A warm place

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Abigail Hobbs Dr. Hannibal Lecter Jack Crawford Will Graham
21.10.2015
28.11.2015
12
76.299
24
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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21.10.2015 6.334
 
Titel: A warm place
Kapitel: 1/12
Rating: P18slash
Pairing: Hannigram
Disclaimer: Alle Rechte liegen wie immer bei Thomas Harris, Bryan Fuller und NBC
Warnung: Spoiler, kanontypische Gewalt, düstere Themen, destruktive Beziehungen, Kannibalismus
Zeitliche Einordnung: Die Handlung setzt gegen Ende der ersten Staffel ein, allerdings noch bevor Will verdächtigt und verhaftet wird.
Anmerkung 1:
Detailverliebten Lesern wird auffallen, dass ich ein paar Kleinigkeiten verändert habe. Teilweise aus Gründen der Abwechslung, teilweise aus praktischen Gründen. Die meisten Motive wurden wie immer aus der Serie übernommen, viele Details zum Roten Drachen jedoch auch aus den Büchern. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, doch falls Punkte auffallen, die in der Serie oder in den Büchern anders dargestellt wurden, so ist es normalerweise beabsichtigt. Wer meine Geschichten kennt, weiß, dass ich mir gerne mal ein wenig künstlerische Freiheit erlaube.
Anmerkung 2:
Diese Fanfiction war, wie die meisten anderen auch, stark durch Musik geprägt. So hat der Titel zwar auch für sich allein eine Bedeutung, basiert aber zudem auf dem gleichnamigen Lied von „Nine inch Nails“.  Wenn ihr das Feeling haben möchtet, das ich beim Schreiben hatte, dann empfehle ich das „Blood Theme“ aus der Serie Dexter (Original- und Klavierversion), das „Hannibal-Theme“, „In the House, in a heartbeat“ von John Murphy, sowie „Redemption“ von Zack Hemsey.  







Will wurde von warmen Sonnenstrahlen geweckt, die das Zimmer in einen weichen Goldton tauchten und die Konturen der Möbelstücke aufweichten. Die Sonne schien kraftvoll, stand aber noch recht tief. Er hatte keine Ahnung, ob es Morgen oder Abend war. Aber das spielte im Moment ohnehin keine Rolle.
In seinem Kopf pochte es und er hatte einen unangenehmen, leicht bitteren Geschmack im Mund. Aber der Schmerz hinter seiner Stirn war nichts im Vergleich zu dem, was er in den vergangenen Monaten durchgestanden hatte, und im Moment durchaus erträglich. Zudem hatte er nicht länger das Gefühl, sich durch einen Alptraum zu bewegen. Die Umgebung kam ihm real und klar vor und die Einrichtung war ihm auf eine gewisse Art vertraut, obwohl er sich nicht in seinem eigenen Haus befand.
Es hätte ihn eigentlich in Panik versetzen müssen, in einem fremden  Bett aufzuwachen, aber das tat es nicht. Will fühlte nichts. Er setzte sich aufrecht hin und blickte an sich herab. Das graue T-Shirt, das er trug, war tatsächlich sein eigenes. Und auch die Boxershorts gehörten ihm.
Seine restliche Kleidung lag ordentlich zusammengefaltet auf einem Sessel in der Nähe der Glastür, die zum Balkon führte. Auf dem Nachttisch lagen seine Wertsachen, bestehend aus seinem Handy, seinem Schlüsselbund und seinem Portemonnaie. Daneben befanden sich eine Karaffe mit Wasser und ein halbvolles Glas. Will streckte die Hand danach aus und setzte es an die Lippen, um den unangenehmen Geschmack loszuwerden und nicht länger das Gefühl zu haben, innerlich ausgetrocknet zu sein. Als er ausgetrunken hatte, stellte er das Glas mit einem leisen Geräusch auf den Nachttisch zurück.
Er erinnerte sich sehr wohl an das, was in der vergangenen Nacht geschehen war.
Und zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er, er könnte es vergessen. In den vergangenen Monaten war er so oft aus der Zeit gefallen, die Erinnerungslücken waren immer größer geworden und er hatte allmählich den Verstand verloren. Zumindest hatte es sich so angefühlt. Es war schrecklich gewesen, doch jetzt ertappte er sich dabei, wie er sich diesen Zustand zurückwünschte. Manchmal war es gut, zu vergessen.
Will fuhr sich durch die Haare und fasste sich an die Stirn. Das Blut pochte noch immer durch seinen Kopf und die Haut fühlte sich heiß an. Dennoch glaubte er, dass er kein Fieber hatte. Langsam schwang er die Beine über die Bettkante und richtete sich auf. Die Kraft schien nur langsam in seinen Körper zurückzukehren. Und sie hielt nicht lange an. Das Zittern ergriff erst seine Beine, dann seinen ganzen Körper und so ließ er sich wieder auf der Matratze nieder und schloss die Augen, bis das Zimmer sich nicht mehr drehte. Als er sie wieder öffnete, entdeckte er eine winzige Einstichwunde in seinem rechten Handrücken. Doch das schockierte ihn nicht. Er registrierte es, wie er beim Aufwachen die Sonne registriert hatte.
Vielleicht stand er noch immer unter Schock.
Ein Klopfen ließ ihn aufblicken, bevor die Tür geöffnet wurde.
„Sie müssen nicht klopfen. Schließlich wohnen Sie hier.“, sagte Will matt.
Hannibal schenkte ihm ein schwaches Lächeln und zog sich einen Stuhl heran, um sich zu ihm ans Bett zu setzen.
„Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
„Es braucht weit mehr, um mich zu erschrecken.“, erwiderte der Profiler müde und richtete seinen Blick wieder zu den Fenstern. Das Sonnenlicht färbte sich allmählich orange und Will nahm an, dass es tatsächlich Abend war. Er hatte offenbar länger geschlafen, als er vermutet hatte. Nicht, dass das von Belang gewesen wäre. Er bedauerte es nicht, dass er so tief und lange geschlafen hatte. Er bedauerte, dass er aufgewacht war.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte Hannibal mit seiner sanften, vertrauten und angenehmen Stimme. Will seufzte tief bevor er antwortete. Er musste sich dazu überwinden, Hannibal anzusehen. Doch als ihre Blicke sich schließlich kreuzten, wich er den Augen des Psychiaters nicht aus. Will blickte durch ihn hindurch. Er gab sich keine Mühe, ihn wirklich anzusehen. Nicht jetzt. Nicht nachdem, was geschehen war. Er wollte nicht in Hannibals Kopf blicken. Er wollte nicht einen Teil seiner Emotionen auffangen.
„Leer.“, antwortete er schließlich und Hannibal hielt seinen Blick nach wie vor fest.
„Haben Sie Schmerzen?“
„Nein.“
„Das ist gut.“
„Was haben Sie mir gegeben?“, fragte Will und strich unwillkürlich über das kleine Loch in seinem Handrücken. Die Haut war noch ein wenig empfindlich, als er sie mit den Fingerspitzen berührte. Für einen kurzen Moment verspürte Will das Bedürfnis, seine Nägel in das winzige Loch zu graben und die dünne Haut auf seinem Handrücken aufzureißen, bis das Blut hervortrat. Den brennenden, stechenden Schmerz gänzlich zu fühlen und den Geruch von Kupfer wahrzunehmen. Stattdessen zog er seine Hand vorsichtig zurück und legte sie auf die Matratze.
„Ein leichtes Beruhigungsmittel.“
„Aber das ist nicht alles.“
„Nein.“
„Das Chaos in meinem Kopf hat sich gelegt. Ich kann wieder klar denken.“
„Für den Moment, ja.“
„Sie wissen, was mit mir nicht stimmt. Sie wussten es die ganze Zeit über.“
„Ja.“
„Was ist es?“
„Eine virale Enzephalitis.“
„Wird sie mich umbringen?“
„Nein.“
Will nickte langsam und ließ das Wort in seinem Kopf nachhallen. Enzephalitis. Eine Entzündung des Gehirns. Es wunderte ihn, dass er nicht selbst darauf gekommen war. Will war kein Mediziner und kannte sich nur bedingt mit neurologischen oder psychischen Erkrankungen aus, doch in den vergangenen Wochen hatte sich sein Gehirn genauso angefühlt. Entzündet. Das beschrieb die Symptome vielleicht am besten. Wenn man von seinem eigenen, schon immer vorhanden gewesenen Wahnsinn absah.
„Dr. Sutcliffe hat also gelogen.“
„Ja.“
„Wieso?“
„Opportunismus.“
„Er schien wie ein Mann, der durchaus nicht abgeneigt ist, einem alten Freund einen Gefallen zu tun.“, bestätigte Will matt und dachte an die Tests zurück, die Dr. Sutcliffe mit ihm durchgeführt hatte. Und an das schreckliche Gefühl der Ohnmacht, das er empfunden hatte, als Sutcliffe ihm die Testergebnisse mitgeteilt hatte. Das nächste Bild, das ihm in den Sinn kam, war das von Sutcliffes Leiche in seinem Büro.
„Sie haben ihn getötet.“
Es war eine Feststellung, keine Frage. Will sprach vollkommen ruhig, er merkte selbst, dass er fast ein wenig überrascht klang. Aber dennoch empfand er nicht einmal ansatzweise das, was in dieser Situation angebracht gewesen wäre. Tatsächlich berührten ihn weder Hannibals Worte, noch seine eigenen. Das war kein schlechtes Gefühl.
Hannibal nickte lediglich.
„Wieso?“, fragte der Profiler erneut.
„Es bot sich an.“
„Und Georgia Madchen?“
Hannibal seufzte leise, doch es war ohnehin nicht nötig, dass er ihm antwortete.
„Möchten Sie jetzt wirklich darüber sprechen?“, fragte der Psychiater.
Er hatte recht. Es gab wichtigere Themen zu besprechen. Georgia Madchen war tot. Ebenso wie Donald Sutcliffe, Cassie Boyle und vermutlich Miriam Lass. Will wusste, wie diese Menschen gestorben waren. Er hatte die Akten und Fotos so oft durchgesehen, dass er sie auswendig kannte.
Die Erinnerung an seine Ermittlungen schienen aus einem anderen Leben zu stammen.
„Wo ist Abigail?“, fragte er und spürte zum ersten Mal wieder eine echte Regung in seinem Inneren. Den Vorboten von Angst. Doch als er Hannibals Blick sah, verflüchtigte sich das Gefühl sogleich. Lecter konnte lügen, wie kaum jemand sonst. Er konnte seinem Gegenüber alles einreden, was er wollte. Stets hatte er sich perfekt unter Kontrolle und nicht einmal Will konnte sich sicher sein, was in seinem Kopf vorging. Aber in diesem Moment hatte er es nicht nötig, ihn anzulügen. Und so war es dem Profiler möglich, zumindest ansatzweise in seinen Augen zu lesen.
Wenn Abigail etwas zugestoßen wäre, hätte sich etwas in seinem Blick verändert.
„Sie ist wieder in der Anstalt. Sie schlief, als ich sie verlassen habe. Sie war ausgesprochen erschöpft.“
„Wie haben Sie sie gefunden?“, fragte Will.
Er hatte Abigail das letzte Mal in der Jagdhütte ihres Vaters gesehen. An das, was danach geschehen war, konnte er sich nicht erinnern. Zumindest in Bezug auf Abigail. Er war alleine in einem Flugzeug wieder zu sich gekommen.
„Sie hat mich gefunden. Sie ist zu ihrem Elternhaus gelaufen und ich habe dort auf sie gewartet.“
„Wieso waren Sie dort?“
Die Fragen waren im Grunde nicht von Bedeutung. Es spielte keine Rolle mehr, was an diesem Tag in Minnesota geschehen war. Nur das Ergebnis war noch relevant. Aber Will wollte die entscheidenden, die wirklich wichtigen Fragen nicht stellen. Er hatte das ungute Gefühl, dass diese die Betäubung in seinem Inneren vertreiben würden.
