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Das Licht am Ende der Nacht

GeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
Peter Caine
01.10.2015
30.03.2017
11
36.775
 
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15.10.2015 3.179
 
KUNG FU

IM ZEICHEN DES DRACHEN



------Zu Hause sein------


Sie stand unschlüssig am hohen Tisch, dann aber griff sie zu, zog das Laken herunter und warf es in den nahen Wäschekorb. Da sie keine Ahnung hatte, wo ihr Vater frische Laken aufbewahrte holte sie kurzerhand eines aus ihrem Zimmer. Was machte das schon, die Laken waren doch ohnehin alle braun, beige oder grau, die er besaß. Sie zog das Tuch gerade richtig, als sie Schritte vernahm und sich herumdrehte. Ihr Vater kam zurück aus dem Hausflur. Fragend schaute sie ihn an.
Er nickte, drückte hinter sich die Tür ins Schloss und sah sie nachdenklich zu ihr.
Sie legte ganz automatisch den Kopf schief und versuchte herauszufinden, was wohl los war. Bisher wusste sie nur, das er einen Gast geholt hatte und vermutete, dass es sich dabei um einen Hilfesuchenden handelte. Sie ahnte außerdem, dass ihr Großvater bei Lo Si in der Wohnung bleiben würde, auch wenn sein Alter Freund nun gestorben war. Oder vielleicht auch gerade deshalb?

„Mae Lin? Komm her zu mir.“
Sie nickte und folgte ihm hinüber zu seinem Bett, setzte sich daneben. Fragend schaute sie ihm in die Augen. Sie liebte seine hellbraunen Augen. Sie hatte ein solches Braun vorher nie bei einem Menschen gesehen und sie waren immer so voller Ruhe und Wärme dass sie sich einfach wohl fühlen musste, beruhigt, zu Hause. „Vater? Wer schläft jetzt in Großvaters Zimmer?“
„Maya. Eine... junge Frau. Sie ist... schwanger und jetzt nach dem Tot ihrer Großmutter ganz alleine. Aber sie... muss sich ausruhen, keine Aufregung, keine Anstrengung, sie hat das Kind schon einmal fast verloren.“
„Wo... ist der Vater von ihrem Baby?“
„Tot, er... hat es nicht einmal mehr erfahren.“
„Das ist... nicht fair.“
„Nein, ist es nicht.“
Sie verzog das Gesicht, blickte hinauf an die Decke und sah ihn nachdenklich an. „Kann... kann ich dir helfen? Ihr?“
„Bestimmt. Geh sie besuchen, verbringe Zeit mit ihr, sie muss liegen bleiben in der nächsten Zeit und nur... ein wenig sitzen.“
„Verliert sie das Baby?“
„Ich hoffe nicht.“

Ich auch nicht. Es ist gemein jemanden zu verlieren den man liebt. Und sie hat schon ihren Mann verloren. Sie drehte sich herum und folgte ihrem Vater dann in die Küche. Es gab da etwas, dass sie schon eine ganze Weile beschäftigte und das sie bisher nie gefragt hatte. „Hast du... hast du Mum, richtig geliebt? Oder... war das nur... ich weiß nicht... ein... ausprobieren?“
„Ich habe sie geliebt und vielleicht.... wenn ich etwas älter gewesen wäre und sie... nicht so viel Angst vor deiner Großmutter gehabt hätte... vielleicht hätte ich dann mehr gekämpft. Ich hätte es auf jeden Fall, wenn ich gewusst hätte, dass es dich gibt.“
Das... das hat sie auch oft gesagt?“

