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Die dunkle Ritterin

von Dolette
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / FemSlash
15.10.2015
17.11.2016
66
215.595
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11.01.2016 3.901
 
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Zweifel zulassen

Reglos saß die Hohepriesterin auf einem der beiden Stühle, an dem robusten Holztisch, der deutliche Spuren an ihrem Becken hinterlassen hatte und starrte ausdruckslos aus dem kleinen Fenster, ihrer Behausung. Die letzte Nacht hatte viele Zeichen zurückgelassen, sowohl auf ihrem Körper als auch auf der Seele, der gefallenen Heiligen, wie sie sich fühlte. Ihr Kopf dröhnte, ausgehend von der kleinen Platzwunde an ihrer Schläfe und obwohl ihr die Liebesnacht mit der Todesritterin ganz natürlich erschien, brachte sie das dumpfe Pochen immer wieder ins Schwanken.
Dolette mochte sich bei ihren Spielen austoben wie sie wollte, die Priesterin würde sich darauf einlassen, es genießen oder ertragen. Es war ihr gleich, aber dieser Faustschlag mutete nicht ansatzweise verspielt an. Er war aus purem Zorn entstanden, so kurz er auch aufgeflammt war und wenn auch aus vermeintlicher Sorge entstanden. Jetzt wo Marialle allein war und Zeit hatte darüber nachzudenken, war sie erschrocken, wie leicht es der dunklen Elfe gefallen war, sie wieder in ihren Bann zu ziehen.
Die warnenden Worte Sylvanas hallten zusätzlich unerbittlich in ihr wider.
'Todesritter vermögen den Geist zu verwirren und den Willen zu verdrehen.' Hatte Dolette dieselbe Wirkung auf sie wie Koltira Todesweber, als es ihm mit Leichtigkeit gelang der Priesterin so nahezukommen, wie es nur ihre Geliebte bis dato vermochte?
Ihre Gedanken drehten sich.
Marialle war an diesem angebrochenen Tag alleine aufgewacht und das verwunderte sie zusätzlich. Die Untote befahl ihr einerseits nicht von ihrer Seite zu weichen und andererseits war sie es, die die Hütte still und heimlich verlassen hatte. Sie hatte überlegt sie zu suchen, oder die Bansheekönigin nach ihren Zweifeln zu befragen, doch sie hatte sich nur einen Tee gekocht, den sie nun fest umklammerte. Sicherlich würde es eine Form von Bestrafung geben, wenn sie sich dem Willen der Elfe widersetzte.
Ein Lächeln glitt der Menschenfrau bei diesem Gedanken über die rosigen Lippen und kurz flammte die nächtliche Erregung, gepaart mit freudiger Erwartung in ihr auf. Sie rief sich zur Ordnung. Marialle hatte sich auf diesen Pakt eingelassen, so verwundert sie von sich selbst auch war. Sie hatte die wenigen gemeinsamen Nächte schon mit der Paladin genossen und ausgekostet und auch jetzt hatte sie nichts an Verlangen eingebüßt. Doch hatte sie bisher immer eine gewisse Gleichberechtigung genossen, wie an den beiden Tagen, bevor der Lichkönig zu Fall gebracht worden war. Davon war nichts mehr geblieben. Sie hatte sich völlig untergeordnet und es fühlte sich im Grunde gut und richtig an. Aber dieser Hieb auf ihre Schläfe...
Sie konnte den Gedanken nicht weiterführen, da ein Klopfen sie heraus riss. Marialle überlegte nicht und verfluchte sich sofort wieder.
"Herein", bat sie ruhig. Das war ganz sicher nicht im Sinn der Todesritterin.
"Sylvanas?", kam es daher gedankenverloren aus dem Munde der Priesterin. Die Angesprochene nickte knapp und verschloss die Türe hinter sich.
"Guten Morgen, Marialle. Ich hoffe eure Nacht war besser, als der Abend es vermuten ließ", ließ sich die Dunkelläuferin vernehmen und durchquerte langsam den Raum. Sie wartete auf keine Aufforderung und setzte sich zu der Hohepriesterin an den hölzernen Tisch.
