The Girl & The Wolf

von Arionell
GeschichteDrama, Romanze / P12
Ame Großvater Nirasaki Hana OC (Own Character)
19.10.2015
19.12.2015
6
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Auch nachdem sie schon zwei Wochen hier war, konnte sich Nanami immer noch nicht an ihre neue Umgebung gewöhnen. Seufzend saß sie auf der Terrasse, während ihr Blick in den Wald weiter hinten schweifte. Sie fühlte sich unwohl. Das wiederum lag weder daran, dass sie aus ihrer bekannten Umgebung gerissen worden war, noch, dass sie ihre Freunde vermissen würde.

Denn im Grunde hatte sie eigentlich gar keine richtigen Freunde, weil sie durch ihre Krankheit oft in der Schule fehlte und Freizeitaktivitäten waren sowieso fast tabu.

Sie fühlte sich unwohl, weil sie nun eine Last für ihre Großeltern war und das, obwohl sie sich kaum kannten. Tatsächlich hatte ihre Mutter den Kontakt mit ihren Eltern abgebrochen, doch da der Arzt empfohlen hatte, dass Nanami dringend aus der Stadt und aufs Land ziehen müsse, da dort die Luft so viel besser war, hatte ihre Mutter sie kurzerhand hier abgeliefert, bevor sie auf dem Absatz kehrt gemacht hatte. Das Nötigste über ihre Krankheit hatte sie in einem Brief notiert. Ihre Mutter war berufstätig und wollte ihren Job nicht aufgeben. Sie würde zwar regelmäßig Geld schicken, doch ein Besuch war höchstens alle paar Monate drin.

Nanami fragte sich, ob es seltsam war, dass sie ihre Mutter gar nicht so richtig vermisste. Vermutlich hatte es daran gelegen, dass es ihr sowieso immer so vorkam, als sei sie mit ihrer Krankheit überfordert. Um die Arztkosten zu decken arbeitete sie wiederum noch mehr, was schließlich dazu führte, dass sie sich bloß noch seltener sahen.

„Mama tut alles, damit du die Nötige Medizin bekommst. Ich habe dich hier hergebracht, weil es dir hier besser gehen wird“, hörte sie die Worte ihrer Mutter in ihrem Kopf nachhallen.


„Liebes, wenn du hier zu lange sitzt, unterkühlst du dich noch“, hörte sie ihre Großmutter sagen. Als Nanami aufsah, bemerkte sie, wie die alte Dame ihr eine Decke um die Schultern legte.

„Danke“, lächelte sie leicht und nahm die Äpfel entgegen, die sie für ihre Enkelin geschält hatte.

„Ich weiß, dass es nicht einfach ist, für dich“, setzte ihre Oma an. „Aber ich hoffe, dass du dich dennoch ein klein wenig Zuhause hier fühlst.“

Nanamis Augen weiteten sich für einen Moment, als sie in das besorgte Gesicht ihrer Großmutter sah. Augenblicklich stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Mir geht es gut. Ich hoffe nur, dass ich euch nicht zu sehr zur Last falle“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Augenblicklich schloss die alte Frau sie in ihre Arme.

„Aber nicht doch. Wir freuen uns, dass du hier bist. So haben wir auch wenigstens wieder ein klein wenig Kontakt zu deiner Mutter. Und das freut uns sehr. Auch wenn Opa das nicht immer so zeigen kann.“

Nanami lächelte leicht und sah ihrer Großmutter nach, nachdem sie ihr ihr Wort gegeben hatte, nicht mehr allzu lange hier draußen zu sitzen. Dann hörte sie ein Geräusch, was davon herrührte, dass ihr Großvater gerade mit dem Wagen einfuhr. Für Nanami war es immer noch ungewohnt, die beidem mit „Oma oder Opa“ anzusprechen. Bei ihrer Großmutter taute sie langsam auf, doch ihr Großvater blieb bis auf weiteres „Mr. Nirasaki“.

Zu Beginn hatte sie noch gedacht, dass er sie am liebsten sofort rauswerfen würde, doch langsam erkannte sie, dass sich hinter seiner rauen Schale noch viel mehr verbarg, als es den Anschein hatte. Doch sein wahres Ich ließ er nur selten aufblitzen.

Ein plötzliches Aufheulen ließ sie zusammenzucken.

Irritiert schweifte ihr Blick wieder in Richtung des Waldes. War das… ein Wolf gewesen?

In Tokyo sprach man davon, dass sie längst ausgestorben seien. Doch war das möglich, dass sie sich bloß zurückgezogen hatten?

Nanami schloss die Augen und versuchte damit, ihren Hörsinn zu schärfen. Nein, es musste sich um einen Wolf handeln, alles andere würde nicht wirklich ins Bild passen.

Noch eine Weile saß Nanami einfach nur so da und lauschte den Geräuschen der Nacht. Sie hatten eine beruhigende Wirkung auf sie und tatsächlich war ihr aufgefallen, dass sie die letzten Tage schon viel besser schlief. Hier war es nicht so, dass rund um die Uhr alle Straßen durch künstliche Lichter hell erleuchtet waren. Auch die Gerüche und Geräusche waren ganz anders.

Ja, vielleicht war es möglich, dass sie hier doch irgendwann ihren Frieden finden könnte. Sie musste bloß den Gedanken daran abstreifen, dass sie eine Last für ihre Großeltern darstellte. Doch das war leichter gesagt als getan…

***

Auch am nächsten Tag ließ sie der Gedanke an den gestrigen Abend nicht los. Neugierig hatte sie sich in Richtung Wald aufgemacht. Es war selten, dass man sie alleine weggehen ließ. Zumindest hatte ihre Mutter immer Theater gemacht, weshalb sie die meiste Zeit über zuhause blieb. Doch ihre Großmutter schien sich darüber zu freuen, dass Nanami endlich so langsam aus ihrer Melancholie erwachte und sich von sich aus für etwas interessierte.

