubig in genau jenes Gesicht, das ihr in den letzten Tagen so sehr gefehlt hatte. Diese roten Haare, dieses Grinsen, dieses Pockystäbchen zwischen ihren Lippen, all das gehörte definitiv zu Haruki. Und mit einem Mal hatte Isuke völlig vergessen, dass sie vor wenigen Sekunden noch vorgehabt hatte, sie umzubringen.

»Du bist zurück?«, fragte sie und merkte, dass ihre Stimme viel zu verweichlicht für ihre Verhältnisse klang. »Ähm, ich meine … Was zur Hölle machst du hier und wie kannst du es wagen, Isuke zu erschrecken?«

Isuke merkte, wie ihr Herz immer noch wie wild gegen ihren Brustkorb trommelte. Verrückt, so sehr hatte sie sich doch nun auch nicht erschreckt, also was zum Teufel war mit ihr los?

»War keine Absicht, ich schwöre es«, sagte Haruki und versuchte verzweifelt sich aufzurichten, was sich mit nur einem Arm allerdings als unmöglich erwies. »Ich bin bloß hier, um meine Sachen abzuholen. Das Krankenhaus wollte mich leider nicht früher entlassen.«

Bei diesen Worten schien ihr Herz eine Vollbremsung hinzulegen.

»Deine Sachen?«, fragte Isuke, während sie sich zu einem Lächeln zwang. »Wurde auch Zeit! Ich war kurz davor, deinen Krempel wegzuschmeißen.«

Sie ist hier, um ihre Sachen abzuholen, dachte sie sich. Sie ist hier, um mir alles wegzunehmen, was ihr gehört. Sie wird mich danach schon wieder allein zurücklassen …

Ein Teil von Isuke schien einen Moment lang wirklich geglaubt zu haben, dass Haruki die Schule wohl doch nicht verlassen musste … Und diesen Teil hätte sie für seine unglaubliche Naivität am liebsten umgebracht. Sollte sie sich nicht darüber freuen, endlich alles los zu werden, was sie mit Haruki in Verbindung brachte? Endlich würde sie ihr Zimmer und ihre Gedanken für sich haben, zumindest hoffte sie das.

»Isuke-sama?«, fragte Haruki nach einigen Momenten, in denen keiner von ihnen etwas gesagt hatte. »Könntest du bitte von mir runtergehen? So langsam tust du mir weh.«

Dann sind wir ja quitt, du verdammter Vollidiot, hätte Isuke am liebsten gesagt, doch beließ es bei einem zufriedenem Lächeln. Gerade, als sie Harukis Hand ergriff, um ihr hoch zu helfen, fiel ihr auf, dass ihr linker Arm in einer Schiene lag.

»An deinen Arm solltest du vielleicht erinnern, bevor du dich von jemand anderem zu Boden schmeißen lässt«, sagte sie ernst und ignorierte völlig die Tatsache, dass Haruki ihretwegen überhaupt keine Zeit zum 'Erinnern' gehabt hatte. Egal, war sie doch selbst dran schuld...

»Ich denk dran, wenn du mich das nächste Mal attackierst«, sagte Haruki zwinkernd.

Idiot … Als wenn es ein nächstes Mal geben würde.

Ohne weiteres Gerede ging Haruki hinüber zu einem der Schränke und zog ihren Koffer hervor. Keine 2 Minuten später, in denen Isuke nichts weiter tun konnte, als sie zu beobachten, war auch schon die Hälfte ihrer Klamotten darin verstaut.

»Da hat es aber jemand ganz schön eilig«, sagte Isuke bitter. Sie wusste nicht warum, aber alles in ihr schrie geradezu danach, Haruki in ihrem Vorhaben zu stoppen. Verdammt, was war nur los mit ihr?

