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Das Licht am Ende der Nacht

GeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
Peter Caine
01.10.2015
30.03.2017
11
36.775
 
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10.10.2015 4.323
 
KUNG FU

IM ZEICHEN DES DRACHEN



------Die Reise beginnt------

„Hallo? Ha-llo!?

„Hallo Mae Lin. Dein Vater ist jemandem helfen, er...“

„Ihr Vater benötigt jemanden, der ihn und einen Gast mit dem Wagen abholt.“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich langsam herum und lächelte. „Nǐhǎo Yéyé.“
„Nǐhǎo, wǒ de sūnzǐ.“(*), grüßte sie ihr Großvater mit einem Lächeln zurück.
„Wo genau befindet sich euer Sohn Meister Caine?“, fragte Aron. „Der Junge kann es euch zeigen, er wohnt dort. Aber wartet, Ihr müsst bitte noch etwas mitnehmen, Aron.“

Keine Vier Minuten später beobachtete Mae Lin wie Aron, der ihr irgendwie bekannt vorkam wieder verschwand und mit ihm der Jugendliche, welcher mit ihrem Großvater gekommen war. „Ich dachte... du seist bei einem Freund?“, fragte sie verwundert und setzte sich vorsichtig an den Bartresen im Küchenbereich.
„Ja, so ist es. Da wäre ich noch, wenn dein Vater nicht jemanden gebraucht hätte.“, er neigte seinen Kopf ein wenig hinunter, beinahe wie der Ehrwürdige wenn er zustimmte. Sie runzelte die Stirn.
„Was ist?“, fragte ihr Großvater. Nachdenklich schaute sie zurück. „Hat... hat dir schon maal jemand gesagt, dass du... das du manchmal wie... der Ehrwürdige wirkst?“
Caine lachte leise auf und schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er schien sich sehr zu amüsieren, kam lächelnd näher und blieb vor ihr am Thresen stehen. „Findest du?“
Sie nickte: „Ja.“
„Und... hat dir mal jemand gesagt, dass du den Gleichen Blick hast wie dein Vater damals, wenn ich etwas... nicht wissen sollte?“, fragte sie nun der Priester lauernd. Mae Lin starrte ihn perplex an, schwieg aber. Ertappt?, ging es ihr jedoch durch die Gedanken und rasch wich sie nun dem Blick ihres Großvaters aus.

„Na komm mit hier rüber. Ich mache ich dir einen neuen Verband und danach kannst du mir helfen das Gästezimmer vorzubereiten.“
„Das... wir haben doch gar kein Gästezimmer.“, widersprach ihm seine Enkeltochter und blieb am Tisch stehen. „Láiba qǐng!“
„Was?“, fragte sie perplex. „Was soll rauskommen?“
Wieder lachte ihr Großvater grinsend und schüttelte den Kopf, er hob ihr eine Hand entgegen, mit der flachen Hand zu ihr und zuckte dabei leicht die Schulter. „Nein, chūlái wäre: herauskommen. , Láiba qǐng hingegen, das du bitte herkommen sollst.“, erklärte er.
„Ja aber... warte, was war denn dann: Bàituō?“
„Das...“, begann ihr Großvater und zuckte wieder die Schultern, wobei er gleichzeitig scheinbar den Kopf kurz einzuziehen schien, „Hat mehrere Bedeutungen: Es kann soviel bedeuten, wie: Die Bitte, die Bitten, oder aber auch: Nun komm schon, das... liegt ganz am Zusammenhang.“
„Ah, ha.“, sagte sie und ging nun kopfschüttelnd zu ihrem Großvater.

Während er sich, nachdem sie das T-shirt ausgezogen hatte daran machte ihren Verband abzunehmen schloss sie die Augen. Ihr wurde plötzlich peinlich bewusst, dass sie gerade mit quasi nacktem Oberkörper vor ihrem Großvater stand. Naja, fast, der BH und das Unterhemd, das sie bis unter die Brust hochgehoben hatte, war ja noch da.
In der nächsten Sekunde schallt sie sich selbst für ihren Schrecken und kurzen, stummen Gefühlsausbruch, den ihr Großvater entweder nicht bemerkt hatte, oder dankbarerweise ignorierte, denn wäre sie jetzt schwimmen im Bikini, hätten er und alle anderen wohl mehr zu sehen gehabt. Sie seufzte.

