Haben Sie schon einmal etwas von Nargeln gehört, Mr. Scamander?

OneshotHumor, Familie / P12
Lorcan & Lysander Scamander Luna Lovegood Rolf Scamander Xenophilius Lovegood
27.09.2015
27.09.2015
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Hallo !

Es freut mich, dass ihr zu dieser Kurzgeschichte gefunden habt.

Sie ist ein Beitrag zu dem Jahre später - Wichteln von Little Wonders.
Mein Wichtelkind ist Rovena13 und ihre Vorgaben lauteten:

Um welche Charaktere soll es gehen: Luna Lovegood, Rolf Scamander, gerne auch: Lorcan u. Lysander
Pairing: Rolf/Luna
Alternativpairing: ----
Rating: Überlasse ich dem Schreiberling.
Genre: Überlasse ich dem Schreiberling, je nachdem worauf er seinen Schwerpunkt legen will, sei es: Romanze, Allgemein, Familie, Freundschaft, etc.
Wünsche: Ich würde mich über einen Flashback freuen, der erklärt wie sie zusammengekommen sind (wäre mir schon wichtig).  
Was wollt ihr gar nicht lesen?: Kitsch
Sonstiges: Alles andere lass ich offen, falls ein paar Anregungen benötigt werden:
Familienfeier, ein typischer Tag im Leben der Familie, erste Abfahrt für Lorcan u. Lysander vom Bahngleis 9 3/4 (Ich tendiere jedoch eher zu den ersten beiden Vorschlägen).

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte gehören J. K. Rowling.
Diese Geschichte entspringt meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik, freuen.

Viel Spaß beim Lesen!
Vor allem natürlich dir, Rovena13. Ich hoffe, ich konnte dir damit eine Freude machen.

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Als der Mann auf dem kleinen Hügel wie aus dem Nichts auftauchte, überraschte ihn eine Windböe. Beherzt machte er einen Satz nach links, seine Tasche fest mit der rechten Hand umklammert, eroberte seine Kopfbedeckung zurück und drückte sie mit einem Grinsen wieder auf seinen krausen Haarschopf.
Es war nicht von der Hand zu weisen und seine Frau hatte wieder einmal recht behalten.
Wo noch vor wenigen Wochen saftige, grüne Blätter an den Bäumen hingen, waren jetzt orangefarbene und gelbe Farbtupfer im Blattwerk zu entdecken. Auf den abgeernteten Feldern der Muggel machten sich Saatkrähen breit und fielen über die zurückgebliebenen Getreideähren her. Kreischend flogen sie auf, als er an ihnen vorbeikam und beschimpften ihn für die Unterbrechung ihres Mahls.
Der Sommer wich und überließ dem herannahenden Herbst die Bühne.
Um dem frischen Wind nicht nochmals eine Gelegenheit zum Angriff zu geben, behielt er stets eine schützende Hand an der Hutkrempe. Ansonsten genoss er es, sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen zu lassen und summte und pfiff eine fröhliche Melodie vor sich hin.
Frohen Mutes setzte der Ankömmling seinen Weg, den Hügel hinab, fort und auf das zwischen Feldern und Wiesen eingebettete Haus zu.
Der Bauzauberer hatte gesagt es sei karmesinrot. Er selbst hätte es als knallig beschrieben. Aber sie hatte einfach nur gesagt, dass es ein schönes Rot sei und dann lächelnd über die bemalte Holzfassade gestrichen. Völlig unerheblich welche Farbe es nun auch hatte, das Haus mit seinem von einem weißen Zaun umschlossenen verwilderten Garten, fiel jedem Vorbeikommenden sofort ins Auge. Nun gut, natürlich nur den Zauberern unter ihnen. Und das mit dem „verwildert“ war auch so eine Sache.
Er wusste, dass sie ihn zuerst mit blitzenden Augen ansehen würde, ehe sie halb tadelnd, halb schwärmend erklärte, dass der Garten nicht „verwildert“, sondern „wohlbedacht angelegt“ sei. In dem alten Ahornbaum hausten Bowtruckles, unter den Rosenbüschen fühlten sich Gnome wohl und zwischen die Haselnusssträucher zog sich regelmäßig eine Knarl-Familie zurück. Ganz zu schweigen von den Bienen und Hummeln, die von den Fliederbüschen im Frühling und den Lupinen im Sommer angelockt wurden, und den Singvögeln, die sich im Herbst an den Kernen, der zehn Fuß hohen Sonnenblumen, dick und fett fraßen.
Oh ja, er kannte seine Frau gut. Zu gut, als dass er nach 13 Jahren nicht ihren Eifer und ihr Engagement in diesen Sachen kannte. Niemals hätte er es deshalb gewagt, den Garten als „verwildert“ zu bezeichnen – außer er wollte sich einen Spaß mit ihr erlauben.