»Na ja, je schneller ich weg bin, desto besser, oder nicht?«, fragte Haruki und sah von ihrem Koffer auf. Bildete Isuke es sich ein oder erwartete Haruki gerade, dass man ihr widersprach? Der wehmütige, ja, fast schon traurige Ausdruck, der von ihr ausging, wies zumindest darauf hin. Doch so gern Isuke ihr diesen Gefallen auch getan hätte, sie konnte nicht. Sicher, sie hatte diese gutmütige, naive Idiotin vermisst, das konnte sie nicht leugnen. Das zuzugeben würde allerdings viel zu sehr an ihrem Stolz kratzen.

»Tja, hättest du auf Isuke gehört, würden die Dinge vielleicht ganz anders aussehen«, sagte sie und lachte herablassend, ohne genau zu wissen, was sie mit diesen Worten eigentlich bezwecken wollte. Auf jeden Fall war Harukis Lächeln bei diesen Worten zurückgekehrt.

»Jaah, hätte ich deinen total bescheuerten Ratschlag befolgt, würdest du mich jetzt vielleicht nicht vermissen müssen, nicht wahr?«

»Geht's noch?«, sagte Isuke und spürte, wie ihr heiß wurde. »Wer sagt denn, dass ich dich vermisse, du Idiot?«

Haruki konnte nicht anders und musste bei ihrem Anblick lachen. Dabei hätte sie Isuke eigentlich zugetraut, besser lügen zu können.

»Die Tatsache, dass du mit meinem Kissen kuschelst, während du in meinem Bett liegst, sagt das. Oder habe ich mir vorhin was eingebildet?« Harukis Grinsen wurde breiter, Isukes Gesicht immer heißer. Was fiel dieser Idiotin eigentlich ein, einfach so dafür zu sorgen, dass sie rot wurde? Rot werden war doch sonst nur etwas für kleine Mädchen und Jungfrauen ...

»Um eins klar zu stellen«, sagte Isuke und warf lässig ihr Haar zurück, »du bist weg und somit gehört sowohl das Zimmer als auch das Bett mir allein, also bilde dir ja nichts darauf ein, klar?« Zur Demonstration ließ sie sich wieder in das Bett der Rothaarigen fallen und beobachtete ihre Reaktion. Zu ihrem Missvergnügen schien Haruki völlig unbeeindruckt.

»Okay, macht Sinn«, sagte sie und lief zur Kommode, um weitere ihrer Sachen raus zu suchen. »Aber meine Pyjama kannst du leider nicht so einfach für dich beanspruchen. Zieh sie bitte aus.«

Und gerade als Isuke geglaubt hatte, ihr Gesicht würde wieder makellos aussehen, spürte sie, wie sie schon wieder rot wurde. Dieses Mädchen hatte doch wirklich einen Todeswunsch, oder nicht?

Als sie auch noch sah, dass Haruki beinahe fertig war mit Packen, wurde ihr beinahe schlecht. Gleich würde sie wieder verschwinden. Und alles in ihr schrie nach wie vor danach, das zu verhindern. Was war bloß los mit ihr? Sie wollte etwas dagegen unternehmen, doch in diesem Zustand viel es selbst ihr schwer, einen zuverlässigen Gedanken zu fassen.

»Tze … Was, wenn nicht?«, sagte sie schließlich herausfordernd und erhob sich vom Bett, um wieder auf Augenhöhe mit Haruki zu sein.

Zunächst schien Haruki verwundert über die Antwort und hob eine Augenbraue. Doch einen Moment später bildete sich ein verschmitztes Lächeln auf ihren Lippen und sie kam wenige Schritte näher, um direkt vor Isuke stehen zu bleiben. »Tja, dann muss ich dich eben zwingen.«

Darüber konnte Isuke nur laut Lachen.

