FOREVER - Das gemeine "autós mobilis"

von Sejabonga
KurzgeschichteHumor, Familie / P6
Abraham "Abe" Morgan Detective Jo Martinez Dr. Henry Morgan
23.10.2015
23.10.2015
1
2031
4
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3 Reviews
Dieses Kapitel
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Zeitliche Einordnung: vor der Serie bzw. noch relativ am Anfang
Disclaimer: Forever gehört Matt Miller, Cast & Crew und den Fans. Und vielleicht noch Warner Brothers, die inzwischen einige Social Network-Seiten von "dem-Sender-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf" übernommen haben. Love you, WB!

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Hallo zusammen,

wie vor einiger Zeit versprochen kommt hier die zweite Idee, die mir zu Henry Morgan und Autos eingefallen ist. Und ich freue mich, sie euch endlich präsentieren zu dürfen.
"Forever"-Stories kann es nicht genug geben.
Wer auf Twitter oder Facebook ist, hat die gute Nachricht sicher schon gehört: Es wird eine DVD der ersten Staffel geben. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Frühjahr 2016 (ohne Gewähr).
Und jetzt viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga


##*##


Das gemeine "autós mobilis"

Im Jahre 1975

„Nein!“

Henry hat die Arme verschränkt. Es ist kein Scherz, wenn er so etwas macht.
Die Haltung eines Menschen drückt genau aus, wie man sich fühlt.
Deshalb hat er immer darauf geachtet, mit geradem Rücken zu sitzen. Eine aufrechte Haltung bedeutet, er hat nichts zu verbergen.
Zumindest kann er so tun, als ob.
Abraham weiß das. Er weiß, wenn Henry die Arme verschränkt, ist er ganz und gar nicht einverstanden.

„Ach, komm schon, Dad! Das wird bestimmt lustig.“

Er hält ihm die Tür auf und deutet mit einer Hand einladend auf das Innere des Wagens.
Henry rührt nicht einen Muskel.

„Weißt du überhaupt, was für ein Auto das ist? Ein 3er BMW E21! Der ist erst dieses Jahr rausgekommen und ich darf ihn Probe fahren.“

Empört richtet sich Henry auf.

„Du willst dieses Ungetüm kaufen?“

Abraham rollt ungeduldig mit den Augen.
Insgeheim freut sich Henry darüber. Insgeheim freut er sich über alles, was Abraham tut.
Sein Sohn ist wohlbehalten aus Vietnam zurückgekehrt. Abraham ist am Leben – und das ist das größte Geschenk, was Henry in den letzten Jahren erhalten hat.

„Ja, vielleicht! Wir brauchen ein Auto, wenn wir in New York bleiben wollen. Heutzutage hat jeder ein Auto.“

Henry holt Luft, um Abraham seinen favorisierten Widerspruch zu entgegnen. Aber der Junge kommt ihm doch glatt zuvor.

„Ich weiß! Dir ist egal, was jeder tut. Ich bin nicht jeder und so weiter. Aber können wir nicht einmal eine normale Familie sein?“

Und da fällt Henry auf einmal auf, wie wichtig seinem Sohn das ist. Abraham ist fast verzweifelt und Henry würde lügen, wenn er nicht wüsste, wieso.
In den letzten Jahren wird es immer schwieriger, eine Familie zu sein. Während Abraham und Abigail immer älter werden, bleibt Henry derselbe.
Er hat angefangen, sich die Schläfen grau zu färben. Nur ein klein wenig.
Genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber nicht zu viel, um wie ein alter Mann zu wirken.
Und Abigail gefällt es.
Trotzdem gibt es genug Dinge, die sie anders machen. Henry hält zum Beispiel nicht viel von der U-Bahn. Er hat von den Beinahe-Unfällen der Triebwagen, die mit einem Holz-Stahl-Aufbau ausgestattet waren, den sogenannten Composites, gehört und ein Feuer im Jahr 1914 sogar höchstpersönlich miterlebt.
Seither meidet er die „New York Subway“ und lädt seine kleine Familie lieber zu einem Spaziergang ein.
Henry fühlt noch immer Stolz, ein warmes Gefühl in seinem Magen, wenn er sie als „seine Familie“ bezeichnet.
Abraham sieht inzwischen fast so alt aus wie er. Oft werden sie für gute Freunde gehalten, für Studien- oder Arbeitskollegen, manchmal sogar für Verwandte. Mehr als einmal haben sie schon irritierte Blicke erhalten, wenn Henry sich wie ein Vater verhält.
Als Vater weiß er aber auch, dass er ab und zu nachgeben muss. Von Zeit zu Zeit muss Abraham seinen eigenen Weg gehen.
Sei es nun nach Vietnam oder in dieses neumodische Gefährt. Und wenn sein Sohn möchte, dass er ihn begleitet, muss es wohl so sein.
Seufzend lässt Henry die Schultern sinken und geht zur Tür auf der Beifahrerseite.

