A warm place

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Abigail Hobbs Dr. Hannibal Lecter Jack Crawford Will Graham
21.10.2015
28.11.2015
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22.10.2015 6.267
 
Will fuhr gerade den Laptop herunter und packte seine Notizen zusammen, als Jack Crawford sich durch den Strom der Studenten hindurchbewegte, die den Hörsaal verließen. Die meisten wussten, wer er war und machten ihm beinahe ehrfürchtig Platz. Will hingegen, hob nicht einmal den Kopf und konzentrierte sich darauf, seine Sachen zu ordnen. Er spürte Jacks Anwesenheit, noch bevor er ein einziges Wort an ihn richtete.
Es war kurz nach zwanzig Uhr und bereits dunkel, der Hörsaal wirkte noch ein wenig düsterer als sonst, allerdings hatte das gedimmte Licht der wenigen Lampen auch etwas Beruhigendes und Vertrautes an sich. Zumindest für Will. Er fürchtete sich schon lange nicht  mehr vor der Dunkelheit. Hauptsächlich, weil er sich an sie gewöhnt hatte. Vor der Dunkelheit gab es kein Entrinnen, er konnte noch so viele Lichter anmachen, ein Teil seines Gehirns würde immer von tintigem Schwarz beherrscht werden.
„Ich dachte, dass Sie nur mir aus dem Weg gehen würden, doch Dr. Lecter hat mir mitgeteilt, dass ihn ein ähnliches Schicksal ereilt hat.“, begann Jack und sah dabei zu, wie der Profiler den Laptop zuklappte und vorsichtig in seine Tasche gleiten ließ. Mittlerweile hatten sich alle Studenten aus dem Hörsaal entfernt und Will war mit seinem Vorgesetzten allein. Die einzige Heizung im Raum befand sich in der Nähe seines Pultes und strahlte warm gegen seinen Rücken, was ihm ein wenig Sicherheit gab. Auch wenn die Wärme nicht gegen die Kälte in seinem Inneren ankam.
„Ich kann verstehen, dass Sie böse auf mich sind.“, fuhr Jack fort und runzelte die Stirn. Will hob überrascht den Kopf und nahm seine Brille ab, um sie in der Brusttasche seines Hemdes zu verstauen. Jack blickte ihn tatsächlich sehr schuldbewusst an und Will spürte, wie unruhig er war. Vermutlich hatte sich der Zustand seiner Frau verschlechtert. Jack trennte stets Berufliches von Privatem, aber Will  wusste aufgrund seiner Empathiefähigkeit sehr wohl, wie sehr ihm die Krankheit seiner Frau zu schaffen machte. Es war seltsam, diese nervösen Schwingungen zu spüren, die an Tagen wie diesen von ihm ausgingen. Sie passten irgendwie nicht zu dem abgehärteten, zupackenden Mann.
„Ich bin nicht böse auf Sie.“, versicherte Will wahrheitsgemäß.
Doch Jack blieb skeptisch und so sprach der Profiler weiter.
„Und ich gehe Ihnen auch nicht aus dem Weg. Ich darf erst seit Anfang der Woche wieder Vorlesungen halten und wann und ob ich wieder zum Außendienst zugelassen werde, steht noch nicht fest.“
Er zuckte mit den Schultern und ließ den Verschluss seiner Umhängetasche zuschnappen. Jack fuhr sich kurz über das Gesicht, so als wollte er die Sorgenfalten glätten, und stemmte dann die Hände in die Hüften, während er langsam durch den Raum wanderte.
„Hören Sie, mir ist durchaus bewusst, dass ich Mitschuld an Ihrem Zustand trage. Ich habe Sie zu weit getrieben. Ich habe Sie letztendlich gebrochen.“
„Ich war schon gebrochen, bevor wir uns begegnet sind.“, erwiderte Will ohne Bedauern oder eine andere nennenswerte Empfindung. Jack musterte ihn nach wie vor, doch allmählich wurde seine Skepsis von Sorge überschattet. Will hielt den Blicken unbeeindruckt stand und fragte sich, ob Jack ihn tatsächlich nur aufgesucht hatte, damit er ihm seine Schuldgefühle nahm.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie kommen mir verändert vor.“
„Vielleicht, weil mein Gehirn nicht mehr in Flammen steht.“
Die Worte waren bissig und provokant, doch Wills beinahe desinteressierter Tonfall negierte diesen Effekt fast vollständig. Er wusste nicht, was Jack von ihm wollte. Die Schuldgefühle konnte er ihm nicht nehmen, selbst wenn er es gewollt hätte. Und falls Crawford den Hörsaal mit der Absicht betreten hatte, Will wieder im Feld einzusetzen, so würde er ebenfalls erfolglos abziehen müssen. Wills Zukunft lag in der Hand von Ärzten, Psychologen und Jacks Vorgesetzten, weder der Profiler noch Jack hatten einen Einfluss darauf.
„Dass Sie sich von mir fernhalten, kann ich Ihnen nicht verübeln. Aber ich verstehe nicht, wieso Sie sich auch von Dr. Lecter zurückziehen.“, fuhr Jack fort und ignorierte Wills sarkastische Bemerkung großzügig.
„Hat er Sie geschickt?“, fragte der Profiler, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass Hannibal Jack zu diesem Zweck einspannen würde. Zwar manipulierte er alle Personen in seinem Umfeld nach Strich und Faden, aber Angelegenheiten wie diese regelte er persönlich. So überraschte es Will nicht wirklich, als Jack den Kopf schüttelte.
„Nein, wir haben uns lediglich über Sie unterhalten.“
„Gut zu wissen.“
Erneut ignorierte Jack die leise Spitze.
„Und ich glaube, es würde Ihnen gut tun, Ihre Therapie wieder aufzunehmen.“
„Wir unterhalten uns lediglich.“, murmelte der Profiler matt und lehnte sich gegen sein Pult. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte er es wohl als beleidigend empfunden, dass alle Menschen in seinem Umfeld scheinbar zu wissen glaubten, was gut für ihn war und was nicht. Aber in Anbetracht  der vergangenen Ereignisse konnte Will ihnen ihre Besorgnis und ihre Befürchtungen schlecht verdenken.
