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Die Rache der Schülerin H.

von Caligula
KurzgeschichteDrama / P16 / Gen
Eiji Hoshi Haruka Akechi
02.10.2015
13.11.2015
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13.11.2015 3.411
 
Die Rache der Schülerin H.
Part II


Ich hatte nicht vergessen.
Ich würde niemals vergessen, geschweige denn vergeben.
Eiji Hoshi würde sterben.

Fast zwei Monate waren nun vergangen, seit Shinya tot war und meine Welt in Trümmern lag. Meine Eltern hatten keine Ahnung. Sie wussten nicht, dass der tote Gangsterboss mein Freund gewesen war; sie gingen davon aus, dass mein Freund mich hatte sitzen lassen und dass ich mich deshalb wochenlang in meinem Zimmer verkrochen hatte. Ihre Ahnungslosigkeit machte mich krank, doch ich hielt es für besser sie auch weiterhin aus meinem Leben herauszuhalten, denn es würde gefährlich bleiben, auch ohne Shinya.
Nur wenige Tage nach der Tragödie hatte mich Kikuchi angerufen. Er war so etwas wie Shinyas bester Freund gewesen und einer seiner wichtigsten Jungs. Ein ruhiger, besonnener Zeitgenosse, der mit Brille und Hemd alles nur nicht gefährlich oder kriminell aussah. Ich hatte ihn schon abwimmeln wollen; hatte nichts mehr von der ganzen Scheiße hören wollen, doch dann hatte mich seine Frage überrumpelt.
„Was machen wir jetzt?“
Nur langsam begriff ich. Ich war immer noch ein Teil der Bande. Ich war die Frau vom Boss. Ich war der Boss. Die Jungs hielten Shinya unverbrüchlich die Treue. Und damit auch mir. Sie akzeptierten mich als neuen Anführer.
Und so war aus dem lieben kleinen Mädchen schließlich ein Gangsterboss geworden.
Natürlich konnte ich mich nicht wirklich über den Aufstieg und all die Macht, die plötzlich allein in meinen Händen lag, freuen. Das war es einfach nicht wert gewesen. Aber ich beschloss, meine Machtposition zu nutzen, um mir meinen sehnlichsten Wunsch, Rache an Hoshi, zu erfüllen.
Ich hatte alles Wissenswerte über Hoshi in Erfahrung gebracht und zusammengetragen. Dabei war mir eine mir bislang gänzlich unbekannte Größe überraschend zur Hand gegangen. Das Mädchen Mafuyu. In all meiner Zeit an Shinyas Seite hatte ich sie nicht einmal kennengelernt, während sie meinen Freund bestens zu kennen und sogar um ihn zu trauern schien. Mir gefiel diese Verbindung nicht, doch ich war klug genug ihr mit Dankbarkeit und vorgeheuchelter Freundlichkeit zu begegnen, hatte Kikuchi mich doch ausreichend darüber aufgeklärt, mit wessen Tochter ich es zu tun hatte. Schließlich hatte sie über Hoshi gesprochen, den sie, ebenso wie Shinya, bloß beim Vornamen nannte. Und da war das Mädchen plötzlich interessant für mich geworden. Sie kannte ihn, sie verkehrte mit ihm – sie war der Schlüssel zu meinem Erfolg.