„Erzähl nicht deiner Mutter, dass ich schon wieder nachgegeben habe!“

Während er einsteigt, erinnert er sich an das letzte Mal, als sie Abraham diese Schlaghosen gekauft haben und Abigail ihn mit diesem wissenden Blick gemustert hat.
Wieso ist es nur so schwer, dem einzigen Sohn etwas abzuschlagen?
Begeistert schlägt Abraham die Tür zu und Henry zuckt unwillkürlich zusammen. Er wird sich wohl nie an diese Automobile gewöhnen.
So schnell wie ein Blitz sitzt Abraham hinter dem Lenkrad. Er legt eine Hand an den Zündschlüssel und grinst ihn an.

„Werd ich nicht! Versprochen!“

Damit lässt er den Motor an und Henry erschrickt ein zweites Mal. Dieser BMW ist noch viel lauter als alle Fahrzeuge, in denen er je sitzen musste.
Mit Ausnahme einer Lokomotive, die mit Kohle betrieben wird, oder dem Militärflugzeug, das ihn nach Europa brachte.

„Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“

„Muss man auch nicht! Genieß einfach die Fahrt!“

Abraham bewegt den Ganghebel – der so ganz anders aussieht als der, den Henry noch von dem Militärjeep Willys MB kennt – und wirft einen Blick über die Schulter.
Dann macht der BMW einen Satz nach vorne und sie sind unterwegs.
Henry ist von der Kraft dieses Gefährts überrascht. Wie schnell es ist, wie sehr er in den Sitz gepresst wird. Es ist unglaublich und erschreckend zugleich.
Plötzlich sind sie mittendrin.
Links und rechts fahren Automobile, mal langsam, mal schnell. Die wohlvertrauten, gelben Taxis schieben sich an ihnen vorbei, drängen durch den Verkehr, als wären sie mit einer Schwangeren auf dem Weg zum Krankenhaus.
Es ist ein Chaos.
Henry weiß, dass es Regeln gibt. Aber nicht jeder hält sich daran.
Er gesteht es sich nicht gerne ein, aber diese Vielzahl an unterschiedlichen Bewegungsrichtungen ängstigt ihn.

„Pass auf! Wir biegen gleich auf die Interstate 87 ein. Dann können wir richtig Gas geben.“

Bei der Vorstellung wird Henry schwindelig. Und übel. Er hat den Eindruck, keine Luft mehr zu bekommen.
Seine Stimme ist fast zu leise, um den Motor zu übertönen.

„Abraham...“

Sein Sohn braucht nur einen kurzen Seitenblick, um zu bemerken, dass sie nicht auf die Interstate abbiegen werden. Stattdessen lenkt er den BMW nach rechts und hält am nächsten Bordstein.
Kaum ist das Automobil zum Stehen gekommen, tastet Henry nach dem Türgriff.
Seine Beine sind weich wie Pudding, als er aussteigt. Tief durchatmend marschiert er zur nächsten Hauswand und lehnt sich mit dem Rücken dagegen.

„Dad? Dad, ist alles in Ordnung?“

Abraham läuft um den BMW herum und eilt zu ihm. Er berührt ihn an der rechten Schulter und Henry lächelt beschämt.

„Ja, schon gut. Es... es war nur etwas... viel Moderne auf einmal.“

Er bedauert es ehrlich. Abraham hat nur versucht, ihn in die Gegenwart zu holen.
Zu oft lebt er in der Vergangenheit. Selbst mit Abigail und Abraham an seiner Seite schweift er immer wieder ab, erinnert sich an frühere Zeiten.
Henry bemerkt, wie unangenehm der Moment auch für Abraham ist. Macht er sich etwa Vorwürfe?
Henry hat das Bedürfnis, seinen Sohn in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, dass er es ja nur gut gemeint hatte. Stattdessen ergreift er die Hand auf seiner Schulter, drückt sie sanft und lächelt.

„Was hältst du davon, wenn wir zurück nach Hause fahren? Ganz langsam. Und in Seitenstraßen...“

Der schuldbewusste Ausdruck auf Abrahams Gesicht weicht einem erleichterten Strahlen.
In Augenblicken wie diesen fühlt sich Henry unglaublich alt. Wenn sein Junge ihm zeigt, wie „unmodern“ er geworden ist.
Aber er wäre ein schlechter Vater, wenn er sich nicht ab und zu von seinem Sohn etwas beibringen lassen würde.
Und so sitzt er auf dem Rückweg wieder auf dem Beifahrersitz, den Blick nach vorne gerichtet und den Gegenverkehr so gut wie möglich ignorierend.

