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I still dream of you - Minho und Cassy

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
Gally Minho Newt Thomas
07.10.2015
22.11.2015
68
146.207
49
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Dieses Kapitel
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25.10.2015 2.210
 
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Kapitel (38) Trauern und versuchen zu leben

Ich hockte vor Nicks Grab und strich mir die Haare aus dem Gesicht. Kein Tag verging, wo ich nicht sein Grab besuchte und ein paar Blumen drauf legte. Ich vermisste ihn.
Als Newt beim Erzählen an den Punkt mit dem Opfer gekommen war, hatte sich in mir eine böse Vorahnung angebahnt und ich war kopfschüttelnd aufgestanden. Hatte mich rückwärts gen Tür zurückgezogen und Newt vor Tränen nicht mehr erkennen können.
Dieser hatte sich regelrecht durchringen müssen und geflüstert: "Cassy, Nick ist tot. Er kommt nicht wieder."
Meine Hand hatte sich vor meinen Mund gelegt und mit entsetzlichen Schluchzern in meiner Brust, die wie Hölle gebrannt hatten, war ich auf den Boden gesunken.
Zuerst hatte ich geschrien. Ich hatte die Wahrheit von mir abgewiesen und sie brüllend davonjagen wollen. Dann waren die hysterischen Schluchzer verklungen und meine Tränen hatten das Gehöft beinahe geflutet. Stundenlang hatte ich zusammengekugelt auf dem Boden gehockt und bitterlich geweint. Jeder, der hineingekommen war, hatte sofort wieder beigedreht. Wahrscheinlich war auch eher Newts warnender Blick der Grund dafür gewesen. Er hatte sich nach fünf Minuten von der Tischkante hinauf gehievt und war zu mir gehumpelt gekommen. Hatte mich in den Arm genommen und die gesamt Zeit hin und her gewogen. Beruhigende Worte in mein Ohr geflüstert. Meine Haare geküsst. Seine Finger mit meinen verschränkt. Wau hatte uns fiepend beobachtet.
Das war jedoch bei Weitem nicht das Schlimmste gewesen. Zum einen waren dort Albys Blicke. Er redete kaum mit mir. Grundsätzlich war er ein guter Anführer, aber wenn ich mir über eines klar war dann, dass Alby mir die Schuld an Nicks Tod gab. Diese Blicke voller Schmerz, Fassungslosigkeit und Wut. Dieses Unverständnis: Warum durfte ich leben und Nick hatte gehen müssen? Alby hätte sich definitiv anders entschieden.
Zum anderen war es Minho. Als würde Nicks Tod und Albys Kühle nicht genug sein, so mied mich mein Freund – wenn ich ihn denn noch so nennen konnte – den gesamten Tag über. Zwar gab er mir keine Schuld an irgendetwas, aber er... Ich konnte es kaum beschreiben. Es war, als hätte man den draufgängerischen Minho gegen einen willenloses Ding ausgetauscht.
Zu Anfang hatte ich bei ihm schlafen wollen, doch er hatte nur den Kopf geschüttelt und die Tür von innen zugeschlossen. Hatte mich verzweifelt davor stehen lassen. Selbst als ich erneut weinend an der Wand hinuntergerutscht war, hatte er nicht geöffnet. Gally hatte mich gefunden und in sein Bett getragen, wo ich mich die erste Nacht nach meiner Erweckung in den Schlaf geweint hatte. Mit einer Lunge, die mir demnächst bestimmt noch die Gurgel umdrehen würde.
Das war vor genau acht Wochen gewesen. Heute würde ein neuer Frischling auftauchen. Der Zweite, den Alby in Empfang nehmen würde.