Vom Erfolg seiner Reise und dem Ausblick angestachelt, legte er die vierhundert Meter, von der Anhöhe hinab bis zu dem Haus, mit federnden Schritten zurück und trat durch die verwitterte Gartenpforte. Sofort wurde er von einer Fülle an Sinneseindrücken überfallen, die ausgereicht hätten jeden Neuankömmling für Stunden zu beschäftigen. Linker Hand, in dem Ahorn, hing ein Windspiel aus Kastanien, die klackernd zusammenstießen – und jeden vernünftigen Bowtruckle wohl zur Flucht getrieben hätten. Auch die Äste der anderen Bäume waren mit Windspielen aus Federn, Blättern, Nussschalen, getrockneten Blüten und kleinen Glöckchen geschmückt, sodass ein Herbstkonzert durch den Garten hallte. In den Beeten tummelten sich Windräder, bespannt aus einem Kaleidoskop an bunten Stoffen, die sich in dem frischen Herbstwind nur mit Müh und Not aufrecht hielten, um ihr Leben rotierten und dabei in den letzten Zügen in ihren Verankerungen quietschten. Zu diesem farbigen Augenschmaus gesellten sich die leuchtend roten Früchte des Apfelbaums, die knallgelben Birnen und die dicken orangefarbenen Kürbisse.
Wahrlich, seine Frau hatte ein Händchen für Tiere und Pflanzen.
Durch die Luft zogen Gerüche von nasser Erde, feuchtem Moos und fauligen Äpfeln, abgerundet von dem süßen Duft nach Pfannkuchen mit Puderzucker und Honig. Wobei letzterer Duft mit Sicherheit aus dem geöffneten Küchenfenster stammte.
All das wurde aber übertroffen von dem eisernen Wetterhahn auf dem Giebelfirst des Daches. Auf die Anregung seiner Frau hin, hatte der alte Mr. Weasley dem Tier, neben seiner eigentlichen Bestimmung, eine weitere Aufgabe zugeteilt. Beim Betreten des Grundstücks wurde jetzt jeder Besucher mit einem, über die Jahre hinweg heiser gewordenen, Kikeriki angekündigt.
Daher hatte Rolf Scamander auch gar keine große Zeit den Pfannkuchenduft in sich aufzusaugen. Die Haustür wurde aufgestoßen und fiel krachend in ihre Angeln. Heraus stürmten zwei blonde, siebenjährige Buben.