Marialle beobachtete die grazile Bewegung, während Sylvanas sich setzte und ein leises Lächeln huschte über ihre Züge, als die Erinnerung an die vergangene Nacht sie überkam. Der forschende Blick der Bansheekönigin brannte sich förmlich in die vielen Kratzer und Blessuren, die unter Marialles Mantel hervorlugten und so verschwand das Lächeln wieder. Sie zog den Mantel weiter zu, als sie beobachtete wie sich der Ausdruck im Gesicht von Sylvanas ein wenig veränderte. Es war Marialle nicht möglich diesen Ausdruck zu deuten, aber Unbehagen breitete sich in ihr aus.
"Tee?", fragte sie daher, ohne die Frage der Elfe zu beantworten und erhob sich. Sylvanas nickte erneut und die Menschenfrau spürte die alles durchdringenden, roten Augen heiß auf ihrem Rücken ruhen, als sie einen weiteren Krug aus der kleinen Kochzeile zog und ihn mit dem dampfenden Gebräu füllte.
Dankend nahm die Bansheekönigin den Krug entgegen und stellte ihn vor sich auf dem Tisch ab.
Eine Weile verstrich, ohne jegliches Wort und Marialle begann sich zu fragen, was Sylvanas überhaupt hier wollte. Als hätte die dunkle Elfe diese Frage gehört erhob sie das Wort an die Menschenfrau.
"Ich hatte gehofft, ihr hättet meine Worte gestern verstanden, aber wie ich sehe, seid ihr vollends zum Spielzeug eurer Gefährtin geworden." Marialle schluckte hart. Die Worte saßen, doch sie versuchte ihre Reaktion mit einem Lächeln zu überspielen. Sie wollte sich auf gar keinen Fall eingestehen, dass auch nur die Möglichkeit bestand, dass das was zwischen Dolette und ihr vorging in irgendeiner Weise etwas Falsches war.
"Wäre das so verwerflich?", antwortete sie daher mit der Gegenfrage, die sie tatsächlich beschäftigte.
"Marialle, ihr seid eine kluge Frau, hoch im Rang und weise in jungen Jahren. Der Zweifel steht euch ins Gesicht geschrieben. Ihr werdet an den Punkt kommen, an dem ihr merkt, dass ihr nicht eurem eigenen Willen folgt. Und jeder bis dahin verstrichene Moment wird sich bleiern auf eure heilige Seele legen." Die Kälte mit der Sylvanas spracht täuschte nicht über die sorgenvollen Worte hinweg und der glühende Blick heftete sich auf die Platzwunde, wieder dachte die Priesterin er würde sich einbrennen.
"Noch könnt ihr die Narben verhindern, die ihr unweigerlich davontragen werdet." Sylvanas schaute nun eindringlich in die bernsteinfarbenen Augen der Menschenfrau und Marialle spürte die ehrliche Sorge ihrer neuen Freundin. Sie stieß die Luft geräuschvoll und seufzend aus.
"Schön, ich habe Zweifel. Nicht erst seit der Begegnung mit Koltira am gestrigen Abend. Aber Ich werde nicht von ihrer Seite weichen und so falsch wie ihr es darstellt, fühlt es sich gar nicht an!" Marialles Stimme war leicht angestiegen, doch Sylvanas schien zu erkennen, dass es nicht Wut war die daraus sprach und auch der Priesterin selbst wurde in diesem Moment schmerzlich bewusst, wie tief die Zweifel schon in ihr brodelten. Die Dunkelläuferin ergriff die, zur Faust verkrampfte Hand der Menschenfrau und einmal mehr war diese überrascht wie viel Wärme von der Bansheekönigin ausging. Schwach schaute sie von den verschlungenen Händen in die glühenden, roten Augen.
"Ihr missversteht mich, Marialle. Natürlich ist das Wesen eines Todesritters unnatürlich anziehend und sicherlich wäre es auf Dauer schwer zu ertragen, sich diesem zu unterwerfen. Aber ich bin sicher, dass eure Liebe euch dies ermöglichen könnte. Es scheint mir aber um mehr zu gehen, als die bloße Anziehungskraft, die die Todesritter an sich haben. Lady Glutklinge wirkt auf mich ebenso gebrochen und gefangen wie ihr es seid. Und wenn ihr ehrlich seid..." Sylvanas entließ die Hand wieder aus ihrem Griff und ließ ihre eigene hoch in das Gesicht der Priesterin wandern. Sie strich bedächtig über den feinen, geschlossenen riss der die Schläfe der Menschenfrau zierte. Das Dröhnen in Marialles Kopf nahm unter der Berührung zu.
