Shinra's Auftrag

von X Fantasy
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
27.09.2015
23.02.2016
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Shinra’s Auftrag

 

Post DoC, Yaoi, Lemons, Rufus/Cloud, Cloud’s POV, Ich-Stil


Disclaimer: Sämtliche Charaktere und Eigennamen aus Final Fantasy VII gehören nicht mir, sondern Square Enix. Auch fürchte ich, dass ich mit dieser Geschichte kein Geld verdienen werde.

 


Kapitel 1

 

Die Steppe nordöstlich von Edge erstreckte sich vor mir, scheinbar endlos in ihrer staubigen Eintönigkeit. Nur zögernd zeigten sich Spuren von dünnem Gras und dornigem Gesträuch.  Ich spürte den Wind in meinem Gesicht und auf meinen Armen, das beruhigende Vibrieren der Maschine zwischen meinen Beinen. Auch Fenrirs gleichmäßiges Brummen trug zu meiner Entspannung bei.

Solange ich fuhr, war es gut. Alle Sinne aufs Außen gerichtet. Musste nicht denken. Alles fließen lassen, nichts festhalten. Sogar als ich an dem Felsplateau vorbeikam, auf dem Fair gestorben war, war der Stich in meiner Brust kaum der Rede wert. Aufmerksamkeit, auf die Umgebung konzentriert. Hier. Jetzt. Solange ich fuhr … Denn sobald ich ankam, galt es Entscheidungen zu treffen; die Sendung zuzustellen; Begegnungen zu riskieren – oder zu vermeiden; der Realität des Ortes entgegenzutreten; mit dem, was ich hatte, was ich war. Als der, der ich war.

Cloud Strife. Allein der Name war in den letzten Jahren so gründlich in der Öffentlichkeit durchgekaut worden, dass ich ihn nicht mehr hören konnte. Welchen Grund sollte es für mich geben, Cloud Strife sein zu wollen? Ich hätte den Namen schon damals nach der ersten Katastrophe ändern sollen. Nein, erst nach der zweiten natürlich. Nach der ersten gab es ja keine Möglichkeit mehr, irgendetwas zu tun; schwebend in Hojo’s Makotank; in süßem Vergessen. Bis heute weiß ich nicht, wieso Fair mich nicht einfach dort lassen konnte. Das ist Unsinn – natürlich weiß ich es. Er konnte es eben nicht; genau das machte ihn ja zum Helden. Dabei war Vergessen alles, was ich wollte. Vergessen, dass ich ihn ermordet hatte, ihn, den anderen, den wahren Helden. Und damit selbst zum Helden wurde. Ja, so ist das mit dem Held-Sein. Eine komplizierte Sache und keineswegs erstrebenswert. Von uns Dreien war Fair der einzige, der es angestrebt hatte. Und als es soweit war … tja.

Immer wieder kam ich an eingezäunten Feldern  von Solaranlagen vorbei. Die Reihen flacher, bläulicher Rechtecke neigten sich der Sonnenstrahlung entgegen, vor Monsterangriffen geschützt durch übermannshohe, stromführende Metallzäune. Kein Monster – und auch kein Terrorist – würde die Berührung mit dem Starkstrom überleben. Nach den Geschehnissen der letzten Jahre, die den Planeten beinahe seine Existenz gekostet hatten und durch die ausufernde Nutzung von Mako entstanden waren, hatte man sehr schnell nach anderen Energiequellen gesucht. Tatsächlich hatte Reeve Tuesti, der Leiter der Welt-Rekonstruktions-Organisation, seit langem gut ausgearbeitete Pläne für den Einsatz umweltschonender und erneuerbarer Energien in seinen Schubfächern, die nur noch in die Praxis umgesetzt werden mussten. Nach einer allmählich auslaufenden Übergangszeit waren nun fast alle Makoreaktoren abgeschaltet, nur einige Kohlekraftwerke ergänzten noch die auf Hochtouren arbeitenden Sonnen- und Windkraftanlagen überall auf dem Planeten.

Ich bewunderte den Eifer, mit dem die Menschen sich auf den Ausbau der neuen, vielversprechenden Systeme stürzten.

Am oberen Rand meines Gesichtsfeldes zu meiner Rechten nahm ich eine Bewegung wahr. Gut. Konzentration. Ein Garu-Falk? Die Flughöhe würde hinkommen, die Geschwindigkeit auch. Aber die Gestalt nicht – es hatte gar keine Flügel. Nur ein Helikopter, wie ich nach ein paar Minuten unschwer feststellte. Irrte ich mich, oder hielt er auf mich zu? Einer von Reeve’s Hubschraubern? War auf die Entfernung noch nicht zu erkennen, aber ich bremste langsam ab.

Sobald ich zum Stehen kam, war er auch schon über mir, mit hämmerndem Rotor. Er kam so schnell herab, als wolle er auf meinem Kopf landen. Zog dann in einer halsbrecherischen Kurve über mich hinweg und senkte sich etwa zehn Meter vor mir in den Staub. Doch keiner von der WRO. Niemand von Reeve’s Leuten flog in einem so idiotischen Stil. Der Hubschrauber trug auch kein Logo. Er war pechschwarz lackiert, lang und schlank – hm … In der ganzen Region Midgar gab es eigentlich nur einen Piloten, der mit einer solchen Maschine derartige Mätzchen veranstalten würde. Und eine Unterhaltung mit dieser Person war etwa das Letzte, was ich mir wünschte.

Ich wartete darauf, dass er den Rotor abstellen würde, was er aber offenbar nicht vorhatte. Was sollte das? Mir kam die Idee, ihn aussteigen und herankommen zu lassen, dann Gas zu geben und einfach weiterzufahren. Doch das würde mir nur einen unerheblichen Vorsprung verschaffen. Er würde nicht auf mich schießen, dessen war ich sicher. Allerdings würde er vermutlich die Gelegenheit nutzen, mich zu jagen, und so ein Spiel mit dem da wünschte ich mir noch viel weniger.

Also blieb ich, wo ich war, und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hoffte, diese Haltung wirkte angemessen abweisend, auch ohne dass ich ein Schwert zückte. Die Aussicht auf einen Kampf wäre für den Mann so etwas wie ein frivoles Versprechen.

