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Das Auge des Teufels

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
Krabat Lyschko OC (Own Character)
23.09.2015
18.11.2019
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10.05.2016 1.897
 
Es war bereits Mitternacht, als Lobosch sich immer und immer wieder Mertens Worte durch den Kopf schwirren ließ. Hätte er nur zaubern dürfen, dann hätte er dafür gesorgt, dass es aufhört, aber leider waren die Dinga ja nicht so, wie er sich sie vorgestellt hatte.
Leise horchte er nach den gleichmäßigen Atmen seiner Mitgesellen. Er wollte sich vollkommen sicher sein, dass alle schliefen. Noch ein paar Minuten verharrte er dort im Heu, dann schließlich stand er auf und schritt leise an den anderen vorbei. Sicher, dass keiner der anderen Burschen aufwachen würde. Kurz musste er sich umschauen um Hanzo ausfindig zu machen. Er wusste selber, dass das, was er vor hatte total lächerlich war und doch: er musste es wissen! Lyschko hatte er noch nie gemocht, aber dass seine fiesen Taten einen Grund hatten, hatte ihn aufhorchen lassen. Zu schade, dass das Gespräch so schnell so ausgeartet ist. Wobei, er musste zugeben: er war schon immer sehr neugierig gewesen. Sowie in der Nacht, wo Krabat ein vollständiges Mitglied wurde. In Wirklichkeit hatte er keine Angst gehabt alleine dort oben im dunkeln zu sitzen. Um ehrlich zu sein hätte er auch gerne mal einen Blick in den Koraktor geworfen, doch in seinen Augen war er keines Wegs ein Schnüffler wie Lyschko. Halt nur...etwas neugierig. Ein Knarren riss ihn aus seinen Gedanken. Erneut lauschte Lobosch angestrengt auf. Er traute sich kaum zu atmen. Hier ein Rascheln, dort ein Murren... Stille. Erleichtert stieß er die Luft aus. Die einzige Hauptsache war eigentlich, dass Lyschko nicht aufwachte. Leise schlich er weiter bis es keinen Zweifel mehr daran gab, dass es Hanzo war, der vor ihm lag. vorsichtig hockte er sich nieder und rüttelte ihn leicht an der Schulter wach. Etwas verständnislos schaute dieser den Jungen an. Lobosch spürte, wie sich bei ihm ein ungutes Gefühl in seinem Leib breitmachte. Wahrscheinlich war es doch keine so gute Idee gewesen ausgerechnet Hanzo zu fragen. „Machst du jetzt auch noch mal den Mund auf? Wenn du nur starren willst, hättest du mich auch weiterschlafen lassen können.“ flüsterte er ihn zu. „N-nein...ich wollte dich etwas fragen...“ stammelte er eingeschüchtert. „Du weist schon, dass es spät Nacht ist?“ „Ja ich...konnte nicht schlafen...“ seufzend setzte Hanzo sich auf. „Na gut, aber lass das nicht zur Gewohnheit werden!“ zögerlich sprach Lobosch den Gedanken aus, der ihn schon so lange gequält hatte: „Warum ist Lyschko so kaltherzig geworden?“ lange Zeit war es still- unangenehm still. „Der arme...“ war das einzige was er vorerst sagte.

Fast aufgeschrien hatte der kleine, als er die weißen Köpfe über seiner Pritsche sah. Nun versteckte er sich zitternd unter seiner Decke, als sei es das einzige, was ihn noch retten konnte. Mato, der Altgeselle räusperte sich verlegen.
„Du solltest ihn wecken, nicht in einen Schock Zustand versetzten!“ maulte Klimant von hinten. „Woher hätte ich denn auch wissen sollen, dass der Meister sich ein Kind herausgepickt hat?“ Verteidigte er sich und hob die Hände als wolle er die Anschuldigungen seines Mitgesellen abwehren. Noch während die zwei weiter diskutierten, lief ein großer junger man durch die Mitte. Er war breit gebaut und durch das dünne Hemd konnte man leicht seine Muskeln sehen. Er hatte schulterlange braune Haare und dunkle, sanfte Augen. langsam ließ er sich vor der Pritsche nieder. „He, du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Wir sind hier deine neuen Mitgesellen.“ sprach er mit sanfter Stimme zu dem Kleinen „Hinfort mit euch! Geister ist alles, was ihr seid!“ rief dieser jedoch nur zurück und vergrub sich noch tiefer in seiner Decke „Keine Sorge. Das ist bloß Mehl, aber falls du an deiner Annahme festhalten willst, kommen wir in Frieden.“ versicherte er ihn mit einem vergnügtem Lachen.