„Alles klar?“, fragte Caine, „hab ich dir wehgetan?“
„Nein, wirklich nicht. Es ist nur... weiß nicht... seltsam?“
„Und... für mich nicht?“
Sie hielt inne, drehte sich herum, so dass er gezwungen war in seiner Handlung, ihre Seite mit Hilfe des Spatels einzucremen zu unterbrechen. Fragend schaute er sie an. „Darüber... habe ich gar nicht nachgedacht.“ Er nickte und als er schon fortfahren wollte hielt sie ihn zurück, sie packte sein Handgelenk und suchte seinen Blick, bis sie ihn gefunden hatte. „Weißt du... worüber ich aber immer wieder nachdenke, fragte sie und schaute ihn an. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich denke, du wirst es mir sagen?“
Sie sah ihn unverwandt an, presste nur kurz die Lippen zusammen und überlegte wie sie es sagen sollte, ehe sie sprach: „Was... was hätte sich wohl geändert, ich meine... was wäre passiert, wenn ich damals in der Bibliothek mit dir gesprochen hätte? Wenn du mitgekommen wärest, oder aber mir zumindest geholfen hättest, wenn du... Mum gesehen hättest?“
„Ja, darüber habe ich auch schon einige male nachgedacht.“, antwortete er.
„Und?“
Er zuckte unschlüssig die Achseln. „Das ist vergangen, Mae Lin. Was vergangen ist, das lässt sich nicht mehr ändern, darüber lange nachzudenken ist müßig und bringt womöglich dunkle Gedanken. Die Antworten aber auf unsere Fragen, die werden wir nicht mehr finden. Wir leben im jetzt und wir müssen...“

„Nach vorne sehen, die Vergangenheit hinter uns lassen.“
Caine nickte und stellte einmal mehr fest, sein Sohn hatte Recht. Sie begriff nicht nur schnell, sie hatte von ihrem alten Meister in der Tat schon einges gelernt. Er dachte einen Moment lang an Michelle und musste seinem Sohn nun Recht geben, dass ihre Mutter sich vermutlich etwas dabei gedacht hatte, ihre Tochter zu einem Shaolin zu schicken. „Soll ich... dann weitermachen?“, fragte er seine Enkelin und hielt ihr den Spatel mit der Creme hin.
Ein wenig unschlüssig wie ihm schien sah sie ihn plötzlich an. „Weiß nicht, wenn... wenn Vater das macht, dann... dann ist das irgendwie... entspannend und lindert schon den Schmerz, keine Ahnung... irgendwie... anders?“, zweifelnd schaute sie ihn an. „Liegt das an mir?“
Caine schüttelte den Kopf. „Nein. Ich... war mir nur nicht bewusst, dass er... schon dabei mehr nutzt als nur die Paste.“
„Was... meinst du damit? Was denn mehr benutzt? Er cremt sie auch nur ein.“, sie war verwirrt. Caine schmunzelte. „Geb mir deine Hand, die mit dem Kratzer von der Tür gestern.“
Sie tat wie verlangt und er berührte die aufgeschürfte Haut mit dem Finger. Sie zuckte zusammen. „Es brennt, nicht wahr?“, fragte er. Sie nickte.
„Und jetzt?“, er ließ die Hand einen Moment knapp über der Stelle ihrer Hand in der Luft, ehe er ihre Hand umfasste. Erstaunt sah sie auf seine und ihre Hand. „Was... hast du gemacht?“
„Ich habe... meine Energie, das Qi und andere Heilkräfte genutzt um deine Energien umzuleiten, damit du keinen Schmerz empfindest. Er ist nicht weg, nur... gelindert.“

