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Facetten von Slytherin

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P16 / Het
OC (Own Character) Sirius "Tatze" Black
16.10.2015
23.06.2022
31
167.315
77
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23.06.2022 5.563
 
Noch nie zuvor war ich derart froh über mein Unterarmholster. Eine kurze Bewegung und ich hielt meinen Zauberstab kampfbereit in der Hand. Gerade rechtzeitig, denn in diesem Moment ertönte das vertraute Geräusch von mehreren apparierenden Personen inner- und außerhalb des Zeltes. Die Schutzbänne waren offenbar aufgelöst worden. Ein zu erwartender Zug, denn es war bekannt, dass bei den Weasleys heute eine Hochzeit stattfand. Und Schutzzauber dieser Größenordnung, die nur für einen Tag anhalten sollten, konnten jederzeit im Ministerium deaktiviert werden. Normal ein vernünftiges Vorgehen, falls verdächtige Aktivitäten an dem jeweiligen Ort vermutet wurden, doch jetzt befand sich das Ministerium in den Händen der Todesser. Und sie hatten sich Zugang zum Grundstück der Weasleys verschafft.
Ich feuerte einen Schockzauber auf die erste, schwarz gekleidete Gestalt ab, die ich rechts neben mir entdeckte. Sie sackte ohne einen Laut zusammen. Direkt über einem Tisch, an dem bis eben noch Torte gegessen worden war. Nun, die war unweigerlich unter dem regungslosen Körper zerdrückt worden.
Um uns herum löste sich die Menschenmenge innerhalb weniger Momente auf, als die Gäste entweder aus dem Zelt flüchteten oder an Ort und Stelle disapparierten. Augenscheinlich hatten sie verstanden, was die Ankunft der unangekündigten Gäste bedeutete, und machten sich daran, von hier zu verschwinden. Was gut für mich war, denn es gab nichts, was mehr ablenkte als hilflose Personen inmitten von Duellen. Den Todessern mochten sie egal sein, mir und dem Orden aber nicht.
„Harry, wo ist Harry“, murmelte Sirius aufgewühlt neben mir und blickte sich hektisch um. Er hatte seinen Zauberstab ebenfalls gezückt. Aber natürlich machte er sich um sein Patenkind mehr Sorgen als um sich selbst, obwohl er als Sitz im Zaubergamot ein wichtiges Ziel für die Todesser abgab. Mich würde es noch nicht einmal wundern, wenn heute ein paar Todesser speziell für ihn abgestellt worden waren. Da Draco Malfoy mittlerweile volljährig war, wäre er mit Sirius‘ Tod das neue Oberhaupt der Black-Familie. Und jeder wusste, wo Dracos Loyalität lag, mochte sie freiwillig oder unfreiwillig sein.
Innerlich fluchte ich, während ich mich ebenfalls nach Harry umblickte. Mir war relativ egal, wo er sich befand – ich vertraute Hermine, ihn und Ronald schnellstmöglich von hier wegzubringen. Und durch seine Tarnung als Weasley sowie der Tatsache, dass Hermine ihre Haare ausnahmsweise gebändigt hatte, waren die drei nicht auf den ersten Blick zu finden. Auf den zweiten und dritten ebenfalls nicht.
Durch reinen Instinkt wehrte ich den ersten roten Lichtblitz in meine Richtung ab und schickte als Antwort selbst einen Schockzauber in Richtung des Angreifers. Dieser wich meiner Antwort mühelos aus, aber das war zu erwarten gewesen. Dafür hatte ich nicht gut genug gezielt, denn momentan gab es andere Probleme. Zum Beispiel Sirius, der noch immer nach Harry suchte und dem die umherfliegenden Zauber vollkommen egal waren.
„Sirius, konzentrier dich“, zischte ich ihm aus dem Mundwinkel zu, als ich sah, wie ihn ein violetter Strahl nur knapp verfehlte. Er war dem Zauber noch nicht einmal ausgewichen, zu beschäftigt, um nach Harry zu suchen. Dabei hatte Harry deutlich mehr Möglichkeiten, hier beschützt zu werden. Hermine und Ron waren an seiner Seite, dazu kamen Molly und Arthur sowie die restliche Weasley-Familie. Sirius hingegen hatte im Moment nur mich. Und ich hatte niemanden. Weil Sirius zu abgelenkt war, um als Unterstützung, geschweige denn Schutz zu gelten.
„Harry!“ Mittlerweile rief Sirius lauthals nach seinem Patenkind und ich schnaubte, während ich einen Schutzschild um uns herum errichtete. Dieser würde die nächsten paar Zauber abhalten, sofern es keine Unverzeihlichen Flüche oder stärkere Zauber waren.