Die Tür des Helikopters wurde aufgeschoben, und er sprang hinaus und schritt auf mich zu. Schlaksige Figur, das Hemd über der Hose, beinahe tänzelnde Bewegungen. Den Elektro-Stab trug er wie üblich über die linke Schulter gelegt. Wahrscheinlich dachte er, das sähe cool aus. Wie jemand mit einem rotgefärbten Wischmop auf dem Kopf sich überhaupt cool vorkommen kann, ist mir schleierhaft.

Reno. Der Mann hat noch nicht einmal einen Nachnamen. Reno von den Turks. Immerhin, vor ein paar hundert Jahren wäre „von den Turks“ eine Art Adelstitel gewesen. Lieber Himmel.

Er blieb vor mir stehen und starrte mich an. Ich dachte: ‚Wenn er mich nur einmal Blondie nennt, bringe ich ihn um. Und werde es nicht bereuen.‘

Aber er sagte nur: „Ey, Strife.“ Besser gesagt, er schrie es, um das nervenzerrende Dröhnen des Rotors zu übertönen. „Der Präsident will dich sprechen. Ist was Dringendes."

Ich brauchte über meine Antwort nicht nachzudenken. "Kein Interesse."

Er war nicht beeindruckt. "Komm schon, Mann. Ich nehm' dich und deinen Fenrir mit. Alles, was du verlierst, ist 'n paar Stunden Zeitaufwand und 'n wunder Hintern, ey.“

Ach, Reno, was bist du heute wieder lustig. Und da war es auch schon, das anzügliche Grinsen, das ich so hasse. Für seine Verhältnisse war das soeben Gesagte eine äußerst höflich formulierte Bitte.

Ich runzelte unwillig die Stirn und schrie zurück: „Shinra schickt dich mitten in die Wüste, um mich zu sich zu holen?“

„Sieht ganz so aus, ey.“

„Wieso?“

„Keine Ahnung, Mann. Was Wichtiges. Aber Sephiroth’s Rückkehr kann’s nicht sein, davon hätt‘ ich was mitgekriegt, ey.“

Ich verdrehte die Augen. Ständige Anspielungen auf Sephiroth, vor allem mir gegenüber, gehörten zu seinen liebsten Geschmacklosigkeiten.

 „Ich kann nicht“, rief ich ihm zu. „Habe noch einen Wertbrief in Kalm auszuliefern.“

Er hob lässig die Schulter mit dem Stab. „Macht nix, Mann. Ich flieg‘ dich hin und gleich wieder zurück. Kann das Baby in jedem Hinterhof  landen, ey.“

Er deutete mit den roten Flusen an seinem Hinterkopf in Richtung Hubschrauber.

Gutes Argument. Die entspannende Fahrt auf Fenrir, die ich mir erhofft hatte, konnte ich jetzt sowieso vergessen. Der Kraftaufwand, den es mich kosten würde, den Mann loszuwerden, war nicht zu unterschätzen. Und Shinra zahlte gut. Seine Eile machte mich allerdings misstrauisch. Blieb noch zu bedenken, dass ich mit Reno’s Unterstützung bereits am selben Abend wieder bei Tifa und den Kindern wäre. Hm. Der Gedanke, sie schon so bald wiederzusehen, hatte so gar nichts Anziehendes. Arme Tifa. Dabei war sie wirklich eine tolle Frau. Sie hatte sich nur in den falschen Mann verliebt. In mich nämlich.

Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn ich mit dir fliege, wird mir schlecht!“

Oha, ganz dummes Argument. Reno’s Grinsen verbreiterte sich sofort. Natürlich.

„Kein Problem, Mann. Hab‘ für 'n Notfall immer 'n paar Tüten dabei. Ey.“

Allmählich flossen meine Gedanken in einen undefinierbaren Brei zusammen. Reno wusste genau, dass durch Mako und Jenova-Zellen meine sämtlichen Sinne unnatürlich geschärft waren. Das ununterbrochene Gedröhn des Hubschraubers fühlte sich mittlerweile in meinem Kopf so an, als habe man einen laufenden Presslufthammer direkt in mein Gehirn gepflanzt. Resigniert deutete ich eine Geste des Einverständnisses an und gab verhalten Gas, um Fenrir langsam zu dem Helikopter zu lenken.

 Reno half mir, ihn in den Frachtraum zu laden und fachgerecht zu sichern. Dann nahmen wir in der Pilotenkanzel nebeneinander Platz. Reno hatte nichts Besseres zu tun, als mit einem unverschämten Blick meine Beine zu mustern.

„Ey, neue Hose?“

Ja, seit ein paar Monaten trug ich schwarzes Leder, und ja, es lag ziemlich eng an. Aber nicht weil ich sexy sein wollte, sondern weil es sich zum Motorradfahren besser eignete als jedes andere Material.

„Ist praktisch“, gab ich zurück und sah unverwandt aus dem Fenster. Immer wenn ich mit Reno von den Turks zusammentraf, wusste ich, was eine Frau empfindet, die sexuell belästigt wird. Eine Erfahrung, die sicher nur wenige Männer machen.

Er kicherte und zog die Maschine hoch.

Eine Geruchsmischung nach kaltem Zigarettenrauch, ein wenig Schweiß und einem Hauch Knoblauch bemächtigte sich meiner Nase. Aber wenn ich das Gesicht zum Fenster drehte, ging es.

Tatsächlich war der Flug gar nicht so übel. Reno hielt den Hubschrauber erstaunlich ruhig. Wahrscheinlich legte er keinen Wert darauf, dass ich ihm auf seine Instrumente kotzte. Auch bei geschlossenen Türen war der Lärm im Innenraum beträchtlich, so dass ich dem Gerede des Piloten keine unfreiwillige Aufmerksamkeit widmen musste. Denn er redete pausenlos. Sein Mund schien irgendwie unabhängig vom übrigen Organismus zu funktionieren. Ich rückte mich in dem bequemen Sitz zurecht, schaute in den Himmel und ließ meine Gedanken wieder fließen.