Mae Lin starrte weiter auf ihre Hand, als ihr Großvater sie schon nicht mehr hielt. Dann von der Hand zu ihm und runter auf ihre Seite. „Er... macht das immer?“
„Wenn es sich anders anfühlt, vermutlich. Soll ich... es auprobieren?“
„Ich weiß nicht.“
„Es ist keine Mühe, ich muss... dann nur mit den Händen weitermachen?“
Sie sah ihn einen Augenblick lang an, dachte an das Gefühl als er ihre Hand gehalten hatte und nickte dann, ihre Seite zog tatsächlich mal wieder bei fast jeder Bewegung. Sie schloss die Augen und tatsächlich, als nächstes spürte sie erst die Kühle der Paste, wie zuvor, doch diesesmal folgte gleich das Gefühl das sie von der Behandlung ihres Vaters kannte, warme Hände und diese seltsame Wärme die sich ausbreitete. Der Schmerz verging und sie entspannte wie von selbst. Sie nickte.

Caine lächelte, wie er spürte und sah, dass sie locker ließ und vor allem auch, wie sehr sich die Muskelpartie um ihre alten Verletzungen entspannten. Peters Art des Vorgehens schien in ihrem Fall wahrlich besser und sie war schließlich auch keine Fremde. Sie war Peters Tochter, seine Enkelin.
„Fertig.“, er ließ seine Hand einen Augenblick auf ihrer Seite ruhen. „Ich hole den frischen Verband.“
Als er zurückkam, legte sich ihre Hand erneut auf seinen Unterarm, ehe er fortfahren konnte, fragend schaute sie ihn an. „Großvater? Kennst du... kennst du das Gefühl, dass du... jemandem alles erzählen kannst? Jemanden,... den du eigentlich... nicht kennst?“
„Hast du... so jemanden getroffen?“
Sie nickte. „In der Schule, eine Trainerin.“
„Eine Trainerin?“
Sie nickte. „Sie wollte in den Sportunterricht kommen, um mich zu beobachten und vielleicht in eine Mannschaft zu holen und sie kam... naja... nachdem mich jemand doof angerempelt hatte.“, sie sah hinunter auf ihre Seite und seufzte. Sie zuckte die Achseln: „Ich kann nicht sagen wieso, oder so, aber... mit ihr war es leicht zu reden, ich... ich hatte das Gefühl... ich weiß nicht, das sie mich versteht?“
„Vielleicht... hat sie das ja. Womöglich... weiß sie wie es ist, verletzt zu sein und nicht zu können wie man möchte, oder etwas anderes was du ihr erzählt hast kennst sie aus eigener Erfahrung. Oft fühlen wir uns mit solchen Menschen verbunden, die uns scheinbar blind verstehen.“
Sie nickte und ließ ihr Hemd sinken, er begann die Sachen wegzuräumen und sie zog sich wieder an.

„Kommst du mit mir zu meinem Freund?“
„Ich weiß nicht.“
Er schmunzelte. „Ich bin sicher Lo Si würde sich freuen.“
„Lo Si? Der Alte Mann ist dein Freund?“, sie schmunzelte, „Hätte ich mir wohl denken können oder?“
Unschuldig sah der Shaolin sie an und nickte. „Vielleicht.“
Sie grinste und deutete auf ihre Zimmertür. „Gleich zurück!“
Als sie zurückkam, sah er ihr mit einem Grinsen entgegen und trug eine größere Tasche bei sich. „Ach und ihr... habt ein Gästezimmer. Meines.“
„Was! Nein! Du kannst doch nicht einfach gehen! Nimm Peters Bett, er kann wieder bei mir...“
„Ich werde nicht gehen. Ich werde nur einem Freund Gesellschaft leisten.“
„Oh, okay.“