„Bei Salazar, dann such ihn halt, während uns hier alles um die Ohren fliegt! Ich hoffe, du findest ihn, bevor wir von gewissen Leuten gefunden werden!“ Meine Augen huschten über das Chaos, das um uns herum herrschte. Dora und Remus duellierten sich bereits beide mit je einem Todesser, doch auf den ersten Blick schienen sie die Oberhand in den Duellen zu haben. Immerhin etwas, denn die Hochzeit war eindeutig vorbei. Was schade war, denn Sirius und ich waren gerade an einem entscheidenden Punkt angekommen. Das war zumindest meine Auffassung, das gesamte Gespräch war weitaus besser gelaufen als alle anderen, die wir vorher geführt hatten. Und allein Sirius‘ Vorschlag, unser heimliches Verhältnis öffentlich zu machen, sprach für die Theorie, einen wichtigen Schritt vor uns zu haben. Wir wären beinahe so weit gewesen, diesen Schritt zu gehen. Wenn diese Unterbrechung der Feierlichkeiten nicht gewesen wäre. Und allein bei dem Gedanken daran, ausgerechnet an dieser Stelle unterbrochen worden zu sein, ließ meine Adern vor Wut kochen. Hoffentlich fand Sirius sein Patenkind in den nächsten Minuten, dann konnte ich immerhin meine Aggressionen in ein paar Duellen abbauen. Um mich danach der Fortführung des Gesprächs mit Sirius zu widmen, ungestört von allen äußeren Einflüssen. Und wenn es im Grimmauldplatz sein musste, war es mir auch recht. Hauptsache wir redeten.
„Du könntest mich vielleicht dabei unterstützen, nach Harry zu suchen! Wenn wir zu zweit nach ihm Ausschau halten, finden wir ihn vermutlich schneller!“ Sirius‘ bissige Antwort ließ mich sprachlos zurück. Für einen Moment, dann lachte ich höhnisch.
„Wow. Einfach nur wow. Unterstütze ich dich im Moment nicht genug? Tut mir unglaublich leid, nichts getan zu haben bisher! Es waren ja nur ein abgewehrter Zauber und der Schutzschild, der uns umgibt, damit du weiterhin planlos nach deinem Patenkind Ausschau halten kannst, Black! Während uns Flüche um die Ohren fliegen!“ Mit jedem Wort war meine Stimme lauter geworden und am Ende sprühte die Spitze meines Zauberstabs Funken. Ich benötigte wirklich ein paar Duelle, ansonsten würde ich Sirius einen Fluch auf den Hals jagen. Das trug nicht gerade dazu bei, unsere aktuelle Lage zu verbessern.
Wütend funkelte ich Sirius an – doch dann sah ich über seine Schulter hinweg einen braunen, einen rothaarigen und einen rot-schwarzen Haarschopf verschwinden. Zweifellos Harry, Hermine und Ronald, die disapparierten und das ungestört.
„Harry ist gerade hinter dir verschwunden, Black! Mit den anderen beiden!“ Mit einer ruckartigen Bewegung löste ich den Schutzschild auf. „Dann kann ich dich weiterhin nicht unterstützen und versuchen, hier ohne Kratzer herauszukommen, vielen Dank auch!“ Brüsk wendete ich mich ab und dem nächsten Todesser zu, der gerade auf mich zulief. Um uns herum verdichteten sich die schwarzen Gestalten allmählich, doch immerhin waren sämtliche Gäste verschwunden, die sich nicht an den Duellen beteiligten. Ich sah die Zwillinge ein paar Tische links von mir, während sich Charlie beim Buffettisch duellierte, mit seinen Eltern neben ihm. Bill und Fleur standen am anderen Ende des Zelts und für einen Moment war ich froh, nicht gegen Fleur kämpfen zu müssen. Sie sah furchteinflößend aus. Ihr Veelablut war in ihren vor Wut verzerrten Zügen deutlich zu sehen. Mich hätte es noch nicht einmal gewundert, wenn sie die Flammenbälle heraufbeschworen hätte, die Veelas im Zorn auf ihren Gegenüber warfen.
Ein Lichtstrahl ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Gegner widmen, doch nach ein paar ausgetauschten Zaubern sackte er zu Boden, bewusstlos gewürgt von wild wuchernden Ranken. Sie würden ihn nicht umbringen. Nun, nicht in den nächsten Minuten, wenn er rechtzeitig von ihnen befreit wurde.
Leider blieb mir keine Zeit zum Durchatmen, denn sofort tauchten hinter der Gestalt zwei weitere auf. Ich schoss einen Schock- und einen Brandzauber ab. Die linke Gestalt wurde in die Brust getroffen und fiel hintenüber um, die rechte Gestalt beschwor wortlos einen Schild, an dem der Brandzauber abprallte. Für seinen regungslosen Kameraden hatte er keinen Blick übrig, stattdessen lachte er. Besser gesagt sie, denn dieses schrille Lachen war weiblich. Und zweifellos das von Bellatrix.
Natürlich traf ich auf die vermutlich fähigste Gegnerin bei Duellen, die es auf Seiten der Todesser überhaupt gab. Wobei Bellatrix vermutlich nicht mich, sondern ihren Cousin als ursprüngliches Ziel ausgewählt hatte. Doch ich traute es ihr durchaus zu, sich nach der Sache im Ministerium vor einem Jahr rächen zu wollen. Ganz zu schweigen von dem Interesse, das Du-weißt-schon-wer an mir zeigte. Andererseits war Bellatrix nicht zurechnungsfähig, damit war alles möglich.
Bellatrix blieb ein paar Schritte entfernt stehen, ließ ihre Kapuze verschwinden und musterte mich mit erfreutem Gesichtsausdruck. Das bedeutete nichts Gutes. Ich festigte meinen Griff um meinen Zauberstab, während ich den ihren im Auge behielt, welchen sie für den Moment locker an ihrer Seite hielt, die Spitze nach unten gerichtet.