In den letzten zwei Jahren, nach der Zerschlagung von Deepground war ich drei- oder viermal für Präsident Shinra gefahren. Präsident – ha! Er war jetzt Chef einer kleinen Vertriebsfirma, die sich mit einem Produzenten von Sonnenkollektoren zusammengetan hatte. Die Firma hieß nicht einmal mehr Shinra und warb ausschließlich mit Umweltschutz. Das Ganze wurde von der WRO gefördert, im Rahmen des Energiewachstumsbeschleunigungsprogramms – ich habe keine Ahnung, wer dieses Buchstabenmonster erschaffen hat. Da Rufus Shinra zu einem beträchtlichen Teil die WRO finanzierte, förderte er sich praktisch gesehen selbst. Jedesmal wenn er für Reeve einen Scheck ausstellte, mussten ihm geradezu die Freudentränen in die Augen treten.

Meine Freunde Cid und Barrett argwöhnten, dass die Sonnenfirma lediglich als Tarnung diente, um Geld zu waschen, das aus Makoschmuggel, Menschenhandel, Erpressung und wasweißich noch stammen sollte – sie trauten Shinra alles zu. Ob zurecht kann ich nicht beurteilen. Bei den Sendungen, die ich für ihn transportierte, handelte es sich um Computer-CDs mit Konstruktionsplänen für – Sonnenkollektoren. Die Passcodes ließen sich ziemlich leicht knacken, und weder Reeve noch Cid, die die Dateien durchsuchten, fanden Hinweise auf etwas Verdächtiges. Was Cid nur in seiner Meinung bestärkte, Shinra sei eben zu gerissen für einen rechtschaffenen Verstand.

Wie dem auch sei, mit Shinra selbst hatte ich dabei keinen Kontakt. Meist war es Tseng, der mir die Hüllen mit den CDs übergab und den Lohn aushandelte. In seiner ruhigen, völlig emotionslosen Sachlichkeit war er ein angenehmer Geschäftspartner. Ich weiß nicht, ob er viele Freunde hat, und ich möchte auch keiner von ihnen sein. Aber solange ich nicht daran dachte, was sein Berufsbild sonst noch für Tätigkeiten umfasste, kam ich gut mit ihm zurecht.

Einmal war Elena am Treffpunkt. Sie war sicherlich die sympathischste der Turks, auch wenn sie ziemlich viel redete, aber sie war freundlich und zugänglich. Im 7th Heaven ging das Gerücht, dass sie ein Verhältnis mit Tseng habe. Das wunderte mich etwas, denn die Gerüchte, denen zufolge Tseng sowohl mit Reno als auch mit Rufus selbst schlief, waren wesentlich älter. Aber vielleicht hatte er seinen Geschmack ja geändert. Für seine körperliche ebenso wie für seine seelische Gesundheit wäre das vermutlich von Vorteil.

Ich fragte mich, ob es klug war, dass ich Shinra’s Ruf folgte. Im Grunde wollte ich nichts mit ihm persönlich zu tun haben. Ich wollte nicht einmal in diesem Helikopter sitzen. Unvermittelt stand mir das Bild vor Augen, wie Reno die Bombe am Pfeiler von Sektor 7 zündete. Wie wir darum kämpften, die Detonation zu verhindern. Und scheiterten. Soviele Tote. Soviel Elend. Und Reno hatte gegrinst. Damals wollte ich ihm seine dreckige Visage mit dem Schwert zerhacken, und ein Anflug des alten, ohnmächtigen Hasses rührte sich jetzt wieder. Doch es war weit mehr Hoffnungslosigkeit als Hass. Die Anschläge von AVALANCHE, die doch die höchste moralische Gesinnung für sich in Anspruch nahmen, forderten ebenso viele Opfer. Nicht Reno oder AVALANCHE waren der Ursprung des Übels. Und Sephiroth erst recht nicht. Ich hatte schon lange aufgehört, Schuld zuzuweisen, obgleich der alte Shinra zweifellos Schuld auf sich geladen hatte. Aber er war tot. Von ihm Einsicht oder Wiedergutmachung fordern zu wollen, war sinnlos. Vor allem linderte es nicht meine Überzeugung von meiner eigenen Schuld.

Nichts konnte mich davon erlösen. Wenn es sich nicht so widerlich pathetisch angehört hätte, hätte ich mir sagen können, ich sei verdammt, den  Menschen, den ich für einen der wertvollsten auf dem Planeten hielt, wieder und wieder umzubringen.

Ich schüttelte den Kopf und rieb mir mit den Handflächen übers Gesicht. Verfluchter Hubschrauber. Die Fahrt auf Fenrir hätte mich wohl kaum so schnell an meinen Abgrund gebracht.

„Jo, ey. Sind gleich da“, ließ sich Reno vernehmen.

Ich nickte gleichgültig. Ob er je an all das dachte, was er getan hatte? Zumindest wusste ich, dass er gelegentlich im 7th Heaven auftauchte, um sich gnadenlos zu betrinken. Vielleicht war er doch nicht so abgebrüht, wie er selbst gern glaubte.

Sobald wir das Stadtgebiet von Kalm erreichten, wählte Reno eine Nummer auf seinem Smartphone und begann, etwas von einem „dringenden Notfall“ zu faseln.  Aus seinem Anteil an dem Gespräch konnte ich schließen, dass das Kalmer Verkehrsamt kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, weil er sich über sämtliche Vorschriften hinwegsetzte. Allerdings landeten wir dann nicht in einem Hinterhof, sondern mitten auf der Hauptstraße, was ein allgemeines Verkehrschaos zur Folge hatte. Bevor uns jedoch die Leute von der Ordnungsabteilung der Stadtverwaltung erreichten, waren wir schon wieder in der Luft und hinterließen Horden aufgebrachter Autofahrer und neugieriger Passanten.

Reno kicherte begeistert. Natürlich liebte er solche Auftritte. Ich hatte ein Gefühl, als würden meine Nerven wie Gummibänder überdehnt und müssten jeden Augenblick reißen.

„Mann, Mann, Mann“, ächzte Reno, „du bist echt die totale Spaßbremse, ey. Was ist bloß los mit dir?“

Ich konnte nicht mehr an mich halten und fuhr ihn an: „Nicht jeder muss so ein hirnverbrannter Idiot sein wie du. Das ist alles.“

Er grunzte unartikuliert und ließ es auf sich beruhen. Wenigstens hielt er danach für eine Weile den Mund.

