If I believe…

von - Leela -
KurzgeschichteFreundschaft / P12
Ansabone Eddie Jake ShockClock Skelevision Tracy
15.10.2015
15.10.2015
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Der Mann mit der braunen Wuschelfrisur stand konzentriert in dem Raum, in der einen Hand einen Stab, in der anderen ein Buch.
      Es war in der Mitte des zweiten Buches gewesen, als Eddy es nicht mehr aushielt. Er hatte sich schnell umgesehen, sich von Tracys Werkbank eine von den Holzzierleisten geschnappt, mit denen sein Freund hin und wieder bastelte, in eine schmale Ausbohrung in der Mitte etwas von dem herumliegenden Gorillahaar gestopft (wenn schon, dann mußte es auch in allen Belangen authentisch sein), und sich die leichte, dunkle Wolldecke über die Schultern geworfen, die er mit einer von Tracys Bastelklammern fixiert  hatte.
      Jetzt hielt er Harry Potter in der einen Hand, den »Zauberstab« in der anderen, zielte unter dem resignierenden Blick Ansabones auf die Bürotür und rief: „Expelliarmus!“ – gerade in dem Augenblick, als Jake hereinkam.
      Die beiden hatten automatisch Blickkontakt. „Was ist denn hier los?“ rutschte es Jake heraus, im gleichen Moment, als Eddy auch schon die Verlegenheitsröte in’s Gesicht schoß.
      „Eddy versucht sich in Zaubersprüchen. Übt schon mal für Hogwarts!“ kicherte Ansabone belustigt.
      Selbst Jake konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Du bist mal wieder ganz in deinem Element, was?“ kommentierte er die Szene, als er zum Schreibtisch herüberging.
      Eddy schwieg ein wenig peinlich berührt. Er hatte nicht vorgehabt, daß seine Partner ihn gerade jetzt überraschten und etwas davon mitbekamen. Die Büroeinrichtung reichte vollkommen aus. Und wie Recht er damit hatte, sollte sich umgehend bewahrheiten.
      „Es ist doch schön, wenn du so viel Phantasie hast.“ lenkte Jake bald liebevoll ein.
      „Oh, Phantasie hat Eddy eine Menge!“ lachte Ansabone spöttisch. „Wahrscheinlich glaubt er sogar daran, daß das wirklich funktionieren könnte mit der Zauberei!“
      Damit hatte er Eddy soweit. In seinem Blick, der noch immer stumpf auf die Bürotür geheftet war, spiegelte sich Verletztheit.
      „Wartet’s nur ab!“ fuhr Ansabone in ironischem Tonfall fort. „Bald kommt der Brief von Hogwarts!“ Das Skelefon konnte sich kaum einkriegen vor Lachen.
      In dem Moment war es vorbei. Bevor Jake oder irgend jemand anderes reagieren konnte, verließ Eddy, das zusammengeklappte Buch an sich gedrückt und mit gesenktem Zauberstab, wortlos das Büro.
      Betroffene Stille blieb zurück.
      Skelevision trat mitfühlend vor. „Das war aber nicht sehr nett!“ maßregelte es Ansabones Verhalten ruhig, und bekam umgehend Unterstützung von Eddys Lieblingssessel.
      Fred nickte mit der Rücklehne. „Nimm dich in Acht! So etwas tut man meinem besten Freund kein zweites Mal an!“
      „Aber es ist doch wahr!“ verteidigte sich Ansabone.
      Jake sah ebenso sorgenvoll drein wie Skelevision. „Das hätte aber nicht nötig getan. Du weißt, daß Eddy eine ganz sensible Seele ist. Und jemand, der so lieb und herzensgut ist, hat es nicht verdient, es so zurückgezahlt zu bekommen. Davon abgesehen ist seine Gabe der Phantasie eigentlich etwas sehr schönes. Das hat nicht jeder, mich eingeschlossen. Eddy sieht wahrscheinlich viel mehr zauberhafte Dinge, als wir es jemals können. Aber auch, wenn du das vielleicht nicht verstehst, ist es das mindeste, daß du ihm mit Respekt gegenübertrittst, und nicht auch noch seine Gefühle verletzt!“
      „Meine Güte!“ Ansabone seufzte tief. „Es war doch nur Spaß! Was kann ich denn dafür, wenn er gar nichts vertragen kann?“
      „Du magst dich für sehr witzig halten.“ Man merkte Fred an, wie tief es ihn traf, seinen Schützling so verletzt zu sehen. „Aber du beweist, daß du eines nicht hast, was Eddy dir weit voraus hat: Klasse!“
      Ansabone wich den Blicken der anderen schmollend aus.
