Im Dunkel deiner Seele

GeschichteDrama, Familie / P18
Candace Gertrud Flynn Ferb Fletcher Lawrence Fletcher Linda Flynn-Fletcher Phineas Flynn
20.10.2015
20.10.2015
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Ein Schritt. Ein einziger Schritt genügte, dann war ich frei. Frei von all den Sorgen, die ich in letzter Zeit mit mir herumgetragen hatte. Frei von all dem Leid, das mir in letzter Zeit widerfahren war. Frei von all dem Schmerz, der mich innerlich langsam auffraß. Es war nur ein kleiner Schritt, dann war endlich alles vorbei. Die ganzen Beschimpfungen, die ich hatte ertragen müssen. Der ganze Hass, der mir entgegengeschlagen war. Die ganze Wut, die man an mir ausgelassen hatte. Alles nur, weil ich anders war als die anderen. Weil ich nicht den Vorstellungen meiner Eltern entsprach. Nur, weil ich ihnen nicht das geben konnte, was sie sich von mir wünschten. So oft hatten wir uns darüber gestritten. So oft hatte ich versucht, ihnen begreiflich zu machen, was in mir vorging. Hatte versucht, ihnen meine Gefühle und Wünsche offenzulegen. Aber sie hatten es jedes Mal abgeblockt. Sie hatten jedes Mal sofort angefangen, mich anzubrüllen, wenn ich versuchte, es ihnen zu erklären. Ich hatte mich so lange bemüht, ihnen deutlich zu machen, wie wichtig mir diese Sache war. Aber nie hatten sie mir zugehört. Nie hatten sie mich ausreden lassen. Ständig hatten sie mir vorgeworfen, welche Schande ich damit über sie bringen würde. Nur, weil ich ihnen gesagt hatte, dass ich mich im falschen Körper fühlte. Ihnen gesagt hatte, dass ich transsexuell war. Nur deswegen hatten sie mich verstoßen. Nur, weil ich nicht so war, wie sie es sich wünschten. Hatten sie eigentlich je darüber nachgedacht, dass es für mich auch nicht einfach war, damit umzugehen? Schließlich war ich doch derjenige, der am meisten darunter leiden musste. Ich war derjenige, der sich damit abfinden musste, anders zu sein als die anderen. Ich hatte mich doch damit auseinandersetzen und überlegen müssen, wie ich am besten damit umging. Ich hatte nächtelang wachgelegen und mich gefragt, warum das ausgerechnet mir passieren musste. Lange Zeit hatte ich mir diese Frage gestellt. Warum ausgerechnet ich? Warum musste ich diese bescheuerten Neigungen entwickeln? Ich war doch immer ein ganz normaler Junge gewesen und hatte mich stets darum bemüht, bei allen einen guten Eindruck zu machen. Ich war stets zielstrebig und ehrgeizig gewesen und hatte alles getan, damit meine Eltern stolz auf mich waren. Und dann musste mir so etwas passieren. Ich dachte zurück. Alles hatte mit diesem blöden Kleid angefangen. Vor genau sechs Monaten. Mein Stiefbruder Ferb und ich waren bei unserer guten Freundin Isabella zu einer Halloweenparty eingeladen gewesen. Wie jedes Jahr hatte ich mich als Vampir verkleidet. Das war schon immer mein absolutes Lieblingskostüm gewesen. Bereits als Kind hatte ich mir zu Halloween immer ein schwarzes Cape umgehängt und mir Plastikzähne in den Mund gesteckt. Ich hatte die Halloweenfeste mit meinen Freunden immer genossen. Hatte es geliebt, mit ihnen bis spät in die Nacht von Haus zu Haus zu ziehen und möglichst viele Süßigkeiten einzusacken. Aber dieses Halloween war alles anders. Aus mir war inzwischen ein Teenager geworden und ich interessierte mich mehr für coole Veranstaltungen als für Süßigkeiten. Wie gerufen kam mir da die Einladung zur Halloweenparty meiner Freundin. Wie immer war ich mit Ferb losgegangen und hatte mich auf einen unbeschwerten Abend voller Musik, Humor und guter Unterhaltung gefreut. Anfangs schien es auch genau so ein Abend zu werden, zumindest so lange, bis Isabella verkündet hatte, dass das Unterhaltungsprogramm leider ausfallen müsste, da die Entertainerin, die sie an diesem Abend gebucht hatte, kurzfristig aufgrund von Krankheit abgesagt hatte. Sie war am Boden zerstört gewesen, da die Gesangseinlage dieser Künstlerin den krönenden Höhepunkt der Party darstellen sollte. Um sie etwas aufzumuntern hatte ich ihr dann vorgeschlagen, spontan einzuspringen und die versprochene Show darzubieten. Natürlich war sie auf Anhieb von der Idee begeistert gewesen und hatte sich aufs Herzlichste bei mir dafür bedankt. Allerdings, so meinte sie, hätten die Gäste eine Sängerin erwartet, weshalb sie lediglich ein Bühnenoutfit für Frauen zur Verfügung habe. Daraufhin hatte ich erwidert, dass es mir nichts ausmache und ich auch dazu bereit wäre, in Frauenkleidern aufzutreten. Schließlich war es ja Halloween und da lief jeder in ausgeflippten Klamotten herum. Sie hatte sich noch einmal bei mir bedankt und mich nach draußen ins Badezimmer geführt. Dort hatte sie mir mein Outfit überreicht, welches aus einem glänzend schwarzen Minikleid, High Heels und einer silbernen Halskette mit passenden Ohrringen bestand. Erst hatte ich mich etwas darüber gewundert und gelacht, aber nachdem sie mich mit ihrem flehenden Hundeblick angesehen hatte, hatte ich schließlich zugestimmt und mich rasch umgezogen. Vor dem Badezimmerspiegel hatte ich dann verschiedene Posen ausprobiert und mich von allen Seiten betrachtet. Es war etwas ungewohnt, das eigene Ich in Frauenkleidung zu sehen, aber ich hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Schließlich war es nur eine einmalige Sache, danach würde ich so etwas niemals wieder machen. Als meine Freundin mir schließlich das Zeichen für meinen Auftritt gab, fing mein Herz leicht an zu klopfen. Ich konnte nicht verleugnen, dass ich ein bisschen nervös war, schließlich trat ich zum ersten Mal vor Publikum auf – und das auch noch in femininer Montur. Natürlich waren da draußen überwiegend Menschen, die ich nur allzu gut kannte und die mich mit Sicherheit nicht auslachen würden, wenn ich den ein oder anderen Ton nicht so richtig traf. Trotzdem spürte ich ein leichtes Kribbeln, als Isabella mir schließlich das Zeichen für meinen Einsatz gab. Mit zitternden Händen kam ich aus dem Badezimmer und folgte ihr wieder nach draußen ins Wohnzimmer. Die meisten Gäste unterhielten sich aufgeregt, ein paar andere bedienten sich am Buffet. Das Geplapper verstummte jedoch augenblicklich, als ich den Raum betrat. Alle Blicke wandten sich mir zu, einige begeistert, ein paar andere ungläubig. Ich versuchte, so gut es ging, sie zu ignorieren und konzentrierte mich voll und ganz auf meinen anstehenden Auftritt. In diesem Moment begann Isabella damit, den anderen zu erklären, dass es Änderungen im Unterhaltungsprogramm gäbe und sie nun statt einer Rocksängerin mich erleben würden. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als sie mir das Mikrofon in die Hand drückte und mir zuzwinkerte. Nervös trat ich von einem Bein auf das andere und versuchte, die richtigen Worte zur Eröffnung zu finden. Als ich ihnen schließlich erklärt hatte, welch große Ehre es für mich war, brachen die übrigen Gäste in lauten Applaus aus. Ich hatte mich herzlich bedankt und dann schließlich mein Programm mit dem ersten Song eröffnet. Nachdem ich die Show nach drei Zugaben beendet hatte, hatte ich mich noch einmal beim Publikum bedankt und wollte ins Badezimmer verschwinden, um mich wieder umzuziehen, doch mein Stiefbruder Ferb hatte mich zurückgehalten. Auch er hatte mir versichert, dass ich absolut fantastisch gewesen war und mich aus Spaß „Prinzesschen“ genannt. Damals hatten wir beide herzlich darüber gelacht. Als Ferb mich nach kurzem Zögern schließlich um einen Tanz gebeten hatte, hatte ich auch dem zugestimmt. Ich konnte ihm diese Bitte einfach nicht verwehren und begab mich schließlich in seine Hände. Wir beide begannen unseren ersten Tanz und wie auf Kommando standen plötzlich alle um uns herum still und blickten uns an. Ein paar schienen gerührt zu sein, ein paar andere wiederum schienen darum bemüht, nicht loszulachen. Doch ich hatte sie einfach ausgeblendet und mich voll und ganz auf den Tanz mit Ferb konzentriert. Nachdem wir diesen beendet hatten, hatten alle angefangen, wie verrückt zu klatschen und zu pfeifen. Ich war sehr geschmeichelt gewesen und hatte mich demonstrativ verbeugt. Dann hatten wir uns zurückgezogen und angefangen zu reden. Mein Stiefbruder Ferb machte mir noch ein Kompliment für mein Aussehen und versicherte mir, dass er es absolut ernst meinte. Noch einmal hatte er mich „Prinzessin“ genannt und dabei sanft gelächelt. Damals hatte ich mir nichts dabei gedacht, doch schon einige Zeit später stellte ich fest, dass Ferb bereits zu diesem Zeitpunkt alles geahnt hatte. Nachdem sich auch die letzten Partygäste verabschiedet hatten, zog ich mich wieder ins Badezimmer zurück, um mich in Ruhe umzuziehen. Erneut war ich vor dem Spiegel stehengeblieben und hatte mich betrachtet. Ich wusste nicht, warum, aber irgendwie gefiel es mir, mich selbst in diesem Aufzug zu sehen. Ich empfand es nun nicht mehr als unbequem, im Gegenteil: Es war ein schönes Gefühl, dieses Outfit anzuhaben. Ich drehte mich einmal im Kreis und lächelte dabei. Dann wiederholte ich gedanklich alles, was die anderen zu mir gesagt hatten. Wie toll ich in diesem Outfit aussähe. Wie gut es mir stünde. Abermals fühlte ich mich geschmeichelt und lächelte. Noch während ich mich selbst von allen Seiten angeschaut hatte, hatte es plötzlich an der Tür geklopft. Meine Freundin Isabella hatte mich gefragt, ob ich mich ein bisschen beeilen könnte. Rasch hatte ich mich umgezogen und mich selbst darüber gewundert, dass ich so lange dafür gebraucht hatte. Damals hatte ich es auch noch nicht besser gewusst und mir auch nichts weiter dabei gedacht. Erst ein paar Wochen später habe ich weitere Anzeichen dafür bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmte.