„Was?“, Peter blickte überrascht auf.
„Das du sicher nicht gegange wärest, hättest du von mir gewusst. Das du... nicht zurückgeflogen wärest.“
„Du... du weißt, dass ich in New York gewesen bin?“
Mae Lin nickte und erzählte ihm, das es Michelle es ihr gesagt hatte. Michelle habe jedoch nicht gewollt, dass er seine Ausbildung an der Akademie aufgab, nicht für sie und nicht nur wegen einem Kind, das ihr, ihre Mutter vermutlich wegnehmen würde, so zumindest hatte Michelle damals wohl gedacht. Peter schloss die Augen und nickte. Sie wussten beide, dass es anders gekommen war. Michelle hatte mit dem Kind im Arm den Mut gefunden sich ihrer Mutter zu stellen, sie war fortgegangen und hatte sich ein Leben aufgebaut. Sie hatte alleine für sich und ihre kleine Tochter gesorgt, bis zu jenem Tag, da der Unfall ihr so viel genommen hatte. Ihr und damit auch Mae Lin.
„Ich...?“
„Ja?“
„Großvater hat mir schon einen neuen Verband gemacht, aber... ich...“
„Tut es weg?“
„Ja,“
„Mach dich fertig und meld dich dann.“
Sie nickte.

Peter schaute in der Zeit, die seine Tochter im Bad verbrachte noch einmal nach der jungen Frau im Nebenzimmer und versicherte ihr nicht zum ersten mal, das niemand in diese Räume hinein kam. Dennoch versprach er ihr die Haustür unten abzuschließen. Von dort kam er auch gerade herauf, als seine Tochter suchend den kühlen Hausflur betrat. Sie blickte ihm erleichtert entgegen und ging ihm voran zurück in die eigentliche Wohnung. „Du schließt ab?“
„Sie fühlt sich so sicherer.“
„Schon seltsam. Zu Hause habe ich früher neben der Wohnung auch immer mein Fenster und meine Tür abgeschlossen und trotzdem habe ich mich nie halb so sicher gefühlt wie hier. Ich... ich weiß nicht, aber ich... ich denke das bist nicht nur du.“
„Nein, sicher nicht.“, er schloss die Tür hinter sich und sah sie aaufmerksam an. „Es ist, dein Wissen darüber, das es in Chinatown kaum jemanden gibt, der ungebeten hier herein kommen wird und es ist... was mein Vater und ich aus diesem Ort gemacht haben, einen... reinen Ort. Ein Ort... des Friedens.“
Sie nickte und schaute ihn fragend an. „Was muss ich machen?“
„Heute keine Übungen mehr. Du hattest heute genug Bewegung. Komm her und auf den Tich hier.“

Sie kam seiner Aufforderung zwar nach, doch es war ein durchaus seltsames Gefühl sich selbst hier oben auf diesen Tisch zu legen, den er seinen Patienten und manchmal auch Kräutern vorbehielt. Er lächelte ihr beruhigend zu. „Leg dich zuerst auf den Bauch.“
Sie lag kaum, als sie bereits die warmen Hände ihres Vaters spürte, obgleich er sie kaum berührte und außer dem dünnen Seidenstoff ihrer Schlafkleidung auch noch der dicke, stützende Verband zwischen ihm und ihrer Haut war. Sie runzelte verwundert die Stirn, dachte an den Nachmittag mit ihrem Großvater zurück und schloss bald entspannt die Augen.
Als er irgendwann eine einzelne Hand in ihrem Rücken ablegte und sie zu ihr beugte, drehte sie den Kopf und öffnete die Augen. „Der Vorteil am Krank sein ist, dass du das im Bett bei mir machst und ich nicht aufstehen brauche.“
Er schmunzelte. „Der Nachteil... die Massage kann nict richtig wirken, weil die Matratze unter dir viel zu sehr nachgibt.“
Er wartete bis sie saß und half ihr herunter. „Mae Lin? Was bedrückt dich? Außer... deinem Problem an dem wir arbeiten? Und... dem Sport?“

