FOREVER - Für eine gute Tasse Tee

von Sejabonga
KurzgeschichteAllgemein / P6
Detective Jo Martinez Dr. Henry Morgan
29.09.2015
29.09.2015
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Disclaimer: "Forever" gehört nicht mir, aber könnte ich es fortsetzen, dann würde ich es sofort kaufen.


Hallo zusammen,

dies ist eine von zwei Ideen, die ich zu Henry und dem sogenannten Automobil hatte.
Eine zeitliche Einordnung ist nicht wirklich sinnvoll, da sie irgendwo zwischen Episode 1 und 22 wäre ^^.
Viel Spaß beim Lesen!

Ciao, eure Sejabonga


##*##


Für eine gute Tasse Tee

Jo ist es gewohnt, das Gewirr von New Yorks Straßen zu durchqueren. Sie weiß, welche Straßen Einbahnstraßen sind und wo sie zu welcher Tageszeit den kürzesten und einfachsten Weg findet.
Als sie jetzt auf der East 14th am Union Square Park vorbeifährt, bereitet sie sich darauf vor, nach links abzubiegen. Sie vermeidet gern die Hauptstraßen, um dem Verkehr auszuweichen.
Im Grunde ist es ihr egal, welche Route sie wählt, Hauptsache sie kommt schnell an.
Henry hingegen ist von den Details der Stadt begeistert, kann an fast jeder Ecke, an jedem Block etwas finden, das er ihr unbedingt erzählen und zeigen muss.
Wenn er neben ihr im Auto sitzt und ihr von diesem Geschäft und jenem Restaurant erzählt, klingt er fast so beschwingt wie in der Gerichtsmedizin.
Sie befinden sich gerade auf dem Rückweg von einem Tatort und wie immer ist Henry mit ihr mitgefahren. Es ist schon eine Routine zwischen ihnen.

„Danke, dass sie mich mitnehmen, Detective.“

Überrascht blinzelt Jo. Sie blendet Henrys Erzählungen immer gern aus, wohl wissend, dass sie nicht jede Ecke von New York kennen muss.

„Dafür nicht. Obwohl ich sagen muss, dass ich mich gefragt habe... Sie haben keinen Führerschein, oder?“

Ein kurzer Seitenblick auf Henry zeigt ihr sein zufriedenes Lächeln.
Sie biegt in die Parallelstraße zur 3rd Avenue ein. Irving Place endet am Gramercy Park, aber von dort muss sie nur noch nach rechts auf die East 20th und dann auf die 1st Avenue und schon sind sie an Henrys Arbeitsstelle, dem Office of the Chief Medical Examiner.
Ganz einfach.

„Nein. Ich habe zwar durchaus schon am Steuer eines derartigen Vehikels gesessen. Aber seit diese Automobile zehnmal schneller fahren als ein einzelnes Pferd, sind sie mir unheimlich. Ich fahre gerne mit, aber selbst fahren kommt nicht infrage.“

Sie liebt es, wie kryptisch Henry selbst die einfachsten Aussagen klingen lässt. Schneller als ein einzelnes Pferd?
Als wäre der Begriff PS für ihn gerade erst erfunden worden und noch nicht allzu gebräuchlich.

„Was? Wieso nicht?“

„Ähm...“

Ein plötzliches Zögern in Henrys Stimme lässt sie aufhorchen. Selten genug, dass er um eine Antwort verlegen ist.
Jo weiß, dass genau die Dinge, mit denen Henry nicht so gerne herausrückt, am Interessantesten sind. Aber sie ahnt, dass er sich auch dieses Mal herauswindet.

„Ich muss gestehen, dass ich etwas altmodisch bin, Detective. Ich bevorzuge einen guten strammen Marsch zu Fuß. Und in Manhattan ist alles zu Fuß erreichbar. Sogar die Underground oder ein Hackney Carriage.“

Jo hat sich wirklich daran gewöhnt, dass ihr Gerichtsmediziner manchmal einen etwas ungewöhnlichen Wortschatz verwendet. Zum Beispiel würde ein Amerikaner seine Subway niemals als Underground bezeichnen.
Es ist ein wunderbarer Beweis dafür, dass Henry seine Herkunft nicht vergessen kann. Aber dieser andere Begriff war ihr völlig unbekannt.

„Ein was?“

Henry bedenkt sie mit einem Blick, den zu viele Briten für ihre Brüder und Schwestern aus den neuen Kolonien reserviert haben.
Dieses „Wartet erst einmal ab, bis ihr eine Jahrhunderte alte Kolonialmacht seid!“, das nur eine Bedeutung hat: Bauerntölpel!

„Ein Taxi.“

Sie kann es sich nicht verkneifen, mit den Augen zu rollen.
Doch Henry bemerkt es nicht, da er sich schon wieder der Stadt zugewandt hat. Er dreht sich ein wenig im Sitz, scheint etwas, das er gesehen hat, einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

„Oh, halten sie an!“

„Was?“

Instinktiv steigt Jo in die Eisen, der Wagen bremst abrupt. Henrys Stimme klingt so dringend, dass sie nicht anders kann.
Sie denkt gerade noch daran, rechts ranzufahren. Doch bevor sie nachfragen kann, ist Henry schon aus dem Auto gestiegen.
Sie wirft einen Blick in den Seitenspiegel, ehe sie ihm folgt. Angespannt legt sie eine Hand an ihre Waffe, gesellt sich auf dem Bürgersteig zu ihm.
Henry breitet die Arme aus, unpassende Freude auf dem Gesicht.