„Shafiq, welch angenehme Überraschung, dich hier zu treffen! Der Dunkle Lord wird erfreut sein, wenn er davon erfährt. Er wünscht deine Anwesenheit in seinen Hallen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt! Du hast für ihn noch etwas zu erledigen. Und an deiner Stelle würde ich das, wenn ich weiterhin ein angenehmes, schmerzfreies Leben führen möchte.“ Sie stieß abermals ein schrilles Lachen aus, bei dem mir übel wurde. Ihre Vorfreude bei dieser Vorstellung war nicht schwer herauszuhören. Und so viel Vorfreude bedeutete, dass sie nichts unversucht lassen würde, um Du-weißt-schon-wens Wunsch zu erfüllen. Ich wusste nicht, ob meine Duellierfähigkeiten gegen sie ausreichten. Denn Bellatrix mochte verrückt sein, aber sie war auch eine begnadete Duellantin. Beim letzten Mal, als wir aufeinandergetroffen waren, hatte sie zwar nicht wirklich gegen mich gekämpft, aber sie hatte Dora mühelos geschlagen. Obwohl Dora Auror und damit in Duellen ausgebildet worden war.
„Crabbe, Goyle, ihr übernehmt Black. Lenkt ihn ab, damit Shafiq gehört mir.“ Die beiden anderen hatte ich nicht wahrgenommen, doch mit einem Blick über meine Schulter sah ich, dass sie vor Sirius aufgetaucht sein mussten, der sich mittlerweile kampfbereit hingestellt hatte. Was ein Fortschritt war, jetzt konnte ich mich vollkommen auf meine Verteidigung kümmern und irgendetwas sagte mir, wie essenziell dies für mich sein würde.
Sirius‘ Anspannung war auf den ersten Blick zu erkennen, doch sie beruhigte mich. Er war konzentriert und würde entsprechend keine Probleme mit seinen beiden Gegnern haben. Die vielen Monate an Training, auch wenn es in letzter Zeit nur sporadisch stattgefunden hatte, sollten sich jetzt bezahlt machen. Vor allem, weil Crabbe und Goyle keine gefährlichen Gegner darstellten. Dazu fehlte ihnen die Raffinesse, die für einen guten Duellanten unverzichtbar war. Und das besaß Sirius.
„Verdammt. Kali, sei wachsam, Bellatrix als Gegnerin sollte man nicht unterschätzen.“ Sirius‘ Stimme klang verbissen. „Sie wird die letzten Monate nicht viel anderes gemacht haben, als sich im Duellieren zu üben. Seit den Kämpfen im Ministerium wird sie sich erheblich verbessert haben.“
„Das ist mir durchaus bewusst“, entgegnete ich trocken. Gleichzeitig blockte ich den ersten Fluch, der von Bellatrix auf mich gefeuert wurde. Ich trat einen Schritt nach hinten, bis ich Rücken an Rücken mit Sirius stand. So konnte ich mich immerhin darauf verlassen, von hinten nicht angegriffen werden zu können. Gleichzeitig bemerkte ich, wenn er von einem Fluch getroffen wurde.
„Versuch gar nicht erst, dir von meinem Cousin Unterstützung zu holen. Das wird dir nichts bringen. Du bist machtlos gegen mich.“ Mit diesen Worten eröffnete Bellatrix das eigentliche Duell.
Bereits nach wenigen Sekunden wusste ich, wie recht sie mit ihrer Aussage hatte. Zwar hatte ich seit dem Kampf im Ministerium mehr oder weniger regelmäßig mit Sirius trainiert, doch Bellatrix war besser. Sie hatte schlicht und ergreifend mehr Talent, das erkannte ich bereits jetzt. Zeitgleich kam die bittere Erkenntnis, hier nichts ausrichten zu können. Ich war vollkommen damit beschäftigt, ihre Flüche abzuwehren, und selbst das gelang mir nur teilweise. Mein einziger Vorteil war das Wissen über die Zauber und Flüche, das ich mir während meiner Zeit im Grimmauldplatz angeeignet hatte. Mit diesem konnte ich die meisten Zauber von Bellatrix durch den Lichtstrahl und ihre Handbewegungen erkennen. Damit hob ich mir meine Abwehr für die gefährlicheren Angriffe auf, die in meine Richtung flogen. Den anderen, weniger problematischen Zaubern wich ich einfach aus, ohne Sirius hinter mir preiszugeben. Mein einziger Vorteil war das Wissen, dass mich Bellatrix nicht lebensgefährlich verletzen konnte. Immerhin verlangte ihr Herr nach mir und vermutlich wollte er mich zumindest anfangs bei bester Gesundheit antreffen, so mehr oder weniger.
„Kali?“ Das war Sirius, dessen Konzentration ich selbst durch dieses eine Wort hören konnte.
Ich stieß nur ein Brummen aus, zu mehr war ich nicht in der Lage. Bellatrix verlangte mir alles ab, obwohl ich nur teilweise blocken konnte. Mögliche Gegenzauber konnte ich vergessen, das stand fest. Und vermutlich würde ich bei ihrem Tempo auch nicht unendlich lange mithalten können, so ungern ich das zugab. Sirius war mit seinen beiden Gegnern ebenfalls beschäftigt und auch wenn diese nicht besonders begabt waren, waren sie zu zweit. Allein diese Überzahl machte den Kampf für ihn schwierig, er würde mir nicht helfen können. Entweder irgendjemand stieß in Kürze zu uns oder um den erfolgreichen Ausgang meines Duells stand es schlecht. Merkwürdigerweise machte mir dieser Gedanke keine Angst, er erfüllte mich eher mit kalter Entschlossenheit. Denn ich würde nicht kampflos beigeben, das stand fest. Wenn ich gegen Bellatrix verlor – und das stand fest – würde ich das mit Gegenwehr. Vor allem würde ich alles daransetzen, ihrem Herrn die Pläne zu durchkreuzen. Wobei „alles“ übertrieben war, ich wusste nicht, wie weit ich tatsächlich zu gehen bereit war. Aber so wie es aussah, würde ich das früher oder später herausfinden, wenn sich nichts an meiner Lage änderte.