„So oder so sollten Sie sich nicht von ihm abwenden. Er trägt keine Schuld an Ihrem Zustand. Niemand konnte wissen, dass sich die Dinge so entwickeln würden. Und sowohl Sie als auch ich verdanken Dr. Lecter so einiges.“
Will hob eine Augenbraue und konnte nicht verhindern, dass seine Lippen sich zu einem bitteren Lächeln verzogen.
„Ich weiß, was Dr. Lecter für mich getan hat, Sie müssen mich nicht daran erinnern.“, entgegnete er vieldeutig und griff nach seiner Jack, die über der Lehne seines Stuhls hing.
„Gut.“
„Ist das alles? Ich würde jetzt gerne fahren, wenn Sie nichts dagegen haben.“
„Natürlich.“, sagte Jack und Will spürte seine Blicke in seinem Rücken, als er den Hörsaal verließ. Zweifellos hatte er sich diese Unterhaltung anders vorgestellt. Sie kannten einander nun schon eine ganze Weile und Will nahm an, dass Jack spürte, dass ihn etwas beschäftigte. Aber vermutlich ging er davon aus, dass es sich dabei um die Folgen der Krankheit und des Stresses handelte. Während Will durch das Gebäude ging und an der Tür von der tiefschwarzen Nacht und einer klirrenden Kälte empfangen wurde, dachte er über einen alternativen Verlauf des Gespräches nach.
Wie wäre das ganze wohl abgelaufen, wenn er Jack tatsächlich die Wahrheit gesagt hätte? Vermutlich hätte Crawford ihm einen zutiefst besorgten Blick zugeworfen und ihm versichert, dass er sich die besagte Nacht nur eingebildet hatte. Will konnte die besänftigenden Worte deutlich in seinem Kopf hören.
„Sie waren verwirrt, Will. Sie wussten nicht, wer oder wo Sie waren. Sie hatten Wahnvorstellungen und Erinnerungslücken. Vermutlich haben Sie nur einen Alptraum mit der Realität verwechselt.“
So oder so ähnlich würde Jacks Reaktion vermutlich aussehen. Und sobald er bemerken würde, dass er damit nichts erreichen konnte, würde er seine Taktik ändern.
„Sehen Sie mal, welchen Grund sollte Dr. Lecter denn haben, all diese Menschen umzubringen? Ihre Rechnung wird nicht aufgehen, Will. Sie haben keinerlei Beweise gegen ihn in der Hand. Abgesehen davon hat er uns bei dem Erstellen des Täterprofils geholfen.“
Will würde zuerst als verwirrt gelten, dann als paranoid und schließlich als vollkommen verrückt. Und letztendlich würde er sich vermutlich in einer Klinik wiederfinden. Selbst wenn er Jack dazu würde bringen können, Hannibals Haus zu durchsuchen oder zumindest sein Essen im Labor analysieren zu lassen, würde er vermutlich nichts finden. Hannibal war ihm immer einen Schritt voraus. So als hätte er jedes noch so kleine Ereignis bereits Jahre im Voraus geplant. Will würde sich nur selbst schaden, wenn er sich gegen ihn wendete. Und abgesehen davon  wusste der Profiler nicht, wie er reagieren würde, wenn ihm irgendjemand tatsächlich glauben würde. Angenommen er schaffte es, einen Beweis zu finden. Dann würde es einen Prozess geben und  Hannibal würde in Dr. Chiltons Anstalt landen. Seine Kollegen, allen voran Chilton, würden sich darum reißen, Einblicke in seine Psyche zu erhalten und Artikel und Bücher über ihn zu veröffentlichen. Hannibal würde den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Oder hinter Glas, je nachdem. Wenn er unterging, war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch Abigail treffen würde. Die Medien würden den Fall ihres Vaters erneut aufrollen und sie würde vermutlich ebenfalls nie wieder die Sonne zu Gesicht bekommen. Vielleicht würde ihr Anwalt auf mildernde Umstände plädieren, weil sie ihrem Vater nur geholfen hatte, um ihr eigenes Leben zu retten. Aber das würde vermutlich nur wenig an dem Urteil ändern. Denn zu den Taten ihres Vaters, bei denen Abigail als Köder fungiert hatte, kam der Mord an Nicolas Boyle. Womöglich war auch dieser in Notwehr geschehen, es gab keine Zeugen und was tatsächlich passiert war, wusste nur Abigail selbst. Aber dass sie die Leiche versteckt hatte, würde ihrer Glaubwürdigkeit schaden.
Und Will? Er würde zurückbleiben, mit dem Wissen, dass er Abigails Leben damals nur gerettet hatte, um es letztendlich zu zerstören. Er wusste, dass er es nicht über sich bringen würde, Hannibal im Gefängnis oder in der Anstalt aufzusuchen. Er würde sich zurückziehen, so wie er es in diesem Moment tat und sich stets fragen, ob er das Richtige getan hatte. Und er würde Hannibal trotz allem vermissen. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass Will sich noch erbärmlicher fühlte. Im Grunde konnte er froh sein, dass Hannibal alle Fäden in der Hand hatte und ihm somit gewissermaßen die Entscheidung abnahm. So musste Will sich lediglich darauf konzentrieren, ihn zu überleben. In vielerlei Hinsicht.
Nichts einfacher als das, dachte der Profiler deprimiert, während er seinen Wagen aufschloss und die Heizung auf die höchste Stufe stellte. Im Inneren war es so kalt, dass es ihn nicht verwundert hätte, wenn er seinen Atem hätte sehen können. Die Anzeigen auf dem Armaturenbrett leuchteten bunt in der pechschwarzen Nacht, als Will das FBI-Gelände hinter sich ließ und nach Wolf Trap zurückfuhr. Will war schon lange nicht mehr selbst gefahren. Hauptsächlich, weil er den Großteil der vergangenen Monate bewusstlos oder unzurechnungsfähig zugebracht hatte. Dabei fuhr er eigentlich gerne, besonders wenn es dunkel war. Er fühlte sich sicher, wenn die Welt um ihn herum schwarz wurde und die Menschen nicht mehr waren, als durch die Straßen huschende Schatten oder entgegenkommende Scheinwerfer. Abgesehen davon taten ihm die immer gleichen Handgriffe gut und hielten ihn davon ab, sich allzu tief in seine Grübeleien zu vergraben.