"...zeugen eure Zweifel mehr als deutlich davon, dass eure Gefährtin nicht sie selbst ist." Marialle überdachte die eindringlichen Worte und das Unbehagen breitete sich plötzlich in ihrem ganzen Körper aus. Sie fröstelte und zog den Mantel noch enger um ihren nackten Körper. Die warme Hand der Dunkelläuferin streichelte sanft hinab zur Wange der Hohepriesterin, bevor sie zurückgezogen wurde. Sie hinterließ einen Schauer.
"Diese Frau hat nichts mit dem zu tun, was ihr mir in unserem Lager in Lordaeron über sie erzählt habt. Sie ist klar und von ihrem Wunsch gesteuert euch beherrschen zu wollen. Wenn ich nicht eure Geschichte kennen würde, könnte ich keinen nennenswerten Unterschied, zu einem Koltira Todesweber, oder jedem anderen beliebigen Todesritter feststellen." Sylvanas hatte sich wieder auf ihrem Stuhl zurück gelehnt und betrachtete die Priesterin nachdenklich.
Marialle vermochte nichts zu entgegnen. Ihre Gedanken überschlugen sich. War das, was zwischen ihnen war, womöglich die ganze Zeit schon, nur der einmaligen Anziehung zu verdanken, die die Todesritter an sich hatte? Hatte Dolette ihr die ganze Zeit etwas vorgemacht? Eine Spur Zorn sickerte in ihr Bewusstsein und unachtsam erhob sie sich von ihrem Stuhl. Sie taumelte leicht und hielt sich den Kopf. Die Bansheekönigin war aufgesprungen, doch Marialle wehrte die helfende Hand unwirsch ab.
"Hat sie mich etwa die ganze Zeit über nur benutzt?", kam es schwach aus ihrem Munde und noch immer musste sie sich die pochenden Schläfe halten.
"So setzt euch wieder, Marialle. Ich denke nicht, dass es ihr möglich gewesen wäre euch derlei Gefühle vorzugaukeln. Und so wie ich das sehe hätte sie das auch gar nicht nötig gehabt", sagte die Dunkelläuferin ruhig und die Worte erreichten die Priesterin. Sie ließ sich zurück auf den Stuhl gleiten und befand die Vermutung für richtig. Marialles Sehnsucht war von dem Tag ihrer Entführung so groß gewesen, sie hätte sich mit Freuden in die Arme der Todesritterin geworfen, ganz gleich welcher Art die Umarmung gewesen wäre.
"Habt ihr denn eine Ahnung was vor sich gehen mag?", fragte die Priesterin nun wieder ruhiger. Aus den untoten Zügen wich jegliches Mitgefühl, das noch bis eben für die Hohepriesterin darin gelegen war und sie wurden ernst und analytisch.
"Tatsächlich hat mich diese Frage die ganze Nacht beschäftigt, Marialle. Als ich alle Informationen im Geiste zusammengetragen habe, die ihr mir vor allem am gestrigen Abend gegeben habt, kam mir eine Ahnung. Das Wesen eines Todesritters wird von seiner Runenklinge bestimmt. So wie ich es mir vorstelle, ist es eine zweite Wesensform die im Bewusstsein lauert und sich einmischt je nachdem wie gut der Todesritter diese Stimme unterdrücken kann, oder eben nicht. Das war auch bei Dolette so, richtig?" Marialle nickte nachdem sie sich die Traumgespräche mit der dunklen Elfe ins Gedächtnis gerufen hatte.
"Ihre Runen wurden umgeschmiedet und das Wesen der Runenklinge und Lady Glutklinges Seele, sag ich mal, wurden einvernehmlicher. Nun ist uns ja klar, dass die Seele eurer Gefährtin schon von je her nicht mit dem Wesen eines anderen Todesritters zu vergleichen war und sie wurde zu dem von dem Licht, dass ihr in ihr zurückgelassen habt, umgeben. Dieser Schutz wurde also in der Eiskronenzitadelle von ihr genommen, als ihr euer silbernes Licht zurückerhalten habt, richtig soweit?" Die Hohepriesterin nickte wieder.