xXx


„Lo Si? Ich habe Besuch mitgebracht, alter Freund.“, Caine legte dem kranken, alten Mann eine Hand auf die Schulter. Lo Si drehte müde den Kopf. „So? Wen denn? Dein Sohn... hat zu tun, sagt Amira.“
„So ist es.“, Caine nickte dem Freund zu und schaute dann zur Tür. „Komm nur her!“, forderte er sie auf und langsam kam Mae Lin der Aufforderung nach. Sie hatte den Ehrwürdigen erst zweimal gesehen und das eine mal lag nur verschwommen in ihrer Erinnerung, beim anderen mal, war er vor ihren Augen, in den Armen ihres Vaters zusammengebrochen. Seither hatte ihr Vater ihr nur gesagt er sei krank. Das der damals ansonsten recht muntere, alte Mann jetzt tatsächlich blass im Bett lag erschreckte sie mehr, als es ihr Recht war. Sie biss sich auf die Unterlippe und trat vor ihren Großvater. „Ehrwürdiger.“, grüßte sie leise und grüßte ihn auf traditionelle Shaolinart. Unsicher schaute sie ihn an. „Es freut mich... dich wieder zu sehen, Mae Lin Katharyna Caine. Du siehst gut aus, mein Kind.“
„Xièxiè kě jìng.“, antwortete sie leise.
„Oh... dein Chinesisch ist auch besser.“, bemerkte er und griff nach ihrer Hand, sein Händedruck wr viel fester, wie Mae Lin gedacht hätte. „Gǎnxiè jiàlín, Mae Lin.“
„Sie... haben für meinen Besuch gedankt, oder?“
„Ja, ja das... habe ich.“

Mae Lin nickte triumphierend. Sie wurde tatsächlich immer besser. „Kwai Chang Caine hier sagte du hast dich... gut eingelebt? Stimmt das?“
Sie nickte: „Ja.“
„Schön... würdest du... uns zwei alte Männer ein Weilchen... alleine lassen?“
„Natürlich.“ Sie wandte sich ab und ging hinaus.

„Sie... lernt sehr... schnell.“
„Ja, nicht wahr?“
„Seit auf der Hut, du... und Peter.“
„Woran denkst du?“
„In euch, ist die Kraft eurer Familie groß, doch... wenn sie, sie entdeckt...“
„Du meinst... sie könnte in ihr... noch größer sein? Was bringt Euch nur zu dieser Annahme Meister?“
„Wer die Natur der Dinge kennt, wirklich kennt und erfahren hat, nur der... kann sie... im Ganzen Ausmaß erfassen, verstehen und wahrlich beeinflussen. Sie weiß, was Schmerz ist. Was... es bedeutet... allein zu sein.“
„Es könnte auch bedeuten, dass sie es nie so beherrschen wird, wie er oder ich.“
„Oh, ich bin sicher sie wird.“

Caine nickte nachdenklich und schaute dem Alten zurück ins Gesicht. Die Hautfarbe und die unruhige Atmung seines alten Meisters und Freundes gefielen ihm gar nicht. „Glaub nicht ich sehe nicht, das du mir verbirgst wie schlecht es dir geht.“
„Mmh, eine Weile hat es funktioniert.“, gab sein Gegenüber zu bedenken.
„Warum also, hast du das Mädchen rausgeschickt. Ist es soweit? Deine... letzte Reise? Ist es das?“
„Auch, ja. Aber vorher... vorher muss ich noch etwas klären und dazu... wird...“, er unterbrach sich als es klopfte und grinste, „... Meister....ah, das ist er sicher.“
Die Tür öffnete und Meister Chi Zhāng kam herein. Er deutete eine Verbeugung an, grüßte den stehenden Meister Caine aber erst nach dem Alten. „Du, Chi Zhāng bist... mein... Zeuge.“
„Ja Meister.“, nickte der jüngste in ihrer Runde.
„Lo Si?“, fragte Caine.
Der Alte schüttelte den Kopf. Er schaute auf den jüngeren. „Erinnerst du dich... an... an unser Gespräch?“
„Ja Meister.“
„Mein Freund... ist jetzt da. Gerade... rechtzeitig...“