Langsam kam der Junge aus seiner Vermummung und riskierte einen Blick „Wirklich nur Mehl?“ „Mein Ehrenwort.“ sagte der Bursche und wischte den kleinen einen Strich auf die spitze Nase. Erst als dieser die Decke auf seinen Schoß sinken ließ konnten die Gesellen ihn zum ersten Mal vollständig betrachten. Aus großen, frechen Augen starrte er die anderen zweifelnd an. Die hellblonden, langen Locken hingen ihm wirr ins Gesicht. Das etwas zu große Nachthemd rutschte an einer seiner spitzen Schultern herunter. Allgemein hatte er ein ziemlich kindliches Aussehen. Er konnte kaum älter als zwölf sein.
„Wie heißt du?“ fragte nun Mato mit einem schiefen Lächeln im Gesicht. „Lyschko...“ „Gut...Lyschko. Ich bin Mato.“ „Und ich bin Jako. Schön dich bei uns zu haben.“ sagte der Geselle, der ihn getröstet hatte, als er endlich seinen Blick von ihm losreißen konnte. Sanft lächelte er ihn an. Kaum merklich huschte ein roter Schimmer über Lyschkos Wangen. Eine nettere Person war ihm auf diesem Planeten nicht bekannt. Die Namen der anderen Mitgesellen bekam er kaum mit. Jako war als einziger wichtig von ihnen.
Und so blieb es auch für den Rest des Jahres. Keine Minute gab es, in der die Beiden alleine herumliefen. Sie hingen förmlich aneinander. Die einzige Ausnahme war, wenn Mato sie während der Arbeit so einordnete, dass sie nicht in der Lage waren sich zu sehen. Er machte es absichtlich. Das spürte Lyschko jedes Mal, wenn sein Blick den des Altgesellen traf. Mato mochte ihn nicht, das stand fest.
Aber er hatte sich geschnitten, wenn er dachte die beiden auseinander halten zu können. Lyschko war zu hinterlistig um überwacht zu werden und auch Jako suchte immer einen Weg um seinen kleinen Freund helfen zu können. Immer hielt er ihm die Hand überm Kopf, nahm alle Schuld auf sich und brachte es ihm gnädig bei, dass er etwas verbockt hatte. Das war schon vom ersten Tag an so, als Lyschko die Mehlkammer ausfegen musste. Er hatte geweint aus Angst, der Meister würde ihn fortschicken aufgrund seiner Nichtsnutzigkeit. „Soweit wird es nicht kommen.“ hatte Jako ihn tröstend zugeflüstert. Er malte einen Drudenfuß in die Luft und schon erhob sich eine riesige Mehlwolke, die zum Wald hin flog um dort ganz zu verschwinden.
Von da an sah der Kleine zu ihm auf, was nicht sehr schwer war, da Jako ohnehin ein Riese war. „Irgendwann werde ich so groß wie du sein.“ sagte Lyschko immer zu ihm „Dann trink fleißig deine Milch.“ spätestens da verzog er das Gesicht. Milch schmeckte ihm überhaupt nicht! Und schon gar nicht den Milchbrei, den Juro, wenn auch nur selten, zubereitete. Ja, die beiden waren unzertrennlich.
Bis sich Jako auf ein Mal veränderte. Er verbrachte weniger Zeit mit Lyschko, war oft verträumt und hörte kaum zu, wenn er ihm etwas erzählte. Es schien so als wenn er immer irrelevanter für ihn wurde. Diese Erkenntnis ließ sein Herz stechen. Es war wie ein Messerstich, der versuchte etwas tief in seinem Innern zu töten und als Jako dann schließlich freudestrahlend den anderen von seinem Glück berichtete, war Lyschko, als wurde sein Herz in viele kleine Fetzen gerissen.
Jako hatte ein Mädchen...
„Wie schön! Das freut mich zu hören. Ich hoffe doch, dass sie hübsch ist...“ hatte er mit gespielte Begeisterung geantwortet, aber die Wirklichkeit sah anders aus. Gedacht hatte er:
„Wie kannst du mir das antun?
Du bist alles für mich!
Alles!