Mir war heiß und meine Kehle so trocken, dass sie schon brannte. In meiner Konzentration vergaß ich ständig zu trinken. Aus den Lautsprechern drang lauter Bass und der dunkle Raum war überfüllt mit feiernden Menschen. Ich war vermutlich die einzige Anwesende, der nicht nach Feiern zumute war, aber dafür hatte ich den Club auch nicht aufgesucht. Ich war seinetwegen hier.
Wie ich es vorausgesehen hatte, tauchte Hoshi schließlich mit einer Gruppe von Freunden auf. Zwischen den anderen Typen konnte ich ihn kaum ausmachen, da ich ihn noch nie persönlich gesehen hatte und mir die schlechte Beleuchtung das Spähen zusätzlich erschwerte. Daher nutzte ich meine Erfahrungen im Beobachten fremder Menschen und hatte mein Zielobjekt bald schon ermittelt. Es war sein gönnerhafter Umgang mit seinen Freunden, der ihn verriet. Seine gesamte Körperhaltung schrie "Ich bin der Boss", er war einnehmend, sein Blick war nicht ein einziges Mal wachsam, er entschuldigte sich nicht, er dachte nicht über seine Worte nach. Ich näherte mich der Gruppe unauffällig, um einen besseren Blick auf ihn zu erhaschen. Er war groß und schlank. Seine Haare waren hell, nur die Farbe ließ sich im vorhandenen Licht nicht ermitteln. Ich wusste allerdings von Bildern, dass sie grau waren. Und seine eisblauen Augen waren voller Verachtung. Es waren dieselben Augen, die den am Boden liegenden und verblutenden Shinya verspottet hatten.
Ich erschrak, als mich jemand anrempelte. Ein junger Mann mit Brille, der sich sogleich entschuldigte und mir schon einen Drink ausgeben wollte. Ich wehrte ab und er verzog sich. Unter anderen Umständen hätte ich ihm vielleicht eine Chance gegeben. Aber jetzt hatte ich nur Augen für einen ganz bestimmten Mann.
Ich beobachtete die Jungs noch eine Weile, bis einige von ihnen schließlich auf Beutefang gingen. Hoshi blieb an der Bar. Unwillkürlich fragte ich mich, ob sein Verhalten etwas mit seiner vorhandenen Freundin zu tun hatte. Aber wie viel mochte ein Mörder schon auf Treue geben? Ich ließ es auf einen Versuch ankommen.
Ich näherte mich der Gruppe von nur noch drei Mann, die ganz in ihr Gespräch vertieft war, und tat, als wolle ich sie passieren, wobei ich mich eng an Hoshi vorbei drängte. Als wäre ich versehentlich mit ihm zusammengestoßen, stolperte ich einen Schritt nach vorne und verschüttete ein paar Tropfen meines Drinks. Fragend drehte Hoshi sich zu mir um und auch seine Jungs musterten mich neugierig.
„Sorry“, nuschelte ich in der Hoffnung betrunkener zu klingen, als das bisschen Alkohol, das ich bis jetzt zu mir genommen hatte, überhaupt ermöglicht hatte. Und zu meiner Zufriedenheit legte sich ein berechnendes Lächeln auf seine Lippen.
„Schon gut“, winkte er ab und wandte sich nun vollends zu mir um. Er checkte mich von oben bis unten ab und was er sah, schien ihm zu gefallen. „Ganz alleine unterwegs?“, wollte er wissen.
„Meine blöde Freundin hat in letzter Sekunde abgesagt“, erklärte ich.
„Gibt´s ja nicht, so ein Unding“, lachte er und seine Kollegen stimmten mit ein. Er nahm mich nicht für voll, aber ich spielte meine Rolle weiter, ohne mir meine Wut anmerken zu lassen. „Kann ich dich vielleicht auf einen Drink einladen?“
Nun war ich es, die lächelte.

Wie eine Besessene verbrachte ich fast zwanzig Minuten damit, mir die Zähne zu putzen und den Mund auszuspülen, nachdem ich bereits sehr ausgiebig geduscht hatte. Zwischendurch klopfte meine Mutter schon ungeduldig an die Tür, weil sie endlich ins Bett wollte, zeigte aber immer noch zu viel Mitleid mit mir und meiner Situation, als dass sie mich rausgeschmissen hätte. Genervt blickte ich zur Tür und bestrich die Zahnbürste abermals mit der reinigenden Paste.
Der Abend war ein voller Erfolg gewesen und trotzdem fühlte ich mich schrecklich. Ich hatte Hoshis, mittlerweile Eijis, Interesse geweckt und ihn den ganzen Abend fesseln können. Der Preis dafür waren seine aufdringlichen Annäherungsversuche gewesen. Ständig hatte er mich angefasst, war mir auf die Pelle gerückt und hatte sogar versucht, mich zu küssen. Der Typ, der meinen Freund auf dem Gewissen hatte. Ich schüttelte mich vor Ekel, spülte ein letztes Mal den Mund aus und gab schließlich das Badezimmer wieder frei.
Zu Beginn meiner Pläneschmiederei hatte ich mir sogar vorgenommen, ihn nachhause zu begleiten, bevor mir bewusst gewesen war, dass es nicht so einfach war wie es auf den ersten Blick schien. Eiji war nicht schwer zu knacken gewesen und ich machte mir Hoffnungen, dass es theoretisch auch leicht werden würde, ihm noch näher zu kommen, um den perfekten Moment abzupassen, ihn endlich zu beseitigen. Praktisch jedoch brauchte ich weitaus mehr Zeit als ich zunächst eingeplant hatte. Plötzlich waren all diese Erinnerungen auf mich eingestürzt. Auch Shinya hatte ich in einem Club kennengelernt. Äußerlich waren sie sich gar nicht so unähnlich. Shinyas Hände, die mich berührten. Seine Lippen, die mich küssten, mir unanständige Dinge ins Ohr flüsterten und mir ewige Liebe schworen.
Heiße Tränen rannen meine Wangen hinunter. Ewig, hatte er gesagt. Und nun war er nicht mehr da.
„Haruka?“, erklang vom Flur die Stimme meiner Mutter. „Alles in Ordnung?“
„Alles bestens“, log ich und schluckte meine Trauer einmal mehr runter. Shinya würde nicht wollen, dass ich mich so hängen ließ. Er würde Rache wollen. Zufrieden nahm ich mein Handy vom Nachttisch und entdeckte eine Nachricht von meinem neuen Verehrer. Ich lächelte. „Gute Nacht.“