„Ich habe erfahren, dass Sie mit Abigail nach Minnesota geflogen sind. Hätte ich Abigail nicht in ihrem Haus angetroffen, wäre ich zu der Jagdhütte rausgefahren. Welche Orte sollten sonst für Sie und Abigail von Interesse sein, wenn nicht diese beiden?“
„Was ist dann passiert?“
„Abigail hat mir erzählt, dass sie mit Ihnen in der Jagdhütte war. Und dass Sie ihr Angst eingejagt haben und sie deshalb weggelaufen ist.“
„Sie ist eine Mörderin und Kannibalin. Sie dürfte Schlimmeres gesehen haben.“, erwiderte Will trocken und er rechnete damit, dass Hannibal Abigail verteidigen würde. Tatsächlich schien Lecter mit dem Gedanken zu spielen, doch dann verwarf er ihn und konzentrierte sich stattdessen darauf, die restlichen Ereignisse zusammenzufassen.
„Ich bin dann mit ihr zur Jagdhütte gefahren, doch Sie waren schon weg. Alles deutete darauf hin, dass Sie nach Baltimore zurückgeflogen waren, also haben Abigail und ich das ebenfalls getan. Ich habe sie in die Anstalt zurückgebracht und mich auf die Suche nach Ihnen gemacht. Bis Sie schließlich vorgestern Nacht vor meiner Tür aufgetaucht sind. Ich denke, was danach geschehen ist, wissen Sie.“
Erneut nickte Will und blickte abwesend auf die Bettdecke, die über seine Beine und seine Hüfte ausgebreitet war. Sie bestand aus ägyptischer Baumwolle und war sehr glatt und weich.
„Habe ich den ganzen gestrigen Tag verschlafen?“, fragte der Profiler schließlich, während er mit den Fingerspitzen langsam über den Stoff strich. Hannibal beobachtete für ein paar Sekunden die Bewegung seiner Hand, bevor er nickte.
„Größtenteils. Sie waren gelegentlich wach, aber es ist nicht verwunderlich, dass Sie sich nicht daran erinnern können. Die Medikamente, die ich Ihnen gegen die Enzephalitis verabreicht habe, sind recht stark. Außerdem hatten Sie hohes Fieber. Es war zu riskant, Sie ins Krankenhaus zu bringen.“
Es kümmerte Will nicht, ob das tatsächlich der Wahrheit entsprach. Er hatte sich in den vergangenen Tagen tatsächlich so gefühlt, als würde er sterben. Die Kopfschmerzen waren unerträglich gewesen und er hatte nicht mehr auf seinen Verstand vertrauen können. Die Enzephalitis schien irgendwann von seinem ganzen Körper Besitz ergriffen zu haben und hatte ihn schließlich zusammenbrechen lassen.
„Sie werden sich bald besser fühlen.“, versprach Hannibal, doch der Profiler warf ihm lediglich einen resignierten Blick zu.
Nein, sagte dieser Blick. Werde ich nicht.
Denn seine physischen Schmerzen waren nicht länger das eigentliche Problem. Seine zersplitterte Seele würde ihm wesentlich mehr Kummer bereiten. Wills Welt lag in Scherben. Und er wusste nicht, wie er sie hätte kitten können. Alles um ihn herum schien zerstört.
„Sie wollten sehen, wie ich leide.“, stellte er nach einer Weile fest und Hannibals Augen wurden sanfter.
„Ich wollte sehen, wozu Sie imstande sind.“
„Indem Sie zulassen, dass mein Gehirn in Flammen aufgeht?“
„Ich war neugierig, was passieren würde. Sie unterscheiden sich von anderen Menschen. Deswegen hat auch eine virale Enzephalitis andere Auswirkungen auf Sie.“
„Es wäre wohl nur halb so amüsant, einen normalen Menschen beim Zugrundegehen zu beobachten.“
Wills resignierter, müder Tonfall nahm den Worten ihre Schärfe. Dennoch nahm er an, dass er Hannibal verletzt hatte. Sofern man ihn überhaupt verletzen konnte. Nein, dachte Will. Ich bin zu bedeutungslos für ihn, um ihn zu verletzen. Ich bin nicht mehr als ein Kauknochen. Ein Spielzeug. Zieh ihn auf und sieh zu, wie er läuft.
Der Gedanke löste tatsächlich so etwas wie Zorn in ihm aus, aber es war keine brennende, hoch aufflammende Wut, sondern nicht mehr als ein leises, unscheinbares Knistern.
„Ich hasse Sie, Dr. Lecter.“, fügte er noch hinzu und probierte die Worte auf seiner Zunge aus. Hannibal hielt seinen Blick fest und dieses Mal gelang es Will nicht, durch ihn hindurchzusehen oder seine Augen abzuwenden. Lecters Stimme klang sanft und ruhig, wie schon die ganze Zeit über, aber dennoch glaubte der Profiler, tatsächlich leises Bedauern aus seinem Tonfall herauszuhören.
„Nein, das tun Sie nicht.“
„Nein, das tue ich nicht.“, gab Will schließlich matt zu. Sein Hass auf Hannibal war vermutlich ebenso real, wie der schwarze Hirsch mit den Rabenfedern, der ihn durch so manche dunkle Nacht geleitet und in die Tiefen seines zertrümmerten Verstandes geführt hatte. Zu den Abgründen in seinem Geist.
„Hat es sich gelohnt?“, fragte er dann und Hannibal neigte den Kopf ein wenig.
„Was meinen Sie?“
„Hat es sich gelohnt, mir dabei zuzusehen, wie ich zerbreche? Haben Sie die gewünschten Einblicke erhalten und die passenden Erkenntnisse gewonnen? Oder habe ich Sie enttäuscht? Habe ich zu voreilig aufgegeben? Hat mich die Enzephalitis zu früh in die Knie gezwungen? Habe ich Ihnen Ihr kleines Spielchen verdorben, weil Sie gewissermaßen dazu gezwungen waren, es zu beenden?“
„Es ist nicht notwendig, dass Sie mich provozieren, Will.“
„Ach nein?“
„Nein. Sie werden damit nicht den gewünschten Effekt erzielen. Ich werde Sie nicht umbringen.“
„Wieso nicht?“, fragte Will und seine Stimme klang zum Teil provokant, aber auch zum Teil irritiert, beinahe verzweifelt.