Etwa zehn Kilometer vor Edge taucht direkt vor uns wie aus dem Nichts tatsächlich ein Garu-Falk auf. Seine durchsichtigen Flügel schwirren so schnell, dass sie für unsere Augen fast unsichtbar sind, und der lange, dünne, skalpellscharfe Schnabel hält zielsicher auf die Frontscheibe zu.

Im selben Moment, in dem ich „Achtung! Garu!“ rufe, hat Reno den Flug bereits abgebremst und lässt den Hubschrauber fünf oder sechs Meter so unvermittelt abfallen, dass ich glaube, mein Gehirn werde an der Schädeldecke zerplatzen. Er reißt die Maschine in eine haarnadelenge Linkskurve und steigt gleichzeitig ebenso rasant wieder auf, um von der Seite mehrere Salven aus den beiden Schnellfeuerrohren auf das geflügelte Monster zu schießen.

Ich weiß noch, dass ich ein sehr würdeloses Geräusch von mir gebe. Was danach geschieht, entgeht mir größtenteils.

Als mein Magen leer und wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen war und ich atmen konnte, ohne dass sich meine Eingeweide in einem Klumpen zusammenballten, waren wir alleine in der Luft, und die tiefstehende Sonne vor uns kratzte an der Skyline von Edge.

„Na bitte“, grinste Reno und öffnete die Tür auf meiner Seite ein Stück, damit ich die Tüte irgendwo über der Felsenwüste abwarf. Ich wünschte, ich könnte mich an einen leeren Ort setzen und drei Tage lang eine kahle Wand anstarren. Wenn ich nur nicht so schnell am Boden meines Abgrunds aufwachen würde.

Aber schließlich erwartete mich Rufus Shinra. Unwillkürlich fragte ich mich, wie er wohl aussehen mochte. Das letzte Mal, als ich ihm begegnet war, litt er an Geostigma und hatte seine gesamte Gestalt mit einer weißen Decke verhüllt. Er wollte mich als Bodyguard engagieren, angesichts der Bedrohung durch die Shinentai, verbarg jedoch gleichzeitig die näheren Umstände vor mir, die Jenovas leibliche Überreste und die wahren Hintergründe hinter dem Erscheinen der Shinentai betrafen. Seine Stimme klang gekünstelt, der Tonfall übertrieben beschwichtigend, und ich hatte mich der Gegenwart dieser unheimlichen Person so schnell wie möglich entzogen. Im nachhinein erschien mir Kadaj selbst in seinem offenherzigen, wütenden Wahnsinn nicht so unerträglich wie der säuselnde, manipulative, langsam vor sich hinsterbende Rufus Shinra.

Später, als feststand, dass sowohl der Planet als auch Shinra überleben würde, sah ich ihn nur einmal von weitem auf der Siegesfeier der WRO. Wir grüßten uns über die wimmelnde Menge der Feiernden hinweg mit einem nichtssagenden Nicken, und ich war froh, dass ich nicht mit ihm sprechen musste. Dass sich diesmal eine persönliche Begegnung nicht vermieden ließ, verursachte mir wachsendes Unbehagen.

Reno steuerte den kleinen Flughafen außerhalb von Edge an. Mit dem Transporthubschrauber war ihm der Landeplatz in der Stadt auf dem Flachdach eines der neuen Bauwerke verwehrt. Wir entluden Fenrir, und Reno konnte sich nicht zurückhalten, mir auf die Schulter zu schlagen und „Man sieht sich, ey“ ins Ohr zu brüllen.

Ich dachte: 'Hoffentlich nicht zu bald', sagte aber nichts und genoss es, mich wieder auf festem Boden und fort von dem Turk bewegen zu können.

Bevor ich den Firmensitz meines künftigen Auftraggebers erreichte, machte ich bei einer Gaststätte Halt, um mir am Waschbecken im Toilettenraum den Mund auszuspülen und eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Danach bestellte ich im Schankraum eine Tasse Kaffee und ein Sandwich. Beim Essen überlegte ich, was geschehen würde, wenn ich den Termin bei Shinra einfach platzen ließe und stattdessen nach Hause fuhr. Aber einerseits ist so etwas nicht meine Art, und außerdem verspürte ich nun doch eine gewisse Neugier. Und wie gesagt, Shinra zahlte gut. Die Kinder wurden größer und mit ihnen ihre Ansprüche. Bis zum Alter von ca. zehn Jahren haben Kinder Wünsche, danach stellen sie Ansprüche. Die Einnahmen aus Tifa’s Bar reichten zwar zum Leben; doch mein Einkommen von dem Zustellservice war infolge meiner persönlichen Schwierigkeiten nur unregelmäßig. So war ich für einen lukrativen Auftrag dankbar, vorausgesetzt er war zu meinen Bedingungen annehmbar. Entschlossen, mich von Shinra keinesfalls übertölpeln zu lassen, machte ich mich wieder auf den Weg durch die abendliche Stadt.

Nachdem Midgar infolge des Meteor-Angriffs verwüstet worden war, hatte man am Rande der Ruinenfelder die neue Stadt Edge aufgebaut. Auch sie war nach kurzem während des Deepground-Aufstandes schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, doch anstatt zu kapitulieren, hatten die Überlebenden die Gelegenheit genutzt, ihre Metropole größer und schöner wieder zu errichten. Man verwendete mehr Glas und Beton anstelle von Stahl, der aufgrund der technischen Umstände in Midgar vorgeherrscht hatte. Nur für das Industrieviertel im Norden wurde dieses Material noch überwiegend eingesetzt. Doch für die Wohnkomplexe verlangte man nach besseren Alternativen. Sie sollten haltbar, leicht zu reinigen und untereinander durch breite Straßen gut vernetzt sein. So entstanden zahllose Hochhäuser mit Büros und Wohnungen, viele noch im Bau befindlich. Man wollte unbedingt die Entstehung neuer Slums vermeiden.

Das Gebäude mit Shinra's Firma war ein Prunkbau im besten Viertel von Edge. Siebzig Stockwerke blendendes Weiß, die riesigen Fenster erstreckten sich jeweils über zwei Etagen, nach oben spitz zulaufend, unterteilt in kleinere Rechtecke, die Scheiben leicht blau getönt und verspiegelt, so dass sie auf der Fassade wie ein grandioses, überdimensionales Muster wirkten, unabhängig von der Beleuchtung.