Er wollte mich wiedersehen und ich erfüllte ihm seinen Wunsch. Ich traf ihn nach der Schule, was sein Vertrauen in mich stärken dürfte; immerhin offenbarte ich ihm, welche Schule ich besuchte. Ich wollte so unschuldig und unverdächtig wie möglich wirken. Er sollte nicht einmal ahnen, dass wir im gleichen Geschäft und unmittelbare Konkurrenten waren.
„Und? Wie läuft es in der Schule?“, wollte er wissen, um ein Gespräch in Gang zu bringen, während wir durch den Stadtpark schlenderten, wobei er mir nicht anbot, meine Tasche zu tragen.
„Ganz gut“, antwortete ich ehrlich. „Ich hatte noch nie Schwierigkeiten mit dem Lernen.“
„Und wie lange musst du noch?“
„Noch ein Jahr.“ Wie seine Freundin, die er bislang mit keinem einzigen Wort erwähnt hatte. „Und dann geht´s an die Uni.“
„Sieh an, du willst studieren?“ Er zündete sich eine Zigarette an. Wieder eine Gemeinsamkeit mit Shinya. „Willst du eine?“
„Danke, ich rauche nicht“, wehrte ich ab.
„Gibt schlimmere Süchte“, rechtfertigte er sein Verhalten direkt mit einem gönnerhaften Lächeln.
Kokain, zum Beispiel? Kokain und Zigaretten – ob er selbst wusste, was er sich mit der Mischung antat? Ich konnte nur hoffen, dass er mir nicht zuvor kam und verreckte, ehe ich ihm die Kehle durchschneiden konnte. Eigentlich war ich mir noch nicht sicher, wie ich es letztendlich tun wollte. Mit Sicherheit wusste ich nur, dass er vorher gründlich leiden sollte.
„Was grinst du so?“, riss er mich amüsiert aus meinen Gedanken.
Ich schüttelte den Kopf. „Schon gut. Und du gehst nicht mehr zur Schule?“
„Nein, ich hab den Mist hinter mir“, lachte er.
„Dann arbeitest du?“
„Ja, in einer Videothek.“ Lüge. „Heißt, ich komme umsonst an viele gute Filme ran. Vielleicht willst du mal bei mir vorbeikommen, dann können wir uns welche ansehen.“ Er verlor keine Zeit, das musste ich ihm lassen. Vermutlich hätte auch er mich am liebsten schon gestern auf dem Klo des Clubs gevögelt. Allein bei der Vorstellung stieg mir die Galle hoch.
„Klingt toll...“ Ich verfluchte mich dafür, dass ich das Zögern nicht gänzlich aus meiner Stimme hatte verbannen können und betete mit gesenktem Kopf, dass er mir meine Abscheu nicht ansah.
„Keine Sorge, ich werde schon nicht über dich herfallen“, versprach er.
Eine weitere Lüge.