"Hier beginnen wir also zu spekulieren, Marialle. Ausgehend davon, dass der einzigartige Teil von Lady Glutklinge, der in der Lage ist zu fühlen, noch da ist. Und davon gehe ich aus. Kommt es mir so vor als wäre dieser Teil unterdrückt, ganz so wie Todesritter das flüsternde Wesen ihrer Runenklinge versuchen zu bändigen. Versteht ihr? Ich glaube die beiden Wesenszüge die sich in eurer Gefährtin befinden, haben ihre Plätze getauscht. Ich glaube Lady Glutklinge ist ohne euren Schutz in ihrer Runenklinge gefangen. Und das was nun zurückgeblieben ist, ist das reine, gierige Wesen der Klinge, das ihr Handeln kontrolliert und steuert." Sylvanas hatte sich beinahe in erregte Begeisterung geredet. Offenbar war sie ehrlich von dem Zusammenspiel der Wesenszüge, die in Dolette tobten, fasziniert. Marialle allerdings wurde nur schwer begreiflich, was sie soeben vernommen hatte.
"Habt ihr auch eine Idee wie wir diesen Zustand wieder ändern können?", fragte Marialle also die einzige Frage, die sie wirklich beschäftigte. Die dunkle Elfe musste bitter schmunzeln.
"Eine Berührung bringt es offenbar nicht, mh?" Sie hatte eine Augenbraue hochgezogen und Marialle errötete augenblicklich. Zum ersten Mal wurde der Priesterin deutlich bewusst, wie leicht sie zu manipulieren war. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass die ehemalige Waldläufergeneralin sich einen Scherz daraus machte, der Menschenfrau die Röte ins Gesicht zu jagen. Trotzig rief sie sich zur Ordnung.
"Offensichtlich, Sylvanas", antwortete sie knapp. Die Bansheekönigin wurde wieder ernst.
"Die Geheimnisse eurer Verbindung sind noch immer unergründlich, Marialle. Ein sprunghaftes Ding, das zu tun scheint wonach es ihm beliebt", erklangen die ehrlichen, aber vor allem enttäuschenden Worte, die Marialle zur Antwort bekam.
"Was soll ich denn nur machen? Ihr habt Recht, die Zweifel wurden größer und irgendwann wären sie unüberwindlich geworden. Mit eurer Eröffnung habt ihr dem nur vorgegriffen. Dafür ist mein Dank übrigens euer." Die Priesterin fühlte wie ihr Verstand sich endlich klärte und so waren ihre zuletzt gesprochenen Worte auch endlich gefestigt und erhaben.
"Ich nehme an, sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wäre zu viel verlangt?", fragte Sylvanas nun wieder schmunzelnd, wobei Marialle glaubte für den Bruchteil eines Herzschlags einen Schatten über ihre dunklen Züge huschen zu sehen. Die Priesterin nickte nur, wollte sich nicht weiter mit Nichtigkeiten aufhalten.
"Ich denke sie wäre auch nicht in der Lage euch ziehen zu lassen. Ich kann euch wirklich nicht sagen, wie und ob man diesen Zustand ändern oder wieder rückgängig machen kann, aber ich würde euch zumindest dazu raten, zu verbergen, dass ihr sie durchschaut habt. Die Wunde an eurer Schläfe zeugt von der Gefühlslosigkeit, die sie euch in Wirklichkeit entgegenbringt und ich befürchte, das könnte noch ganz andere Ausmaße annehmen, wenn ihr euch nun weigert euch unterzuordnen. Auch bezweifle ich, dass sie aktiv einer Änderung überhaupt zustimmen würde. Vielleicht bedarf es auch nur einer großen Portion Vertrauen in eure einzigartige Verbindung und ein Weg tut sich schneller auf, als ihr es euch vorstellen könnt", schloss die Dunkelläuferin aufmunternd ihre Gedankengänge. Ja, das Band zwischen Dolette und ihr hatte bisher immer auf die eine oder andere Weise einen Weg gefunden. Immer bis auf einmal und da hatte Dolette ihr Leben gelassen. Marialle wurde nachdenklich, aber erleichtert stellte sie fest, dass der schmerzliche Gedanke sie nicht lähmte, wie er es so oft getan hatte. Ruhig erhob sie sich von ihrem Stuhl und trat direkt vor die untote Elfe. Sie ergriff die warmen Hände und hielt sie vor ihre Brust.