Ich parkte Fenrir im Parkhaus gegenüber und betrachtete mir von der Straße aus das Gebäude, das über mir in den dämmerigen Himmel wuchs. Es war nicht nur gewaltig, sondern tatsächlich auch faszinierend in seiner ausgefallenen Fassadengestaltung. Rufus Shinra hatte es nicht selbst in Auftrag gegeben, aber als er die ganze 60. Etage für seine Firma mietete, gefiel ihm das Haus so gut, dass er es dem ursprünglichen Eigentümer abkaufte. Wie es hieß, hatte es der zusätzlichen „Überredungskünste“ der Turks bedurft, um den Handel über die Bühne zu bringen. Und nun vergab Shinra Büros und Appartments des höchsten Standards an ausgewählte Mietparteien.

Die Lobby war von schlichter Eleganz in hellgrauem Marmor. Ich tauchte ein in eine Welt der Maßanzüge und gestylten Frisuren und fühlte mich wie üblich fehl am Platz. Am Empfangstresen strahlte mich die Mitarbeiterin durch ihr dezentes Make-up hindurch an und versicherte, man habe sie über mein Kommen verständigt. Ich brauchte mich nicht auszuweisen. Da ich keines meiner Schwerter bei mir trug, wurde ich bei der Waffen-Kontrolle durchgewinkt. Ja, die Marke „Cloud Strife“ besaß noch immer ihren guten Ruf.

 Der Fahrstuhl brachte mich schnell und mit sanftem Summen ins 60. Obergeschoß. Die Türen öffneten und schlossen geräuschlos, das obligatorische „ding“ klang weich und verhalten, fast zärtlich. Die Firma SunRay präsentierte sich mit gläsernen Türen, cremefarbenen Wänden, schalldämpfenden Teppichen und einer Vorzimmerdame, die die Vierzig schon vor einer Weile überschritten hatte und zugleich Liebenswürdigkeit, Unbestechlichkeit und Kompetenz vermittelte. Man erwiderte unwillkürlich ihr Lächeln.

„Guten Abend, Mr. Strife. Mr. Shinra wird in ein paar Minuten für Sie da sein. Bitte nehmen Sie Platz. Wünschen Sie etwas zu trinken? Kaffee? Tee? Mineralwasser? Saft?“

Nun ja, ich hätte ganz gerne ein Bier gehabt, also verneinte ich dankend das reichhaltige Angebot und sank in den samtgrau gepolsterten Besuchersessel. Die ausliegenden Fachmagazine über Solartechnik ignorierte ich, um mich der Umgebung zu widmen. Sie war gewissermaßen angenehm nichtssagend. Klare, gerade Linien, Pastelltöne, warmweißes Licht. An der Wand hinter der Sekretärin ein Druck von einem abstrakten Bild – eine Spirale aus Golddraht, ebenfalls auf Pastelltönen. Das Ganze hatte ein bisschen was von einer psychotherapeutischen Praxis. – Und jetzt frage mich bitte niemand, woher ich das weiß. – Doch nein – das Bild war kein Druck, sondern natürlich das Original. Der Draht glänzte im Schein eines Spotlights, das auf ihn gerichtet war. – Eine Privatpraxis. – Es roch vage nach Veilchen. Mir wurde abrupt bewusst, dass ich selber einen stechenden Geruch nach Schweiß und Leder ausdünstete.

Wie konnte Reno eigentlich in diesem Laden existieren?

Ich griff nun doch nach einer Zeitschrift. Vielleicht gab es irgendwo darin ein Foto von Rufus? Ich dachte an die Begegnung mit ihm auf dem Dach des alten ShinRa-Towers. Wir standen einander im erbitterten Kampf gegenüber, ich sprühend vor Wut und Hass, er kalt und hart wie der Stahl, aus dem die Wände des monströsen Bauwerks gemacht waren. Er hatte vor kurzem erfahren, dass sein Vater ermordet worden war. Und ich und die anderen von meiner Gruppe befanden uns unmittelbar am Tatort.

Keine meiner Lieblingserinnerungen. Wieso man sich nur an die schlimmsten Erlebnisse so besonders deutlich erinnert?

Im Editorial wurde Rufus tatsächlich erwähnt. Nicht verwunderlich – er war der Herausgeber! Seit wann befasste er sich mit Journalismus? Kein Foto.

Die Tür ging auf, und ein Mann trat ein. Etwa Mitte Dreißig, schlank, hochgewachsen, Maßanzug in hellem Blaugrau mit passender Krawatte, volles, sandblondes Haar. Er wechselte ein paar Worte mit der Sekretärin, die ihm ein Schriftstück reichte … Oh Göttin! Ich hatte ihn nicht erkannt.

Mit einem geschäftsmäßigen Lächeln richtete Rufus Shinra den Blick seiner hellblauen Augen auf mich und streckte mir die Hand entgegen.

„Hallo, Cloud. Freut mich, dass du kommen konntest. Ich hoffe, Reno hat sich nicht zu ungebührlich aufgeführt. – Wir sagen doch 'du'? Oder?“

„Klar.“

Sein Händedruck war bestimmt, aber nicht brutal. Als ich aufstand, fiel das Magazin zu Boden. Wir bückten uns gleichzeitig, grinsten ein bisschen. Dann gingen wir in sein Büro.

Es war weiträumig und hell. Auch hier gerade, klare Linien, kühle Farbtöne. Vor den Fenstern wurde es Nacht.

„Bitte, nimm Platz. Magst du ein Bier?“

Ich nickte überrascht. Er deutete nicht auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch, sondern auf eine Sitzecke mit Sofa und Sesseln im selben Grau wie der im Vorzimmer. Das Bier entnahm er einer Minibar, für sich selbst eine Flasche Wasser.

„Du gibst dieses Magazin heraus?“

Er blickte auf, hob die Brauen. „Ja. Aber das hat nichts mit redaktioneller Arbeit zu tun. Es gehört mir nur. Im Zuge der demokratischen Meinungsfreiheit finde ich es angenehm, wenn da draußen jemand auch meine Meinung vertritt.“ Ein Schmunzeln.

Er stellte die Flaschen und zwei Gläser auf den Couchtisch. „Bitte.“

Mir wurde klar, dass ich noch immer stand, und ich folgte seiner Aufforderung.