Unsicher blickte sie ihn an. Er hatte schon einige male ein Gespräch in diese Richtung angefangen. Sie wusste auch, wieso er das tat, er merkte das etwas nicht stimmte. Doch die konnt nicht. Sie wollte nicht das die Frau der Fürsorge etwas erfuhr, oder schlimmer ihre Großmutter. Sie wollte auf keinen Fall weg von ihrem Vater. Nicht jetzt, wo sie auch noch einen Großvater bekommen hatte, einen der ebenso warm und gut war wie ihr Vater und ihre Mutter.
Das hier, war fast wie früher mit ihrer Mutter, sie wollte es nicht verlieren.
„Mae Lin? Was immer es ist, du kannst mit mir reden. Immer.“
Sie nickte. „Ich weiß, aber... es ist nichts. Gute Nacht.“
„Nacht Mae Lin.“

xXx


Maya saß in dem Bett, aus dem der Priester sie nicht heraus ließ, außer zur Toilette. Er war freundlich, zuvorkommend. Außerdem kam fast jeden Tag eine Asiatin, eine Freundin, wie sich vorgestellt hatte zu Besuch. Yasmina war nett, hatte ihr Bücher und Musik mitgebracht, doch ihr war langweilig. Sie wusste nicht mehr was sie noch tun sollte. Die Musik kannte sie schon jetzt, nach wenige Tagen nahezu auswendig, oder sie gefiel ihr nicht.
Auch ein junges Mädchen, es hatte sich als Mae Lin vorgestellt war zweimal dagewesen, sie hatten sich jedes mal nur kurz unterhalten, bis jemand anderes gekommen war. Einige ihrer Besucher, nein eigentlich die meisten hatte sie noch nie im Leben gesehen, daher mutmaßte sie, dass es bereits bei den Nachbarn bekannt war, das Caine eine Schwangere aufgenommen hatte. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der meisten Bewohner Chinatowns kannte sie ja bereits, was sie nur noch immer nicht verstand war, wie diese Menschen zugleich so verschwiegen sein konnten. Für sie war es immer noch ein Widerspruch in sich.

Es klopfte und sie sah auf, in einer Mischung aus Erwartung und Neugier.
„Guten Morgen, Maya!“, erklang eine muntere junge Stimme, der sogleich das junge Mädchen folgte, das sie schon zweimal besucht hatte. Das dunkelhaarige Mädchen lächelte breit. „Mein Vater sagte Sie würden sich vielleicht langweilen.“
„Dein Vater?“, fragte sie verwundert und musterte die Kleine. „Wer... ist dein Vater?“
Das Mädchen lächelte breit. „Das wissen Sie wirklich nicht?“, sie schien fast belustigt, als sie näher kam und ihr einen seidenen Mantel auf das Bett legte. Maya schüttelte den Kopf, sie hatte tatsächlich keine Ahnung wer die Kleine war, lediglich, dass sie das Mädchen zuvor schon einmal bei Caine gesehen hatte. Sie wusste jedoch nicht mehr zu sagen bei welchem ihrer Besuche.
„Ich bin Mae Lin Caine. Die Tochter des Priesters.“, sagte sie.

Mae Lin lächelte, nahm den Mantel wieder in die Hand und reichte ihn der Frau. Es... war ein sehr gutes Gefühl sich als die Tochter ihres Vaters vorzustellen. Auffordernd sah sie die Frau an. „Er sagt, Sie dürfen mit mir in die Wohnung kommen, oder den Balkon. Möchten Sie?“
„Sicher. Diese Wände... erdrücken mich.“
Mae Lin lächelte und nickte.

Gemeinsam mit der Schwangeren betrat sie den großen Balkon ihres Vaters. Sie hatte keine Ahnung wie sie sich diesen Balkon ohne all das Grün, den Baldachin und das alles vorstellen sollte. Schon alleine, was alles an Kräutern und Gewürzen hier hing, stand und blühte, die Palmen. Sie atmete tief durch.
„Ein... ein Garten Eden.“
Mae Lin lächelte stumm und setzte sich einfach auf den Teil der Mauer, auf dem ein Geländer angebracht war, lehnte sich dort an. Maya sah sich kurz um und setzte sich dann auf die schmale Holzbank. Sie lächelte der Schwangeren zu. „Ich mag es hier sehr. Es ist... hier so schön ruhig und grün, der Duft der Kräuter und Blüten, ich werde hier immer ruhiger, wenn ich aufgeregt bin.“
„Vielleicht... kann ich hier ein paar Stunden...“
„Ich denke... wir beginnen mit einer.“
„Oh, hi Dad.“, grüßte Mae Lin und stand auf, sie lächelte.
„Ich nehme was ich kriegen kann.“, sagte Maya und schaute ihren Vater aufmerksam an. „Mae Lin ist... Ihre Tochter?“
Ihr Vater nickte mit freundlichem Blick und beobachtete sowohl sie als auch Maya aufmerksam. „Ja, sie ist meine Tochter. Sie lebt noch nicht lange hier.“
„Oh... verstehe.“