      „Buh, es gibt doch nichts spannenderes als Phantasie!“ schaltete sich zu Jakes Überraschung sogar die ShockClock ein. „Phantasie ist der Schlüssel, um jederzeit aus dem Alltag herauszukommen. Jemand, der keine Phantasie hat, weiß gar nicht, was er verpaßt!“
      Jakes Blick lag ruhig auf dem Skelefon. „Siehst du, Ansabone? Keiner hier findet gut, was du eben abgezogen hast.“
      Ansabone schwieg decouragiert. „Entschuldigung…“
      „Sag‘ das nicht mir, sag‘ das Eddy.“ kommentierte Jake. Dann fügte er an: „Ich gehe mal nach ihm sehen.“ Unter den besorgten Blicken Skelevision, Freds und der ShockClock verließ der große Schlanke das Büro.

Vorsichtig klopfte Jake an Eddys Zimmertür. „Eddy?“
      „Ja?“ kam es unmittelbar darauf durch das Holz gedämpft aus dem Raum zurück.
      Jake atmete durch. Es beruhigte ihn, daß Eddy offenbar recht aufgeräumt klang. Sachte drückt er die Tür auf. Sein Blick schweifte automatisch schnell durch den Raum. Die Wolldecke lag auf dem Sofa, das Buch und der »Zauberstab« auf dem Schreibtisch. Eddy stand im Raum und schien gerade zu überlegen, was er nun machen wollte. Jetzt sah er automatisch zu Jake herüber, der respektvoll in der Tür stand. „Es tut mir leid, wegen eben!“ entschuldigte sich der Blonde bei seinem Freund.
      „Ach was.“ winkte Eddy ab. „Ich bin ja selber schuld. Wenn ich ausgerechnet im Büro auf solche Ideen komme, muß ich mich nicht wundern, wenn jemand reinplatzt. Ich hätte ja auch gleich in mein Zimmer gehen können.“
      „Es tut mir trotzdem leid. Ich fand es so niedlich, wie du da mit dem Umhang und dem Zauberstab gestanden hast!“ Bewußt sagte er nicht »Wolldecke und Zierleiste«. „Und laß dich von Ansabone bloß nicht entmutigen. Das war eine ganz blöde Reaktion, die wir alle nicht gut fanden.“ Auf Eddys nachdenklichen Blick hin erklärte Jake: „Skelevision, Fred, die ShockClock und ich.“
      Der Mollige konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Keine Sorge, ich lasse mich nicht entmutigen. Ich achte nur das nächste Mal darauf, wo ich Zaubersprüche übe!“
      „Du solltest jemandem wie Ansabone gleich Paroli bieten! Laß dich gar nicht erst in’s Bockhorn jagen!“ erwiderte Jake energisch, und man merkte ihm deutlich an, wie erbost er noch immer über die Reaktion des Skelefons war. „Am besten gleich mit dem richtigen Zauberspruch!“
      Eddy verdrehte die Augen, aber mit einem leichten Lachen. „Damit er sich gleich herzlich totlacht! Spätestens dann brauchen wir ein neues Telefon, weil er vor Lachen vom Schreibtisch springt!“
      Jake machte eine lapidare Geste. „Und wenn schon! Wichtig ist nur, daß du Ansabone keine Angriffsfläche bietest, indem du dich von den blöden Sprüchen beeindrucken läßt! Was meinst du, wie langweilig es für ihn wird, wenn seine Angriffe keine Wirkung mehr zeigen?“
      Eddy konnte sich ein grimmiges Lächeln nicht ganz verkneifen. „Irgendwie erinnert Ansabone mich an Draco.“
      „An wen?“ fragte Jake nach.