»Das will ich sehen, wie du verkrüppelter Loser mich zu irgendetwas zwingst.«

Sie wusste nicht, was zum Teufel sie gerade ritt ─ vielleicht war es der Drang, Harukis Abreise hinauszuzögern, vielleicht auch nicht ─ aber im nächsten Moment griff sie nach dem Mädchen, um sich zusammen mit ihr aufs Bett fallen zu lassen. Die Rothaarige hatte die Situation noch gar nicht begriffen, da lag sie auch schon wieder unter Isukes eisernem Griff, das rechte Handgelenk über ihrem Kopf fixiert, während ihr linker, verletzter Arm dieses Mal unberührt blieb. Und trotzdem war klar, wer hier eindeutig die Oberhand hatte ~

»I-isuke, lass das!« Haruki wand sich unter ihrem Griff, doch Isuke hatte das Gefühl, dass sie nicht mal die Hälfte ihrer Kraft dafür nutzte. Dachte dieser Idiot etwa wirklich, sie würde das nicht merken?

»Das heißt Isuke-sama«, sagte sie mit einem drohenden Unterton in der Stimme und lehnte sich ein Stück weiter herunter. »Erzähl mir nicht, du hast es schon vergessen.«

Haruki hörte endlich mit ihren schlechten Befreiungsversuchen auf und schaute ratlos zu ihrer ehemaligen Zimmergenossin hinauf. Dieses eigenartige Benehmen und dieser Geruch, den sie bei dieser Nähe wahrnahm ... War Isuke etwa...?

»Hast du … hast du getrunken?!«

»Ein wenig«, gestand Isuke. »Aber bestimmt nicht, weil du mich hier mit all diesen anderen verrückten, niveaulosen Bitches alleine lässt«, sagte sie weiter. »Mir war einfach nur langweilig.«

Einen Moment lang sagte keiner von ihnen etwas.

»Ich verstehe …« Haruki schaffte es einfach nicht ein kleines Lächeln zu unterdrücken. Sie hätte es Isuke zwar niemals zugetraut, schließlich wirkte diese die meiste Zeit einfach desinteressiert und völlig unabhängig, … aber ihr schien wirklich etwas an der kurzen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, zu liegen. Vielleicht mehr, als sie es jemals zugeben würde. Haruki wusste nicht wieso, aber dieses Wissen machte sie irgendwie … glücklich?

»Nein, du verstehst gar nichts«, giftete Isuke sie wieder an. Doch Haruki lächelte trotzdem weiter, jetzt wo sie wusste, worum es hier eigentlich ging...

»Weißt du, Isuke-sama, dass ich nicht mehr zurückkomme, heißt doch nicht, dass wir uns nie wieder sehen«, sagte sie. »Ich meine, wenn du möchtest können wir doch auch weiterhin Kontakt haben, oder nicht?«

Die Angesprochene kicherte leise. Sie lehnte sich noch ein Stück weiter vor und mittlerweile vielen ihre pinken Haarsträhnen selbst Haruki ins Gesicht. Je näher sie ihr kam, desto deutlicher sah sie, wie unbehaglich diese Situation für Haruki war. Komisch, denn eigentlich war das doch gar nichts Neues... In der Zeit, als sie sich dieses Zimmer noch geteilt hatten, waren sie sich schließlich des öfteren näher gekommen. Und trotzdem wurde Haruki jedes mal aufs Neue wieder rot ─ ganz wie ein Amateur oder eine Jungfrau. Dass sie diesen Effekt auf das Mädchen unter ihr hatte, ließ Isuke selbstzufrieden grinsen.

»Ich denk drüber nach«, säusele sie mit einem Lächeln, das dem eines Engels glich. Ihr fiel auf, wie Haruki schluckte und sie aus großen Augen ansah. Augen, die für Isukes Geschmack viel zu freundlich waren. Keinen Moment später verlief das engelhafte Lächeln in ein diabolisches Grinsen. »Vielleicht«, fügte Isuke ihren Worten hinzu.

Vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht lag es ihr aber auch einfach nur im Blut ─ aber auf diese Art mit diesem Idioten unter ihr zu spielen bereite ihr einfach zu großen Spaß. Leider war es so, dass Haruki die Einzige in dieser Schule voller Psychopathen war, die das mit sich machen ließ. Die Einzige, die sie Isuke-sama nannte, die Einzige, die sie trotz ihres etwas sadistischen Humors nicht hasste … Und je mehr Isuke darüber nachdachte, desto klarer wurde, wie sehr sie diese Idiotin eigentlich tatsächlich vermisste.

