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Die Rache der Schülerin H.

von Caligula
KurzgeschichteDrama / P16
Eiji Hoshi Haruka Akechi
02.10.2015
13.11.2015
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Die Rache der Schülerin H.
Part I


Als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, mein Schädel würde platzen. Zu viel Alkohol... Aber nachdem alles so beschissen falsch gelaufen war, hatte ich mich erst mal besaufen müssen.

Das nächste Mal wurde ich vom widerlich lauten Bimmeln meines Handys geweckt. Da, wer auch immer es war, einfach nicht aufgeben wollte und auch das Kissen über meinem Kopf keinen Schutz gegen den Lärm bot, ging ich schließlich dran.
„Was?“, stöhnte ich genervt.
„Guten Morgen, Schatz!“, quäkte meine Freundin unerträglich gut gelaunt. „Ich hab dich doch nicht geweckt, oder?“ Wie ich dieses Weib von Zeit zu Zeit hasste...
„Was willst du?“
„Ich wollte... vorbeikommen... wenn du nichts dagegen hast! Wir könnten zusammen frühstücken.“ Ich brummte zur Bestätigung. Jetzt, wo sie es angesprochen hatte, fiel mir auf, wie hungrig ich eigentlich war. „Dann mach ich mich gleich auf den Weg! Hab dich lieb!“
„Hey!“, hielt ich sie noch auf, ehe sie auflegen konnte. „Bring Frühstück mit.“

Sie klingelte keine Stunde später. Ich öffnete Haus- und Wohnungstür und wartete bis Tomoko aus dem Fahrstuhl und den dunklen Flur entlang kam. Sie strahlte wie immer und begrüßte mich freudig, drückte mir einen Kuss auf die Lippen und stolzierte, beladen mit zwei Einkaufstüten, in die offene Küche. Mein Blick blieb wie so oft an ihrem Hintern hängen, der unter einem unverschämt kurzen Rock steckte, ehe ich die Wohnungstür schloss und ihr folgte. Während sie ihre Tüten fröhlich summend leerte und nach und nach den Tisch deckte, hatte ich mich an eben diesem bereits niedergelassen und wartete ab.
„Du siehst unausgeschlafen aus“, stellte sie lächelnd fest. „Und du hast dich noch nicht mal angezogen!“ Ich saß in Jogginghose und ohne Oberteil am Tisch, doch ich wusste, dass ihre Vorwürfe nicht ernst gemeint waren. Sie konnte mir nichts vorschreiben. „Na, wenigstens hast du ein paar Teller und Besteck im Haus!“ Die Wohnung war spärlich eingerichtet und die meisten Schränke und Schubladen weitesgehend leer. „Bitte! Es gibt umeboshi, Reis, Miso-Suppe, Algen und Eier! Lass es dir schmecken!“ Trotz meines Hungers konnte ich mir das Essen kaum wirklich schmecken lassen. In Gedanken war ich ständig bei meinem vermeintlichen Sieg, der mich alles gekostet hatte. Mein Zuhause, meine Lizenz...

Ich weiß gar nicht mehr genau wann, aber irgendwann in der Mittelschule war ich an die falschen Leute geraten, die mir Koks verkauft hatten. Die Abhängigkeit hatte nicht lange auf sich warten lassen. Ich hatte mein ganzes Taschengeld für das Zeug verprasst, bis ich damit allein nicht mehr hingekommen war. Dann hatte ich begonnen zu stehlen; Kleinigkeiten aus unbewachten Läden, mit denen sich kaum Geld verdienen ließ. Das Erpressen von Mitschülern hatte sich da als wesentlich lukrativer erwiesen und war, da ich seit jeher zu den Stärkeren in der Schule gezählt hatte, auch leicht umzusetzen gewesen. Drogenabhängigkeit, drogenabhängige Freunde - meine Eltern hatten von alldem nichts mitbekommen. Sie hatten in mir nur den guten Schüler und braven Sohn gesehen. Aber sie hatten ja ohnehin nie viel von mir gesehen.
