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It's a love-hate-thing

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Ashton Irwin Luke Hemmings OC (Own Character)
28.09.2015
04.09.2017
67
249.552
21
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05.08.2016 4.482
 
Kapitel Achtundvierzig - „Natürlich kannst du das.“


„Nora, nimm's mir...bitte nicht übel“, keuchte Ashton und schleppte sich die letzten Stufen hinauf. „Aber ich hasse...dich gerade!“
„Ach komm, wo ist denn deine großartige Ausdauer?“, neckte sie ihn und wartete bis er sie erreicht hatte. „Du hättest auch einfach den Aufzug so wie Cal und Luke nehmen können. Ich bin schon ein großes Mädchen, ich finde auch alleine auf die Dachterrasse.“
Ash ließ den Blick betont langsam über sie wandern und zog dann spöttisch eine Augenbraue hoch. „Naja, also groß ist relativ...“, sagte er langsam und Nora holte scherzend aus.
„Nein!“, rief er in gespielter Panik und hetzte die restlichen Stufen hoch, Nora ihm hinterher.
„Renn nicht davon wie ein Feigling!“
Lachend und um Atem ringend stieß er die Tür zum Dach des Hotels auf, sie erreichte ihn keuchend einen Augenblick später. „Das ist unfair“, brachte sie heraus und schnappte nach Luft. „Du hast viel längere Beine als ich.“
„Da wären wir wieder beim Thema Größe“, giggelte er und wich ihr aus, als sie gegen seinen Arm schlagen wollte.
Als Nora wieder zu Atem kam nahm sie sich endlich auch Zeit ihre Umgebung zu betrachten. Das Hotel hatte eine sehr hübsche und vor Allem große Dachterrasse und der Ausblick war der Hammer. Da es bereits Abend wurde war die Hitze, die über Tag herrschte, nicht mehr so unerträglich und daher war es hier oben sehr gut auszuhalten.
Zwei große, längliche Sofas standen unter einer Art Pavillon was eine sehr gemütliche Atmosphäre erschuf.
Ashton und Nora waren die Letzten, die zu ihrer kleinen Gruppe hinzustießen. Michael und Leonie waren die Ersten gewesen, nachdem Calum Mikey geschrieben hatte, dass sie sich auf der Dachterrasse treffen wollten. Luke und Calum schienen auch schon etwas länger da zu sein, aber Ashton war Nora auch vom Erdgeschoss bis hier oben über die Treppen gefolgt. Nicht dass sie ihn dazu gezwungen hätte, aber sie fand es trotzdem süß von ihm, dass er sie nicht alleine lassen wollte.