Du kannst mich doch nicht einfach verlassen!“
Wie sollte er jemals wieder jemanden finden, der so liebevoll und selbstlos war wie Jako. Und obgleich er sich bemühte, sich für ihn zu freuen, war da irgendetwas tief in ihm drin, das ihn sagte: Das ist so nicht wie du es wolltest! Du solltest an Stelle dieses Mädchens stehen! Irgendetwas tief in ihm drin schien diese Tatsache einfach nicht akzeptieren zu können. Und während er seinen Freund fröhlich anlächelte, schrie er innerlich nur stumm in sich hinein und weinte Tränen als wäre es eine Qual. So oft hatte Jako ihn doch gesagt, wie sehr er ihn liebte und nun? Nun war ihm dieses Mädchen auf ein Mal wichtiger! Er fühlte sich verraten, benutzt und ja! Er gab es zu! Er war eifersüchtig! Und als Jako sich umdrehte, um noch ein Bündel von Mehlsäcken zu holen, suchte Lyschko ohne ein weiteres Wort zu sagen das Weite.
Teils, weil er das fröhliche Geträller seines Freundes nicht mehr hören konnte, aber vor allem war es für ihn einfach nicht mehr möglich gewesen dort stehen zu bleiben und so zu tun als wäre alles in bester Ordnung. Denn er war sich sicher, hätte er dies getan, hätte Jako gesehen, wie er in Tränen ausgebrochen wäre. Er hätte gesehen, wie er seine Hände auf seine zitternen Lippen presste, wie er in Schluchzen ausgebrochen wäre, nach Luft gerungen hätte während er blind zu Boden fiel und sich das Gesicht nass heulte. Gezittert hatte er bei jedem Atemzug. Auch wenn er es sich nicht sofort eingestehen wollte: Er hatte sich in Jako verliebt. Seine erste, richtige Liebe war tatsächlich ein Mann... und wieder einmal hatte ihn das Universum bewiesen, dass Mädchen das Böse in Person zu sein schienen.
Der Rest des Jahres war die Hölle auf Erden. Immer öfter erzählte der Geselle von seinen Mädchen. Über ihre Kastanienbraunen Haaren und ihren Meerblauen Augen. Wie Lyschko sie verabscheute. Manchmal hatte er sich gewünscht Jako wäre tot! Das wäre leichter für ihn gewesen. Doch die Ausmaße seines Wunsches verstand er erst, als er in Erfüllung geriet.
Denn die Nacht kam.
Im verschlissenen Umhang und einer Schaufel stand er dort. Dunkle Ringe zierten seine Augen und so blass war er gewesen. Ihre Blicke trafen sich, wenn auch nur für einen Moment. „Warum ziehst du dich nicht um? Wir gehen doch gleich schla-fen.“ fragte er Jako sichtlich verwirrt und erstarrte, als dieser auf ihn zu schritt.
„Lyschko?“ sagte er sanft, während er vor ihm in die Hocke ging. „Ja?“ ein leichtes Lächeln formte sich auf seinem Gesicht zurecht. „Würdest du mir einen Gefallen tun?“ „Natürlich... was brauchst du?...“ Eine kurze pause entstand, bis Jako schließlich mit Tränen in den Augen und brüchiger Stimme fortfuhr: „Bitte lächle noch ein Mal für mich. Ich möchte es so gerne noch Mal sehen.“ Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit und seine Nackenhaare sträubten sich. Etwas stimmte nicht. Wie konnte der sonst so strahlende, starke Jako plötzlich so am Boden erschüttert sein? Und dennoch-
Glücklich grinste er seinen Freund an. Wenn er mehr nicht zu seinem Glück brauchte, tat er es doch gerne. „Danke. Geh schon mal nach oben zu den anderen. Ich kommen bald nach...“
Das waren die letzten Worte, die er zu ihm gesagt hatte..

Richtig... das hat mich von Grund auf geändert. Noch dazu: Ich hatte meine Mitgesellen am Tod von ihm verantwortlich gemacht. Einer von ihnen hatte Jako verpfiffen und ihn somit verdammt. Von da an spitzte ich meine Ohren und schlich umher. Ich wollte sie für das, was sie getan hatten bestrafen, so wie sie mich bestraft hatten. Ich wollte, dass sie die selbe Leere fühlten wie ich. Ich wollte, dass sie den wichtigsten Menschen ihres ganzen Lebens verlieren, damit sie auch nur ansatzweise meinen Schmerz nachempfinden konnten. Und ich wollte nicht aufhören, bis jeder, der in der Lage war mir das angetan haben zu können, vernichtet war. Alle! Mato, Klimant, Juro, Tonda, Hanzo und alle anderen!
Denn ich weiß ganz genau, dass du es nicht ernst meinst Hanzo! Dachte sich Lyschko, während er versuchte, Jakos Gesicht aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Keiner von den beiden flüsternden Burschen sollte merken, dass er wach war.
„Ich weiß ganz genau, dass du es nicht ernst meinst, wenn du sagst “der arme“ flüsterte er ohne Ton ins Heu hinein, bevor er wieder die Augen schloss um weiterzuschlafen.
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