Er fragte sich, wie er Hannibal in Zukunft gegenübertreten sollte. Ihm fehlten bereits jetzt die wöchentlichen Gespräche mit dem Psychiater, doch gleichzeitig wollte ein Teil von ihm eine erneute Begegnung so weit wie möglich hinauszögern. Zweifellos gefiel es Hannibal nicht, dass Will sich ihm entzog. Der Profiler hatte keine Ahnung, wieso er es überhaupt akzeptierte. Er bezweifelte, dass Hannibal so etwas wie Schuld empfinden konnte. Aber vielleicht hatten ihn Wills Worte tatsächlich ein wenig in seinem Stolz gekränkt.
Will wusste, dass er Hannibal nicht gleichgültig war. Doch es war schwer zu sagen, wie viel von den Emotionen, die Hannibal ihm zeigte, tatsächlich echt war. Das zarte Vertrauen, das Will in den vergangenen Monaten zu ihm aufgebaut hatte, war in dieser einen Nacht zerbrochen. Und es würde wohl  nie wieder ganz werden. Will hätte lieber mit absoluter Sicherheit gewusst, dass Hannibal ihre Beziehung zu seinem eigenen Vorteil ausnutzte, als sich ständig zu fragen, wie viel der Psychiater letztendlich wirklich für ihn übrig hatte. Dass Hannibal zu Gefühlen in der Lage war, machte die ganze Sache so schwierig. Er hätte sich Will nicht offenbaren müssen. Er hätte die Anschuldigungen des Profilers zurückweisen und ihn in das nächstgelegene Krankenhaus einliefern können. Mit ein bisschen Glück und ausreichender Medikamentenzufuhr hätte Will vielleicht wirklich vergessen, zu welcher Erkenntnis er in dieser Nacht gekommen war. Aber Hannibal hatte ihn stattdessen in seinem Gästezimmer untergebracht und ihm Gott weiß welche Substanzen injiziert. Er hatte sich um ihn gekümmert, so wie in den Wochen zuvor. Und er hatte keine seiner Fragen zurückgewiesen, nachdem der Profiler aus seinem Dämmerzustand erwacht war. Anfangs hatte Will damit gerechnet, dass Hannibal sich rechtfertigen würde. Aber das war nicht der Fall  gewesen. Lecter hatte an diesem Abend seine Fragen ruhig und knapp beantwortet. Ohne Rechtfertigungen, ohne Ausflüchte. Vielleicht weil er so sehr von dem was er tat überzeugt war, dass es ihm gar nicht in den Sinn kam, sich dafür zu rechtfertigen. Oder aber er glaubte, dass Will ihn verstand.
Und lag er damit nicht richtig?
Will seufzte leise, als er an einer Baustelle in einen Stau geriet. Das war recht ungewöhnlich, zumindest um diese Zeit. Normalerweise war der Weg von Wolf Trap zum FBI-Hauptquartier abends in gut einer Stunde zu schaffen. Er betrachtete die flackernden gelb-goldenen Lichter und machte das Radio an, um seinen Gedanken nicht in vollkommener Stille ausgeliefert zu sein. In den vergangenen Tagen hatte er erfolglos versucht, sich an seinen Aufenthalt in Hannibals Haus zu erinnern. An den Tag, den er beinahe vollständig verschlafen hatte. Er glaubte nicht, dass er sich groß mit Hannibal hatte unterhalten können, vor allem da der Psychiater ihm erzählt hatte, er sei nur kurzzeitig wach gewesen und meist direkt wieder eingeschlafen. Doch Will missfiel es, dass dieser Tag in seiner Erinnerung nicht auftauchte. Er war Hannibal vollkommen ausgeliefert gewesen. Aber im Grunde war er das bereits, seit er ihm das erste Mal begegnet war.
Resigniert lehnte er sich mit dem linken Ellbogen gegen die Beifahrertür und stützte seinen Kopf mit der linken Hand. Seine Stirn berührte dabei leicht die kühle Fensterscheibe, was für den Moment recht gut tat. Er fragte sich, wie Hannibal sich die Zukunft vorstellte. Er musste geahnt haben, dass die Offenbarung seines Doppellebens den Profiler erschüttern und dass Will in gewisser Hinsicht vor ihm fliehen würde. Glaubte er ernsthaft, dass es so weitergehen konnte, wie bisher? Obwohl die Vorstellung irgendwie paradox war, fiel Will keine realistische Alternative ein. Und der Gedanke, das, was er erfahren hatte, einfach zu ignorieren oder zumindest zu verdrängen, war ausgesprochen verführerisch. Aber war er wirklich dazu in der Lage? War Will derart abgestumpft, dass er einen Psychopathen und Kannibalen in seiner Nähe tolerieren konnte?
Was würde geschehen, wenn das nächste Opfer des Chesapeake-Rippers auftauchte und Jack ihn anwies, den Tatort zu untersuchen? Will wollte Hannibal nicht verraten, aber er fragte sich, wie lange er dazu in der Lage sein würde, ein solch dunkles und gefährliches Geheimnis zu bewahren. Jack mochte nicht über die Empathiefähigkeit des Profilers verfügen, aber dennoch konnte seine scharfe Beobachtungsgabe Will eines Tages gefährlich werden. Beziehungsweise, Hannibal.
Als der Stau sich endlich aufgelöst hatte, hatte Will eine Entscheidung getroffen.