Nora nahm einen Schluck aus der Flasche Bier, die ihr jemand in die Hand gedrückt hatte – sie hatte völlig vergessen wer – und verzog das Gesicht. Der Geschmack war nach einer halben Flasche einigermaßen zu ertragen, aber sie war immer noch kein großer Fan davon.
„Scheint dir nicht besonders zu schmecken, was?“, neckte Michael sie und Nora zuckte mit den Schultern.
„So offensichtlich?“
Er nickte lachend und vergrub dann das Gesicht in Leonies Haaren. Diese lächelte selig und schien völlig zufrieden damit, nicht so viel reden zu müssen und hauptsächlich den Gesprächen um sich herum zuzuhören. Aber auch Leo hatte ein bisschen getrunken und wurde langsam lockerer.
Calum hatte sich vor einer Weile von der Gruppe abgeseilt um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen, aber jetzt kam er wieder und setzte sich neben Nora auf das Sofa, das sie bis jetzt die meiste Zeit für sich alleine gehabt hatte. Sie machte ihm bereitwillig Platz und bot ihm ihre Bierflasche an.
„Danke.“ Er nahm die Flasche entgegen und trank ein paar Schlucke, was Nora die Nase übel ziehen ließ.
„Weißt du was, behalt sie“, wehrte sie ab, als Calum ihr die Flasche zurückgeben wollte.
Der Bassist zuckte mit den Schultern und machte es sich auf dem Sofa bequem.
„Du stinkst nach Rauch“, bemerkte Nora, die nun nicht mehr so genau wusste, was sie mit ihren Händen machen sollte, da sie keine Flasche mehr festhalten musste.
„Das ist die logische Konsequenz nachdem man eine Zigarette geraucht hat“, erwiderte Calum trocken und sie verdrehte grinsend die Augen.
„Das ist mir auch klar. Ich bin's nur überhaupt nicht mehr gewohnt.“
„Hast du mal geraucht?“
Nora schüttelte den Kopf. „Nein, aber meine Mum hat eine Zeit lang hin und wieder eine Zigarette gebraucht, wegen dem ganzen Stress den sie nach der Scheidung hatte, hat sie gesagt. Als ich älter geworden bin, hat sie damit aufgehört oder es zumindest versucht. Ich musste dann immer ihre Zigarettenschachteln gut genug verstecken, damit sie sie nicht mehr wiederfindet.“ Bei der Erinnerung daran, was sie sich alles für Verstecke einfallen lassen hatte, musste Nora lächeln, trotz des bitteren Nachgeschmacks den die Erwähnung ihrer Mutter in ihrem Mund hinterließ.
Calum war einen Augenblick still, dann ließ er sich tiefer ins Sofa sinken und richtete den Blick gerade aus. „Ashtons hat's mir erzählt“, murmelte er leise, sodass nur sie ihn hören konnte. „Das mit deiner Mutter, meine ich.“
Automatisch spannte Nora sich an und plötzlich war ihr die ganze Situation mehr als unangenehm. „Mmm“, machte sie also nur, weil ihr keine bessere Antwort darauf einfiel.
„Tut mir wirklich Leid für dich“, sagte Calum und sah ihr in die Augen.
Nora spürte wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und ihre Augen zu brennen anfingen, also wandte sie hastig den Blick ab. „Danke“, murmelte sie.
Er nahm ihre Hand und drückte sie kurz, was sie mit einem dankbaren Lächeln quittierte.

