Magic Moments

von Aprilluna
GeschichteAllgemein / P12
Michael "Mick" Brisgau Tanja Haffner
30.09.2015
30.09.2015
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„Sie haben einen Tisch bei … Uschi bestellt?“ In Tanjas Stimme schwang ein dicker Batzen Ungläubigkeit und sie konnte auch eine leicht abfällige Einstellung nicht verbergen.
„Warum nicht? Da ist es lecker und niemand stellt dumme Fragen.“  Mick erschien nichts selbstverständlicher.
„Ja, außer Beate. … Oh, à propos.“ Tanja drehte sich, bereits auf den nächsten Punkt konzentriert, geschäftig um und ergriff ein Blatt Papier. Vielleicht war es eh besser, dieses unsägliche Essen bei Uschi hinter sich zu bringen, wo Mick sich auf gewohntem Terrain bewegen würde. „Ich habe hier eine Liste erstellt, falls Beate fragen sollte. Und sie wird fragen.“ Tanja kannte ihre Schwester nur allzu gut und für sie war dies so sicher wie das Amen in der Kirche. „Ähm, da stehen einige meiner persönlichen Vorlieben drauf.“  ‚Verdammt, warum wurde sie jetzt so nervös?‘, ärgerte sie sich still, während Mick höchst interessiert ihr das Papier aus der Hand nahm.
„Sehr gut. Das hat mich schon immer mal interessiert.“ In seiner Stimme lag etwas eigenartig beruhigendes, was Tanja selbst jedoch eher beunruhigte, zumal sie spürte, wie sich sein Arm um ihre Taille legte. Während er zu lesen begann, fühlte sie, wie er sie an sich zog.
„Mick … Mick … Mick ... Mick … Mick … Mick. Ich … ich hoffe, dass Sie sich nicht allzu sehr, … dass Sie sich nicht allzu sehr in diese Sache hineinsteigern, OK?“
Tanja entwand sich nervös seiner Umarmung. Sie musste unbedingt Abstand zwischen sich und Mick bringen.
„Wie meinen Sie das?“ Da war er wieder. Dieser besondere, eigenartige Klang in seiner Stimme. Doch verfehlte er für einen winzigen Moment seine Wirkung nicht. Vielleicht wollte er ihr ja wirklich nur aus der Bredouille helfen.
„Ich meine, dass ich Ihre Hilfe wirklich sehr zu schätzen weiß, aber …“, und damit war es auch schon wieder vorbei mit ihrer momentanen Ruhe. Einem Moment, in dem ein zartes Gefühl erwachen wollte, für das der Zeitpunkt noch nicht gekommen war, und so blies Tanja auch sogleich wieder zum Angriff. „Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich mich aus diese ganze Situation nur einlasse, weil Sie mich da in diese Situation …“ Der Rest ihrer Verbalattacke ging in Micks immer noch ruhigen Stimme unter. Dass er sie mittlerweile schon wieder am Handgelenk gepackt und so den mühsam hergestellten Abstand zwischen ihnen verringert hielt , den sie selbst bereits ohne es zu bemerken verkleinert hatte, trug wenig zu ihrer Beruhigung bei.
„Weil Sie lieber sterben würden, als zuzugeben, dass Sie keinen Freund haben. So ist es doch, ne?“, fiel er ihr immer noch ganz ruhig ins Wort.
Für einen Moment brachte sie dieses Timbre in seiner Stimme aus dem Konzept. Doch genau das, gepaart mit seiner 80er Jahre maskulinen Selbstüberzeugtheit, rührte Tanjas Widerstand. So war Sterben dann auch ihr Stichwort.
„Sterben?“, zitierte sie ihn, „das wäre auch eine Alternative. … Ach noch was!“ Ihn so nah zu spüren, trieb sie immer mehr in die Enge,  doch ging sie nicht wieder auf körperliche Distanz. Auch wenn seine selbstgefällige Art sie fürchterlich aufregte, so fiel es ihr zunehmend schwerer, sich seiner Aura zu entziehen. Ihr blieb nur ein letztes Mittel, nämlich mit Worten Distanz zu schaffen. „Bitte nicht wieder auf den Mund küssen!“
„Moment mal! Wir sind’n Paar. Da geht ja wohl nicht Wange!“ Micks Unverständnis war deutlich zu erkennen.
Zu ihrem Verdruss musste sie Mick insgeheim beipflichten, dass sie sich damit völlig unglaubwürdig machen würden. Und so kam sie nicht ganz unfreiwillig ihm entgegen. Ihre Körperhaltung war zum Zerreißen gespannt. „Na ja, dann irgendwas … dazwischen!“, fügte sie sich widerwillig in ihr Schicksal. Steif wie ein Besenstil stand sie vor ihm. Warum nur war sie so nervös oder besser gesagt so unsicher? Ernst zu nehmen war diese Scharade wohl kaum. Oder sollte es etwa doch ein Spiel mit dem Feuer werden? Die Hitze in ihr stand jedenfalls im krassen Gegensatz zu der Kühle ihres Verstandes. Wollte sie sich auf Micks Spiel einlassen? Würde es ein Spiel bleiben?
„Wie jetzt? So?“ Mick bewegte sich gefährlich nah auf sie zu. Tanja versuchte seinen Testversuchen auszuweichen.

