Keine Leiche zum Dessert

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
13.10.2015
25.11.2015
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„Wir haben keine Milch mehr“, informierte Sherlock seinen Mitbewohner, ohne den Blick aus dem Inneren des Kühlschranks zu nehmen.

„Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir jemals welche hatten“, gab dieser trocken zur Antwort und öffnete die Tageszeitung.

Die Nachrichten darin waren genauso trostlos wie der wolkenverhangene Himmel über London. Ein stark alkoholisierter Mann ertrank in der Themse, ein junges Mädchen wurde für ihren herausragenden Schulabschluss geehrt und ein Mortimer Chester hatte sich dazu entschlossen, seine langjährige Lebensgefährtin Jennifer Haldon zu ehelichen. Bis auf ersteres waren es zwar keine trostlosen Nachrichten im herkömmlichen Sinne, da sie zumindest für die Betroffenen etwas Positives beinhalteten, doch für Sherlock Holmes kamen diese Nachrichten einer mittelschweren Katastrophe gleich. Die Information, die er aus diesen Artikeln herauslas war, dass kein Serienmörder frei herumlief und kein Größenwahnsinniger versuchte, Westminster Abbey oder ähnliches in die Luft zu jagen.

Mit einem übertrieben lauten Schnaufen schloss Sherlock die Kühlschranktür, vergrub die Hände in den Taschen seines Morgenmantels und ließ sich John gegenüber auf seinen Sessel fallen.

„Ich bin es nicht gewohnt, dass du um diese Uhrzeit schon wach bist“, gestand Watson und blätterte eine Seite der Zeitung um.

Um Sherlocks Mundwinkel zuckte es. „Da draußen tobt das Verbrechen, John“, erklärte er und deutete mit dem Finger auf das Fenster, als würde er es direkt sehen können. „Was will ich im Bett, wenn London meine Hilfe braucht?“

John grinste. „Also laut der Zeitung kannst du wieder ins Bett, denn London kommt ohne dich auch ganz gut aus.“

Ein mürrisches Brummen verriet, wie unzufrieden Sherlock mit dieser Antwort war.

Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür zur Wohnung und Mrs. Hudson erschien im Türrahmen, ein Tablett in den Händen, auf dem sie zwei Tassen Tee, eine Kanne und ein paar Croissants balancierte.

„Guten Morgen“, grüßte sie freundlich in den Raum, hielt dann aber kurz inne und sah Sherlock verwirrt an. „Was machen Sie denn schon um diese Uhrzeit? Sie sind doch normalerweise noch im Bett.“

Genervt erhob Sherlock sich und stapfte wieder in die Küche. „Sie haben keine Ahnung, wie es ist, wenn man nicht zur Ruhe kommt. Mein Gehirn kann sich nur erholen, wenn es vorher gefordert wurde, aber allem Anschein nach, soll mir das nicht vergönnt sein. Und sich die ganze Zeit mit lapidaren Dingen wie den täglichen Richtersendungen im Fernsehen zu befassen, die von schlechter Schauspielerei nur so triefen, mag vielleicht für einen Kleingeist ausreichend sein, aber ganz bestimmt nicht für mich. Also suche ich mir andere Beschäftigungen, die mich unterhalten, aber nichts ist ausreichend, um den Akku meines Gehirns auch nur ansatzweise zu strapazieren.“ Er deutete auf den niedrigen Tisch im Wohnzimmer, den ein Stapel ausgefüllter Kreuzworträtsel und mehrere aus Papier gefaltete Gottesanbeterinnen zierten.

„Du hättest auch einfach einkaufen gehen können“, schlug John vor und legte die Zeitung weg, als Mrs. Hudson das Tablett neben ihm abstellte.

Sherlock schnaubte. „Einkaufen?! Das ist als würde Albert Schweitzer einen Teddybär nähen, weil er sich angeblich ein Bein gebrochen hat.“

Abermals öffnete John den Mund und wollte etwas erwidern, doch ein seltsames Geräusch hielt ihn zurück. Es klang gedämpft und schien aus der Küche zu kommen. Irritiert sah er sich um. Irgendwoher kannte er dieses Geräusch doch.

„Sherlock?“, fragte er verwundert. „Ist das nicht dein Handy, das da klingelt?“

Mit einem Ruck, der die Flaschen in der Tür erzittern ließ, öffnete der Detektiv die Kühlschranktür wieder, griff wild hinein und förderte tatsächlich das klingelnde Telefon zu Tage. Dass er dabei aus Versehen eine Tüte auf den Boden warf, interessierte ihn in diesem Augenblick nicht.

„Sherlock Holmes“, meldete er sich.

„Warum hat er sein Telefon im Kühlschrank?“, fragte Mrs. Hudson leise und goss John eine Tasse Tee ein.

