Zauberhaftes Würzburg: Geisterstunde

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12
12.10.2015
31.01.2016
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Hallo ihr Lieben!
Ich bin zurück mit einer neuen/alten Geschichte. Einige hier kennen sie vielleicht noch, aber nach mehreren Überarbeitungen, will ich sie jetzt für immer hier hochladen und mit euch teilen.
Ich bin froh, dass euch Titel und Kurzbeschreibung neugierig gemacht haben und wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen! Über Lob, Kritik und Anregungen freue ich mich sehr.
Nächstes Update, kommt vermutlich erst in einer Woche oder so... Vielleicht schaut ihr einfach mal in meine anderen Geschichten hier auf fanfiktion.de rein, um euch die Wartezeit zu verkürzen.
Ich freu mich auf euch!
Eure Kate




Amalia sah ihrer Mutter dabei zu, wie sie mit übertriebener Akribie das Namensschild von ihrer alten Haustüre entfernte. Beinahe hätte man meinen können, sie hätte es tatsächlich eilig. Als wolle sie wirklich so schnell wie möglich von hier weg.
Zwar hatte Marcella immer wieder betont, dass sie genau das eben nicht wollte, es aber brauchte. Sie brauchte einen Neuanfang weit weg von Berlin, von ihrer Arbeit und von ihrem Exmann. Obwohl sich die Beiden angeblich im Guten getrennt hätten, schien diese Tatsache Marcella dennoch zu schmerzen. Vielleicht hatte sie Alexander nie wirklich geliebt, sondern seine Nähe als Gewohnheit angesehen. Menschen trennten sich nun mal nicht sehr gerne oder leicht von ihren Gewohnheiten.
Als Amalia merkte, wie ihre Mutter sie anstarrte und darauf wartete, dass sie endlich nach draußen ging, schob sie diese Gedanken beiseite. Es war sowieso sinnlos sich zu überlegen, was in ihren frisch geschiedenen Eltern vorging.
Auf dem Gehweg vor dem etwas heruntergekommenen Wohnhaus wartete bereits Amalias Vater. So wie er dastand, einsam und verloren, wirkte er gar nicht mehr wie der coole Musiker, den sie kannte. Vielmehr wie ein wirklich besorgter Vater. Ein eher seltener Anblick in den letzten sechzehn Jahren ihres Lebens.
Irgendwie tat er Amalia leid. Von einem Tag auf den anderen verlor er seine Tochter und seine älteste Freundin.
  „Also gut, die Möbel sind eingelagert, die Koffer gepackt... Ihr solltet lieber fahren. Bis Würzburg ist es noch ein weiter Weg!“ Alexander gab sich wirklich alle Mühe, so cool und gelassen zu klingen wie immer. Dennoch hörte man, wie seine Stimme zitterte, und sah seine Mundwinkel zucken, während er zu lächeln versuchte.
In der Tat war es eine weite Reise bis zum Haus ihrer Großmutter irgendwo in Bayern. Amalia war sich nicht ganz sicher, was sie von dem Umzug halten sollte. Vor allem weil sie ihre Oma seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hatte.
  „Ja, das sollten wir... Machs gut, Alex!“ Mit enormer Selbstbeherrschung schien es Marcella zu gelingen, den jungen Musiker zu umarmen und dann ohne eine Träne in den kleinen Golf einzusteigen. Amalia hatte da so ihre Probleme. Auch wenn sie ihren Vater durch dessen Auftritte und merkwürdige Arbeitszeiten kaum zu Gesicht bekam, würde er ihr fehlen. Noch bevor er seine muskulösen Arme um sie schloss, schossen ihr die Tränen in die Augen und liefen unaufhaltsam ihre blassen Wangen hinab.
  „Meine Kleine … Pass gut auf dich und deine Mutter auf, okay?“ Leise flüsterte er ihr die Worte ins Ohr. Durch die dichten Haarlocken hatte sie bald Mühe, ihn zu verstehen. Amalia nickte und drückte Alexander in einem Anflug von Übermut einen Kuss auf die Wange, ehe auch sie zum Wagen hinüber lief.