„Mae Lin? Würdest du Maya etwasTee holen gehen? Du weißt schon, von dem in der alten Kanne.“
Sie nickte und ging zurück in die Wohnung. Doch sie ließ sich mehr Zeit als nötig, denn sie glaubte, dass ihr Vater sie hauptsächlich fortgeschickt hatte, um alleine mit Maya, seiner Patientin zu reden. Sie konnte sich natürlich irren. Aber sie war sich sicher, dass er sie in dem Fall rufen würde. Er tat es nicht, also suchte sie in aller Ruhe zu dem Tee noch etwas von dem Gebäck, dass sie manchmal da hatten. Immer dann, wenn Yasmina oder einer seiner Patienten etwas vorbeigebracht hatten. Sie fand tatsächlich noch welches und legte ein paar davon in eine der kleinen Glasschälchen. Dann erst ging sie mit dem vollbeladenen Tablett wieder hinaus. Sie stellte alles auf das Podest unter dem Baldachin und kletterte selbst von vorne über die Treppen hinterher.
„Ich dachte... Tee für uns drei und Gebäck sind noch besser, wie nur Tee für unseren Gast?“
„Das war... eine gute Idee.“, lobte ihr Vater und goss erst Maya, dann ihr Tee ein, ehe er seine eigene Schale füllte. Mae Lin nickte. „Danke.“

Sie saßen eine Weile beisammen und irgendwann, ihr Vater begann gerade damit einige trockene Blüten abzuzupfen, da nahm sie sich ein paar Stränge von den abgehangenen Kräutern und striff die getrockneten Blätter ab. Sie drehte sich herum und ließ die trockenen Blätter in eine Schale fallen, die ihr Vater immer bereitgestellt hielt. „Was machst du da?“
Ein wenig verwundert schaute Mae Lin sich um und zu Maya. „Ich...ich sammel nur... die Blätter, oder von den hier gleich die trockenen Blüten ab, Vater braucht sie für verschiedene Arzneien.“
„Und du... weißt von welcher Pflanze er was braucht?“, fragte sie.
Mae Lin zuckte die Achseln: „Meistens. Nicht immer, ich lerne noch.“ Sie grinste breit und lugte hinüber zu ihrem Vater. „Ich mache das gerne.“
„Ach, seit wann?“
Sie starrte ihn ungläubig an, als er zu Lachen anfing und sie hob drohend die Hand. „O-okay, du... hast mich dran bekommen.“, sie sah ihn ergeben an und er nickte. „Jap, hab ich.“
„Und so was nennt sich Priester. Pfff.“
Ihr Vater lachte leise auf und Maya schien sichtlich amüsiert. Mae Lin machte weiter und ihr Vater begann Maya einige der Kräuter zu benennen und ihr zum probieren zu geben. Doch schon nach wenigen Minuten brach er ab, da er von drinnen gerufen wurde. Maya hielt derweil zwei schmale, leicht spitz zulaufende Blätter in der Hand und roch daran. „Das... riecht bekannt.“
„Darf ich?“, fragte Mae Lin und hielt ihr eine Hand hin. Maya reichte ihr eines der Blätter.