Hannibal weiterhin zu meiden, würde alles nur noch schlimmer machen. Die Betäubung in seinem Inneren hielt nach wie vor an, also war die Gefahr gering, dass er vor dem Psychiater Schwäche zeigte. Außerdem führten seine Überlegungen zu nichts. Er konnte lediglich Vermutungen anstellen. Diese würden ihm jedoch keine Klarheit verschaffen.
Wie es in Zukunft weitergehen würde, hing einzig und allein von Hannibal ab.
Und während Will Wolf Trap erreichte, fand er es mit einem Mal gar nicht mehr so ungewöhnlich, dass Hannibal oft Bezüge zu Gott und dem Teufel herstellte. Er hatte in der Tat sehr viel mit beiden gemein.



Er hatte sein Kommen nicht angekündigt, aber irgendetwas sagte ihm, dass Hannibal seinen freitäglichen Termin freigehalten hatte. Sie hatte nie davon gesprochen, die Therapie, die offiziell nicht als solche bezeichnet wurde, gänzlich abzubrechen. Will hatte lediglich aus gesundheitlichen Gründen pausiert.
Er atmete tief durch und schloss kurz die Augen, bevor er an Hannibals Tür klopfte. Sein Auftauchen schien den Psychiater tatsächlich ein wenig zu überraschen, aber es war offenbar keine Überraschung der unangenehmen Art.
Er freut sich, mich zu sehen, dachte Will und spürte mit leiser Verwunderung, dass die Freude auf Gegenseitigkeit beruhte. Er hatte damit gerechnet, dass Hannibals Gegenwart ihn nicht vollkommen kalt lassen würde, aber dass es ihm so nahe ging,  hatte er nicht erwartet. Zum Glück reichte das seltsame Gefühl der Vertrautheit in seinem Inneren nicht aus, um die Betäubung zu vertreiben, die er sich selbst verordnet hatte. Hannibal trat beiseite und bedeutete ihm mit einer Geste, einzutreten. Draußen war es noch immer sehr kalt, doch in Hannibals Sprechzimmer brannte ein Feuer im Kamin und verströmte eine angenehme Wärme und den vertrauten Geruch von glühendem Holz.
„Was führt Sie zu mir?“, fragte Hannibal, während Will langsam durch das große Sprechzimmer wanderte und seinen Blick zu der Galerie über ihnen richtete, die fast gänzlich von Bücherregalen eingenommen wurde.
„Ich möchte meine Therapie wieder aufnehmen.“, sagte Will schließlich, den Blick noch immer auf die unzähligen Buchrücken gerichtet. Er hörte, wie Hannibal sich in seinem Rücken bewegte und sich schließlich auf seinem gewohnten Platz niederließ. Will ließ ein paar Sekunden verstreichen, wie um sich zu wappnen, und setzte sich dann ebenfalls. Er hatte sich seine Worte auf der Fahrt zurechtgelegt, doch jetzt war sein Kopf wie leergefegt. Dabei saßen sie einander lediglich gegenüber und blickten sich an. Lecter musterte ihn abwartend, aber nicht drängend oder gar misstrauisch. Das Schweigen, das sich zwischen ihnen ausdehnte, war nicht unangenehm. Will betrachtete sein Gegenüber und versuchte, sich Hannibal beim Töten vorzustellen. Es gelang ihm nicht. Dabei hatte er sich intensiver mit dem Chesapeake-Ripper beschäftigt, als mit jedem anderen Psychopathen, auf den man ihn angesetzt hatte. Aber irgendwie schaffte sein Gehirn es nicht, die beiden Hälften zusammenzusetzen. Hannibal und der Chesapeake-Ripper blieben in seinem Kopf zwei verschiedene Personen. Dabei passte die Art, wie der Ripper tötete, sehr gut zu Hannibal. Im Grunde hätte es Will nicht überraschen dürfen, dass ausgerechnet er sich als sein Gegenspieler entpuppt hatte. Das Profil passte perfekt.
Wieso gelang es ihm also nicht, den Mörder in ihm zu sehen?
Will hatte einmal irgendwo gelesen, dass Menschen dazu neigen, eine Person zu idealisieren, wenn sie Gefühle für die betreffende Person entwickeln. Daran musste er in diesem Moment wieder denken. Tatsächlich hatte Hannibal in der Vergangenheit als sein Anker fungiert. Will hatte ihm keinesfalls Vollkommenheit unterstellt, aber er war vollkommener gewesen, als der Profiler selbst und das hatte ausgereicht. Und jetzt hatte dieses Bild einen Sprung bekommen. Hannibal signalisierte nicht länger nur Sicherheit und Stärke. Das Sprechzimmer war nicht mehr ausschließlich ein Rückzugsort.
„Haben Sie sich von der Enzephalitis erholt?“, brach Hannibal schließlich das Schweigen. Und er stellte diese Frage nicht nur, um die Stille zwischen ihnen mit Worten zu füllen. Es schien ihn tatsächlich zu interessieren und abgesehen davon ahnte er vermutlich, dass Will nicht dazu in der Lage gewesen wäre, das Schwiegen zu brechen.
„Ich war gestern zu einer erneuten Untersuchung im Krankenhaus. Offiziell gelte ich als geheilt.“
„Und inoffiziell?“
„Inoffiziell gilt mein Zustand als bedenklich.“
Will rollte seine Schultern ein wenig nach vorne, als er spürte, wie verkrampft seine Haltung war.
„Im Grunde ist es wieder genauso, wie vor meiner Diagnose.“
„Und, werden Sie wieder mit Jack zusammenarbeiten?“, fragte Hannibal und schlug die Beine übereinander. Will überlegte einen Moment und zuckte dann schließlich mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Es ist mir momentan ohnehin noch nicht erlaubt, das vereinfacht die ganze Sache vorerst.“
„Das klingt, als wäre dies keine Entscheidung, die Sie gerne treffen möchten.“
Will schenkte ihm ein mattes Lächeln.