  „Bis bald, Papa!“, rief sie ihm zu und winkte, während sie einstieg. Im Auto empfing sie die Kühle der Klimaanlage, die dann und wann leise schepperte. Ein kurzer Blick auf ihre Mutter zeigte Amalia, dass diese doch nicht so gefasst war, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Auch ihr rannen Tränen in Strömen die Wangen herab.
Nachdem sie endlich auf die Straße gefahren war, blickte sie dem winkenden Alexander im Rückspiegel nach und wiederholte immer und immer wieder, dass es die richtige Entscheidung wäre, nach Würzburg zu fahren.

Bis auf ihren Vater fiel Amalia der Abschied relativ leicht. In der Schule hatte sie natürlich „Bekanntschaften“ gehabt, aber niemanden, den sie tatsächlich als Freund oder Freundin bezeichnen würde. Und die Stadt würde sie erst recht nicht vermissen. Weder den Lärm, noch die vielen Menschen. Trotzdem bereitete ihr der Gedanke, in eine Kleinstadt mitten im Nirgendwo Bayerns zu ziehen, Unbehagen. Vermutlich weil sie eine solche Umgebung einfach nicht gewohnt war.
Nur langsam kamen sie aus der Stadt heraus, fuhren an vielen Orten vorbei, die den Beiden etwas bedeuteten. Amalias Schulen, der Kindergarten, der Lieblingsitaliener …
Überall in diesen Straßen gab es Geschichten aus ihrer Vergangenheit, Dinge, an die sie sich erinnerte, während sie durch die Stadt lief. Irgendwie hatte sie Angst, sie könnte all diese Ereignisse vergessen, wenn sie wegging.
Aber hatte nicht ein weiser Mensch gesagt, man solle die Vergangenheit ruhen lassen? Normalerweise befolgte sie nicht oft fremder Leute Ratschlag, doch schien es ihr in diesem Moment nur angebracht. Hätte sie weiter darüber nachgedacht, wäre der Abschiedsschmerz vermutlich noch größer geworden.

Also schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie es wohl in Bayern sein würde. Wie sah das Haus ihrer Großmutter doch gleich aus? Amalia war nur ein oder zweimal in ihrem Leben bei ihr gewesen und sollte nun dort wohnen. Ein wenig komisch, wenn man bedachte, wie wenig sie eigentlich über die Frau wusste, die ihnen angeboten hatte, bei ihr zu leben. Eigentlich kannte Amalia nur ihren Namen: Eleonora Altenberg. Wer sich dahinter verbarg, was für ein Mensch Eleonora Altenberg war, wusste sie jedoch nicht. Der Umzug war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Neues Haus, neue Schule, neue Umgebung. Neue Probleme? Vermutlich, aber davon wollte sich Amalia nicht beirren lassen. Irgendwie würde sie schon eine Lösung finden.
Gedankenverloren betrachtete sie die Autos im Außenspiegel, während die letzten Häuser Berlins hinter ihr verschwanden.
Aus ihrer Tasche schnappte sie sich ihren Mp3-Player und drehte die Lautstärke auf. Auf diese Weise konnte sie die schluchzende Marcella geradewegs ignorieren. Das war auch gut so. Hätte sie ihre Mutter auf die Tränen angesprochen, wäre diese vermutlich aus der Haut gefahren. Amalia kannte sie gut genug, um sie in solchen emotionalen Momenten sich selbst zu überlassen. Es war ihre Entscheidung gewesen, umzuziehen. Nun musste sie mit den Konsequenzen leben.
Von all den Gefühlen ermüdet schloss Amalia die Augen und schlief augenblicklich ein. In ihren Träumen war sie bereits in Würzburg und es war gar nicht mal so übel dort. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, verschwand jedoch, als irgendetwas an ihrem Arm zog. Nur sehr langsam schlug sie die Augen auf und blickte ins besorgte Gesicht ihrer Mutter.