Ein prächtiges Haus mit riesigem Garten, drei dicke Wagen, zwei Ferienhäuser im Ausland, Mitgliedschaft im Golfclub; sie hatten so viele tolle Sachen, die ihrer Aufmerksamkeit bedurften, dass es verständlich war, dass sie für ihr einziges Kind kaum Zeit aufbringen konnten. Je älter ich geworden war, desto weniger hatte ich mich an dieser Tatsache gestört; war es mir doch nur gelegen gekommen, wenn meine Eltern nicht einmal von meinen illegalen Aktivitäten ahnten und ein so perfektes, wenn auch verzerrtes, Bild von mir hatten. Ein klein wenig hatte ich mich immer davor gefürchtet, was wäre, wenn sie die Wahrheit erführen. Andererseits hatte ich nie Bedenken gehabt, dass es wirklich dazu kommen könnte.
Es waren auch meine Eltern gewesen, für die ich damals mit dem Boxen angefangen hatte. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass ich mich in irgendetwas besonders hervortat. Irgendetwas, das den Ruhm unserer angesehenen Familie noch mehrte. Damals hatten sie mich überallhin mitgenommen; jeden Sport, jede Aktivität hatte ich ausprobieren müssen. Eigentlich hatte ich Rockstar werden wollen; davon waren meine Eltern allerdings weniger begeistert gewesen. Mit dem Boxen waren sie einverstanden gewesen. Und auch ich hatte schnell Gefallen daran gefunden. Beim Boxen durfte ich einfach ich sein, ohne mich verstellen zu müssen. Ein Junge, der Gewalt liebte und ein großes Bedürfnis verspürte, Aggressionen abzubauen. Zwar hatten wir unterschiedliche Ziele verfolgt, waren aber doch auf einen Nenner gekommen. Ich hatte mich wie gewünscht in dem was ich tat besonders hervorgetan und war zum gefeierten Nachwuchstalent aufgestiegen. Ich hatte Wettkampf für Wettkampf gewonnen, einen der besten und teuersten Trainer des Landes zur Seite gestellt bekommen und hatte als größte und vielversprechendste Hoffnung des Nachwuchskampfsports gegolten. Fortan waren die Hoshis nicht nur Banker und Ärzte, sondern auch Profisportler. Ich hatte meinen Teil zum Familienglück beigetragen.

Nach meinem Schulabschluss, der jetzt knapp ein Jahr her war, hatte ich den Kampfsport genutzt, um auf der faulen Haut liegen zu können. Natürlich hatten meine Eltern erwartet, dass ich irgendetwas studierte, hatten sich aber damit zufrieden gegeben, dass ich mich erst mal auf meine sportliche Karriere konzentrierte. Das hatte ich getan, doch das bedeutete nicht, dass ich ansonsten untätig geblieben war.
Drogen und Frauen. Arbeit und Vergnügen. Ich muss zugeben, dass ich in jeder Hinsicht unverschämtes Glück hatte, denn mir schien immer das Beste von allem vergönnt zu sein. Die hübschesten Frauen, die mit ein wenig Geld jede Meinungsverschiedenheit in Sekunden vergaßen, rissen sich um mich. Meine Freunde waren einflussreich. Und ich war in wenigen Jahren zum Boss meiner eigenen Gang aufgestiegen. Eine Gang, die zu den gefürchtetsten im Großraum Tokyo zählte. Mit Drogen und Prostitution machte ich einen Haufen Kohle und verschaffte mir Respekt. Ja, ich genoss es, wie die Leute hinter vorgehaltener Hand ängstlich flüsterten. Ich genoss es, die Macht über Mädchen zu haben, die ihren Körper verkauften, um für mich Geld einzutreiben. Ich genoss es, von der Abhängigkeit all der armen Schlucker zu profitieren, die im Leben weit weniger Glück hatten als ich. Ich genoss es, diese Macht zu besitzen. Und die hatte ich ohne meine Eltern erlangt. Ohne dass meine Herkunft eine Rolle gespielt hätte. Ich hatte es ganz allein geschafft.