„Wir sind Freunde.“, erwiderte Hannibal schlicht und Will stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus, das erschreckende Ähnlichkeit mit einem Schluchzen aufwies. Er schluckte und schüttelte den Kopf, während er den Blickkontakt nach wie vor aufrechterhielt.
„Nein, Dr. Lecter. Wir sind keine Freunde. Wir waren niemals Freunde. Und wir werden niemals Freunde sein.“
Will merkte, wie ihm allmählich wieder schwindlig wurde und er stützte sich etwas stärker auf der Matratze ab. Sein Körper war noch nicht bereit dazu, sich mit all diesen Dingen auseinanderzusetzen. In seinem Kopf tobte noch immer die Enzephalitis. Sie wurde im Moment lediglich durch die Medikamente betäubt, aber es würde noch eine ganze Weile dauern, bis sie vollkommen abgeklungen war. Das Pochen in seinem Kopf wurde stärker und Will fasste sich an die Stirn, als könnte das die Krankheit in seinem Schädel besänftigen.
Hannibal füllte das Glas auf dem Nachttisch erneut auf und griff dann in seine Tasche. Der Profiler sah dabei zu, wie er eine Tablette aus der Verpackung knickte und sie in Wills Handfläche legte.
„Hier.“, sagte er und reichte ihm das Glas.
So als wäre nichts geschehen.
So als hätte das Gespräch gar nicht stattgefunden.
Als wäre er ein normaler Patient oder ein normaler Gast.
Aber dennoch vermittelten seine Bewegungen und der Ausdruck in seinen Augen eine Fürsorglichkeit, die Wills Kehle zuschnürte und es ihm erschwerte, die Tablette zu schlucken. Er hatte keinen Schimmer, welche Medikamente Hannibal ihm genau verabreichte. Aber welche Rolle spielte das noch? Wenn Lecter ihn hätte umbringen wollen, hätte er es auf eine stilvollere Art und Weise getan, die seinem Geschmack entsprach. Und im Moment sehnte der Profiler sich in erster Linie danach, die Schmerzen in seinem Schädel loszuwerden. Er hätte vermutlich alles geschluckt, was Hannibal ihm angeboten hätte.
„Die Leere in Ihrem inneren scheint Ihrem Zorn zu weichen.“, sagte Hannibal schließlich, während Will sich  in die Kissen zurücksinken ließ. Er konnte sich nicht länger aufrechthalten und das schien den Psychiater nicht zu überraschen.
„Ich empfinde keinen Zorn, Dr. Lecter. Ich empfinde gar nichts, zumindest nicht für Sie. Außer vielleicht Enttäuschung.“
„Das ist ausgesprochen bedauerlich.“
Hannibal glaubte ihm nicht und er hatte damit recht. Will mochte im Moment noch von den Medikamenten benebelt und von dem Schock betäubt sein, aber schon bald würden die Gefühle in seinen Körper zurückkehren und ihn vermutlich erneut zu Boden gehen lassen. Will fürchtete sich vor diesem Moment. Er spürte den tiefen Schmerz in seinem Inneren bereits, wie eine sich anbahnende Erkältung. Irgendwann würde er aus ihm herausbrechen und der Profiler hoffte inständig, dass es nicht in Hannibals Gegenwart geschehen würde. Lecter sollte nicht sehen, wie viel Macht er über ihn hatte. Er wusste es ohnehin bereits, wieso sollte er noch eine Bestätigung erhalten? Nein, er musste nicht sehen, wie tief er Will verletzt hatte.
„Wieso ich?“, fragte Will, nachdem sie lange geschwiegen hatten. Erneut gestattete Hannibal sich ein Seufzen und erstmals las Will so etwas wie Erschöpfung in seinem Blick. Auch für ihn waren die vergangenen Tage anstrengend gewesen, wenn auch auf eine andere Art und Weise und in einem anderen Maß. Hannibal war nicht gänzlich unantastbar, er war keineswegs vollkommen gefühlskalt oder emotionslos. Eben das war das Problem.
„Man kann sich nicht aussuchen, wen man…“
Tatsächlich verstummte Hannibal und setzte neu an.
„Wem man zugetan ist.“, sagte er schließlich und Will schloss kurz die Augen und schluckte hart. Seine Kehle fühlte sich verkrampft und rau an, trotz des Wassers. Seine Nase kribbelte und er schloss die Augen und riss sich zusammen.  Er atmete tief und ein wenig zittrig durch, aber es gelang ihm, sich wieder zu fangen und die Gefühle nicht zuzulassen, die nur darauf warteten, ihn wie eine mächtige Flutwelle zu überschwemmen und unter sich zu begraben.
„Wann kann ich nach Hause?“, fragte er dann und glücklicherweise gelang es ihm, seine Stimme unter Kontrolle zu behalten. Hannibal blickte ihn ein wenig wehmütig an und der Profiler richtete seine Aufmerksamkeit schließlich wieder auf die kostbare Bettwäsche.
„Sie sind kein Gefangener.“
Doch, dachte Will. Im Grunde bin ich genau das. Schon seit unserer ersten Begegnung.
Und das war nicht einmal ausschließlich Hannibals Schuld.
„Allerdings schlage ich vor, dass Sie sich in ein Krankenhaus begeben.“, fügte Hannibal hinzu.
Will nickte schwach, obwohl ihm der Gedanke zutiefst widerstrebte. Er wollte sich in sein Haus zurückziehen und auf den Sturm warten, der sich in seinem Inneren zusammenbraute. Und danach seine Wunden lecken. Aber die vergangenen Monate waren schrecklich gewesen und Will wollte sich nicht wieder mitten in der Nacht barfuß auf einer Landstraße wiederfinden oder auf dem Dach seines Hauses. Er wollte die Enzephalitis endlich loswerden, damit er sich zumindest in seinen Kopf zurückziehen konnte. Es war unerträglich, in der Außenwelt Hannibal ausgeliefert zu sein und in seinem Kopf mit einem zweiten Gegner konfrontiert zu werden. Dafür fehlte ihm die Kraft.