»Es tut mir leid, dass du jetzt in dieser Lage bist Isuke-sama, wirklich«, flüsterte Haruki nach einigen Momenten der Stille. »Obwohl ich eigentlich dachte, dass es dir gefallen würde, ein Zimmer für dich allein zu haben.«

»Idiot! Natürlich gefällt es mir.« Sie ließ Harukis Handgelenk los und ließ ihre Arme umherschweifen. »Endlich hab ich mehr Platz in den Schränken!«

Haruki runzelte ungläubig die Stirn und schmunzelte leicht. »Ach, so ist das …« Sie stützte sich auf ihren Ellenbogen und richtete sich ein wenig auf, um Isuke besser ansehen zu können. »Man, dabei war ich kurz davor zu gestehen, dass ich dich auch ein wenig vermisst hab.«

Isukes Lächeln verschwand augenblicklich. Versuchte diese Amateurin gerade wirklich, sie zu verärgern..? Wie lächerlich … denn wie Isuke aufgebracht feststellen musste, war es ihr irgendwie gelungen. Haruki sah sie herausfordernd an, ihre Gesichter schon wieder nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Je länger sie der Rothaarigen in diese verdammte Augen schaute, desto größer wurde das Verlangen, sich wieder die Flasche  Champagne an die Lippen zu setzen. Entweder die Flasche oder …

Stopp. Was zum Teufel dachte sie da eigentlich? Hatte sie gerade wirklich mit dem Gedanken gespielt, diese naive Idiotin zu küssen? Das war doch lächerlich. Okay, gut, auch das wäre nicht das erste Mal gewesen, aber bisher hatte sie diesen Trottel bestimmt nicht geküsst, weil sie das Verlangen danach hatte … Bisher hat Isuke sich einfach nur einen Spaß daraus gemacht, sonst nichts. Und das auch nur dann, wenn sie (wie jetzt auch) nicht ganz bei Sinnen war. Alles darüber hinaus entspräche einfach nicht ihrer Würde …

Andererseits … diese Würde neigte in den letzten Tagen dazu, sie im Stich zu lassen, oder? Sogar in diesem Moment ─  wo sie eigentlich keinen Grund mehr dazu hatte, ihre Zimmergenossin zu vermissen ─  sogar jetzt fühlte sie sich nicht wie ihr übliches, unerschütterliches Selbst. Denn der einzige Wunsch, den sie im Moment hatte, war, Harukis Abreise so weit wie nur irgendwie möglich hinauszuzögern.

Ach, scheiß drauf, dachte sie sich. Wenn Haruki sie schon so bereitwillig anstarrte, dann könnte sie ihr hinterher immer noch die Schuld dafür zuschieben. Also lehnte sie sich schließlich vor und drückte ihre Lippen schonungslos gegen die der anderen. War ihr doch egal, ob Haruki gerade mit Absicht oder ungewollt nach hinten gekippt war. War sie doch selber schuld, wenn sie Isukes Sinne so sehr durcheinander brachte.

Keine von beiden wusste, wie viele Sekunden, vielleicht sogar Minuten verstrichen, in denen Isuke immer wieder und wieder ihre Lippen aufeinander treffen ließ. Wie konnte dieser Amateur es wagen, ihren Kuss nicht zu erwidern? Wahrscheinlich starrte sie gerade genauso überrascht vor sich hin, wie beim ersten Mal, unfähig, irgendetwas zu unternehmen. Doch genau als Isuke das dachte und mit ihrer Zunge die Lippen der anderen streifte, drängte sich Harukis unverletzter Arm zwischen sie, um gerade genug Abstand zu schaffen, der ihre Zimmergenossin am Weitermachen hinderte.

»Isuke-sama, i-ich sollte weiter packen«, sagte sie leicht außer Atem, ihr Blick war warm, doch ihr übliches Lächeln war verschwunden. Sie sah so … ernst aus. Und das gefiel Isuke fast genauso wenig wie die Tatsache, dass sie gerade einen Korb bekommen hatte.