"Ich weiß gar nicht wie ich euch danken soll, Sylvanas. Ich..." Das Aufspringen der Türe unterbrach sie.

Im Inneren der Todesritterin war es bedrückend still geworden. Die Gedanken an ihre ergebene Geliebte lähmten Dolette und die Ekstase die die heilige Priesterin offenbar beim Liebesspiel der beiden empfunden hatte, ließen ihre Gegenwehr komplett verstummen. Schweigend hatte sie sich selbst dabei zugesehen, wie sie das Bett und die kleine Holzhütte verlassen hatte, um in aller Frühe über den Innenhof zu wandern. Die Todesritterin war an einem geräumigen Haus angekommen, in dem einige Verlassene schon emsig am Arbeiten waren. Überall lagen die unterschiedlichsten Stoffballen herum und einige Kleidungsstücke waren auf Holzpuppen ausgestellt. Die vorherrschenden Farben waren dunkel und so rief sie sich einen der Schneider heran, um ihm einen Auftrag zu geben.
Den ganzen Fertigungsprozess hatte sie vor der Türe der Schneiderei gewartet und als sie hereingebeten wurde, übergab ihr der Untote eine prachtvolle dunkelblaue Robe, mit zahlreichen goldenen und silbernen aufgestickten Applikationen. Sie entlohnte den Schneider großzügig und verabschiedete sich knapp, um unverzüglich zurück in ihre Behausung zu kehren. Offenbar wollte sie die Hohepriesterin nicht länger als nötig alleine lassen. In der ganzen Zwischenzeit und auch jetzt sickerte immer wieder der tiefe Hass für Koltira in ihr unterdrücktes Bewusstsein und bald kam es ihr vor als wäre es ihr eigener.
An ihrer Hütte angekommen, stieß sie gelassen die Haustüre auf und der Hass, der noch die ganze Zeit dem Todesritter gegolten hatte, drang nun hart und unnachgiebig in ihren Geist. Ihre leuchtenden blauen Augen sahen ihre Gefährtin ein weiteres Mal so vertraut und vor allem spärlich bekleidet in der Nähe der Bansheekönigin. Sie hielten sich an den Händen und der Blick zwischen den beiden Frauen schien vor allem eins. Einvernehmlich.
Dolette horchte auf, als ihre unterkühlte Stimme die Anspannung, die augenblicklich im Raum herrschte, mit Leichtigkeit durchtrennte.
"Mein Gefühl von gestern Abend hat mich offenbar doch nicht getrübt, Mylady Windläufer. Vielleicht fragt ihr mich einfach das nächste Mal, ob ich euch meine Gefährtin zur Verfügung stelle, wenn es euch so sehr danach verlangt. Ich würde meiner Königin keine Bitte abschlagen." In den Worten der Todesritterin lag Verachtung und abwechselnd betrachtete sie die beiden gegensätzlichen Frauen. Zornig registrierte sie die Röte, die der Priesterin ins Gesicht geschossen war und sie ballte die Fäuste, nachdem sie die Robe achtlos aufs Bett geworfen hatte. Marialle betrachtete den kostbaren Stoff, der nun belanglos auf dem Bett ruhte. Die schwere Stimme der Dunkelläuferin ließ ihren Blick zu den glühenden roten Augen wandern, die sie ruhig taxierten.
"Zügelt eure Gedanken, Lady Glutklinge. Ich war nur hier um euch beiden zu berichten, dass wir bereit für den Aufbruch sind. Lady Lichtsprung hat sich für meine Hilfe bedankt. Geht nicht leichtfertig mit derlei Angeboten um, sonst werden sie noch angenommen." Das Gesicht der Todesritterin verzog sich zu einer gehässigen Fratze.
"Dann nehmt sie euch, ich will so ein ungehorsames Ding sowieso nicht an meiner Seite." Die beiden Frauen wechselten einen kurzen Blick, was die Wut auf den aschfahlen Zügen Dolettes noch deutlicher werden ließ.