„Kali!“ Dora. Das war Doras wütende, panische Stimme, die durch das Zelt hallte und in mir einen Keim Hoffnung aufsteigen ließ. Wenn Dora es schaffte, mir zu Hilfe zu eilen, hatten wir zusammen eine Chance gegen Bellatrix.
Drei Schockzauber, vermutlich von Dora, flogen in Richtung von Bellatrix, doch sie wehrte diese mühelos mit einem Lachen ab. Das war zu erwarten gewesen, allerdings erfüllte diese kleine Ablenkung ihren Zweck. Ich konnte zum ersten Mal einen Zauber wirken und entschied mich für einen Brandzauber. Dieser war nicht gefährlich, aber konnte schmerzhaft sein und den Gegner verärgern. Darauf setzte ich, denn vielleicht war eine wütende Bellatrix eine leichtere Gegnerin. Es gab viele Hexen und Zauberer, die bei Zorn ihre Strategie vergaßen und blindlings Flüche wirkten, um möglichst viel Schaden beim Gegner anzurichten. Eine Taktik, die von roher Gewalt, aber nicht von ausgeklügelten Abfolgen an Zaubern geprägt war.
Mein Brandzauber traf Bellatrix‘ Oberarm und setzte ihren Umhangärmel in Brand. Sie zischte unterdrückt, verzog das Gesicht und ließ aus ihrem Zauberstab eine kleine Fontäne schießen, mit der sie das Feuer löschte. Aber ich konnte die rot gefärbte Haut unter dem verbrannten Stoff erkennen. Sie war nicht unversehrt davongekommen und das stimmte mich zuversichtlich. Wenn Dora weiterhin ein paar Flüche auf Bellatrix zielen und sie damit ablenken konnte, dann würde dieses Duell für mich vielleicht gut ausgehen.
Im nächsten Moment trafen meine Augen die von Bellatrix, die Funken zu sprühen schienen. Ich hatte sie wütend gemacht, mein erstes Ziel war erreicht. Nun konnte ich nur hoffen, dass sie tatsächlich die Nerven verlor und willkürlich Zauber auf mich feuern würde.
„Travers! Kümmere dich um den Abkömmling meiner Blutsverräterschwester, damit ich nicht weiterhin belästigt werde! Ich möchte ungestört sein, wenn ich mich mit Shafiq beschäftige! Der Dunkle Lord verlangt dringend nach ihr und er wird ungehalten sein, wenn du dafür verantwortlich bist, dass sie uns nicht begleiten wird!“
Eine dunkle Vorahnung stieg in mir auf, als ich Bellatrix‘ Worte vernahm. Das zeigte mir, wie gut die zweite Hälfte meines Plans funktioniert hatte. Überhaupt nicht. Bellatrix war zwar wütend, aber sie konnte diese Emotion in einem Duell verbergen. Oder zu ihrem Vorteil einsetzen. Damit war meine Lage noch prekärer geworden. Warum mich Du-weißt-schon-wer möglichst unversehrt sehen wollte, konnte ich mir denken. Dazu reichte mein Familienname aus. Ich spürte, wie sich Angstschweiß bei diesem Gedanken auf meiner Stirn bildete. Dafür war ich nicht gemacht, ganz egal, welcher Meinung ich vorhin gewesen war. Bei Salazar, normal umging ich Situationen wie diese hier, deshalb hatte ich mich überhaupt erst versteckt.
„Kali, verschwinde von hier“, murmelte Sirius angespannt hinter mir. „Das hier ist eine Nummer zu groß für dich. Für uns alle. Aber du bist ihr Hauptziel.“
Ich antwortete nicht, denn er wusste ebenso gut wie ich, dass ich hier nicht einfach verschwinden konnte. Dafür hatte ich keine Zeit, zu sehr war ich mit dem Ausweichen von Bellatrix‘ Angriffen beschäftigt. Nur wenn uns jemand zu Hilfe kam, hatte ich eine Chance, meinem drohenden Schicksal zu entkommen. Doch es sah nicht danach aus. Dora war von Travers abgefangen worden. Vermutlich war es nicht der einzige Todesser, der Bellatrix unterstützen konnte, sollte sie abermals jemanden für das Abhalten von Störungen in ihrem Duell mit mir benötigen.
Alles in allem war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas geschah, das den momentanen Verlauf dieses Duells beeinflusste. Entweder war das zu meinen Gunsten oder zu ihren.
„Was denkst du Shafiq, wie lange wirst du das hier aushalten können?“ Während ich mühselig den Großteil der Zauber von Bellatrix mit Schildzaubern abwehrte, wirkte diese nicht angestrengt. Ganz im Gegenteil, je länger der Kampf dauerte, desto aufgeweckter und lockerer war sie. Auch ihre zwischenzeitliche Wut war wieder verschwunden. Das schien bisher nur ihre Aufwärmphase gewesen zu sein und diese hatte mich bereits an meine Grenzen gebracht. Es würde nicht mehr lange dauern, bis dieses Duell vorbei war.