„Dad! Dad!“
Sie warfen sich ihrem Vater in die Arme, der vorsorglich schon einmal seine Tasche abgestellt hatte.
„Hei Jungs! Na, wie geht’s euch? Man könnte ja fast glauben, ich wäre Jahre weggewesen.“
„Bist du ja auch!“, erwiderte der eine, ihm noch immer in den Armen liegend, während sein Bruder ergänzte: „Zumindest in unserer Zeitrechnung. Weißt du, Lorcan und ich haben nämlich eine neue Zeit erfunden.“
„Nun ja, fast“, revidierte Lorcan und löste sich widerwillig aus den Armen seines Vaters. „Lysander hat nämlich gemeint, es sei praktischer wenn man die Tage in Fünfergruppen zusammenfasst, statt in Siebenergruppen. Weil doch 365 durch fünf teilbar ist.“
„Fünf Tage sind dann ein Anno und die 73 Anno dann ein Quintum“, sagte sein Bruder. Er kräuselte die Nase. „Viel besser als mit diesen seltsamen halben Wochen zum Anfang und Ende eines Jahres, die man jetzt hat.“
Unterdessen hatte Rolf seine Tasche aufgenommen und sich Richtung Haus bewegt, immer mit einem Ohr seinen Söhnen lauschend.
„Dann wart ihr ja richtig fleißig. Ich hoffe, vor lauter Zahlen habt ihr eure Doppelschwänzigen Wassermolche nicht vergessen.“ Die Wassermolche waren das letzte Projekt der Zwillinge gewesen und plantschten – hoffentlich vergnügt und noch mit vollzähligen Gliedmaßen – im Teich auf der Hausrückseite.
Im Flur hängte er Hut, Schal und Mantel auf einen Haken und wagte einen kurzen Blick in die Küche, wo er die zierliche Gestalt seiner Frau entdeckte.
„Ja, ja. Die sind munter.“ Lysander winkte mit der Hand ab, als wolle er ein nerviges Insekt vertreiben.
„Und darum bist du auch ganze 2.643 Anno alt.“
„Beziehungsweise 36 Quinta und 15 Anno.“
Die große Zahl ging Lorcan problemlos über die Lippen und als Lysander den Triumph seines Bruders nicht auf sich sitzen lassen wollte, wusste Rolf, dass er zwei kleine Nachwuchswissenschaftler vor sich hatte.
Innerlich stöhnte er auf. Wie hatte er diese Klugscheißer vermisst. Dabei durfte ihn ihr Wissensdrang nicht überraschen. Was konnte man schon anderes erwarten, wenn die halbe Verwandtschaft mit dem Entdeckergen infiziert war und zwischen Feld, Wald und Wiese herumkroch.
„So alt!“ Gespielt überrascht riss er seine Augen auf und beugte sich nach vorne. „Dann habe ich ja schon einen krummen Rücken und Gehstock.“ Rolf griff sich an den Rücken und stöhnte. Seine beiden Zöglinge brachen in ein schadenfrohes Kichern aus.
„Da kann ich ja froh sein, dass mich so eine hübsche Frau noch wollte.“ Schnell schielte er in Richtung Küche und sah in das strahlende Gesicht seiner Frau, die hinzugetreten war.
In der Tat fand Rolf, dass seine Frau in den letzten 13 Jahren nichts von ihrer Schönheit eingebüßt hatte. Allerdings konnte er noch nicht einmal sagen, was ihn an ihr am meisten faszinierte. Waren es die langen, strohgelben Haare, die morgens einem zerzausten Nest des Fwuupers glichen? Die blassgrauen Augen, der Farbe des Geleges eines Antipodischen Opalauges so ähnlich? Oder ihr sanftes Lächeln, von dem er sicher war, dass es jeden erregten Mantikor augenblicklich in ein sanftmütiges Mondkalb verwandeln könnte?
„Das stimmt nicht!“, warf Lysander empört ein.
„Genau! Mummy ist auch schon 2.528 Anno alt. Und über 34 Quinta“, sagte Lorcan mit stolzgeschwellter Brust.
„34 Quinta, 46 Anno und vier Tage um genau zu sein!“
Jetzt konnte Rolf sich das Lachen endgültig nicht mehr verkneifen, das sich ihm die ganze Zeit bereits aufgedrängt hatte. Er schloss seine Frau in die Arme und murmelte ihr ins Ohr: „Gratulation, Sie haben sich gut gehalten, Mrs. Scamander.“
Ihre funkelnden Augen verrieten ihre Amüsiertheit. Anstatt etwas zu erwidern, wandte sie sich allerdings an ihre Söhne: „Wie wäre es, wenn ihr den Tisch deckt. Ich denke euer Vater muss das erst einmal verdauen.“
Sofort flitzten die beiden in Richtung Esszimmer. Mal wieder bewunderte Rolf sie für ihre Durchsetzungsfähigkeit und fragte sich gleichzeitig, warum eigentlich er derjenige war, den die Zwillinge jedes Mal überredet und weichgekocht bekamen.
„Mach dir keine Gedanken. Du bist einfach zu nachgiebig, Liebling.“
Als wollte sie sich für ihre Ehrlichkeit entschuldigen, gab Luna ihm einen Kuss auf die Wange.
„Danke, Schatz.“ Rolf zog eine verdrießliche Grimasse.