Doch war ich nicht allein an der Spitze gewesen.

Neben meiner gab es selbstverständlich noch genug andere fiese Gestalten in der Umgebung, die die gleichen Ziele verfolgten wie ich und meine Bande hatte trotz beachtlicher Größe und Einfluss mit Konkurrenz zu kämpfen – im wahrsten Sinne des Wortes. Shinya Kanagi war so jemand gewesen. Er und seine Bande waren die einzige Jugendbande im Großraum Tokyo gewesen, die mir wirklich regelmäßig Kopfschmerzen bereitet hatte. Überall hatten sie mitgemischt und uns hochgenommen, wo immer sich eine Gelegenheit geboten hatte, sogar in unseren Vierteln. Wie oft hatte ich schon geflucht, ich würde diesen verdammten Wichser umbringen. Im Nachhinein muss ich zugeben, nicht mehr zu wissen, wie ernst mir diese im Zorn gesprochenen Worte gewesen waren. Fakt war jedoch, ich hatte es letztendlich getan.
Ein Funke hatte das randvolle Fass zum Überlaufen gebracht und plötzlich war alles außer Kontrolle geraten. Es war die wohl heftigste und brutalste Massenschlägerei zwischen zwei verfeindeten Jugendbanden im Großraum Tokyo aller Zeiten gewesen, wie die Presse urteilte. Es war das erste Mal gewesen, dass Shinya und ich den direkten Zweikampf gesucht hatten, während um uns herum blindes Chaos getobt hatte. Ich hatte den Kampf dominiert und letztendlich war Shinya geflohen wie ein geprügelter Hund. Ich hatte ihn laufen lassen und meinen Triumph gefeiert. Es war mir befriedigender erschienen ihn zu demütigen, statt ihn ein für allemal aus dem Weg zu räumen. Und dann hatte ich noch am selben Abend erfahren, dass dieses Arschloch seinen Verletzungen erlegen war. Shinya war tot.
Ich hätte mich freuen sollen. Mein größter Rivale hatte ins Gras gebissen und ich war nun die unangefochtene Nummer eins. Aber so einfach war das nicht.
Mit Shinyas Tod war es auch mit mir bergab gegangen. Die ganze Nummer war viel zu öffentlich abgelaufen. Alle wussten was wir getan hatten und was passiert war. Dutzende Verletzte und ein Toter. Zu meinem Glück wusste niemand, dass ich für diesen Toten verantwortlich war, zumindest konnte es mir niemand nachweisen. Trotzdem war der angerichtete Schaden groß genug. Meine Beteiligung an der Massenschlägerei war weithin bekannt. Meine Eltern wussten es, mein Trainer wusste es. Mir war die Boxlizenz entzogen worden und meine Eltern hatten mich aus dem Haus geschmissen. Meine sportliche Karriere war im Arsch und ich hatte mir nichts dir nichts mein Zuhause mit all seinen Annehmlichkeiten verloren.

Nun hauste ich in dieser erbärmlichen Einzimmerwohnung. Wohn-, Schlaf-, Esszimmer und Küche bildeten einen einzigen Raum, das winzige Bad verfügte nur über eine Dusche und nicht einmal ein kleines Fenster und der kleine Balkon bot nichts als die bescheidene Aussicht auf das graue Nachbarhaus, das genauso hoch und durchschnittlich war wie meines. Durchschnittlich, das war so demütigend! Ich gehörte zur Elite! Aber meine elitären Eltern sprachen kein Wort mehr mit mir. Ich solle froh sein, dass sie mir die Wohnung besorgt hatten und mir Unterhalt zahlten. Ganz abgeschrieben hatten sie mich offenbar noch nicht.