„Kali, du musst hier verschwinden. Crabbe und Goyle mögen nicht die besten Duellanten sein – Stupor – aber ihre Koordination ist gut.“
„Vergiss es“, keuchte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen und fluchte unterdrückt, als mich ein Schneidezauber am Oberarm traf. Zum Glück nicht den meines Zauberstabarms, aber es schmerzte trotzdem. Und das nasse Gefühl an meinem Robenärmel deutete stark darauf hin, dass die Wunde stärker blutete.
„Aber –“
„Ich kann nicht, verstanden?“ Vielleicht half ihm die Betonung, mich zu verstehen. Ehrlich gesagt wäre ich liebend gern woanders. Die Aussicht, in den nächsten Stunden die Gesellschaft von Du-weißt-schon-wem persönlich genießen zu dürfen, war alles andere als erbaulich. Genau genommen war das besorgniserregend und etwas, das ich eindeutig vermeiden wollte. Aber leider hatte ich in diesem Duell nicht die Oberhand und konnte nur auf äußere Einflüsse hoffen, die meine Lage verbesserten.
„Goyle!“, brüllte Bellatrix. Kurz hatte ich die Hoffnung, Sirius nun mit einem Gegner weniger zu sehen – doch im nächsten Moment bewegte sich der Boden unter meinen Füßen.
Sirius‘ geschocktes Luftholen vernahm ich selbst durch das dumpfe Rumpeln, das unter meinen Füßen ertönte.
„Kali!“ In Sirius‘ Stimme schwang reine Panik. Und das machte mir Angst. Angst, weil ich nicht wusste, was mich nach der bebenden Erde unter mir erwartete. Sirius‘ Reaktion ließ mich das Schlimmste befürchten, denn vielleicht konnte er von seiner Position aus mehr erkennen als ich.
Das Rumpeln wurde noch etwas lauter und ich schwankte leicht, als sich ein Riss unter meinen Füßen auftat.
„Würgende –“ Ich verlor das Gleichgewicht und taumelte zur Seite, weg von Sirius, der ebenfalls seinen sicheren Stand einbüßte.
Bellatrix lachte erneut, während sie unaufhörlich Flüche auf mich feuerte, durch die ich weiter zur Seite gedrängt wurde. Der Riss folgte mir und ich konnte keinen wirksamen Schildzauber wirken, stattdessen wich ich den Zaubern aus.
„Kali!“ Sirius drehte sich halb zu mir um und ich schüttelte den Kopf.
„Kümmer dich um deine Gegner!“ Währenddessen wich ich weiteren Zaubern aus.
„Hör lieber auf Shafiq, Sirius! Und du solltest deine Rückendeckung … verstärken!“ Entsetzt sah ich, wie aus Bellatrix‘ Zauberstabspitze ein rosafarbener Lichtstrahl kam und direkt auf Sirius zuschoss. Ohne nachzudenken, sprang ich vor Sirius‘ Rücken. Es war zu spät, um den Strahl abzuwehren, und er traf mich schräg unterhalb des Halses, direkt über meinem rechten Schlüsselbein.
Ich keuchte erstickt auf, während sich ein Brennen über meine gesamte Schulter und den Hals ausbreitete. Kurz legte ich meine Hand auf die Schnittwunde und als ich sie wieder wegnahm, war die gesamte Handfläche blutrot. Das war eine größere Wunde als die an meinem Oberarm, so viel stand fest. Vermutlich war sie groß genug, um mich in wenigen Minuten schwächer werden zu lassen. Mein Kampf mit Bellatrix war vorbei, erkannte ich nüchtern. Sie würde als Siegerin hervorgehen. Was mit mir geschehen würde, wollte ich mir nicht vorstellen, denn dann würde ich in Panik ausbrechen.
Mir blieb nur noch eine Sache, die ich zu erledigen hatte. Sirius und ich hatten unser Gespräch noch nicht beendet, was ich jetzt zutiefst bereutet. Das war das wichtigste Gespräch gewesen, das ich mit ihm geführt hatte. Und vermutlich war es das letzte Gespräch, das ich mit ihm geführt hatte, denn die Zeichen standen für uns beide nicht gut. Nicht, nachdem das Zaubereiministerium von den Todessern übernommen worden war. Und da Scrimgeour nicht mehr lebte, war das eine Frage von wenigen Stunden, wenn es nicht sogar schon passiert war.
„Kali!“ Sirius‘ Hand legte sich auf meine Schulter und ich zischte schmerzerfüllt, als er mit seinen Fingern direkt auf dem Schnitt landete. Im nächsten Moment war seine Hand verschwunden, dafür hörte ich ein lautstarkes Luftholen. „Bei Godric, deine Schulter!“
„Crabbe, Goyle, strengt euch endlich an! Ganz egal, wie rührselig diese Szene auch sein mag!“ Bellatrix‘ Stimme beendete meinen Moment mit Sirius.
Kurzerhand erschuf ich den stärksten Schildzauber, zu dem ich imstande war, um mir ein paar Sekunden zu verschaffen. Es würden nicht genug sein, aber es war besser als nichts.