  „Hey, Am, ich geh mal kurz tanken. Willst du mit und dir ein bisschen die Beine vertreten? Es ist zwar nicht mehr weit, aber … vielleicht hast du ja Lust.“ Gähnend schüttelte sie den Kopf und rückte in dem unbequemen Autositz in eine angenehmere Schlafposition.
Sie konnte Marcella zwar verstehen, wusste sogar, dass diese Worte eine Art Aufforderung für sie sein sollten, um mit ihr zu reden, aber momentan hatte Amalia schlichtweg keinen Bedarf. Sie wollte nichts lieber, als allein zu sein, und im Dämmerzustand über ihre Zukunft nachdenken.
Gerade war sie dabei, sich ihr Zimmer im Haus ihrer Großmutter vorzustellen, als sie erneut gähnen musste und Sekunden später in eine bodenlose, dunkle Leere des Schlafs gestürzt war.

Der Klang der zugeschlagenen Autotür weckte sie. Erst glaubte Amalia, es wäre ihre Mutter, die vom Tanken zurückkam, doch dann stellte sie fest, dass sie sich gar nicht mehr auf dem Rastplatz befanden. Der verbeulte Golf stand mitten auf einem ausgetretenen Kiesweg umgeben von hohen Tannen und Buchen.
Verschlafen blickte sie sich um und entdeckte ihre Mutter, die mit einer älteren Frau auf einer Gartenbank sprach. Sie schienen sich zu kennen, umarmten sich sogar. Verwundert schüttelte Am das letzte Bisschen Schlaf von sich und stieg ebenfalls aus. Als sie sich umdrehte erstarrte sie vor lauter Schreck. Ein riesiges Haus, verkleidet mit Felsgestein, erhob sich hinter dem kleinen Platz. Offenbar hatte sie tatsächlich bis zu ihrem Ziel durchgeschlafen. Kein Wunder, Autofahrten hatten schon immer eine äußerst beruhigende Wirkung auf sie gehabt.
Noch immer steif von der unbequemen Liegehaltung, lief sie auf die beiden Frauen zu, die laut lachten und miteinander scherzten.
  „Amalia, mein Kind, wie groß du bist!“ Strahlend und mit zur Umarmung erhobenen Händen kam die unbekannte Frau auf sie zu und drückte sie schließlich fest an sich. Ein wenig überrumpelt betrachtete Am die Fremde genauer und erkannte gewisse Ähnlichkeiten mit ihrer Mutter. Die braunen Locken zum Beispiel, die den beiden bis zur Schulter reichten. Oder die großen braunen Augen, die sie freundlich musterten.
  „Hallo, Oma?“ Es war mehr eine Frage, als eine Feststellung. Lachend nickte die Frau, wobei sich viele kleine Fältchen um ihre Augen bildeten. Sie wirkte nett. Ganz anders als die Eleonora Altenberg, die sich Amalia vorgestellt hatte.
  „Ich bin ja so froh, dass ihr zwei hier seid. Kommt doch erstmal rein, dann können wir ein Stück Kuchen essen. Was haltet ihr davon?“ Bei dem Gedanken an etwas Essbares, meldete sich Amalias Magen mit einem lauten Knurren zu Wort. Irgendwie hatte sie überhaupt nicht gemerkt, dass sie einen solchen Hunger hatte. Dankbar folgte sie ihrer Großmutter ins Haus.
Gerade als sie über die Schwelle gestiegen war, bemerkte sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das sich in ihr ausbreitete und ihr eine Gänsehaut verursachte. Am wusste nicht, was es war, geschweige denn ob sie nun Angst haben sollte oder nicht. Es beunruhigte sie, in diesem Haus zu sein. Das lag vermutlich daran, dass sich ihr Unterbewusstsein noch nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, dass dieses alte Gemäuer nun ihr neues Zuhause war. Genau das muss es sein.