„Hey, was geht denn hier ab?“
Nora verkniff sich ein Seufzen und ließ Calums Hand los. Auf Luke hatte sie jetzt wirklich keine Lust. Blöd nur, dass Luke das scheißegal war.
„Wir haben uns nur unterhalten“, antwortete Calum, da Nora keine Anstalten machte auf Lukes Aussage reagieren zu wollen.
„Aha. So hat's aber nicht ausgesehen.“ Luke quetschte sich zwischen die beiden, woraufhin das Sofa plötzlich zu eng wurde.
„Gott Luke“, ächzte Nora, die an die Armlehne der Couch gedrückt wurde. „Du bist zu breit.“
„Dann komm her“, forderte er und legte einen Arm um ihre Taille, um sie näher an sich zu ziehen.
„Nein, lass das!“ Sie wehrte sich gegen seinen Griff und er ließ los, als hätte er sich verbrannt.
Calum machte es sich still in seiner Ecke bequem und trank aus seiner Flasche, um sich bloß nicht einmischen zu müssen.
Betont gleichgültig verschränkte Luke die Arme vor der Brust und würdigte Nora keines Blickes mehr. Das war ihr nur Recht und sie rückte so weit wie möglich von ihm ab.
Eine Weile herrschte eine unangenehme, bedrückende Stille zwischen ihnen und Calum räusperte sich mehrmals peinlich berührt, was Nora ja beinahe schon wieder witzig fand.
„He, weißt du was?“, sagte Luke und wandte der 17-jährigen demonstrativ den Rücken zu, damit sie sich bloß nicht angesprochen fühlte.
Sie warf ihm nur einen kurzen Blick zu, da sie die Bewegung aus dem Augenwinkel bemerkt hatte, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit angestrengt auf etwas anderes.
„Hm?“, brummte Calum und richtete den Blick auf seinen besten Freund.
„Du erinnerst dich noch an die Frau, die wir neulich getroffen haben?“
„Klar, was ist mit ihr?“
Obwohl Nora sich dagegen wehrte, war sie doch neugierig, um was es ging und sie spitzte die Ohren.
„Sie hat mir gestern noch in meinem Zimmer Gesellschaft geleistet.“
Das war wie ein Schlag in den Magen für Nora und sie musste wohl nach Luft geschnappt haben, denn die Blicke der beiden Männer lagen keine Sekunde später auf ihr.
„Alles klar, Nora?“, fragte Calum besorgt und sie hatte das Gefühl, das er längst Bescheid wusste oder zumindest ahnte, was in ihr vorging.
Fieberhaft suchte sie nach einer Ausrede, irgendeinem Konter, der sich nach ihrem normalen Verhalten anhören würde, aber ihre Gehirn war wie leergefegt. Sie konnte auch die Augen nicht von Luke lösen, der sie so selbstzufrieden angrinste, dass ihr beinahe übel wurde.
„Mhm“, war alles, was sie herausbrachte, dann riss sie endlich den Blick von Luke los und starrte stattdessen auf den plötzlich wahnsinnig interessanten Fußboden.
„Sicher?“
„Lass sie, Cal, sie ist mal wieder ein bisschen melodramatisch“, winkte Luke ab.
„Oh, halt die Fresse, Luke.“
„Und zickig ist sie auch noch, wow. Aber das ist sie eigentlich immer. Auch nach dem Sex.“
Ihr Körper stand nun unter Hochspannung und sie riss den Kopf zu ihm herum, um Luke einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.
„Was?“ Perplex blickte Calum zwischen den beiden hin und her und er richtete sich neugierig auf. „Ihr habt miteinander geschlafen?“
Nora schüttelte heftig den Kopf. „Niemals“, spuckte sie aus, musste sich aber ein verräterisches Räuspern verkneifen. „Luke schwafelt den gleichen Mist wie immer, das ist alles.“
„Du bist doch nur angefressen, weil ich ne Frau über Nacht da hatte“, gab Luke lässig zurück, was Noras Wut nur noch ansteigen ließ.
„Wieso sollte ich? Ist mir doch scheißegal, wen du benutzt um mal Druck los zu werden, nur weil dich keine ran lässt und du dann die erbärmliche „Ich-bin-in-einer-Band-und-ach-so-reich-und-berühmt“- Karte ausspielen musst.“ Nora erdolchte ihn mit Blicken, aber er schien noch immer nicht sonderlich beeindruckt.
„Musste ich bei dir ja ganz offensichtlich nicht.“
„Red keinen Schwachsinn“, fauchte sie und warf schnell einen verunsicherten Blick zu Calum.
Der Schwarzhaarige saß nach vorne gebeugt und auf die Knie gestützt da und sein Mund stand leicht offen, während er den Wortwechsel gespannt verfolgte.
Luke verdrehte die Augen. „Wer redet hier Schwachsinn, huh? Warum reagierst du dann so empfindlich, wenn ich von einer anderen Frau in meinem Bett rede?“
„Mir tut diese Frau Leid, weil du sie einfach nur ausnutzt“, log Nora prompt.
Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Jetzt stell sie mal nicht als die arme ausgelieferte Frau hin, sie wusste ganz genau Bescheid. Ich hab ihr nichts vorgespielt und sie mir nicht. Es ging um nicht mehr als Sex.“
Nora zuckte zusammen, als ihr mit einem Mal klar wurde, dass sie für Luke wirklich nur eine von vielen war. Ein Zeitvertreib, vielleicht auch eine Herausforderung, weil sie ihm Kontra gab und ihm nicht sofort zu Füßen lag, aber das war's dann auch. Gefühle hatte er ganz sicher nicht für sie. Und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie begriff, dass sie sehr wohl Gefühle für ihn hatte.
„Du bist so ein Arschloch“, sagte sie und ihr blieb fast die Stimme weg. Mit einem Mal hatte sie die ganze Kraft und Wut verlassen und sie war irgendwie verloren. An welches Gefühl sollte sie sich denn klammern, wenn nicht Wut?
Luke zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon, deine Meinung dazu kümmert mich nicht.“
Sie blinzelte ungehalten die Tränen zurück, die in ihren Augen brannten, und richtete sich auf. „Schön, dann eben nicht. Gott, du bist so ein Kind, Luke! Es geht nicht immer nur um Sex, aber das begreifst du mit deinem Erbsenhirn vermutlich gar nicht.“
Sie stand auf und stürmte vom Dach. Sie hatte wirklich genug gehabt, viel mehr konnte sie nicht einstecken.
„Jetzt lauf nicht einfach davon, mein Gott!“, rief Luke ihr hinterher, aber sie dachte gar nicht daran, stehen zu bleiben. Stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte noch und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