„Sirius, ich hätte unser Gespräch gern beendet. Nur wird es dazu nicht kommen, wie es aussieht. Danke für die letzten beiden Jahre. Du hast sie vielleicht anders empfunden, aber für mich war es die beste Entscheidung, in den Grimmauldplatz zu kommen – und zu dir.“ Mein Schildzauber brach und ich sah den roten Lichtstrahl auf mich zukommen. „Es tut mir leid.“ Der Schockzauber bohrte sich in meine Brust und die bekannte Taubheit breitete sich in meinem Körper auf, während meine Beine unter mir nachgaben.
„KALI!!!“ Sirius‘ panische Stimme tröstete mich ein wenig. Doch es änderte nichts an meiner Situation. Sirius würde mir nicht helfen können, drei Gegner waren zu viel für ihn. Vermutlich würde Bellatrix ihn zwingen, von meiner Seite zu weichen, damit sie mich ungestört mitnehmen konnte. Ins Hauptquartier der Todesser, wo auch immer sich dieses befand.
Ich lächelte leicht, während mein Zauberstab aus meiner schlaffen Hand glitt. Mein Blickfeld verdunkelte sich. Ein letzter Blick offenbarte mir das bleiche Gesicht von Sirius, der sich endgültig zu mir umgedreht hatte. Mit den wunderschönen, dunkelgrauen Augen, in denen unzählige Emotionen schwammen. Und ich hatte ihm noch nicht einmal gesagt, wie sehr ich ihn liebte.
Dann umfing mich Dunkelheit.

***


„Charlie! Bei Godric, geht es dir gut?!“ Molly stürmte zu Charlie und drückte ihn so fest an sich, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb. Es war erstaunlich, wie viel Kraft in dieser kleinen Person steckte. Erst nach ein paar Sekunden löste sie sich von ihm, nur um ihn einer eingehenden Prüfung von Kopf bis Fuß zu unterziehen.
Charlie versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln, das Wirkung zu zeigen schien, denn seine Mutter wirkte sogleich entspannter.
„Mum, mir geht es gut. Bill und Fleur ebenfalls. Sie sind in Shell Cottage geblieben, um die Delacours zu beruhigen.“ Genau genommen hatte er sich von Bill und Fleur rasch verabschiedet, weil er es dort nicht mehr ausgehalten hatte. Sie hatten im Vorfeld vereinbart, vom Fuchsbau aus keine Kontaktaufnahme vorzunehmen, zur Sicherheit von Harry. Die anderen Häuser waren sicherer als das Familienanwesen der Weasleys. Wie das Haus, das Bill von Großtante Tessie geerbt und zusammen mit Fleur ihren Wünschen entsprechend umgebaut hatte. Es stand auf einer der vielen Felsklippen in Cornwall und war für Charlies Geschmack zu voll gewesen. Natürlich war auch Fleurs Familie dorthin geflüchtet, als die Todesser auf der Hochzeit aufgetaucht waren.
„Tinworth hat nichts von den Ereignissen im Ministerium mitbekommen. Ich wollte den Fragen aus dem Weg gehen, warum nicht nur das neue Weasley-Ehepaar aufgetaucht ist, sondern noch etliche andere Personen. Deshalb bin ich hierher gekommen.“
„Tinworth bekommt nie etwas mit“, antwortete Molly bissig, dann seufzte sie. „Die Zwillinge sind wohlbehalten in die Winkelgasse zurückgekehrt, Ron ist im Grimmauldplatz bei Harry und Hermine. Ginny ist hier, zusammen mit deinem Vater.“
Charlie atmete tief durch. „Und was ist mit den anderen Gästen? Den Ordensmitgliedern?“ Das war der andere Grund, warum er zurückgekehrt war, keine Stunde nach dem Angriff. Dank Bills und Fleurs Uhr – Molly hatte es sich nicht nehmen lassen, ihnen ebenfalls eine Familienuhr zu schenken – wusste er, dass es seiner Familie gut ging. Aber es gab noch andere Personen, um deren Wohlergehen er sich sorgte, und ein flaues Gefühl in seiner Magengegend machte ihn zusätzlich nervös. Auch wenn er an so etwas nicht glaubte. Eigentlich.
Doch als Molly anfing, ihre Hände in ihrer Schürze zu vergraben, und sie seinem fragenden Blick auswich, lief es Charlie eiskalt den Rücken herunter. Wenn seine Mutter so reagiert, dann war etwas geschehen. Etwas Schlimmes. Etwas, das sowohl ihn als auch sie betraft, denn sie wirkte ehrlich betroffen.
„Mum?“ Charlie traute sich nicht, die eigentliche Frage zu stellen.
„Es tut mir so leid, Charlie“, flüsterte Molly und blinzelte heftig, während sie ihn noch immer nicht anschaute. „Kali …“
„M-mum?!“ Dieses Wort kam nur krächzend über Charlies Lippen, als er gegen den plötzlichen Kloß in seinem Hals ankämpfte. Er konnte sich nur verhört haben. Kali war Kali. Immer die Oberhand, immer einen spöttischen Spruch auf den Lippen und immer bereit, sich jemandem in einem Duell zu stellen. Dafür war sie als Mitglied der Strafverfolgungspatrouille ausgebildet worden. Und sie war gut gewesen, auch wenn man es ihr auf den ersten Blick nicht zugetraut hatte. Insgeheim hatte Charlie immer vermutet, dass Kali genau das erreichen wollte: Unterschätzt werden, damit sie ihren Gegenüber überraschte. Kali war die letzte Person, deren Namen er hier hören wollte.