„Hast du keinen Hunger?“, riss Tomoko mich aus meinen trüben Gedanken. Sie wusste ganz genau was abgegangen war, weshalb mir ihre unschuldige Ahnungslosigkeit extrem auf die Nerven ging. Sie war einfach strohdumm, dafür heiß. Das war der Grund aus dem ich sie ertrug, auch wenn es mir manchmal doch zu viel war.
„Doch“, gab ich lustlos zurück und kaute demonstrativ auf meinem Brot herum.
„Du kaust seit einer halben Ewigkeit an dieser einen Scheibe Brot.“
„Was willst du, ich esse doch, oder nicht?“, fuhr ich sie an und wie immer wenn ich die Stimme erhob, trieb ich ihr das dümmliche Lächeln aus dem Gesicht. „Vielleicht solltest du mal etwas weniger essen“, setzte ich noch nach und wie auf Kommando ließ sie ihr Brot auf den Teller sinken und griff langsam nach ihrem Glas Saft.
„Entschuldige, ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen...“
„Ja, tust du aber.“
„Tut mir leid...“ Sie hatte den Kopf gesenkt und wich meinem Blick aus, wie immer wenn ich gereizt war, ob es nun mal wieder an ihr lag oder nicht. Man konnte einfach nicht mit ihr streiten. Immer gab sie demütig nach und ging jeder Auseinandersetzung und jedem Wortgefecht aus dem Weg, aus Angst. Sie hatte Angst vor mir und ich keinen Respekt vor ihr. Und trotzdem waren wir nunmehr seit fast einem Jahr ein Paar.
Erst nach einigen Minuten des unbehaglichen Schweigens wagte sie wieder zu sprechen. „Weißt du, ich finde das Zimmer ganz nett. Es fehlen nur ein paar Pflanzen.“
„Ich finde die Bude zum Kotzen und ein bisschen Grün wird daran auch nichts ändern“, erwiderte ich patzig. Sicher fand sie es nett; die Wohnung ihrer Eltern war ja auch kaum größer.
„Mir ist natürlich klar, dass du gerade eine schwere Zeit durchmachst“, ließ sie einfach nicht locker und tätschelte meinen auf dem Tisch ruhenden Arm. „Aber du solltest dich jetzt auf keinen Fall hängen lassen. Du musst versuchen, das Beste draus zu machen und ich bin immer...“
„Bist du dann mal fertig?!“, unterbrach ich sie barsch und sie erschrak. „Du hast nicht die geringste Ahnung von dem was ich durchmache! Ich habe meine Lizenz, meine Familie – mein ganzes Leben verloren! Alles was mir geblieben ist, ist eine strunzdumme Freundin, die die Welt durch eine rosarote Brille sieht und glaubt, dass Ponys Regenbögen fressen und Schmetterlinge scheissen! Ich bin ganz unten angekommen! Ich bin nicht mehr als irgendein blöder Junkie!“
„Das... das ist nicht wahr... Du hast immer noch deine Leute hinter dir“, gab sie leise und eingeschüchtert von sich.
Meine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus. „Oh ja, natürlich. Wer will anerkannter Weltmeister sein, wenn er Gangsterboss spielen darf!“
„Ich dachte doch bloß...“
„Du und denken, dass ich nicht lache! Du kannst dich schminken und die Beine breit machen, sonst bist du doch zu nichts zu gebrauchen!“
„Warum sagst du so etwas Gemeines?“, fragte sie, Tränen in den Augen, die sie kaum noch zurückhalten konnte. Wie ich es hasste, wenn Leute weinten.
Ich seufzte. „Verpiss dich einfach.“
„Bitte schick mich nicht weg“, wisperte sie.