"Vielleicht komme ich darauf zurück, bis dahin ist wohl eine Lehrstunde eurerseits angebracht. SO wird sie euch, fürchte ich, nicht zur Ehre gereichen", erklärte Sylvanas gelassen und bedachte Marialle eines abwertenden Blickes. Die Priesterin war erstarrt und in ihrem Antlitz spiegelte sich Entsetzen wieder. Dolette hingegen beruhigte sich ad hoc und ihr Gesichtsausdruck entspannte sich, zeugte sogar von freudiger Erwartung.
"Eine Lehrstunde? Ja die ist wohl angebracht. Ich danke euch, Mylady Windläufer." Die Todesritterin deutete eine kleine Verbeugung an und Sylvanas nickte den beiden Frauen kurz zu, bevor sie auf die Türe zu trat.
"Packt zusammen, wir warten auf euch", ließ sie verlauten während sie die Türe öffnete und sich hindurchschob. Geräuschvoll fiel die Tür zurück ins Schloss und war wie ein Startschuss für Dolette. Mit einer übermenschlichen Geschwindigkeit war sie um den Tisch herumgeschritten und baute sich vor Marialle auf. Ihre Miene war ausdruckslos, doch in den leuchtenden Augen lag noch immer tiefe Verachtung. Der Moment verstrich zäh und überrascht registrierte Dolette, dass Marialle dem abschätzigen Blick tapfer Stand hielt. Etwas hatte sich verändert, das konnte sie sehen und anscheinend entging dies ihrem anderen Ich auch nicht. Die Todesritterin holte aus und traf zielsicher exakt dieselbe Stelle wie am Abend zuvor. Augenblicklich sickerte das rote Blut aus der alten Wunde an der Schläfe der Priesterin. Sie ging noch weiter und trieb der Menschenfrau ihr Knie hart in den Bauch. Marialle keuchte und krümmte sich und Genuss breitete sich auf dem Antlitz der dunklen Elfe aus.
"Verzeih mir", kam es schwach aus dem Munde der Hohepriesterin.
'Was?' Dolette war hellhörig geworden. Wie konnte sie sich dem jetzt wieder ergeben? Noch eben hatte Widerstand die Miene ihrer Liebsten beherrscht und jetzt entschuldigte sie sich?
"Ich hätte Sylvanas, in deiner Abwesenheit, nicht herein bitten dürfen. Es tut mir leid."
'Nein!' Drang es aus den Tiefen von Dolettes Innerem. Resignierend sackte sie wieder in sich zusammen und ergab sich ihrem Schicksal, ganz genau so wie es die Priesterin zu tun schien. Sie verschloss nicht einmal die erneut aufgeplatzte Wunde. Marialle hatte sich offenbar gänzlich ihrem unterdrückten Dasein hingegeben.
"Du hast mich wahrlich enttäuscht, Marialle. Hat Sylvanas die Wahrheit gesagt?" Marialle schluckte kaum merklich. Ein lautes, wütendes Knurren erklang und ein weiterer Schlag auf das Jochbein der Priesterin fand sein Ziel. Die Wucht des Schlages riss Marialle zu Boden und einige Spritzer Blut waren ihr voran gegangen.
"Was geht da vor sich? Du gehörst mir! Niemand anderes darf dich haben, es sei denn ich erlaube es", presste Dolette zwischen zusammengebissenen Zähnen, knurrend hervor. Eiskalte Wut durchdrang sie, bis in die Innersten Winkel Ihres Seins und umschloss die kleine eingesperrte Seele.
"Ich hatte sie gestern noch um ein Gespräch gebeten. Ich wollte herausfinden wie ich mich der Anziehungskraft von Koltira erwehren kann", keuchte Marialle vom Boden hinauf zu der Todesritterin.
Dolette kniete sich zu ihrer Gefährtin hinunter und legte ihre Hände auf die Schultern der Priesterin. Diese schaute auf. Aus der Platzwunde an der Schläfe und dem Riss unterhalb des rechten Auges quollen noch immer unzählige Tropfen roten Blutes. So schnell wie er gekommen war, wurde der eisige Zorn wieder weggespült.
"Hättest du gleich sagen sollen.", sprach sie nur knapp und zog die Menschenfrau zurück in den Stand.