Mae Lin roch an dem Blatt, lächelte und biss die hälfte ab, ehe sie nickte. „Mmh, ja. Lakritzkraut. Kann frisch, oder getrocknet als Tee zubereitet werden, schmeckt sehr gut, duftet gut.“
„U-und? Was noch? Weißt du es noch?“
„Lakritz beruhigt den Hals und wirkt.... ein wenig desinfizierend, richtig?“
„Richtig, aber das Kraut weniger wie echtes Lakritz.“
„Kauen geht auch?“
„Ja, schmeckt aber nicht nur nach Lakritz, sondern auch nach Blatt.“, antwortete Mae Lin, schob sich dabei aber schon den Rest des Blattes in den Mund. „Dad? Da unten ist Rica, darf ich noch ein wenig zu ihr gehen?“
„Was macht deine Narbe?“
„Ganz gut, obwohl wir nur heute Morgen verbunden haben.“
„Dann pass auf. Mach nicht zuviel und sei zum Abendbrot zurück. Ich bereite den Badezusatz vor.“
„Okay. Bis später. Auf Wiederehen Maya!“, sie winkte und lief davon.

„Ihre Tochter... ist verletzt?“

„Alte Verletzungen, die nie... ganz richtig verheilt sind, weil man... sich nicht darum gekümmert hat.“
„Wird... es heilen?“
„Mit der Zeit und Geduld und... Training für die Muskeln. Sicher.“, er nickte. „Aber nun... zu Ihnen Maya. Wie... fühlen sie sich?“

„Besser. Ruhiger. Aber... ich wüsste auch nicht, wie das hier anders sein sollte. Hier ist alles... so ruhig, fast... wie als wäre man nicht mehr länger in der Stadt.“
Er nickte und nahm ihre Hände in seine, ruhig spürte er ihren Puls und lenkte seine Energien um, tastete nach ihr. Er lächelte und sah sie ruhig an: „So...“, begann er leise und machte eine kurze Pause ehe er fortfuhr, „... soll es sein. Ein Ort der Ruhe und des Friedens.“
„Glauben Sie mir, das haben Sie hier.“, sagte sie und stand auf, wobei sie die Teetasse abstellte. „Ich... denke ich lege ich mich wieder hin.“
„Natürlich. Sie können aber auch noch hier draußen bleiben Maya, wie Sie... möchten.“
„Danke. Aber ich werde mich hinlegen.“, sie ging zurück in die Wohnung. Er folgte mit dem Tablett und den Teetassen. „Maya?“
Sie blieb stehen und wandte sich ihm wieder zu. „Morgen Abend kommt eine Hebamme vorbei, um nach Ihnen zu sehen. Ich dachte... Sie hätten... womöglich gerne eine Frau zum reden, für das ein, oder andere Frage.“
„Ähm... danke.“

xXx


Rica musterte sie neugierig, während sie Passionsfrüchte essend auf leeren Gemüsekisten an der Straßenecke hockten und den Leuten auf der Straße zusahen. Irgendwann, sie hatte ihre Fruchhälften ausgeleert sah sie zurück und schüttelte den Kopf. „Sag mal... was ist plötzlich so interessant an mir, mmh?“
„Nichts nur... ich frage mich, wieso du mir nicht erzählst, dass dein Großvater ausgezogen ist.“

Mae Lin zuckte die Achseln. Sie empfand es keineswegs als so wichtig um soetwas mit allen zu bereden, auch nicht mit ihrer besten Freundin. Immerhin war Rica hier quasi aufgewachsen und damit kannte sie auch die Geschichten von ihrem Großvater, wieso also hatte sie erzählen sollen, das er fort war? Caine, ihr Großvater war doch immer fortgegangen und wieder aufgetaucht, wie er es für Richtig hielt.
Nachdenklich musterte sie die Freundin.