Es war Sommer und die Lichtung blühte kunterbunt. Jeder hatte Spaß an der Arbeit, nun ja, bis auf mich. Meine Lunge hatte die ersten Wochen gebraucht, bis sie mich ohne Krampfanfälle über die Lichtung hatte gehen lassen, und jeden Morgen versuchte ich noch immer Minho dazu zu überreden, mich mit ins Labyrinth zu nehmen. Aber er schüttelte nur den Kopf, winkte Ben zu sich und ging mit ihm raus. Alleine laufen gehen war zu gefährlich für mich, dass sah ich ein. Trotzdem es machte mich verrückt hier auf der Lichtung gefangen zu sein.
Sein permanentes Kopfschütteln zerrte an meiner Geduld.
Ich wollte bei ihm schlafen. Kopfschütteln.
Ich wollte laufen. Kopfschütteln.
Ich wollte eine Umarmung. Kopfschütteln.
Ich wollte reden. Kopfschütteln.
Abgesehen von dem Kuss vor acht Wochen, als ich wieder aufgewacht war, hatte ich keinen mehr bekommen.
Und es war nicht Minho gewesen, der sein eigenes Verhalten zu erklären versuchte sondern Newt. Die Schöpfer hatten sich an mir rächen wollen, weil ich mit Minho zusammen war. Und daher ignorierte mich Minho nahezu vollends, um die Schöpfer nicht erneut gegen mich aufzubringen. Es war seine verdrehte Art mich zu beschützen. Er schlief nicht mit mir, er küsste mich nicht, er berührte mich nicht einmal
Fazit: Kein Grund, dass die Schöpfer wütend sein könnten.
Dass er mich jedoch damit allein mit meiner Trauer ließ, schien ihn nicht zu interessieren. Mein Herz wurde zu einem emotionslosen Gesteinsbrocken und er würde höchstens mit den Schultern zucken. Nein. Er würde den Kopf schütteln.
Meine Finger legten die Blumen auf Nicks Grab noch einmal anders hin.
"Du hättest ihm den Unsinn ausgeredet, nicht wahr?", fragte ich flüsternd. Vor meinem inneren Auge sah ich Nick traurig lächeln und beinahe spürte ich seine Hand meine Haare durchwuscheln.
"Nick, ich bin so einsam, was soll ich bloß tun?", fuhr ich fort. "Ich brauche Minho. Und er... er lässt mich nicht mehr an sich heran. Stößt mich weg. Will mich damit beschützen und tut mir stattdessen unfassbar weh." Ich hatte mir eigentlich geschworen nicht mehr zu weinen, doch erneut perlten die Tränen über meine Wangen. "Das Brennen verzehrt mich", schluchzte ich. "Mach was!"
Lass ihn zumindest nicht sterben. Pass auf ihn dort draußen auf.
Nach Nicks Tod hatte ich das unbeschreibliche Gefühl meine Kerle in der Nähe wissen zu müssen und Sektor drei zum Beispiel war nicht gerade meine Definition von Nähe, sodass ich mich tierisch um Minho sorgte. Und doch musste ich jeden Morgen mit ansehen, wie er sich am Tor warm machte. Seine Erwiderung auf mein gemurmeltes "Pass auf dich auf, Läufer" konnte ich mir nur einbilden. Danach wirkte Gallys Bett umso kälter, sodass ich aufstand und Nick besuchen ging. Ihm all mein Leid klagte. Und, und, und.
Ich raffte mich auf und klopfte mir den Dreck von der Hose. "Bis morgen", verabschiedete ich mich mit von Tränen verzerrter Stimme von meinem Anführer und trat den Weg hin auf die sonnenüberflutete Lichtung an.
Für heute hatte ich mir jedoch etwas vorgenommen: Ich wollte endlich wieder arbeiten.
Minho speiste mich stetig ab, also blieben noch Gally und Newt.
Ersterer stand vor dem neuen Gehöft, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Schatten hinter ihm hatte die Größe eines Riesen.
Mit der gleichen Pose stellte ich mich neben ihn und runzelte fachmännisch die Augenbrauen. Versuchte meine Trauer und meine Tränen zu verbergen. "Ja, besser."
"Besser? Bin ich der Baumeister oder du?"
"Naja, augenscheinlich ich."