Schneller als ich gucken konnte, hatte er auf mir drauf gelegen, meine Proteste vollends ignorierend. Seine Hände waren schnell unter meinen Klamotten verschwunden. Unter meiner Bluse, meinem Rock, meinem Höschen. Ich hatte versucht meinen Ekel beiseite zu schieben und mich auf den Film zu konzentrieren, ohne die Bilder in einen Zusammenhang bringen zu können. Irgendwann hatte ich aufgehört Widerstand zu leisten, um ihn nicht zu vergraulen, und redete mir ein, dass ich es ja doch nie freiwillig zugelassen hätte und es somit vielleicht besser war, dass er so entschieden die Initiative ergriff. Ich rang mir sogar ein Stöhnen ab, als er mit tiefen Stößen in mich eindrang, wenngleich ich am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre oder ihm den Schwanz abgerissen hätte. Ich versuchte einfach nichts zu denken.
Anschließend war es unheimlich still. Zuerst war der Film noch gelaufen, doch als nach dem Abspann alle paar Sekunden dieselbe nervtötende Musik von vorn spielte, hatte Eiji das Gerät ausgeschaltet und es war mucksmäuschenstill im Zimmer geworden. Auch draußen war kaum etwas zu hören, nur selten fuhr ein Auto vorbei. Ich lag mit dem Rücken zu Eiji und sah aus dem Fenster auf die nächtliche Nachbarschaft. Er lag auf dem Rücken, schien sich aus meinem abweisenden Verhalten jedoch nichts zu machen. Er schien wie ich in Gedanken versunken. Ob er doch so etwas wie Reue kannte?
„Das war nicht dein erstes Mal, oder?“, durchbrach er schließlich die Stille.
„Nein.“
„Hast du einen Freund?“
„Nein.“ Ich zögerte einen Moment. „Ich hatte einen, aber... es ist wohl vorbei.“
„Verstehe.“ Er schmunzelte. „Ich hab auch jemanden verloren. Wobei... eigentlich kann man das so nicht sagen. Wir standen uns eigentlich überhaupt nicht nahe. Und es ist... endgültiger als eine Trennung.“ Meine Hand verkrampfte sich um die Decke, die ich um meinen Körper geschlungen hatte. Sollte das jetzt ein schlechter Scherz sein? Wagte dieses Arschloch tatsächlich über Shinya zu sprechen? „Er war... nur ein Bekannter. Und ich konnte ihn nicht einmal leiden. Beruhte auf Gegenseitigkeit. Wir haben uns regelrecht gehasst. Aber jetzt... jetzt ist er tot...“ Er machte eine Pause, als müsse er sich sammeln. Es klang beinahe so als wäre er den Tränen nahe. „Und es ist meine Schuld“, gestand er und zu meiner maßlosen Verwunderung weinte er. Eiji Hoshi weinte. Wegen Shinya. Mein Herz raste vor Aufregung und ich ließ ihn ohne die kleinste Unterbrechung weiter erzählen. „Ich hab ihn umgebracht. Ich hab ihn auf dem Gewissen.“
Ich schluckte. „Ich dachte, du hasst ihn gehasst“, gab ich leise zu bedenken. Er war ohnehin zu aufgewühlt um meine gefasste Reaktion auf sein Geständnis, jemanden umgebracht zu haben, zu realisieren.
„Das macht es nicht besser!“, fuhr er mich an, doch ich konnte hören, dass sich sein Zorn gegen ihn selbst richtete. „Du hast keine Ahnung wie das ist! Ich fühle mich... keine Ahnung... ich habe das nicht gewollt. Ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Ich hab Alpträume von der Scheiße!“ Er schluchzte vor sich hin und ich drehte mich langsam zu ihm um. Mit einer Hand bedeckte er seine Augen. Vermutlich waren es die Drogen, die ihn jetzt so runterzogen. Ich lehnte mich vor und küsste sanft seinen Arm. Ein vermeintlicher Trost und ein kleines Dankeschön, dass er mir diesen Anblick ermöglicht hatte. Und ich genoss es, ihn leiden zu sehen.