      „An Draco Mal… Ach, vergiß es!“
      Jake schmunzelte leicht, als er für sich registrierte, daß es einer der Charaktere aus dem Buch sein mußte. Er schloß die Tür und ging zum Sofa, setzte sich und nahm die Wolldecke gemütlich auf den Schoß. „Was ist das eigentlich für ein Zauberspruch, den du da geübt hast?“ fragte er neugierig.
      Eddy hielt einen Moment verblüfft inne; dann konnte man richtig sehen, wie eine warme Welle ob des ehrlichen Interesses seines besten Freundes durch seinen Körper ging. „Das war ein Entwaffnungszauber.“
      Jake sah ihn entgeistert an und brachte dann heraus: „Und damit wolltest du mich treffen?“
      „Nein!“ lenkte Eddy sofort ein. „Ich habe ja nicht damit gerechnet, daß du ausgerechnet da zur Tür reinkommen würdest!“
      Jake grinste amüsiert. Sein Freund tat es ihm gleich.
      Eine wohlige Stille hing einen Augenblick in Eddys Zimmer.
      „Sag‘ mal… Glaubst du, das funktioniert wirklich?“ fragte Jake nach einem Moment.
      Ein unwillkürlicher Schauer erfaßte seinen Partner. Es war nicht der schon regelrecht spöttische Tonfall Ansabones. Es war nicht einmal ein amüsierter Tonfall, der implizierte, daß sein Partner vor Phantasie übersprudelte; es war ein ernsthafter Unterton, so als würde es den schlanken jungen Mann selber interessieren, und den Korpulenteren ehrlich um seine Einschätzung fragen. Eddy versank einen Augenblick in Gedanken. „Man würde sich wünschen, daß es funktioniert, nicht wahr?“
      Jake schmunzelte, bei dieser ausweichenden Antwort. „Ja, aber glaubst du, daß es auch wirklich funktionieren könnte?“
      Eddy merkte etwas verlegen, daß Jake ihn nicht aus dieser Frage entlassen würde. „Naja, sagen wir es mal so: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir Menschen uns vorstellen können, und ich würde nichts für ausgeschlossen halten. Das erleben wir ja auch immer wieder in vielen Bereichen. Warum sollte dann nicht auch so etwas wie Zauberei tatsächlich existieren können? Von daher: Ja, ich glaube schon, daß es möglich wäre.“ Er haderte kurz mit sich, dann fragte er: „Kannst du es dir vorstellen?“
      Jake wandte den Blick gedankenvoll in den Raum. Fast wirkte es, als habe er auf die Gegenfrage gehofft. „Ich glaube schon ganz fest daran, daß es möglich sein könnte. Nur, um das herauszufinden, braucht man Leute, die auch daran glauben und bereit sind, die Möglichkeiten zu erforschen. Sonst bleibt es immer nur eine Theorie. – Ich selbst wäre allerdings wahrscheinlich zu langweilig, um je damit in Berührung zu kommen.“
      „Du bist doch nicht langweilig!“ widersprach Eddy überrascht.
      „Na, in der Hinsicht doch. Ich bin abenteuerlustig, aber immer nur, wenn es um reale, greifbare Sachen geht. Wenn ein Auftrag oder eine Mission ansteht, und wir in alten Burgen oder im tiefsten Dschungel auf Geisterjagd gehen. – Wenn es aber darum geht, ein Buch zu lesen und so in der Welt zu versinken, daß sie für mich in dem Moment real wird, dann bin ich ziemlich langweilig. Ich will nicht sagen, daß ich keine Phantasie habe, aber wenn ich ein Buch lese, dann lese ich eine Geschichte. Du aber liest die Geschichte nicht, du lebst sie! Das war schon immer so. Und dadurch hast du viel mehr davon. Und wenn ich ehrlich bin… dann beneide ich dich ein wenig darum.“
      Eddy stand sprachlos der Mund offen. Er schluckte unwillkürlich und wußte gar nicht, was er dazu sagen sollte.
      Jake biß sich verlegen auf die Unterlippe. „Irgendwie sind wir vom Thema abgekommen. Also, wie gesagt, ich denke schon, daß es funktionieren kann. Es muß nur Leute geben, die daran glauben! Leute wie dich! Erst, wenn Leute an etwas glauben, kann es auch real werden. Wenn es also wirklich so etwas wie Zauberei auf unserer Welt gibt, dann muß es auch Leute geben, die bereit sind, nicht nur darüber zu lesen, sondern es auszuprobieren. Und dafür bist du genau der richtige.“
      Jake konnte förmlich beobachten, wie Eddy immer verlegener wurde.