„Wundert Sie das?“
„Nicht wirklich. Ich hatte damit gerechnet. Sie werden immer noch von Schuldgefühlen gequält, wenn Sie es auch nur in Erwägung ziehen, aufzuhören.“
„Und Sie?“
„Ich bin noch immer mehr an Ihrem Leben interessiert, als an denen, die Sie retten.“
„Nein, ich meine, haben Sie je Schuldgefühle?“, fragte Will und betrachtete ihn aufmerksam. Hannibal blieb wie immer vollkommen gelassen, der Profiler hatte keine Ahnung, was in diesem Moment in seinem Kopf vorging. Er war eine der wenigen Personen, bei denen Wills Empathiefähigkeit ihn im Stich ließ.
„Jeder Mensch empfindet gelegentlich Schuld. Sofern seine Psyche keine Abnormitäten aufweist.“
Mit einer Antwort wie dieser hatte Will  gerechnet. Hannibal griff bei Fragen um seine eigene Person meist auf Verallgemeinerungen zurück. Im Grunde bekam man nie eine zufriedenstellende Antwort von ihm.
„Haben Sie sich schuldig gefühlt, als Sie meine Diagnose vertuscht haben?“, präzisierte er, weil er Hannibal dieses Mal nicht so einfach davonkommen lassen wollte. Will fand, dass er ein Recht auf Antworten hatte, nach allem was Lecter ihm angetan hatte. Abgesehen davon fand er es paradox, dass er sich so zugeknöpft gab, wo Will sein größtes und dunkelstes Geheimnis doch bereits kannte.
„Nein.“, entgegnete der Psychiater ruhig.
Will wusste nicht, was er erwartet hatte. Aber scheinbar eine andere Antwort, so wie die Enttäuschung in seinem Magen flatterte. Doch nach wie vor nicht genug, um ihn wirklich zu berühren. Will fühlte sich noch immer seltsam fremd in seinem eigenen Körper.
„Ich habe erst so etwas wie Schuld empfunden, als Sie in meinem Esszimmer zusammengebrochen sind.“, fügte Hannibal zu seiner Überraschung hinzu.
„Aber keine Reue.“, stellte der Profiler leise fest.
„Nein. Ich bereue nichts von dem, was ich getan habe. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich verkalkuliert habe.“
„Tut mir leid, dass ich Ihre Erwartungen enttäuscht habe und Ihren Anforderungen nicht gewachsen bin.“
„Im Gegenteil, Will. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie so lange durchalten.“
Für einen kurzen Moment flackerte Wills Wahrnehmung und er glaubte, den Chesapeake-Ripper zu erkennen. Er fühlte erstmals die Bedrohung, die von Hannibal ausging, so als würde eine dünne Frostschicht langsam an seinem Körper hinaufkriechen. Ein Teil von Will war alarmiert, aber es reichte nicht aus, um ihn zu beunruhigen. Er fragte sich, ob es überhaupt noch etwas gab, was ihn beunruhigen konnte. Schlimmer als in der besagten Nacht in Hannibals Haus konnte es ohnehin nicht mehr werden. Außerdem war da immer noch die Distanz zwischen ihm und der Erkenntnis, dass sein Psychiater ein gewissenloser Serienkiller war.
„Ich fühle mich geehrt.“, gab er zurück, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Er hatte seine Stimme und seine Tonlage ebenso gut unter Kontrolle, wie sein Gegenüber. Nicht, dass er ihm tatsächlich ebenbürtig gewesen wäre. Aber ohne die Enzephalitis war er nicht mehr vollkommen hilflos und ausgeliefert. Und sein Wissen über Hannibals Doppelleben verlieh ihm zumindest ein klein wenig Macht.
„Hat Abigail davon gewusst?“, fragte er.
„Von Ihrer Diagnose? Nein.“
„Und, weiß sie über Sie Bescheid?“
„Nicht im Detail. Sie weiß, dass ich Ihrem Vater ebenbürtig bin, was gewisse Dinge angeht.“
„Nicht ebenbürtig.“, widersprach Will und dachte daran zurück, wie der Chesapeake-Ripper seine Opfer zu inszenieren pflegte. Er hatte mit dem Minnesota-Würger lediglich gemein, dass er Teile seiner Opfer verspeiste. Es wunderte den Profiler, dass Hannibal sich mit Garrett Jacob Hobbs auf eine Stufe stellte. Aber vielleicht wollte er damit lediglich provozieren, dass Will ihn vom Gegenteil überzeugte. Hannibal hatte nur wenige Schwächen und verstand es, diese gut zu verbergen. Doch eine davon war zweifelsohne sein Ego. Narzissmus war unter Psychopathen weit verbreitet.
„Das hängt von der Betrachtungsweise ab.“, erwiderte Hannibal.
Will beließ es dabei, da er in diesem Moment nicht dazu bereit war, Hannibals Narzissmus zu fördern.
„Haben Sie daran gedacht, sie umzubringen?“, fragte er weiter und sein Gegenüber dachte einen Moment nach. Allerdings schien er zu überlegen, welche Worte seine Absichten am besten auszudrücken vermochten. Schließlich lag es in seinem Interesse, dem Profiler seine Motivation und seine Denkweise begreiflich zu machen. Und Will beschloss, genauso an die Situation heranzugehen. Er blendete aus, worum es in dieser Unterhaltung tatsächlich ging. Es war einfacher sich für den Moment vorzustellen, dass Hannibal ihm einen abstrakten Sachverlauf verdeutlichte, der keinen von ihnen persönlich betraf.
„Ich habe es kurz in Erwägung gezogen, ja.“
„Wann?“
„Als Nicolas Boyles Leiche wieder aufgetaucht ist.“
„Ich verstehe. Und was ist mit Jack und Alana?“
„Ich denke nicht ununterbrochen an den Tod, Will. Und die Beziehungen, die ich zu meinen Mitmenschen aufbaue, sind durchaus echt. Welchen Grund sollte ich haben, Jack oder Alana zu töten?“
„Welchen Grund hatten Sie, Cassie Boyle zu ermorden?“, fragte der Profiler zurück. Tatsächlich war ihm das Motiv des Chesapeake-Rippers noch nie richtig klar gewesen. Er wusste, dass er seine Opfer als Schweine betrachtete, die ihre Organe in seinen Augen nicht verdienten. Sie waren für ihn nicht mehr als Nutztiere, totes Fleisch, das es zu verwerten galt. Aber Will hatte bisher nicht herausgefunden, nach welchem Kriterium er sie auswählte. Jetzt wo er wusste, dass Hannibal der Chesapeake-Ripper war, hatte er jedoch eine leise Ahnung.