Kopfschüttelnd vertrieb sie ihre Überlegungen bezüglich übernatürlicher Phänomene, die sie insgeheim gehegt hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Marcella würde sie für verrückt erklären, wenn Amalia ihr solche Dinge erzählen würde. Ihre Mutter war schon immer ein sehr rationaler Mensch gewesen und glaubte eher an die Wissenschaft, als an höhere Mächte. Genau deswegen liebte Am sie auch. Wegen ihr musste sie nicht den schnöden Religionsunterricht besuchen, sondern hatte lockere unkonventionelle Ethikstunden bei einem doch recht attraktiven Lehrer.

Vom breiten Flur traten sie geradewegs in ein vom Sonnenlicht hell erleuchtetes Esszimmer, wo Kaffee und Kuchen bereits auf dem Tisch warteten. Im Gang beschlich sie erneut das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und wurde sogar noch stärker, als sie an der Tür vorbei kam, die in den Treppenbau nach oben eingefasst war. Am Tisch, verflüchtigte sich dieser merkwürdige Eindruck jedoch wieder.
Zu Ams Verwunderung standen in jedem Zimmer mindestens ein oder zwei gut gefüllte Bücherregale. Eleonora fing den Blick ihrer Enkelin ein und lächelte breit. Sie schien beinahe bloß aus braunen Locken, den strahlenden Augen und dem Lächeln zu bestehen.
  „Schau sie dir ruhig an. Oben gibt es noch tonnenweise andere. Dein Großvater hat sehr gerne gelesen, wenn er nicht mit seiner Arbeit beschäftigt war.“ Während Marcella sich leise seufzend an den Tisch setzte, übermannte Amalia das Verlangen, über die alten Buchrücken zu fahren und den Geruch der Druckerschwärze einzuatmen. Mit dem größten Vergnügen kam sie den Worten ihrer Großmutter nach und unterzog die Wälzer einer genauen Musterung.
Viele Titel waren in fremden Sprachen, Englisch zum Beispiel, aber auch eine Vielzahl italienischer oder spanischer Exemplare standen in den alten Schränken. Am war sich nicht ganz sicher, welche der beiden Sprachen es waren. Sie sprach keine weitere außer Englisch und bedauerte es zutiefst. Für einen kurzen Augenblick vergaß sie ihren Hunger, ehe ihr der Geruch des Kuchens in die Nase stieg. Mit grummelndem Magen und staubigen Fingern nahm sie neben ihrer Mutter Platz und machte sich über die süße Köstlichkeit her.
  „Als du als kleines Kind hier warst, hab ich den auch für dich gemacht. Du wolltest überhaupt nicht mehr aufhören, zu essen. Danach warst du so satt, dass du bis zum nächsten Morgen geschlafen hast.“ Laut hallte Eleonoras Lachen von den hohen Wänden wieder und Am stimmte notgedrungen mit ein. Die ganze Situation, das Wiedersehen mit ihrer Großmutter, kam ihr so komisch vor, dass sie sich fast ein bisschen fürchtete. Zumindest hatte sie eine Gänsehaut, was aber auch an der merkwürdigen Atmosphäre des Hauses liegen könnte.
  „Oh ja, das ist meine kleine Am!“ Nun lachte auch Marcella und fuhr ihrer Tochter liebevoll durch die schwarze Lockenpracht. Eigentlich störte sie diese Geste immer sehr, wehrte sich dieses Mal jedoch nicht. Diese Art von Nähe tat ihrer Mutter in diesem Moment sicher gut und Amalia ebenfalls. Es verstärkte in ihr das Gefühl, dass sie beide zusammengehörten.
  „Am? So nennst du sie also? Ach, Marcella, du weißt doch, wie das in unserer Familie läuft. Es ist alles in Ordnung, wenn nur die Namen außergewöhnlich sind. Du kennst mich doch! Ich bin Schriftstellerin und da muss es etwas ausgefallener sein …“ Tadelnd musterte Eleonora ihre Tochter, die ihr daraufhin einen schiefen Blick zuwarf.
Seufzend schüttelte Amalia den Kopf und lud sich ein weiteres Stück Kuchen auf die bunt bemalten Keramikteller. Diese Tradition hatte sie noch nie verstanden, aber irgendwie war das auch etwas Besonderes. Noch nie war sie einem anderen Mädchen in ihrem Alter begegnet, das denselben Namen trug. Vermutlich weil er schon etwas in die Jahre gekommen war. Wenn Am es recht bedachte, hatte sie noch nie jemanden getroffen, der so hieß, wie sie.