Einen knappen Monat nach der Halloweenparty hat Ferb mich zum Einkaufen in der Stadt eingeladen. Er hatte gemeint, dass ich dringend ein paar neue Sachen bräuchte, da meine alten bald reif für die Kleidersammlung wären. Erfreut über das nette Angebot habe ich sofort zugestimmt und so machten wir uns an einem Samstagnachmittag auf den Weg zum Einkaufszentrum. Nachdem wir an etlichen Schaufenstern vorbeigegangen waren, blieb Ferb plötzlich vor einem Geschäft für Damenmode stehen. Er deutete auf eine grüne Bluse und einen Minirock und sagte im Scherz zu mir, dass mir das bestimmt gut stehen würde. Wir lachten beide und spaßeshalber habe ich ihn gefragt, ob das sein Ernst wäre. Ferb hat es mit einem Nicken bejaht und gemeint, dass ich die Sachen doch mal anprobieren könne. Überrascht von diesem Vorschlag habe ich angefangen zu lachen und gedacht, dass Ferb mich lediglich auf den Arm nimmt. Doch als dieser nach wie vor ernst blieb, wurde mir klar, dass er meinte, was er sagte. Anfangs lehnte ich es ab und meinte, dass ich ja kein Mädchen sei. Doch als Ferb mich erneut darum bat und mich daran erinnerte, wie wunderschön ich seiner Meinung nach in dem Kleid ausgesehen hatte, stimmte ich schließlich der Idee zu. Rasch probierte ich die Sachen an und betrachtete mich im Spiegel. Wieder musste ich dabei verzückt lächeln. Ferb hat mir versichert, dass ich absolut umwerfend aussah, woraufhin ich verlegen lächeln musste. Dann hat er mich gefragt, ob ich das denn haben wolle und nach kurzem Überlegen habe ich schließlich zugestimmt. Ich wusste nicht warum, aber dieses Outfit gefiel mir wirklich. Ich hatte zwar keine Idee, wann es einen passenden Anlass gab, um es zu tragen, aber irgendetwas in mir sagte, dass ich es unbedingt haben musste.

In den darauffolgenden Wochen begann ich, ernsthaft über mich nachzudenken. Wenn ich allein in meinem Zimmer war, schlüpfte ich heimlich in die grüne Bluse und den Minirock und betrachtete mich oft lange vor dem Spiegel. Immer mehr bekam ich das Gefühl, dass genau das die Sachen waren, die ich tragen wollte. Gleichzeitig kam mir jedoch in den Sinn, dass es sich um Frauenkleidung handelte. Aber ich war keine Frau. Aus welchem Grund fühlte ich mich dann in diesem Aufzug so wohl? Lag es daran, dass Ferb es mir spendiert hatte? Oder ging es mir mit allen Frauenklamotten so? Ich beschloss, es herauszufinden und schlich mich heimlich in das Zimmer meiner älteren Schwester Candace. Sie hatte mehr als genug Outfits. So konnte ich mit Sicherheit feststellen, ob es mir nur bei dem einen oder bei allen weiblichen Outfits so ging. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sie nicht im Haus war, huschte ich eilig in ihr Zimmer hinüber und betrachtete die Sachen in ihrem Schrank. Blusen und Oberteile, Miniröcke und Kleider so weit das Auge reichte. Sie hatte schon immer ein Faible für Klamotten gehabt und kaufte sich zu jeder sich bietenden Gelegenheit etwas neues. Ich sah mir rasch alles durch und schließlich blieb mein Blick an einem orangefarbenen Hauskleid haften. Zögernd nahm ich es heraus und hielt es mir an den Körper. Dann warf ich einen Blick in den Spiegel und lächelte. Dieses Kleid gefiel mir. Es gefiel mir sogar sehr. Ich vergewisserte mich noch einmal, dass niemand mich beobachtete und schlüpfte dann kurzerhand hinein. Erneut sah ich in den Spiegel und wandte mich nach allen Seiten um. Dieses Kleid stand mir. Es stand mir sogar sehr. Rasch öffnete ich die unterste Schublade des Kleiderschranks. Ich wusste, dass Candace dort ihre Schmuckkassette verstaut hatte. Vorsichtig nahm ich sie heraus und wühlte darin nach passenden Ohrringen für das Kleid herum. Nach kurzer Suche wurde ich schließlich fündig. Ich nahm zwei orange Ohrclips heraus und steckte sie mir an. Dann sah ich wieder in den Spiegel und lächelte. Das war es. Das war ein Outfit wie ich es tragen wollte. Ich fühlte mich so wohl darin, doch gleichzeitig schoss mir wieder der Gedanke in den Kopf, dass es sich um Frauenkleidung handelte. Noch immer wusste ich nicht, woran es lag, dass es mir so gefiel. Noch während ich darüber nachdachte, ging plötzlich die Zimmertür auf. Ich zuckte vor Schreck zusammen und wollte mich auf schnellstem Wege wieder umziehen, als Ferb vor mir stand und mir entgegengrinste. Er sagte mir, wie bildhübsch er mich fände und wie gut mir das Kleid und die Ohrringe stünden. Ich lief blutrot an und wünschte mir, auf der Stelle im Erdboden zu versinken. Doch entgegen meiner Erwartung fing Ferb nicht an zu lachen, sondern kam auf mich zu und schloss mich in die Arme. „Prinzesschen“, flüsterte er mir wieder ins Ohr, so wie vor einigen Wochen auf Isabellas Halloweenparty. Noch immer war ich viel zu geschockt, um mich bewegen, geschweige denn etwas antworten zu können. Ferb bemerkte natürlich meine Nervosität und streichelte mir beruhigend über die Schulter. Nach kurzem Zögern fügte er schließlich hinzu, dass es dringend Zeit für ein Gespräch wäre und setzte sich aufs Bett. Mit zitternden Händen nahm ich neben meinem Stiefbruder Platz und wartete darauf, was dieser zu sagen hatte. Schließlich sprach er mich genau auf das an, was ich erwartet hatte: Auf mein Outfit. Wie zum Teufel sollte ich ihm das jetzt erklären? Wie sollte ich ihm verständlich machen, warum mir dieses Outfit gefiel, wenn ich es selbst nicht wusste? Meine Miene wurde schlagartig betrübt und ließ mehr als eindeutig erkennen, dass ich mich ertappt fühlte. Es war mir so unglaublich peinlich, dass Ferb mich dabei erwischt hatte, wie ich Frauenkleider trug. Wie ich bewusst Frauenkleider trug. Ich wollte irgendetwas sagen, aber ich brachte kein Wort heraus. Mein Hals fühlte sich an wie zugeschnürt. Wieso hast du nicht abgeschlossen, du Depp, dachte ich verärgert über mich selbst und wandte meinen Blick von Ferb ab. Doch er legte mir seine Hand auf die Schulter und entgegen meiner Erwartung fing er an, breit zu grinsen. „Prinzesschen“, wiederholte er und streichelte mir sanft über die Wange. Ich dachte, dass er mich mal wieder veräppelt, aber sein Tonfall hatte überhaupt nichts witziges oder gar spöttisches. Vielmehr schien er glücklich darüber zu sein, mich in diesem Aufzug zu sehen. Damals verstand ich noch immer nicht, was er meinte, geschweige denn was eigentlich mit mir los war. Doch schon einige Tage später sollte mir ein intensives Gespräch mit Ferb die Wahrheit bewusst machen.

Einige Zeit nachdem Ferb mich in Candace's Zimmer erwischt hatte, fing ich wieder an, über mich selbst nachzudenken. Noch immer verstand ich nicht, was mit mir los war. Ich konnte nicht begreifen, weshalb ich ständig von dem Drang befallen wurde, Frauenkleider und Schmuck zu tragen. Darüber hinaus ertappte ich mich in letzter Zeit immer öfter dabei, wie ich mit dem Gedanken spielte, mich zu schminken. Ich stellte mir immer und immer wieder vor, wie ich heimlich das Make-Up meiner Mutter ausprobierte und damit herumexperimentierte. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt und vor allem, wie es an mir aussah. Wollte wissen, ob es mir stehen würde oder nicht. Doch jedes Mal, wenn mir dieser Gedanke in den Kopf schoss, verwarf ich ihn augenblicklich wieder. Wieso zum Teufel dachte ich überhaupt darüber nach? Ich war ein Junge und Jungs schminkten sich nicht. Aber Jungs zogen auch keine Frauenkleider an und ich hatte es trotzdem getan. Das seltsamste daran waren allerdings meine Träume. In letzter Zeit träumte ich immer häufiger von mir selbst, wie ich ein langes Ballkleid und Pumps, dazu eine Halskette mit Ohrringen trug. Und ich hatte langes, rotes Haar. Was war nur los mit mir? Und was hatten diese Träume zu bedeuten? Wieso fühlte ich in letzter Zeit immer stärker den Hang zu femininen Dingen? Tausende Fragen gingen mir durch den Kopf. Aber ich wusste auf keine von ihnen eine Antwort. Vielleicht sollte ich mit Ferb darüber sprechen, überlegte ich. Er hatte auf jede Frage die passende Antwort. Mit Sicherheit konnte er mir sagen, was da mit mir vorging. Denn ich selbst begriff es nicht. Jedenfalls damals noch nicht.