Bei ihrer ersten Begegnung hätte er nie gedacht, dass er in der seltsamen jungen Hexe seine zukünftige Frau vor sich stehen hatte.
Es war eine der vielen Signierstunden gewesen, die sein Großvater Newt Scamander gab. Seit seine Frau vor einem Jahr gestorben war und ihm das Alter keine anstrengenden Forschungsexpeditionen erlaubte, fand der Naturforscher immer mehr Gefallen an diesen „Bücherschlachten“. Es war ihm ein Trost, dass wenigstens sein Enkel Rolf mehr Interesse an der Forschung zeigte, als sein eigener Sohn. Der war, zusammen mit seiner Schwiegertochter, nach Südamerika ausgewandert, nachdem sein Nachwuchs die UTZ-Prüfungen bestanden und bei seinem Großvater eine gute Lehrstelle gefunden hatte.
„Wenigstens an einen exotischen Ort“, brummelte Newt Scamander immer vor sich hin, wenn die Sprache auf die Auswanderung seines Sohnes und seiner Schwiegertochter kam.
Er genoss es also zusammen mit seinem Enkel dessen Reisen zu planen, Tiere zu katalogisieren, seine Bücher zu überarbeiten und zu vermarkten. Dementsprechend war die Signierstunde im verschneiten Dezember des Jahres 2002 in Flourish & Blotts mit

PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN SIND
Newt Scamander
neue überarbeitete 55. Ausgabe,
Vorstellung mit Zeit zum anschließendem Gespräch und Diskussion