Noras Sicht verschwamm nachdem sie ungefähr das erste Stockwerk hinter sich gebracht hatte und sie verfluchte sich dafür, dass sie Angst vor Aufzügen hatte. Über die Treppe brauchte sie viel länger bis sie sich irgendwo verkriechen konnte. Ihr fiel ein, dass Rachel bestimmt im Zimmer war und sie auch dort keinen Moment für sich haben würde um sich wieder zu fangen. Sie würde sich später noch Gedanken darüber machen, wo sie hingehen sollte, erstmal wollte sie einfach nur weg.
„Nora!“, rief jemand hinter ihr und sie zuckte erschrocken zusammen.
Sie wischte sich über die Augen und bremste ihr Tempo etwas, damit es nicht den Anschein hatte, sie würde davonlaufen. Obwohl sie genau das getan hatte und es auch wirklich nicht schwer zu erraten war.
„Nora, warte mal!“
Sie blieb stehen und drehte sich um, als Calum gerade um die Ecke geschlittert kam und die Treppe nach unten polterte, bis er vor ihr stand.
„Was gibt’s denn, Cal?“
Er kratzte sich am Hinterkopf und suchte nach Worten. „Ähm...ist alles okay mit dir?“
Sie zuckte mit den Schultern und nickte dann. „Ja, klar. Sicher.“
Calum warf einen Blick auf ihr Gesicht und runzelte die Stirn. „Willst du reden?“
Ihr erster Impuls wäre es gewesen zu verneinen, aber stattdessen erwischte sie sich selbst dabei, wie sie nickte.
Scheinbar erleichtert lächelte er. „Okay, dann gehen wir in mein Zimmer. Weniger weit zu laufen.“
Er zwinkerte ihr zu und sein Lächeln sprang auf ihr Gesicht über.

Calum schloss die Tür leise hinter Nora und trat sich die Schuhe von den Füßen. Nora tat es ihm gleich und wischte sich noch einmal verstohlen über die Augen um die letzten Spuren ihrer Tränen zu beseitigen.
„Äh, willst du vielleicht kurz ins Bad gehen oder so?“
„Ja gerne.“ Nora ließ sich von ihm das Badezimmer zeigen und schloss die Tür hinter sich ab.
Sie atmete laut aus und ging zum Waschbecken. Vorsorglich mied sie den Blick in den Spiegel und wusch sich zuerst einmal gründlich das Gesicht aus, um die Flecken, die die Wimperntusche vermutlich auf ihrem Gesicht hinterlassen hatte, zu entfernen.
Als sie das Handtuch von ihrem Gesicht senkte und in den Spiegel sah, waren ihre Augen zwar immer noch ein wenig gerötet, aber ansonsten sah sie wieder recht vorzeigbar aus. In einer Schublade fand sie eine Bürste, die ihr stabil genug aussah, um durch ihre Haare zu kommen, also brachte sie auch ihre Frisur wieder einigermaßen hin.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
„Nora? Muss ich mir Sorgen machen weil du so lange im Bad bleibst?“
„Nein“, rief sie Richtung Tür und lachte kurz auf.
„Okay, dann warte ich einfach weiter“, brummte er fast unhörbar und entfernte sich wieder.
Nora ließ ihre Haare einfach Haare sein und legte seufzend die Bürste weg, weil sie ihre widerspenstige Mähne nicht noch länger kämmen wollte.
„Ah, da bist du wieder. Hab mich schon gewundert“, begrüßte Calum sie schmunzelnd, als sie den Bereich betrat, in dem ein großes Bett stand.
Nora zuckte mit den Schultern. „Ich wollte verhindern, dass ich total fertig aussehe. Das würde zu einem Missverständnis führen.“
Er klopfte auf dem Platz neben sich auf der Matratze und sie setzte sich mit einem Seufzen neben ihn.
„Welchem Missverständnis denn?“, erkundigte er sich.
„Dass ich wegen dem was Luke gesagt habe so fertig bin.“
„Und stimmt das nicht?“
Kraftlos zuckte sie mit den Schultern und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß auch nicht. Warum muss er so ein Arschloch sein, Calum? Manchmal kann er doch auch nett sein.“
Er seufzte schwer und stützte sich auf seinen Armen hinter sich ab. „Ich weiß auch nicht was er mit dir hat. Er hat echt seltsame Stimmungsschwankungen seit wir dich kennen.“
Noras Schultern sackten noch ein Stück mehr nach unten. „Also liegt es wirklich an mir? Bin ich so unausstehlich?“
„Nein, red keinen Mist“, sagte Calum und schüttelte den Kopf. „Du und Luke seid einfach...ein paar besondere Menschen.“
Sie lachte freudlos auf und schüttelte den Kopf. „Menschen wie Luke und ich sind feige. Wir haben solche Angst verletzt zu werden, dass wir stattdessen andere verletzen. Aus lauter Panik nicht mit dem Schmerz klarzukommen.“