Während sie darüber nachdachte, zankten die beiden älteren Frauen noch immer, was Amalia nicht ausstehen konnte.
  „Leute, beruhigt euch doch. Es ist nur ein Name, nichts weiter. Außerdem wollte ich, dass sie mich so nennt. Ein Relikt aus weniger schönen Kindertagen.“ Schulterzuckend wendete sich Eleonora ihrer Kaffeetasse zu. Marcella dagegen erhob sich gähnend und tätschelte ihrer Tochter die Schulter, so wie immer wenn ihr etwas leidtat.
  „'Tschuldigung, Kleines. Ich glaube, ich lege  mich besser mal hin, sonst schlafe ich noch am Tisch ein. Mein altes Zimmer, richtig?“ Lächelnd nickte Eleonora ihr zu und winkte ihr zum Abschied. Mitgefühl und Besorgnis spiegelten sich in ihrem Blick, doch Marcella schien es vor Müdigkeit kaum zu bemerken.
  „Glaubst du, es geht ihr gut? Sie sieht so mitgenommen aus.“ Nachdenklich kratzte sich die alte Frau am Kopf und sah ihrer Tochter durch die geöffnete Tür nach, wie sie die Treppen nach oben stieg. Amalia konnte nur mit den Schultern zucken. Sie hatte keine Ahnung, was in ihrer Mutter vorging, war sich jedoch sicher, dass diese früher oder später schon mit der Sprache herausrücken würde.
  „Ich weiß es nicht. Sie redet ja nicht darüber. Ich sollte mal die Koffer ausladen, dann müssen wir das morgen nicht mehr machen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stand sie auf und lief hinaus. Als sie an der merkwürdigen Tür vorbeikam, meinte sie ein leises Wispern zu hören. Wie ein leichter Lufthauch und dann war es wieder verschwunden.
Kopfschüttelnd sprang sie die Verandatreppen hinab und machte sich ans Ausladen. Die Koffer waren schwerer, als sie es erwartet hatte. Aber schließlich war darin ihr gesamtes Leben verpackt. Zumindest die wichtigen Dinge und Klamotten. Die restlichen Andenken an ihre Vergangenheit in Berlin würden erst in den nächsten Tagen eintreffen. Nur die Möbel nicht. Die blieben bei Alexander oder waren eingelagert worden. Es wäre auch ein wenig unsinnig, sie mitzubringen, wenn sie bei ihrer Großmutter einzogen. Sie hatte sicher genug Einrichtungsgegenstände und wenn der Schein nicht trog, waren diese um einiges hochwertiger, als die IKEA-Betten und Schränke aus der berliner Studentenbude ihres Vaters. Vielleicht waren sie sogar antik. Sie sahen zumindest sehr alt aus.
  „Warte, Amalia, ich helfe dir! Du meine Güte! Was habt ihr denn da rein gepackt? Backsteine?“ Schwer schnaufend hievte Eleonora eine ziemlich mitgenommene Reisetasche aus dem Kofferraum und stellte sie unsanft auf den Kiesweg ab.
  „Bücher. Mein kleiner, ganz persönlicher Schatz, Eleonora.“ Vorsichtig hob Amalia die Tasche hoch und hängte sich den Gurt über die Schulter. Wenn es eines gab, das unbedingt mit musste, dann waren es die Bücher. Sie waren ihr ganzer Stolz, vor allem weil sich einige Erstauflagen darunter befanden, die sie in staubigen Antiquariaten gefunden hatte.
  „Ach Kindchen, du machst unserer Familie alle Ehre! Dein Großvater hat sie auch so sehr geliebt, seine Bücher … Wie dem auch sei, ich sollte dir dein Zimmer zeigen, nicht?“ Mit erwartungsvollem Strahlen in den Augen blickte Eleonora ihre Enkelin an. Diese nickte ihr bestätigend zu und folgte ihr ins Haus. Wieder war da dieses Wispern, doch ehe sie sagen konnte, was genau es war, war es verschwunden.