überschrieben. Nach einer etwa einstündigen Vorstellung der neuesten Ausgabe, konnten alle Besucher, die einen Platz in dem mal wieder heillos überfüllten Laden gefunden hatten, ihre dringendsten Fragen loswerden.
Wie immer scharte sich nach der Vorstellung, aber als Erstes eine Traube um den Stapel aus signierten Büchern. Es war nahezu schon Pflicht, neben Gilderoy Lockharts Ratgeber für Schädlinge in Haus und Hof eine aktuelle Ausgabe der Phantastischen Tierwesen im Schrank stehen zu haben. Und sei es nur, um vorwitzige Kinder mit Drachen, Letifolds und Chimären zu ängstigen.
Zu Rolfs Leidwesen waren immer auch einige Zauberer dabei, die ihre Haustiere mit zu den Veranstaltungen schleppten. Dass Naturforscher nicht automatisch Tierheiler bedeutete, ignorierten diese gekonnt.
Eben eine solche Hexe hatte sich nicht von ihm abwimmeln lassen, sodass Rolf ihr versprechen musste nach seinem Großvater zu sehen. Er entdeckte ihn abseits der Bücherschlacht – es konnte nicht mehr lange dauern, bis diese kurze Schonzeit vorbei war –, mit einer jungen Hexe ins Gespräch vertieft.
„Grandpa, kannst du bitte kommen. Da drüben steht eine Hexe mit ihrem Diricawl und will mir nicht glauben, dass er auch mit Halsband verschwinden kann. Sie besteht auf den „Meister“ persönlich, um ihm ihre „Erfindung“ zu präsentieren.“
Der Naturforscher folgte dem Blick seines Enkelsohns, verzog die Augenbrauen und seufzte. Dann wandte er sich an seinen Enkel. „Rolf, darf ich dir Miss Lovegood vorstellen. Miss Lovegood, das ist mein Enkel Rolf Scamander.“
Rolf schüttelte die zierliche Hand der blonden Frau und nickte ihr zu.
„Sie müssen mir verzeihen, Miss Lovegood, aber wie sie sehen: Die Pflicht ruft. Ich hoffe, wir können unser Gespräch über die alliopatrische Artbildung der Glumbumble, hervorgerufen durch Großbritanniens Insellage, ein andermal fortführen. Sehr interessante Thesen, die sie da haben.“
„Aber gerne. Es war mir eine Ehre Sie kennenzulernen.“
Eigentlich wollte Rolf seinem Großvater folgen. Er war sich sicher, dass noch weitere solcher dummer Anliegen an diesem Abend geäußert werden würden. Doch eine helle Stimme ließ ihn innehalten.
„Haben Sie schon einmal etwas von Nargeln gehört, Mr. Scamander?“
„Was?“
Verwirrt drehte Rolf sich um und starrte das Mädchen mit den blonden Haaren und den grauen Augen erstmals richtig an. Nach den lobenden Worten seines Großvaters, hatte er eine so offensichtlich verrückte Frage nicht erwartet.  
Sie schien gemerkt zu haben, in welche Richtung seine Gedanken abglitten. „Das Nicht-Verschwinden von Diricawls wird oftmals durch überfettete Nahrung ausgelöst. Er ist zu dick und kann sich dann nicht entmaterialisieren. Da helfen nur Pflanzensamen und Früchte, seine natürlichen Nahrungsquellen. Am besten Calvariasamen.“
„Richtig“, stammelte Rolf. Er runzelte die Stirn und betrachtete die Hexe eingehender. Die seltenen Calvariasamen waren nur Kennern bekannt und wurden noch nicht einmal in den Phantastischen Tierwesen erwähnt. Es hatte den Anschein, als müsste er seine oberflächliche Meinung von ihr revidieren. Was aber sollte dann das mit diesen „Nargeln“?
„Keine Sorge, ihr Großvater kennt die Nargel auch nicht“, sagte sie nachsichtig lächelnd. „Allerdings hat er auch nicht so lange auf meine Lenkpflaumen-Ohrringe gestarrt wie Sie.“
Was er darauf erwidert hatte, wusste Rolf nicht mehr. Er war von dieser selbstbewussten Unbekümmertheit mit der sie von irgendwelchen Nargeln redete, der Fähigkeit Gedanken lesen zu können und ihrer unverblümten Direktheit so beeindruckt, dass es vermutlich nichts besonders intelligentes war.
Trotzdem hatte sie eingewilligt sich nach der Signierstunde in einem Café und Tage später dann bei ihm Zuhause zu treffen, wo es unweigerlich zu Fachgesprächen unter sechs Augen kam – auch  über die alliopatrische Artbildung der Glumbumble.