„Ich sagte, du sollst dich verpissen! Und du brauchst gar nicht wiederkommen!“
„Eiji, bitte! Es tut mir leid, wenn ich mich blöd verhalten habe! Bitte verzeih mir!“ Ich erhob mich, packte sie grob am Arm und bugsierte sie zur Wohnungstür. Sie schrie, flehte und wehrte sich nach Leibeskräften, womit sie mich von Sekunde zu Sekunde wütender und aggressiver machte, bis ich sie schließlich gegen die Tür schubste. „Du tust mir weh“, schluchzte sie, einen winzigen Hauch von Vorwurf in der Stimme, während in ihrem Blick nichts als die Bitte lag, bleiben zu dürfen.
„Hau ab“, blieb ich kalt.
Heulend stürzte sie sich in meine Arme. „Bitte, Eiji!“
Ich stieß sie weg und schlug zu. Für einen winzigen Moment verstummte ihr Schluchzen und angespannte Stille trat ein. Dann weinte sie nur umso bitterer. Ich schaffte sie aus der Wohnung, ehe sie wieder nach mir greifen konnte und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.
„Eiji!“, jammerte sie noch. „Bitte, verlass mich nicht!“
„Hau ab.“
Ihr Weinen reduzierte sich auf ein Wimmern. „Ich liebe dich...“
Ich wusste das, auch wenn ich nicht wusste, warum sie es tat. Ich traute mich aber auch nicht zu fragen. Ich schwieg und wartete, bis sie endlich aufgab und sich ihre Schritte entfernten. Müde setzte ich mich aufs Bett und zündete mir eine Kippe an. Ich schien wirklich ein Talent dafür zu haben, Dinge zu verlieren. Aber wegen Tomoko machte ich mir keine Sorgen. In ein paar Tagen würde die Sache schon wieder vergessen sein, immerhin hatte ich jetzt schon zum dritten Mal mit ihr Schluss gemacht.
Wie gerufen trudelte plötzlich eine SMS ein. Eine andere Dame, die ich jetzt nur allzu gerne sehen wollte. Bereitwillig stimmte ich einem Treffen zu.

Wir kontrollierten die Stadt mit ihrem Drogen- und Menschenhandel nicht wirklich; weder ich noch Shinya und seine Jungs damals. Auch wir waren nur Werkzeuge in den Händen der wahren kriminellen Größen Japans. Wir unterstanden direkt dem Mann, der die Stadt wirklich beherrschte. Niemand nannte seinen Namen. Er war einfach unser Big Daddy. Nicht nur in Tokyo, in ganz Kanto, ganz Japan und darüber hinaus herrschte er über ein Imperium dunkler Machenschaften. Und tatsächlich war er für mich zu so etwas wie einem Vater geworden, der aufpasste und mich unterstützte, gleichzeitig aber auch forderte. Ihn persönlich zu kennen war ein Privileg und selbst ich, als einer seiner Günstlinge, bekam ihn nur selten zu Gesicht. Es war vor allem seine Tochter, die für ihn sprach.
Mafuyu war jünger als ich, vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt und doch strahlte sie ein Selbstbewusstsein und eine Autorität aus, die durchaus einschüchtern konnten. Gerade deshalb mochte ich das kleine Prinzesschen und traf mich gerne mit ihr, wenn ihre kostbare Zeit es zuließ.
Wie immer erschien sie in Schuluniform, womit sie nicht nur ihre teure Eliteschule repräsentierte, sondern auch ihren schlanken Körper betonte.
„Immer wieder eine Freude dich zu sehen, Fuyu-chan“, begrüßte ich das hübsche Mädchen mit einem Lächeln und einem Kuss auf die Wange, ehe ich mich ihr gegenüber niederließ. Sie hatte mich bereits erwartet, in einem der teuersten Restaurants der Stadt, dutzende Meter über der geschäftigen Stadt.
„Ich hoffe, du hast noch nicht gegessen“, eröffnete sie.