„Was ist mit Jack?“, fragte Will. „Wie viel weiß er?“
„Er weiß nichts. Ich habe ihm lediglich erzählt, dass Sie mit Abigail aus Minnesota zurückgekehrt sind und dass Ihr Zustand sich verschlechtert hat. Er wird der Krankheit die Schuld an Ihrem Verhalten geben.“
„Eine einfache, bequeme Lösung…“, murmelte Will.
„Und ich werde ihm nicht widersprechen.“, fuhr Hannibal fort.
„Erwarten Sie von mir, dass ich dasselbe tue?“
„Das liegt bei Ihnen.“
„Ich könnte Jack erzählen, was vorgestern Nacht vorgefallen ist. Ich könnte Sie verraten.“
„Aber das werden Sie nicht tun.“, sagte Hannibal sanft und Will stieß resigniert die Luft aus.
„Nein, das werde ich nicht.“


Will musste nur fünf Tage im Krankenhaus bleiben. Kürzer als befürchtet, doch länger als erhofft. Er zwang sich während des Aufenthaltes dazu, sich abzulenken und keinen Gedanken an sich heranzulassen, der von Bedeutung war. Jack besuchte ihn am zweiten Tag und ließ sich berichten, was eigentlich genau vorgefallen war. Will lieferte eine recht exakte Kopie der Ereignisse, wie Hannibal sie geschildert hatte. Und wie erwartet gab Jack sich damit zufrieden. Es war einfach, sich vorzustellen, dass Will aufgrund der Enzephalitis nicht mehr zurechnungsfähig gewesen war. Die Krankheit war schuld an seinem Zusammenbruch und Jack war damit aus dem Schneider und musste sich keine Vorwürfe mehr machen. Will nahm ihm seine Erleichterung nicht einmal übel.
Auch Alana ließ sich blicken und versprach ihm, sich um seine Hunde zu kümmern und seine Vorlesungen zu übernehmen, bis er vollständig genesen war. Will sah die Fragen in ihrem Blick, aber er war ihr dankbar dafür, dass sie sie nicht aussprach. Alana spürte die tiefen Verletzungen, die man Will zugefügt hatte. Und sie merkte deutlich, dass er nicht darüber sprechen konnte und wollte. Also bedrängte sie ihn nicht, sondern ging vorerst auf seine Verdrängungstaktik ein und unterhielt sich mit ihm über triviale Dinge. Will wusste, dass sie sein Verhalten keineswegs gutheißen konnte, schon allein aus beruflichen Gründen. Aber auch Alana hatte sich unzählige Vorwürfe gemacht. Vielleicht sah sie es als eine Art gerechte Strafe an, dass Will sich ihr nicht anvertraute. Dabei traf sie keine Schuld, zumindest sah der Profiler es so. Er liebte Alana, aber er konnte sich ihr unmöglich anvertrauen. Zum einen wollte er vor ihr keine Schwäche zeigen, zumindest nicht in diesem Maß und zum anderen wollte er sie schützen. Sie hatte es nicht verdient, sich mit denselben düsteren Gedanken zu quälen, wie er selbst. Er wollte sie aus der ganzen Sache heraushalten, so gut es eben ging. Wenigstens sie sollte unbeschädigt bleiben.
Will erholte sich recht schnell von der Enzephalitis. Nachdem die Krankheit erst einmal entdeckt worden war, ließ sie sich gut behandeln. Schon bald verschwanden die Kopfschmerzen, die Übelkeit, der Schwindel und das immer wieder aufkeimende Gefühl der Desorientierung. Als Will das Krankenhaus verließ, gab man ihm eine Schachtel Tabletten mit, die er in der kommende Woche aufbrauchen sollte. Dann würde es eine erneute Untersuchung geben und er würde vermutlich offiziell als geheilt gelten. Spätestens dann durfte er auch wieder seine Vorlesungen halten, allerdings würde er für mindestens einen Monat vom Außendienst beurlaubt werden, was Jack nicht gerne sah, aber als kleineres Übel akzeptierte.
Als Will endlich nach Hause zurückkehrte, erwarteten ihn die Hunde bereits. Sie schafften es tatsächlich, ihm ein schwaches Lächeln zu entlocken und sein schweres Herz ein wenig zu erleichtern. Nachdem Will sich für jeden einzelnen Hund Zeit genommen hatte, wanderte er wie ein Fremder durch sein Haus. Er hatte das Gefühl, nach einer langen Reise zurückzukehren. Dabei war er nur knapp eine Woche weg gewesen. Doch die Enzephalitis hatte sein Zeitgefühl durcheinander gebracht und obwohl es ihm nun besser ging, fiel es ihm nach wie vor schwer, die Ereignisse vor seinem Zusammenbruch in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Es strengte ihn an und bereitete ihm Kopfschmerzen, also ließ er es bleiben.
Von Alana hatte er erfahren, dass Abigail einen Tag zuvor aus der Anstalt entlassen worden war. Hannibal hatte die Vormundschaft für sie übernommen und brachte Abigail in seinem Gästezimmer unter. Will sperrte das Gefühl, das ihn bei dieser Vorstellung überkam, zu den anderen. Er schob es einfach von sich und verwahrte es in der hintersten Ecke seines Verstandes. Insgeheim hatte er geahnt, dass es so kommen würde. Es war lediglich eine Frage der Zeit gewesen. Hannibal hatte keinen Vorteil davon, wenn Abigail weiterhin den Ärzten und Psychiatern in der Klinik ausgeliefert war. Und Abigail hatte in ihm die Vaterfigur gefunden, nach der sie sich gesehnt hatte. Der Gedanke, dass sie ihm tatsächlich vertraute, verursachte in Will ein bitteres Gefühl der Hilflosigkeit. Abigail war ihm in den vergangenen Monaten zu nahe gekommen, er fühlte sich ebenso für sie verantwortlich, wie Hannibal. Und ein Teil von ihm sorgte sich um sie, weil sie Lecter und seinen Manipulationen nun tagtäglich ausgeliefert war. Aber andererseits war Abigail keineswegs so unschuldig, wie sie auf den ersten Blick wirkte. Sie war nicht das prominente Opfer, als das Freddie Lounds sie gerne dargestellt hätte. Auch Abigail verfügte über ein Talent für Manipulation. Auch sie hatte getötet.