Der Arzt schüttelte den Kopf und seufzte. „All meine Energie geht dahin, nicht diese Art von Fragen zu stellen, Mrs. Hudson.“

„Das ist ja hervorragend!“, rief Sherlock in das Telefon und wirbelte zu John herum, dass sein Morgenmantel ihm um die Beine schwang. „Bleiben Sie wo Sie sind, fassen Sie nichts an und lassen Sie Anderson nicht von der Leine! Wir sind schon auf dem Weg.“

Mit einem deutlich fröhlicheren Gesichtsausdruck beendete er das Gespräch, gab seinem Handy einen schmatzenden Kuss und ließ es daraufhin in die Tasche gleiten. Überschwänglich schnappte er Mrs. Hudson an beiden Schultern und drehte sich einmal mit ihr durchs Wohnzimmer, woraufhin die Teekanne, die sie immer noch in den Händen hielt überschwappte und einen Teil ihres Inhalts auf dem Boden verteilte.

„Endlich!“, jubilierte der Detektiv, ignorierte die quietschende Geräuschkulisse seiner Vermieterin komplett und griff bereits nach seinem Schlüssel. „John, wir müssen los. Ein Toter in der North Gower Street. Oh, man könnte meinen, es gäbe einen Herrgott, der es auf einmal gut mit mir meint.“

„Was?“, fragte John verwirrt. „Was ist passiert? War das …?“

„Gerald“, unterbrach Sherlock ihn und war schon mit einem Fuß im Treppenhaus. „Gerald Lestrade. Er braucht meine Hilfe. Vorgetäuschter Suizid in der North Gower Street. Lass uns gehen, John!“

„Greg“, korrigierte Watson ihn, in dem Wissen, dass es ohnehin keinen Sinn haben würde. „Aber wir haben noch nicht mal gefrühstückt. Wollen wir nicht erst einen Happen essen? Ich meine, er ist in zehn Minuten auch noch tot.“

Sherlock sah seinen Freund an, als hätte dieser ihm eben vorgeschlagen, eine Partie Memory gegen ihn zu spielen. „Ich habe es in der Vergangenheit bereits einmal gesagt und daran hat sich nichts geändert: Verdauen hält mich von der Arbeit ab. Es gibt jetzt Wichtigeres zu tun. Das Spiel beginnt, Doktor Watson.“

Mit einem Elan, wie man ihn seit Tagen nicht bei ihm gesehen hatte, rauschte Sherlock das Treppenhaus nach unten, was ihm einen verwunderten Blick seiner Vermieterin einbrachte.

„Einen Moment noch“, hielt John ihn zurück.

Einen Stock tiefer war ein Stöhnen zu hören. „Was ist denn noch?“

„Hast du nicht etwas vergessen?“

Begleitet von einem viel zu lauten Poltern erschien Sherlocks Kopf wieder in der Tür. „Und was soll das sein?“

Sowohl John als auch Mrs. Hudson legten den Kopf schief und musterten ihn auffällig von oben bis unten.

Irritiert sah Sherlock an sich hinab. „Bademantel?“, fragte er. „Nicht gut?“

„Nein, nicht gut“, bestätigte der Arzt mit einem Schmunzeln im Gesicht, stellte seine Teetasse ab und ging in sein Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

Für einen Moment sah es so aus als wollte Sherlock zu einem Argument ansetzen, das es ihm erlaubte, das Haus in seinem aktuellen Outfit zu verlassen, doch schnell besann er sich eines Besseren und rauschte in Richtung seines eigenen Schlafzimmers davon.

„Danke für den Tee, Mrs. Hudson, aber wie Sie sehen benötigen wir ihn nicht. London verlangt nach uns. Sie können ja in der Zwischenzeit hier staubwischen oder was auch immer es ist, dass Sie den ganzen Tag über machen“, tönte Sherlocks Stimme ins Wohnzimmer.

„Ich bin Ihre Vermieterin, nicht Ihre Haushälterin“, erinnerte sie ihn, ging aber dennoch in die Küche und hob die Tüte auf, die der Detektiv achtlos hatte zu Boden fallen lassen. Angewidert verzog sie das Gesicht. „Sherlock, Sie dürfen Ihre Leber nicht in so einer kleinen Plastiktüte aufbewahren. Wenn die Eiskristalle die Fasern auseinanderreißen, verliert sie sonst das Aroma.“

„Legen Sie das zurück!“, kommandierte Sherlock und stand plötzlich, mit nur einem Bein in seiner Hose, im Wohnzimmer. „Das ist ein Experiment.“

„Ein Experiment?“, echote sie ungläubig und öffnete die Tür zum Kühlschrank.

„Allerdings“, bestätigte der Detektiv, schlüpfte in das zweite Hosenbein und schloss den Knopf an seinem Bund. „Ich will herausfinden, wie lange eine menschliche Leber aufbewahrt werden kann, wenn sie von Hepatitis befallen ist.“

Mit einem schrillen Ausruf warf Mrs. Hudson die Tüte wieder in den Kühlschrank, knallte die Tür zu und streckte die Hände angewidert von sich.
„Also wirklich, Sherlock“, schalt sie den Lockenkopf. „Ich muss dringend mit Ihrer Mutter reden.“
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