Caine legte den Kopf schief musterte den Alten Mann und eine seltsames Gefühl überkam ihn. Er ahnte, dass dies mehr als eine Verabschiedung werden sollte. „Du, mein Freund...“, Lo Si holte sich seine Aufmerksamkeit zurück und Caine sah zu ihm. „... es ist Zeit... die Wanderungen... zu beenden. Es ist Zeit... an einem Ort zu bleiben.“
„Ich weiß nicht... ob ich bereit dazu bin.“
„Oh doch. Du weißt.“, sagte Lo Si und deutete auf die Tür. „Meister Zhāng, holt das Mädchen rein.“
„Lo Si, sie ist nur ein Kind.“
„Nein. Nein ist sie nicht.“, widersprach der Alte und nickte dem jüngeren Shaolin Meister zu. „Hol sie!“, wie er ihn an, „Sie heißt Mae Lin.“
„Lo Si...“
„Sie ist... deine Enkelin. Sie ist Peters Schülerin. Sie sieht mehr... als du glaubst. Ich... hab es gesehen. Sie hat... verstanden.“

Die Tür ging erneut auf und der Chi Zhāng schob seine Enkelin in den Raum, folgte dem Mädchen dann selbst und verschloss die Tür. Fragend sah das Mädchen sich um und ließ den Blick auf dem Alten liegen. Der winkte sie näher und klopfte auf sein Lager. „Komm her, Mädchen!“
Stumm und ohne zu zögern folgte die der Aufforderung und betrachtete Lo Si aufmerksam. „Vorhin... hast du erkannt wieso ihr hier seit nicht wahr? Du... hast es gesehen.“

Unsicher schaute das Mädchen ihn an. Er hob seine alte Hand, legte sie ihr an die Wange und nickte ihr zu. „Keine Angst, es... war richtig, was du erkannt hast. Sag es!“
„Ihr... ihr sterbt, Meister.“
Lo Si lächelte und schloss einen Augenblick die Augen. „Ja.“, sagte er und sah sie wieder an. „Sehr bald. Ich bin alt und krank.“
Sie nickte und holte seine Hand von ihrer Wange nahm sie zwischen ihre. „Werdet Ihr... werdet Ihr... jemanden grüßen?“
Er lächelte noch breiter. „Deine Mutter.“, er nickte. „Natürlich.“
Das Mädchen sah ihn dankbar an und senkte den Kopf. „Danke.“
„Dafür nicht Mädchen. Du kennst mich, auch... wenn wir uns nur ein oder zweimal trafen.“, begann er und sie nickte wieder. Er lächelte: „Wenn ich gehe... braucht dieser Ort... einen neuen Ehrwürdigen.“ Er sah ihr tief, sehr tief in die Augen und nickte, als er erkennen sah und Überraschung. „Sehr gut. Sag du es ihm...“, sprach er leise und müde weiter, er drückte ihre Hand, die seine noch immer hielt, „einem... alten Freund... gkaubt er nicht. Vielleicht... einem jungen, regen Geist.“ Er atmete langsam und tief durch, er war unendlich müde, es wurde Zeit.
Nachdenklich musterte ihn das Mädchen als er sie ansah, da sie nichts sagte, sie war deutlich am überlegen, dann drehte sie den Kopf, blickte ihren Großvater an, er drückte erneut ihre warme Hand. Sie war eine so friedfertige, ruhige Seele, man musste sie mögen. Er konnte nicht verstehen, wie jemand so kaltherzig sein konnte, wie ihre Großmutter, die alles tat, um dieses empfindsame Wesen zu brechen. Doch Lo Si sah auch ihr starkes reines Herz, niemand würde diesen mutigen Kampfgeist so schnell beherrschen. Er lächelte, Ja, mit dir wird der Geist deiner Familie weiter bestehen. Und der Geist der Shaolin, eigentlich... eine Schande, das wir keine Priesterinnen haben.

