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18 Gedanken über dein Leben

KurzgeschichteAngst / P16 / Gen
Cruella De Vil
17.10.2015
17.10.2015
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Cruella de Vil, Cruella de Vil
If she doesn't scare you
No evil thing will
To see her is to take a sudden chill
Look out for Cruella de Vil


1) Du bist blond. Deine Haare sind so hell, dass sie schon fast weiß scheinen und sie sind federleicht und so dünn. Dein Vater sagt, es macht dich hübsch und du lächelst ihn glücklich an.
Du beginnst, dein Haar mehrmals am Tag zu kämmen.

2) Deine Mama ist Malerin, ihre Kleider sind immer rot befleckt und sie lächelt dich an, weiße Zähne und sanfte Augen. Sie arbeitet nur nachts und ihre Farbe ist braun, wenn sie trocknet. Du willst sie danach fragen, aber du lässt dich durch die alte Perserkatze deines Vaters ablenken und vergisst es.
Du stiehlst ein Paar roter Handschuhe aus der Kommode deiner Mama und versteckst es unter deinem Kissen. Die Handschuhe riechen nach ihrem Parfum und du schläfst schneller ein als je zuvor.

3) Lerne, deine Ohren zu verdecken und dein Gesicht in dem Morgenmantel deines Bruders zu verstecken, lerne, deine Augen zu schließen und sieh nicht, wie dein Vater deine Mutter mit einer Glasflasche schlägt, hör bloß nicht das Geräusch von brechenden Knochen und verschütteter Farbe. Weine und schluchze und schrei, doch sei leise dabei, lerne, deine Schreie hinter Lachen zu verstecken.
Es ist noch nie Farbe gewesen, denkst du, als du zu lachen beginnst und die feinen Härchen auf deinen Armen stellen sich auf.

4) Du bist zehn, als dein Vater beginnt, dich anzufassen wie kein Vater seine Tochter anfassen sollte und dein Gelächter wird lauter. Du erzählst deiner Mutter nichts, auch nicht deinem Bruder. Du bist ein gutes Mädchen.
Er hört niemals auf.

5)Lerne, klein zu bleiben und zierlich und dünn. Lerne, ein Kind zu bleiben, denn Gott, bewahre, du darfst nicht erwachsen werden und schon gar keine Frau werden. Dein Vater flüstert dir Dinge ins Ohr und du liegst erstarrt unter ihm und betest jede Nacht bevor du zu Bett gehst.

6) Du verlierst deinen Glauben mit zwölf, als dein Körper plötzlich beginnt, Kurven zu bilden. Du wirst eine Frau, sagt deine Mutter und dein Vater versteckt seine Blicke nicht mehr. Dein Bruder heiratet und zieht aus und du erstickst fast an deinem Gelächter.
Das ist das erste Mal, dass du das Abendessen auslässt.

7) Versteck die blauen Flecken auf deinen Armen, verdecke die Wunden in deinem Gesicht und lerne, dich zu verstellen, so wie deine Mutter es tut, lerne, Netze aus Lügen zu spinnen. Leg deine roten Handschuhe nicht ab, zeig ihm nicht, wie viel Angst du hast.
Fang an, zu rauchen. Deine Küsse werden nach Nikotin schmecken und er wird es hassen.

8) Dir ist kalt, auch im Sommer und du machst ein Feuer wann immer du Holz hast, weil du frierst, doch um Gottes Willen, zeig es nicht. Trag Handschuhe und Mäntel und lange Kleider.
Entdecke Pelz. Entdecke, wie weich er ist und wie warm und lerne, Pelzmäntel zu stehlen. Trage sie, tagein, tagaus, trage sie wie eine zweite Haut, wie einen Schild gegen seine Berührungen.

9) Lauf davon. Nimm alles, was du besitzt und pack es in den größten Koffer, den deine Familie besitzt. Er ist so schwer, dass du ihn kaum tragen kannst und du weckst deine Mutter auf, die im Türrahmen steht wie ein Geist, blass und müde und tot und dich anstarrt.
Sie macht einen Schritt zur Seite.

10) Finde ein verlassenes Haus. Es ist groß und kalt und leer und du fühlst dich alleine, doch zum ersten Mal seit Jahren kannst du unbekümmert schlafen.
Du nennst es Hell Hall.

11) Kauf ein Auto. Kauf es mit dem Geld, das du deinem Vater gestohlen hast, kauf das teuerste, das du finden kannst. Während du zurück zu dem großen Haus fährst, das nun dir gehört, siehst du einen Dalmatiner.
Sein Fell sieht warm aus und weich und du fühlst dich kalt und hart. Du umklammerst das Lenkrad und beschließt, dass du einen Mantel willst, einen weißen Pelzmantel mit schwarzen Flecken.

12) Mit siebzehn trägst du zum ersten Mal hohe Schuhe. Du hast sie irgendwo in diesem riesigen Haus gefunden und sie sind hellrot und als du lernst, mit ihnen zu gehen und dein Mantel um deine knochigen Beine schwingt, fühlst du dich mächtig.

13) Färbe eine Hälfte deiner Haare schwarz. Sieh in den Spiegel, betone deine Wangenknochen, schminke dich, bis du deine eigene Haut nicht mehr sehen kannst.
Dein Haar passt zu deinem liebsten Pelzmantel.

14)Mit zwanzig besitzt du neunundneunzig Dalmatinerwelpen. Einige hast du gekauft, viele gestohlen. Fünfzehn dieser Welpen gehörten einer alten Schulfreundin, die nie eine Freundin war, weil sie Angst hatte vor deinem Lachen und dem Wahnsinn in deinen Augen und du hast dir einen Spaß daraus gemacht, sie Darling zu nennen und einzuschüchtern, so lange, bis sie keinen Ton mehr gesagt hat.

15) Die Welpen entkommen. Die Männer, die du angeheuert hast, um auf sie aufzupassen, sie zu stehlen, sitzen in dem kalten Raum und sind damit beschäftigt, sich zu betrinken, während die Hunde herausfinden, wie man Türen öffnet.
Einhundertundein Dalmatiner laufen durch den Schnee in einer kalten Dezembernacht und du frierst.

16) Du fährst ihnen hinterher in dem teuren Wagen und die Hunde sind zu klug und bringen dich dazu, zusammen mit deinen Handlangern in eine Grube zu fahren.
Dein Pelzmantel ist zerrissen und du schreist und du lachst und du hast dich noch nie so wahnsinnig gefühlt, doch du kannst einfach nicht aufhören, denn alles, was du willst, ist wieder zu essen, dich wieder warm, wieder lebendig zu fühlen.

17) Hör nicht auf, zu lachen.

18) Du hast dein Haar seit deinem zehnten Geburtstag nicht mehr gekämmt.

This vampire bat, this inhuman beast
She ought to be locked down and never released
The world was such a wholesome place until
Cruella, Cruella de Vil
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