„Sie war unhöflich.“, antwortete Hannibal und Will schloss kurz die Augen.
Natürlich. Es gab nichts, was Hannibal so unsagbar anwiderte, wie Unhöflichkeit.
„Das ist das Auswahlkriterium des Chesapeake-Rippers? Unhöflichkeit?“
Will legte keine Verwunderung oder Geringschätzung in seine Frage, er wollte lediglich sichergehen.
Hannibal nickte knapp. Es schien ihm keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten, über seine Taten zu sprechen. Tatsächlich fühlte Will sich in diesem Moment so, als wäre er selbst der Schuldige.
„Sie töten Menschen, weil sie unhöflich sind.“, wiederholte der Profiler langsam.
Er sprach mehr zu sich selbst, als zu dem Psychiater. Will suchte nach einem Gefühl, nach dem Hauch einer Reaktion in seinem Inneren. Wie konnte ihn diese ungeheure Tatsache nur so unberührt lassen?  Er fand nichts in seinem Inneren, außer vielleicht einer emotionslosen Akzeptanz. Es gelang ihm nicht einmal, Abscheu vor sich selbst zu empfinden.
„Wie lange geht das schon so?“, fragte er und war sich durchaus bewusst, dass er sich aus dem Repertoire eines betrogenen Partners bediente.  
„Sie wissen, seit wann der Chesapeake-Ripper aktiv ist.“, entgegnete Lecter.
„Aber diesen Namen haben Sie sich nicht ausgesucht. Er wurde Ihnen gegeben. Es muss etwas davor geschehen sein…Sie müssen davor einen Namen gehabt haben.“
Hannibal schmunzelte und das machte es absurderweise einfacher, zu vergessen  worüber sie in diesem Moment eigentlich sprachen.
„Ich hatte viele Namen. Aber sie sind nicht mehr von Bedeutung. Das, was ich war, zählt nicht mehr. Wichtig ist nur, was ich bin.“
„Und was sind Sie?“
„Was glauben Sie denn?“, stellte Hannibal die Gegenfrage.
Will musste nicht lange überlegen, er sprach das erste Wort aus, das ihm in den Sinn kam.
„Ein Monster.“, sagte er leise.
Er rechnete beinahe damit, dass Hannibal dies als Beleidigung auffassen würde. Aber das schien nicht der Fall zu sein. Oder aber, er zeigte sein Missfallen nicht.
„So könnte man es sehen.“, sagte er sanft und Will musste den Blickkontakt schließlich doch unterbrechen. Hannibals Tonfall berührte etwas in ihm. Er gestattete sich nicht, das Gefühl zu erforschen, sondern schob es eilig beiseite und sperrte es weg. Will blickte auf seine Hände, die auf der Lehne des Sessels lagen, doch er spürte deutlich, dass Hannibal ihn weiterhin ansah.
„Da ist noch etwas, was ich nicht verstehe…“
„Ich höre.“
„In dieser Nacht…als ich den Zusammenbruch hatte…wieso haben Sie meine Anschuldigungen nicht von sich gewiesen? Wieso haben Sie nicht alles abgestritten? Ich stand vollkommen neben mir. Es grenzt an ein Wunder, dass ich mich überhaupt an das Gespräch erinnern kann. Sie hätten so weitermachen können, wie bisher.“
„Womöglich wollte ich das nicht.“
Will zwang sich, ihm wieder in die Augen zu blicken.
„Das ist keine Antwort.“
„Mir war bewusst, dass Sie mich eines Tages finden würden. Schon seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war darauf vorbereitet.“
„Sie haben mich monatelang manipuliert. Und dann hören Sie plötzlich auf, mich anzulügen?“
„Ich habe nie wirklich gelogen, Will.“
Der Profiler stieß leise die Luft aus und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Nein, Sie haben mir immer eine Facette der Wahrheit erzählt, nicht wahr? Oder unbedeutende Details verschwiegen.“, sagte er kühl. Er kam dabei dem Schmerz, der tief in seinem Inneren vergraben war, gefährlich nahe.
„Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ich wollte, dass Sie mich finden?“
„Wieso sollten Sie das wollen?“, fragte der Profiler tonlos.
Hannibal ließ die Frage unbeantwortet im Raum stehen, doch sein Schweigen war Will Antwort genug. Sie saßen einander in demselben Abstand gegenüber, wie sonst auch, aber mit einem Mal fühlte es sich an, als sei Hannibal endlos weit von ihm entfernt.  Der vertraute Klang seiner Stimme war beinahe zu viel für ihn. Nur mit Mühe konnte er die aufkeimende Trauer zurückdrängen und sich wieder in einen Zustand von beinahe vollkommener Emotionslosigkeit versetzen.
„Es ist faszinierend. In dieser Nacht hatte ich das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Ich dachte, ich könnte nie wieder aufstehen. Alles um mich herum ist zusammengebrochen. Die Stabilität, die Sie mir vermittelt haben, war nur eine Illusion. Ein Netz aus Lügen und Manipulation, das mich nicht aufgefangen, sondern eingewickelt hat.“
Will atmete tief durch, bevor er weitersprach und ließ dabei kraftlos die Schultern hängen.
„Sie hätten mich töten können und es wäre mir vollkommen egal gewesen. Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich wollte nicht sehen, was ich gesehen habe. Ich dachte wirklich, ich würde vollkommen verrückt werden. Und jetzt ist da nichts mehr…“
Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, der ihm so vertraut geworden war. Über die Bücherregale, den Kamin, den Schreibtisch, die Chaiselongue, die Statur des schwarzen Hirsches. Ihn überkam dabei ein ähnliches Gefühl, wie kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Der Raum wirkte farbloser, beinahe ein wenig stumpf und grau. So als hätte Hannibals Enttarnung dem Sprechzimmer die Leuchtkraft und die Farben genommen. So als sähe Will die Dinge erst jetzt so, wie sie wirklich waren.