Er trug also nicht mehr Weiß. Hm. Und sein Haar war nicht mehr rotblond. Die Veränderung stand ihm. Ich sah beiläufig zur linken Seite seines Oberkörpers. Schulterholster oder nicht? Sein Schmunzeln vertiefte sich.

Das Bier war wunderbar.

„Du siehst noch genauso aus wie damals“, meinte er. Das war in meinem Fall weder eine  Beleidigung noch ein Kompliment, sondern eine Offensichtlichkeit. Durch die Manipulationen an meinem Genom entwickelt der Organismus sich stark zeitverzögert, sobald er einmal ausgewachsen ist.

„Du nicht“, gab ich lapidar zurück.

„Nein, wohl eher nicht.“ Und da war sogar ein kleines Lachen.

Schulterholster! Nicht dass ich einen äußeren Hinweis entdeckt hätte. Ich spürte es in seinem Lachen.

Ich lächelte nicht. Wollte nicht. Er brauchte nicht zu wissen, dass ich beeindruckt war. Selbstverständlich wusste er es sowieso.

Er gab mir etwas Zeit, all das Neue in mich aufzunehmen, indem er sich mit seinem Wasser beschäftigte.

Er wirkte älter als seine 29 Jahre. Die ersten dünnen Fältchen zeigten sich um die Augen, und flache, senkrechte Falten neben den Mundwinkeln, wenn er lachte. Das Haar war rechts gescheitelt, und die vordersten Strähnen fielen neben den Augen bis auf Höhe der Ohrläppchen herab. Die dichte Masse des Haars war hinter den Ohren glatt zurückgekämmt, aber kaum sichtbar gegelt. Am auffälligsten an ihm waren sicher die Augen; ihr Blau hatte etwas Durchscheinendes, Klares, das jedoch verblüffenderweise nichts von dem sehen ließ, was dahinter lag. Nach beinahe lebenslanger Übung war er fähig, genau das in sie hineinzulegen, was er gerade ausdrücken wollte, und Feinde wie Freunde fürchteten bekanntermaßen seinen eiskalten Blick und die spöttische Arroganz, mit der er die schön geschwungenen Brauen hob.

Von beidem fehlte jetzt jede Spur. Er strahlte Sicherheit und Gelassenheit aus, dabei eine gewisse Offenheit und volle Konzentration trotz der späten Stunde. Das verlieh ihm ein ungewohntes Flair. Mir war nie aufgefallen, wie attraktiv er eigentlich war. Alles an ihm, ja, an dem ganzen Gebäude war darauf ausgerichtet, beim Gast Wohlbefinden hervorzurufen. Und es funktionierte tadellos, sogar bei mir, der ich fast immer das beunruhigende Gefühl hatte, nicht an den Ort, an dem ich mich befand, zu gehören. Aber hier, bei ihm, machte es mir nicht soviel aus. Vielleicht weil es ihm nichts auszumachen schien.

Natürlich war all das ausschließlich eine Sache der Berechnung. Je entspannter der Gesprächspartner ist, je behaglicher er sich fühlt, desto geringer wird seine Wachsamkeit und desto leichter ist es, ihm die eigenen Interessen aufzudrängen. Rufus Shinra war der perfekte Geschäftsmann.

Er hatte sein Glas zur Hälfte geleert und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. Ernst und zugewandt.

„Weshalb bin ich hier?“ Ich schenkte mir Bier nach. Die Frage war etwas schärfer geraten als ich beabsichtigte.

„Ich biete dir einen Job an. Der Termin hat sich kurzfristig ergeben, daher die ungewöhnliche Art der Einladung. Ich hätte dich gerne als Bodyguard.“

Wieder einmal?

„Ich bin kein Bodyguard.“

„Das ist mir bewusst. Es macht nichts. Ich fahre morgen früh nach Junon und möchte, dass du mich begleitest.“

„Was ist mit den Turks?“

„Sie sind auf einer dringenden Mission, deshalb steht kein Helikopter zur Verfügung. Wir werden den Wagen nehmen. Ich habe eine geschäftliche Besprechung in Junon, die nicht verschoben werden kann.“

Ich verstand überhaupt nichts. „Ein paar Erklärungen wären nützlich.“

Er zögerte und musterte mich nachdenklich. Dann sagte er fast behutsam: „Nein, nützlich nicht. Aber ich kann dir sagen, dass es um die Übernahme von drei Firmen geht, die in der Produktion technischer Einheiten in der IT-Branche vernetzt sind … „

„Nicht das“, unterbrach ich ihn gereizt. „Das andere.“

Er schwieg. Ich auch. Wir starrten einander an. Sein Blick war gerade und völlig ruhig.

Ich versuchte, ebenfalls ruhig zu bleiben, obwohl ich anfing, mich zu ärgern.

„Das hier hatten wir schon mal. Kurz vor Sephiroth’s Rückkehr. Du weißt, dass ich sowas ohne Informationen nicht mache.“

„Nein“, widersprach er rasch und nachdrücklich. „Es ist nicht so wie damals in Healin.“ Langsamer fuhr er fort: „Ich brauche nicht nur körperlich deinen Schutz, sondern auch deine Reputation. Ich brauche Cloud Strife.“

Jetzt wurde es fast schon lustig. „Wen willst du denn aufs Kreuz legen?“ fragte ich milde interessiert.

Wieder schwieg er, ein wenig angespannt. Wenigstens spulte er keine Phrasen ab, sondern schien ernsthaft abzuwägen, wieviel er mir anvertrauen konnte.

Schließlich sagte er leise: „Keine netten Menschen, Cloud. Reeve wird über die Transaktion informiert, wenn dich das beruhigt. Aber ich kann keine Firmeninterna preisgeben. Auch nicht dir gegenüber.“

Reeve – das besänftigte mein Misstrauen tatsächlich. Deshalb sagte er es ja. Aber was durfte ich ihm glauben? Er war ein Meister im Lügen.