Calum legte vorsichtig einen Arm um Nora und zu seiner Erleichterung schmiegte sie sich an ihn.
Er wartete noch einen Moment, ob sie noch etwas sagen wollte, aber die Jüngere schwieg. Lukes Worte mussten sie mehr verletzt haben, als sie zugeben oder zeigen wollte. Aber auch er hatte schon öfter den Gedanken gehabt, dass Luke und Nora in der Gegenwart des Anderen einfach komplett auf Abwehr gingen um sich nicht zu verletzen.
„Vielleicht hast du Recht“, begann er zögernd, stockte dann aber.
Nora stupste ihm aufmunternd in die Seite um ihn zum weiterreden zu bringen.
„Vielleicht...vielleicht haben Menschen wie du und Luke aber auch einfach schon zu viel Schmerz erleben müssen. Weißt du, ich bin davon überzeugt, dass einem Mensch nur eine bestimmte Menge an Vertrauen zusteht, das er anderen geben kann, bis er nichts mehr übrig hat. Je weniger man davon hat, desto vorsichtiger wird man. Es ist immer ein Risiko, jemandem zu vertrauen. Und jeder Schmerz, jeder Verlust zieht etwas von diesem Vertrauen ab. Vielleicht wächst es auch wieder, wenn man älter wird, aber das braucht ja auch Zeit. Nicht jeder hat gleich viel Vertrauen zur Verfügung, ich denke das kommt darauf an, wie man aufgewachsen ist. Und vor allem auf einen selbst. Manche Menschen sind stark, aber auch starke Menschen brechen einmal. Und die Person, die gegen allen Schmerz und jeden Verlust immun ist, ist nicht stark sondern innerlich bereits völlig leer und tot. So will ich nie werden, Nora. Ich hasse es zu trauern, das Gefühl sich hilflos zu fühlen und zu wissen, das jemand, den man geliebt hat, nie wieder zu einem zurückkommen wird. Es tut verdammt weh, betrogen zu werden und es tut weh, Freunde zu verlieren. Aber solange man noch einen Grund findet, immer wieder aufzustehen, sich vom Boden aufzurappeln und einen Weg findet weiterzumachen, ist man stark. Du hast deine Mutter verloren, Nora, und das ist hart. Du brauchst Zeit zu heilen, auch wenn du von so einem Verlust nie ganz heilen wirst. Aber es wird besser werden, nur hat Luke dir dabei noch ganz und gar nicht geholfen.“
Er spürte, wie sie sich anspannte und legte auch noch den anderen Arm um sie, sodass sie das Gesicht an seiner Schulter vergraben konnte. Er stützte das Kinn auf ihrem Kopf ab und strich ihr langsam mit der Hand über den Rücken.
„Du glaubst, du hast deinen Grund, vom Boden aufzustehen, noch nicht gefunden. Aber du wirst einen finden, vertrau mir. Du musst nur die Augen offen halten und deinen Schutzwall etwas runter lassen. Wenn du dich vor Allem verschließt und den Schmerz in dich hineinfrisst, wird nichts besser werden. Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst, aber du solltest wirklich einen Weg finden, das, was dich bedrückt, nach außen zu bringen. Es muss niemand sonst verstehen, tu es nur für dich selbst, okay?“
Einen Moment schwiegen sie beide, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, dann vernahm Calum das erste, leise Schluchzen von Nora.
Gequält schloss er die Augen und drückte sie fester.
Er konnte es nicht leiden, andere weinen zu sehen oder auch nur zu hören. Es war schrecklich, jemanden so aufgelöst und am Boden zerstört zu sehen. Das erinnerte ihn daran, dass auch sein Leben längst nicht immer so toll war, wie es sein sollte.
Aber er hatte eine wunderbare Familie und die besten Freunde, die er sich wünschen konnte.
Nora hatte diese nun auch und das wollte er ihr beweisen.
Er würde für sie da sein, auch wenn er sich zusammenreißen musste um nicht gefühlsduselig zu werden und mitzuheulen.