„Sie haben all diese Menschen umgebracht. Und Sie haben grausame, schreckliche Dinge mit ihren Leichen angestellt. Sie haben ihr Fleisch an mich verfüttert. Sie haben meine Diagnose manipuliert und mich wochenlang in dem Glauben gelassen, ich sei psychisch krank. Ich hätte jeden Grund, Sie zu hassen. Doch ich fühle nichts…“
Hannibal hörte ihm aufmerksam zu und Will glaubte, tatsächlich so etwas wie Bedauern in seinem Blick aufflackern zu sehen. Will hatte sich nicht nur von sich selbst distanziert, sondern auch von Hannibal und das gefiel ihm mit Sicherheit ganz und gar nicht. Doch der Profiler konnte es ohnehin nicht ändern, selbst wenn er gewollt hätte. Es war so viel einfacher, den Schmerz und die Enttäuschung einfach herunterzuschlucken, anstatt sich damit auseinanderzusetzen.
Will straffte sich ein wenig und setzte sich aufrechter hin, als er fortfuhr.
„Es spielt nun ohnehin keine Rolle mehr. Ich möchte Sie lediglich um etwas bitten.“
Dieses Mal suchte er wieder von sich aus den Blickkontakt und es gelang ihm, sich nicht von den braunen Augen aus dem Konzept bringen zu lassen.
„Bitte lügen Sie mich nicht an. Egal, in welcher Hinsicht. Schweigen Sie, weichen Sie mir aus oder tun Sie, was immer Ihnen sonst beliebt. Aber lügen Sie mich nicht an.“
Hannibal ließ die Bitte einen Moment lang im Raum stehen, dann nickte er schließlich.
„Wenn es das ist, was Sie wünschen.“
Wieder schwiegen sie und außer dem leisen Knistern des Feuers war es vollkommen still im Raum. Der Profiler fühlte sich ein klein wenig besser, jetzt wo Hannibal in seine Bitte eingewilligt hatte. Aber trotzdem würde er wohl nie wieder das Gefühl heraufbeschwören können, das er vor seiner Entdeckung in Lecters Gegenwart empfunden hatte.  Und vermutlich würde er auch nie wieder Trost in seinen Worten und seiner Gegenwart finden.
„Wir haben zu Beginn davon gesprochen, was Sie tun werden, wenn man sie auch inoffiziell als genesen erklärt.“, sagte Hannibal schließlich und Will war froh, das Thema Chesapeake-Ripper erst einmal wieder von sich schieben zu können. Trotz der Wärme im Raum fühlten seine Fingerspitzen sich kalt an und er massierte sie vorsichtig, um den Blutkreislauf ein wenig anzukurbeln.
„Ich werde mich dagegen sträuben, wieder mit Jack die Tatorte aufzusuchen. Er wird an mein Gewissen appellieren und mich letztendlich wieder überreden. Es dürfte sich genauso abspielen, wie vor ein paar Monaten. Nur dass Alana Jack dieses Mal ernsthaft gefährlich werden könnte.“
Hannibals Mundwinkel zuckten bei der Erwähnung seiner besorgten Kollegin. Auch er hatte sich schon einiges von ihr anhören müssen, wie der Profiler wusste. Aber Hannibal schätzte Alanas Kampfgeist und die Leidenschaft, mit der sie ihrer Arbeit nachging. Eine Zeitlang war das Gerücht kursiert, die beiden hätten eine Affäre. Will wusste nicht, wie viel davon der Wahrheit entsprach, aber er konnte es sich nicht wirklich vorstellen. Alana war Hannibal zweifellos nicht abgeneigt und umgekehrt dürfte es ähnlich aussehen, doch sie würde es als unprofessionell betrachten, eine Beziehung mit ihm zu beginnen. Besonders jetzt, wo Abigail in seinem Haus lebte.
„So muss es nicht ablaufen.“, gab Hannibal schließlich zu bedenken und riss Will damit aus seinen Gedanken.
„Wollen Sie mir nahelegen, nicht mehr als Profiler zu arbeiten?“
„Es geht nicht darum, was ich will. Und auch nicht darum, was Jack will. Was wollen Sie?“
Will seufzte leise.
„Ich weiß nicht, was ich will. Ich habe mich damals nicht nur aufgrund meines Gewissens von Jack überzeugen lassen…“
„Sie waren von Garrett Jacob Hobbs fasziniert.“, stellte Hannibal fest und Will nickte.
„Es ist nicht so, dass ich alles an meinem Beruf verabscheue…ein Teil von mir hat es womöglich sogar genossen, in die Köpfe dieser Menschen hineinzuschlüpfen. Und die Enzephalitis hat die vergangenen Monate verzerrt und meine Arbeit stark beeinflusst. Ohne die Krankheit wäre das ganze womöglich weniger schlimm  gewesen.“
„Also will ein Teil von Ihnen durchaus zurückkehren.“
„Um wirklich aufhören zu können, müsste ich es kompromisslos tun. Vor den Psychopathen, auf die Jack mich ansetzt, bin ich auch in meinem Hörsaal nicht sicher. Mein Beruf wird mich immer verfolgen, auch ohne Jack Crawford.“
„Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, es zu tun? Mit allem aufzuhören, meine ich.“
„Ich habe in Erwägung gezogen, irgendwo ein neues Leben zu beginnen.“
„Wie würde dieses Leben aussehen?“
„Ich würde Wolf Trap hinter mir lassen und mit meinen Hunden an die Küste ziehen. Vielleicht würde ich wieder Bootsmotoren reparieren, so wie mein Vater es früher getan hat. Ich würde die Zeitungen, die über die Mordserien berichten, meiden und mich einfach nur auf meine Arbeit konzentrieren.“
„Und alles vergessen, was geschehen ist?“
„Zumindest könnte ich es versuchen. Es gibt nichts, was mich hier hält. Niemand, der mich vermissen würde.“
„Das sehe ich anders.“
Will schenkte Hannibal ein müdes Lächeln. Er erschuf in diesem Moment eine Utopie, sie wussten beide sehr gut, dass ein Leben wie dieses für Will nicht möglich sein würde. Vermutlich war es das nie gewesen.