Zu Beginn ihres Kennenlernens hatte Rolf länger daran geknabbert, wenn Luna mal wieder, in ihrer unnachahmlichen Art, die Sache auf den Punkt gebracht hatte. Jetzt war es meist Teil einer ihrer vielzähligen Neckereien, bei denen sie den jeweils anderen mit seinen verschrobenen Macken aufs Korn nahmen. Sein Unmut war darum schneller verflogen als er gekommen war.
Rolf folgte ihr in die Küche und sah wie sich, auf ihr Schnipsen hin, ein Teigfladen von allein aus der Pfanne löste, in die Luft aufstieg und sich dort um 180 Grad drehte.
„Wie war es in London?“, fragte Luna unter dem tropfenden Pfannkuchen hervor, der schließlich mit einem Platschen zurück in die Pfanne fiel.
„Gut.“ Er wuchtete seine Tasche auf den Ecktisch und zog ein Formular heraus. Mit einem Grinsen auf den Lippen verkündete Rolf: „Sie haben ihn anerkannt!“
„Oh, das ist großartig!“ Strahlend fiel Luna ihm um den Hals. „Was werden erst Newt und Dad nachher dazu sagen.“
Sie werden in Diskussionen ausbrechen, konnte Rolf die kleine Stimme in seinem Kopf sticheln hören. Glücklicherweise sah sie sein Stirnrunzeln nicht, dass ihn gleichzeitig befiel. Sie hätte ihn ohnehin nur getadelt.
Stattdessen schwebte sie, wie ein junges Mädchen, zurück zum Herd. Der dort aus der Pfanne dampfende Rauch verriet nichts Gutes. Tatsächlich lag die Bodenfarbe des Pfannkuchens näher an der Farbe Schwarz als das Fell eines buddelwütigen Nifflers.
„Schön knusprig. So wie du es magst.“
Durch den zischenden Rauch des nächsten Pfannkuchens, sah Rolf ihr verträumtes Gesicht.

Das Tischdecken verlief wider Erwarten ohne zerbrochenes Porzellan ab, sodass Lorcan und Lysander auch den Kaffeetisch eindecken durften. Sehr zu ihrem Missfallen.
„Können wir nicht lieber nach den Wassermolchen sehen? Du hast vorhin selbst gefragt ob wir uns auch um sie kümmern würden.“
Doch ihr Vater blieb hart. Erst als alles am vorgesehenen Platz stand, entließ er sie in den Garten. Mit verschränkten Armen stand er vor der langen Front an bodentiefen Fenstern, den Esstisch im Rücken, und sah ihnen beim Herumtoben zu.
Der Gedanke an den bevorstehenden Mittag bereitete ihm leichtes Magengrimmen. Oder war der fünfte Pfannkuchen doch einer zu viel gewesen?
Er konnte ja selbst nicht verstehen, warum zwei so verschiedene Temperamente, wie Luna und er, so gut miteinander auskamen. Vermutlich war es pures Glück. Glück, das Xenophilius Lovegood und Newt Scamander nicht hatten. Aber wie sollten sie auch. Da der sonderliche Forscher und Herausgeber mit hochtrabenden Zielen und einer laxen Forschungsmoral. Auf der anderen Seite der allseits gerühmte und geehrte Spitzenforscher, akkurat und sorgsam in Arbeit und Verhalten. Zwei Welten, die aufeinanderprallten.
Nur nach hartnäckigem Drängen ihrerseits, hatte Rolf es mit viel Schlucken und langem Anlauf überhaupt erst geschafft, Luna nach dem ersten Familientreffen zu erzählen, dass in den Augen Newt Scamanders Xenophilius Lovegood ein „abgehobener Wichtigtuer“ war.
Damals hätte er nicht gedacht, dass sie Angriffe so locker wegsteckte. Dementsprechend hatte er sich auch an seinem Butterbier verschluckt, als sie ihm im Gegenzug von Xenophilius Reaktion erzählte. „Das habe ich mir gedacht. Daddy hat auch gesagt, dass er mit einem solchen „verklemmten Büroaffen“ nie wieder an einem Tisch sitzen würde.“
Tja, leider war daraus nichts geworden. 13 Jahre später würden der abgehobene Wichtigtuer und der verklemmte Büroaffe schon wieder zusammen an einen Tisch finden. Was zu Rolfs Unwohlsein führte, da er den Geburtstag der Zwillinge noch zu gut im Kopf hatte.