„Ferb?“, rief ich und klopfte an seine Zimmertür. „Komm rein“, antwortete er. Zögernd öffnete ich die Tür, während ich mir überlegte, wie ich ihn am besten auf die Sache ansprach. „Was ist los?“, wollte er wissen und drehte sich zu mir um. „Ferb, ich muss unbedingt mit dir sprechen“, antwortete ich nervös. Noch immer wusste ich nicht, wie ich am besten anfangen, geschweige denn, wie ich es ihm erklären sollte. „Ja? Worüber denn?“, fragte er und grinste breit. Dieses Grinsen ließ mich vermuten, dass er bereits wusste, worum es bei unserem Gespräch ging. „Es geht um mich“, begann ich schließlich und schluckte. „Irgendetwas stimmt nicht mit mir“. „Setz dich doch erst einmal“, erwiderte er und nahm auf seinem Bett Platz. Ich setzte mich neben ihn und versuchte, meine Nervosität zu verbergen. „Was stimmt nicht mit dir?“, fragte er und nahm meine zitternde Hand. „Ganz ruhig“, setzte er hinzu. „Es gibt nichts, was du mir nicht sagen kannst“. „Naja, du erinnerst dich doch noch, wie du mich bei Candace im Zimmer erwischt hast“, fuhr ich fort. Er nickte schweigend. „Also, seitdem habe ich viel nachgedacht“, fügte ich hinzu. „Ich habe festgestellt, dass es mir sehr gefällt, diese Sachen anzuziehen. Außerdem habe ich in letzter Zeit schon öfter mit dem Gedanken gespielt, mich zu schminken. Und seit einigen Tagen habe ich auch so einen merkwürdigen Traum. Ich träume immer wieder von mir, wie ich in einem Ballkleid und Pumps durch die Stadt gehe. Außerdem habe ich in meinem Traum lange Haare“. Ich atmete tief durch und blickte Ferb ins Gesicht. Dieser grinste noch breiter als zuvor. „Kleine Prinzessin“, sagte er und zwinkerte. „Ferb, das ist nicht lustig“, entgegnete ich, da ich der Auffassung war, dass er mich lediglich veralberte. „Das ist mein Ernst“, erwiderte er und sein Grinsen verschwand. „Für mich bist du eine kleine Prinzessin, Schwesterherz“. Hatte ich mich gerade verhört? Hatte Ferb mich gerade Schwesterherz genannt? Was meinte er damit? Was wollte er mir damit sagen? „Schwesterherz?“, fragte ich nach. „Aber Ferb, warum nennst du mich so?“. „Phineas, merkst du denn nicht, was mit dir los ist?“, entgegnete er meine Frage. Ich schüttelte unwissend den Kopf, da ich keinen Schimmer hatte, worauf er hinauswollte. „Phineas, sagt dir der Begriff Transsexualität etwas?“, wollte er wissen und sah mich ernst an. „Transsexualität?“, fragte ich nach. Er nickte. „Genau“, antwortete er. „Transsexualität bedeutet, dass man sich im falschen Körper fühlt“. „Im falschen Körper?“, fragte ich nach. „Mhm“, antwortete Ferb. „Das bedeutet, dass dein inneres Geschlecht nicht mit deinem äußeren übereinstimmt“. „Wie meinst du das?“, fragte ich, da ich noch nicht ganz verstand. „Nun“, erwiderte er. „So wie du mir das schilderst, fühlst du dich innerlich als Mädchen. Du stellst dir vor, wie es wäre, sich zu schminken, ziehst gern Frauenkleider an und trägst Schmuck“. Ich nickte wortlos, da ich immer noch zu begreifen versuchte, was Ferb da gerade sagte. „Aber äußerlich bist du ein Junge“, setzte er fort. „Das ist Transsexualität“. „Ist das etwas schlimmes?“, wollte ich wissen und wurde nervös. Ferb lachte. „Aber Phineas, natürlich ist das nichts schlimmes“, antwortete er. „Es gibt viele wie dich, die sich innerlich anders fühlen als sie äußerlich sind“. „Wirklich?“, wollte ich wissen. „Aber sicher“, antwortete er und nickte zustimmend. „Glaub mir, du bist da kein Einzelfall“. Ich ließ mir noch einmal alles durch den Kopf gehen, was Ferb gerade gesagt hatte. Ich war also transsexuell. Denn ich fühlte mich ja innerlich wirklich als Mädchen. Dieses Gefühl hatte sich in letzter Zeit immens verstärkt. Anfangs war es nur die Kleidung gewesen, die mir gefallen hatte. Aber mittlerweile träumte ich ja sogar schon davon, wie ich als Mädchen aussah. Das bedeutete wohl, dass Ferb mit dem Recht hatte, was er sagte. Ich war transsexuell. „Phineas?“. Ferb riss mich aus meinen Gedanken. „Was hast du?“, wollte er wissen. „Ferb, ich glaube, du hast Recht“, sagte ich schließlich, nachdem ich mir nochmal alles vor Augen geführt hatte, was er gesagt hatte. „Natürlich habe ich Recht“, antwortete er und zwinkerte. „Ich habe es doch schon lange gespürt“. „Was hast du gespürt?“, wollte ich wissen. „Dass du dich als Mädchen fühlst“, antwortete er. „Schon auf Isabellas Halloweenparty habe ich bemerkt, wie sehr du in deiner Rolle als Sängerin aufgeblüht bist. Deswegen habe ich dir immer wieder versteckte Zeichen gegeben, damit du erkennst was mit dir los ist. Ich habe gemerkt, dass es dich sehr glücklich macht, eine Frau zu sein, deshalb habe ich dir auch dieses Outfit gekauft“. „Du hast es gewusst?“, fragte ich unsicher. Er nickte. „Ich habe es seit diesem Abend gespürt“, wiederholte er. „Aber wenn du wusstest, was los ist, warum hast du nichts gesagt?“, erwiderte ich. „Weil ich dich nicht zu etwas drängen wollte, das du nicht willst“, antwortete Ferb. „Ich wollte dir die Zeit geben, um selbst zu entscheiden, wie du damit umgehen möchtest. Ich wollte, dass du selbst bemerkst, dass dir das Frausein gefällt“. Ich senkte den Blick. „Das tut es doch, oder, Phin?“, wollte er wissen. „Ja“, antwortete ich. „Es gefällt mir schon sehr, Kleider zu tragen. Aber ich finde das so unnormal. Ich meine, wer macht denn sowas?“. „Hey Phineas“, entgegnete Ferb sanft. „Das ist nicht unnormal. Überhaupt nicht. Es gibt viele, die so empfinden wie du. Und wenn es dir gefällt und guttut, dann mach es“. „Ferb, ich kann doch nicht von heute auf morgen einfach sagen: So, ich bin jetzt ein Mädchen“, wehrte ich ab. „Ich weiß im Moment doch selbst nicht, was ich will“. „Das hat doch nichts damit zu tun“, erwiderte er. „Du musst das nicht von heute auf morgen entscheiden. Geh in dich, überlege dir gut, was du möchtest und lass dich in deiner Entscheidung von niemandem beeinflussen. Und glaub mir, ich stehe fest hinter dir, egal, welchen Weg du gehen möchtest“. „Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt?“, fragte ich. „Nun, du hast diesbezüglich ganz unterschiedliche Möglichkeiten“, antwortete er. „Zum Beispiel kannst du dich, wenn du dein äußeres dem inneren Geschlecht angleichen möchtest, einer Geschlechts-OP unterziehen. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass du zwar deine äußeren Geschlechtsmerkmale behältst, aber dich sowohl charakterlich als auch vom Erscheinungsbild her zur Frau umwandelst. Das wäre das, worüber du im Moment nachdenkst. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass du nur privat das Frausein auslebst, dann wärst du ein sogenannter Transvestit“. Ich ließ Ferbs Worte auf mich wirken und wieder einmal musste ich über sein immenses Wissen staunen. Er hatte mir innerhalb kürzester Zeit erklären können, was mit mir los war und welche Möglichkeiten ich jetzt hatte. Aber noch war ich mir ja nicht hundertprozentig sicher, ob ich tatsächlich transsexuell war. Vielleicht war das alles auch nur eine Phase, die mit der Zeit vorüberging. Im Moment wusste ich es nicht. Ich wusste nicht, was ich wollte. Ich wusste nur, dass ich mir meine Entscheidung gründlich überlegen musste.

Drei Wochen. Drei Wochen war es nun her, dass Ferb und ich uns unterhalten hatten. Seitdem hatte ich viel nachgedacht. Über das, was er zu mir gesagt hatte. Über die Möglichkeiten, die er mir aufgezeigt hatte. Und vor allem über mich und meine Persönlichkeit. Ich war, wie er es mir geraten hatte, noch einmal tief in mich gegangen und hatte mir überlegt, was ich wollte. Und nun stand mein Entschluss fest: Ich wollte ein Mädchen sein. Nicht nur, dass ich immer wieder das Outfit anzog, das Ferb mir gekauft hatte und heimlich die Schminksachen meiner Mutter benutzte, auch seelisch merkte ich immer mehr, dass ich ein Mädchen war. Ich war viel sensibler für alles geworden und meine Träume fokussierten sich fast nur noch auf diese eine Sache. Immer wieder sah ich mich als Mädchen durch die Straßen von Danville gehen. Nun lag es für mich klar auf der Hand: Ich war eindeutig transsexuell. Zwar war ich mir absolut sicher, dass ich mich nie einer Geschlechts-OP unterziehen würde, aber ich spielte immer häufiger mit dem Gedanken, in Frauenkleidern in die Stadt zu gehen. Außerdem überlegte ich mir auch schon einen passenden Namen, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich konnte schließlich nicht von mir sagen, dass ich ein Mädchen war und Phineas heißen. Das passte nicht zusammen. Sehr lange grübelte ich darüber nach, welcher Name mir gefallen würde. Schlussendlich beschloss ich, wenigstens den Anfangsbuchstaben meines Namens beizubehalten und entschied mich nach langem Hin und Her für den Namen Paige. Paige war wie ich fand ein sehr schöner und darüber hinaus auch eleganter Name. Gedanklich malte ich mir aus, was meine Eltern und Freunde wohl von diesem Namen hielten. Gleichzeitig überlegte ich, ob ich es ihnen denn überhaupt sagen sollte. Sollte ich ihnen von meiner Entscheidung erzählen? Sollte ich erzählen, was überhaupt mit mir los war? Und wenn ja, wie würden sie darauf reagieren? Wieder stellte ich mir hunderttausend Fragen, die ich abermals nicht beantworten konnte. Ich beschloss, mich zunächst einmal Ferb anzuvertrauen und ihm meinen Entschluss mitzuteilen. Er war schließlich bereits in die Sache eingeweiht und konnte mir mit Sicherheit einen guten Rat geben, wie ich damit jetzt weiter umging.