„Großvater? Soll ein Shaolin nicht... niemals aufhören zu lernen und zu wachsen? Sich... neuen Herausforderungen stellen? Weil es... Stärke bedeutet und... in jeder Herausforderung, jedem neuen Weg auch neue Möglichkeiten liegen und vielleicht finden wir, wonach wir schon lange suchen?“

Caine sah seine junge Enkelin erstaunt an und brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass seine wirklich junge Enkelin gerade dabei war ihn zu belehren und erinnern, was Shaolin früh lernten, sich jeder Herausforderung zu stellen, weil sie auch eine Chance beeinhalten konnte, eine die nicht wiederkam. Er nickte und trat vor, langsam streckte er eine Hand aus und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Das Mädchen hatte bereits wieder Lo Si angesehen und blickte nun zurück zu ihm. „Hab ich Recht?“
„Ja, hast du. Auch... wenn es etwas andere Worte sind, welche die Lehre benutzt.“, nickte er und strich ihr über das Haar.
„Mmh. Deine Enkelin benutzt eure Kräfte ganz selbstverständlich, Caine, sie... stärkt mich.“
„Was?“, verwirrt starrte das Kind ihn an. Caine lächelte beruhigend und legte seine Hand auf ihre. Deutlich spürte er ihre Energien fließen. Er legte ihr eine Hand auf den Kopf, die Finger an die Schläfe. „Ruhig, entspann dich.“, er griff nach ihrem Geist, lenkte ihre Gedanken mit wenigen Worten auf seine Hand, die ihre umfasste. „Spürst du das?“
„Ja.“
„Meine Energie die fließt und dich wärmt. Jetzt deine, such sie, geh von deiner hellen Mitte bis zu deiner Hand und spüre deine Energie.“
„Wie?“
„Schließe die Augen, hör auf deine Atmung, den Herzschlag, stell dir dein Qi als helles Licht vor, das du wie Energie durch deinen Körper schicken kannst, als... Rinnsal...“, er wartete einen Moment ehe er weitersprach, „... folge dem Fluß dieser hellen Energie zu deiner Hand, spüre die Energie, die du abgibst und ziehe sie zurück in deine Mitte.“
Er sah wie sie sich bemühte, spürte wie die Energie kurz abflaute. Dann schüttelte sie den Kopf. Caine nickte. Er konzentrierte sich und unterbrach die Verbindung gewaltsam. „Aua.“ Sie sah verdutzt zu ihm auf. „Was hast du... gemacht? Das war... wie... wenn ich elektrostatisch aufgeladen bin, oder du.“
Caine nickte. „Ja. Aber es musste sein.“
„Wieso mache ich das, ohne es zu wollen?“
Caine zuckte die Achseln. „Unterbewusst... willst du vermutlich nicht, das Lo Si von uns geht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht.“
„Nein?“, fragte er argwöhnisch. Sie schüttelte den Kopf und sah Lo Si traurig an. „Ich weiß, dass ich es nicht will. Keiner von euch, soll sterben.“
„Für uns alle kommt dieser Tag, junge Caine.“, sagte Lo Si und schaute sie ernst an, „Eines Tages. Für einen... früher, für den anderen... später. So ist das Leben, eines Tages... müssen wir den Fluss überqueren und durch die Schatten gehen. Ich... ich bin... bereit.“
Sie wischte sich die Tränen weg und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, das immer alle gehen. Mums Freund ist abgehauen und... und dann, der Unfall, dann... meine... meine Freundin, Mum... jetzt.... du und... Großvater wird wieder gehen und wenn... wenn mein Vater auch...“
„Peter wird dich nicht verlassen.“, sagte Lo Si und sah das Mädchen vor sich freundlich an, er drückte ihre Hand und lächelte, „bestimmt nicht so bald und deine Mutter ist immer bei dir. Hier und hier.“, er tippte ihr gegen die Schläfe und die Stelle ihres Brustbeines, unter der ihr Herz lag.
„Und ich... ich gehe nicht fort.“ Caine beugte sich vor und küsste seine Enkelin auf das Haar.
„Nicht?“, fragte sie besorgt.
Caine schüttelte den Kopf: „Nein. Ich dachte... ich sei hergekommen, weil dein Vater mich bräuchte. Dann als ich dich sah, dachte ich, weil ihr beide mich bräuchtet, doch... so ist es nicht. Ich... ich bin hier, weil... meine Reise hier endet, ich bin hier, weil ich hier gebraucht werde, in... Zukunft.“