Gally schüttelte den Kopf. "Besser. Ich glaub das nicht."
"Tja, was soll ich sagen?", lachte ich. "Das Dach wird gerader." Ich lachte weiter. Irgendwie war das zu lustig.
"Na. Super."
"Aber, wenn ich dir helfen kann, wie das letzte Mal, dann wird es vielleicht doch noch ein Gebäude. Mit Kunst können wir hier auf der Lichtung nämlich nichts anfangen."
"Das letzte Mal, Cassy, bist du zusammengebrochen und kurz darauf beinahe gestorben", sagte Gally tonlos. Wandte mir endlich den Kopf zu und legte ihn mitleidig schief. "Du hast wieder geweint, nicht wahr?"
"Das ist irrelevant. Im Gegensatz zu eurer Regel. Die besagt: Jeder muss... mit anpacken oder so. Ich packe momentan nicht mit an."
"Du kümmerst dich ums Essen, das genügt. Und deine Trauer ist relevant. Denn solange deine Trauer dir deine Energie raubt, wirst du nirgendwo hier Arbeit finden."
"Gally! Bitte!"
"Nein, Cassandra!", sagte er und sah mich aus erstaunlich wütenden Augen an. "Ich werde dich nicht hier arbeiten lassen. Abgesehen davon, dass Minho mir den Kopf abreißen würde, ich werde nicht noch einmal mit ansehen, wie du bluthustend inzwischen meines Holzes liegst und das Bewusstsein verlierst. Du bist zu schwach und Ende!"
Ich presste die Lippen aufeinander, wusste jedoch dass ich verloren hatte. "Verdammter Klonk aber auch", murmelte ich. Doch dann drehte ich mich noch einmal um: "Und Minho interessiert es einen Klonk, ob ich arbeiten würde oder nicht. Euch alle interessiert nichts momentan!"
Missmutig ging ich zu den Gärten und Feldern, wo Newt mittlerweile etwas arbeitete. Sein Bein verheilte so gut und schnell, dass ich die Finger der Schöpfer darin vermutetet. Aber es war mir egal, solange er bei mir war. Er war der Einzige, welcher mit mir redete und mich nicht wie eine totale Invalidin behandelte. Er brachte mich zum Lachen und Lächeln, vertrieb meine Tränen und wenn ich nicht vor Erschöpfung bei Gally einschlief, so kuschelte ich mich an seine Brust und weinte mich eben dort in den Schlaf.
Newt sah mich bereits auf sich zusteuern und stützte sich auf seine Hacke. "Na, Blume", begrüßte er mich und lächelte.
"Bitte sag mir, dass du eine Aufgabe für mich hast", sagte ich und sah ihn flehentlich an.
"Ich finde, du machst das mit dem Gemüse bei Bratpfanne ganz toll."
"Ja. Danke." Sofort drehte ich wieder bei, hielt jedoch inne, als sein leises Lachen ertönte.
"Ich hätte noch ein Feld, das gefurcht werden müsste", sagte er. "Und dann müssen wir die Erdbeeren ernten. Wenn du zwei freie Hände hast..."
Ich quietschte erfreut auf und fiel ihm um den Hals. "Danke, dank danke!", schrie ich. "Ich werden verrückt ohne etwas zu tun."
"Ich weiß. Bin doch auch Läufer", sagte er. Dann verschwand sein Lächeln und Besorgnis überschattete sein Gesicht. "Wie geht es dir?"
"Tja, hab' noch immer Tränen übrig."
"Wenn wir hier fertig sind... wollen wir dann einfach etwas Spazieren gehen und reden?"
Einige Sekunden lang wusste ich nicht, was ich dazu sagen solltest.
"Ich meine", fuhr Newt fort und machte eine nichtssagende Handbewegung, "ich bin nicht Minho, aber vielleicht kann ich dir zumindest etwas helfen?"
"Newt...", sagte ich leise. Schluckte. "Newt, wenn du nicht hier wärst momentan, so würde ich bereits nicht mehr leben." Meine Augen richteten sich auf sein Gesicht, das sich in verwirrte Falten gelegt hatte.