Ferb saß wie üblich in seinem Zimmer und blätterte gelangweilt in einem Buch herum. Ich klopfte vorsichtig an die angelehnte Tür und ging zögernd zu ihm hinein. „Hey Prinzesschen“, sagte er und setzte sich auf. „Was gibt's?“. Ich lächelte verlegen, da ich mich wirklich geschmeichelt fühlte. „Ferb, ich habe nachgedacht“, antwortete ich und nahm Platz, nachdem er mir mit einem Wink bedeutet hatte, mich zu ihm zu setzen. „Über das, was du letztens zu mir gesagt hast“. „Und?“, wollte er wissen. „Zu welchem Entschluss bist du gelangt?“. „Ich habe mich entschieden, so zu bleiben wie ich bin“, antwortete ich. „Eine OP kommt für mich nicht in Frage. Dennoch möchte ich mich auch weiterhin als Mädchen kleiden und mich auch innerlich daran anpassen“. „Okay“, erwiderte er kurz. „Hast du dir das auch gut überlegt?“, wollte er wissen. „Das habe ich“, versicherte ich ihm. „Ich möchte mich keiner OP unterziehen, aber trotzdem meine weibliche Seite ausleben. Ich will mich nicht nur so kleiden oder mich schminken, ich will auch charakterlich weiblicher werden, verstehst du?“. Er nickte zustimmend und legte mir die Hand auf die Schulter. „Das ist sehr mutig von dir, Phineas“, sagte er. „Paige“, korrigierte ich ihn und kicherte. „Oh, du hast dir auch einen Namen ausgesucht?“, wollte er wissen. „Natürlich“, antwortete ich. „Ich kann ja schlecht Phineas heißen und ein Mädchen sein“. „Paige“, wiederholte er und lächelte. „Das gefällt mir“. „Ja, mir auch“, antwortete ich und grinste. Dann wurde mein Blick allerdings schlagartig ernst, denn ich wollte Ferb ja noch auf unsere Eltern und Freunde ansprechen. Ich wollte seinen Rat, wie ich es ihnen am besten beibringen konnte. Denn für mich stand mit hundertprozentiger Sicherheit fest, dass ich ein Mädchen war. Daran konnte und wollte ich nichts mehr ändern. „Du, Ferb“, setzte ich nach kurzem Überlegen an. „Ja, Phi... äh... Paige?“, erwiderte er und zwinkerte mir zu. „Ich habe auch über unsere Eltern und unsere Freunde nachgedacht“, antwortete ich. „Weißt du, ich bin mir jetzt sicher, dass das der Weg ist, den ich gehen will. Ich weiß jetzt, dass ich ein Mädchen sein möchte“. Er nickte schweigend. „Ich möchte, dass es auch Mom, Dad und Candace erfahren“, setzte ich fort. „Ich möchte sie wissen lassen, dass sie ab jetzt eine zweite Tochter haben“. Ferb lächelte und nickte abermals. „Das verstehe ich“, antwortete er. „Du möchtest die Karten auf den Tisch legen“. „Genau“, stimmte ich unsicher zu. „Aber ich weiß nicht, wie ich ihnen das beibringen soll. Ich meine, das wird sicher ein Schock für sie sein“. „Aber Paige“, erwiderte Ferb und klopfte mir sanft auf die Schulter. „Sie werden das genauso akzeptieren wie ich das tue“. „Bist du sicher?“, fragte ich unsicher nach. „Ganz sicher“, antwortete er zuversichtlich. „Sie lieben dich genauso wie du bist, egal ob als Sohn oder als Tochter“. „Aber wie soll ich ihnen das nur sagen?“, wollte ich wissen. „Na, ganz einfach“, antwortete Ferb. „Ehrlich und direkt, ohne langes Hin und Her. Du sagst ihnen einfach klar, was Sache ist“. „Und du meinst, sie werden das verstehen?“, wollte ich wissen. „Ganz sicher“, wiederholte er und nahm mich an die Hand. „Sie werden vielleicht ein bisschen überrascht sein, aber sie werden es akzeptieren, glaub mir. Und egal was dabei auch rauskommt, ich stehe auf jeden Fall hinter dir“. „Danke dir, Ferb“, erwiderte ich gerührt. „Ich hab dich lieb“. „Ich hab dich auch lieb, Paige“, flüsterte er mir zu und umarmte mich. „Wann willst du es ihnen denn sagen?“, fragte er, nachdem er die Umarmung gelöst hatte. „Nun“, antwortete ich. „Am liebsten jetzt gleich“.

„Ganz ruhig, Paige“, flüsterte Ferb mir zu, als wir uns auf den Weg nach unten ins Wohnzimmer machten. „Ich bin ja bei dir und ich werde zu dir halten, egal was kommt“. Mein ganzer Körper zitterte vor Anspannung und Aufregung, als ich mit Ferb nach unten ging. Schließlich war die Sache, die ich ihnen zu sagen hatte, nicht gerade leicht. Nachdem ich mich mit Ferb noch kurz besprochen hatte, wie ich am besten anfing, hatte ich beschlossen, gleich von Anfang an ehrlich zu sein und sie direkt damit zu konfrontieren. Auch wenn es für gewöhnlich nicht meine Art war, aber in dieser Sache musste ich mit der Tür ins Haus fallen, ohne lange drumherum zu reden. Deshalb hatte ich mir auch das Outfit angezogen, das Ferb mir gekauft hatte, damit sie sofort erkannten, wie ernst es mir war. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb ich stehen und ließ Ferb vorausgehen. Wir hatten abgemacht, dass er Mom, Dad und Candace zuerst kurz erklären sollte, was sie erwartete und dass ich dann sofort nachkam. So hatten sie kurz Zeit, sich ein bisschen darauf einzustellen und vorzubereiten. Bevor er ins Wohnzimmer ging, drehte Ferb sich noch einmal zu mir um und nahm mich an die Hand. „Bereit?“, fragte er. Ich nickte zögernd und atmete tief durch. „Mom? Dad?“, rief Ferb und ging voraus. „Candace?“. „Was ist los, Schatz?“, hörte ich Mom antworten. „Dürfte ich bitte kurz um eure Aufmerksamkeit bitten?“, begann er, fast wie bei einem Vortrag. Aber im Grunde genommen war es ja so was wie ein Vortrag. „Was gibt es, Ferb?“, hörte ich Dad fragen. „Es gibt da etwas, das wir euch sagen müssen“, antwortete er und räusperte sich. „Wisst ihr, in letzter Zeit habe ich sehr oft und viel mit Phineas gesprochen. Wir haben uns manchmal bis spät in die Nacht unterhalten. Und er hat mir da etwas anvertraut, das sein ganzes Leben verändert hat“. „Nanu?“, wunderte sich mein Vater. „Was hat er denn gesagt?“. „Also, die Sache ist ziemlich kompliziert“, setzte Ferb fort. „Wisst ihr, er war nicht glücklich in seinem Geschlecht. Deswegen hat er sich dafür entschieden, zukünftig sein wahres Geschlecht auszuleben“. „Sein wahres Geschlecht?“, fragte meine Mom irritiert. „Wie meinst du das?“. „Nun, das sollte sie euch besser selbst sagen. Kommst du, Paige?“. „Paige?“, fragte Candace verwundert. „Sie?“, erwiderte mein Dad durcheinander, hielt jedoch augenblicklich inne, als ich ins Wohnzimmer kam. Mom klappte die Kinnlade herunter, als sie mich sah und auch Candace blickte mich ungläubig an. „Was zum...?“, stieß Dad schließlich hervor. Candace hielt sich die Hand vor den Mund, vermutlich vor Schreck. Sie hatte bestimmt mit allem gerechnet, aber nicht damit. „Phineas, was zum Teufel hat das zu bedeuten?“, wollte Dad wissen. Mom und Candace blickten mich nach wie vor ungläubig schweigend an. „Dad, du siehst vielleicht schon, was ich euch sagen will“, antwortete ich. „Warum zum Teufel trägst du diese Sachen?“, fragte er, da er immer noch nicht begriffen hatte, was ich eigentlich damit sagen wollte. „Dad, ich bin transsexuell“, antwortete ich und holte erneut tief Luft. Candace und Mom atmeten vor Schreck laut auf. „Was?“, fragte Dad schließlich und stieß ein heiseres Lachen aus. „Ich bin transsexuell“, wiederholte ich. „Ich fühle mich als Mädchen“. Entgegen meiner Erwartung brach er in lautes Gelächter aus. „Was ist?“, wollte ich verständnislos wissen. „Warum lachst du denn so?“. „Das war ja ein echter Brüller“, antwortete Dad, nach wie vor lauthals lachend. „Jetzt hätte ich doch beinahe geglaubt, ihr meint das ernst. Echt guter Witz, Jungs. Respekt“. „Dad“, erwiderte ich verständnislos. „Das war kein Witz. Das war mein völliger Ernst“. „Ja klar“, erwiderte er und schüttelte den Kopf. „Sicher war das euer Ernst. Ach kommt, Jungs. Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch so einen Quatsch abnehmen, oder? Also komm, Phineas, zieh diesen Fummel wieder aus, der steht dir nicht besonders“. Er lachte erneut laut auf, verstummte jedoch, als er mein nach wie vor ernstes Gesicht bemerkte. „Dad, ich will das nicht ausziehen“, antwortete ich ernst. „Ferb hat mir dieses Outfit gekauft und ich fühle mich sehr wohl darin. Wie ich dir gesagt habe, ich fühle mich als Mädchen“. „Phineas“, sagte Dad ungeduldig. „Euer Witz war ja ganz nett, aber jetzt ist es doch genug. Ihr habt uns drangekriegt, also hört jetzt bitte damit auf“. Langsam wurde ich etwas wütend. Glaubten sie denn immer noch, dass ich sie nur auf den Arm nahm? Hatten sie denn noch immer nicht begriffen, dass das keineswegs ein Spaß war? „Dad, verstehst du es nicht?“, entgegnete ich und versuchte, ruhig zu bleiben. „Ferb und ich machen keinen Witz. Ich bin ein Mädchen. Und ich heiße Paige“. Dads Miene verfinsterte sich. „Phineas, du willst mir nicht sagen, dass du diesen Schwachsinn ernst meinst, oder?“. „Du machst keinen Spaß, habe ich Recht?