Will dachte wieder an die Nacht zurück, in der er Hannibal aufgesucht hatte.
Daran erinnerte er sich nach wie vor genau.
Und die Erinnerung hatte ihm bereits im Krankenhaus den Schlaf geraubt. Seine Schlafstörungen und Alpträume waren dem behandelnden Arzt aufgefallen und er hatte Will ein leichtes Medikament dagegen verabreicht, das es allerdings nur schlimmer gemacht hatte. Zwar wälzte Will sich nicht länger ruhelos umher, aber dafür wurden die Träume durch die Medikamente grafischer, verwirrender und verzerrter. Der Hirsch tauchte wieder auf und reale Erinnerungen vermischten sich mit Ängsten und Fantasien. Will hatte den Arzt schon nach der zweiten Nacht gebeten, die Medikamente absetzen zu dürfen, doch dieser hatte es ihm nicht erlaubt. Wenn Will nicht schlief, würden sich sein Körper und sein Geist niemals erholen.
Also hatte er die Alpträume, die sich wie ein endloser Drogenrausch anfühlten, wohl oder übel ertragen müssen. Er hatte damit gerechnet, dass es irgendwann ermüdend werden würde, immer wieder dieselben Szenarien zu durchleben. Aber das war nicht der Fall. Es war jedes Mal gleich real, jedes Mal gleich unerträglich.
Will seufzte bei dem Gedanken an eine weitere, von Alpträumen vergiftete Nacht und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Seit er in Hannibals Gästezimmer erwacht war, fühlte er sich müde und erschöpft. Dass er in Lecters Obhut insgesamt mehr als vierundzwanzig Stunden geschlafen und auch im Krankenhaus zumindest ein klein wenig Ruhe gefunden hatte, schien seinem Körper gleichgültig zu sein. Will war todmüde, doch sobald er sich hinlegte und die Augen schloss, spürte er die rotierenden Gedanken in seinem Gehirn und das seltsame Ziehen in seinem Magen. Doch der erneute Zusammenbruch, mit dem er gerechnet hatte, blieb aus. Will verdrängte nach wie vor die Gedanken und Gefühle, die er sich schon die ganze Zeit über nicht hatte erlauben wollen und entgegen seiner Erwartung fiel es ihm von Tag zu Tag leichter.
Nicht, dass er sich besser gefühlt hätte. Aber die Betäubung in seinem Inneren hielt an. Will spürte nichts als eine kalte Leere in seiner Brust und in seinem Kopf. Zumindest tagsüber. Aber auch die Alpträume drangen offenbar nicht in die Ecke seines Verstandes vor, in der er die verdrängten Emotionen versteckt hatte. Nichts schien ihn mehr richtig zu berühren.
Obwohl er noch für die kommende Woche beurlaubt war, bereitete er eine seiner Vorlesungen vor. Hauptsächlich, weil er nichts Besseres zu tun hatte und die endlosen Grübeleien ohnehin zu nichts führten. Es fiel ihm leicht, die Notizen anzufertigen und die PowerPoint-Präsentation zu erstellen. Will würde demnächst über einen Fall dozieren, der sich vor über zehn Jahren ereignet hatte und längst als abgeschlossen galt. Der Täter war gefasst und würde den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Dass Will aktuelle Fälle mit den Studenten besprach, wie beispielsweise den des Chesapeake-Rippers, kam eigentlich eher selten vor. Es ging bei seinen Vorlesungen hauptsächlich darum, bereits abgeschlossene Fälle zu analysieren und den angehenden FBI-Agenten zu vermitteln, welche Denkrichtung sie einschlagen und welche Basics sie beherrschen mussten.
Will wusste, dass viele fähige Menschen in seinem Hörsaal saßen, die es vermutlich einmal weit bringen würde. Aber dennoch hatten die meisten von ihnen eine falsche Vorstellung von seinem Beruf. Es war nicht so, dass sie sich an Fernsehserien orientierten oder die Psychopathen und Verbrecher, mit denen sie eines Tages konfrontiert werden würden, unterschätzten. Die meisten von ihnen wussten, worauf sie sich eingelassen hatten. Sie ahnten, dass ein Großteil ihres Berufslebens von Blut, Gewalt und Tod geprägt sein würde. Aber sie konnten nicht ahnen, was der Anblick eines Tatortes mit ihnen anstellen würde. Niemand konnte vorhersagen, wie ein Mensch darauf reagierte, egal wie es um seine Herkunft, seine Intelligenz oder seine psychische Verfassung stand. Will hatte erfahrene Agenten gesehen, die selbst bei Tatorten, die nicht einem blutigen Schlachtfeld glichen, die Nerven verloren hatten.  Es machte doch einen gewaltigen Unterschied, ob man in der Zeitung von einem Mord las, oder ihn selber rekonstruierte. Und auch einfache Verletzungen wie Schusswunden oder Hämatome konnten einem auf den Magen schlagen. Die Studenten mussten auch Seminare absolvieren, deren Schwerpunkt auf der Obduktion lag. Aber dennoch bereitete sie nichts wirklich auf den Anblick einer Leiche und eines Tatorts vor. Und ein paar von ihnen würden sich vermutlich nie davon erholen.
Nachdenklich scrollte er durch die Fotos. Auch bei Fällen, in die er nicht involviert gewesen war, meldete sich seine Fähigkeit zur vollkommenen Empathie. Manchmal reichten die Berichte und Fotografien aus, um ein recht exaktes Bild in seinem Kopf zu erschaffen. Es war zwar einfacher für ihn, den Tatort in der Realität zu sehen, vorzugsweise kurz nach dem Entdecken der Leichen, aber im Notfall genügten ihm auch Aufzeichnungen und Dokumente. Jetzt fühlte Will nichts. Er betrachtete die Fotos und konnte keine Verbindung zu dem Täter aufbauen, obwohl er über jedes Detail des Falls informiert war. Er schaffte es nicht einmal, Abscheu oder Mitleid zu empfinden. Lediglich Resignation.