„Du meine Güte! Ich kann es nicht glauben.“

Jo untersucht ihre Umgebung auf Gefahren. Menschen, Bomben, Autos, was auch immer.
Aber sie kann absolut nichts entdecken.

„Was ist los?“

Ihr Gerichtsmediziner wendet sich zu ihr, ein breites Grinsen auf den Lippen.

„Ein Teeladen. Ein richtiger, britischer Teeladen mitten in New York. Gott segne Amerika!“

Er hebt seinen Kopf zum Himmel und wirft diesem so mächtigen Wesen überschwänglich einen Handkuss zu.
Währenddessen starrt Jo ihn einfach nur an.
Sie kann nicht glauben, dass er sie deswegen anhalten lässt. Zugegeben, es ist schön, Henry so zu sehen. So ausgelassen.
Aber ... ein Teeladen. Ernsthaft?

„Würden sie mich freundlicherweise begleiten?“

Er winkelt den Arm an und wartet mit einem Lächeln darauf, dass sie sich bei ihm einhakt. Jos Verstand weiß, dass es in diesem Moment viele sinnvolle Gründe gibt, Henry zum Aufbruch zu drängen.
Aber leider gibt es nur eine Sache, die ihrem bewussten Denken einfällt.

„Ich ... hab nicht wirklich eingeparkt.“

Natürlich lässt Henry so etwas nicht gelten. Selbst wenn sie mitten auf der Interstate stünden und alle Fahrbahnen blockieren würden, es wäre ihm egal.

„Ach, ihren Strafzettel werde ich übernehmen. Bitte, Jo! Erweisen sie mir die Ehre!“

Er blinzelt sie aufmunternd an, weigert sich, seine einladende Haltung aufzugeben.
Und da Jo beim besten Willen kein Argument dagegen in den Sinn kommt, hebt sie seufzend ihre Hand, um direkt vor seinen Augen mit dem Schlüssel das Auto zu verriegeln.
Sie kann es ja offiziell als Mittagspause angeben.
Hoffentlich gibt es da drin auch Kuchen.
Oder zumindest Kekse.
Charmant lächelnd hakt sie sich bei Henry unter und lässt sich von ihm entführen.
Nach England.
Denn genau dort befinden sie sich, als sie über die Schwelle des Ladens treten.
Sie fühlt sich wie im viktorianischen London. Lampen, Tische, Sitzgelegenheiten scheinen direkt aus dieser Zeit zu stammen.
Jo hat noch kaum angefangen, sich in dem kleinen, Café-ähnlichen Geschäft umzusehen, als Henry auch schon tief einatmend zu sprechen beginnt.

„Hm, Twining Earl Grey. Das Aroma ist weltweit einzigartig. Der zweite Earl Grey hat ihn in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben, nachdem er einen ähnlichen Tee von einem chinesischen Mandarin als Geschenk erhielt. Die Mischungen der Twinings waren schon damals revolutionär und doch enthielten sie immer einen Hauch von Klassik. Einfach unverwechselbar!“

Jo betrachtet den Mann an ihrer Seite, als wäre er verrückt geworden. Wie kann man nur so viel so begeistert über einen Tee erzählen?
Gut, ihr war keines dieser Details bekannt, aber... wieso auch?
Henry nimmt ihre Hände in seine und strahlt sie an. Er ist voll in seinem Element.

„Sie müssen eine Tasse probieren, Jo. Das wird ihr Leben verändern.“

Und während er sie mit innigster Überzeugung ansieht, erinnert sich Jo grinsend daran, warum sie so gerne mit ihm arbeitet. Henry steckt voller Überraschungen.
Bei außergewöhnlichen Dingen wie den seltsamsten Todesursachen bewahrt er einen kühlen Kopf. Aber bei so kleinen, unwichtigen Dingen wie einer Tasse Tee oder einem Teeladen scheint er regelrecht durchzudrehen.
Für so etwas kann er sich wirklich begeistern.
Oder... ist es nur, dass Henry England vermisst? Das Land, in dem er – zumindest seiner Sprache nach – aufgewachsen ist und vielleicht sogar geboren wurde.
Er lebt schon lange in New York, vermutlich fast ein Jahrzehnt. Lange genug auf jeden Fall, um sich einige sprachliche Eigenarten anzueignen.
Es hinterlässt nun mal seine Spuren, wenn man sich jahrelang an einem Ort aufhält.
Na ja, warum auch immer.
Henry hat sie hierher gebracht.
Und auch wenn sie sich ein wenig wie Dorothy fühlt, macht ihr Gerichtsmediziner ihre Umgebung zum Wunderland und sie zu Alice.
Sie wurde zur Teestunde eingeladen.
Und wer wäre sie, ihren Hutmacher warten zu lassen?

##*##

Eine letzte Anmerkung: Sowohl der beschriebene Weg zu Henrys Arbeitsstelle als auch die Geschichte des Earl Grey wurden recherchiert. Auf Google Maps und auf der Homepage von Twining Tea. Falls mal jemand meine "Detailversessenheit" überprüfen will.
Google Maps präsentiert übrigens an der Stelle, an der Henry aus dem Auto springt, ein zauberhaftes Geschäft namens "Lady Mendl's Tea Salon" ;-).
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