“, warf Candace dazwischen, die nun endlich verstanden hatte, dass mir die Sache ernst war. „Doch, Dad“, antwortete ich. „Ich meine das völlig ernst. Ferb und ich haben uns lange unterhalten und ich habe beschlossen, meine weibliche Seite zu akzeptieren und auszuleben. Ich bin transsexuell, Dad“. „Phineas!“, rief er und sprang auf. „Ist dir eigentlich klar, was du da sagst?“. „Bitte Schatz, hör mit diesem Spiel auf“, rief Mom, den Tränen nahe. „Das ist kein Spiel, verdammt noch einmal!“, schrie ich aufgebracht. „Versteht ihr es denn nicht? Ich bin transsexuell!“. „Dad, es ist wirklich so“, beteuerte Ferb ruhig. „Wir spielen euch nichts vor, wir meinen das völlig ernst“. „Du willst mir also sagen, dass du ein Mädchen bist? Welcher Hobbypsychologe hat dir das denn eingetrichtert?“, schrie Dad mich an. „Niemand“, antwortete ich. „Niemand hat gesagt, dass ich so sein soll. Ich habe das selbst herausgefunden. Ich habe festgestellt, dass es mir gefällt, wenn ich Damenkleidung tragen und mich schminken kann“. „Phineas, weißt du, was du da sagst?“, rief Mom aufgelöst. „Das weiß ich!“, antwortete ich und versuchte, stark zu bleiben. „Ich weiß, dass es kompliziert ist, aber ich habe es mir doch auch nicht ausgesucht. Ich bin nun einmal so“. „Phineas, bitte komm doch zur Vernunft“, rief Dad und fiel vor mir auf die Knie. Er packte mich um die Schultern und schüttelte mich. „Phineas, sei vernünftig!“, rief er. „Hör auf mit diesem Blödsinn. Bitte!“. „Das ist kein Blödsinn!“, protestierte ich und entwand mich aus seinem Griff. „Ich bin transsexuell. Daran kann ich auch nichts ändern!“. „Du... du... kleiner Bastard!“, stieß Dad hervor und verpasste mir eine Ohrfeige. „Warum tust du uns das an? Waren wir nicht immer gut zu dir? Warum willst du unsere Familie ruinieren?“. Ich sank auf die Knie und weinte. „Du machst alles kaputt, du Bastard!“, brüllte Dad mich an. „Dad, lass das“, rief Ferb und stellte sich zwischen uns. „Lass sie doch in Ruhe. Siehst du nicht, dass sie schon genug leiden muss?“. „Ferb, komm her zu mir!“, schrie Dad ihn an. „Geh sofort von dieser Tunte weg!“. Ich schluchzte noch lauter und Ferb schloss mich fest in die Arme. „Nein!“, brüllte er. „Was?!“, fuhr Dad ihn aufgebracht an. „Was hast du gesagt?“. „Ich sagte nein!“, wiederholte Ferb noch lauter und sprang auf. „Siehst du nicht, wie weh du ihr damit tust? Wie sehr es sie verletzt, dass du so etwas zu ihr sagst?“. „Ferb, hör sofort auf, deinen Bruder so anzusprechen. Er ist ein Junge und er wird ein Junge bleiben, haben wir uns verstanden?!“. „Sie ist kein Junge mehr!“, brüllte Ferb zurück. „Sie ist jetzt das, was sie innerlich schon immer war: Ein Mädchen. Und das wird sie auch so durchziehen, klar?!“. „Wenn du dich auf die Seite von diesem Bastard schlägst“, setzte Dad an. „Dann werde ich dich genauso rausschmeißen wie ihn“. „Dann mach doch!“, keifte Ferb wütend. „Von mir aus, schmeiß uns doch raus. Glaubst du etwa, dass wir auf euch angewiesen sind?“. Kaum hatte Ferb das gesagt, verpasste Dad auch ihm eine Ohrfeige. Doch Ferb ließ das nicht einfach so auf sich sitzen. Er holte mit der Faust aus und verpasste Dad einen Schlag gegen die Nase. Mom keuchte erschrocken auf, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Das wirst du bereuen, du Dreckskerl“, fauchte Dad in Rage. „Raus mit dir! Hau ab! Und nimmt diese Tunte da gleich mit!“. Ich stieß ein tiefes Schluchzen aus, als Ferb mir seine Arme um die Hüfte legte. „Steh auf, Paige“, sagte er sanft und streichelte mir durchs Haar. „Lass uns gehen. Dorthin, wo man uns akzeptiert“. Ich wimmerte und krallte mich an ihm fest, während wir uns auf den Weg zur Tür machten. „Raus!“, brüllte Dad noch einmal. „Kinder!“, rief Mom uns nach, wurde allerdings von Dad unterbrochen. „Halt deine Klappe!“, zischte er sie giftig an. Ferb legte meinen Arm um seine Schultern, damit ich mich auf ihm abstützen konnte und ging dann mit mir nach draußen in die kalte Nacht. Dort angekommen löste ich den Griff um Ferb und ließ mich auf das eiskalte Pflaster fallen. „Paige!“, rief er und hockte sich neben mich. „Paige, bitte steh auf“. „Wozu denn?“, heulte ich aufgelöst. „Ich wurde doch sowieso verstoßen“. „Bitte“, wiederholte Ferb und versuchte, sich zusammenzureißen. „Bitte komm mit mir. Lass uns in ein Hotel gehen und dort die Nacht verbringen. Morgen schauen wir, wie es weitergeht“. Ich beachtete ihn nicht, sondern schlug mit der Faust mehrmals auf das Steinpflaster, bis mir die Hand wehtat. „Jungs?“, hörten wir da plötzlich eine Stimme hinter uns. Wir sahen uns um und erblickten Candace, die im Schatten des Hauses stand und uns beobachtete. „Candace“, flüsterte Ferb leise und versuchte noch einmal, mir aufzuhelfen.
Mit aller Kraft rappelte ich mich schließlich hoch und stieß einen Schrei aus. „Oh Jungs“, flüsterte Candace und kam zu uns herüber. „Dann stimmt das, was du uns gesagt hast, Phineas?“, wollte sie wissen, doch ein Blick in meine tränenblinden Augen sagte mehr als tausend Worte. „Oh Phineas, wenn ich das nur gewusst hätte“, flüsterte sie und streichelte mir durchs Haar. Ich antwortete nicht, sondern fiel ihr um den Hals und klammerte mich an ihr fest. „Wenn ich nur gewusst hätte, dass ich eigentlich eine Schwester habe“, wisperte sie mir zu. Diese Aussage ließ mich noch heftiger schluchzen. „Candace“, wimmerte ich und sah ihr in die Augen. „Hasst du mich denn jetzt auch?“. „Nein“, antwortete sie und fuhr mir erneut durchs Haar. „Natürlich nicht, Paige“. Ich hielt für einen kurzen Moment den Atem an. „Wie?“, fragte ich. „Wie hast du mich gerade genannt?“. „Paige“, antwortete sie. „So heißt du doch, oder?“. Sie versuchte, ein bisschen zu lächeln. „Aber Candace...“, setzte ich an. „Hey“, erwiderte sie. „Ich habe nichts dagegen, dich so zu nennen“. „Heißt dass, du bist nicht böse, weil ich...?“. „Weil du transsexuell bist?“, unterbrach sie mich und lächelte. „Natürlich nicht, Paige. Ich finde, dass du selbst wissen musst, welcher Weg für dich der beste ist. Und wenn es dieser Weg ist, dann geh ihn“. „Danke“, stieß ich gerührt hervor. „Na, es ist doch so“, erwiderte sie. „Ich finde wirklich, dass Dad total überreagiert hat. Was er da grade alles losgelassen hat, das war wirklich unterste Schublade“. Ich schluchzte. „Hey, kleine Maus“, wisperte Candace mir zu. „Das wird schon wieder, glaub mir. Lassen wir erst einmal etwas Gras über die Sache wachsen. Wenn der Zeitpunkt da ist, werde ich versuchen, noch einmal mit Dad zu sprechen. Ich bin sicher, dass er vernünftig mit sich reden lässt und sich auch bestimmt mit dir versöhnen will. Du musst ihm einfach die Zeit geben, es zu verarbeiten“. „Er hasst mich“, winselte ich leise. „Ach Kleine“, wisperte sie. „Nimm das bitte nicht so ernst. Er hat das doch gar nicht so gemeint. Er hat dich doch trotzdem noch lieb, glaub mir“. „Und Mom?“, fragte ich aufgelöst. „Mom auch“, antwortete sie und streichelte mir über den Kopf. „Und ich auch“, fügte sie hinzu und drückte mich noch einmal fest an sich. „Paige“, unterbrach uns Ferb und legte mir die Hand auf die Schultern. „Wir sollten jetzt gehen, es wird schon kalt“. „Aber wohin sollen wir denn gehen?“, fragte ich verzweifelt. „Ins Hotel“, antwortete er und streichelte mir über die Schulter. „Ich habe etwas Geld bei mir, das sollte für ein paar Nächte reichen“. „Wartet“, sagte Candace und griff in ihre Hosentasche. Sie zog ihre Geldbörse heraus und überreichte Ferb einen Fünfhundert-Dollar-Schein. „Hier“, sagte sie. „Ich weiß, es ist nicht viel, aber für ein paar Tage wird es hoffentlich reichen“. „Candace“, sagte Ferb und drückte ihr den Schein in die Hand. „Das können wir nicht annehmen. Wir...“. „Doch“, entgegnete sie. „Bitte nehmt es an. Ihr werdet es brauchen“. „Aber Candace...“, protestierte er. „Bitte“, wiederholte sie. „Bitte nehmt es an. Ich will euch doch nur helfen“. Zögernd nahm Ferb den Schein an sich und ließ ihn schließlich in seiner Hosentasche verschwinden. „Das bekommst du wieder“, sagte er, doch sie hob abwehrend die Arme. „Nein, das ist schon okay“, erwiderte sie. „Wir sind doch eine Familie. Wir müssen zusammenhalten“. Sie versuchte erneut, ein bisschen zu lächeln und streichelte mir über die Wange. „Das wird schon wieder“, sagte sie zuversichtlich. „Es wird alles wieder gut“. Mit diesen Worten drehte sie sich um und Ferb und ich machten uns auf den Weg. „Ach, Paige“, rief Candace mir nach und ich drehte mich noch einmal zu ihr um. „Ja?“, wollte ich wissen. „Ich finde deinen Namen echt süß“, sagte sie und lächelte mir zu. „Danke“, erwiderte ich und versuchte ebenfalls, ein bisschen zu lächeln. Dann wandte ich mich wieder Ferb zu und wir machten uns auf den Weg in die Stadt. Wir hatten keine Ahnung, wo wir die Nacht verbringen konnten und versuchten unser Glück in jedem Hotel der Stadt.