Ich sah auf die Uhr. Allmählich wurde ich müde. 19.45 Uhr. Ich begegnete seinem Blick, der unverwandt auf mir lag. In diesem Moment geschah etwas in seinen Augen. Etwas verschob sich, glitt nach vorne, wurde sogleich wieder zurückgedrängt. Was ging vor in ihm? Und doch wandte er den Blick nicht ab, wie es ein anderer getan hätte. Ich bemerkte den feinen dunkelblauen Ring, der das Kristallblau jeder Iris umschloss. Faszinierend …

Keiner von uns sprach. Ich schaute als erster weg. Ich hatte kein Interesse an dem Job und wollte das hier beenden. Er spielte immer noch nicht mit offenen Karten, und das passte mir einfach nicht. Bezahlung hin oder her. Ich würde jetzt nach Hause gehen …

Erstaunt hörte ich mich fragen: „Wieviel? Und wann?“

„Dreitausend“, antwortete er sofort. „Morgen früh um 8.30 Uhr, hier. Wir bleiben einen Tag und zwei Nächte.“

„Ich werde da sein.“ Ich stand auf. Er erhob sich mit mir. „Was soll ich anziehen?“

Er hob leicht die Schultern. „Das, was du im Moment trägst. Du sollst genauso sein, wie du bist.“

Ich nickte und reichte ihm die Hand. „Okay. Bis morgen dann.“

„Bis morgen.“

Er sah zufrieden aus. Aber die Anspannung war nicht ganz verschwunden.

In der Tür drehte ich mich noch einmal um. „Danke für das Bier.“

Und nun lächelte er.

 

Auf der Fahrt zur Bar versuchte ich herauszufinden, was soeben passiert war. An welchem Punkt hatte ich die Kontrolle über meine eigene Entscheidung verloren? Er hatte nicht einmal versucht, mich zu beschwatzen. Nicht einmal Aufrichtigkeit geheuchelt. Oder war das der Trick? Dass er ehrlich war in seiner Unehrlichkeit? Oder war er gar nicht unehrlich?

Ich konnte nicht mehr denken. Gerade jetzt, wo ich kurz davor stand, wenigstens zwei Tage und Nächte in Rufus Shinra’s Gegenwart zu verbringen, ließ meine Logik mich im Stich. Ich war nie gut darin, ungewöhnliche Schlüsse zu ziehen, andere Menschen einzuschätzen. Mich in andere hineinzuversetzen. Aber gerade das war unerlässlich im Umgang mit Shinra. Wie sah er mich? Wie „berechnete“ er mich? Ich konnte mich nicht einmal selber einschätzen. Doch ich musste unbedingt wissen, wie er es geschafft hatte, mich zu manipulieren.

Ich wollte heute abend noch Reeve anrufen. Ich hoffte nur, dass es nicht allzu sehr wie ein Hilferuf klang.

Die Bar war gut besucht wie immer um diese Zeit. Die meisten Gäste waren Stammkunden, die hier ein Bier oder einen Kaffee zum Feierabend tranken und eine Kleinigkeit aßen. Es roch appetitlich nach Bratkartoffeln und Pizza.

Tifa kam auf dem Weg von der Kasse zum Schankraum an mir vorbeigefegt, hielt an und küsste mich mit einem „Hallo, Schatz“ herzhaft auf die Wange. Ich erwiderte den Kuss nicht  ganz so stürmisch. „Hi, Tiffi.“

„Hast du Hunger?“

Ich lächelte dankbar. „Bringst du mir was rauf? Peperoni-Pizza?“

„Mach' ich. – Wie war Shinra?“

Ich zog fragend die Brauen hoch. „Naja, er rief hier an“, erklärte sie. „Er wollte dir einen guten Job anbieten, deshalb habe ich ihm gesagt, wo du bist. Ich dachte, anhören kann nichts schaden. War das o.k.?“

Sie blinzelte zweifelnd, schon bereit zum schlechten Gewissen.

„Ja, ja, alles o.k.“, beschwichtigte ich. „Wir fahren morgen früh los.“

Jetzt wurden ihre Augen rund. „Wir?“

„Ja … er und ich. Erzähl‘ ich dir später.“

Ich lief die Treppe hinauf und spürte, wie sie mir nachschaute.

Nachdem sie realisiert hatte, dass ich ihre Gefühle niemals erwidern würde, hatte sie beschlossen, in mir eine Mischung aus bestem Freund und kleinem Bruder zu sehen. Das verschaffte ihr immerhin das Recht auf regelmäßige Küsschen zum Abschied und zur Begrüßung und bei Bedarf Trost an meiner Schulter. Aber vor allem gab es ihr die Möglichkeit, mich mit ihrer Sorge zu umgeben. Und mir immer wieder klarzumachen, wie sehr ich dieser Sorge bedurfte, weil ich schwach war.

Endlich in meinem Zimmer, entledigte ich mich der verstaubten Kleider und nahm erleichtert eine Dusche. Danach streifte ich Jeans und ein T-Shirt über und wählte Reeve’s Nummer, während ich mir mit einem Handtuch in der anderen Hand die Haare rubbelte.

„Hi, Cloud, wie geht’s?“ meldete sich Tuesti.

„Danke gut, Reeve. Ich brauch‘ eine Information.“

„Ja?“

„Shinra hat mich als Bodyguard engagiert für eine Fahrt nach Junon. Verhandlungen über eine Firmenübernahme. Weißt du was davon?“

„Fahrt?“ platzte er heraus. „Auf deinem Bike?“

Ich lachte laut auf. Amüsante Vorstellung. „Nein, im Wagen. Aber er gibt mir kaum Details. Sagte nur, du wüsstest Bescheid, und ich will keinen Fehler machen, verstehst du?“

„Hm.“ Er klang plötzlich ernst, zögernd. „Von diesem speziellen Termin weiß ich nichts, aber mir ist bekannt, dass er gelegentlich solche Verhandlungen führt. Am Telefon kann ich dir nichts Näheres dazu sagen. Warum kommst du nicht morgen mittag her …“

„Nein, das ist zu spät. Wir fahren morgen früh schon los.“

„Oh. So kurzfristig. Wieso nimmt er nicht den Helikopter?“

„Keine Ahnung. Die Turks sind angeblich anderweitig unterwegs. Hör zu. Er will mich benutzen, meinen Namen, meine Person, um irgendjemanden auszubooten. Soviel hat er mir verraten, und er sagte, es seien keine netten Leute. Was soll ich denn damit anfangen? Ich muss wissen, wie weit ich ihm trauen kann, Reeve.“

Das Ganze kam mir plötzlich völlig hirnrissig vor. Die Worte „Shinra“ und „trauen“ vertrugen sich gewöhnlich ganz und gar nicht gut.