Er dachte daran, dass dieser Täter nur einer von vielen war. Jack und er hetzten von einem Tatort zum nächsten und versuchten, die Welt sicherer zu machen. Aber sie kämpften auf verlorenem Posten. Der Feind, sofern man die Psychopathen als solchen bezeichnen konnte, war in der Überzahl. Und er verbarg sich nicht selten in den eigenen Reihen, wie Will kürzlich hatte erfahren müssen. Jack und er konnten nicht gewinnen. Und auch die kommende Generation von Agenten, die Will ausbildete, würde im Grunde nichts ausrichten können. Gerechtigkeit war nur eine Illusion. Will wusste, wie viele Fälle für immer ungelöst blieben und irgendwann in den Aktenschränken im Keller des Hauptquartiers verschwanden. Er wusste, wie viele Prozesse immer wieder aufgerollt wurden, ohne Erfolg. Er wusste, wie viele Angehörige irgendwann resignierten und es aufgaben, denjenigen zu finden, der gewaltsam jemanden aus ihrem Leben gerissen hatte.
„Wir müssen die retten, die wir retten können.“, pflegte Jack zu sagen. Vor ein paar Monaten hatte Will ihm noch geglaubt. Jack hatte ihm damals angeboten, aufzuhören und sich aus dem Außendienst zurückzuziehen. Doch Will hatte abgelehnt. Hauptsächlich aus Pflicht- und Schuldgefühlen. Er hatte das Gefühl gehabt, für jeden kommenden Todesfall verantwortlich zu sein, wenn er tatsächlich aufhörte. Mit dieser Schuld hatte er nicht leben können.
Und jetzt? Jetzt hatte man ihm die Entscheidung gewissermaßen abgenommen. Er durfte nicht wieder mit Jack zusammenarbeiten, zumindest nicht in den nächsten vier bis sechs Wochen. Selbst wenn er es gewollt hätte. Sollte ihn das nicht ein wenig erleichtern? Oder sollte er sich weiterhin schuldig fühlen und ungeduldig den Tag abwarten, an dem man ihn wieder für den Außendienst freistellte? Wollte er überhaupt noch zurückkehren?
Im Momente verspürte Will nur den Wunsch, sich zu verkriechen und dieser Welt aus Gewalt, Tod, Manipulation und Verrat den Rücken zuzukehren. Sein Leben war in Ordnung gewesen, bevor Jack ihn aus dem Hörsaal geholt hatte. Es hatte ihm gut getan, die Vorlesungen zu halten und dabei einer gewissen Routine folgen zu können. Will fühlte sich nach wie vor in der Gegenwart seiner Mitmenschen nicht sehr wohl, doch die Studenten kamen nicht nahe genug an ihn heran, als dass sie ein Problem für ihn dargestellt hätten. Was hielt ihn davon ab, sein altes Leben wieder aufzunehmen? Auch die Vorlesungen trugen dazu bei, Menschen zu retten. Nur eben auf eine indirekte Art. Doch Will hatte an manchen Tagen das ungute Gefühl, die Verantwortung an die Studenten zu übergeben, die er eigentlich hätte tragen müssen.
Während er die Präsentation auf Fehler überprüfte, wurde ihm bewusst, dass er auch nicht in den Hörsaal zurückkehren wollte. Er wollte nichts mehr mit dem FBI zu tun haben. Sein Fluchtreflex war so stark, dass ihm sogar der Gedanken in den Sinn kam, Wolf Trap hinter sich zu lassen. Will hatte sich das Geld für die Ausbildung zum Profiler damals mit dem Reparieren von Bootsmotoren verdient. Er hätte wieder damit anfangen können, es würde locker zum Leben ausreichen. Und abgesehen davon hatte Will schon in seiner Kindheit gelernt, sich mit wenig zufriedenzugeben. Er könnte sich seine Hunde schnappen und das kalte Virginia verlassen. Irgendwo neu anfangen. Womöglich in Florida oder Kalifornien.
Doch allein die Vorstellung war lächerlich und jagte eine Welle der Bitterkeit durch seinen Körper. Er konnte nicht weglaufen. Es hatte sich nur eine Gelegenheit geboten, auszusteigen und diese hatte er nicht genutzt. Vermutlich hätte er sich schon damals nicht von Jack aus dem Hörsaal holen lassen sollen. Jack konnte ihn nicht dazu zwingen, ihm zu helfen. Will hätte seine Bitte ignorieren und seinen Vorschlag ablehnen können. Dann wäre er Hannibal Lecter vermutlich niemals begegnet. Und auch von dem Minnesota-Würger, falls man ihn denn gestellt hätte,  hätte er nur aus den Berichten seiner Kollegen und Freddie Lounds´ Artikeln erfahren. Vielleicht hätte er Abigails Todesanzeige gelesen und sich gefragt, was für ein Mädchen sie wohl gewesen sein mochte. Und dann wäre der Fall zu den Akten gekommen. Will hätte darüber doziert, ohne persönlich involviert zu sein. Es wäre ein Fall wie jeder andere gewesen.