Seit zwei Wochen waren wir nun schon hier. In dieser kleinen Pension am Rande der Stadt. Seit zwei Wochen hatte ich nichts mehr von meinen Eltern gehört. Nur Candace hatte ich einmal angerufen und ihr von unserer vorübergehenden Unterkunft erzählt. Direkt an dem Abend, an dem unsere Eltern uns rausgeworfen hatten, waren Ferb und ich durch die Stadt geirrt, auf der Suche nach einer Unterkunft. Schließlich waren wir an dieser Pension vorbeigekommen und hatten es auch hier versucht. Der Vermieter, ein Mann mittleren Alters, hatte zuerst Bedenken uns hier aufzunehmen, doch als wir ihm die gesamte Geschichte erzählten, war er davon so sehr berührt gewesen, dass er uns umgehend bei sich aufgenommen hatte. Er schien ein ganz netter Typ zu sein, obgleich er nicht sehr wortgewandt war. Aber ich wollte im Moment auch lieber meine Ruhe und nicht am laufenden Band zugetextet werden. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an Mom und Dad denken musste und mich fragte, was sie wohl machten. Ich vermisste sie so sehr. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als mich mit ihnen zu versöhnen. Aber Candace hatte mir bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass sie dazu noch nicht bereit waren. Sie sagte mir, dass ich ihnen noch Zeit geben musste, alles zu verarbeiten. Dass sie noch etwas brauchen würden, bis sie die Tatsache verkraften konnten, dass ich transsexuell war. Natürlich war ich bereit, ihnen diese Zeit zu geben, damit sie sich alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen konnten. Doch das änderte nichts daran, dass ich sie unendlich vermisste. Vor allem Dad. Bei ihm hatte ich mich immer sicher und verstanden gefühlt. Er konnte mich stets zum Lachen bringen, wenn ich traurig war und mir Mut machen, wenn ich die Hoffnung verloren hatte. Und jetzt hatte ich ihn verloren. Nur, weil ich ihm gesagt hatte, dass ich mich als Mädchen fühlte. Wieder fing ich an zu weinen, als ich daran dachte, was er mir alles an den Kopf geworfen hatte. Ferb setzte sich zu mir und streichelte mich sanft, um mich zu beruhigen, doch ich wehrte ihn ab. „Paige, meine Kleine“, flüsterte er mir zu und legte sich dann zu mir ins Bett. Ich stieß ein Schluchzen aus und wehrte einen weiteren Versuch von ihm, mich zu streicheln, ab. „Lass mich“, keifte ich ihn tränenblind an und kratzte ihn an der Hand, was ich aber sofort bereute. „Aua“, sagte er und rieb sich die Handfläche. „Es tut mir Leid“, schluchzte ich verzweifelt. „Das wollte ich nicht“. „Das weiß ich doch, Paige“, erwiderte er und kuschelte sich an mich heran. „Ich weiß ja, es war nicht so gemeint“. „Ferb, ich habe dich lieb“, heulte ich und klammerte mich an ihm fest. „Ich dich auch, Prinzesschen“, erwiderte er und streifte mir durchs Haar. „Du solltest versuchen, ein bisschen zu schlafen. Das tut dir ganz bestimmt gut“. Er hatte Recht. Ich hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Aber wie hätte ich das auch machen sollen? Viel zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf, als dass ich hätte ruhig einschlafen können. „Ich versuche es“, sagte ich schließlich und wischte meine Tränen weg. Er schmiegte sich an mich und hielt mich ganz fest. „Ferb“, flüsterte ich und sah ihm in die Augen. „Du lässt mich nicht allein, oder?“. „Nein, Schwesterherz“, antwortete er und lächelte sanft. „Ich lasse dich nicht allein, ich verspreche es“.

Nachdem wir auch einen Monat später nichts von meinen Eltern gehört hatten, beschloss ich schließlich, zu ihnen zu gehen und zu versuchen, mit ihnen zu sprechen. Ich hielt es einfach nicht mehr länger aus. Ich konnte nicht mehr warten, bis Candace mir Bescheid gab, ich musste jetzt mit ihnen über alles reden. Musste ihnen sagen, wie unglaublich Leid es mir tat, dass alles so gekommen war. Ich musste wissen, ob sie mich trotz meines Outings noch immer liebten. Ob sie bereit waren, einen Neuanfang zu wagen. Bereit waren, mir eine Chance zu geben. Eine Chance als ihre Tochter. Ich musste mich unbedingt mit ihnen versöhnen. Egal was auch immer es mich kostete. Nachdem ich mein Vorhaben mit Ferb besprochen und dieser, wenn auch widerwillig und mit ungutem Gefühl, zugestimmt hatte, mich zu begleiten, machten wir uns am Nachmittag schließlich auf den Weg zu unseren Eltern. Natürlich war ich mehr als nur nervös, da ich zum einen weder wusste, ob sie überhaupt dazu bereit waren, mit mir zu sprechen und zum anderen keine Ahnung hatte, ob das Gespräch überhaupt etwas nützen würde. Aber ich musste es versuchen. Ich musste es zumindest versuchen. Vielleicht konnte ich ihnen ja doch klarmachen, dass es nicht an ihnen oder ihrer Erziehung lag, dass ich transsexuell war. Schließlich war das einzig und allein meine Entscheidung gewesen und hatte weder etwas mit Mom, noch mit Dad oder sonst irgendjemandem zu tun. Ich allein hatte diesen Weg für mich gewählt, ohne dass jemand mir irgendetwas eingeredet hatte. Nur ich allein hatte mich dazu entschlossen, die weibliche Seite in mir auszuleben. Kein anderer hatte etwas damit zu tun, dass ich mich so entschieden hatte. Keiner hatte mir gesagt, was das Beste für mich war, das hatte ich selbst herausgefunden. Und genau das wollte ich Mom und Dad vermitteln. Wenn ich ihnen begreiflich machen konnte, dass niemand etwas dafür konnte, dass ich mich so entschieden hatte, konnten sie mich vielleicht etwas besser verstehen und würden vielleicht sogar irgendwann an den Punkt kommen, an dem sie es akzeptieren konnten. Natürlich war mir von vorneherein klar, dass sie mir beim ersten Zusammentreffen nach dieser großen Auseinandersetzung vor einem Monat nicht voller Euphorie um den Hals fallen würden und so taten, als wäre da überhaupt nichts gewesen. Aber vielleicht konnte ich sie zumindest dazu bewegen, sich meinen Standpunkt und meine Sicht der Dinge anzuhören. Wenn sie mir die Möglichkeit gaben, ihnen die ganze Geschichte zu erzählen, konnten sie vielleicht nachvollziehen, warum ich mich ausgerechnet für diesen Weg entschieden hatte.
Mein Herz pochte, als unser Elternhaus in Sicht kam. Ihr Wagen stand wie üblich vor dem Haus. Das bedeutete also, dass sie zu Hause sein mussten. Mein ganzer Körper zitterte wie verrückt und Ferb nahm mich an die Hand, um mich etwas zu beruhigen. „Hey Paige“, flüsterte er mir zu. „Ich weiß, dass du aufgeregt bist“. Aufgeregt? War ich aufgeregt? Nein, das war bei weitem noch untertrieben. Ich war nicht nur aufgeregt, ich explodierte förmlich vor innerer Anspannung. Schließlich wusste ich nicht, was mich gleich erwarten würde. Bevor wir in unsere Auffahrt einbogen, hielt ich kurz inne und atmete noch einmal tief durch. Jetzt oder nie, sagte ich mir, nahm all meinen Mut zusammen und marschierte schließlich zusammen mit Ferb zur Haustür. „Bist du bereit?“, fragte er mich und warf mir einen ernsten Blick zu. Ich nickte zögerlich, da ich mir nicht sicher war, ob ich mich wirklich dazu bereit fühlte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich hatte mir um jeden Preis in den Kopf gesetzt, mit ihnen zu sprechen. Und ich würde mich auch nicht eher abwimmeln lassen, bevor ich das nicht getan hatte. Ferb nahm mich fest an die Hand und drückte schließlich auf die Klingel. Von drinnen vernahm ich Schritte und nach kurzem Warten öffnete Candace die Tür. „Ferb – Paige“, stieß sie überrascht hervor, darauf bedacht, so leise wie möglich zu sein. „Was macht ihr denn hier?“. „Sind Mom und Dad da?“, fragte ich, obwohl ich natürlich genau wusste, dass sie zu Hause sein mussten. „Ja“, antwortete Candace. „Sie sind im Wohnzimmer“. „Dürfen wir reinkommen?“, fragte ich zögerlich. „Es ist mir wirklich wichtig, dass ich jetzt mit ihnen spreche“. „Hmm, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist“, entgegnete sie grübelnd. „Mom und Dad sind noch nicht so richtig bereit, darüber zu sprechen“. „Was heißt nicht so richtig?“, wollte ich wissen. „Naja“, meinte sie. „Mom hat mich letztens in der Küche gefragt, ob ich was von euch gehört habe. Aber Dad macht noch immer keinerlei Anstalten, sich nach euch zu erkundigen. Der Schrecken sitzt bei ihm immer noch zu tief“. „Dürfen wir es trotzdem versuchen?“, bat ich sie. „Ich möchte zumindest versuchen, mich mit ihnen auszusprechen. Ich vermisse die beiden wirklich sehr“. „Ich vermisse euch auch“, erwiderte sie. „Und Mom auch. Sie saß letztens auf dem Sofa und hat sich Bilder von euch angesehen“. „Und Dad?“, fragte ich betrübt. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie schulterzuckend. „Ich glaube schon, dass er euch vermisst, aber er ist einfach zu stolz, es zu zeigen“. Sie atmete tief durch und bat uns dann, einzutreten. Wir folgten ihr nervös ins Wohnzimmer, wo Mom und Dad wie üblich auf dem Sofa saßen und lasen. „Mom? Dad?