Mae Lin schaute ihren Großvater fragend an. Er lächelte und zog sie auf die Füße, dann nahm er selbst ihren Platz ein und sie blinzelte sich die Tränen weg, schaute zu, wie die beiden alten Freunde scheinbar stumm miteinander redeten und sich bei den Händen nahmen. Verwirrt sah sie auf zu dem jüngeren Shaolin, der hinter sie getreten war und sie festhielt. Fragend schaute sie den Meister an.
Er beugte sich zu ihr vor: „Lo Si gibt einen Teil seines Qi ab, den Teil, den er vom letzten Ehrwürdigen bekam. Das... was stets weitergegeben wird.“
Irritiert blinzelte sie.
Chi Zhāng nickte. „Es ist... kompliziert.“
Sie nickte, ja den Eindruck hatte sie auch, davon hatte sie noch nie gehört. Plötzlich seufzte der Alte, ihr Großvater und er ließen sich los. Caine legte die Hände des alten übereinander auf dessen Brust und er nickte dem Alten zu. „Geh in Frieden mein alter Freund.“
„Wo... wo ist sie? Wo... ist unser... Sonnenschein?“
„Mae Lin, komm her!“, bat ihr Großvater. Sie spürte wie Zhāng sie losließ und ging zu ihrem Großvater. Er legte einen Arm um sie. „Sie ist hier, Lo Si.“
„Meine... meine Augen... sind dunkel geworden.“
Sie blinzelte verwirrt, dann aber begriff sie, ihre Mutter hatte damals so etwas ähnliches gesagt. „Wirst du...mir... einen... letzten Dienst erweisen?“
Sie nickte weinend. „Ich... ich habe dich... nur einmal singen gehört. Singst du...“
Sie zuckte zusammen, nickte aber. Sie hatte für ihre Mutter singen wollen und hatte es am Ende nicht geschafft zu Ende zu singen, war ihr weinend um den Hals gefallen. Aber wenn Lo Si und ihr Vater Recht hatten und ihre Mum sie beobachtete... sie atmete tief durch und wischte sie die Tränen weg, langsam schloss sie die Augen:

„Beyond the night a rising sun
Beyond the night the battle is won
The battle is won


Fear and shame now in the past
Pain and sorrow gone at last
Gone at last


xXx

Peter hatte den Jungen bei Maya gelassen, aber sie würde ohnehin noch eine Weile nicht aufwachen und betrat jetzt gemeinsam mit Aron das Haus des Alten. Yasmina schaute ihnen mit wissendem Blick entgegen. „Er... stirbt.“, sagte sie und schloss die Augen, Aron schloss sie in die Arme. Sie sah zu ihm. „Sie sind bei ihm, Caine, Zhāng und...“

Es erklang eine leise, anwachsende Stimme die ein Lied begann, auch die beiden anderen lauschten und Yasminas kleine Tochter kam in den Korridor, zusammen mit ihrem Bruder. Peter, der die Augen eben geschlossen hatte riss sie nun auf. „Mae Lin...?“
Er ging zum Zimmer des alten und öffnte lautlos die Tür, niemand schien ihn zu bemerken. Zhāng stand am Fußende des Bettes und sah auf den Alten hinab. Sein Vater saß auf dem Bett des Mannes, eine Hand auf Lo Si's Händen, eine im Rücken seiner vor ihm stehenden Enkelin. Mae Lin hatte die Augen geschossen, ein paar Tränen liefen über ihre rosanen Wangen, doch ihre Stimme hatte das Zittern abgelegt. Klar und deutlich sang sie:

„Circle renewed, peace will be found
Beyond the night on sacred ground

River flows led by...