Der Profiler richtete seinen Blick wieder auf den Laptop, doch er nahm nichts von dem wahr, was auf dem Bildschirm erschien. Hannibal hatte sich in den vergangenen Tagen sehr zurückgezogen und es klaglos akzeptiert, dass Will ihre nächste Sitzung abgesagt hatte. Obwohl er zweifellos wusste, dass der Profiler gelogen hatte, als er behauptet hatte, sich noch nicht fit genug zu fühlen. Aber Will hätte es nicht ertragen, ihm wieder in seinem Sprechzimmer gegenüberzusitzen, als ob nichts geschehen wäre. Es ärgerte ihn, dass Hannibal den Gedanken, dass Will ihn verraten könnte, noch nicht einmal in Erwägung zu ziehen schien. Auch wenn der Profiler wusste, dass seine Selbstsicherheit diesbezüglich berechtigt war. Will konnte nicht zu Jack gehen und ihm alles erzählen. Vermutlich hätte er ihm ohnehin nicht geglaubt. Er galt nach wie vor als labil und hatte abgesehen davon nichts gegen Hannibal in der Hand. Lediglich das Geständnis aus der besagten Nacht. Doch vor welchem Gericht hätte es Bestand? Will war zu diesem Zeitpunkt absolut nicht zurechnungsfähig gewesen, noch vor ein paar Wochen wäre er sich vermutlich sicher gewesen, dass er sich die ganze Unterhaltung tatsächlich nur zusammenfantasiert hatte. Dazu kam, dass Hannibal alles abstreiten würde. Und er war wesentlich glaubwürdiger als Will, in jeder Hinsicht. Der Profiler hatte keinen einzigen Beweis in der Hand und erst recht kein Motiv. Nein, Hannibal wiegte sich zu recht in Sicherheit. Sein Plan war aufgegangen. Seine monatelangen Manipulationen hatten sich ausgezahlt.
Fahr zur Hölle, dachte Will.
Aber nicht einmal gedanklich konnte er so etwas wie echte Abscheu aufbringen.
Und genau das war sein eigentliches Problem. Es wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn er Hannibal hätte hassen können. Dann wäre er auch dazu in der Lage gewesen, sich einen anständigen Plan zurechtzulegen. Vielleicht wäre es ihm dann irgendwann tatsächlich gelungen, ihn zu überführen. Aber so...
Will hätte in dieser Nacht wohl auch ohne die Krankheit in seinem Schädel die Nerven verloren. Dass Hannibal der Chesapeake-Ripper war, war eine ungeheuerliche Erkenntnis, die er nicht hatte bewältigen können. Nicht nachdem er angefangen hatte, dem Psychiater zu vertrauen. Nicht nachdem er sich zum ersten Mal in seinem Leben in der Gegenwart eines anderen Menschen wohlgefühlt hatte. Sie hatten so viele Stunden beieinander gesessen und über Abigail gesprochen. Über die Fälle, die man Will zugeteilt hatte. Über den Profiler selbst, seine Kindheit, seine Ängste, seine Art zu denken. Hannibal hatte tiefe Einblicke in Wills Psyche gewonnen und der Profiler hatte sie ihm allmählich freiwillig gewährt. Er hatte sich von Hannibal verstanden gefühlt. Und auf eine gewisse Art und Weise auch geliebt.
Hannibal war der einzige gewesen, der Will während seiner Anfälle hatte beruhigen können. Der einzige, dem er einen gewissen Grad an Nähe hatte erlauben können. Sie hatten tatsächlich eine Beziehung zueinander aufgebaut, die immer weniger mit der zwischen einem Psychiater und seinem Patienten zu tun hatte. Aber Will weigerte sich, diese Beziehung als Freundschaft zu bezeichnen. Das war es nie gewesen und das würde es nie sein. Aus anderen Gründen, als er sich einredete.
Er schloss die Präsentation schließlich und speicherte sie in dem dafür vorgesehenen Ordner ab. Dabei entdeckte er die Datei, die den Namen „Minnesota-Würger“ trug. Er öffnete sie und klickte sich durch die Vorlesung, die er vor Monaten gehalten hatte.
Kannibalismus ist ein Akt der Dominanz.
Obwohl dieser Satz unter vielen anderen Punkten aufgelistet war, schien er ihm förmlich ins Auge zu springen. Er erinnerte sich an die vielen Abende, an denen er in Hannibals Haus gespeist hatte.
Und nicht nur er, auch Abigail, Alana, Jack, Dr. Chilton und sogar Freddie Lounds waren seine Gäste gewesen. An alle hatte Hannibal seine Opfer verfüttert. Nichts ahnend hatten sie seine Kochkünste gelobt und jede Einladung zum Dinner freudig angenommen. Der Gedanke hätte wohl ein tiefes, kaltes Grauen in Will ausgelöst, wenn sein Inneres nicht nach wie vor betäubt gewesen wäre. Er hatte Teile der Menschen verspeist, die er hatte retten wollen.
Und schlimmer noch, er hatte es genossen. Hannibal war in vielerlei Beziehung ein Meister seines Fachs, seine Kochkünste stellten da keine Ausnahme dar. Immer wieder hielt Will sich vor Augen, dass er Menschenfleisch gegessen hatte. Aber die Tragweite dieser Erkenntnis erreichte ihn nicht. Die Vorstellung fühlte sich nicht real an. Er glaubte es nicht, obwohl er es mit Sicherheit wusste. Vielleicht, weil er es nicht glauben wollte. Oder aber, sein Gehirn versuchte, ihn vor einem weiteren Zusammenbruch zu schützen.
Will fand das Foto, das Garrett Jacob Hobbs und Abigail zeigte.
Unwillkürlich fragte er sich, wie viel das Mädchen wusste.
Dass Hannibal so einiges hinter der Maske des charmanten, eloquenten Psychiaters verbarg, musste ihr klar sein, seit er ihr geholfen hatte, die Leiche von Nicolas Boyle verschwinden zu lassen. Aber ahnte sie auch, dass er sie mit Menschenfleisch fütterte? Dass er der Chesapeake-Ripper war? Fühlte sie vielleicht gerade deswegen eine so starke Verbindung zu ihm? Schließlich war ihr Vater ebenfalls ein Serienkiller und Kannibale gewesen.
Arme Abigail, dachte Will, konnte aber in seiner seltsamen Emotionslosigkeit kein echtes Mitleid für sie aufbringen. Sie hatte sich so sehr danach gesehnt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und zur Normalität zurückzukehren. Und nun war sie im Grunde wieder dort, wo alles angefangen hatte.
„Niemand entkommt dem Chesapeake-Ripper.“, murmelte Will. Doch seine Worte wurden nur von den Hunden gehört, die die Ohren hoben und beim vertrauten Klang seiner Stimme freudig mit dem Schwanz wedelten.
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