Nora weinte diese Nacht lange und hielt sie beide vom Schlafen ab, aber Calum machte es nichts aus.
Er fühlte sich nützlich und das war ein tolles Gefühl. Nora gab ihm in diesem Moment das Gefühl, gebraucht zu werden und er wollte sich ihr Vertrauen erkämpfen.
Vertrauen war etwas Wertvolles und er hatte so das Gefühl, dass Nora ihm heute bereits ein winziges bisschen von ihrem geschenkt hatte.
Er wollte ihr auf jeden Fall beweisen, dass das eine gute Entscheidung gewesen war.
Also war er einfach für sie da und ignorierte die Nachrichten der Jungs, die ihn fragten, wie es Nora ging und was überhaupt los war. Er hatte ihnen vorher, als sie im Bad war, kurz Bescheid gegeben, dass er Nora mit in sein Zimmer genommen hatte und sonst alles okay war, das musste reichen.
Jetzt war er einfach für Nora da.
„Du Calum?“, unterbrach sie seine Gedankengänge mit leiser, ungewohnt schüchterner Stimme.
„Hmm?“, brummte er müde.
„Danke.“
„Kein Problem, Nora.“ Er küsste sie auf die Stirn, eine seltsam vertraute Geste, die er manchmal bei seiner älteren Schwester Mali machte, wenn ihnen wieder ein mal ein Abschied bevor stand und er sie länger nicht mehr sehen würde.
Sie kuschelte sich näher an ihn und er entspannte sich selbst, als sich ihre Anspannung lockerte und ihre Atemzüge gleichmäßig wurden. Er war froh, dass sie doch noch hatte einschlafen können.
Ein Seitenblick auf die Digitaluhr auf dem Nachttisch zeigte ihm, dass es auch langsam Zeit dafür wurde. In vier Stunden musste er wegen einem anstehenden Interview wieder aufstehen. Leise seufzend schloss Calum die Augen und versuchte so viel Schlaf abzukriegen wie er noch bekommen konnte.

Als Nora am nächsten Morgen aufwachte konnte sie ihre Augen, die wegen der vielen Tränen gestern Nacht ganz geschwollen waren, fast nicht öffnen. Sie streckte sich erst einmal ausgiebig und blieb noch einen Augenblick liegen, dann richtete sie sich schweren Herzens auf, da sie die Erinnerung an gestern Abend quälte.
Sie schaffte es ihre Augen einen Spalt breit zu öffnen und blinzelte gegen das helle Licht an, dass durch die Vorhänge in den Raum drang. Sie suchte nach Calum, aber er war nirgends zu sehen, also schwang sie die Beine übers Bett und erhob sich wackelig.
Auf dem Nachttisch entdeckte sie einen Zettel und eine Wasserflasche daneben.