"Versorge und wasche dich. Danach würde ich gern sehen, ob die Robe die ich für dich habe anfertigen lassen passt und danach können wir darüber reden, wie du dich Koltiras Tricks im Notfall erwehren kannst." Marialle nickte nur und führte ihre silbern leuchtende Hand an ihren Kopf, woraufhin sich erst die Platzwunde über der Augenbraue schloss und dann die an der Wange. Sie trat langsam an die kleine Kochzeile und wankte dabei bedenklich. Dolette betrachtete ihre Gefährtin ausdruckslos und ließ sich auf einem der Stühle nieder. Die Priesterin nahm das Wasser von der verglühten Kochstelle und tunkte ein Stück ihrer zerrissenen Robe hinein, um sich damit das Gesicht zu waschen. Danach wandte sie sich dem Bett zu, nahm die Robe in ihre Hände und ließ den seidigen Stoff einige Augenblicke lang durch ihre zarten Finger gleiten.
"Du sollst sie nicht nur begaffen. Ich will sehen ob sie sitzt, also zieh sie schon an.", befahl Dolette beiläufig, als wäre nichts gewesen. Marialle gehorchte. Ihre schmerzenden Glieder und die vielen Blessuren erschwerten es ihr anscheinend sich anzukleiden und Dolette registrierte das mit Genugtuung. Innerlich spürte sie allerdings bei jedem Zucken des Körpers der Priesterin einen Stich. Die Todesritterin kam nicht umhin die Menschenfrau ausgiebig zu betrachten. Die Robe saß ausgezeichnet und der tiefe Ausschnitt und die vielen feinen Stickereien betonten jeden Aspekt der schönen, menschlichen Gestalt. Die Miene der Todesritterin war aber noch immer eisig und anteilnahmslos.
"Sie sitzt. Gefällt sie dir?", fragte sie kühl und wandte ihren Blick wieder ab.
"Ja, sie ist wunderschön.", gab Marialle gehorsam Antwort.
"Dann pack jetzt zusammen, damit wir endlich aufbrechen können." Die Priesterin tat wie ihr geheißen und kurze Zeit später traten sie gemeinsam auf den Innenhof der Festung, wo sie schon von Plagg und den drei Anführern der Horde erwartet wurden.
Zu ihrer Genugtuung wurde Marialle lange von allen betrachtet, doch die Blicke von Thrall und Vol'jin waren sorgenvoll, weshalb sich die dunkle Ritterin dazwischen schob, als das Gefühl Unbehagen wich.
"Begleitet ihr uns ebenfalls, meine Herren?", fragte sie die beiden Häuptlinge.
"Nein, Lady Glutklinge. Wir werden mit der Ogrims Hammer zurückkehren, sobald sie wieder flugtauglich ist." Dolette nickte nur desinteressiert und reichte dem Schamanen die Hand.
"Ich hoffe, dass es schnell geht", sagte sie und zwang sich ein Lächeln ab. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Priesterin von dem Troll in eine Umarmung gezogen wurde, was sie leise knurrend hinnahm. Er flüsterte ihr sanft Worte zu und Dolette spürte erneute eiskalte Wut in sich aufsteigen. Als er die Menschenfrau aus seiner Umarmung entlassen hatte, reichte auch er der dunklen Elfe kameradschaftlich die Hand und widerwillig griff sie zu.
"Pass gut auf das kleine Weibchen auf, Elflein. Sie sieht mitgenommen aus", sagte er zwinkernd, doch die Züge der Todesritterin verhärteten sich noch mehr.
"Lass das meine Sorge sein, Troll." Sein Ausdruck wurde ernst, bei den kühlen Worten und erneut trat Sorge in seine Züge, doch er wandte sich Sylvanas zu. Thrall hatte Marialle ebenfalls in eine Umarmung gezogen, doch wirkte sie sich nicht annähernd so negativ auf die dunkle Ritterin aus.
Nachdem auch Plagg sich überschwänglich von den beiden Anführern verabschiedet hatte, saßen die drei Frauen und der Verlassene auf bereitgestellten Wölfe auf und setzten sich gefolgt von vielen Untoten in Bewegung. Dolette spürte noch lange die stechenden gelben und die klaren blauen Augen der beiden Häuptlinge auf sich ruhen.
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