„Und ich habe aber ein Glas mit dem Atem eines Nundus!“
„Hast du nicht! Kein Idiot würde Nundu-Luft abfüllen!“
„Du meinst wohl keiner deiner Forscherfreunde. Weil die nämlich viel zu feige sind!“
„Nein, weil sie nicht lebensmüde sind!“
„Ha! Zu feige um auch mal den Pfad der seriösen Forschung zu verlassen und sich auf die Sprache der Natur  einzulassen.“
„So ein Unsinn – “
„Nur für die, die ihren ursprünglichen Antrieb, die Suche nach Neuem, nach Faszinierendem, verleugnen.“
„Xenophilius lass den Quatsch!“
„Du hast doch selbst gesagt, dass du die Verwandtschaft zwischen Glumbumble und Nargel für möglich hältst.“
„Na und? Das heißt noch lange nicht, dass jemand sein Leben riskiert, Nundu-Atem abfüllt, um den dann an eine Hand voll fantasierender Möchtegernforscher zu verscherbeln!“
„Möchtegernforscher?“
„Ja. Möchtegernforscher!“


„Keine Sorge, ich bin sicher, die beiden werden sich darüber freuen.“
Luna hatte mal wieder seine Gedanken erraten und war hinter ihn getreten.
„Bei Merlins stinkender Socke, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Es kam sehr selten vor, dass man Rolf Scamander fluchen hörte. Meist, wenn jemand nicht mal in der Lage war Tierwesen der Kategorie X artgerecht zu versorgen.
„Nimm dir das nicht so zu Herzen. Du bist immer so ernst.“ Er spürte wie sie eine Hand auf seine Schulter legte. Rolf schloss die Augen und atmete tief durch.
„Darum hast du ja auch mich.“ Im spiegelnden Fenster sah er ihr Lächeln. „Damit du von deinen steifen Regeln und Vorstellungen loskommst.“
Rolf grinste sie bei diesen Worten schief an.

In der Tat hatte eine Beziehung auf Rolfs Lebensplanungsliste nie weit oben gestanden. Forscher hatten recht unregelmäßige Arbeitszeiten, krochen durch Schlamm und Schlick und waren mehr mit ihrer Arbeit verheiratet als mit der eigenen Ehefrau – nichts was Frauen lockte. Nie im Leben hätte er es darum für möglich gehalten eine Frau zu finden, die diese Leidenschaft mit ihm teilte. Die ebenso wenige Probleme damit hatte in vor Dreck starrenden Klamotten nach Hause zu kommen und stundenlang über das Brutverhalten der Augureys diskutieren konnte. Und die ihm Denkanstöße gab, naturwissenschaftliche Dinge auch losgelöst von der gängigen Lehrmeinung zu betrachten.
Sie hatte daher vollkommen Recht mit dem was sie sagte: Sie lockerte seine sich selbstauferlegten Verhaltensweisen, er sorgte für die nötige Ernsthaftigkeit in ihrem Leben.
Und damit waren sie die letzten Jahre gut gefahren. So gut, dass er die seltsamen Blicke, die ihre Lenkpflaumenohrringe auf sich zogen, jedes Mal genoss.