Nach diesem sehr intimen Zusammentreffen meldete er sich tagelang nicht mehr bei mir und reagierte auch nicht auf meine Nachrichten. Ich befürchtete schon fast, er wolle mich nicht mehr sehen und dass ich umplanen müsse, als er plötzlich doch wieder von sich hören ließ. So munter, als wäre gar nichts passiert. Er lud mich erneut zu sich nachhause ein, diesmal am hellichten Tag, was mir Hoffnung machte, dass ich nicht wieder die Beine für ihn breit machen sollte, und als ich sein Haus erreichte, schien sich meine Hoffnung zu erfüllen. Denn dort kam gerade seine Freundin aus der Tür. Mit den zusammengebundenen Haaren hätte ich sie beinahe nicht erkannt. Ihr frischer Duft und die leicht feuchten Haaren verrieten mir, dass sie geduscht hatte.
Als sie mich passierte, grüßte sie knapp – was für ein gut erzogenes Mädchen. Da war es ja fast schon meine Pflicht, sie vor ihrem gefährlichen Freund zu warnen.
„Du bist Tomoko Nohara, richtig?“, fragte ich und sie drehte sich überrascht zu mir um.
„Woher kennst du mich?“, wollte sie wissen.
„Eiji hat dich erwähnt. Du bist doch seine Freundin.“
„Und woher kennst du Eiji?“, wurde sie noch skeptischer. Dabei wunderte es sie überhaupt nicht, dass ich ihn kannte. Sie interessierte vor allem was ich bei ihm zuhause verloren hatte.
„Das... willst du gar nicht so genau wissen“, antwortete ich geheimnisvoll und genoss ihre Panik und Verwirrung, die sich auf ihrem Gesicht, in ihren großen, braunen Rehaugen wiederspiegelte. „Du weißt sicher, dass dein Eiji so manches Geheimnis vor dir hat.“
„Was soll das heißen?“ Sie klang trotzig, was sie irgendwie niedlich machte. Ich konnte verstehen, was er an ihr fand.
„Dass du dich da mit einem ziemlich bösen Jungen eingelassen hast. Wenn ich dir einen Rat geben darf, lass ihn fallen solange er es dir noch nicht übel nimmt.“
„Bitte?“, empörte sich Tomoko und ihre Hände verkrmpften sich um den Gurt ihrer Umhängetasche. Doch sie wagte nicht, näherzukommen. Sie hatte Angst.
„Typen wie Eiji kenne ich. Er schläft mit dir, während seine Leute, die Leichen, die seinen Weg pflastern, beseitigen. Er sagt dir, dass er dich liebt, nachdem er sich eine weitere Ladung Koks reingezogen hat. Vielleicht verspricht er dir auch, dich zu heiraten – während er die Nutten selbst vögelt, die dein Hochzeitskleid bezahlen sollen. Er richtet sich selbst zu Grunde, wird wahrscheinlich nicht mal seinen dreißigsten Geburtstag erleben und zerstört auf seinem kriminellen Weg der Selbstzerstörung hunderte unschuldiger Leben. Das ist dein Freund.“
Tomoko starrte mich aus großen Augen fassungslos an. Sie wollte mir nicht glauben. Mir wäre es an ihrer Stelle nicht anders gegangen. Aber es war die bittere Wahrheit. So schwer es mir auch fiel es zu akzeptieren, aber es war genau das Schicksal, das mir mit Shinya bevorgestanden hatte. Nur hatte mich niemand gewarnt.
„Er ist in einer Gang“, brachte Tomoko schließlich flüsternd hervor. „Das mag stimmen. Aber es ist nicht so, wie du es darstellst. Du beschreibst irgendeinen drittklassigen Gangsterfilm!“
Beinahe hätte ich laut aufgelacht bei dem Gedanken, dass ihr Typ mich bei einem beschissenen Film durchgenommen hatte. Es stimmte, sie wusste so gut wie nichts über Eijis Tätigkeit. Wahrscheinlich glaubte sie es gäbe hin und wieder mal eine Drohung und seltener Schläge um ein paar Yen einzutreiben. Ein bisschen beneidete ich sie für ihre Naivität. Vor allem beneidete ich sie für all das was sie noch hatte und was ich verloren hatte.
„Ich habe es dir im Guten gesagt“, fuhr ich düster fort. „Und jetzt verzieh dich.“
„Du... du hast mir gar nichts zu sagen!“, rebellierte sie. „Und wer bist du überhaupt?“
Entschieden trat ich auf sie zu und packte das verschreckte Mädchen am Handgelenk, das sie abwehrend gehoben hatte. „Ich sagte, verzieh dich!“
„Lass mich los! Oder ich rufe meinen Freund!“
Schon hatte ich ihr das Handy abgenommen hatte, das ihr beinahe aus der Tasche ihrer kurzen Jeans gefallen wäre. Sie griff danach, doch ich stieß sie weg. „Zum letzte Mal, verpiss dich!“
Zu meiner Erleichterung schüchterte ich sie so weit ein, dass sie sich nicht an mir vorbei und zum Haus, zu ihrem rettenden Eiji, wagte, sondern davonlief. Ich fluchte, weil ich gar nicht derartig die Kontrolle hatte verlieren wollen, und steckte das Handy ein. Sie konnte es sich später bei Eiji wieder abholen. Während mich der Fahrstuhl rauf zu seiner Wohnung beförderte, überlegte ich bereits fieberhaft, was ich ihm wegen Tomoko erzählen sollte. Scheiße, diese blöde Kuh hatte möglicherweise meinen ganzen Plan ruiniert!