„U-und du hast mir nicht erzählt, dass du beim Tot des Alten warst! Oder ihr eine fremde Schwangere bei euch aufgenommen habt.“

Nun grinste Mae Lin und schüttelte den Kopf. „Nicht wir, Vater. Er ist Priester, sie war... in einer Notlage und er hat geholfen, tut es noch immer, als Priester und Apotheker.“, antwortete sie. „Außerdem... mein Großvater ist doch nie lange an einem Ort geblieben und... ja, ich war da als der Alte starb. Das war... Zufall.“
„Ich dachte... Shaolin glauben nicht an Zufälle?“, Rica hob die Brauen. Mae Lin stieß die Freundin an und tippte ihr an die Schläfe. „Na wie gut, das ich keine bin.“
„Was? Ich dachte du...“
„Ja, richtig ich lerne. Ich bin Schülerin und da darf ich noch Zweifeln.“

„Woran... zweifelst du denn? Enkeltochter?“

„Grandpa!“
Grand-pa?“, ihr Großvater sah sie mit einer einzelnen gehobenen Braue skeptisch an und hob eine Hand. „Was ist... aus Großvater geworden?“
Sie zuckte die Achseln und stand auf, blieb vor dem alten Mann stehen. „Ich mag Grandpa, das klingt viel... freundlicher und weniger streng.“
„Vielleicht... sollte ich das ja sein?“
Sie verzog das Gesicht, bis sie sein Lächeln bemerkte und verzog den Mund zu einem Schmollen. „Und was ist... wenn ich Grandpa nicht mag?“
„Und ich Großvater?“, fragte sie zurück, verschränkte die Arme und trat beobachtend einen Schritt nach hinten. Ihr Gegenüber schien überrascht, dann lachte er tatsächlich und legte einen Arm um sie. „Na, komm mit. Ich denke... dein Vater wartet mit dem Essen.“

Sie nickte, verabschiedete sich von Mica, bis zum Schulbus am nächsten Morgen und lief ihrem Großvater nach. Kaum hatte sie ihn eingeholt, legte er wieder einen Arm um sie und zog sie näher. „Ich kann dich beruhigen, denke ich.“
„Ja?“, verwundert blickte sie zu ihm auf. Er blieb stehen und nickte. „Ja.“
„Und... womit?“, wollte sie wissen, sie wusste nicht worauf er hinaus wollte.
„Nenn mich ruhig, Grandpa. Dein Vater... er nennt mich, seit wir uns wieder begegnet sind auch nur noch... Paps oder Dad. Nicht Vater.“
„Ist das... schlimm?“
„Nein. Nur... ungewohnt. Als er klein war, damals im Tempel da nannte er mich immer Vater.“
„Dinge... verändern sich nicht?“
„Ja, so ist es. Dinge verändern sich, so ist es der Lauf aller Dinge. Ein... Gesetzt der Natur und es ist... gut so. Denk nach, was würde geschehen wenn wir... wenn sich nichts mehr ändern würde, die Pflanzen blieben... wie sie genau jetzt sind?“
„Es wäre... recht kahl und nur etwas grün, das bunt der Blüten und Früchte würde fehlen.“
„Nein, viel schlimmer noch. Die Frucht auf dem Felde würde niemals wachsen und reifen und wir alle. Menschen, wie Tiere müssten verhungern und würden... sterben.“
Sie blickte ihn erschrocken an. „Daran... ich meine... so habe ich da noch nie drüber nachgedacht.“
„Darum... lernst du gerade erst und ich... lerne immer wieder neu und werde an Gelerntes erinnert.“
„Grandpa?“
„Ja?“
„Wann... kommst du wieder?“
„Gar nicht.“
„Was? Wieso?“
„Weil ich nun der... Ehrwürdige bin und der... sollte an jenem Ort leben, an dem er unsere Geheimnisse am besten wahren kann, im Herzen von Chinatown und dem Rat der Weisen.“
„Verstehe.“
„Komm mich... doch einfach besuchen.“
„Ich darf?“
„Natürlich. Jederzeit. Du bist doch... meine Enkelin. Meine Tür ist dir niemals versperrt, Mae Lin.“
„Dann komme ich. Gleich morgen.“
„Ich werde da sein.“, er neigte den Kopf, nickte und öffnete ihr dann die Tür, zum Hofeingang, der zur Wohnung ihres Vaters führte. Sie trat ein und er folgte.
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