„Würde es Ihnen fehlen, die Funktionsweise meiner kranken Psyche zu analysieren?“
„Sie würden mir fehlen.“, korrigierte Hannibal sanft und Will biss sich auf die Zunge.
„Aber das wird nicht passieren. Ich würde mich nur selbst belügen.“
„Weil Sie glauben, dass Sie im Grunde hierher gehören.“, stellte Lecter fest.
„Ja.“
Die Kette hängt bereits schwer um meinen Hals, dachte Will. Ich kann nicht mehr fliehen.
Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass beinahe zwei Stunden vergangenen waren. Normalerweise reservierte Hannibal für seine Patienten nur eine Stunde, in Notfällen eineinhalb. Aber Will war schon lange nicht mehr sein Patient. Vermutlich war er es nie wirklich gewesen. Hannibal therapierte ihn nicht, wie es Alana oder jemand vollkommen außenstehendes, wie beispielsweise Bedelia du Maurier, getan hätte. Sie unterhielten sich nicht so, wie ein Psychiater und sein Patient es zu tun pflegten. Die Distanz zwischen ihnen wurde mit jedem Satz geringer und sie wanderten während ihren Unterhaltungen nicht selten durch das halbe Sprechzimmer. Will saß Hannibal oft gegenüber, so wie jetzt, aber gelegentlich blieb er auch stehen und lehnte an der Tischkante. Einmal hatte er auch auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch platzgenommen. Damals, als sie sich mit Georgia Madchens Fall auseinandergesetzt hatten.  Während der Sitzungen bestand eine Nähe zwischen ihnen, die nur wenig mit einer professionellen Beziehung zu tun hatte.
Zumindest war es früher so gewesen. Jetzt fühlte Will sich wieder so, wie kurz nach ihrer ersten Begegnung. Nackt, angreifbar und unterlegen. Dabei war Hannibal an diesem Abend wesentlich zurückhaltender, als bei ihrer ersten Unterhaltung. Sie hatten sich so sehr aneinander gewöhnt, dass sie nicht zwangsläufig Worte brauchten, um zu kommunizieren. Und der Profiler begann sich zu fragen, wie viel Hannibal in diesem Moment tatsächlich sah. Blickte er in Wills Herz hinein? Sah er die Emotionen, die der Profiler so sorgfältig weggesperrt hatte?
„Sie haben gesagt, Sie würden mich nicht umbringen.“, sagte er unvermittelt, obwohl er das Thema eigentlich nicht erneut hatte anschneiden wollen. Aber da war noch eine Sache, die er wissen musste. Etwas, was Hannibal betraf, nicht den Chesapeake-Ripper. Dem Ripper war Will nicht begegnet, wie er Hannibal begegnet war.
„Sie wollen wissen, ob ich je darüber nachgedacht habe.“, stellte Hannibal fest und der Profiler nickte. Hannibal hatte ihm zwar bereits gesagt, dass er sich nicht ununterbrochen damit beschäftigte und den Chesapeake-Ripper gelegentlich ruhen ließ, doch es machte einen erheblichen Unterschied, ob Will ihn nach seinen Plänen bezüglich Alana und Jack fragte, oder nach denen, die ihn selbst betrafen.
„Nein.“, fügte Hannibal zu seiner Überraschung hinzu.
„Ich habe nie wirklich das Verlangen verspürt, Sie zu töten. Ich schätze Ihre Gesellschaft zu sehr und die Welt ist ein sehr viel interessanterer Ort, wenn Sie sich darin bewegen.“
„Ich hätte mich gegen Sie wenden können…ich könnte es noch immer.“
„Niemand würde Ihnen glauben.“
„Und dennoch könnte sich mein Zorn gegen Sie richten. Im Kampf hätte ich vermutlich keine Chance gegen Sie. Aber es gibt andere Möglichkeiten. Vielleicht hätte ich einen Weg gefunden, Sie anzugreifen. Sie umzubringen, wenn ich Sie schon nicht überführen kann.“
Hannibal neigte den Kopf ein wenig und seine Augen schienen sich zu verdunkeln. Die Vorstellung gefiel ihm offenbar und auch auf Will übte sie im Moment einen gewissen Reiz aus. Nach all der Manipulation fühlte der Profiler den Drang, Hannibal zu dominieren.
„Das wäre nicht dasselbe. Sie würden mich gewissermaßen dazu zwingen.“
„Wie würden Sie es tun?“, fragte Will unbeirrt und schluckte.
„Ich würde Sie verspeisen. Stück für Stück. Ihre Wunden würde ich behandeln, sodass Sie mir an meiner Tafel Gesellschaft leisten können. Sie würden keine Schmerzen empfinden. Sie würden lediglich mit mir speisen, wie Sie es schon so oft getan haben.“
„Es würde sicher ein denkwürdiger Abend werden.“, sagte Will heiser und seine Finger krallten sich unwillkürlich fester in die Armlehne des Sessels.
„Zweifellos. Und am Ende würde ich Ihnen die Kehle durchschneiden, bevor ich den letzten Gang zubereite.“
Hannibal betrachtete, wie der Profiler sich durch das Bild bewegte, das er mit seinen Worten in seinem Kopf erschuf. Für einen kurzen Moment sah Will das Szenario tatsächlich vor sich. Er sah sich selbst auf dem Tisch liegen, umgeben von Palmblättern und exotischen Pflanzen.
„Was ist der letzte Gang?“, fragte er tonlos und Hannibal wartete, bis Will in die Realität zurückgekehrt war, bevor er ihm antwortete.
„Ihr Herz.“
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