Ihre Großmutter führte sie über zwei Treppen direkt unter das hohe Dach hinein in ein schönes Schlafzimmer. Dünne Vorhänge verhinderten, dass die Sonne den Raum zu sehr aufheizte. Dennoch spiegelte sich ihr Licht auf den silberfarbenen Ornamenten der Tapete.
  „Das hat früher deiner Tante gehört. Ein wenig altmodisch, aber ich denke, das sollte für den Anfang reichen. Was meinst du?“ Staunend ließ Am die Tasche mit den Büchern zu Boden gleiten und drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse. Es war besser als ihr altes Zimmer, fast wie in einem luxuriösen Hotel, das sie vor Jahren im Fernsehen gesehen hatte.
  „Für den Anfang? Das ist perfekt! Aber habe ich keinen Schreibtisch oder so?“ Suchend blickte sich Am um, konnte jedoch abgesehen von einem breiten Bett, einem Nachttisch und einem gemütlich aussehenden Sessel nichts entdecken. Außer natürlich das allgegenwärtige Bücherregal. In diesem Raum jedoch war es beinahe leer. Das machte aber nichts, wenn man bedachte, wie viele Bücher sich mittlerweile in Amalias Besitz befanden.
  „Ach so, ja … Der Schreibtisch ist in einem anderen Zimmer. Du hast eigentlich das ganze Stockwerk für dich, inklusive Badezimmer. Komm, ich zeig dir schnell den Rest.“ Ungeduldig winkte Eleonora ihre Enkelin zu sich und schob sie durch eine Tür, die in ein kleines, weiß gefliestes Badezimmer führte. Über einen schmalen Durchgang gelangte man in einen begehbaren Kleiderschrank. Schon allein dieser Anblick brachte Amalia aus der Fassung. In Berlin hatte sie nur so ein wackeliges Ding gehabt, das beinahe durchgeborchen war unter der Last ihrer Kleidung. Die Aussicht jemals einen so großen Schrank zu haben, hatte sie nie für möglich gehalten.
Über das Bad und einen schmalen Gang, erreichten sie schließlich das Arbeitszimmer. Auch hier waren die Möbel vermutlich noch aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert und schienen ihre ganz eigene Geschichte zu haben. Gedankenverloren strich Am über die Kratzer und Macken der Tischplatte, ehe sie sich mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu ihrer Großmutter umdrehte.
  „Ich war echt neugierig, wie es hier so aussieht. Besonders gut erinnern konnte ich mich ja nicht, aber das hier hat meine Erwartungen übertroffen. Danke, dass wir hier wohnen dürfen!“ Glücklich schloss sie Eleonora in die Arme. Diese schien zunächst etwas überrumpelt, legte aber ebenfalls die Arme um ihre Enkelin.
  „Freut mich, wenn es dir gefällt, Amalia. Gehen wir noch die restlichen Koffer holen, dann kannst du dich auch ausruhen, bevor es Abendessen gibt.“ Die beiden lösten sich voneinander und versuchten aus Rücksicht vor Marcella, so leise wie möglich die knarzenden Stufen hinunterzuschleichen.
Trotz des enormen Gewichts waren die Koffer in kurzer Zeit entweder vor Marcellas Zimmer gestellt oder in Amalias Schlafzimmer gebracht worden.
Während diese schon ihre ersten Sachen in den Kleiderschrank einsortierte, war Eleonora bereits dabei für sie zu kochen. Beim Auspacken ließ Am nochmal den Tag Revue passieren und befand den Umzug für nicht ganz so schlimm. Zumindest was ihre Großmutter und deren Haus anging. Vor der Schule dagegen hatte sie schon noch ein bisschen Bammel. Vor allem, da sie nicht wusste, wie bayerische Schüler tickten.
Und trotzdem beschlich sie das Gefühl, dass sie das schon irgendwie schaffen könnte.
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