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日本の夢  (Nihon no yume) - Okumuras Reisen zu den Grenzen des Vorstellbaren | Teil 3 - Der Heilige Gral

von Odras
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
OC (Own Character)
28.09.2015
15.02.2016
33
30.737
 
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28.09.2015 722
 
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Samstag, 1. Mai 1920

Ich verschlafe den Großteil der Zugfahrt. Der nicht unerhebliche Blutverlust und die anderen Strapazen der jüngsten Ereignisse fordern ihren Tribut. Gegen sechs Uhr am Abend erreichen wir Dunedin.

Die Stadt scheint seit unserer Abreise ziemlich mitgenommen worden zu sein. Der Zeitung ist zu entnehmen, dass hier vor einiger Zeit ein heftiges und unerwartetes Erdbeben gewütet hatte. Zahlreiche Gebäude – darunter auch das Hotel Oriental – waren dem Unglück zum Opfer gefallen. Die Neuseeländer aber ließen sich von so etwas nicht unter kriegen und bauten ihre Stadt wieder auf. In den Maori-Legenden heißt es, dass Erdbeben die Tritte des ungeborenen Kindes im Bauch der Mutter Erde seien.

Wir beschaffen uns zunächst etwas Bargeld. Ich lasse ein Telegramm nach Curdridge Hill zu Händen Allen Sullivan schicken, in welchem ich zum einen sein Gehalt für die nächsten sechs Monate anweisen lasse, zum anderen einen knappen Lagebericht unserer Situation abgebe:

Haben uns auf einer Expedition verirrt STOPP
Aktueller Aufenthalt: Dunedin, NZ STOPP
Werde schnellstmöglich nach England zurückkehren STOPP

Okumura

Überall, wo wir auftauchen, müssen wir uns unangenehmen Fragen stellen, die Senchō jedes Mal mit der gleichen halbwegs plausiblen Geschichte erklärt: Schiffbruch, Monate verirrt auf See und der legendäre Riesenvogel. Daher erledigen wir erst einmal nur das Notwendigste. Mein Bein schmerzt bei jedem Schritt. Ich will auf dem schnellsten Weg in ein Krankenhaus.

Mein behandelnder Arzt ist der Chirurg Dr. O’Connel. Nach einer ersten Untersuchung stellt er fest, dass ich „nur“ einen glatten Bruch erlitten habe. Der Knochen sollte problemlos wieder zusammen wachsen. Es würde allerdings sechs bis acht Wochen dauern, bis ich mein Bein wieder voll einsetzen könne. Auch rät er mir zu einem zwei- bis dreitägigen Aufenthalt im Hospital. Mein Bein wird in Gips gelegt.

Ich liege in meinem Krankenbett und starre die Decke an. Ich habe zwar ein komfortables Einzelzimmer, aber Krankenhaus bleibt Krankenhaus. Am meisten frustriert mich, dass ich mich nicht bewegen darf und bei jeder Kleinigkeit nach der Krankenschwester klingeln muss.

Ich bin gerade etwas am wegdämmern, als es an meiner Tür klopft. Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmt Senchō mit einem Fass Sake unter dem Arm in mein Krankenzimmer, das er gleich anbricht, um mit mir auf meine Genesung anzustoßen. Gerade füllen wir unsere Sake-Schalen zum zweiten Mal, als die Tür aufgeht und Mari-chan hinein wirbelt. „Da sind Sie ja, Ragnar“, ruft sie und beginnt sogleich, Senchō von ihren morgigen Ausflugsplänen zu einem alten Ritualplatz der Maori zu berichten. Wie selbstverständlich scheint sie zu erwarten, dass Senchō sie begleitet. Der ist von dieser Idee jedoch nicht besonders angetan. Erst nach einer ganzen Weile nimmt Mari-chan auch Notiz von mir und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden.

Es klopft wieder. Dieses Mal ist es der Lord. Mein Krankenzimmer wird langsam richtig voll. Meine Freunde sind im Hotel Otago untergekommen. Senchō berichtet zudem, dass er für uns eine Passage auf der HMS Scotland gebucht habe, die uns innerhalb von acht Wochen nach Southampton bringen soll. Das Linienschiff soll am vierten Mai auslaufen.

Ich erzähle meinen Freunden, dass ich wahrscheinlich bis zu unserer Abreise im Hospital bleiben muss – eine wenig erbauliche Aussicht ob der Tristesse dieses Ortes und der Umstände. Senchō nestelt in seinen Taschen, holt eine kleine Dose hervor und reicht sie mir. „Damit es dir nicht zu langweilig wird“, erklärt er. Ich öffne die Dose. Darin befindet sich ein grünliches Pulver. Fragend sehe ich Senchō an. „Probiers einfach aus, kannst es auch mit Sake runterspülen“, erklärt er breit grinsend. Ich bin skeptisch.

Dann erklärt der Lord, was es mit dieser Sache auf sich hat. Die grünliche Substanz, erklärt er, ermögliche es, im Schlaf ein Land zu betreten, das parallel zu unserer Welt existiert und genauso real sei. Dieses Gebiet nenne sich „Traumland“. Hier existierten fremdartige Wesen und das Zusammenspiel von Raum und Zeit funktioniere nach anderen Regeln, als wir es kennen und auch sonst sei vieles anders. Er empfiehlt mir, das Pulver direkt vor dem Schlafengehen einzunehmen. Bevor meine Freunde mich verlassen, bitte ich den Lord, mir noch ein gutes Buch zu besorgen. Wenn mein Körper schon nur beschränkt einsatzfähig ist, will ich wenigstens meinen Geist in Bewegung halten. Nach einer Weile kommt er zurück und überbringt mir ein Buch von einem gewissen Lewis Carroll mit dem Titel „Alice in Wonderland“ – als Einstimmung auf die bevorstehende Traumreise, meint er.
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