Peter wusste nicht, was das für ein Lied war, doch er bemerkte wie Mae Lin zusammen zuckte, die ihre Hand auf der Schulter des Alten liegen hatte. Sie schien zu zögern, schluckte und wich der zweiten Hand ihres Großvaters aus.
Mae Lin., dachte Peter und ging einen Schritt vor, ihre Trauer war für ihn fassbar. Zhāng bemerkte ihn, schwieg jedoch. Mae Lin sang in diesem Moment weiter und Peter trat einen weiteren Schritt zu ihr, hielt inne, als er bemerkte wonach ihre Hand griff, in welche Richtung ihr Blick ging. Er erinnerte sich an den Tag vor einiger Zeit, als er sie dabei entdeckt hatte, wie sie die Anhänger betrachtet hatte. Sie hatte ihn bemerkt und zögerlich erzählt, der Mond stand für ihre Mutter, die Sonne für sie selbst und der Stern für ihn, ihren Vater. So hatte Michelle es ihr immer gesagt und die Kette hatte ihr irgendwann die Großmutter erbost vom Hals gerissen, weil Mae statt zur Schule ins Zimmer ihrer Mutter gegangen war und mit den Anhängern gespielt hatte. Peter hatte ihr eine neue Goldkette besorgt und einen kleinen Anker dazu geholt, zum Zeichen, dass sie in ihm, in ihrem Leben hier einen Anker hatte.

Mae Lin bemerkte wie der Atem des Alten Mannes erstarb, er atmete nicht wieder ein, sie zuckte zusammen, hielt inne. Sie sah hinunter auf den Mann, bemerkte die Hand ihres Großvaters und wich aus. Sie wollte es dieses mal zu Ende bringen, sie wollte jetzt nicht umarmt werden und weinen. Sie wollte es zu Ende bringen, für ihre Mum, für Lo Si. Sie griff mit der freien Hand an die Kette um ihren Hals. Das neue Kettchen kam von ihrem Vater, damit sie die Anhänger ihrer Mutter wieder tragen konnte. Sie schaute hinunter auf die Anhänger und sang weiter:

…. the wind
First new breath, his journey begins
his journey begins


Während sie zu Ende sang hatte sie plötzlich den deutlichen Eindruck, dass ihr Vater ganz nah war und mit dem letzten Wort schaute sie auf und lief los. „Dad!“

Dad!“, sie stürmte mit dem kleinen Aufschrei in seine Arme und ruhig schloss er die Arme um seine Tochter. „Ich bin hier, Mae Lin.“, sagte er leise und strich ihr über das Haar, den Rücken.
Nach einem kurzen Moment sah sie weinend auf und schaute ihn an. „Ich... ich wusste das du hier bist, als ich... die Kette angefasst habe.“
„Tatsächlich?“
Sie nickte und schmiegte sich an ihn, die Anhänger um ihren Hals in der Hand. Peter schaute hinüber zu seinem Vater, der deutlich überraschter schien wie seine Enkelin, ihn hier zu sehen. Der ältere kam auf sie beide zu und nahm sie beide in den Arm. „Irgendetwas... ist anders.“, sagte er zu ihm. Caine nickte und öffnete den Mund...
„Er ist... jetzt der Ehrwürdige.“
„Du...“, Peter schaute von seinem Vater auf den toten Lo Si und nickte dann. „Dann... war das der Grund deiner Rückkehr.“
Caine nickte. Er strich dem Mädchen über die Haare und ging weiter zur Tür. „Ich hole die Familie herein.“
Peter nickte und sah hinunter auf seine Tochter. „Du... singst wunderschön.“
„D-danke.“
Er küsste ihren Scheitel und hob ihren Blick an. „Willst du noch hier bleiben?“
Sie schüttelte den Kopf. „Gehst du mit mir raus, nach den Kindern sehen, wenn sie hier waren?“
Mae Lin nickte.




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(*)Nǐhǎo Yéyé – Hallo Seit Gegrüßt Großvater
Nǐhǎo wǒ de sūnzǐ – Hallo / Sei gegrüßt Enkelin (laut: Google/ Leo.org)

Das Lied „Beyond the night“, kommt aus Stargate Atlantis wo es die Schauspielerin: Rachel Lutrell in ihrer Rolle als Teyla Emmagan während der Totenwache von einer ihres Volkes Charin singt.
Der Text ist eigentlich ein Gedicht von Carl Binder, die Melodie stammt aus der Feder von Joel Goldsmith.

Ich fand aber das es hier her passte, ein besseres fiel mir nicht ein, die welche mir sonst in den Sinn kamen, erschienen mir zu fröhlich oder waren Kirchenlieder, die wollte ich nicht mehmen.

LG Nyra
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