##

Im Jahre 2015

Die Straßen sind belebter als noch vor 40 Jahren.
Das fällt Henry immer wieder auf, wenn er sich New York genauer betrachtet.
Es gibt mehr Menschen, aber noch viel mehr Autos. Auch wenn es ihm früher schon zu viel, zu schnell und zu hektisch vorkam, hat der Straßenverkehr heutzutage noch deutlich zugenommen.

„Henry, haben sie mir zugehört?“

Er wendet den Blick vom Fenster ab und lenkt seine Aufmerksamkeit auf Jo.
Seine Partnerin sitzt am Steuer ihres Wagens – und offenbar hat sie mit ihm geredet.

„Bitte verzeihen sie, Jo! Ich war in Gedanken.“

Jo zieht eine Augenbraue hoch und schmunzelt.
Und genau das zeigt ihm, dass sie ihm nicht im Geringsten böse ist.

„Hab ich gemerkt. Sind sie jetzt wieder zurück in der Gegenwart?“

Henrys schiefes Lächeln breitet sich auf seinem ganzen Gesicht aus. Er mag es, wenn sie diesen Unterton in den Worten hat. Diese Herausforderung.
Sie kann unmöglich eifersüchtig auf Erinnerungen sein, oder?

„Bin ich. Aber wie Richard von Weizsäcker einmal sagte: Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

Sichtlich irritiert sieht Jo ihn kurz an, ehe sie wieder den Verkehr beobachtet.

„Richard von wer?“

Während er es sich wieder in seinem Sitz bequem macht, faltet er die Hände in seinem Schoß und betrachtet die vorüberfliegenden Gestalten der Menschen auf dem Bürgersteig.

„Weizsäcker. Ein mächtiger und sehr weiser Mann. Er war in den 90ern Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland... In den 1990ern natürlich.“

Henry bemerkt erst, wie unnötig dieser letzte Nachtrag war, als er schon über seine Lippen ist.
Manchmal rutschen ihm solche Dinge einfach heraus. Es ist nicht so einfach, die Zeit im Auge zu behalten, wenn man mehrere Jahrhunderte lang lebt.
Zum Glück scheint es Jo nicht aufzufallen. Sie schüttelt nur den Kopf und schmunzelt, um auf eine andere, nicht minder interessante Aussage anzuspielen.

„Sie verblüffen mich immer wieder, Henry. Wie können sie sich nur all diese trivialen Informationen merken?“

Trivial findet Henry diese Fakten nicht. Immerhin war Richard von Weizsäcker zu dem Zeitpunkt Bundespräsident, als die Berliner Mauer fiel.
Und als Europäer hält er es für seine Pflicht, sich über seine ehemaligen Nachbarländer auf dem Laufenden zu halten.
Ein Verhalten, das der gewöhnliche Amerikaner so gar nicht an den Tag legt. Und das er demzufolge auch von Jo nicht erwartet.

„Wissen sie, Jo... Wenn man lange genug lebt, lernt man das Wichtige vom Trivialen zu unterscheiden.“

Und man lernt, dass man immer mit der Zeit gehen muss, wenn man nicht irgendwann als veraltet gelten will. Als Mensch, als Mann und vor allem als Vater.
Aber das ist etwas, was er Jo ganz bestimmt nicht sagen wird.

„Und von wem ist das, hm?“

Herausfordernd zwinkert sie ihm zu.
Er genießt dieses kleine, unscheinbare Geplänkel zwischen ihnen. Dieses nicht anzügliche Flirten, der harmlos beißende Humor.
Er kann dem einfach nicht widerstehen und weiß, dass Jo es bewusst macht.

„Dr. Henry Morgan. Es ist von mir.“

Jo lacht leise auf. Jeder Tag mit ihr ist ein guter Tag.
Mit einem zufriedenen Lächeln widmet er sich wieder dem Schauspiel außerhalb seines Fensters.
Auch wenn es 40 Jahre gedauert hat, aber inzwischen hat er sich an die Geschwindigkeit gewöhnt. An das Chaos außerhalb des Autos.
Henry ist nach wie vor froh, dass er nicht selbst ans Steuer muss. Doch in einem Auto fühlt er sich mittlerweile fast so wohl wie in der U-Bahn.
Was, zugegebenermaßen, nicht besonders viel ist.
Dennoch...
Er freut sich auf den Tag, an dem Abraham endlich seinen BMW verkaufen wird und mit ihm gemeinsam auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigt. Schließlich kann er nicht ewig Auto fahren.
Glücklicherweise.


##*##


Das war's mal wieder!
Alle Details sind wie immer im großen, weiten Internet recherchiert. Nur das BMW-Modell konnte ich nicht so ganz zuordnen. Weiß jemand, welches Modell Abraham in der ersten Folge fährt? Oder stimmt das mit dem 3er BMW?
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