Guten Morgen Nora,
ich muss wegen einem Interview weg.
Wir sehen uns heute auf dem Konzert, hoffe es geht
dir besser :)
P.S.: Du kannst auch einfach in meinem Bett liegen
bleiben und die Arbeit schwänzen, ich hab gerne eine
hübsche Frau in meinem Bett wenn ich zurück komme ;P
P.P.S.: Das Wasser ist für dich, bedien dich ruhig.


Lächelnd steckte Nora den Zettel und ihr Handy, das sie auf dem Nachttisch abgelegt hatte, in ihre Hosentasche. Sie griff nach der Wasserflasche und trank ein paar Schlucke, dann machte sie noch Calums Bett, weil es das Mindeste war, was sie tun konnte, nachdem er gestern für sie da war. Sie hatte zuvor immer am Meisten mit Ashton und Luke zu tun gehabt, obwohl sie natürlich auch mit Mikey und Calum gut befreundet war. Irgendwie hatte sie diese Beiden wohl etwas außen vor gelassen und das tat ihr wirklich Leid, denn sie hatte ganz eindeutig etwas verpasst. Sie würde sich noch einmal anständig bei Calum bedanken müssen, aber das konnte sie auf später verschieben.

Als Nora mit ihrer Schlüsselkarte ihr Zimmer öffnete hatte sie nicht erwartete, Rachel dort vorzufinden. Normalerweise war die Blondine schon früh auf den Beinen und irgendwo unterwegs.
„Guten Morgen. Entschuldige, dass ich gestern nicht mehr Bescheid gegeben habe. Ich hab bei den Jungs geschlafen.“
Rachel blickte auf und Nora erschrak als sie die roten, geschwollenen Augen der Älteren bemerkte. Sie schien aber auch nicht besser auszusehen, denn die Blondine runzelte besorgt die Stirn.
„Was ist denn mit dir passiert? Hast du geweint?“
„Äh, ja, aber da bin ich anscheinend nicht die Einzige.“
„Ach was, ich hab ein bisschen MakeUp ins Gesicht bekommen“, winkte Rachel ab und schob ihr Handy schnell hinter ihren Rücken.
Hätte sie das nicht getan, hätte Nora ihr die Lüge vielleicht sogar abgekauft. Die Schwarzhaarige ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und marschierte auf ihre beste Freundin zu.
„Ray, was ist los?“, fragte sie so sanft sie konnte und nahm Rachels Hände in ihre. „Ist irgendwas mit Samuel?“
Das aufgesetzte Lächeln der jungen Frau fiel in sich zusammen und sie brach in Tränen aus. Bestürzt ließ Nora ihre Hände los und setzte sich neben sie, um sie in den Arm zu nehmen. „Himmel, was ist denn passiert?“
Rachel schüttelte den Kopf und klammerte sich schluchzend an sie. Zärtlich strich Nora ihrer besten Freundin über die Haare und redete irgendeinen Unsinn vor sich hin, der hoffentlich beruhigend wirkte. Ray murmelte schluchzend etwas vor sich hin, aber Nora konnte ihrem Wortschwall nur die Fetzen „Samuel“, „eifersüchtig“ und „alles meine Schuld“ entnehmen.
„Shh...es wird wieder alles gut“, murmelte Nora hilflos und zog die Blondine näher an sich.