„Sie ist verschwunden. Sirius und sie wurden von etwas abseits von Todessern konfrontiert und dann kam Bellatrix. Seitdem ist Kali unauffindbar. Das ist alles, was ich weiß – Sirius steht noch unter Schock, er hat nicht viel gesagt, seitdem die Todesser wieder verschwunden sind. Was verständlich ist, immerhin hat er seine Mitbewohnerin verloren, und das vor seinen Augen. Er wird sich die schlimmsten Vorwürfe machen, so wie ich ihn kenne.“
Charlies Inneres glich einem Eisblock. Natürlich war Sirius vollkommen fertig, wenn auch aus einem anderen Grund. Aber offenbar hatte seine Mutter trotz ihrer Menschenkenntnis keine Ahnung, was sich zwischen Sirius und Kali eigentlich abgespielt hatte. Aber Charlie wusste es. Und er wusste, wie sich Sirius fühlen musste. Wortlos drehte er sich um und schritt in Richtung Kamin. Molly folgte ihm nach der ersten Überraschung hastig.
„Was hast du vor? Charlie, du kannst nicht einfach –“
„Keine Angst, ich mache nichts Unüberlegtes, dafür sind Fred und George zuständig. Ich gehe zum Grimmauldplatz. Dort wird Sirius sein, nicht wahr?“
„Nicht ganz. Eigentlich ist er seit der Hochzeit hiergeblieben.“ Molly zog etwas aus ihrer Tasche. „Vielleicht kannst du damit etwas anfangen. Arthur meinte, das wäre Kalis Zauberstab.“ Sie drückte ihm das helle Holzstück in die Hand und Charlie musste nur einen Blick darauf werfen, um die Vermutung seines Vaters bestätigen zu können.
„Dann suche ich Sirius.“ Sirius benötigte die Gesellschaft eines anderen ebenso sehr wie Charlie. Vielleicht waren sie sogar die richtige Gesellschaft füreinander, denn beide wussten genau, wie der andere jeweils zu Kali stand – und was er mit ihr bereits erlebt hatte.

***


„Sag mir nicht, dass ich mich beruhigen soll!“ Aufgebracht stemme Tonks die Hände in die Hüften und funkelte ihren Ehemann wütend an. „Das ist Kali, die verschwunden ist! Kali! Meine beste Freundin und zukünftige Patin meines Kindes!“
Remus‘ Auge zuckte kurz und normalerweise wäre Tonks darauf eingegangen. Aber nicht heute. Denn heute war ihre beste Freundin verschleppt worden. Und jeder wusste, wohin. Vor allem aber wusste jeder, wer sie dort erwartete.
Ein weiteres Mal zog sich Tonks‘ Herz zusammen. Wenn sie nur daran dachte, was Kali bevorstehen würde. Das hatte sie nicht verdient, niemand hatte das. Kali hatte in den letzten beiden Jahren ihre Freiheit geopfert, damit genau das nicht eintraf, was eingetreten war. Tonks hoffte nur, dass Kalis Familie erst viel später davon erfuhr. Sie wusste, wie eng die Shafiqs miteinander verbunden waren, es war bei ihr und ihren Eltern nicht anders. Und allein die Vorstellung, ihre Mum oder ihr Dad wären in Kalis Situation, ließ sie panisch werden. Wobei das auch an der Schwangerschaft liegen konnte. Tonks spürte regelrecht, wie ihre Hormone verrückt spielten.
„Sie ist meine beste Freundin“, flüsterte Tonks mit brechender Stimme, dann fuhr sie sich über die Augen. Seitdem sie von Kalis Verschwinden erfahren hatte, kämpfte sie minütlich gegen die Tränen an, die sich immer wieder einen Weg bahnen wollten. Doch Kali war nicht geholfen, wenn sie hier Tränen vergoss. Vermutlich würde Kali das Gesicht verziehen, dann unbeholfen an sie herantreten und ihr eine Hand auf die Schulter legen. Ja, das klang nach Kali. Sie gab es nicht gern zu, aber emotionale Momente überforderten sie gern, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte.
Tonks‘ Sicht verschwamm erneut und sie griff nach einem der vielen Taschentücher, die neben ihr auf dem Tisch lagen. Langsam wütend werdend, tupfte sie sich einmal mehr die Augen ab. Diese verdammten Hormone.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Leider nicht die von Kali, sondern die von Remus. Doch auch sie spendete Trost und Tonks legte ihre Hand auf die seine, um Kraft zu schöpfen.