„Das fragst du mich?“

„Er hat dich wie eine Referenz genannt.“

Stille. Schließlich meinte er leise: „Dann – ja, du kannst ihm trauen. Fahr mit ihm. Und pass gut auf ihn auf. Okay?“

Mir rutschten die Augenbrauen nach oben. „Okay … klar. Klingt, als wäre dir das wichtig …“

„Ja, das ist es“, sagte er fest. „Melde dich, wenn ihr wieder hier seid, in Ordnung?“

„Sicher. Bis dann.“

Ich unterbrach die Verbindung und ließ mich ächzend aufs Bett fallen. Sehr aufschlussreich war das Gespräch nicht gewesen. Es hatte mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Was wusste Reeve wirklich über Rufus Shinra? Wieso betonte er, ich solle auf ihn aufpassen? Was war das zwischen ihnen beiden? Sie kannten einander seit langem, zuerst in ShinRa, dann durch die WRO. Es hieß, Tuesti sei der einzige, der Rufus in Schach halten könne. Das Gebrüll, das durch die schallgedämmte Tür drang, wenn sie sich in Reeve’s Büro stritten, war legendär.

Die WRO hatte ihren Hauptsitz jetzt in Edge in einer relativ kleinen, aber sehr schönen Villa, die die Spitze der Verwaltung und in einer benachbarten Kaserne eine militärische Abteilung beherbergte. In den meisten größeren Städten hatte die Organisation inzwischen Niederlassungen von Verwaltung und polizeilicher Gewalt. Immerhin war die WRO seit neuestem in vielen Gemeinwesen demokratisch gewählt. Mit Präsident Reeve Tuesti als Wahlwerbung.

Die Büros lagen häufig in Gebäuden, die früher ShinRa gehört hatten. Welche Summen dabei zwischen Reeve und Rufus hin- und herflossen, wusste niemand zu sagen, aber der Wirtschaft tat die schrittweise Demokratisierung des Marktes gut, und die Menschen waren allgemein nicht unzufrieden.

Das war auch an den Umsätzen in der Bar festzustellen. Tifa beschäftigte bereits zwei Teilzeitkräfte, die zu den Zeiten des größten Andrangs in den Abendstunden abwechselnd aushalfen.

Als sie die Pizza brachte, war ich dabei, das Nötigste für drei Tage in eine Tasche zu werfen. In meinem Fall kam nicht viel mehr als ein Pyjama und eine Zahnbürste zusammen.

Tifa setzte sich mit mir an den Tisch, und während ich aß, berichtete ich ihr in groben Zügen von den Geschehnissen des Tages. Sie hörte konzentriert zu und stibitzte mir die Peperoni. Schließlich war es doch gut, hier mit ihr zu sitzen. Vertraut. Ich hatte immer die Wärme ihrer braunen Augen gemocht. Sie konnten Geborgenheit vermitteln. Und Furcht, wenn sie zornig wurde. Ich fühlte, wie ich mich entspannte. Ich musste nur rechtzeitig wieder aufbrechen. Morgen früh war rechtzeitig genug.

Ich dachte an ein anderes Augenpaar, das keine Wärme in sich getragen hatte. Aber auch keine abweisende Kälte.

„Komisch“, meinte Tifa gerade, „vor zwei Stunden oder so rief Cid an und fragte, ob es stimmt, dass du das Bodyguarding für Shinra übernimmst. Er hatte es von einem seiner Mechaniker gehört, der Ersatzteile besorgt hatte. Das Gerücht muss sich rasend schnell verbreitet haben. Dabei habe ich es heute früh nur Denzel gegenüber erwähnt, und der wird es wohl nicht als die Sensation des Tages weitergegeben haben.“

„Vielleicht hat Shinra selbst dafür gesorgt, dass es zu den richtigen Leuten durchdringt.“

„Ja, und das ist es, was mich daran stört. Denkst du nicht, dass er dich ausnutzt?“

Ich zuckte die Achseln. „Reeve denkt es offenbar nicht.“

„Aber er weiß anscheinend auch nicht, was vor sich geht“, beharrte sie. „Meinst du wirklich, es ist richtig, was du tust?“

„Nein“, erwiderte ich unwillig, „ich meine nicht, dass alles richtig ist, was ich tue. Möglicherweise irre ich mich gelegentlich. Das weiß man erst hinterher, oder?“

Überrascht hielt ich inne. War das der Grund, weshalb ich den Job angenommen hatte? Neugier? Auf ihn? War es dem Mann gelungen, ein so starkes Interesse an seiner Person in mir zu wecken?

„Was ist?“ fragte Tifa verwirrt.

„Nichts, schon gut.“

Sie seufzte. „Das sollte keine Kritik sein, Cloud. Ich mach‘ mir nur …“

„Sorgen. Ja. Ich weiß.“

Ich wandte mich wieder dem Rest der Pizza zu, schob den Teller jedoch zur Seite, als ich entdeckte, dass nur etwas trockener Teig mit einem Hauch Tomatensauce übrig war.

Sie hob entschuldigend die Achseln und grinste. „Pudding?“ fragte sie versöhnlich.

Ich grinste zurück und willigte ein.

Später sagte ich den Kindern „gute Nacht“ und sank dann selbst erschöpft ins Bett.

Früher hatte ich vor dem Einschlafen oft ein paar Worte zu Aerith gesprochen, so wie man ein Gebet spricht. Es hatte mich beruhigt, auch wenn ich keine Antwort in meinem Kopf zu vernehmen glaubte. Jetzt schien mir die Letzte der Cetra so weit entfernt wie die Kultur ihres Volkes, obwohl ihr Schicksal mit ShinRa genauso eng verknüpft war wie meines oder das von Sephiroth, ihrem Mörder. Dachte Rufus je an diese Menschen? Waren sie ihm gleichgültig? Hatte er mit jenen Geschehnissen abgeschlossen?

Vielleicht würde ich es herausfinden.

 
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Anmerkung: Mir ist inzwischen klar, dass ein Flugmanöver wie das hier beschriebene mit einem Helikopter eigentlich nicht möglich ist. Ich habe es dennoch in der Story behalten, weil es so gut passt, und schließlich haben wir es hier mit ShinRa-Technologie zu tun. Ich bitte also um Nachsicht.
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