"Wie bitte?", fragte er.
"Du bist der einzige Grund, weshalb ich gerade noch hier stehe. Minho interessiert sich nicht mehr für mich. Gally... Gally kann mich nicht nachvollziehen. Alby hasst mich." Ich zuckte mit den Schultern. "Du hilfst mir nicht nur etwas. Du bewirkst, dass ich nicht total auseinanderbreche." Erneut sammelten sich Tränen in meinen Augen und ich fuhr mir darüber. Starrte einfach in die Ecke des Gartens. Alles andere würde meine Nerven reißen lassen. Diese Stimmungsschwankungen waren nervenaufreibend.
"Blume..." Newt ließ seine Hacke fallen und zog mich in seine Arme. Strich mir über die Haare, während ich meine Tränen auf sein Hemd fallen ließ.
"Ich habe solche Schuldgefühle", brach es schluchzend aus mir heraus. "Ich habe alles hier zerstört. Ich habe Nick umgebracht. Und Minho in einen willenlosen Zombie verwandelt. Und... du bist der Einzige, welcher dem nicht zustimmt."
Seine Umarmung wurde fester. "Ich weiß, wie Schuldgefühle sich anfühlen, Blume", murmelte er. "Sie zerfressen einen und lassen einen nur taumelnd durch die Landschaft gehen. Und diese Art von Schuldgefühlen lässt Minho Dinge tun, die er nicht tun will. Er hat dich tot in den Armen gehalten. Er hat für einen kurzen Moment gedacht dich im Wald begraben zu müssen. Für einen Augenblick ist seine Welt zum Stillstand gekommen und drohte in dutzende Splitter zu zerspringen. Und er will das nicht noch einmal erleben."
Ich wusste, dass Newts Worte nicht nur auf Minho zutrafen. Wenn einer ebenso unter meinen Tod gelitten hätte, dann Newt selbst. "Aber warum reagierst du dann anders?"
"Weil ich... weiß, wie es ist zu scheitern. Minho nicht. Wir können dich nicht vor allem was passiert beschützen und wenn wir wieder einmal gescheitert sind und du trotz allem lebend aus dem Bett springst, so weiß ich nur: Newt, pass das nächste mal besser auf, Neppdepp. Und dann versuche ich die Zeit, welche mir mit dir bleibt, zu genießen. Während Minho..."
"Während Minho noch immer unter Schock steht", beendete ich flüsternd den Satz.
"Genau. Gib ihm Zeit. Er hat Nick auch sehr gemocht. Du wirst früh genug wieder an sein Hemd weinen können."
ich lachte leise. "Entschuldigung."
Newt sah mich spitzbübisch an und zwinkerte mir zu. "Also... bevor wir hier noch Wurzeln schlagen..."
Erneut musste ich grinsen.
"Bevor wir hier versauern... Weißt du wie es geht?"
Ich nickte und ergriff seine Hacke. "Ja."
Newt nickte erfreut und ich nahm seine Hand. "Danke."

Gedankennotiz: Mich an Nick erinnern. Öfter danke sagen.

Seine himmelblauen Augen sahen mich so zärtlich an, dass ich nicht umhinkam, ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Eine zarte Röte zeichnete Newts Wangen ein und während er sich neues Arbeitsgerät suchte, begann ich in Windeseile und voller Elan das Feld zu pflügen. Aus Langeweile und im Versuch mich abzulenken, war ich bei allen Berufen mitgegangen, um zu sehen was sie machten und wie sie es machten.
Ab und zu brauchte ich noch eine Pause, aber es machte erstaunlich viel Spaß. Ich band mit ein Tuch um die Stirn und die Bluse um die Hüften – Newt und Zart würden mir schon nichts weggucken – und spielte Zugpferd.

Es war kurz nach dem Mittagessen, als es so weit war. Ein eintöniges Pfeifen ertönte. Der Frischling war da.
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