Doch plötzlich hielt sie inne. Auch Mick hielt inne in seinem Versuch sie zu küssen. Warum unterbrach er seine Versuche?  Sie sah sich plötzlich gefangen von seinem Blick und hatte nicht die Kraft, diesen intensiven Augenkontakt zu unterbrechen. Seine Lippen kamen immer näher. Lippen deren Geschmack sie nur allzu gern gekostet hätte. Die widersprüchlichsten Gefühle tobten in Tanja. Herz und Verstand lieferten sich einen unerbittlichen Kampf. Niemals könnte sie mit diesem Menschen, der so gern den Macho gab, eine Beziehung haben. Doch in seinen Augen meinte sie jetzt etwas anderes zu lesen, auch wenn sie es nicht wirklich verstand. Oder wollte sie es nur nicht verstehen? Der Macho schien jedenfalls verschwunden. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie wie gebannt in ein Paar blauer Augen, deren Blick ganz weich geworden war. Langsam kam er ihr immer näher. Der letzte Rest verbliebenen Verstandes in ihr hielt sie wenigstens davon ab, sich auf Mick zuzubewegen. Starr verharrte sie in ihrer Position, doch war sie rettungslos in seiner Aura gefangen. Ihr Herz wollte sich nicht mehr sperren, doch war es immer noch nicht Herr über ihren Verstand. Schon konnte sie seinen warmen Atem spüren. Ihr Herz schrie ihm immer lauter entgegen, dass er sie endlich küssen sollte, während ihr Verstand nicht bereit war, die Kontrolle über ihre Körpersprache herzugeben. Endlich aber berührten sich ihre Lippen zu einem zarten Kuss, der nichts mit der herzhaften Begrüßung tags zuvor gemeinsam hatte. So viel Zartheit von Mick hatte sie nicht erwartet.

Sie war völlig überwältigt und gab schon fast jeden Widerstand auf, als die Tür zu ihrem Büro aufgerissen wurde. Wie zwei Kinder, die unerlaubterweise kurz vor Weihnachten verbotenerweise aus der Keksdose genascht hatten und dabei erwischt wurden, fuhren sie auseinander und sahen sich Ferchert gegenüber.  Tanja senkte schuldbewusst ihren Blick. Nur ihm nicht entgegenblicken. Ihr innerer Aufruhr musste ihr doch auf 10 Meter Entfernung noch anzusehen sein. Wie konnte sie sich nur so vergessen!?! Wenn es sich nur nicht irgendwie und eigentlich ganz gut angefühlt hätte.

Ferchert hatte zwar diesen magischen Moment unwissentlich und unwiederbringbar zerstört, bevor Tanja Klarheit gewinnen konnte, was hier am passieren war, doch war da ein kleiner Kobold in ihr zum Leben erweckt worden, dessen Stimme nicht wieder verstummen sollte.

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Ach der Mensch so häufig irrt, und nie recht weiß, was kommen wird.
Wilhelm Busch
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