      Der Teamführer stand auf, faßte seinen Partner bei den Armen und sah ihm ernst in die Augen. „Du verkriechst dich jetzt aber nicht zum lesen in dein Zimmer!“
      Eddy konnte gegen ein kurzes Grinsen nicht gegenan. „Zum lesen nicht!“
      „Zu allem anderen auch nicht!“ Jakes Stimme war nachdrücklich. Jetzt rutschte sie zusätzlich in eine sanfte Tonlage ab, als er ergänzte: „Bring ein bißchen Zauber in mein Leben.“
      Ein erneuter unvermittelter Schauer erfaßte den Brünetten, auf eine eigentümliche Art, die er kaum kompensieren konnte.
      Jake lächelte nur und ließ ihn wieder allein.

Das nächste Mal fand man Eddy beim lesen im Büro bereits mit Umhang und Zauberstab bewaffnet vor. Mittlerweile machte es ihm schon allein deswegen Spaß, um Ansabone auf die Palme zu bringen. Er konnte nicht leugnen, Jakes Worte hatten sehr gut getan. Und überraschend war das Gespräch für ihn auch gewesen, hätte er doch nie damit gerechnet, daß sein bester Freund ihm nicht nur mit dem ihm innewohnenden Respekt und Toleranz gegenübertreten würde, sondern daß es ihm sogar selbst etwas geben, und er von Eddys Phantastereien profitieren würde. Und so las er nicht still für sich in seinem Zimmer, wo er ungestört war und nicht Gefahr lief, jemandem zu begegnen, sondern dort, wo er im Mittelpunkt stand und jedem zeigen konnte, was es bedeutete, die Welt durch die Augen der Phantasie zu sehen.
      Heute war ein besonders geeigneter Tag zum lesen. Es regnete! Das rhythmische Trommeln der Regentropfen auf der Fensterscheibe schaffte eine harmonische Hintergrundakustik, während das Wasser an den Scheiben herunterlief.
      Tracy schlief gerade auf der Werkbank und bekam von dem Geschehen im Büro nichts mit. Davon abgesehen spürte der Mollige nur die faszinierten Blicke der Büroeinrichtung auf sich ruhen. Davon ließ er sich aber schon seit einiger Zeit nicht mehr stören; weder von dem liebevollen Blick des Skelevisions, noch von dem erwartungsvollen Grinsen der ShockClock; und am allerwenigsten von dem belustigten Blick Ansabones.
      Nach einiger Zeit stand er nachdenklich auf, studierte den Absatz des Buches noch einmal, den er gerade gelesen hatte, richtete den Zauberstab auf das Fenster und rief: „Impervius!“
      Als er sich umwandte, zuckte er leicht zusammen. In der Tür lehnte Jake und schmunzelte. Eddy spürte, wie ihm trotz allem die Röte in die Wangen stieg, doch er lächelte zurück.
      „Was war das für ein Zauberspruch?“ erkundigte sich Jake.
      „Der läßt einen Gegenstand wasserabweisend werden.“ erklärte Eddy verlegen.
      „Wie praktisch!“ Jake sah versonnen auf die Fensterscheibe, von der nach wie vor der Regen herunter lief.
      „Zu schade, daß es nicht funktioniert!“ Ganz gelang es Ansabone nicht, den Satz ohne einen spöttischen Unterton zu sagen.
      Eddy biß die Zähne zusammen, richtete mit unterdrücktem Ärger im Blick den Zauberstab auf das vorlaute Skelefon und stieß hervor: „Eat Slugs *!“
      Jake grinste.
      Ansabone verzog keine Miene und spottete nur: „Huh, jetzt hab‘ ich Angst!“
      „Ich wäre vorsichtig!“ kommentierte Jake. „Eddy übt ja noch!“
      Ansabone schüttete sich fast aus vor Lachen. Und dann begann er, unter den ungläubigen Blicken von Jake und Eddy, Schnecken zu spucken…

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* Eddy weiß, daß der Zauberspruch nur im Film tatsächlich genannt wurde!
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