Eiji war in sein Handy vertieft, als er mir die Tür öffnete und mich hineinließ, eine Kippe im Mundwinkel. Ich nahm ihm gegenüber am Esstisch Platz und beobachtete ihn neugierig. Ich versuchte in ihm zu sehen, was Tomoko sah. Ein kriminelles Arschloch, das seine Freundin trotzdem über alles liebte. Shinya. Hatte er mich je betrogen? Ja, hatte er. Einmal direkt vor meinen Augen. Trotzdem hatte ich gewusst, dass er mich liebt.
„Kennst du 'Rabbit Doubt'?“, riss Eiji mich plötzlich aus meinen Gedanken.
„Bitte?“
„Das ist ein Spiel. Warte... Es war einmal ein verkleideter Wolf, der sich in eine Gruppe Hasen schlich. Sobald die Häschen eingeschlafen waren, ließ der Wolf seine Maske fallen und fraß eines der Häschen auf. Jeden Tag eines. Die Häschen die nicht wussten, wer unter ihnen der Wolf war, hielten Kriegsrat. Und sie entschieden sich, Tag für Tag einen der ihnen zu töten. Und zwar den, den die anderen als Wolf verdächtigten. Falls der Getötete wirklich der Wolf wäre, hätten die Häschen ihn besiegt. Aber falls sie sich irrten, dann würden alle Häschen vom Wolf gefressen werden. Klingt ziemlich krank, oder?“, fragte er grinsend.
„Allerdings...“ Für einen Moment war mir das Blut in den Adern gefroren. Für einen Moment hatte ich geglaubt, er spräche von mir.
„Eine Freundin hat mir davon erzählt. Da fahren im Moment alle drauf ab.“ Noch immer tippte er auf seinem Handy herum.
„Du auch?“, wunderte ich mich.
„Ist ganz witzig. Meld dich doch auch an.“
Ich zog mein Handy aus der Tasche, wobei mir Tomokos wieder in den Sinn kam und legte ihres auf den Tisch. Er musterte es stirnrunzelnd, erkannte es als das seiner Freundin, konnte sich aber nicht erklären, woher ich es hatte. Prüfend sah er mich an und mir brach der Schweiß aus. „Lag vor der Haustür“, log ich. „Muss jemand verloren haben.“ Er griff danach und spielte darauf herum.
„Diese dämliche...“, murmelte er. „Kein Problem, ich weiß wem es gehört. Ich werde es ihr zurückgeben.“ Damit war das Thema für ihn erledigt und er befasste sich wieder mit seinem eigenen Gerät. „Wie sieht´s aus? Zocken wir ne Runde? Es ist echt krass.“
„Ja, sicher“, gab ich mein Einverständnis. Es war die perfekte Ablenkung. Zwar war ich davon überzeugt, dass Tomoko noch versuchen würde anzurufen, aber ich war auch zuversichtlich, dass ich Eiji gut genug würde ablenken können, während ich ihr meine Jungs zur Warnung vorbeischickte. In der Zwischenzeit würde er seinen Spaß haben und keinen Gedanken an seine Freundin verschwenden. Sei es mit Sex oder mit dem neusten Trend der Spieleindustrie.
Wir gründeten eine Gruppe, bei der sich rasch vier weitere Spieler einfanden. Sobald alle bestätigt hatten, entschied das Zufallsprinzip darüber, wer Hasen und wer den Wolf spielen würde, ohne dass man einander in die Karten schauen konnte.
Als ich meinen Bescheid erhielt, versuchte ich mir vor Eiji nichts anmerken zu lassen.
Ich war der Wolf.
Er ein Schaf.

Ich fand Gefallen an dem makaberen Spiel und beschloss, die Rolle des Wolfes noch ein wenig zu spielen, bis endlich der richtige Moment gekommen war.
Der Moment zum Zuschlagen.
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