“, sagte ich und trat schließlich ins Zimmer. Mom sah kurz auf und vertiefte sich dann wieder in ihr Buch. Dad ignorierte uns völlig. „Dad“, rief ich gekränkt und bemühte mich, nicht wieder in Tränen auszubrechen. „Dad, bitte. Schau mich nur einmal an“. Er hob kurz den Blick, ließ ein verächtliches „Tzt“ verlauten und wandte sich dann wieder seiner Tageszeitung zu. „Dad, warum tust du mir das an?“, fragte ich, während mir die ersten Tränen über die Wangen kullerten. „Warum kannst du mich nicht verstehen? Warum ist es so schlimm für dich, noch eine Tochter zu haben?“. Diese Aussage ließ seine Augen vor Zorn blitzen. Mom war wieder den Tränen nahe und bemühte sich, sie zurückzuhalten. „Ich habe nur EINE Tochter!“, brüllte er mir zu. „Aber Dad“, weinte ich. „Ich bin doch trotzdem noch dein Kind, egal ob nun Sohn oder Tochter!“. „Du bist nicht mein Kind!“, schrie er. „Ihr beide seid nicht meine Kinder!“. „Dad, bitte“, flehte ich ihn an. „Hast du mich denn nicht mehr lieb?“. Wutentbrannt sprang er vom Sofa auf und verpasste mir eine Ohrfeige. „Ich hasse dich, du Bastard“, brüllte er mir ins Ohr. „Du bist eine Schande für unsere ganze Familie“. Ich wimmerte. „Dad“, brüllte ich unter Tränen. „Was wäre, wenn mir morgen etwas passiert? Was, wenn ich morgen sterbe?“. Auch das schien ihn völlig kalt zu lassen. „Na und?“, rief er. „Dann stirbst du eben. Was kümmert mich das? Du bist schließlich nicht mein Kind“. Diese Aussage ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Dad war es egal, wenn ich morgen starb. Es war ihm egal, ob er mich je wiedersah oder nicht. Er kümmerte sich gar nicht darum. Im Gegenteil: Es schien mir, als wäre er sogar froh darüber. „Und weißt du was“, setzte Dad hinzu und legte ein beängstigend teuflisches Grinsen auf. „Wenn ich dich morgen blutüberströmt in einer Ecke liegen sehe, weißt du, was ich dann zu dir sage?“. Eigentlich wollte ich es gar nicht hören, da ich wusste, dass es mich nur noch tiefer verletzen würde. Aber auf der anderen Seite musste ich es erfahren. Ich musste es wissen. „Was?“, fragte ich heulend. „Was würdest du sagen?“. Er kam näher zu mir, packte mich am Kragen und zerrte mich hoch. „Verreck doch!“, schrie er mich an und verpasste mir einen heftigen Stoß nach hinten. „Paige!“, riefen Ferb und Candace gleichzeitig und rannten zu mir. Ich brüllte so laut wie noch niemals zuvor in meinem Leben. „Lawrence!“, stieß Mom heulend hervor und vergrub ihren Kopf in den Händen. „Raus mit euch!“, brüllte Dad uns zu. „Haut ab! Geht mir bloß aus den Augen!“. „Paige“, winselte Ferb unter Tränen. „Bitte steh auf, Kleine“. Candace und er zerrten mich mit aller Kraft hoch und schleppten mich zur Haustür hinaus. Draußen fiel ich wieder auf die Knie und brüllte so laut ich nur konnte. Das war das Ende gewesen. Dad hatte sich meinen Tod gewünscht. Er hatte sich gewünscht, dass ich starb. Damit war auch meine letzte Hoffnung auf Versöhnung zerstört. Dad hasste mich. Er hasste und verabscheute mich abgrundtief. Er wünschte sich nichts sehnlicher als meinen Tod. Von allen Dingen, die er mir seither an den Kopf geworfen hatte, hatte mir das am meisten wehgetan. Mehr als das. Es hatte mein Leben von einer Sekunde auf die andere sinnlos gemacht. Wozu war ich noch auf dieser Welt, wenn mein eigener Vater sich meinen Tod wünschte? Wofür machte ich noch weiter, wenn alles, was das Leben mir zu bieten hatte Schmerz und Leid waren? „Paige“. Ferb fiel weinend neben mir auf die Knie und nahm mich in den Arm. Doch ich realisierte es gar nicht. Ich hörte in Gedanken immer wieder das, was Dad zu mir gesagt hatte. Und gleichzeitig beschloss ich, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Er sollte seine Ruhe vor mir haben. Für immer.

Die Nacht war verregnet und neblig und ich lag noch immer wach. Noch immer ging mir das, was Dad zu mir gesagt hatte, nicht aus dem Kopf. Ich sollte verrecken, hatte er gesagt. Nachdem ich nun endgültig wusste, dass unsere familiäre Beziehung keine Zukunft mehr hatte, stand mein Entschluss fest: Ich wollte es beenden. Ich wollte es nur noch so schnell wie möglich beenden. Das Leid, die Qual, den Schmerz. Ich wollte endlich meine Ruhe. Ferb hatte zwar nach dem Streit mit Dad noch lange auf mich eingeredet, doch alles, was er sagte, prallte an mir ab. Ich registrierte gar nicht, was er sagte. Stattdessen überlegte ich mir, wie ich meinem Leid am schnellsten ein Ende bereiten konnte und kam schließlich zu dem Schluss, einfach zur alten Brücke zu gehen. Dort war ich ungestört und konnte in aller Ruhe tun, was ich zu tun hatte. Dads Worte hatten mir den letzten Lebensmut genommen. Er sollte seinen Willen bekommen und mich auf ewig loswerden. Egal ob es mich das Leben kostete, denn das war so ohnehin vollkommen sinnlos. Dad hasste mich. Mom stand nicht hinter mir. Auf Candace war auch kein Verlass. Und Ferb? Ferb war anfangs sicher traurig, wenn ich nicht mehr da war, aber er würde darüber hinwegkommen. Er würde mit Sicherheit neue Freunde finden, die nicht so krank und verrückt waren wie ich. So leise ich konnte stieg ich aus dem Bett, um Ferb nicht aufzuwecken, ging zu dem kleinen Holztischchen am Fenster hinüber und legte dort einen Brief ab. Mein letzter Gruß an Ferb. Dann schlich ich mich hinaus in die Garderobe, schlüpfte in meinen Mantel und huschte leise zur Zimmertür hinaus. Ich eilte den Flur entlang bis zum Haupteingang, der zum Glück noch nicht abgesperrt war. Mit einem Ruck riss ich die Eingangstür auf und trat in die verregnete, kalte Nacht hinaus. Die regennassen Pflastersteine klatschten unter meinen Füßen, während ich mich auf den Weg zur alten Brücke machte. Diese lag nur ungefähr zweieinhalb Kilometer von der Pension entfernt. Ich entschloss mich, die Abkürzung durch den Wald zu nehmen, da ich sie so schneller erreichen konnte. Die Bäume ragten dunkel vor mir auf, doch ich hatte nicht die geringste Angst. Denn selbst wenn im Wald irgendein Tier lauerte, würde es mich vielleicht anfallen und töten. Dann brauchte ich nicht mehr bis zur alten Brücke gehen und hatte noch schneller meine Ruhe. Ein paar dürre Äste knackten unter mir, während ich durch den Wald lief. Als ich am anderen Ende angelangt war, hielt ich kurz inne, um mich zu vergewissern, dass ich auch auf dem richtigen Weg war. Ja. Ich war auf dem richtigen Weg. In ein paar hundert Metern Entfernung konnte ich die riesige Brücke erkennen. Sie wirkte dunkel und kalt im Schatten der Nacht und glänzte matt vom prasselnden Regen. Wie in Trance ging ich darauf zu, ohne mich auch nur einmal umzudrehen oder mich zu fragen, was ich hier eigentlich machte. Denn ich war mir meiner Handlung vollstens bewusst. Ich beendete es. Ich beendete einfach dieses grausame Spiel namens Leben. Schließlich brauchte mich hier ja sowieso keiner. Für alle war ich nur eine Last, eine Qual oder eine Schande. Es gab niemanden, bei dem ich mir vorstellen konnte, dass er mich wirklich vermissen würde. Sicher, Ferb natürlich. Und Candace vielleicht. Sie waren die erste Zeit bestimmt ein bisschen traurig, wenn ich nicht mehr da war, aber schließlich war ich ja nichts weiter als ein dreckiger Bastard, für den es auf dieser Welt noch allerlei Ersatz gab. Außerdem hatte Dad mir ja klipp und klar gesagt, dass es ihm egal war, ob ich starb oder nicht. Er freute sich ja sogar noch, wenn ich endlich für immer weg war. Warum sollte ich ihm dann nicht wenigstens noch diese letzte Freude gönnen? Das war ich ihm doch schuldig, wo ich sein Leben durch mein Outing sowieso total versaut hatte. Mit langsamen und zielstrebigen Schritten kam ich der Brücke immer näher. Sie schien förmlich nach mir zu rufen. Als ich schließlich meinen ersten Schritt darauf setzte, zuckte in der Ferne ein heller Blitz durch die Nacht und erhellte sie kurzzeitig. Das Eisen knarzte leicht unter mir, als ich schließlich meinen zweiten Fuß auf die Brücke stellte. Währenddessen ließ ich in Gedanken alles, was Dad mir an den Kopf geknallt hatte, noch einmal Revue passieren. Diesmal schluchzte ich nicht, denn ich hatte keine Tränen mehr, die ich noch weinen konnte. Meine komplette Gefühlswelt schien wie eingefroren zu sein. Ich empfand rein gar nichts mehr. Weder Schmerz, noch Wut, noch Hass. Absolut nichts mehr. Da war nur noch eine endlos tiefe Leere in mir. Eine Leere, die sich durch nichts und niemanden mehr ausfüllen ließ. Als ich mich ungefähr in der Mitte der Brücke befand, warf ich einen Blick auf das rauschende Meer, das sich meilenweit darunter erstreckte. Eisige Regentropfen plätscherten hinein und ließen es so wirken, als würde es tanzen. Nach mir rufen. Darauf warten, dass ich mich hineinstürzte. Ich atmete noch einmal tief durch und blickte in den finsteren Himmel hinauf. Bald werde ich dort oben sein, schoss es mir durch den Kopf. Dort oben im Licht, wo es keinen Schmerz und kein Leid gibt. Wo niemand mich mehr verachten und verurteilen kann. Ich stellte den ersten Fuß auf das Brückengeländer und schaute auf das brausende Meer hinab. Nur noch einen Schritt. Einen Schritt war ich noch davon entfernt, endlich frei zu sein. Gerade als ich meinen zweiten Fuß auf das Geländer heben wollte, hörte ich neben mir ein lautes Geräusch. Und Stimmen. Tausende von Stimmen, die wie wild durcheinanderredeten. „Paige!