„War ja rechtzeitig vorgewarnt.“ Inzwischen war der Abend hereingebrochen und jenseits der großen Panoramafenster war nur das Leuchten der der bunten Lichter von vorbeiziehenden Autos und Reklamen in der Finsternis zu erkennen. Zugegeben, aus eigenem Antrieb wäre ich hier nicht essen gegangen. Die Gäste des Lokals waren mir zu versnobt und um überhaupt aufschlagen zu können, hatte ich mich in mein spießigstes Hemd zwängen müssen. Und selbstverständlich durfte ich als Gentleman den ganzen Spaß auch noch bezahlen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass das Essen gut und meine Gesellschaft für den Abend erstklassig war.
Erst als der Kellner unsere Bestellung gebracht hatte, beendete Mafuyu den belanglosen Smalltalk und kam endlich auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.
„Ich nehme an, du hattest nicht bloß Sehnsucht nach mir“, warf ich scherzhaft ein.
„Diese Annahme ist leider korrekt“, sagte sie grinsend. „Aber ein bisschen Sehnsucht hatte ich schon“, fügte sie zwinkernd hinzu.
„Gute oder schlechte Nachrichten?“
„Keine Sorge, so schlecht sind sie nun auch wieder nicht“, winkte sie ab. „Aber erst möchte ich dich etwas fragen.“ Erwartungsvoll hob ich eine Augenbraue. „Wie fühlst du dich?“
„Bitte?“
„Shinya ist tot und dein größter Konkurrent damit ausgeschaltet. Du bist jetzt die Nummer eins.“ Mit ihrer verführerischen Stimme klang das wirklich toll und für eine Sekunde verdrängte ich den Ärger, der damit einhergegangen war.
„So wie du das sagst, folgt da noch ein Aber...“, befürchtete ich.
„Wie unhöflich, ich habe dich etwas gefragt“, tat sie empört.
„Ist ein nettes Gefühl“, antwortete ich auf ihre verdammte Frage, auch wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Das war es einfach nicht wert gewesen.
„Ziemlich bescheiden“, grinste das Mädchen. „Oder du ahnst, worauf ich hinauswill.“
„Hau schon raus.“
„Shinya ist tot“, wiederholte sie. „Aber seine Bande ist damit noch längst nicht zerschlagen.“
Über diese Bastarde hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, zu sehr war ich mit meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen.An jenem Tag hatten sie heftig einstecken müssen und waren nach Shinyas Abgang schließlich geflohen. Ich war davon ausgegangen, dass sie sich zukünftig bedeckt hielten, uns aus dem Weg gingen oder sogar anfragten, bei uns einsteigen zu können. Dass sie sich von diesem Schlag erholten und zusammenhielten, hatte ich nicht in Betracht gezogen. „Ein neuer Anführer?“
„Überrascht dich das?“
Ich zuckte die Achseln und versuchte mir meine wahre Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Offensichtlich hatte ich diese Jungs und ihre organisatorischen Fähigkeiten unterschätzt. Doch wer von ihnen mochte sich nach Shinyas überraschenden Tod die Krone aufgesetzt haben? Ich kannte die Typen an seiner Spitze. Keiner von denen erschien mir fähig, das komplette Kommando an sich zu reissen und den unbedingten Gehorsam der anderen einfordern zu können. Wer war der Kerl? „Kikuchi?“, riet ich ins Blaue.
„Wer weiß“, spielte Mafuyu die Ahnungslose. „Na gut, ich weiß es, ich durfte ihn schon kennenlernen. Aber ich finde es unterhaltsamer, wenn du es selbst herausfindest.“
„Hauptsache du hast deinen Spaß, was?“
„Hey, immerhin habe ich dich gewarnt, oder? Sei auf der Hut. Ich könnte es nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren.“ Sie lächelte zuckersüß und ich wusste, ich würde nicht mehr aus ihr herausbekommen. Sie wollte spielen und mir blieb nichts anderes übrig als mitzuspielen. Also genoss ich den restlichen Abend und drängte die unerfreuliche Neuigkeit in den hintersten Winkel meines Hirns. Für einen Tag hatte ich mich genug geärgert.
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