Dann musste sie eben schärfere Geschütze aufziehen … Sie zog sich ihr Oberteil runter und warf es gezielt in Harukis Koffer. »Erledigt. Und jetzt sei ausnahmsweise mal kein langweiliger Loser und verschieb den Rest auf Morgen oder aufs nächste Jahr.« Sie grinste selbstsicher und beobachtete, wie Harukis Gesichtsfarbe um eine ganze Spur dunkler wurde. »Vielleicht kriegst du dann auch den Rest deines Pyjamas zurück.«

Haruki wusste, dass Isuke eine Antwort erwartete, doch sie befürchtete, würde sie jetzt ihren Mund aufmachen, würde bestimmt etwas … Ungewolltes dabei rauskommen. Und wenn Isuke tatsächlich angetrunken war, (zumindest konnte Haruki sich dieses drängende Verhalten nicht anders erklären) dann wäre es umso schlimmer.

»Behalt ihn, dir steht er eh viel besser als mir«, sagte sie schließlich hastig, als Isukes Hand langsam aber sicher unter ihr Shirt glitt. »I-ich kann … nicht bis M-morgen warten, ich weiß nicht mal, ob ich … ähm … hier sein d-darf.« Sie war sich sicher, noch nie zuvor in ihrem Leben schwächer geklungen zu haben. Die Enttäuschung in Isukes Augen, die mit jedem ihrer Worte größer geworden war, machte es kein Stück besser. Verdammt, warum musste sie es ihr auch so schwer machen?

»Ach, dann halt doch einfach die Klappe, du Idiot«, sagte Isuke entschieden und beugte sich wieder hinunter, um  ihre Lippen ein weiteres Mal mit ihren eigenen zu berühren. Ihre eine Hand versank in rotem Haar, während die andere sich weiter unter Harukis Shirt schlich. Doch ihr Kuss blieb nach wie vor unerwidert …  

Es war nicht so, als würde das Ganze Haruki kalt lassen, es war auch nicht so, als würde sie das ─ was auch immer zwischen ihnen eigentlich war ─  nicht wollen. Doch der innere Kampf, der in ihrem Kopf tobte, sagte ihr nun mal, dass sie gehen musste, sie musste Isuke alleine lassen und ihren eigenen Weg finden. Und sich ihr jetzt hinzugeben würde die Sache doch nur schwieriger machen, als es ohnehin schon war.

Isukes Bewegungen wurden allmählich wieder wilder, ihre warme Haut auf Harukis immer verführerischer. Und ohne, dass die Rothaarige weiter darüber nachdenken konnte, legte sich ihr freier Arm um Isukes Rücken. Ihre Abreise glitt mit jeder Bewegung ein Stückchen weiter aus ihren Gedanken. Ihre innere Stimme, die ihr davon abriet, wurde von ihrem wild schlagendem Herzen übertönt. Langsam fing sie an, ihre Zweifel abzuwerfen. Die freche Zunge an ihren Lippen, die Hitze, die durch ihren ganzen Körper jagte, die Hand, die sie berührte und die Angst, Isuke mit ihrer Zurückhaltung verletzen zu können ─ all das schien sie ihren Verstand verlieren zu lassen und machte jeden weiteren Gedanken einfach unmöglich. Und ehe sie es realisierte, erwiderte sie den Kuss genauso ungehemmt wie Isuke.

Ob das richtig war? Vermutlich nicht, aber man lebt dieses kurze Leben doch nur einmal, oder? Was zählte war dieser Moment. Dieser Moment, in dem sie sich vielleicht zum letzten Mal sahen.

Sie begann, mit ihren Lippen Harukis Hals hinabzuwandern, woraufhin der Jüngeren ein zurückgehaltenes Keuchen entwich. Isuke grinste.

Jup, diesen bittersüßen Moment würde sie definitiv bis zum nächsten Morgen in die Länge ziehen.
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