“. Plötzlich rief jemand meinen Namen. „Paige, nein!“. Zögernd wandte ich meinen Blick in die Richtung, aus der ich die Stimme vernommen hatte. Auch in der Dunkelheit konnte ich ganz klar erkennen, dass es Ferb war, der auf mich zugelaufen kam. „Tu es nicht, Paige!“, rief er mir zu, doch ich ignorierte ihn. Nochmals wandte ich meinen Blick auf das Meer und dann wieder Richtung Himmel. Worauf wartete ich noch? Ein kleiner Schritt reichte schon, dann war ich endlich befreit. Von allen Schmerzen und Qualen. „Paige, nicht!“. Eine weitere Stimme rief meinen Namen. Candace's Stimme. „Paige, bitte!“, rief sie mir unter Tränen zu. „Bitte tu das nicht!“. Dann erschienen zwei weitere Schatten auf der Brücke. Mom und Dad. „Nein!“, rief Mom mir zu. „Nein, bitte nicht!“. Ferb nutzte meine Ablenkung aus und ging einen Schritt auf mich zu. „Bleib weg!“, zischte ich ihn kalt an. „Bleib weg von mir oder ich springe!“. „Paige, tu das nicht!“, wimmerte er. „Wir brauchen dich doch!“. „Keiner braucht mich“, entgegnete ich kühl. „Keiner von euch interessiert sich wirklich für mich. Niemanden von euch kümmert es, wie es mir geht. Ihr schämt euch doch sowieso alle für mich“. „Das stimmt nicht!“, hörte ich die Stimme von Dad. Er trat aus dem Schatten hervor und stellte sich neben Ferb. „Wir brauchen dich“, rief er unter Tränen. „Wir brauchen dich doch alle“. „Keiner von euch braucht mich“, erwiderte ich kühl. „Du hast selbst gesagt, wie sehr du dir meinen Tod wünschst. Also lass mich doch springen, dann hast du deinen Willen“. „Ich will doch nicht, dass du uns verlässt!“, schluchzte Dad aufgelöst. „Ich brauche dich doch. Genauso wie Mom, Ferb und Candace dich brauchen“. Ich blendete ihn einfach aus und wandte mich wieder dem endlosen Meer unter mir zu. „Ich werde es tun“, sagte ich ungewohnt kühl. „Ich werde gehen. Und zwar für immer“. „Nein!“, rief Dad und stürzte auf mich zu. Er wollte mich am Arm packen, doch ich wich ihm aus. „Lass mich!“, zischte ich wütend. „Paige!“, schluchzte er. „Paige! Ich liebe dich!“. Diese Worte ließen mich nicht einfach kalt. Im Gegenteil: Als Dad das sagte, kamen plötzlich all die Gefühle wieder zurück, die ich zuvor nicht empfinden konnte. Die Freude, die Trauer, der Schmerz und die Wut. Alles war mit einem Schlag wieder da. Alles prasselte gleichzeitig auf mich ein. Eiskalte Tränen der Wut mischten sich mit heißen Freudentränen. Mein gesamtes Empfindungssystem entlud sich in diesem Moment. Ich wollte gleichzeitig lachen, weinen und schreien. Dad hatte mich Paige genannt. Er hatte mich wirklich gerade Paige genannt. Ich stieß einen lauten Schrei aus, was Dad ausnutzte, um mich vom Brückengeländer zu heben. Ferb, Mom und Candace kamen auf uns zu und fielen mir schluchzend und wimmernd um den Hals. „Mensch Mädchen, was machst du denn für Sachen?“, stieß Candace unter Tränen hervor und drückte mich fest an sich. Ich antwortete ihr nicht, sondern sank auf die Knie und stieß einen weiteren Schrei aus. „Paige“. Dad hockte sich neben mich und legte mir die Arme auf die Schultern. „Paige, meine Kleine, ich liebe dich doch“. Ich klammerte mich an ihm fest und wimmerte. Paige. Er nannte mich tatsächlich Paige. Bedeutete das, dass er es jetzt akzeptieren konnte? Dass er mich verstand? Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und ließ mich vor Kälte zusammenzucken. „Steh auf, Kleine“, flüsterte Dad mir ins Ohr und streichelte mir über den Kopf. „Du erfrierst ja noch“. „Dad“, heulte ich aufgelöst, während ich mich mit aller Kraft aufrappelte. „Dad, hast du mich denn noch lieb?“. „Natürlich, meine Kleine“, antwortete er unter Tränen und drückte mich fest an sich heran. „Natürlich habe ich dich noch lieb. Und das wird auch immer so bleiben, Paige“.

„Komm, setz dich doch erstmal hin“. Dad führte mich vorsichtig zum Sofa hinüber und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Er setzte sich neben mich und schloss mich noch einmal fest in den Arm. „Dad“, winselte ich leise und hielt mich an ihm fest. „Oh Paige, es tut mir alles so Leid“, weinte er und streichelte mir über den Kopf. „Es tut mir so Leid“. „Paige“. Mom nahm mich an die Hand und ich drehte mich langsam zu ihr um. In ihren Augen schimmerten ebenfalls Tränen. „Mir tut es auch so unendlich Leid, Paige“, flüsterte sie mir zu. „Wir wissen, dass wir dir unendlich wehgetan haben. Wir wissen, dass es falsch von uns war“. „Mom“, heulte ich. „Wie... wie habt ihr mich eigentlich gefunden?“. „Dein Brief“, antwortete Dad. „Ferb hat uns deinen Brief gezeigt. Du hast geschrieben, dass du in die Kälte der Nacht eintauchen willst. Mir war natürlich sofort klar, dass du damit nur die alte Brücke meinen kannst“. „Dad“, flüsterte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. „Warum habt ihr mich gesucht? Warum habt ihr mich nicht springen lassen?“. „Weil wir dich lieben!“, stieß er mit einem Schluchzen hervor. „Wir lieben dich, Paige, hörst du? Ich weiß, dass es falsch von mir war, so zu reagieren. Aber ich habe in meiner blinden Wut gar nicht erkannt, was ich da überhaupt sage. Mir war nicht klar, dass ich dich damit so verletze. Ich war einfach ziemlich geschockt über dein Outing. Natürlich weiß ich, dass das keine Entschuldigung dafür ist, was ich gesagt habe. Und es tut mir wirklich unendlich Leid. Ich habe in letzter Zeit sehr viel nachgedacht und mir ist klargeworden, dass ich dich so akzeptieren muss, wie du bist. Egal, was auch immer ich dir an den Kopf geworfen habe. Du bist und bleibst unser Kind, Paige. Egal, ob als unser Sohn oder als unsere Tochter“. „Oh Dad“, weinte ich gerührt, während Mom mich fest an die Hand nahm. „Kannst du uns das je verzeihen?“, wollte sie wissen und sah mich reumütig an. Ich lächelte überglücklich und legte meinen Kopf auf ihre Schulter. „Natürlich verzeihe ich euch“, antwortete ich. „Ich habe euch lieb“.
„Wir dich auch, Kleine“, entgegnete sie. „Wir dich auch“.
Nachdem Dad, Mom und ich uns noch bis in die Morgenstunden ausgesprochen hatten, machte ich mich schließlich auf den Weg ins Bett. In mein Zimmer. Mein altes, vertrautes Zimmer. Alles war unverändert und noch genau so, wie ich es zuletzt verlassen hatte. Erschöpft warf ich mich aufs Bett und dachte nach. Dachte an alles, was Mom und Dad mir heute gesagt hatten. Sie liebten mich. Sie brauchten mich. Und sie akzeptierten mich als ihre Tochter. So lange hatte ich mir Verständnis von ihnen gewünscht und nach all der langen Zeit der Ungewissheit konnte ich mir nun endlich sicher sein, dass sie mich so nahmen, wie ich war. Dass sie in mir endlich das sahen, was ich innerlich schon lange fühlte. Noch während ich meine Gedanken umherschweifen ließ, klopfte es plötzlich an meiner Zimmertür. „Immer herein“, rief ich und setzte mich wieder hoch. Die Tür schwang langsam auf und Ferb lehnte im Türrahmen. „Hey“, sagte ich und lächelte, doch er schien es nicht zu bemerken. Er stand einfach nur da und starrte zu mir herüber. Ohne ein Wort zu sagen. Ohne irgendwelche Anstalten zu machen, sich zu mir zu setzen. „Ferb, alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt. Er wimmerte leise. „Hey Ferb“, sagte ich und ging auf ihn zu. „Alles in Ordnung mit dir?“. „Verdammt, nichts ist in Ordnung!“, rief er aufgelöst. „Wie zum Teufel konntest du uns so einen Schrecken einjagen? Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“. Er schluchzte noch lauter und ich nahm ihn an die Hand, um ihn ein bisschen zu beruhigen. „Du hättest tot sein können, verdammt!“, brüllte er mich unter Tränen an. „Hey Ferb“, flüsterte ich und schloss ihn fest in die Arme. „Wenn du gesprungen wärst...“. Er unterbrach sich und stieß einen leisen Schrei aus. „Ferb“, wiederholte ich. „Hey Kleiner, bitte schau mich an“. Tränenblind blickte er mir kurz in die Augen. „Ferb, ich werde euch nicht verlassen“, sagte ich und wischte die Tränen aus seinem Gesicht. „Ich werde euch nicht alleinlassen, das verspreche ich dir“. „Paige, du bist doch mein Schwesterherz“, winselte er. „Wenn ich dich verloren hätte, dann...“. „Du hast mich aber nicht verloren“, entgegnete ich und lächelte sanft. „Und das wirst du auch nie, ich verspreche es dir“. „Wirklich nicht?“, fragte er. „Nein“, antwortete ich und schüttelte den Kopf. „Ich bleibe bei euch, Ferb. Ich verspreche es“. „Paige, ich hab dich lieb“, flüsterte er mir unter Tränen zu. „Ich dich auch, Ferb“, erwiderte ich und streifte über seine Wange. „Mehr als alles andere auf der Welt“.
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