Ein heiserer Hahnenschrei unterband Rolfs Antwort. Draußen stürmten Lorcan und Lysander in die vordere Gartenhälfte, innen blickte ihn Lunas Spiegelbild aufmunternd an.
Zu Rolfs erstem Schrecken stand nicht nur Großvater Scamander oder Großvater Lovegood vor der Tür, sondern beide. Die Zwillinge wuselten um ihre Beine, redeten wild durcheinander und ließen den zwei alten Recken gar keine Gelegenheit in einen wissenschaftlichen Disput auszubrechen. Erst nachdem Lorcan und Lysander ihnen die Fortschritte in ihrer Wassermolchkolonie gezeigt und ihren neuen Kalender erklärt hatten – Newt Scamander zählte damit unglaubliche 118 Quinta, 26 Anno und 3 Tage –, fand sich die Familie am Tisch zusammen.
„Hast du für mich ein Gläschen Met, mein Junge?“ Newt Scamander bekam mit zunehmendem Alter von Kaffee Kopfschmerzen. Und Tee war ihm zu schwach.
„Natürlich.“ Aus der Küche schwebte eine Flasche Met herbei und Rolf entkorkte sie. Während er sich um die Getränke kümmerte, verteilte Luna den Kuchen.
„Esst mit den Gabeln Jungs, sonst kommen die Schlickschlupfe und piesacken euch.“
„Hast du es denn nicht mal mit Drachenspeichel probiert, Newt? So wie ich es dir erklärt habe. Ein Löffel am Morgen und einer am Abend. Das wirkt Wunder sage ich dir. Danke, Rolf.“
„Papperlapapp. Nichts als Aberglaube.“
„Von dem aber schon die Zauberer zu Zeiten König Artus wussten. Danke, Luna.“
„Und warum haben die das nirgends aufgeschrieben, Xenophilius? Danke, Luna.“
Rolf hätte am liebsten die Flucht ergriffen. So amüsant das für einen Außenstehenden war, er hatte keine Lust, dass dieser Mittag darin enden würde, dass einer von beiden, noch vor dem ersten Bissen Kuchen, in seiner Ehre gekränkt, das Haus verließ.
Als jeder etwas zu trinken und essen hatte, stand er deshalb auf und räusperte sich einmal.
„Du bist viel zu verbohrt, Newt. Viel zu verbohrt. Was machst du, wenn auch die Heiler dir mit einem flotten Sprüchlein mal nicht helfen können?“
„Dann beiße ich lieber ins Flussgras, als dass ich König Artus‘ Wunderheiler an mir herumstümpern lassen würde!“
„Grandpa!“
Endlich hielten die beiden inne und starrten verwundert den Hausherrn an.
„Danke.“ Rolf zupfte an seinem Hemdkragen und versuchte sich Luft zu verschaffen. „Luna und ich haben euch nicht ohne Grund eingeladen. Wie ihr wisst, waren wir in den Ferien in Northumberland.“
„Wie könnte ich das vergessen. Allein die schönen Spulwurzeln die ihr mitgebracht habt“, schwärmte Xenophilius. „Und die Hüpfenden Giftpilze von Lorcan und Lysander. Wirklich außerordentlich.“
„Dad!“ Mit einer viel ruhigeren Stimme als er zuvor, brachte Luna ihren Vater zum Schweigen.
„Tut mir leid“, murmelte Xenophilius und schob seine Gabel an ihren Platz, während Newt sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkniff. Rolf hob seine Augenbraue und auch sein Großvater hielt sich taktvoll zurück.
Ungerührt des Kampfes den die Erwachsenen fochten, schaufelten sich die Zwillinge ihre Tortenstücke rein.
„Nun. Wir waren also in Northumberland auf Forschungsreise. Und vor allem Luna wollte die Glumbumble näher erforschen.“
Auf sein Kopfnicken hin stand sie auf und holte das Formular von dem Wandschrank. Als sie neben ihm stand, lächelte sie ihm zu und er griff nach ihrer freien Hand.
„Ich war die Tage in London, bei der Zweigstelle der Magischen Union zur Systematisierung der Tierwesen.“
Zumindest Newt Scamander ging in der MUST ein und aus und war dort bekannt wie ein alter Hase. Aber auch Xenophilius musste, nach Lunas Erzählungen, die MUST schon öfters aufgesucht haben – allerdings jedes Mal ohne Erfolg.
Luna trat vor und legte das Formular gut lesbar auf den Tisch. Erst sahen sich die beiden fragend an und beugten sich dann neugierig über das Papier.
Das war er. Der Moment in dem beide in ihrem Staunen vereint waren und wohl zum ersten Mal ihre Streitereien vergaßen. Und es war auch der Moment, auf den Luna und er jahrelang hingearbeitet hatten. Der erste Schritt in einer langen Reihe weiterer Entdeckungen die sie machen würden. Dieses Papier, diese Bestätigung und offizielle Eintragung durch die MUST, war die Vergegenständlichung ihrer gemeinsamen Träume und Ziele.

Rolf atmete noch einmal tief durch und sprach es dann aus.
„Wir haben den Nargel entdeckt.“
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