„Es ist Kali. Ich möchte nichts beschönigen – wir wissen beide, wo sie hingebracht wurde. Aber es ist immer noch Kali. Niemand ist besser dafür geschaffen, sich in einem Haus voll mit Todessern zu behaupten. Ich meine, Kali hat Sirius bezwungen. Sirius, den nach Marlene McKinnon niemand mehr bezwingen konnte, geschweige denn davor. Aber Kali hat noch mehr geschafft als Marlene. Sie hat ihn nicht nur gebändigt, um es kurz zu machen, sondern ihn obendrein positiv beeinflusst. Ihm sind Dinge wichtig, die ihm vorher egal gewesen sind, der Großteil davon rein aus Trotz seiner Familie gegenüber. Vor ihr hätte er sich niemals um den Sitz im Zaubergamot geschert, wäre zu den meisten Sitzungen gar nicht erst gegangen. Doch das hat sich geändert, weil Kali ihm vermittelt hat, was er mit dem Sitz alles bewirken kann. Sirius hat ihr freiwillig zugehört, sich sogar unterrichten lassen. Und er hasst Unterricht fast genauso sehr wie die Drachenpocken.“ Remus verstummte für einen Moment, dann lachte er leise. „Du wärst überrascht, wie wenig erfolgreich wir in Hogwarts gewesen sind, wenn er schwänzen wollte. – Kali mit ihrer Silberzunge hat es geschafft, ihn zu motivieren, ohne es überhaupt zu merken. Sie wird auch bei den Todessern nicht untergehen.“
Tonks umklammerte Remus‘ Hand regelrecht, als sie ihn beschwörend anblickte. „Vor den Todessern habe ich keine Angst, Kali ist ihnen überlegen. Sowohl geistig als auch magietechnisch, selbst ohne Zauberstab. Sie zeigt es nicht oft, aber in zauberstabloser Magie ist sie äußerst gut, sie musste sie während ihrer Ausbildung lernen. Aber neben Bellatrix ist dort Lucius Malfoy. Ihr Onkel, dem es am liebsten gewesen wäre, dass niemand von der Familie seiner verstoßenen Schwester erfährt. Und Lucius ist unberechenbar, wenn es um die Ehre der Malfoys geht.“ Du-weißt-schon-wen erwähnte sie gar nicht erst, diese Bedrohung schwebte klar über Kali. Und sie wollte sich keine Gedanken darüber machen, ob ihre beste Freundin auch ihm gewachsen war. Ansonsten würde sie nur in unnötige Panik verfallen, denn sie konnte Kali nicht helfen. Sie konnte nur auf Kalis Durchhaltevermögen vertrauen. Damit sie das Ganze überstand, mit möglichst wenig dauerhaften Schäden.

***


Mit steinerner Miene betrachtete Sirius die Überreste des Hochzeitzeltes. Er umklammerte seinen Zauberstab, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Es kam ihm unwirklich vor, als ob Kali jeden Moment wieder vor ihm auftauchen würde. Das für sie typische, spöttische Lächeln auf den Lippen, zusammen mit einem abschätzigen Blick in seine Richtung. Bei Godric, was er dafür geben würde, diesen Blick jetzt ertragen zu müssen.
Kalis Blut klebte noch immer an seinen Fingern und an seinem Zauberstab, aber er brachte es nicht über sich, es abzuwischen. Immerhin war dies das einzige Andenken, welches er in diesem Moment von ihr hatte.
Er hörte, wie jemand neben ihn trat, doch er wandte den Blick nicht vom Zelt ab. Das Zelt, in dem er endlich das Thema mit Kali besprochen hatte, das er seit Monaten besprechen wollte. Nur, um mitten im Gespräch unterbrochen zu werden. Und jetzt war sie fort.
„Sirius, sie bleibt verschwunden, vollkommen egal, wie lange du auf dieses Zelt starrst. Es … Hier.“ Sirius blinzelte, als Charlie ihm einen Zauberstab vor das Gesicht hielt. Einen Moment später erkannte er ihn. Das helle Eschenholz und die filigranen Verzierungen, die am Griff angebracht waren und Blätter der Esche darstellten. Er hatte ihn schon oft auf Kalis Nachttisch liegen sehen, oder in ihrer Hand. Und danach in seiner, nachdem er sie in einem ihrer Übungsduelle entwaffnet hatte. Wortlos griff er nach Kalis Zauberstab und ließ ihn auf seiner offenen Handfläche liegen. Ein weiteres Andenken.
„Sie hätte gewollt, dass du ihn aufbewahrst, bis sie wieder zurück ist.“
Sirius schnaubte bitter. „Du weißt ebenso wie ich, wo sie sich befindet. Und wie wahrscheinlich es ist, von dort wieder zurückzukommen. Vor allem unversehrt. Die Longbottoms …“ Er brach ab, als ihm die Stimme versagte.
„Du wärst überrascht, wie widerstandsfähig und einfallsreich Kali ist, wenn sie sich in aussichtslosen Situationen befindet.“
Sirius erstarrte, dann steckte er Kalis Zauberstab in seine Robentasche. „Jede Person hat eine Grenze, bei der sie zusammenbricht. Und sie befindet sich in Gesellschaft von etlichen Leuten, die es perfektioniert haben, genau diese Grenze zu finden. Und sie Stückchen für Stückchen zu überschreiten, bis von der Person nicht mehr viel übrig ist.“ Seine Stimme klang spröde.
Charlie seufzte. „Ich muss nach den anderen sehen. Mum vertraut ihrer Uhr, aber ich will mit allen sprechen. Um sicherzugehen.“
Sirius zeigte keine Reaktion, sondern starrte weiterhin auf das Zelt. Harry hatte sich bei ihm gemeldet, er war mit Ron und Hermine im Grimmauldplatz angekommen. Doch im Moment stand es Sirius nicht nach Gesellschaft. Nicht, wenn die Gesellschaft, nach der er sich am meisten sehnte, nicht mehr hier war. Und vermutlich nie wieder zurückkommen würde. Im Gegensatz zu Charlie hatte er keine Illusionen, wie es Kali ergehen würde. Voldemort wollte etwas von ihr und wenn sie es ihm irgendwann gegeben hatte, würde sie beseitigt werden.
Und er hatte es noch nicht einmal fertig gebracht, ihr seine Gefühle zu gestehen.
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