Natürlich hatte Nanami versprechen müssen, dass sie nicht allzu weit in den Wald hineingehen und rechtzeitig wieder zurück sein würde. Doch sie war sich auch bewusst, dass sie mittlerweile siebzehn und somit kein Kind mehr war. Nichtsdestotrotz konnte sie froh sein, dass man sie überhaupt alleine irgendwo hin ließ.

Nanami betrat den Wald, doch schon kurze Zeit später musste sie feststellen, wie schlecht ihre Kondition eigentlich war. Das war kaum verwunderlich, verbrachte sie doch die meiste Zeit drinnen. Dennoch warf sie einen kurzen Blick auf ihre Ausrüstung. Ihren heißgeliebten Fotoapparat,  Nanamis größter Schatz, hatte sie mit dabei. Es war lange Zeit her, dass sie fotografiert hatte, da es drinnen nicht viel Interessantes gab. Doch hier draußen schien sie von jeder Kleinigkeit ganz begeistert zu sein.

In Tokyo gab es kaum Natur und sie musste sich unwillkürlich fragen, weshalb sie jetzt erst auf die Idee gekommen war, den Wald zu betreten. In Gedanken versunken stapfte sie durch die Gegend und versuchte alle Eindrücke in ihr Gedächtnis zu brennen. Hier und da machte sie Fotos, darauf bedacht, den Film aber nicht zu verschwenden.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sie von der Umgebung so abgelenkt war, dass sie nicht darauf achtete wo sie langging und deshalb auch den Abhang viel zu spät bemerkte.

Nanami entwich ein erstickter Schrei, als sie den Abhang runterpurzelte und unsanft auf dem Boden aufkam. Sie konnte von Glück reden, dass der Abhang nicht allzu steil war, denn dann hätte sie sich höchstwahrscheinlich wirklich etwas gebrochen. So hatte sie nur ein paar Schrammen und war hier und da schmutzig, wie sie mit einem prüfenden Blick feststellen musste.

Hauptsache, ihrem Fotoapparat war nichts passiert, den sie beim Fall festgehalten hatte, als hinge ihr Leben daran.

Nanami seufzte schwer und ließ ihren Blick prüfend über die Landschaft schweifen. Wenn sie sich bereits bei ihrer ersten Wanderung verlaufen würde, dann konnte sie es sich abschminken, dass ihre Großeltern sie noch einmal alleine gehen ließen. Ihre Mutter hätte ihr das nie erlaubt, doch wenn Nanami nicht aufpasste, würde sie ihren Großeltern einen Grund geben, die Sache ähnlich zu sehen.

Als Nanami eine Bewegung aus dem Augenwinkel vernahm, schnellte ihr Kopf abrupt zur Seite.

Und als sie in die Augen des Wesens sah, das dort an der Spitze des gegenüberliegenden Abhangs stand, verschlug es ihr die Sprache.

„Ein Wolf“, entfuhr es ihr irgendwann ehrfürchtig, als sie ihre Stimme zurückerlangt hatte.

Der schwarze Wolf sah auf sie herab und schien die Situation abzuschätzen.

Ame konnte sich nicht vorstellen, was das Mädchen in diesem Teil seines Reviers zu suchen hatte. Doch dem Eindruck nach zu urteilen, hatte sie sich bloß verlaufen.

„Dann seid ihr also gar nicht ausgestorben“, wisperte Nanami weiter.

Sie hatte Angst, das Tier zu verschrecken. Andererseits war sie so fasziniert von ihm, dass sie den Drang verspürte, augenblicklich ein Foto von ihm zu schießen.

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sie sich unwillkürlich angespannt hatte. Ihr Griff um den Apparat festigte sich und langsam hob sie ihn an und führte ihn in Richtung ihres Gesichtes. Dabei bemerkte sie nicht, dass sie auf einen Ast trat, woraufhin ein lautes Knacken ertönte.

Die Ohren des Tieres zuckten leicht, doch es hatte schon vorher erkannt, was Nanami da vorhatte. Ame hatte nicht vor, hier für ein Menschenmädchen Model zu stehen, weshalb er ihr prompt den Rücken kehrte und mit ein paar gezielten Sprüngen hinter dem Abhang verschwand.

Nanami seufzte auf und ließ den Apparat sinken. Das wäre auch zu schön gewesen, hätte sie ihn auf ihrem Foto einfangen können. Dabei war er vermutlich einer der letzten seiner Art und nur zu gerne hätte sie einen Beweis von dem heutigen Aufeinandertreffen gehabt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Erinnerungen fürs erste in ihrem Herzen zu bewahren. Dennoch hoffte sie, dass sie ihn vielleicht eines Tages erneut vor die Linse bekommen würde.

Sie konnte nicht sagen, was es war, weshalb sie das Tier dermaßen faszinierte. Vielleicht war es ja die Tatsache, dass Wölfe im Allgemeinen als ausgestorben galten. Und es wäre auch gelogen gewesen, hätte sie gesagt, dass sie nicht mal ein klitzekleines Fünkchen Angst verspürt hätte. Dennoch war ihr Interesse bei weitem größer, weshalb sie sich vornahm, erneut hierher zu kommen.

Mit diesem Vorsatz, den sie sich gefasst hatte, machte sie sich schließlich zurück auf den Heimweg, nicht aber ohne noch ein letztes Mal einen Blick nach hinten über die Schulter zu werfen.
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