„Entschuldige“, schniefte Rachel, nachdem sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte und befreite sich aus Noras Umarmung.
Nora reichte ihr ein Taschentuch vom Nachttisch und sie nahm es dankend an. Sie trötete lautstark in das Taschentuch und die beiden Mädchen brachen in Lachen aus.
„Okay, es geht wieder. Danke.“ Rachel schob das Taschentuch ein, nachdem sie sich über die Augen gewischt hatte um die letzten Tränenspuren zu beseitigen.
„Willst du darüber reden?“, fragte Nora zaghaft und drückte ihre Hand.
Rachel nickte langsam. „I-ich denke schon.“
Aufmerksam drehte Nora sich mehr in ihre Richtung, bis sie sich auf dem Bett gegenüber saßen. „Okay, dann fang mal ganz vorne an. Was ist passiert?“
Rachel schniefte noch einmal und begann mit zittriger Stimme zu erzählen. „Naja, ich...es sind irgendwie Bilder von mir und Calum im Internet gelandet. Irgendwer muss Fotos gemacht haben, während wir im Pool waren.“ Sie räusperte sich kurz und atmete ein paar Mal tief durch. Nora drückte ihre Hand beschwichtigend und lächelte sie aufmunternd an.
„A-also ich hab...ich hab mit Calum geflirtet, ich geb's ja zu. Aber es war doch nur Spaß! Wir haben nur Spaß gemacht. U-und i-ich weiß nicht, a-aber irgendwie hat Samuel das-...er-...ich weiß nicht was ich tun soll, Nora...“ Ihre Stimme war immer dünner geworden und sie blickte die Jüngere mit wässrigen Augen an.
„Das wird sich schon wieder einrenken, Rachel“, beruhigte Nora sie. „Was ist weiter passiert?“
Tapfer schluckte Rachel den Kloß in ihrem Hals hinunter und blinzelte die Tränen beiseite. „Samuel hat die Bilder gesehen u-und er hat mich angerufen. I-ich wusste gar nichts von den Bildern, bis er es erwähnt hat!“ Sie schniefte und zog ihr Taschentuch wieder hervor. „Er hat mich gefragt was das soll, was ich mit d-dem Kerl da zu tun habe. Ich wusste nicht von was er redet, wie denn auch? Er ist dadurch nur immer wütender geworden und i-ich...ich hab solche Angst, dass er mich jetzt hasst. Ich weiß nicht was ich dann tu-un soll, Nora, ich-...“
Sie schluchzte auf und warf sich wieder auf Nora, die sie fest in die Arme schloss und die Wange auf ihrem Kopf abstützte. Es tat Nora weh ihre sonst so quirlige, fröhliche Freundin aufgelöst und verletzt zu sehen.
„Aber dann war das Ganze doch bloß ein Missverständnis, Rachel. Samuel vergöttert dich, er wird ganz sicher noch zur Besinnung kommen.“
„A-aber er hat doch Recht, ich habe mit Calum geflirtet“, schluchzte sie unverständlich.
Nora dachte einen Moment darüber nach, dann gab sie einen zustimmenden Laut von sich. „Das schon, aber wie du selbst gesagt hast, du hast doch nur Spaß gemacht. Es war ja nicht so, als hättest du ihn betrogen.“
„Das würde ich nie tun!“, rief Rachel entsetzt aus und Nora verstärkte ihren Griff um sie.
„Ich weiß. Das weiß ich doch, Ray...“, murmelte sie beruhigend.
„Er wird es verstehen, wenn du es ihm erklärst, da bin ich mir sicher.“
„A-aber er geht nicht ans Handy...“
„Wenn du mir seine Nummer gibst kannst du es gerne mit meinem versuchen“, bot Nora ihr an und Rachel zögerte einen Moment, dann blickte sie auf.
„Wirklich?“, fragte sie schniefend. „Ich weiß aber nicht ob ich das kann.“
„Natürlich kannst du das“, erwiderte Nora zuversichtlich und küsste sie auf die Stirn, genauso wie Calum es letzte Nacht bei ihr gemacht hatte. Bei der Erinnerung daran musste sie lächeln.

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Heya Brownies ^^
Wie versprochen hat Calum hier eine kleine Hauptrolle eingenommen :)
Übrigens kann ich euch beruhigen, mit diesem Kapitel haben wir fürs Erste den Höhepunkt des Lora-Dramas erreicht, es wird also nicht mehr schlimmer ;D
Ich hoffe es hat euch gefallen :)
lg Schoko <3 ^^
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